Lopuchin

Gespräch mit Bischof Gavriil

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

Bote 1988, 1

P.S. Lopuchin

Gespräche mit Bischof Gavriil (Fortsetzung)

Vladyka schwieg, als überlege er, ob er weiterreden sollte. Dann fuhr er fort: "Einmal in Kiew, am Vorabend des Gedenktages des Heiligen Nikolaus, sagte der Bischof nach einem langen Abendgottesdienst zu mir, ich soll morgen die Predigt halten. Ich kam spät nach Hause, setzte mich, nahm die Lebensbeschreibung des Heiligen vor, versuchte, meine Gedanken anzustrengen und merkte, daß meine Seele leer war. "Morgen ist das Fest des vom russischen Volk so geliebten Heiligen, und ich, ein Priester, habe eine leere Seele und ein kaltes Herz", dachte ich. Dabei wurde mir so traurig, so bitter zumute. "So weit bin ich in Sünden verstrickt", wurde mir klar. Da wandte ich mich in Gedanken an den Heiligen Nikolaus: "Hilf mir, erwärme mein Herz, fülle es mit Liebe der Menschen wegen, die dich lieben, zu denen ich sprechen muß". Dabei blätterte ich in der Lebensbeschreibung. Und plötzlich erstand vor mir ein Bild nach dem anderen, so deutlich, solche wunderbaren, erhebenden Bilder, so packend, so lebendig, daß ich mich nicht zu rühren wagte. Was geschah, weiß ich nicht, und ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Es war mir, als wenn ein kühler Hauch meinen Nacken streifte und die Haare berührte, die sich zu sträuben begannen. Ich betrachtete die wunderbaren Bilder, die sich mir darboten und sah, daß es Nacht wurde, eine finstere Nacht. Alle guten Menschen schlafen. Aber das Böse schläft nicht. Die Missetäter und Verbrecher nutzen die nächtliche Finsternis, um ihre bösen Taten, Laster und Unzucht zu verbergen. Sie schleichen durch enge Gassen der Stadt, verschwinden um dunkle Ekken. Aber da kommt noch jemand, der ganz anders aussieht als sie. Er geht ebenso leise an der Wand eines Hauses entlang, bleibt vor einem Fenster stehen und streckt vorsichtig seine Hand aus. In seiner Hand ist kein Messer, sondern ein Beutel mit Gold. Es ist der Heilige Nikolaus, der den Vater vor einer Missetat und die Tochter vor schändlichem Dasein bewahren will. In der Finsternis verbirgt der Heilige demütig seine Tugenden. Sie verstehen, was für gegensätzliche Pole von Sinnesart und Beweggründen hier zusammenkommen - entgegengesetzte Pole von Güte und Bosheit auf dieser sündigen Welt. Der Heilige, der im Sturm Schiffbrüchige rettet - in unserem Leben, im Sturm menschlicher Leidenschaften, im Meer dauernd wütender und zerstörender Bosheit, in diesem bösen Leben, jedoch außerhalb dieses Lebens, denn er hat keinen Teil an ihm, - steht fest, ohne zu wanken und rettet Ertrinkende. Er ist voller Kraft, an der die Wellen der Bosheit machtlos zerschellen, denn er wird getragen von einer anderen Macht, von der Macht der Liebe und des Mitleidens.
Die ganze Nacht saß ich so da, und am Morgen fuhr ich zur Kirche, zelebrierte die Liturgie und hielt die Predigt. Und ich fühlte keine Müdigkeit. Ich sprach gut und fühlte, daß das durch die Fürbitte des Heiligen Nikolaus geschah. Später sagte man mir, ich hätte gut gepredigt."
Vladyka schwieg verlegen, dann lächelte er und fügte hinzu: "Jedenfalls sagte der Bischof zu mir: "Sehr gut. Ich habe schon oft Predigten am Tage des Heiligen Nikolaus gehört und habe auch selbst gepredigt, aber eine solche Predigt habe ich noch nie gehört. Sehr, sehr gut." Vladyka lachte und nahm sein Abendbrot entgegen, das ihm gebracht wurde.
III.
Vladyka war wieder nach Belgrad gekommen und hatte mich für den nächsten Morgen zu sich bestellt.
Als ich ins Zimmer trat, saß er am Tisch, vor ihm lag ein Evangelium. Auf meine Begrüßungsworte wandte er sich kaum um, gab mir nur schweigend den Segen. Er war blaß, sah krank aus, die Augen waren geschlossen. Ich sah, daß Vladyka sich sehr schlecht fühlte. Immer, wenn er die Augen geschlossen hielt, war es ein Zeichen von besonderem Schwächezustand. Zu seiner Überwindung gebrauchte Vladyka niemals materielle Mittel, etwa Essen oder Ruhe; er bemühte sich, seine Seele zu ermuntern und begann gewöhnlich Kirchenlieder zu singen - zuerst nur ganz leise, beinahe im Flüsterton. Dieses Mal aber half auch das nicht, und ich dachte schon voller Bedauern und Enttäuschung, es würde nichts werden aus unserem geplanten Gespräch.
Als hätte Vladyka meine Gedanken erraten, sah er mich an und sagte mit Mühe: "Fragen sie." Zu jener Zeit war oft die Rede von dem Versuch, eine religiöse Einigkeit zwischen Menschen verschiedener Konfessionen zu schaffen, und ich beschloß, um Vladyka nicht mit Fragen anzustrengen, ihm einfach meine Gedanken zu diesem Problem mitzuteilen.
Die Russische Christliche Studentenbewegung, die der Organisation YMCA nahestand, beschäftigte sich mit dieser Frage. Das Ziel der Organisation war die Schaffung einer "Welt-Union unter einheitlicher Leitung", welcher orthodoxe Organisationen, sowie Organisationen Andersgläubiger angehören sollten. Diese Pläne brachten es mit sich, daß verschiedene Fragen auftauchten: Ist es für orthodoxe Personen oder Organisationen möglich, dieser Union beizutreten? Kann es wirklich eine religiöse Einigung der verschiedenen Konfessionen geben? Um welchen Preis kann eine solche Einigung aufrechterhalten werden?
Dieses Thema ist nicht neu. Schon vor l00 Jahren unter der Regierung Alexanders I. und mit seiner Zustimmung wurde in Rußland die sogenannte Bibel-Gesellschaft gegründet, die ebenfalls eine religiöse Vereinigung von Personen verschiedener Konfessionen erzielte, wobei sie als Prinzip die Gleichheit aller Konfessionen anerkannte. Diese Idee tauchte zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Formen immer wieder auf. So kam sie vor einigen Jahren, bereits nach dem Tod von Bischof Gavriil in der sogenannten oekumenischen Bewegung wieder.
