Hl. Dimitrij von Rostov

Predigt zum Schutzfest
der Allerheiligsten Gottesgebärerin

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 5

In den letzten schweren Zeiten, wo mit der Vermehrung unserer Sünden auch unsere Bedrängnis stieg – in Bewahrheitung der Worte des Hl. Apostels Paulus ... in Gefahr unter den Räubern, in Gefahr unter den Juden, in Gefahr unter den Heiden, in Gefahr in den Städten, in Gefahr in den Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter den falschen Brüdern (2. Kor. 11, 26), wo in Erfüllung der Worte des Herrn Selbst sich ein Volk gegen das andere empört und ein Königreich wider das andere, und Hungersnöte, Finsternis und Erdbeben allerorten sein werden (Mt. 24,7), wo uns der Einfall fremder Völker in die Enge treibt, Bruderkriege und tödliche Verwundungen uns heimsuchen – da reicht uns die Allreine und Allsegensreiche Jungfrau Maria, die Mutter des Herrn, zur Abwehr Ihren Schutzmantel, um uns vor allem Unheil, vor Hunger, Seuchen und Erdbeben, vor Krieg und Wunden zu retten und unter Ihrem Schleier unversehrt zu bewahren. Ein solches Zeichen erschien in der kaiserlichen Stadt Konstantinopel, in der Herrschaftszeit des gottesfürchtigen Kaisers Leon des Weisen, in der gefeierten Kirche der Allerheiligsten Gottesgebärerin, in Vlacherna, während der Nachtwache am Sonntag, dem ersten Oktober1. In der vierten Nachtstunde hob der Hl. Andreas, der Narr in Christus, seine Augen empor und schaute die Himmelskönigin, die Beschützerin der ganzen Erde, die Allerheiligste Jungfrau Theotokos, wie Sie in der Luft stand und betete, leuchtend wie die Sonne und die Menschheit mit ihrem kostbaren Omophorion beschützend. Bei dieser Vision sprach der Hl. Andreas zu seinem Schüler, dem seligen Epiphanios2: “Siehst du, Bruder, die Königin und Herrin aller, wie Sie für die ganze Erde betet?” Epiphanios antwortete: “Ich sehe, heiliger Vater, und erschauere.”
So wie einst der Hl. Johannes der Theologe am Himmel ein großes Zeichen sah – eine wie die Sonne gekleidete Frau – so schaute nun der Hl. Andreas in der Kirche von Vlacherna, die weit wie der Himmel ist, die Unvermählte Braut, gekleidet in einen Sonnen-Königsmantel. Das von Johannes dem Theologen geschaute Zeichen bedeutete unsere Allerbarmungsreiche Beschützerin; es erschien nämlich gerade zu der Zeit, als dem Schauer der Geheimnisse der aller Schöpfung drohende Untergang eröffnet wurde: “...und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und Erdbeben und ein großer Hagel. Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: ein Weib mit der Sonne bekleidet und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.” (Apk. 11,19; 12,1). Warum erschien dieses Zeichen, welches auf die Allerreinste Jungfrau wies, nicht vor dem Blitz, Donner, den Stimmen, dem Erdbeben und dem Hagel, als die Elemente noch still waren, sondern erst zur Zeit des fürchterlichen Aufruhrs in Himmel und Erde? Um uns zu zeigen, daß unsere Allgütige Beschützerin in der allerschwersten Zeit, wenn der Untergang droht, uns zu Hilfe eilt; Sie bewahrt uns vor dem verführerischen Schillern und kurzlebigen Glanz weltlicher Geschäftigkeit, vor den Stimmen der irdischen Hoffart und Prahlerei, vor dem Donner des äußerlichen Einfalls der Feinde, vor den Stürmen der Leidenschaften und vor dem Hagel, der uns von oben drohenden Strafe ob unserer Sünden. Wenn all diese Bedrängnisse uns ereilen, dann erscheint, wie ein großes Zeichen die geschwinde Helferin des Christenvolkes und