Erzpriester Bozidar Patrnogic

„Wenn ich dich vergäße, Jerusalem...“



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 3

Zwei Monate lang ist die Weltöffentlichkeit besorgt über die Lage im Kosovo, was die Hauptursache für die Bombardierung Jugoslawiens durch die Länder der NATO darstellt...
Einem Menschen, der keine wirkliche Vorstellung über Serbien hat, mag die täglich wiederholte Lüge als Wahrheit erscheinen. Viele blicken jetzt mit Verachtung auf die Serben herab, verabscheuen sie, werden zu Mitläufern hinsichtlich der gegen Serbien gerichteten Politik. Natürlich rufen die Bilder der albanischen Flüchtlinge aus dem Kosovo ein tiefes Mitgefühl zu den so Leidenden hervor. Nur, stehen die Dinge insgesamt wirklich so?
Es wird öffentlich diskutiert und sogar offiziell, warum sollten die Serben dieses Stück Land nicht abtreten, warum halten sie so hartnäckig an diesem Kosovo fest und berufen sich dabei auf irgendeine fünfhundertjährige Tradition... Manche gehen noch weiter und verdrehen die Geschichte, aber so erschießen sie die Wahrheit, entreißen Serbien sein Herz, berauben es seines Atems.
Denen, die die Wahrheit wissen wollen, möchten, wir nur einige der vielen Fakten anführen, die zu einem ausgewogenen Bild beitragen mögen. Erstens ist Kosovo nicht irgendein Fleckchen Erde, sondern eine serbische Region, die 10.800 km2 umfaßt. Wer findet in der Welt eine Nation, die eine solche, noch nie dagewesene Freigebigkeit zeigen wird und einem fremden Land ein solch bedeutendes Territorium schenkt?
Zweitens ist der volle Name dieser Region Serbiens Kosovo und Metohija. "Metoh" ist eine Kirchengemeinde, die von einem Kloster aus betreut wird, also geistlich an einem Kloster teilhat. Daß ein Land so genannt wurde, liegt daran, daß es hier viele prächtige Klöster gibt, die seinerzeit von serbischen Herrschern große Ländereien erhielten. Nicht zufällig strichen die Albaner in den Jahren der Diktatur Titos, die gegen das serbische Volk und seine Heiligtümer gerichtet war, die Bezeichnung Metohija. Die gesamte Region wurde von da an ausschließlich mit dem albanischen Wort Kosovo bezeichnet. Die Anwesenheit der Serben auf diesem Territorium beschränkt sich keineswegs nur auf einen Zeitraum von 500 Jahren. Das serbische Volk ist dort bereits seit dem 6.-7. Jh. angesiedelt, während die albanischen Nomadenstämme damals fernab vom Kosovo in den Bergen des heutigen Albanien hausten.
Darüber, daß es in Kosovo und Metohija eine echte und eigenständige serbische Kultur gab, davon zeugen viele Kirchen und Klöster. Hier nur einige von ihnen:
„Bogorodica Chvostacka“, 6.-7.Jh. wo der hl. Savva, nachdem er die Autokephalie für die Serbische Kirche erhalten hatte,1219 eine eigene Diözese gründete;
„Ot¡seljnica“, die Höhle des Hl. Petrus Kori¡sko mit einer malerischen Kirche aus dem 11. Jh. bei Prizren;
die Patriarchie von Pe¡c, 13. Jh., zu der 4 Kirchen mit seltenen Fresken gehören; von den Tagen ihrer Gründung an bis heute findet hier die Inthronisierung der serbischen Patriarchen statt.
„Bogorodica Levi¡ska“, 13. Jh. Kathedralkirche in der Stadt Prizren;
das Kloster Banjska, Beginn des 14. Jh.
das Kloster Gra¡canica, 1310, berühmt für seine Fresken und besondere Architektur
das Kloster „Vysoki De¡cani“, 1327-1335, eine monumentale Kirche mit Freskenausmalung.
Viele andere Kirchen und Klöster haben seinerzeit durch die türkischen und albanischen Barbaren schwer gelitten, viele weitere wurden völlig zerstört.
Kosovo und Metohija war jahrhundertelang ein Zentrum des serbischen Staates und der serbischen Kirche, eine Quelle serbischen geistlichen Lebens, nationalen und kirchlichen Bewußtseins. In vielen Klöstern und Kirchen ruhen die ehrwürdigen Reliquien serbischer Heiliger. Auf die Bedeutung der Region Kosovo-Metohija weist auch der Bischofssynod der Serbischen Kirche in seinem Appell an die Öffentlichkeit hin:
"Im Kosovo wurde das serbische Volk geschaffen, ist zu dem geworden, was es ist. Ohne Kosovo wird das serbische Volk zu einer amorphen, einer nur noch biologischen Masse, ohne Vergangenheit und ohne Zukunftsberechtigung. Aus diesen Gründen stellen wir uns die Frage: Welche irdische Macht darf dem serbischen Volk seine Erinnerung, seinen Staat, seine geistliche Existenz nehmen und sein Schicksal und seinen Platz unter der Sonne bedrohen?“