Man kann zu dieser Bewegung verschiedener Einstellung sein. Manche sehen darin die Möglichkeit, Andersgläubige über die Orthdoxie als die wahre Konfession zu belehren - das sind nicht viele. Eine solche Einstellung ist richtig und gut. Die meisten aber sind bestrebt, innerhalb der oekumenischen Bewegung eine Praxis religiöser Einigung von Menschen verschiedener Konfessionen zu schaffen, d.h. eine gewisse spirituelle überkonfessionelle Vereinigung. Manche sprechen von einer spirituellen Praxis der "künftigen Kirche", meinen, daß es eine Offenbarung der Kirche und des Christentums geben wird, welche kommt "mit großer Macht und Herrlichkeit". Sie behaupten, daß die psychologische, die seelische Einigkeit, die bei interkonfessionellen Tagungen der Bewegung erzielt wird, die wahre Einigung im Sinne des Heiligen Geistes sei, eine echte kirchliche Einigung. Sie werfen die Frage gemeinsamer Kommunion auf usw.
Bekanntlich verbot das Bischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland im Jahre 1938 orthodoxen Russen, dieser verführerischen Bewegung beizutreten und verfügte gleichzeitig, daß zu ihren Tagungen Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche entsandt werden sollten, um dort Zeugnis über die Orthodoxie abzulegen.
In den Jahren 1928-30, als wir mit Vladyka Gavriil sprachen, waren diese Fragen neu und aufregend; es gab viele verschiedene Meinungen da-rüber. Von mir wurde der Gedanke der Schaffung einer Vereinigung, einer religiösen Körperschaft im Namen Christi durch Menschen, die das Verhältnis Christi zu uns Menschen und unser Verhältnis zu Ihm auf verschiedene Weise verstanden, immer als etwas Falsches empfunden. Ich fühlte, daß eine solche Vereinigung praktisch nur möglich ist, wenn die Mitglieder nicht eindeutig auf ihrem Glauben bestehen. Die Beharrlichkeit, mit der versucht wurde, eine solche Vereinigung zu gründen, gab mir das Empfinden, als wollte man eine "Kirche" ohne Christus, aber in Seinem Namen schaffen, ich fühlte einen humanistischen, freimaurerischen, lügnerischen Geist darin.
Diese meine Gedanken äußerte ich vor Vladyka, und als ich am Schluß lebhaft und aufgeregt fragte: "Stimmt das nicht? Ist einem nicht deshalb so schwer ums Herz, wenn man mit diesen Menschen spricht, weil man die Falschheit fühlt, weil sie den Versuch machen, einen von Christus loszureißen, von Seinem Leib und Blut? Sagen sie, Vladyko, ist das nicht ein Versuch,.die wahre Kirche durch etwas Falsches zu ersetzen?" , war Vladykas Schwäche vergangen. Er antwortete mir lebhaft:
"Sehr gut. Sehr richtig. Danken Sie Gott dafür, daß Er Sie vor diesen Vereinigungen bewahrt, daß Er ihnen das unmittelbare, wunderbare Gefühl für Seine Kirche gab. Danken sie Vladyka Antonij, daß er sie so erzogen hat. Ja, eine orthodoxe Seele ist nur dann wirklich orthodox, wenn sie die Kirche fühlt, denn in der Kirche, d u r c h sie, fühlt sie das göttliche Leben, das Leben Christi. Sie haben den Anschlag auf ihre Seele gespürt, weil man sie von der ewigen, unversiegbaren Quelle des Lebens losreißen wollte, von dem Glück, der Seligkeit der Zugehörigkeit zu Christus. Sie selbst haben das nicht begriffen, aber ihre Seele wußte es. Die Seele eines Menschen weiß weit mehr als der Mensch selbst. Wenn er es nur verstehen würde, auf sie zu hören. Die Initiatoren aller dieser Versuche sind Menschen, die die Seligkeit der Zugehörigkeit zu Christus nicht kennen. Sie haben weniger Schuld als die Orthodoxen, die ihnen folgen und ihnen sogar helfen. Der Satan verfolgt sein Ziel sehr geschickt: Als Verführer treten Menschen auf, die ein rein humanistisches Unterfangen für eine große und gute Tat halten. Sie rufen zu einer solchen Einigung und Angleichung von ganzem Herzen auf, denn sie wissen wahrlich nicht, was sie tun. Für einen Orthodoxen aber würde das Bewußtsein, Mitglied einer solchen Vereinigung zu sein - eine geistige Katastrophe, eine Abschwörung bedeuten."
Und Vladyka fuhr fort: "Seligkeit - das ist zu hoch für uns. Ja, es gibt Augenblicke, da wir sie empfinden, aber nicht oft. Freuen sie sich, wenn ihr Geist in der Betrachtung des göttlichen Lebens verharrt. Wenn sie im Gotteshaus stehen, da geschieht es manchmal, daß sie deutlich und tief alles aufnehmen, was ihnen die Kirche sagt. Lauschen sie und freuen sie sich, denn da spricht und singt und atmet göttliches Leben; es öffnet sich ihnen. Es ist ein großes Glück, es zu vernehmen, zu empfinden, es geistig zu betrachten und es mitzumachen. Ein großes Glück, weil sie in diesem Augenblick das ewige Leben erleben. Alles, was es ihnen zeigt von seinem Inhalt, alles, was es sagt, alle Bilder, die sich ihnen mitteilen - das alles ist unerreichbar herrlich. Niemals kann ein Dichter mit seinem noch so großen Talent die Schönheit und Kraft zum Ausdruck bringen, ein solches Niveau der Poesie erreichen, auf welchem die Poesie der Kirche steht. Alles, was sie sagt, ist lebensvoll, alles ist wunderschön. Das Leben der Kirche ist ein lebendiger Quell ewigen Lebens, ein Quell von großer Stärke. In dem Gebet zur Wasserweihe am Tage der Taufe des Herrn wird das geweihte Wasser als "springend ins ewige Leben" bezeichnet. Das drückt die Schnelligkeit, die Macht und Energie des lebendigen Quells göttlichen Lebens aus. Wenn unsere Sünden nicht wären, mit welcher Seligkeit würden wir uns diesem Strom hingeben, der ins ewige Leben springt.

