Erzbischof Mark

Predigt zum Festabschluss des Entschlafens der Gottesmutter



 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 6

Im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes
Liebe Brüder und Schwestern!
Mit dem heutigen Tag wird das Nachfest des großen Feiertags der Allerheiligsten Gottesgebärerin abgeschlossen – des Entschlafens, jenes Ereignisses im Leben der Menschheit, durch welches der Herr uns von der allgemeinen Auferstehung im Leibe überzeugte. Die Allerheiligste Gottesgebärerin ist das Gefäß der Menschwerdung Gottes auf Erden, das Gefäß der Fleischwerdung des Gottmenschen. Die Gottesgebärerin ist das Gefäß der Demut, ihrer Eigenen und der Göttlichen. Ihr Sohn, als Gottessohn und Menschensohn, nahm unseretwillen Knechtsgestalt an (Philip 2, 7), wurde zur Schmach unter den Menschen. Was für Menschen? Zur Schmach unter den Menschen, die nicht an die Wahrheit glauben. Durch die Gottesgebärerin nahm der Herr unser Fleisch an und wurde zur Beschimpfung der Menschen (Ps 21, 7), wie der Psalmensänger spricht, der Menschen, die von ihren Sünden erdrückt werden. Gleichzeitig jedoch wurde Er zum guten Hirten, Der Seine Seele für die Schafe gibt.
Der Herr vereinte mit Sich die menschliche Natur. Ganz um unseretwillen, und von uns, und durch uns, wurde Er in solchem Maße zum Menschen, daß viele und aberviele selbst bis zum heutigen Tage nicht an Ihn als Gott glauben. Doch gleichzeitig war Er in solchem Maße Gott, daß Er die Werke des Teufels zerriß und der menschlichen Natur die Reinheit der seelischen Kräfte zurückgab, deren jene durch ihren Fall verlustig gegangen war. Er erneuerte die Kraft der Liebe, dieser Gegnerin der Eigenliebe, welche die erste Ausgeburt der Teufels ist und die Mutter aller übrigen Sünden und Leidenschaften.
Der Mensch verlor durch den Fall die Unmittelbarkeit der Gemeinschaft mit Gott, und seit jener Zeit sucht er Ruhm vom Fleisch anstelle des Geistes. Derjenige aber, der wie die Gottesgebärerin die fleischlichen Leidenschaften unterwirft, wird keinen Ruhm vom Fleisch erwarten, sondern sein Suchen auf Besseres lenken. Wer in der Nachfolge der Gottesgebärerin wünscht, daß man Ehre nicht ihm erweist, sondern anderen, der wird wahre Ehre finden. Wer aber sich selbst Ehre wünscht, der kann nicht umhin, den Nächsten zu beneiden, der Neid aber bringt unausweichlich Haß hervor. So folgt auf eine Sünde die nächste, so wird der Mensch von Ruhmsucht erfüllt, und kann schon nicht mehr dulden, daß ihm irgend jemand vorgezogen wird. Selbst raubt er sich den Vorrang, um nicht geringer zu erscheinen. Und keine Beleidigung kann er erdulden; wie ein scharfes Messer durchdringt sie sein Herz und führt unweigerlich zu boshafter Entrüstung. Ein solcher Mensch ist ein Sklave. Er ist an viele Herren verkauft, wie der hl. Nil vom Sinai sagt: der Überheblichkeit, dem Neid – Massen von Dämonen, die sein Herz zerreißen.
Nur derjenige, der nach dem Beispiel der Allerheiligsten Gottesgebärerin durch Liebe in sich die Selbstliebe zerstört, erweist sich als würdig vor Gott. Ein solcher Mensch kennt keine Überheblichkeit, diese Frucht des gottwidrigen Stolzes. Ein solcher Mensch strebt nicht nach vergänglichem nichtigem Ruhm. Er trocknet den Neid in sich aus, jenen Neid, der selbst unbarmherzig die von dieser Leidenschaft Besessenen austrocknet.
Lediglich durch freiwilliges Wohlwollen macht man sich die Menschen geneigt. Durch den Sieg über die Eigenliebe, reißt man die Wurzeln des Zorns aus, des Hasses, der List, Heuchelei, Boshaftigkeit, Gier, und all dessen, was die menschliche Einheit zerstört.
Anstelle des Lasters dringen Tugenden in die Seele, sie ergänzen die Liebe, ihre Kraft, und sie führt uns zur Einheit unserer Gott geschaffenen Natur als dem einzig Heilen. Dieser Einheit diente die Allerheiligste Gottesgebärerin, das Gefäß unserer Einigung mit Gott und mit uns selbst.
Die Kraft der Liebe führt uns zu neuer Ungleichheit. Eine solche neue Ungleichheit strebten die heiligen Märtyrer an, die eilten, um als erste den Ort des Martyriums zu erreichen. So ist es auch in unserem geistlichen, inneren Leben; wir errichten eine neue lobenswerte Ungleichheit, wenn wir uns selbst den Nächsten vorziehen, den wir zuvor abwiesen, verurteilten und verachteten.
Diese neue Ungleichheit, liebe Brüder und Schwestern, ist untrennbar mit der Demut verbunden. Sie tritt dann auf, wenn man den Nächsten über sich selbst stellt und dadurch dem Gebot des Herrn folgt: Wenn jemand der Erste sein will, der soll der Letzte von allen sein und aller Diener (Mk 9, 35). Die Verwandlung der sündigen Ungleichheit in lobenswerte Ungleichheit erreicht man durch beständige Willensanspannung. Nach dem Sündenfall wurde der natürliche Willen des Menschen entstellt. Seit diesem Moment unterwirft er alles der persönlichen Willkür. Dieser Zustand allerdings kann durch ständige Askese, tägliche Askese der Liebe und Demut bereinigt werden. Denn durch die Kraft der Liebe befreit sich der Mensch von sich selbst, sammelt sich zu neuer Einheit: alles was durch Sünde, Tod und Krankheiten zerstreut und aufgerieben ist, sammelt er zu einem Einen Ganzen, zur organischen Einheit der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Wir kennen alle das Beispiel des Vorvaters Abraham, der an der Eiche von Mamre die Heilige Dreiheit empfing. Der große Abraham stellte sich wieder her in Gott, brachte sich selbst Gott zurück und erhielt selbst Gott wieder. Im Zelt des gastfreundlichen Patriarchen offenbarte Sich der Herr dem Menschen, der Gott infolge der Sünde verloren hatte und Ihn durch die Menschenliebe wieder fand. So können auch wir, liebe Brüder und Schwestern, durch die Askese der Selbstentsagung, der Lossage von sündhafter Eigenliebe die Einheit mit uns selbst und mit Gott von neuem gewinnen. Amen.