Erzbischof Antonij

Predigt von S. E. Erzbischof Antonij von Westamerika und San Francisco in der Münchner Kathedralkirche
(2./15. Dezember 1996 – 28. Sonntag nach Pfingsten – Hl. Prophet Avvakum)

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 1

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Liebe Brüder und Schwestern!
Der Hl. Gregor der Theologe begann im 4. Jh. seine berühmte Homilie (und alle seine Homilien sind berühmt) mit dem Aufruf: Christus wird geboren, verherrlicht Ihn! Christus kam vom Himmel, begegnet Ihm! Christus ist auf Erden, erhebt euch in Gemüt und Geist zu Ihm! Vier Jahrhunderte später nahm der Schöpfer des ersten Hymnenkanons zu Christi Geburt, der Ehrwürdige Kosmas von Majum, diese Worte und gestaltete sie zu dem Irmos der Hymne, die uns beginnend mit der Nachtwache zum Fest des Einzugs der Allerheiligsten Gottesgebärerin in den Tempel so eindringlich klingt und zuruft: Christus wird geboren, verherrlicht Ihn, Christus kommt vom Himmel, geht Ihm entgegen, Christus ist auf Erden, erhebet euch zu Ihm! Ein Aufruf zur Verherrlichung und zur Begegnung. Zu was für einer Begegnung? Natürlich zu einer rein geistlichen.
Heute hörten wir aus dem Hl. Evangelium nach Lukas über eine Begegnung mit Christus dem Heiland, die in den Tagen Seines irdischen Lebens stattgefunden hatte. Über die wundervolle Begegnung, welche mit verschiedenen Details nicht nur der Evangelist Lukas, sondern auch der Evangelist Matthäus und der Evangelist Markus beschrieben. Es war so. Im dritten Jahr der Verkündigung Christi des Heilandes auf Erden, als Er aus Galiläa in das Gebiet des jüdischen Landes jenseits des Jordans (Mt. 19,1) zog, hörte ein Jüngling – wie wir bei Lukas hören ein Oberster (Lk. 18,18), (es wird vermutet, gar einer der Synagogenvorsteher), ein Vermögender also, wie weiter aus dieser Erzählung hervorgeht – von Christus dem Erlöser, der ein Prophet aus Nazareth sei, oder gar wie einige ahnten und errieten, der von allen ersehnte Messias, und dort vorbeiziehen würde. Da lief er Ihm entgegen, fiel auf die Knie und sprach: Guter Meister! Was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Jesus aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein (Lk. 18,19) – im höchsten Grad, im vollen Sinn dieses Wortes. Als ob der Herr sprechen würde: Das bedeutet also, du fühlst, du weißt, mit wem du sprichst. Es ist ähnlich der Episode, als der Herr den von ihm geheilten Blindgeboreren trifft und ihn fragt, ob er an den Sohn Gottes glaube. Nach einigen Augenblicken dieses wortlosen Gespräches spricht plötzlich der Herr: Wenn du ins ewige Leben eingehen willst, über das du dich erkundigst, dann halte die Gebote. Welche? Der Herr zählt dem Jüngling die alttestamentlichen Gebote auf, die von der Beziehung zum Nächsten handeln: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis reden, du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren (Lk. 18,20). Der Jüngling antwortet, daß er all dies von seiner Jugend an gehalten habe. Er war nicht ein gewöhnlicher junger Mann, sondern ein Suchender, ein Fragender, der sich bemühte, nach den höchsten Idealen seiner Zeit zu leben und der hoffte, vom Herrn etwas Neues zu hören.
Aber erfüllte der Jüngling tatsächlich diese Gebote? Ja und nein. Er erfüllte sie eben als ein alttestamentlicher Mensch. Nur der Herr lehrte ihn, diese Gebote in aller Tiefe zu erfüllen. Ihr habt gehört, spricht der Herr, daß zu den Alten gesagt wurde: Töte nicht, aber Ich sage euch: Hege auch keinen Groll deinem Nächsten gegenüber; ihr habt gehört, daß gesagt wurde: Brich die Ehe nicht, aber Ich sage euch: Blicke auch nicht mit unreinen Augen, mit Lust und Verlangen auf eine Person des anderen Geschlechts. Der Jüngling konnte im Augenblick all dies nicht ganz verstehen, obwohl er ein für seine Zeit hervorragender junger Mann war.
Und da passierte etwas Besonderes, worüber heute nicht gelesen wurde, denn der Evangelist Lukas schreibt darüber nicht, nur der Evangelist Markus. Der Herr schaute diesen Jüngling an und liebte ihn (Mk. 10,21). Was bedeutet das? Gott ist die Liebe, das ist Seine hauptsächliche Eigenschaft und das ist Er ganz und gar. Der Herr liebt alle – in der Hinsicht, daß Er allen das Heil wünscht.
Und wenn gesagt wird, daß der Gottmensch Christus diesen Jüngling anblickte und ihn liebte, wer hätte dies fühlen, wer hätte dies wissen sollen? Von den drei Evangelisten spricht nur einer davon. Der Hl. Evangelist Johannes, bei dem von dieser Begegnung nichts steht, bezieht sich auf sich selbst als auf den Jünger, den Jesus lieb hatte (Jh. 21,20), d.h. sich nicht bei seinem Namen nennend spricht er mit tiefer Demut von sich: er, der beim Letzten Abendmahl an der Brust des Herrn lag, er, der alleine an Seinem Kreuz blieb, als die anderen davonliefen.
