Erzbischof Mark

Predigt am Heiligen und Großen Samstag



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 2000, 3

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Liebe Brüder und Schwestern!
Gestern versammelten wir uns vor Christi Kreuz. Auf ihm stand eine Aufschrift in verschiedenen Sprachen, damit alle Völker sie lesen konnten. Das zeugt davon, welche Bedeutung dieser Aufschrift beigemessen wurde. Heute aber stehen wir vor dem Grab. Keiner der Evangelisten berichtet davon, ob auf dem Grab eine Aufschrift stand oder nicht.
Worin besteht der Unterschied zwischen Kreuz und Grab? Auf dem Kreuz war der MENSCH gekreuzigt, Der alle menschlichen Sünden, und Schwächen und Krankheiten auf Sich genommen hatte und den Tod der gesamten Menschheit. Als aber dieser MENSCH in den Hades herabstieg, da verwunderte sich der Hades, die Hölle wurde erschüttert, denn sie dachte einen Toten zu berühren, stieß aber tatsächlich auf das Leben. Sie dachte, einem Menschen zu begegnen, traf aber auf Gott. Der in das Grab Herabgestiegene führte dorthin Seine Gottheit, die Er mit unserer Menschheit verbunden hatte. Und hier bedarf es schon keiner Aufschrift mehr, denn dieser Vorgang und seine Folgen übersteigen jeglichen menschlichen Verstand.
So liebte Gott die Welt, daß Er Seinen Einziggeborenen Sohn hingab (Jo. 3, 16). Die Aufschrift auf diesem Grab kann also nur LIEBE lauten. Diese Liebe aber ist für uns Menschen so unbegreifbar, daß niemand eine solche Aufschrift zu erstellen wagte. Ja unvergleichlich ist sie mit unserer Liebe, die stets begrenzt, immer sündig, niemals dazu bereit ist, sich für andere zum Opfer zu bringen: nicht eines Einzelnen, sondern um aller anderen willen, um der ganzen Welt willen. Allein die LIEBE Selbst konnte und kann dem sündigen Menschengeschlecht so sehr entgegenkommen, daß sie nicht nur Mitgefühl für dieses entwickelt, sondern all das Unsere auf Sich nimmt, alles Unrechte, alles Sündige, um dieses durch die Liebe aufzulösen und in Gutes zu verwandeln. Hier ist die Quelle des gottmenschlichen Lebens – im Grab Christi. Das ist die Wiege des Lebens, denn wie Adam allein dieses Leben zerstörte und es durch seine Sünde dem Verderben übergab, so hat auch der Neue Adam allein, das Er für alle litt, uns alle von den Folgen der Übertretung des ersten Adams befreit.
Die Liebe Gottes zu uns ist so unermeßlich, daß sie die ganze Welt verändert, und den Menschen, den ganzen Menschen, in dieser Welt. Von jetzt ab ist der Tod nicht mehr vorhanden, jetzt gibt es kein Leiden mehr. Denn jegliches Leiden zeugt nur von der Sünde, nur von dem, was der Herr überwunden hat, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Schöpfer unseres Lebens. Neues Leben brachte Er auf die gealterte Erde unseres menschlichen Herzens und unserer menschlichen Seele. Nicht nur lockert Er die Erde des Herzens und der Seele des Menschen auf, sondern Er wendet sie vollkommen um, denn sie wird hell, sie wird lichttragend und wird zur Christusträgerin in dieser Welt, die wir dem Teufel überliefert haben.
Das Vermächtnis, liebe Brüder und Schwestern, des heutigen Tages besteht darin, daß wir mit Dankbarkeit diese Liebe annehmen und sie in unseren Herzen vermehren, damit sie die uns umgebende Welt erleuchtet, und vor allem unsere eigenen finsteren und der Finsternis ergebenen Seelen so glänzen lassen, wie heute in unserer Kirche die lichten Gewänder aufgeleuchtet sind. Der Herr ist mit uns, der Herr ist um unseretwillen in den Hades herabgestiegen und führt uns um unseretwillen in Sein Paradies.
Amen.