deckt uns durch Ihre unsichtbare Fürsprache. Solch ein Zeichen gab der Herr denen, die Ihn fürchten, zu fliehen angesichts des Bogens (Ps. 59, 6). Denn in diese Welt sind wir gestellt – fast könnte man sagen, wie eine Zielscheibe zum Schießen. Die Pfeile fliegen von allen Seiten auf uns: die einen aus den Waffen der sichtbaren Feinde, die flink ihre Bogen spannen und sich vor uns in ihrem Hochmut brüsten; andere aus dem Bogen der unsichtbaren Feinde, damit es uns kummervoll bewußt werde, daß wir den dämonischen Pfeilen nicht gewachsen sind; andere von unserem Fleisch, welches dem Geist widerstrebt; wieder andere von dem Bogen des gerechten Zornes Gottes und der drohenden Strafe, wie der heilige David spricht: “Doch kehrt ihr nicht um, so wird Er Sein Schwert zum Blitzen bringen. Seinen Bogen hat Er gespannt und hat ihn bereitgemacht und auf ihm Mittel zum Tode ersannt, Seine Pfeile den Brennenden zugerichtet.” (Ps. 7,13-14). Damit wir durch all diese Pfeile nicht zu Tode verwundet werden und der Gefahr entfliehen können, wurde uns ein Zeichen gegeben – der Schutzmantel der Allerreinsten und Allgepriesenen Jungfrau. Bedeckt von Ihrem Omophorion wie von einem Schild, bleiben wir unverletzlich von den Pfeilen. Denn unsere Verteidigerin hat tausend Schilde zu unserem Schutz, wie der Heilige Geist zu Ihr spricht: “Dein Hals gleicht Davids Turm mit Zinnen wohlbewehrt und tausend Schilde hängen dran, sie alle Heldenschilde.” (Hohes Lied 4, 4). Einst schuf David seinen herrlichen und hohen Turm zwischen Zion, das auf einem Berg stand, und dem unten gelegenen Jerusalem, das Tochter Zions genannt wurde. Und diese Säule stand zwischen beiden wie der Hals zwischen dem Körper und dem Kopf, und durch seine Höhe überragte er Jerusalem und reichte bis Zion hinauf. Auf dieser Säule waren alle Schilde und Waffen aufgehängt, die für Kriege und die Verteidigung Jerusalems unerläßlich waren. Der Heilige Geist vergleicht die Allerreinste Jungfrau mit dieser Davidsäule: Denn Sie, die eine Tochter Davids ist, erscheint als die Vermittlerin zwischen Christus, dem Haupt der Kirche, und den Gläubigen, welche den Leib der Kirche darstellen; Sie überragt die Kirche, denn in Wahrheit ist Sie höher als all ihre Glieder, aber Sie reicht auch bis Christus als diejenige, die Ihm das Fleisch schenkte. Sie ist auch jetzt noch die Mittlerin, so wie Sie in der Luft stand zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen, zwischen dem Urheber des geistigen Kampfes, Christus, und der streitenden Kirche, ähnlich der Davidsäule zwischen Zion und Jerusalem, die mit mächtigen Schilden behängt war. Diese Schilde bedeuten Ihre allmächtigen Gebete zu Gott, welche von den Würdigen während der Vision Ihres kostbaren Omophorions vernommen wurden. Sie betete mit Rührung, als Mutter zu Ihrem Sohn und Schöpfer, wobei Sie im Gebet die folgenden, von Göttlicher Barmherzigkeit und Liebe erfüllten Worte sprach: “Himmlischer König! Nimm jeden Menschen an, der Dich verherrlicht und Deinen Allreinen Namen allerorts anruft, und dort, wo Meines Namens gedacht wird, den Ort heilige. Verherrliche, die Dich verherrlichen, und die zu Mir, Deiner Mutter, in Liebe aufblicken, welche von ihnen Gebete und fromme Gelübde annimmt und sie von allem Leid und aller Bedrägnis befreit.”
Sind Ihre Gebete solcher Art nicht wie Schilde, welche die streitende Kirche beschützen? Wahrhaft sind sie unzerstörbare Schilde, mit Hilfe derer wir die brennenden Pfeile zum Erlöschen bringen3.