 

Bote 1988, 2

Man muß das Leben lieben, sich des Lebens freuen. Leben ist eine gesegnete Gabe Gottes. Aber die Sünde brachte Tod und Leiden, sie entstellte das Leben. Der Mensch lebte weiter, aber armselig, er litt - vor ihm stand der Tod. Er verlangte nach Rettung, nach dem Sieg über den Tod. Wie die Rettung kommen würde, wußte er nicht, aber er glaubte daran, daß sie kommen muß. Und sie kam. Unser Erlöser fing ein neues Leben an, ein gottmenschliches Leben und gab den Menschen die Möglichkeit, an diesem neuen Leben, das den Tod besiegt, teilzuhaben. Dies neue Leben ist in Ihm. Er selbst ist das neue Leben, und der Mensch muß an Ihm teilhaben, an Christus. Der Mensch muß Sein Leben fühlen lernen, er muß Gott darum bitten, ihn das göttliche Leben fühlen zu lassen. Man muß darum bitten und diese Gabe mit Zittern und Gottesfurcht entgegennehmen. Gott wird sie geben, wird den Bittenden das neue göttliche Leben empfinden lassen, denn Er ruft uns immer : "Kommet und sehet...". Die Menschen aber sehen die Gabe nicht, nehmen sie nicht an. Um sie anzunehmen, muß man das Leben lieben und den Tod und alles ihm Verwandte hassen - jegliche Sünde, jegliches Laster, den Zustand, in welchem der noch lebende Mensch zu sterben beginnt. Sie können beobachten, daß das Gesicht der Unzucht stets einen Stempel der Fäulnis trägt. Um das neue Leben in sich aufzunehmen, muß man sich von der Gewalt des Todes und der Fäulnis befreien, muß die Verstrickungen der Sünde abwerfen und befreit, mit mutigem, erneuertem Herzen gehen, nein stürzen, wie ein Hirsch, der nach Wasser schreit, zu dem gnadenreichen, lebenspendenden Quell des ins ewige Leben springenden Wassers.Dieses Sinnbild vom Quell des Wassers, das ins ewige Leben "springt", spricht von der Macht, von dem Streben der Macht des göttlichen Lebens, es sind Worte Gottes, die uns zu noch Größerem aufrufen; sie sprechen zu uns von der Macht und Energie des göttlichen Le-bens, davon, daß diese Macht unsere Kräfte wie-der wachrufen kann und uns reinwaschen kann, wie ein Born an einem heißen Tag oder inmitten von Kämpfen in diesem Erdenleben. Ja, groß ist die Stärke dieses Lebensquells, jedoch wer von ihm trinkt, bleibt der Mensch, der er war; Staub und Hitze und Mühe und Leiden des Erdenlebens ziehen ihn von neuem hinunter. Aber die Seele will sich ihnen nicht fügen, sie will eine tiefgehende Erneuerung des menschlichen Wesens, um unbehindert und ewig die Freude und Seligkeit empfangen zu können, die ihr der göttliche, wundertätige Quell bietet. Sie will nicht mehr Sklave von Sünde und Tod sein. Und auf diesen Wunsch antwortet Christus dem Menschen: "Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben". Er sagt es zu den Jüngern nach dem letzten Abendmahl, nachdem sie im eucharistischen Mysterium Seinen Leib und Sein Blut genommen haben, nachdem sie Seinem gottmenschlichen Wesen zugehörig wur-den. Weinstock, Zweige und Reben sind eine Einheit - sie bilden eine Wesenheit, eine einzige Kraft ist in ihnen. Und jetzt begreifen wir, daß ein Mensch, der an den Quell des göttlichen Lebens gelangt ist, nicht nur reingewaschen und gekräftigt ist, sondern daß etwas Größeres mit ihm geschah. Er ist nun diesem Quell zugehörig. Er ist nicht mehr der Mensch, der nur im Glauben an die Wirkung der Reue frei werden wollte, der die Fesseln der Sünde zerriß und abwarf - jetzt ist ein neues Leben in ihm, er ist ein neuer Trieb, eine neue Rebe, die voll neuer Kraft ist und ein neues Wesen hat, das sie vom Weinstock bekam. Jetzt ist das ein neuer, ein anderer Mensch als er vorher war.
Nur erfolgt die Erneuerung nicht blitzartig. In diesem neuen, anderen Menschen ist noch viel vom gestrigen, der Sünde Verfallenen. Der Samen des neuen Lebens ist aber in ihm und wird ihn neu formen, so wie die Hefe den vorher leblosen Teig belebt. Mag dieser Prozeß der Belebung und Neubildung auch erst begonnen haben, wir sehen aber schon den neuen Menschen vor uns, der nicht nur eine moralische Erschütterung erlebt hat, sondern der durch den Leib und das Blut Christi, die er aufnahm, ein wahrer Sohn Gottes geworden ist. In Furcht fällt der Mensch nieder vor dieser Berufung, ein Sohn des Höchsten zu sein, er hat Angst. Aber was hört er über seinem Haupt? Donnergrollen und Zeichen der Allmacht Gottes? Nein, er vernimmt zarte Worte der Liebe Gottes: "Meine Kinder"...

