Erzpriester Georgios Metallinos, Prof. der Universität Athen

Die Bedeutung der Kirchenväter
in der Orthodoxie



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 4

Die Kirche ist unvorstellbar ohne Väter, wie sie auch ohne Christus und ohne Apostel undenkbar ist. Die Kirche ist nicht nur apostolisch, sondern auch "väterlich" (= patristisch). Von ihrem Wesen her ist sie die "Kirche der heiligen Väter". Denn, wenn sie echt patristisch ist, dann ist sie auch wahrhaft apostolisch. Warum? Weil die heiligen Väter (und Mütter) aller Jahrhunderte die gerade und ununterbrochene Linie der kirchlichen Tradition sind, d.h. die Fortsetzung des durch die Fleischwerdung des Wortes Gottes in die Welt eingeführten neuen Lebens, des Lebens Christi. Die Väter sind also die Nachfolger der heiligen Apostel; sie führen ihr Werk weiter, nicht nur mit der Übernahme bestimmter Verwaltungs- und Pastoralaufgaben, sondern auch mit der Fortsetzung der "neuen Schöpfung", der geoffenbarten neuen Lebensweise, die sich als Glaube und Gesinnung, als seinsmäßiger Lobpreis des Dreieinigen Gottes und als Leben und Koinonia ausdrückt. Die Väter sind also in jeder Epoche Zeugen des wahren Glaubens (der Orthodoxie) - testes veritatis - in seiner ganzen Fülle.
Der Begriff "Väter" wird von seinem Wortinhalt her mit der Zeugung von Kindern und der Sorge für sie verbunden. Mit dieser Bedeutung wird er auch in der Kirche verwandt, natürlich von seinem biologisch-körperlichen Inhalt befreit. Bereits im NT bezeichnet Paulus sich als "Vater" der Gläubigen, weil sie von ihm gezeugt wurden, nicht körperlich, sondern geistlich, durch die wahre Zeugung, über die Christus "bei Nacht" zu Nikodemus sprach (Joh.3). Der Apostel spricht über die Zeugung "in Christo" und "durch das Evangelium". Diese Begriffe beziehen sich auf die Koordination der geistlichen Vaterschaft in der Kirche. Die Väter sind Väter in Christo und ihre geistlichen Kinder werden durch sie Kinder Christi. Man wird nämlich "Vater", weil man selbst in Christo ist, d.h. wiedergeborenes, wahres Kind Christi, des einzigen wahrhaften Vaters (Eph.3,15), und jeder Gläubige, der unter Mühen eines Vaters wiedergeboren wird, wird Kind Christi, kehrt ein in Christus und wird gerettet. Die leiblichen Väter zeugen für die Welt; die geistlichen Väter zeugen für Christus. Nun verstehen wir die Absolutheit und wirklichen Dimensionen eines Satzes der "Apostolikai Diatagai" (4. Jh): "Dieser ist Lehrer der Frömmigkeit, dieser ist nach Gott unser Vater, der uns durch Wasser und Geist wiedergezeugt hat" (II, 26). Der Weg der Kirche in der Welt ist eine ständige Zeugung in Christo. Deshalb gibt es keinen Zeitpunkt in der Geschichte, an dem es keine Väter gibt. Die scholastische Normierung des Begriffes "Vater" führte den Westen dazu, die Epoche der Väter zeitlich zu begrenzen: bis zum 7. Jahrhundert im Westen (Gregor der Große oder Isidorus von Sevilla) und bis zum 8. Jahrhundert im Osten (Johannes von Damaskus). Das ist natürlich eine fränkische Erfindung, um die scholastische Theologie (= fränkische Theologie) hervorzuheben, die nach deren Meinung der "Theologie der Väter" folgte oder besser, was einen wesentlichen Fortschritt bedeutete, sie ersetzte. Und dazu kam es natürlich, weil die alte Vätertheologie, außer der des Augustinus, nicht zur Stützung der fränkischen dogmatischen Neuerungen und besonders des "filioque" dienen konnte.