Der Hl. Ambrosious sagt von der Säule Davids, daß sie mit doppeltem Zweck errichtet wurde – zur Sicherung der Stadt und zu ihrem Schmuck: “David schuf die Säule zur Verteidigung und Verschönerung der Stadt: Ein Schutz war sie, weil man von der Säule aus weithin Feinde erkennen konnte und sie von der Stadt verjagen konnte, eine Verschönerung, weil sie durch ihre Höhe alle hohen Gebäude Jerusalems überragte”. Nicht umsonst wird daher die Säule in Analogie zu unserer Beschützerin gebracht, welche für uns wie eine feste Säule im Angesicht der Feinde ist: In Wahrheit verteidigt Sie uns und ist unser Schmuck. Sie schützt uns, wenn Sie die sichtbaren und unsichtbaren Feinde weit von uns vertreibt, wenn Sie die Gefangenen aus den Fesseln befreit, wenn Sie die von unreinen Geistern Gequälten befreit, wenn Sie die Trauernden tröstet, für die Beleidigten eintritt: Sie ist der stille Hafen für die vom Sturm Gepeitschten, Sie speist die Hungrigen und besucht die Kranken. Sie ist unsere Zierde, wenn Sie die schmähliche Nacktheit unseres Lebens durch Ihre höchsten Verdienste wie durch kostbarste Kleider vor Gott bedeckt. Mit Ihrer übergroßen Gnade als einem unerschöpflichen Schatz erfüllte Sie unsere Ärmlichkeit, machte uns wohlgefällig vor den Augen des Herrn. Sie schmückt uns, die wir keine Hochzeitskleider haben, wenn Sie uns mit Ihrem Gewand zudeckt, und Sie macht für das Allsehende Auge unsere schmähliche innere Nacktheit unsichtbar, welche von alters her durch die wüste und wirre, von der Urflut bedeckte Erde vorbezeichnet war. Die wüste und wirre Erde war das Urbild der sündigen Seele, die ihre geistige Schönheit verloren hatte, guter Taten verlustig und der Gnade Gottes fremd war. Die die wüste Erde bedeckenden Wasser bedeuten allegorisch das Erbarmen der Gottesgebärerin, das unerschöpflich wie das Meer ist, und ähnlich den wasserreichen Flüssen sich auf alle ergießt und alle bedeckt. Als der Geist Gottes über den Wassern schwebte, da schwebte Er auch über der von Wassern bedeckten und noch nicht bewachsenen Erde, als ob Er ihre Unschönheit nicht wahrnehme. Dies war eine geheimnisvolle Vorbezeichnung dessen, daß die Seele, die von dem überaus barmherzigen Schutzmantel der Jungfrau Theotokos bedeckt wird, auch dann, wenn sie nicht durch Tugenden geschmückt ist, der Gnade des Heiligen Geistes nicht verlustig geht, denn der Schutz und Schirm der Allreinen Gottesgebärerin bedeckt ihre Ungestalt wie das Wasser einst die wüste und wirre Erde; in gleicher Weise schmückt dieser Schild sie durch die Pracht seiner Gnade und zieht den Heiligen Geist auf sie herab. Die Allreine Jungfrau schmückt uns, wenn Sie uns Sünder rechtschaffen und uns Unreine rein gestaltet, wie der Selige Anastasij der Sinaite sagt: “Zauberer macht Sie zu Aposteln und Zöllner zu Evangelisten, und Huren größerer Achtung wert als Jungfrauen. So machte Sie Maria, die Ägypterin, die einst eine Hure war, nun ehrbarer als viele Jungfrauen: Sie, die zuvor verfinstert und unrein war, scheint nun wie die Sonne im Himmelreich Christi durch die Fürbitte der Allreinen Jungfrau Maria, die all denen, die bei Ihr Zuflucht suchen, Schutz und Schmuck ist. Sie schmückt auch das ganze geistliche Jerusalem oder die Kirche Christi, welche am heutigen Tag ausruft: “O wunderbarer Schmuck bist du allen Gläubigen, prophetische Erfüllung, den Aposteln Ruhm und den Märtyrern Trost, Lobpreis der Keuschheit und der ganzen Welt ein wunderbarer Schutz”.