Das ist das neue, gnadenreiche Leben, das Christus den Menschen schenkte, das ist Teilhaben an diesem Leben, das ist das Sohn-Sein des Höchsten, das ist Kirche. Aus diesem Grunde muß man es lernen, sich vom irdischen Leben loszureißen, muß das Leben der Kirche lieben lernen, muß glücklich sein, wenn sie ihr Leben freudig vor ihren Kindern ausbreitet - deswegen muß man den Gottesdienst lieben".
Vladyka schwieg, von seinem glühenden Bekenntnis erregt.
IV.
Nach kurzem Schweigen sah Vladyka mich freundlich an: "Ist es heute kalt draußen? Ich wollte `rausgehen." "Kalt ist es nicht, nur windig", antwortete ich. "Wie schade, daß sie weggehen wollen; ich hätte noch eine Frage, aber sie ist nicht sehr interessant, eine Intelligenzler-Frage."
"Fragen sie."
"Aber sie dürfen mir nicht böse sein, Vladyko. Ich mag selber solche Fragen nicht, aber ich weiß nicht recht auf sie zu antworten. Ich sprach mit einem Priester über Andersgläubigkeit..."
"Besser hätten sie über die Orthodoxie gesprochen."
"Ja, natürlich, aber darf ich ihnen erzählen: Er sprach sehr lebhaft und mit Überzeugung davon, daß die Orthodoxie die ganze Wahrheit enthalte, nur die orthodoxe Kirche sei die wahre Kirche, und zu gleicher Zeit findet er, daß auch die Andersgläubigen Sakramente haben... Ich habe versucht, ihm zu beweisen, daß er sich selbst widerspricht, daß die orthodoxe Kirche gerade deshalb die wahre Kirche ist, weil sie die heilige Kommunion, das Aufnehmen des Leibes und Blutes Christi hat - das gerade ist die Wesenheit der Kirche..."
"Also", meinte Vladyka, "was wollen sie noch von mir? Sie haben ihm doch selbst sehr gut geantwortet."
"Und er hat mir darauf geantwortet, das sei Rationalismus, ich sei zu dem Abstreiten des Vorhandenseins der Sakramente bei den Andersgläubigen durch logische Folgerungen gekommen, er aber, da er an die Wahrheit der Orthodoxie glaube, wolle solche Folgerungen nicht ziehen."
"Ach so, er will keine Folgerungen aus der Lehre ziehen, die er selbst bekennt und zieht deshalb Folgerungen, die andere Konfessionen betreffen und auch noch zu deren Gunsten. Wo ist denn da die Logik? Und was heißt überhaupt, Folgerungen ziehen? Wie soll man sie ziehen? Die heiligen Väter haben auch logisch gedacht. Will er ihnen auch Rationalismus vorwerfen? Die Gabe der Überlegungskunst haben sie hochgeschätzt, aber das ist etwas anderes als die scholastische, theoretische Denkart. Logische Folgerungen und Beweisführungen des Verstandes muß man durch den Verstand des Glaubens überprüfen, denn der Glaube ist eine besondere Art des Wissens. Übrigens, das ist ein Thema für sich - "Was ist Glaube?"
Was Ihren Gesprächspartner betrifft und wie man ihm antworten soll, damit er Ihre Antwort mit dem Herzen und Verstand begreift, das ist schwer zu sagen, ohne daß man ihn kennt. Der prinzipielle Teil ihrer Antwort ist richtig, und weiter muß man eben sehen, wieso er zu seinen Behauptungen kommt. Er kann verschiedene Gründe dafür ha-ben, vielleicht manchmal sentimentaler Art, manchmal auch ehrliches Mißverstehen. Am ehesten handelt es sich bei ihm darum, daß er nicht stark genug im Glauben ist. Die Wahrheit der Kirche erkennt er an und ein Sohn der Kirche will er sein, sa-gen sie; aber er kann sich nicht damit abfinden, daß es dieses Sohn-Verhältnis nur in der Orthodoxie und nur innerhalb der Kirche gibt."
"Warum meinen sie, es sei Mangel an Glauben? Ist es nicht eher das, was sie sentimentale Beweggründe nennen?"
"Wieso verstehen sie nicht? Es handelt sich hier doch darum, daß er nicht versteht, was die Kirche für ein Heiligtum ist. Er hat nicht das Sohn-Gefühl. Wenn man es sogar nur in kleinem Maße besitzt, dann begreift man, daß die Tatsache dieses Sohn-Zustandes und dessen, daß es überhaupt Söhne der Kirche gibt - wenn es auch nur einer wäre oder nur die Apostel es geworden sind - daß eben diese Tatsache noch erstaunlicher ist, als das Faktum, daß ganze Völker außerhalb der Kirche geblieben sind. Verstehen sie? Das Sohn-Verhältnis der Apostel ist ein erstaunlicheres Geschehnis als die ganze Welt, die sich außerhalb dieses Verhältnisses befindet. Der mangelnde Glaube dieses Mannes zeigt sich darin, daß er sich nicht mit Furcht vor dem Sohn-Sein vor der Kirche verneigt, sondern Fragen stellt "wie ist es mit denen oder jenen?" In seinen Behauptungen steckt mehr rein menschliches Überlegen und menschliche Vorstellungen, mehr Rationalismus, als in der frommen Ehrfurcht vor der Kirche derer, denen er Vorwürfe macht. Das Bekenntnis des Glaubens an die Kirche bedeutet Bekennen ihrer inneren Einheit und ihrer Einzigkeit. Es ist das Bekenntnis der Zugehörigkeit der Kirche zum Gottmenschen, zu der Möglichkeit des Mysteriums der Kommunion mit dem Leib und Blut Christi innerhalb der Kirche. Wie kann jemand, der das bekennt, dieses Mysterium bei einer anderen Kirche anerkennen? Kann es noch ein anderes Sohn-Verhältnis geben? Oder hat Christus sich zerteilt? Nein, das orthodoxe Bewußtsein wendet sich mit Schmerz von diesem Gedanken ab und von Her-zen möchte man ihrem Gesprächspartner zurufen: laß deine Seele sich der Freude des Glaubens hingeben, laß sie sich mit Zittern vor der Kirche und dem Sohn-Sein verneigen, dieser großen Gabe der Gnade Gottes; laß deinen Geist aufleben in der ergreifenden Erkenntnis der Wahrheit innerhalb der Kirche - dann wird Er dir sagen, daß das, was du ausgeklügelt hast, unnütz ist, dein Rationalismus und deine Zweifel. Er wird dir die Gabe der Überlegung geben und wird dich vor allem lehren, solche Fragen mit Geduld ungelöst zu lassen und abzuwarten, ob dir der Herrgott nicht das Begreifen des vorher Unklaren sendet. Gott wird dich lehren zu sagen: "Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben", Credo ut intelligam, d.h. "ich glaube, um zu verstehen", oder "in der Hoffnung, daß ich spä-ter verstehen werde". Du glaubst zwar, aber so kraftlos - kaum. Dieser dein Glaube ist beinahe ein Unglaube. Wir müssen immer alle um Glauben bit-ten, darum, daß Gott uns den Glauben gibt, der das mutige Herz mit Kraft füllt. Alle Heiligen, alle Bekenner - das sind vor allem Menschen mit einem mutigen Herzen. Wir müssen "Gott mit Furcht die-nen und uns Seiner mit Zittern freuen", und in die-sem Sinne müssen wir die Wahrheit der Kirche betrachten und sie bekennen, diese unendliche Gnade der Liebe und Annahme als Kinder Gottes. Und wenn unser neugieriger Verstand um Klärung der oder jener Frage bitten wird, so soll er die Antworten annehmen, die nicht die Lehren erschüttern, welche uns der Glaube offenbart. In diesem speziellen Fall müssen die Antworten darauf hinweisen, was der Herr selbst gesagt hat: daß nämlich die Kirche aus der übrigen Welt ausgesondert ist: "Ich habe euch von der Welt auserwählt(Joh. 15, 19). Diese Aussonderung und Erwählung der Kirche aus der Welt darf man nie vergessen. Man darf nicht zweifeln, sich kleingläubig der Würde des Auserwähltseins genieren. Es ist bedeutend und geheimnisvoll - daran muß man denken. Was sagen sie dazu?", schloß Vladyka.
"Danke. Sehr gut."