Die Väter haben also eine derartige Bedeutung für die Kirche, weil sie unmittelbar mit der Tatsache der Tradition verbunden sind, die das Wesen des kirchlichen Lebens bildet. Die Tradition wird kirchlich als eine ununterbrochene, ungetrübte Fortsetzung des Lebens der Kirche in seiner Gesamtheit als "Leben in Christo" verstanden. Das Gespräch aber über die kirchliche Tradition konfrontiert natürlicherweise immer mit dem Problem der Echtheit und Authentizität der Tradition, die nur insofern Tradition ist, als sie ein echtes Zeugnis in Christo ist. Die Tradition wird so, als "Weitergabe" einer Lebensweise, nicht unpersönlich von einer Epoche zur anderen, verstanden, sondern persönlich, von einem Zeugen der Tradition zum anderen. Bei dieser Tatsache der daseinsmäßigen persönlichen Funktionsweise der Tradition als einer stetigen Weitergabe spielen die Väter die Hauptrolle, da sie die Zeugen "der Dauerhaftigkeit oder Identität der Predigt, wie sie uns von Generation zu Generation überliefert wurde" (Flor. 140), sind. Deshalb erscheint bereits im 3. Jahrhundert das Begriffspaar "Apostel und Väter" zur Bezeichnung dieser Fortsetzung und Glaubwürdigkeit. Sich auf die Väter zu beziehen war etwas Selbstverständliches zur Zeit der Synoden und besonders der großen, angefangen mit der Ökumenischen Synode von Nikäa. Väter waren diejenigen, die das wahre Dogma, die Lehre der Apostel, weitergaben und förderten, diejenigen, die Leiter und Lehrer der christlichen Erziehung und Katechese waren. Deshalb hört man auch so oft den Ausdruck "den heiligen Vätern folgend" in den Synoden der Kirche; denn ihre Lehre ist der authentische Ausdruck der kirchlichen Tradition. Dies verkündet die siebte Ökumenische Synode: "Der Lehre unserer heiligen Väter über Gott und der Tradition der Katholischen Kirche folgend". Der Satz "den heiligen Vätern folgend", bedeutet im Grunde genommen die Anrufung glaubwürdiger Zeugen der Tradition, der echten Träger der Tradition. Daher sagt auch ein alter Hymnus (vielleicht von Romanos dem Meloden): "Der Apostel Predigt und der Väter Dogmen hat die Kirche bewahrt, und so den Glauben zu einem zusammengeschweißt, und das Gewand der Wahrheit tragend..., verwaltet sie auf rechte Weise und verherrlicht das große Mysterium der Frömmigkeit". So werden die Väter zu "Aposteln" Christi in ihrer Zeit, zur Ausbreitung des Evangeliums in der Welt gemäß dem Auftrag des Auferstandenen Gottmenschen und Herrschers des Himmels und der Erde. Sie sind diejenigen, die das Werk der Apostel fortsetzen, wie es in der Apostelgeschichte (2,42) beschrieben wird: "Sie verharrten in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und den Gebeten"; ein theologisches Werk also, ein pastorales und ein gesellschaftliches. Daher werden wir auch im folgenden die Bedeutung der Väter in diesen drei Dimensionen ihres Dienstes in der Kirche betrachten:

a) Das theologische Werk der Väter.
Die Väter sind die wirklichen Theologen unserer Kirche. Der Westen hat uns gelehrt, die Väter als Philosophen und große Denker zu betrachten. Das ist auf die anomale Entwicklung des patristischen Denkens im Bereich der Scholastik zurückzuführen. Sowohl in der alten Kirche wie auch im orthodoxen Osten wurden die Väter niemals als Philosophen und Denker angesehen, noch betrachteten sie sich selbst als solche. Ihre Theologie ist nicht die Frucht eines philosophischen (metaphysischen) Suchens und philosophischer und pietistischer Gedanken über die Bibel (Bibelkritik). Außerdem ist die Bibel nichts Transzendentes und Metaphysisches, eine Art göttliches Buch, das fertig vom Himmel gefallen ist, wie die Mohammedaner z.B. den Koran verstehen. Noch ist die Bibel objektiv das "Wort Gottes" selbst, das dem Menschen angeboten wird, damit er es geistig annimmt und mit seinen frommen Gedanken über es gerettet wird. Deshalb kennt der Osten auch keinerlei Art von "Meditation" oder Spekulation als theologisches Mittel. Die Bibel (AT und NT) enthält das Wort der Vergöttlichten (Propheten und Apostel) über das göttliche Wort, den Ausdruck der mystischen Erfahrung der Heiligen des Alten und Neuen Testaments, die Gott geschaut haben. Die Offenbarung Gottes ist in keinem Buch von selbst formuliert worden, sondern wurde und wird geschenkt nach der Reinigung des Menschen, im Zustand der Erleuchtung und besonders der Verherrlichung oder Vergöttlichung (Gottesschau). Ganz im Gegenteil dazu gelangte die Metaphysik zur Aufstellung unabänderlicher Kriterien und zur Götzenverehrung. Die Theologie der Väter beruht auf der Gotteserfahrung und stützt sich auf die Schau Gottes. Die Erfahrung der Heiligen ist die einzige sichere Brücke zwischen Geschaffenem und Ungeschaffenem. Daher unterscheiden sich die Väter grundsätzlich von den Philosophen aller Jahrhunderte. Die Offenbarung der Wahrheit empfangen die Heiligen von Gott selbst durch die Einwohnung des Heiligen Geistes in ihnen (Erleuchtung) und durch ihre Erfahrung der Gottesschau (Verherrlichung, Vergöttlichung). Im Gegensatz dazu kämpfen die Philosophen allein, um die Wahrheit zu entdecken. Die Väter haben diese fertig vor sich, entweder aufgrund ihrer eigenen Erfahrung oder von den Erfahrungen der früheren Väter her. Die Philosophen haben als Hauptmerkmal das Streben nach der Originalität in ihren Theorien. Den Vätern dagegen ist die Originalität völlig gleichgültig, so sehr das Werk der großen Väter auch für die Welt und die Gläubigen eine Erweiterung der Lehre der Kirche bezüglich eines theologischen Problems darstellt, besonders, wenn das Heil der Gläubigen bedroht wird, wie es gewöhnlich beim Auftreten von Häresien geschieht. Die Väter haben ihre Aufmerksamkeit theologisch andauernd auf die Vergangenheit gerichtet. Sie wollen nicht beeindrucken mit neuen Entdeckungen - deshalb auch könnten sie unter den heutigen Gegebenheiten in der Universitätstheologie nie einen Doktortitel beanspruchen! - sondern die apostolische Tradition fortsetzen, "die ewigen Grenzen nicht verrückend, die die Väter vor ihnen gesetzt haben". Sehr charakteristisch ist in diesem Zusammenhang der Fall des hl. Gregorios Palamas (1296-1359). Er war tief in der apostolischen und patristischen Tradition verankert. Grundsätzlich bewegte er sich im Rahmen des Lehre der Kappadokier, Athanasios des Großen, Dionysios des Areopagiten und Maximus des Bekenners. Seine Geg-ner aber, östliche wie westliche, die den auf der Erfahrung beruhenden Kontakt mit der kirchlichen Tradition verloren hatten, verdächtigten ihn umstürzlerischer Neuerungen. Denn er bot die alte Väterlehre in einer neuen Verbindung dar, als "schöpferische Erweiterung" der Tradition und nicht als blinde Wiederholung. Außerdem ist der echte patristische Geist keine formelle Wiederholung, sondern die dynamische Einverleibung der Tradition und deren erneuter Ausdruck.