Vielleicht hatte der Evangelist Markus einen Grund, um die besondere Erinnerung an diesen Vorfall, diese Begegnung zu bewahren? Was wurde in der Folge aus diesem Jüngling? Also der Herr blickte ihn an und liebte ihn, wie der Evangelist Markus sagt; und wie auch die anderen berichten, spricht Er dann: Willst du vollkommen sein (Mt. 19,21), oder wie ein anderer sagt: eines fehlt dir (Mk. 10,21), so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach (Mt. 19,21); der Apostel Markus fügt noch hinzu: und nimm das Kreuz auf dich. Dies heißt: Sei bereit zu jeder Kränkung, zu jedem Leiden, zu jeder Qual, bis zum Kreuzestod. Diese Worte bedeuten: Geselle dich zu diesem Reigen: zu Petrus, zu Andreas, zu Jakobus, Johannes und den anderen heiligen Aposteln, wenn du vollkommen sein willst. Der Herr sagte: wenn du vollkommen sein willst. Er verlangt nicht von jedem Menschen, sich von seinem Vermögen loszusagen und es an die Armen zu verteilen. Aber wenn du etwas Besonderes suchst, dann handle so! Und jener Jüngling ging, wie alle Evangelisten bezeugen, betrübt von dannen (was Künstler des Abendlandes oft in ihren Gemälden darstellten), weil er großes Vermögen hatte.
Aber die Geschichte endete damit nicht. Die Apostel standen um den Heiland und der Herr spricht: Seht ihr, wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes (Lk. 18,24). Die Jünger entsetzten sich. Das ist ebenso schwer, wie für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen. Hier gibt es zwei Auslegungen. Eine, daß “Kamel” auch eine Bezeichnung für ein dickes Schiffstau war, und die andere, daß ein Kamel mit Müh und Not durch ein gewisses Stadttor der Jerusalemer Stadtmauer hindurchdurchkam, das seiner Enge wegen “Nadelöhr” hieß. Das Kamel mußte auf den Knien liegend hindurchkriechen. Das heißt, für einen Reichen ist es äußerst schwer, ins Königreich Gottes zu gelangen, aber dennoch nicht ganz unmöglich. Und wieder fügt der Evangelist Markus eine Einzelheit hinzu, die nur er allein erwähnt. Der Herr mildert Seine Worte und spricht zu den Aposteln und jenen, die Ihn sonst noch hörten, indem Er sich liebevoll an Seine Zuhörer wendet: Liebe Kinder, wie schwer ist’s für die, so ihr Vertrauen auf Reichtum setzen, ins Reich Gottes zu kommen (Mk. 10,24). Die Apostel fragten darauf: Wer kann dann überhaupt gerettet werden? Und der Herr spricht nun die allertröstlichsten Worte, sowohl für die Apostel als auch für jenen von dannen gehenden Jüngling: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lk. 18,27), während Markus hinzufügt: denn alle Dinge sind möglich bei Gott (Mk. 10,27).
Wir wissen nicht, was weiter mit dem Jüngling geschah, aber er ist dem Evangelisten Markus sehr ähnlich. Dieser war reich. Im Hause seiner Mutter Maria versammelten sich die ersten Christen, dorthin kam auch der Apostel Petrus, nachdem er von dem Engel aus dem Kerker befreit wurde (Apg. 12,12). Über den Evangelisten Markus schreiben die Kommentatoren des Hl. Evangeliums, daß dies derselbe Jüngling sei, welcher, als der Herr im Garten Gethsemane nach dem Verrat des Judas ergriffen wurde, nackt in ein Leinen eingehüllt hinter Christus, den sie wegführten, herlief. Er rannte offensichtlich von dem starken Wunsch getrieben, Ihm zu helfen. Aber die Krieger packten auch ihn, und das Leinen in ihren Händen fahrenlassend, floh er – es fehlte ihm die Entschlossenheit (Mk. 14,51-52). Auch wird über Markus, d.h. über Johannes mit dem Zunamen Markus, in der Apostelgeschichte erzählt, daß der Apostel Paulus ihn bei seiner ersten Reise mit sich nahm, aber sie fuhren zusammen nur bis Pamphylien, und der Apostel Paulus erachtete es für nicht billig Markus mitzunehmen, der in Pamphylien von ihnen gewichen war und nicht mit ihnen gezogen war zu dem Werk (Apg. 15,38); dann nahm Markus den Apostel Barnabas zu sich und sie fuhren nach Cypern. So bekundete er auch hier Unentschlossenheit. Aber was sehen wir dann? Danach war er bei dem Apostel Petrus, dann wieder bei Paulus, bei demselben Paulus, der ihn zuerst nicht mit sich nehmen wollte.
Ach wie sehr glich doch in seiner Jugend Johannes Markus, der spätere heilige Evangelist, jenem reichen Jüngling des Evangeliums, der zu dem guten Meister lief, welcher ihn anblicke und ihn liebte (Mk. 10,21)! Und wer außer Markus selbst hätte darüber berichten können!
Eben da wandte sich der Herr an die Apostel mit dem Wort: Liebe Kinder! Und von drei Evangelisten ist es wiederum nur der Hl. Markus, der diese rührende Einzelheit erwähnt (Mk. 10,24). Obwohl der Jüngling des Evangeliums damals unmutig wurde und traurig davon ging (Mk. 10,22), ist doch das ganze weitere Leben des Hl. Markus als Apostel und Gefährte der Apostelfürsten, der sein Kreuz auf sich nahm und dem, den er liebte, nachfolgte, ein wunderbarer Beweis dafür, daß bei Gott alles möglich ist. Amen.