 

Bote 1988, 3

 

V.
"Ist es lange her, daß sie Vladyka Metropolit Antonij gesehen haben?" fragte Vladyka.
"Vorige Woche in Karlovitz."
"Worüber wurde gesprochen?"
"Über vielen. Übrigens auch über Dostoevskij, und da war eine Frage, in welcher sie und Vladyka Metropolit verschiedener Meinung sind." Diese meine Worte schienen Vladyka etwas unangenehm zu sein. Er fragte:
"Um was handelt es sich?"
"Können sie sich erinnern, daß wir einmal über die Meinung oder das Gerücht sprachen, 'Die Brüder Karamasov ' mit der - wie Dostoevskij selbst sagte - Hauptfigur 'Alescha', sei nur der erste Teil einer vom Dichter geplanten Trilogie. Im zweiten und dritten Teil sollte Alescha als in der Welt lebend, erwachsen, verheiratet und schließlich alt gezeigt werden."
"Ja , ich erinnere mich."
"Sie sagten damals, daß ihnen diese Meinung richtig zu sein scheint, daß die Idee, das g a n z e Leben eines Menschen zu beschreiben, eine Norm zu zeigen, ihnen gerechtfertigt und interessant erscheint."
"Ich erinnere mich", sagte Vladyka ungeduldig, "und was weiter?"
"Vladyka Metropolit sagte, daß dieser Gedanke und der Plan nicht richtig seien. Die 'Norm' sei bereits gegeben mit dem, was schon geschrieben ist. Die Norm - das ist das christliche Herz, die christliche Haltung der Seele. Diese Norm ist gegeben, und sie ist gleich für alle Altersstufen. Der Starez Sossima und der Jüngling Alescha haben die gleiche geistige Einstellung, und es ist daher unnötig, diese Einstellung bei einem Menschen in seinen verschiedenen Altersstufen zu beschreiben. Unnötig, weil das eine Wiederholung wäre."
Vladyka sagte nichts, und ich fuhr fort:
"Ich erzählte dem Metropoliten von ihrer Meinung in dieser Frage."
"Und was meinte er?" fragte Vladyka.
"Er sagte, daß sie diese Frage wahrscheinlich nicht durchdacht haben. Und was sagen sie?"
"Ich sage, daß wenn sie je eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Metropoliten Antonij und mir feststellen, sie immer wissen müssen, daß e r recht hat und nicht ich."
"Ja, aber warum denn...", fing ich an, aber Vladyka unterbracht mich und rief:
"Weil Metropolit Antonij ein genialer Mensch ist, den sie nicht zu schätzen wissen."
Da rief auch ich aufgeregt:
"Wieso weiß ich ihn nicht zu schätzen?! Wie können sie das sagen, wenn sie doch wissen, daß Metropolit Antonij für mich..." Vladykas fröhliches Lachen unterbrach mich.
"Beruhigen sie sich", sagte er immer noch lachend, "Ich meinte nicht sie persönlich."
"Worüber lachen sie?"
Statt einer Antwort machte er mich nach: er tat, als wollte er aufspringen, drohte mit der Faust und rief mit ärgerlicher Miene:
"Wieso weiß ich ihn nicht zu schätzen!"
Jetzt mußten wir beide lachen. Dann sagte Vladyka:
"Natürlich habe ich nicht sie persönlich gemeint. Ich sprach von diesen vielen stumpfsinnigen Intelligenzlern, die den Metropoliten Antonij nicht verstehen. An diese 'Trägheit und Unverständigkeit der Herzen' kann man sich nicht gewöhnen, sie wird immer verletzen. Metropolit Antonij ist erfüllt von einer tiefen Liebe zu Gott. Er lebt wirklich durch Gott und in Gott; wenn man mit ihm zu tun hat, merkt man das deutlich. Deswegen freut sich jeder Mensch, der unvoreingenommen, offen und ehrlich zu ihm kommt, so sehr seiner Gegenwart. Metropolit Antonij kennt nur eine Haltung den Menschen gegenüber - die kirchliche - er sucht Einigung in Christus mit ihnen. Unsere armen Intelligenzler kommen nicht aus diesem Grunde zu ihm; sie kommen mit einem unzugänglichen Herzen, sie bringen ihre eigenen kleinlichen Ideen mit, die sie sorgfältig bedenken, sie 'sehen die Mücke' und erkennen nicht den Metropoliten Antonij. Selbstsicher überprüfen sie seine Worte, behandeln ihn wie ihresgleichen. Was wurde nicht schon alles über ihn von dummen Köpfen und harten Herzen behauptet. Aber die Kirche liebte ihn immer. Metropolit Antonij ist eine so hervorragende Persönlichkeit, daß man immer über ihn staunen muß. Er ist unerschöpflich, und man entdeckt immer etwas Neues in ihm. Wenn sie sich einen alten gelehrten Professor vorstellen, des-sen Werke sie studiert haben, so werden sie feststellen, daß seine Worte immer eine Wiederholung seiner ihnen bekannten Ideen sind. Das ist das Schicksal menschlichen Schaffens und seiner Erfolge. Aber mit