An diesem Punkt wird der grundlegende Unterschied zwischen der Methode des Vaters und der eines Philosophen sichtbar. "Der Philosoph denkt und überlegt, zumindest theoretisch, unabhängig von den Gedanken seiner Vorgänger, d.h. er ist grundsätzlich nicht an die Antwort gebunden, die andere Philosophen auf das Problem gegeben haben, das er untersucht. Er trachtet danach, eine persönliche Lösung des Rätsels der Welt zu ge-ben und sich von der Richtigkeit oder Angebrachtheit seines autonomen Denkens zu überzeugen". Daher finden wir auch bei jedem großen Philosophen eine neue Erklärung, "mit der Schaffung ei-nes philosophischen Systems, in dessen Grenzen der Mensch sich zu bewegen hat... Das Gegenteil geschieht bei den Vätern". Der Vater arbeitet nicht losgelöst vom geistlichen Reichtum der Kirche. "Notwendigerweise ist er ein dynamischer Träger und Exeget der Elemente, die die ihm vorausgegangenen Väter im Rahmen der Lehre der Kirche hervorgebracht haben".
Es ist außerdem charakteristisch, daß, von der scholastischen Methodik abgesehen, die Väter sich nicht auf die Autorität der Philosophen berufen, sondern nur auf die der vergöttlichten Heiligen, wie ebenfalls ein Vater - im Gegensatz zu dem, was man im Westen zu diesem Thema geschrieben hat - nicht als platonisch, neuplatonisch oder aristotelisch charakterisiert werden kann (wir meinen vom Wesen seiner Theologie und nicht vom Gebrauch der philosophischen Sprache und Terminologie her, als "Mittel zur Verständigung mit den Menschen seiner Zeit"). Diese Haltung der Väter wurde überdies offiziell von der Kirche ausgedrückt im "Synodikon", einem Text, der am ersten Fastensonntag gelesen wird: "Diejenigen, die sich mit den griechischen (= philosophischen) Studien befassen, nicht nur um des Studiums willen, sondern auch deren eitle Ansichten annehmen und sie für wahr halten... und diese ohne Bedenken lehren, sollen in Bann sein". Das bedeutet natürlich nicht, daß die Väter die Bildung ablehnen. Ganz im Gegenteil: die großen Väter zeichnen sich auch durch ihre hohe Bildung aus. Die orthodoxe Erkenntnislehre ist eine doppelte: geistlich und wissenschaftlich. Die erste ist die Teilnahme an der göttlichen Herrlichkeit, die zweite die logische Erkenntnis. Es gibt Heilige, die nur die erste haben, ohne irgendwie zurückzustehen. Ein heiliger Vater aber, der auch die zweite Erkenntnis hat, kann seine Erfahrungen niederschreiben und die Gläubigen lehren.
Nach Vater Georg Florovski "war das Hauptcharakteristikum der Vätertheologie ihr existentieller Charakter...". Tatsächlich, nach der Formulierung des hl. Gregor des Theologen, theologisierten die Väter "den Fischern gemäß und nicht aristotelisch" (Log. 23,12), d.h. im Einklang mit den Aposteln und nicht mit den Philosophen. So war ihre Theologie nicht Philosophie, sondern Botschaft, Predigt. Ihre Theologie bleibt selbst dann noch Predigt, wenn sie unter dem Druck der Umstände "logisch geordnet" und mit logischen Argumenten vollgeladen sein mußte. Deswegen bleiben die Väter auch außerhalb jedes "Systembegriffes" in der philosophisch-soziologischen Bedeutung des Wortes. Die Teilnahme am Leben und der Wahrheit Christi durch die Gnade des Heiligen Geistes, d.h. die Teilnahme an der Herrlichkeit von Pfingsten, ist die wesentliche Voraussetzung der Vätertheologie. Die Väter - und alle Heiligen - leben in einem andauernden Pfingsten. Der Weg aber zu diesem Ziel geht über die asketische Erfahrung: die Reinigung von den Leidenschaften, die Erleuchtung des Herzens durch den Heiligen Geist und schließlich die Verherrlichung oder die Vergöttlichung des ganzen Menschen. Dies ist die einheitliche Erfahrung der Propheten (der Heiligen des AT), Apostel und Heiligen der Kirche: die Schau des ungeschaffenen Wortes vor und nach Seiner Fleischwerdung! Die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor war die Wiederholung der alttestamentlichen Erscheinung des "Herrn der Herrlichkeit" (I. Kor. 2,8) und die Offenbarung Seiner natürlichen Herrlichkeit, fleischlos im AT, im Fleische im NT. Der Höhepunkt der Verherrlichung der Heiligen im Heiligen Geist aber findet am Pfingsttage statt. Hier führt der Geist die Gläubigen in Christo "in die ganze Wahrheit" ein. Hier erfüllt sich das Wort Christi im Johannesevangelium 17,24: "Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast". In dieser Herrlichkeit (der Theophanie) der Heiligen Dreifaltigkeit, in der menschlichen Natur Christi, vollzieht sich die Vereinigung aller Heiligen. Daher weisen die Heiligen aller Jahrhunderte (Väter) "Einheit des Glaubens" auf, weil sie in der "Gemeinschaft des Geistes" leben. Genau dies fehlt bei den Häretikern, also bei denen, die außerhalb der Tradition (Lebensweise) der Väter leben.
