Hl. Ambrosius von Mailand

Der Fundamentalsatz der mosaischen Kosmologie

"Im Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen"



 

 

 

 

 

Text aus: BKV, Band 17.
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Folgenden Satz stellte der heilige Moses, da er im göttlichen Geiste voraussah, dass solche menschliche Irrtümer hervortreten würden und vielleicht schon hervorzutreten anfingen, an die Spitze seines Berichtes: „Im Anfang hat Gott den Himmel und die Erde geschaffen“. Er spricht damit den Anfang der Dinge, den Urheber der Welt und die Erschaffung der Materie zugleich aus. Man sollte daraus ersehen: Gott war vor dem Anfange der Welt da, bzw. er [selbst ist] gerade […] der Anfang des Alls gemäß der Antwort, die der Gottessohn im Evangelium auf die Frage „wer bist du?“ gegeben hat: „Der Anfang, der ich auch zu euch rede“; und er gerade hat den Dingen den Anfang ihres Entstehens gegeben und er ist der Schöpfer der Welt, nicht aber gleichsam nur an der Hand einer Idee der Nachformer der Materie, aus der er nicht nach seinem freien Ermessen, sondern nach gegebenem Muster seine Werke gestaltete. Zutreffend gebrauchte er desgleichen die Wendung: „Im Anfang hat er geschaffen“. Er wollte damit, dass er in seiner Darstellung gleich das Ergebnis der vollendeten Schöpfung der folgenden Aufzeigung der anfangenden voranstellte, die unbegreifliche Schnelligkeit der Schöpfung zum Ausdruck bringen.

Wer es spricht, müssen wir beachten. Doch Moses, der in jeglicher Weisheit der Ägypter wohlbewanderte, den die Tochter des Pharao aus dem Flusse heben ließ und wie ihr Kind lieb gewann und auf königliche Kosten in allen Lehren der Weltweisheit unterweisen und ausbilden zu lassen wünschte. Obschon nach dem Wasser benannt, glaubte er dennoch nicht behaupten zu dürfen, dass alles aus Wasser bestehe, wie Thales[1] behauptet. Und obschon am Königshofe erzogen, wollte er aus Liebe zur Gerechtigkeit eher das Brot freiwilliger Verbannung essen, denn als hoher Würdenträger der Zwingherrschaft in weichlicher Genusssucht in den Dienst der Sünde treten. Bevor er noch zur Aufgabe berufen wurde, sein Volk zu befreien, setzte er sich dadurch, dass er im Übereifer seines natürlichen Rechtlichkeitssinnes einen ungerecht behandelten Volksgenossen rächte, der Ungnade aus, riss sich vom Genussleben los, floh das ganze unruhige Treiben am Königshofe, suchte die Einsamkeit Äthiopiens auf und versenkte dort seinen Geist, fern allen sonstigen Beschäftigungen, ganz in die Erkenntnis des Göttlichen, so dass er die Herrlichkeit Gottes von Angesicht zu Angesicht schaute. Ihm gibt die Schrift das Zeugnis, dass „kein Prophet […] aufstand in Israel gleich Moses, welcher den Herrn kannte von Angesicht zu Angesicht“. Nicht im Gesicht und nicht im Traum, sondern von Mund zu Mund durfte er mit Gott dem Allerhöchsten sprechen und ward der Gnade gewürdigt, Gottes Gegenwart nicht nur im Bilde oder im Rätsel, sondern in Klarheit und Wahrheit zu schauen.

[Moses] nun öffnete seinen Mund und goss aus die Worte, welche der Herr zu ihm redete gemäß der Verheißung, die er ihm gegeben hatte, da er ihn zu König Pharao sendete: „Ziehe hin! Und ich werde deinen Mund öffnen und dich lehren, was du sprechen sollst“. In der Tat, wenn er schon die Worte, die er zur Entlassung seines Volkes vorbringen sollte, von Gott empfangen hatte, wieviel mehr jene, die er über den Himmel aussprechen sollte! „Nicht in Überredung menschlicher Weisheit“, nicht in philosophischen Trugschlüssen, „sondern in Erweisung von Geist und Kraft“, gleichsam als Zeuge der göttlichen Schöpfung, wagte er denn zu sprechen: „Im Anfange hat Gott den Himmel und die Erde geschaffen“. Er wartete nicht erst den langwierigen und vergeblichen Prozess ab, wonach die Welt aus Atomverbindungen sich zusammenfügte, und [wartete] nicht sozusagen auf einen Schüler der Materie, der letztere erst studieren musste, um die Welt formen zu können, sondern glaubte gleich Gott als ihren Urheber aussprechen zu sollen. Ein Mann voll Weisheit, merkte er wohl, dass allein in Gottes Geist Wesen und Grund der sichtbaren und unsichtbaren Dinge beruhten, und nicht, wie die Philosophen lehren, eine nachhaltige Verbindung der Atome ihre stetige Fortdauer bedinge. Ihm dünkte es, als spännen sie nur ein Spinngewebe, sie, die so kleinliche und wesenlose Prinzipien für Himmel und Erde ansetzen. Müssten doch diese, wie zufällig verbunden, so auch zufällig und aufs Geratewohl sich auflösen, hätten sie nicht in der göttlichen Macht ihres Lenkers den festen Bestand. Kein Wunder übrigens, wenn die, welche Gott nicht kennen, auch vom Lenker [der Welt], der alles leitet und regiert, nichts wissen. So folgen wir also dem, der sowohl den Schöpfer als auch den Lenker kannte, und lassen wir uns nicht von eitlen Meinungen irreführen!

 

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Anmerkungen der Überarbeiter (OID):

[1] Thales von Milet: griechischer Naturphilosoph, + 546 vor Chr.