unserem Metropoliten ist es an-ders. Warum? Metropolit Antonij hat immer das geschrieben und gesagt, was sein übervolles Herz ihm eingab. Er hat offen das kundgetan, wovon in dem Augenblick sein Herz lebte, welches Gott zugewandt war. Und jetzt, als greiser Starez, spricht er ebenso: er teilt ihnen das Leben seines Herzens mit, seines vor Gott befindlichen Geistes. Das können nur wirklich in Gott lebende Menschen tun. Wenn gewöhnliche Menschen ihre Herzen wirklich öffnen, ihre Gedanken ehrlich aussprechen würden, so würden sie nicht andere anziehen, sondern sie im Gegenteil abstoßen. Der Metropolit aber hat eine starke Anziehungskraft. Als man ihn nach dem Geheimnis seines Einflusses auf die Jugend fragte, antwortete er erstaunt, daß es gar kein Geheimnis gibt, daß er einfach von sei-nem Leben spricht, welches er vor Gottes Augen führt. Diese Antwort zeugt von kindlich reiner Bescheidenheit und Demut. Er will sagen: 'Nicht ich habe die Anziehungskraft, sondern Gottes Gna-de'. Aber wie sehr muß man die Gnade Gottes lieben, wie rein und demütig muß man sein, wenn sie durch einen wirken kann, daß man sie durch seine Person nicht stört. Ja, eben auf diese Weise wirkten die Gerechten, die Prediger, das war ihre Methode und ihr 'Geheimnis' des Einflusses auf menschliche Seelen.
Warum lag das Hauptgewicht von Vladyka Antonijs religiöser Tätigkeit auf dem Kampf gegen die Scholastik?
Eben darum, weil für ihn Theologe sein bedeutet - erschließen seines geistigen Lebens, das man vor Gott führt. Die Scholastiker sagen Worte, die nicht auf geistiger Erfahrung basieren. Der gelehrte Scholastiker spricht Formeln aus, aber seine Seele bleibt unbeteiligt an deren Inhalt, und dies tut ihm nicht weh. Es irritiert ihn nicht, daß sein Herz schweigt, anstatt zu frohlokken, wenn er von der göttlichen Sphäre spricht. Das ist ihm gleichgültig. Bei einer solchen Spaltung, einer solchen Einstellung dem Wort Gottes gegenüber, kann es keine Lehre vom lebendigen Gott, über das göttliche Leben geben. Da gibt es nur Hypothesen einer abstrakten Theorie.
Die ganze Persönlichkeit von Metropolit Antonij, seine Tätigkeit, sein Leben, ist eine Ablehnung der Scholastik. Er ist in einem solchen Maße bedeutend und einzigartig, er hat der scholastischen Denkungsweise, vielmehr der scholastischen geistigen Haltung, dieser Spaltung zwischen Wort und Geist, zwischen Gedanken und Herz einen solchen Hieb versetzt, daß es nicht zu viel ist, wenn man behauptet, daß wir vorher die Scholastik hatten und jetzt, nach ihm, echte Theologie. Die russische Theologie war schwer und lange Zeit von der Scholastik unterdrückt. Man kann sie sogar bei dem Metropoliten Philaret und erst recht bei zahlreichen Professoren finden. Aber man kann nicht Orthodoxie lehren, wenn man Scholastiker ist, denn Orthodoxie ist Leben in Christus. Merken sie sich, daß ein Mensch, der scholastische Formeln ausspricht und ihr Nichtentsprechen den geistigen Forderungen nicht fühlt, geistig nicht in Ordnung ist. Letzten Endes ist es ein Zeichen von Glaubensmangel. Dieser Mensch hat es nicht gelernt, mittels lebendigen Glaubens in die Gesetze und Geheimnisse des göttlichen Lebens einzudringen, soweit er sie verstehen würde, und daher hat er es nicht gelernt, durch Blick und Gehör des Glaubens seine Gedanken und Worte zu prüfen.
Man empfindet immer wieder von neuem Freu-de und Dankbarkeit beim Zusammensein mit dem Metropoliten Antonij. Ja, Freude und Dankbarkeit ... Er ist ein außergewöhnlicher Mensch. Wenn ich zu ihm nach Karlovitz komme und niemand ist da, begrüße ich ihn immer kniefällig. Er versucht mich in seiner Demut natürlich zurückzuhalten, aber ich habe das Bedürfnis, ihm auf diese Weise meine Verehrung auszudrücken."
Vladyka schwieg. Vielleicht mochte er nicht von seinem tiefen, beinahe unaussprechlichen Gefühl der Liebe und Verehrung zu Metropolit Antonij sprechen, von ihrer geistigen, kirchlichen Zusammengehörigkeit in Gott, von der Freude und Dankbarkeit, die das Bewußtsein dieser Zusammengehörigkeit in ihm hervorrief. Ich versuchte, mir eine Vorstellung von der tiefen geistigen Freundschaft dieser beiden Erzpriester zu machen.
Vladyka sagte:
"Danken sie Gott dafür, daß sie Vladyka Antonij kennen- und lieben lernen durften."