Auf der Davidsäule hingen außer den Schilden auch die Pfeile der Verteidiger des Landes: Die Allreine Jungfrau, jene beseelte Säule, verfügt über ebenso starke Pfeile, d.h. die Gebete der Heiligen, die mit Ihr beten. Denn Sie erschien in der Kirche in der Luft stehend nicht alleine, sondern mit den himmlischen Heerscharen und vielen Heiligen, die Sie ehrfürchtig in ihren weißen Gewändern umgaben. Die Gebete all dieser Heiligen für uns sind wie starke Pfeile, mächtig, die Horden unseres Feindes, des Teufels, zu verjagen. Die Allreine Herrin und Gottesgebärerin weiß, daß unser Leben auf Erden ständiger Kampf ist: Es wütete gegen uns der Feind mit all seinen Kräften; er richtete seine Horden gegen uns und umgab uns mit seinen Legionen nach den Worten des Psalmisten: “Denn es kreisten uns ein viele Hunde, der Bösewichte Rotte schloß mich ein (Ps. 21,17); sie öffneten wider uns ihren Mund wie der Löwe, der raubt und brüllt” (Ps. 21,14). So setzte die Himmlische Königin, die uns gegen unseren Feind zu Hilfe kommen wollte, alle himmlischen Kräfte in Bewegung, rief die Propheten und Apostel, versammelte die Märtyrer und Jungfräulichen, vereinigte die Ehrwürdigen und Gerechten – mit ihnen allen erschien Sie, um uns Hilfe zu erweisen, uns mit einem starken Heer zu umgeben und uns den Sieg über die Feinde zu schenken: “Durch Sie werden Siege errungen, durch Sie die Feinde niedergeworfen” (Akathistos, Ikos 2). Sie kam mit dem Heer der Engel, denn Sie wurde von Jakob in Gestalt der Leiter (Gen. 28,12-15), welche eine Menge von Engeln umgibt, vorweg geschaut. Wegen der Erwähnung der Jakobsleiter könnte jemand fragen: Warum verharrten die Engel nicht unbeweglich auf ihr, sondern stiegen unentwegt auf und ab? Wenn man sich klarmacht, daß diese Treppe ein allegorisches Bild der Jungfrau Maria war nach dem Wort des Kirchenliedes: “Sei gegrüßt, du Brücke, die zum Himmel führt und hohe Treppe, welche Jakob schaute”4, so versteht man, warum die Engel nicht unbeweglich auf der Treppe stehenblieben. Denn in den Gebeten gebietet die immer wachende Gottesgebärerin den Engeln, zusammen mit Ihr beständig den Menschen zu helfen: zu Gott aufzusteigen und die Gebete der Menschen emporzutragen, und herabzusteigen, um ihnen von Gott Hilfe und Wohltaten zu bringen. Eben diese Treppe führte auch nun eine Menge Engel vom Himmel herab, brachte uns von oben Schutz und Schirm. Sie kam mit den Engeln, um ihnen zu befehlen, uns auf all unseren Wegen zu beschützen; Sie führte die Schar aller Heiligen mit sich, damit diese, nachdem sie gemeinsam für uns gebetet hatten, zusammen unsere sündigen Gebete zu Ihrem Sohne und unserem Gott emportragen würden. Unter all den Heiligen, die in der Kirche mit der Allreinen Jungfrau erschienen, waren zwei auserwählte: der Hl. Johannes der Vorläufer, größer als welcher keiner der vom Weibe Geborenen ist (Mt. 11,11), und der Hl. Johannes der Theologe, welchen Jesus lieb hatte, der auch an seiner Brust beim Abendmahl gelegen hatte (Jh. 21,20). Diese beiden nahm unsere Beterin mit Sich, weil sie große Kühnheit vor Gott besitzen, um zusammen mit ihnen schnell Gott zum Erbarmen zu bewegen: “Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist” (Jak. 5,16). Und es stand die Allreine Jungfrau zwischen den zwei Keuschen, wie die Bundeslade zwischen zwei Cherubim, wie der Thron des Herrn Sabaoth zwischen den Seraphim, wie Moses mit ausgestreckten Armen zwischen Aaron und Hur; da fiel der höllische Amalek mit dem ganzen finsteren Königreich und seiner Macht (Ex. 17,11-14).