Die "Theologische Fakultät" der Väter sind die Kapitel 12-14 des 1. Korintherbriefes (über die Geistesgaben-Charismen). Ihre Theologie beginnt mit der ständigen Gegenwart des Heiligen Geistes als Herzensgebet oder unaufhörliches Gebet in ihnen, und diese folgt immer auf die asketische Reinigung des Gläubigen. "Die Vollendung der Reinigung ist die Grundlage der Theologie" bemerkt Johannes Klimakos (Klimax...30). Ihre Theologie ist das, was auch die "Prophetie" in 1 Kor 14 in der Urkirche ist: Erklärung der Offenbarungen des Heiligen Geistes mit dem Heiligen Geist als Führer. "Der Geist helfe mir und schenke mir Worte", betet der heilige Gregor der Theologe zum Paraklet, bevor er über den Heiligen Geist in seiner 5. Theologischen Rede spricht. Der gleiche Gregor beschreibt uns auch die Voraussetzungen der kirchlichen Theologie, wenn er sich an die Eunomianer wendet: "Es ist nicht jedermanns Sache, über Gott zu philosophieren; diese Sache ist nicht so billig und niedrig. Und ich werde hinzufügen: weder immer, noch allen, noch über alles, sondern nur einige Male und einigen und unter bestimmten Voraussetzungen ist es möglich. Und zwar ist es nicht jedermanns Sache, weil es für die ist, die versucht worden und zur Gottesschau vorgedrungen sind und zuvor die Seele und den Körper gereinigt haben oder zumindest reinigen" (Log. 27,3). Es theologisieren die, die bis zur "Gottesschau" gelangt sind. Die der Erleuchung vorausgehende Stufe ist die "Reinigung". Deswegen sagt er an einer anderen Stelle: "....mittels des Lebens steige empor, mittels der Reinigung erwirb das Reine. Willst du jemals Theologe und der Gottheit würdig werden, so halte die Gebote und mittels der Gebote schreite voran. Denn das Tun ist der Zugang zur Gottesschau" (Log. 20,12). Die Reinigung wird nicht als einfache Befreiung von den Leidenschaften im philosophischen Sinn verstanden, sondern auch als ein ständiges Wachen. Nicht als etwas ausschließlich Negatives, sondern gleichzeitig auch als etwas Positives; denn sie ist die Freiheit von den Leidenschaften durch die Befolgung der Gebotes Gottes, der Tugenden im Heiligen Geist.