Damit will ich meine Erinnerungen beenden. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, zu berichten, verständlich zu machen und fühlen zu lassen, wer Erzbischof Gavriil war. Aber wenn das Herz meiner Leser wenigstens etwas warm geworden ist, wenn sie das Gefühl der Freude und Dankbarkeit dafür empfunden haben, daß es einen Erzbischof Gavriil gegeben hat, so sollten sie seinetwegen und des Metropoliten Antonij wegen an folgendes denken:
Wir sehen Erzbischof Gavriil aus unserer Perspektive, bewundern seine Klugheit, seine Nächstenliebe, seinen Glauben, seine ständige geistige Wachsamkeit und sein geistiges Glühen, seine Freude an Gott, am Glauben, an der Kirche. Wir freuen uns über ihn und staunen; er ist größer als wir. Und dieser Erzbischof Gavriil grüßte kniefällig den Metropoliten Antonij in seiner Freude, Dankbarkeit und Liebe zu ihm.
Erzbischof Gavriil hat nicht viele Werke hinterlassen: einige Entwürfe seiner Vorlesungen, die er vor der Bruderschaft des Heiligen Seraphim in Belgrad gehalten hat zu den Themen 'Die Gleichnisse des Herrn', 'Wunder des Herrn', `Gespräche des Herrn', Niederschriften seiner alten Predigten, die er noch in Rußland hielt und ziemlich viele Kompositionen, die noch nicht veröffentlicht sind. Über seine geistige Welt, seine geistige Freundschaft mit dem Metropoliten Antonij kann man jedoch erfahren, wenn man die Werke des Metropoliten liest und sich in ihren Inhalt vertieft. Allein schon der 1935 veröffentlichte Sammelband der ausgewählten Aufsätze von Metropolit Antonij gibt einen Begriff des Geistes, der die Grundlage für die Freundschaft dieser zwei Erzpriester bildete.
Begreifen sollte man diesen Geist nicht nur aus wohlbegründetem Wissensdurst, sondern auch deshalb, weil durch das Eindringen in ihn unsere Seele auf ganz besondere Weise ihre rechte Lage findet. Jeder Mensch trägt und bewältigt die Aufgaben und Versuchungen seiner Zeit, und daher ist uns ein Zeitgenosse stets verständlicher, er hat stärkere Wirkung auf uns, seine Stimme klingt für uns deutlicher, er hat mehr Antworten auf unsere Fragen.
Wir stehen vor einer - man kann sagen - allgemeinen russischen Aufgabe: der Wiedergeburt des russischen orthodoxen Menschen. Seine Seele ist heute furchtbaren Verfolgungen von einer Seite und dem Drängen fremder oder sogar feindlicher Kräfte und Einflüsse von anderer Seite ausgesetzt. Sie kämpfen gegen die russische Seele. Aber man muß nicht denken, daß dieser Kampf eine neue Erscheinung ist. Er hat seine Geschichte. Denken sie an das vorige Jahrhundert, an die Kämpfe der Westler, der Nihilisten, Positivisten, Sozialisten, denken sie an Tolstoj und schließlich an die ganze Zügellosigkeit, zeitweise sogar den Satanismus, die Erotik der Zeit vor der Revolution. "Wir sind Kinder der furchtbaren Jahre Rußlands".
Aber die Geschichte unseres Landes ist nicht erschöpft mit diesen Erscheinungen. Im gleichen vorigen Jahrhundert gab es die russische Strömung - es gab die Kirche, den Heiligen Seraphim, den Metropoliten Philaret, Theophanes den Klausner, Johannes von Kronstadt, es gab fromme Menschen Rußlands, orthodoxe russische Menschen, es gab Chomjakov und Dostojevskij. Das echte orthodoxe Rußland kämpfte um seine Existenz, um die Seele des russischen Menschen. In diesem Kampf gab es Perioden des Absinkens und des Aufblühens. Mit dem Ende des vorigen und Beginn des jetzigen Jahrhunderts zeichnet sich die russische orthodoxe kirchliche Wiedergeburt ab. Nach einer 20-jährigen Unterbrechung gibt es wieder Studenten der Akademie, die Mönche werden und von dem Wunsch entbrannt sind, im Namen Christi asketisch zu leben. Es begann die Welle der Wiedergeburt, die später, bereits während der Revolution, so viele Glaubensbekenner hervorbrachte. Der russische Verstand, die russische Seele befreite sich von der Scholastik und fühlte ihre Sehnsucht nach einem wirklichen Le-ben in Christus in der wahren, lebendigen Kirche. Der russische Mensch, der an dieser Wiedergeburt beteiligt war, der sie fühlte, begann "an seinen Glauben zu glauben", an seine schöpferische, lebendige Macht. Er befreite sich und seinen Verstand von fremden Formeln und sprach von Gott, vom Glauben, mit einfachen, lebendigen und frei-en Worten. Und die russische gläubige Seele nahm diese Worte auf, so wie die Erde den langersehnten warmen Frühlingsregen aufnimmt.
Die hervorragendste Persönlichkeit dieser Wiedergeburt war der Metropolit Antonij, und die russischen Menschen verehrten und liebten ihn voll Dank. Sie wählten ihn als den am meisten geliebten Erzpriester auf dem Moskauer Konzil zum ersten Kandidaten für das Patriarchenamt.
Der jüngere Erzbischof Gavriil gehörte zur gleichen Strömung des russischen Lebens, in welchem sich Menschen zusammenfanden, die sich ihrer Zugehörigkeit zur Kirche bewußt waren und sich von dem fremden Einfluß, von Lehren, Theorien, Gedanken, Geschmack und Psychologie befreit hatten.
Unser derzeitiger Kampf ist nicht etwas Neues für Rußland, der gleiche Kampf wurde auch früher schon geführt, aber unser künftiger Sieg und die Wiedergeburt des russischen orthodoxen Menschen kann nur erzielt werden, indem der Weg des Metropoliten Antonij und derjenigen fortgesetzt wird, die ihm folgten, denn das ist der Weg der erwünschten Wiedergeburt.
Die Aufgabe dieser Skizze über Erzbischof Ga-vriil ist es, dem Leser durch kurze Schilderungen in vorstellbarer Umgebung einen Begriff von der Stimmung, der Nächstenliebe, den Ideen, dem Geist, überhaupt dem spirituellen Inhalt der Menschen der Strömung der russischen Wiedergeburt zu geben.