So feiern wir also das Schutzfest der Allerheiligsten Jungfrau und Gottesgebärerin, indem wir Ihrer ruhmreichen Erscheinung in der Kirche von Vlacherna vor den Heiligen Andreas und Epiphanios gedenken. Wir feiern und bringen unserer Beschützerin Dankbarkeit entgegen für Ihr so großes Erbarmen, welches Sie dem Christengeschlecht erwies, und innig beten wir zu Ihr, Sie möge auch jetzt und immerdar uns, die wir Ihren Schutz suchen, huldvoll beschützen. Wir beten deshalb, weil es uns, die wir ständig Gott erzürnen, ohne Ihren Schutz unmöglich wäre, zu leben. Wir, die wir vielmalig sündigten, fallen auch vielfältiger Bestrafung anheim, nach den Worten des Psalmisten: “Zahlreiche Plagen treffen den Sünder” (Ps. 31,10). Wir wären schon untergegangen ob unseres Frevels, wenn unsere allbarmherzige Gebieterin nicht Fürsprache für uns leisten würde: “Wenn diese Fürsprecherin nicht beten würde, wer würde uns vor so vielen Übeln retten, wer hätte uns bis jetzt in Freiheit bewahrt?” Der Prophet Isaias rät den Juden: “Verbergt euch eine kleine Weile, bis daß der Zorn des Herrn vorübergeht” (Is. 26, 20). Aber wo kann man sich vor dem Zorn des Herrn verstecken? In der Notzeit fanden wir nirgends Schutz, als bei der einzigen Herrin der Welt, welche durch den Mund des Heiligen Geistes von Sich sagt: “Gleich einem Nebel deckte ich die Erde” (Sirach 24,3). Wahrhaftig, wir verbergen uns unter Deinem Schutzmantel, die Du wie eine Wolke die Erde überschattest. Aber warum, o Allehrwürdige Jungfrau Theotokos, warum vergleichst Du Dich mit einem so unwürdigen Ding, einer Wolke? Hast du zum Vergleich nicht etwa die Sonne, den Mond und die Sterne, um so mehr, als über Dich der Allweise mit Erstaunen sprach: “Wer ist’s, die da herabblickt wie die Morgenröte, schön wie der Mond, rein wie die Sonne” (Hohes Lied 6,10). Was für eine Schönheit besitzt denn eine Wolke, daß Du den Vergleich mit ihr nicht verabscheust? Klar wird dieses Geheimnis: Wenn die Nebelwolken sich über der Erde ballen und sie verhüllen, dann sind alle Tiere unverletztbar für die Jäger, und keiner kann sie fangen. Daher bezeichnet sich die Allreine Jungfrau als Wolke: Sie verbirgt uns vor den Fängern. Wir Sünder aber sind, gemäß dem Urteil des Chrysostomos in unserer Unmenschlichkeit wie Vieh und Bestien: Wir dienen dem Bauch wie die Bären, mästen das Fleisch wie die Maulesel, wir sind nachtragend wie die Kamele, gehen dem Raub nach wie die Wölfe, erzürnen wie die Schlangen, stechen wie die Skorpione, sind tückisch wie die Füchse, tragen Gift in uns wie eine Natter. Solchen Bestien wie uns stellen etliche Fänger nach: Es ereilt uns der gerechte Zorn Gottes, der uns für unsere üblen Vorhaben bestraft, nach dem Wort: “Der Gott der Rache ist der Herr, der Gott der Rache hielt sich nicht zurück” (Ps. 93,1). Es ereilen uns unsere Frevel, so daß jeder von uns sagen kann: “Mein Unrecht ergriff mich, doch ich konnte es nicht sehen” (Ps. 39,10). Es verfolgt uns auch der unsichtbare Feind: “Er ist mir wie ein Bär, der lauert, ein Löwe in dem