 

Bote 1989, 5

Das ist der Weg der Vätertheologie. Athanasios der Große bezeichnet die Väter als "Inspirierte" (Über die Menschwerdung, 56). Sie besitzen das Charisma der "Inspiration" (Über Nikäa 4,4), sie empfangen in sich, d.h. durch die Einwohnung des Heiligen Geistes und der ganzen Trinität, Erleuchtung, damit sie den übrigen Gläubigen die Wahrheit Gottes offenbaren. Hier muß aber bemerkt werden, daß auch derjenige, der sich der Theologie der Väter nähert, gereinigt und erleuchtet sein muß, um sie aufzunehmen, andernfalls wird er sie ablehnen. Das gleiche gilt auch für die Exegeten der Schrift. Nur der Gereinigte und Erleuchtete, jener, der das Herzensgebet, den Heiligen Geist, in sich hat, "glaubt", nimmt die Offenbarungen der vergöttlichten Heiligen uneingeschränkt an. Die Väter wirken als "Propheten Gottes" (Athanasios d. Gr., Über Nikäa 4,4), sie offenbaren, was sie sehen (vergleiche die Benennung der Propheten im AT: roe' = der Sehende). Dies deutet auch jenes Zeugnis des Johannes in seinem 1. Brief an: "Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch" (1,3). Hinter dem "Fleisch" Christi muß man Seine ungeschaffene Herrlichkeit sehen, um über Christus als Gott, der Fleisch angenommen hat, sprechen zu können, und Ihn nicht bloß als "großen" oder sei es auch als "erleuchteten" Menschen zu sehen, so wie es die häretische Annäherung an Christus in allen Jahrhunderten tat. Nicht also die Kenntnis der Schrift macht die Väter zu Vätern; denn auch die Häretiker kennen den Buchstaben der Schrift, oft sogar in verblüffender Weise bis zu dem Punkt, daß sie aus dem Gedächtnis mit mathematischer Genauigkeit zitieren. Die Erfahrung der Vergöttlichung zeichnet den Vater aus - und diese Erfahrung haben die Häretiker nicht, weil ihnen die Therapie der Kirche fehlt. Das Fehlen oder die Mangelhaftigkeit der Therapie bei den Häretikern führt nicht zur richtigen Reinigung und folglich auch nicht zur Erleuchtung im Heiligen Geist. "Alle Häretiker theologisieren" verstandesmäßig, wissenschaftlich. Daher kann der Häretiker auch nicht die Wahrheit vom Irrtum unterscheiden, denn er "sieht" in sich nicht die Wahrheit, so daß er sie erkennen könnte. Orthodox ist folglich nicht der, der keine häretischen Ansichten formuliert, sondern der, der sich gereinigt hat, um zur Erleuchtung des Heiligen Geistes zu gelangen. Allein die Väter und alle Heiligen können sagen "Es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen...", oder sich auf ihre persönliche geistliche Erfahrung beziehen, ohne daß sie in Gefahr geraten, wegen Dünkel verurteilt zu werden (so lesen wir z.B. im "Hagioritischen Tomos" von 1341: "Dies sind wir von den Schriften gelehrt worden, das haben wir von unseren Vätern übernommen, das haben wir durch unsere kleine Erfahrung erkannt..."). Die Väter haben gemeinsame geistliche Erfahrungen unter sich, und diese Erfahrungen bilden die Theologie der Synoden der Kirche, die ohne Väter unvorstellbar sind, nicht nur, weil sie an ihnen teilnehmen, sondern weil sie auch deren Werk vorbereiten. Die Synode - selbst die Ökumenische - ist nicht der Ort, an dem theologische und philosophische Probleme gelöst werden, sondern der Ort, an dem mit der Erleuchtung des Heiligen Geistes die Wahrheit, die bereits von den heiligen Vätern ausgedrückt wurde (auch die Apostel sind Väter), allgemein angenommen und in einer Art ausgedrückt wird, die eine häretische Auslegung ausschließt, durch die die Rettung der Gläubigen gefährdet wird. Auf den Synoden wird nicht nach der Wahrheit gesucht, noch trachtet man sie zu verstehen, weil das Mysterium immer unverständlich bleibt. Gregor der Theologe sagte, daß "Gott zu verstehen unmöglich ist, Ihn auszudrücken noch unmöglicher". Man bemüht sich lediglich um eine gemeinsam annehmbare Formulierung des Dogmas, als Wegweiser der Wahrheit, damit das Werk der Kirche, die Heiligung des Menschen und seine Führung zur Erleuchtung im Heiligen Geist, erleichtert wird. An diesem Punkt wird die unmittelbare Beziehung zwischen der Theologie der Väter und ihrem pastoralen Werk verständlich.

b) Die Väter sind die echten Hirten der Kirche.
Das pastorale Werk der Väter ist nicht in erster Linie theoretisch, denkerisch und philosophisch, sondern von seinem Wesen her therapeutisch und wiederherstellend. Sein Ziel ist die vollkommene Einordnung des Gläubigen in den Leib Christi, in die Kirche. Aber dieses Ziel kann nicht erreicht werden, wenn nicht Gott im Gläubigen wohnt und ihn heiligt, ihn von der Sünde befreit, vom Verderben und vom Tod. Daher ist das Werk der Väter, und nicht nur das der großen Heiligen und Kirchenlehrer, sondern das eines jeden echten orthodoxen geistlichen Vaters praktisch und ärztlich. Es ähnelt sehr dem Werk eines Arztes. Die Theologie der Väter zeigt sich nicht als Geisteswissenschaft, denn die Theologie der Kirche ist keine Geisteswissenschaft, sondern vor allem eine praktische, wie die Medizin, die Psychiatrie, die Biologie usw., weil sie nicht "theoretisch" (philosophisch), sondern mit dem Gebrauch von Instrumenten und mit der praktischen Anwendung, dem "Experiment" arbeitet. Das Instrument der patristischen Pastorallehre ist der "Geist", der sich in seinem natürlichen Zustand - wenn er richtig arbeitet - im Bereich des Herzens befindet. Die natürliche Funktion des Geistes ist das Gedächtnis Gottes. Um die Funktion des "Geistes" in Tätigkeit zu setzen, muß der Geist ins Herz zurückkehren, damit er nicht mit den Verstandesenergien vermischt wird.