Nachwort

Erzbischof Gavriil (Grigorij Tschepur) wurde im Jahre 1874 in Cherson als Sohn eines Generals geboren. Besuch des Gymnasiums und anschließend des Geistlichen Seminars in Kiew. 1892-96 - Studium an der Kiewer Geistlichen Akademie, die er 1896 als Kandidat der Theologie beendet. Mönchsgelübde und Ieromönch 1896. Von 1896-99 Lehrer am Novgoroder Geistlichen Seminar, dessen Inspektor er 1899 wird. Seit 1901 Inspektor des Geistlichen Seminars in Mogilev. 1902 Archimandrit und Rektor des Geistlichen Seminars in Poltava. Seit 1906 Mitglied des Hl.Synods und Hauptgeistlicher der 12-Apostel-Kirche. 1908 Rek-tor des Bethanien-Seminars. (30.12.) 1909 Bischof von Izmail, Vikarbischof von Kischinev. 1911 Bischof von Akkerman. Teilnahme am Konzil 1917/18. Da er sich weigert, nach seiner Rückkehr die Eingliederung seiner Diözese in die Rumänische Orthodoxe Kirche anzuerkennen, verläßt er die Eparchie und geht nach Odessa. 1919 Ernennung zum Bischof von Tscheljabinsk und Troica, kann das Amt aber infolge der Evakuierung nicht mehr antreten. Evakuierung nach Jugoslawien, wo er ständiges Mitglied der Synode ist und verschiedene wissenschaftliche Komitees leitet. 1926-1928 Religionslehrer. Wegen Krankheit in den Ruhestand versetzt, lebt er in den letzten Jahren sei-nes Lebens zurückgezogen im Pantschev-Klos-ter, wo er am 1. März 1933 stirbt.
Für seine Verdienste um die Wissenschaftsverwaltung und die Pflege der russischen Kirchenmusik wurde ihm vom Synod der Titel Erzbischof von Tscheljabinsk verliehen. In Belgrad hatte Erzbischof Gavriil vor dem Krieg ein Zentrum der Pflege russischer Kirchenmusik gebildet; er gründete einen großen Chor, dem unter anderem A.F.Sin-kevitsch (heute Erzbischof Antonij von San Francisco) und J.V.Gardner angehörten. Erzbischof Gavriil bemühte sich mit seinem Chor besonders um die Pflege des alten russischen Kirchengesangs und schloß an die Tradition des Moskauer Synodalchores und des Kiewer Höhlenklosters an. Während seiner Tätigkeit sammelte und komponierte er zahlreiche Harmonien nach alten Vorbildern. Von ihm selbst stammen mehr als 30 Kompositionen, die heute zum festen Liedgut der Auslandskirche gehören.