Hinterhalt” (Klagelieder 3,10). Es bedroht uns auch der sichtbare Feind, der spricht: “Ich jage nach und hole ein und teile Raub, mein Schwert ich zücke, herrschen wird meine Hand!” (Ex. 15,9). Aber wir können beruhigt sein, denn wir haben eine theoretische Wolke, die uns verdeckt – die Allreine Jungfrau Maria. Auf Sie hoffen wir, zu Ihr eilen wir; unter Ihrem Schutz wird auch kein Haar von unserem Haupt fallen, wenn wir nur mit demütiger Rührung ausrufen: Bedecke uns mit Deinem Mantel, unsere Beschützerin, Allreine Jungfrau – “Birg uns am Tag unseres Unglücks” (Ps. 26,5). So sind doch alle Tage unseres Lebens elend, wie einst der Patriarch Jakob sagte: “Wenig und böse sind meine Lebensjahre gewesen” (Gen. 47,9). Besonders leidvoll sind jene unserer Tage, in denen wir Übel sehen, und selber viel Böses tun: “Du häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns” (Röm. 2,5). All diese unsere trübseligen Tage fordern Deinen barmherzigen Schutz, o Allerheiligste Jungfrau! Bedecke uns in allen Tagen unseres Lebens und besonders an jenem schrecklichen Tag, wenn die Seele vom Körper scheiden wird. Eile uns zu Hilfe, und verberge uns vor den bösen Geistern der Lüfte unter dem Himmel, und am Tage des Weltgerichts berge uns in den Falten Deines Schutzschleiers! Amen.
Festtroparion, Ton 4: “Heute feiern wir rechtgläubigen Völker glänzend ein Fest, beschattet durch Deine Ankunft, o Gottesmutter, und zu Deinem allerreinsten Bilde aufblickend, sprechen wir schmachtend: Beschirme uns durch Deinen köstlichen Schutz und erlöse uns von allem Übel, bittend Deinen Sohn Christum, unseren Gott, zu erretten unsere Seelen!”.
Kontakion, Ton 3: “Die Jungfrau steht heute voran in der Kirche und mit der Schar der Heiligen bittet Sie unsichtbar für uns zu Gott, die Engel neigen sich mit den Hohenpriestern, die Apostel aber frohlocken mit den Propheten, weil für uns die Gottesgebärerin fleht zu dem urewigen Gott!”.

1 Dieses Wunderzeichen geschah in der ersten Hälfte des 10. Jh., gegen Lebensende des Hl. Andreas, des Narren in Christus, † um 936. Das eigentliche Fest zu Ehren des Omophorions der Gottesmutter wurde in der Russischen Kirche etwa um die Mitte des 12. Jh. eingeführt. Bemerkenswert ist, daß diese Schau dem Hl. Andreas, einem gebürtigen Slawen, zuteil wurde – das Fest wurde auch in slawischen Ländern zuerst gefeiert. Obwohl es in Konstantinopel selber nicht begangen wurde, gedachte man doch der Schau des Hl. Andreas. In der Kirche von Vlacherna befand sich eine Ikone der Mutter Gottes in eben der Gestalt, in der der Hl. Andreas Sie geschaut hatte.

2 Epiphanios, ein adeliger Jüngling, Schüler des Hl. Andreas, der nach Ansicht einiger später Mönch mit Namen Polieuktos und dann Patriarch von Konstantinopel wurde, † 956.

3 D.h. die verschiedenen irdischen Umstände und Versuchungen: insbesondere die feurigen Pfeile des Bösen, die Angriffe seitens des Teufels, dieses uralten, schrecklichen Feindes des Menschengeschlechtes, der uns mit todbringendem Feuer versengt.

4 Gottesdienst zum Verkündigungsfest Marias.