Die Schrift, die Vätertexte, aber vor allem die kirchliche Hymnographie sind voll von medizinischen Fachausdrücken, wenn sie sich auf das pastorale Werk der Kirche beziehen. Die Kirche wird von den heiligen Vätern als Krankenhaus (geistliches Krankenhaus - nach dem hl. Chrysostomos) verstanden. Die Kleriker sind Ärzte, der Bischof ist eine Art Oberarzt. Ihr Werk zielt auf die richtige Diagnose und Therapie des Gläubigen hin so, wie das Theologisieren ein Geschenk des Heiligen Geistes ist, so ist auch das Weiden der Gläubigen eine Frucht der Gnade des gleichen Geistes (vgl. Apg 20,28: "Der Heilige Geist hat euch zu Bischöfen bestellt, die Kirche Gottes zu weiden"). Basilios der Große bezeichnet das Werk des Hirten als "Dienst für Gott in Sorge um die Seelen" (Horoi kat'epito-men = Begriffe in Kürze, 184). Die Diagnose der Krankheit der Gläubigen setzt eine innere Erleuchtung des Hirten voraus, denn nur der bereits Gereinigte und Erleuchtete kann den Menschen "der Geheimnisse seines Herzens überführen" (1. Kor. 14, 27) und ihn zur richtigen und wirksamen Therapie führen. Bei der Leibesmedizin kann der Arzt, sogar wenn er selbst krank ist, eine Therapiemethode vorschlagen.
Bei der Therapeutik der Seelen aber wird die Gesundheit des Arztes vorausgesetzt. Daher bemerkt Gregor der Theologe: "Sich selbst zu reinigen ist zunächst vonnöten und erst dann andere zu reinigen, man muß erleuchtet sein, um in diesem Zustand zu erleuchten...". Dieses Werk der pastoralen Therapeutik nahm in der ersten apostolischen Kirche eine zentrale Stelle ein (Röm, 1. Kor, Gal). Später nach dem Verfall des Lebens der Gläubigen in der Welt, wird es immer mehr auf die Klöster beschränkt. So werden die Klöster in der Orthodoxie die Zentren des orthodoxen geistlichen Lebens, aber auch der Hauptort der Anwendung der Pastorallehre der Väter. Vergessen wir aber nicht, daß auch in der Welt jedes Bistum orthodox als Kloster verstanden wird mit dem Bischof als Abt. Das Werk des Bischofs ist nicht in erster Linie verwaltungsmäßig, sondern geistlich, pastoral und liturgisch zu verstehen.
Betrachten wir die Orthodoxie also im Lichte der Pastorallehre der Väter, dann stellen wir fest, daß sie eine "geistliche Anstalt" mit ständiger Therapie ist. Damit ist natürlich keinerlei Spiritualismus gemeint, da die Therapie hier nicht anders als eine ärztliche Arbeit verstanden wird. Dieses Werk geht von der Überzeugung aus, daß die Therapie und Wiedergeburt des Menschen in Christo möglich ist. Das wird auf die Tatsache gestützt, daß die "Ebenbildlichkeit", der göttliche Stempel im Menschen, nicht mit dem Sündenfall verloren gegangen ist, sondern nur beschädigt wurde und erkrankt ist. Es ist also im Menschen der Funke der göttlichen Gnade vorhanden, den der geistliche Vater mit den Mitteln, die Gott ihm gegeben hat, anbläst, damit er wiederauflebt und im Menschen zur Flamme, zur göttlichen Erleuchtung wird. Die Väter sind also als Ärzte in Christo tätig und werden zu Mitarbeitern des Heiligen Geistes bei der Therapie unserer Rettung. Die Erleuchtung des Menschen wird daher nicht als "theologische" Bildung, sondern als geistlicher Fortschritt verstanden.
Die Väter arbeiten in ihrem pastoralen Werk als Medizinprofessoren an einer medizinischen Fakultät. Sie stellen aber nicht nur Diagnosen und Therapien für Krankheiten, sondern bilden auch Nachfolger heran für ihre "Wissenschaft". Aus der Kirchengeschichte ist bekannt, daß alle Väter aus dem Umkreis anderer Väter hervorgingen: Athanasios der Große aus dem Umkreis Antonios des Großen, Basilios der Große aus dem Umkreis der Asketen Ägyptens und Kleinasiens. So wie die Naturwissenschaften verwenden auch die Väter das Experiment, und sie selbst werden die Führer ihrer Schüler (vgl. eine Operation im Operationssaal: alles ist in Aktion, die Theorie wird auf den konkreten Fall angewendet). Heute, im Christentum der Welt, das von der Spiritualität des patristischen Klosters abgeschnitten ist, beschränken wir leider unser therapeutisches Werk auf das Lesen von mündlichen Gebeten und geben diesen einen magischen Charakter. Was soll man noch dazu sagen, wenn die Reinigung nicht einmal mehr als notwendig angesehen wird? Wir machen die Rettung zu einem Automatismus, der unabhängig von unserem Willen und sogar von unserem Wissen, mechanisch und automatisch funktioniert, wie der Verlauf einer Gerichtsverhandlung, die außerhalb dieser Welt und ohne unser Wissen abgehalten wird; und die Rettung kommt als Gerichtsbeschluß ohne auch nur die geringste Teilnahme und Bemühung unsererseits. Die Väter verstehen die Rettung auf der Basis der Heiligen Schrift als etwas, was hier