Albanische Bevölkerung macht sich im Kosovo erst im 17. Jh. bemerkbar, und das ist eng mit der Islamisierung verbunden. Ende des 16. und Anfang des 17. Jh. kommt es zu Aufständen der Serben gegen das Türkenjoch. Obwohl das türkische Reich schon innerlich geschwächt war und zu zerfallen begann, konnte es all diese Revolten unterdrücken und an den Serben Rache üben. Das ist der Punkt, an dem die Albaner zum Zuge kamen, die den Islam annahmen und in die Region Kosovo und Metohija eindrangen. Anfangs besetzten sie in kleinen Grüppchen das Land der angrenzenden Territorien. Dann, als sie sahen, daß sie mit der Annahme des Islam Vergünstigungen bei den Türken erhielten, stiegen sie um so williger von den Bergen herab und ließen sich auf den kultivierten Böden von Kosovo-Metohija nieder. Diese harte Vergeltung nötigte die Serben im Jahr 1690 mit ihrem Oberhaupt Patriarch Arsenij vom Kosovo in die Vojvodina zu ziehen, was sich die Albaner unverzüglich zunutze machten, indem sie sowohl das Land als auch die serbischen Häuser besetzten. Die serbische Bevölkerung im Kosovo-Metohija lebte, sowohl von den Türken als auch von den Albanern in die Enge getrieben, fortan unter schweren Umständen.
Nach den Balkankriegen von 1912/13 siedelten viele Türken und Albaner in die Türkei über, während die serbischen Familien zu ihren alten Heimstätten zurückkehrten, weshalb der Anteil der serbischen Bevölkerung im Kosovo sich nun wieder vergrößerte.
In den Jahren des Zweiten Weltkrieges schlug sich die albanische Bevölkerung des Kosovo auf die Seite der Faschisten, Deutschen und Italiener, der Besatzer also. Die albanischen Einwohner des Kosovo, die immer schnell waren, ihre Position zu wechseln und sich auf die Seite der Sieger zu schlagen, wurden nach dem Krieg glühende Kommunisten. Tito, ein Hasser und wütender Feind der Serben, entschied alle Probleme des Kosovo zugunsten der Albaner. Er diskriminierte beharrlich das serbische Volk, indem er den serbischen Flüchtlingen die Rückkehr in den Kosovo verweigerte. Die in diesen Gebieten verbliebenen Serben wurden grausam verfolgt und bedrängt - das war eine gezielte ethnische Säuberung. Die Arbeitsplätze wurden nahezu ausschließlich Albanern zugewiesen, die meist ungebildet und unqualifiziert waren. So kam bei den Neueinstellungen auf zehn Albaner - ein Serbe, und in den Schulen auf vier albanische Klassen - eine serbische. Die Serben wurden so wieder gezwungen, ihre altangestammten Heimstätten aufzugeben und sich zur Suche nach Wohnung und Arbeit nach Serbien oder ins Ausland zu begeben.
Nach dem Tod Titos besserte sich die Lage etwas, aber wirtschaftlich waren die Albaner den Serben überlegen. In letzter Zeit spürten die Albaner die antiserbische Stimmung in der Weltpolitik, und begannen einen regelrechten Aufstand gegen Serbien mit dem erklärten Ziel Kosovo und Metohija von Serbien abzutrennen und Albanien einzugliedern...
Die Zahl der im Kosovo lebenden Albaner war nie genau bekannt. Wegen der Unachtsamkeit der jugoslawischen Regierung konnten sich dort viele albanische Staatsbürger ansiedeln, die weder einen Paß noch ein Bleiberecht hatten. Zwei Versuche des Staates eine Volkszählung des Kosovo und der Metochia durchzuführen erwiesen sich als Fiasko: Die Albaner weigerten sich, erfaßt zu werden, weil sie befürchteten, daß herauskommen könnte, wie viele von ihnen illegal hier lebten...
Das serbische Volk erträgt Unglück und Drangsal geduldig, weil der Kosovo für die Serben geistliche Bedeutung hat. Was ist der Kosovo für das serbische Volk?
Kosovo – das ist serbische Freude und Trauer,
Kosovo – das ist serbische Ehre und Erinnerung,
Kosovo – das ist das serbische Tor zur himmlischen Heimat.
Kosovo ist voll von Reliquien und Gebeinen der serbischer Märtyrer. Dort floß ihr kostbares Blut, und hier wachsen die Pfingstrosen von besonders flammender Röte sind. Kosovo ist das serbische Jerusalem, das man nicht aus dem serbischen Herzen reißen wird. Mit Wehmut, aber auch Gewißheit wiederholt jeder Serbe in seinem Herzen: Wenn ich dich vergäße, Jerusalem (Kosovo), so soll vergessen sein meine Rechte.(Ps.136,5).
Erzpriester Bozidar Patrnogic