und jetzt verwirklicht wird, in dieser Welt, und nicht (nur) nach dem Tode. Deshalb beschäftigen sie sich auch nicht mit religiösen "Feiern", sondern mit der Reinigung des Menschen. Auch der Kult steht in der Orthodoxie in engstem Zusammenhang mit der Askese, wobei er natürlich nicht als einfache Anwesenheit und passives Teilnehmen verstanden wird, sondern als therapeutisches und heiligendes Mittel und als Dienst des LaoV (Leitourgia), d.h. als Werk des ganzen Leibes, des Pleroma, der Gesamtheit. Die Frucht der Pastorallehre der Väter ist die Heiligung des Menschen im Heiligen Geist, weil dies das Ziel der Kirche ist, die Vergöttlichung. Ist die Frucht von Pfingsten nicht Allerheiligen? Das zeigt die Festsetzung des Festes Allerheiligen im orthodoxen Kirchenjahr direkt nach dem Pfingstsonntag. Aus dem Blickwinkel der Pastorallehre der Väter können wir auch die Theologie der Orthodoxie besser betrachten, die ein Kampf um Therapie und Erleuchtung und kein fruchtloser Konservatismus, d.h. eine unter Denkmalschutz stehende Dogmenansammlung ist. Die Dogmen sind nichts anderes als die Voraussetzung für wirkliche Theologie, die mit der Therapie der Gläubigen beginnt. Daher wird auch die wirkliche Lehrtätigkeit der Väter (Katechese) nicht als einfache Vermittlung von Wissen oder einer religiösen Ideologie verstanden, sondern wird wesentlich im Sakrament der Beichte ausgeübt, bei der geistlichen Führung des Gläubigen durch seinen geistlichen Vater. Der geistliche Vater ist für die Gläubigen das, was der Professor/Arzt für seine Schüler ist. Es besteht sogar eine erstaunliche Parallele in den Ergebnissen. So wie sich in der Medizin die Vollkommenheit der Methode an der Therapie des Kranken erweist (z.B. der Erfolg einer Operation), so haben wir auch in der Pastorallehre der Väter Zeugnisse für die Richtigkeit der verwendeten Methode; und das sind die Heiligen und ihre Reliquien. Der Zustand der heiligen Reliquien, die ohne den geringsten technischen Eingriff unzerstörbar erhalten bleiben und duften, sind das wirkliche Zeugnis der Tatsache der Vergöttlichung bereits in dieser Welt. Die Heiligung, die Vergöttlichung ist das Ziel der Pastorallehre der Väter, und nicht irgendeine ethische Konvention oder konventionelle Zielsetzung wie z.B. die Heranbildung guter Bürger - etwas, was die Religionen und Ideologien der Welt kennzeichnet.

c) Das gesellschaftliche Werk der Väter:
Die Väter aber führen nicht nur die Traditionslinie und das pastoral-therapeutische Werk der Apostel weiter, sondern setzen auch die Gemeinschaft der Gläubigen in Christo fort, weil diese, mit der Gnade des Heiligen Geistes in der menschlichen Natur Christi vereint bleibend, in erster Linie den Leib Christi bilden. Die Väter bewahren die authentische christliche Existenzweise. Direkt nach Pfingsten organisiert sich die Kirche als unabhängige, das ganze Leben umfassende Gemeinschaft, die mit der Gnade des Heiligen Geistes vorwärtsschreitet. Diese Lebensweise wird bis heute durch die Väter fortgesetzt und wird spürbar in der Gemeinschaft des klösterlichen Zönobions (koinobion). Das Koinobion ist eine vollständige Stadt (politeia), in der die Dienste nach den Charismen eines jeden aufgeteilt sind, mit dem Ziel der Vergöttlichung. Es bildet eine eigenartige und von der übrigen Welt fast völlig verschiedene Gemeinschaft, die das Wesen der apostolischen Gemeinschaft der Apostelgeschichte bewahrt. Immer jedoch ist das klösterliche Koinobion für die Väter das Modell jeder konkreten christlichen Gemeinschaft. Daher trugen Väter wie Basilios der Große zu seiner Organisation bei und Väter wie Chrysostomos oder Gregorios Palamas kämpften um sein Überleben und seine Fortsetzung. Wenn sich aber die Welt heute mit derartiger Leidenschaft gegen das Mönchstum wendet, so darum, weil sie das Vorbild des authentischen Lebens und der authentischen Gemeinschaft auslöschen will, die befreit von jeglicher Art Individualismus und Eigennutz die wahre Elemente eines echten Sozialismus-Kommunismus besitzt, der sich nicht auf irgendeinen "Staatismus" stützt, sondern auf die Freiheit und die Liebe im Heiligen Geist. Obwohl die Väter in allen Jahrhunderten die zönobitische Gemeinschaft der apostolischen Urgemeinde mit ihrer Uneigennützigkeit und Gütergemeinschaft fortsetzen, hören sie nach der Wende des 4. Jahrhunderts nicht auf, eine dynamische Rückkehr der christlichen Gesellschaft zu jenem alten Prototyp vorauszusagen. Das sehen wir bereits im 4. Jh. bei den zwei großen Vätern des Ostens, bei Basilios dem Großen und Johannes Chrysostomos. Der erste schreibt in einer seiner am stärksten gesellschaftsbezogenen Reden (Bei Hungersnot und Dürre, P.G. 31,324): "Laßt uns das verlassen, was die Welt sagt, und das Beispiel der 'dreitausend' (d.h. der Gläubigen Jerusalems nach Pfingsten) nachahmen. Laßt uns die Lebensweise der ersten Christen begehren, wo alles allen gemeinsam war, d.h. das Leben, die Seele, die Übereinstimmung, das gemeinsame Essen, die ungeteilte Brüderlichkeit, die ungeheuchelte Liebe, die die vielen Leiber einigte und zu einem machte und die Seelen in Einheit verband". Der hl. Chrysostomos bezieht sich in seinen Reden oft auf die Gemeinschaft der Apostelgeschichte. Er erklärt sogar, daß er als ständiges Ziel die dynamische Rückkehr zu jenem Leben verfolgte. Seine Worte: "...wenn sie damals, als es nur drei- bis fünftausend Gläubige gab, wo alle Menschen der Erde ihre Feinde waren, wo sie von nirgendwoher Hilfe erwarteten, es wagten, trotz alledem die Gütergemeinschaft zu verwirklichen, wieviel mehr könnte dies heute geschehen, wo die Ökumene mit der Gnade Gottes von Gläubigen erfüllt ist? Und wer würde dann Götzenanbeter bleiben? Ich zumindest glaube, niemand! So würden wir alle zu Christen machen (sicherlich etwas derartiges geschieht jetzt nicht!). Aber, wenn wir in dieser Richtung Fortschritte machen, wird mit der Zeit, so glaube ich, das, was uns jetzt unerreichbar scheint, mit der Gnade Gottes Wirklichkeit werden... Wenn Gott mir weitere Lebensjahre schenkt, glaube ich, daß ich euch in Kürze zu einer solchen Art des gemeinschaftlichen Zusammenlebens führen werde" (P.G. 60,98).
Die dynamische Rückkehr zur Jerusalemer Gemeinschaft war für Basilios und Chrysostomos keine Utopie, sondern ihr großes Ideal. Es ist also nicht sonderbar, daß Basilios der Große das klösterliche Koinobion organisierte, weil er erkannte, daß nur dieses die Echtheit des kirchlichen Lebens bewahren konnte, weil es eine wirkliche Rückkehr zur ersten Kirche darstellte. Aber auch Chrysostomos verkündet einige Jahre später: "... so leben sie heute in Klöstern, wie die Gläubigen früher". Wie für die Väter, so ist auch für jene, die die patristische Gesinnung in allen Jahrhunderten bewahrten, das Leben der ersten Christen, das Leben des Koinobions ihr unveränderter Bezugspunkt. Die patristische Spiritualität bleibt also immer untrennbar vom liturgischen Leben, der Askese und dem gesellschaftlichen Handeln. Nehmen wir doch ein Beispiel dazu: Johannes Chrysostomos schrieb glänzende Reden über die Unfaßbarkeit Gottes, die er mit einem Bezug auf seine persönliche Gebetserfahrung beendet; er gab einem eucharistischen Gottesdienst seinen Namen. Gleichzeitig aber tritt er der kaiserlichen Willkür entgegen und verurteilt die Plutokratie, ohne natürlich zum gesellschaftlichen Revolutionär zu werden. Er stellt das Eigentum und die Erbschaft in Frage und entwickelt einen Plan zur Neuorganisierung der Gesellschaft im Rahmen des klösterlichen Koinobions, damit die Verelendung und das Unrecht eingeschränkt werden. Er erweitert auf diese Weise das Sakrament des Gotteshauses zum Sakrament des Bruders. Das Beispiel des Chrysostomos ist natürlich einzigartig, aber nicht das einzige in der Orthodoxie - wollen wir nur noch an Athanasios, Ambrosios und Basilios erinnern - es setzt sich bis heute in den Personen unserer neueren Väter fort. Sogar die asketischsten unserer Väter lösten sich nie von der Gemeinschaft der Brüder, der Gemeinschaft in Christo, noch waren ihnen deren Probleme gleichgültig. Denn die Väter wissen, daß der Kampf um die Vergöttlichung im Rahmen einer christlich strukturierten Gemeinschaft verwirklicht werden kann.
Mit dem bisher Gesagten wird die eigentümliche Bedeutung der heiligen Väter - sowohl früherer als auch heutiger - für unsere Zeit und für unsere Probleme, besonders für die zwischenkirchlichen klar. Wir können nicht ohne Väter leben, weil wir sonst in Gefahr geraten, unsere wahre Identität zu verlieren. Der bekannte Satz der Vierten Ökumenischen Synode, "den heiligen Vätern folgend", bestimmt auch das Leben der heutigen orthodoxen Gläubigen. "Folgend" bedeutet sicherlich nicht eine einfache Erwähnung der Väter und Anführung ihrer Meinungen, sondern die Erlangung ihrer Gesinnung. Die orthodoxe Theologie heute darf keine formelle "Theologie der Wiederholung" sein, sondern sie muß die Fortsetzung, das Überleben des väterlichen Geistes in unseren Personen im Heiligen Geist sein. Daher kennt die Orthodoxie auch keine Revolutionen im Verlauf ihrer Geschichte. Alles Neue ist ein wesensgleiches Produkt des Alten, Traditionellen, und jede neue Krise in ihrem Leben wird patristisch angegangen, mit dem "nouV", dem Geist der Väter, damit auch die Lösung orthodox ist, d.h. in Christo.