Erzpriester Georgios Metallinos

Der Hesychasmus als lebendiges Pfingstereignis

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 1

A.
Pfingsten ist die höchste pneumatische Erfahrung im Leben der Kirche als dem Leib Christi und die höchste Offenbarung Gottes in der Welt nach der Menschwerdung Seines Sohnes. Über den Hesychasmus zu sprechen, auf der anderen Seite, heißt: Eintreten in das Herz der kirchlichen Lebensweise, die mit dem Begriff des Hesychasmus bezeichnet wird.
Der Begriff Hesychia als Grundlage des Hesychasmus wird im Westen so gut wie ausschließlich mit den theologischen Streitigkeiten im Byzanz des 14. Jh. verbunden; in Wirklichkeit aber gehört er seit der Erscheinung der organisierten Askese (dem Mönchtum) im 4. Jh. zum geistlichen Wortschatz des Christentums. Trotzdem lesen wir im “Lexikon für Theologie und Kirche”: „Hesychasmus ist eine im 12. Jahrhundert nachweisbare Form ostkirchlicher Mystik, die wahrscheinlich auf Symeon den Jüngeren Theologen zurückgeht“ (Prof. Graef). Etwas weiter ist von einer „neuartigen Theologie“ die Rede. Tatsächlich aber findet man das Wort hsucia schon im Neuen Testament (Apg. 22,2; 2. Thes. 3,12; 1. Tim. 2,11-12) und beide Begriffe, sowohl die Hesychia als auch der davon abgeleitete Hesychasmus, sind eingebettet in die Lebensweise, die zu Gott hinführt, und bezeichnen im engeren Sinne die Gebetsmethode der Mönche, die auch für alle Christen Gültigkeit hat.
Diese Lebensweise hat ihren Ursprung im Neuen Testament, einerseits dort, wo die Rede ist vom ununterbrochenen Gebet (1. Thes. 5,17: “betet ohne Unterlaß”) und andererseits vom reinen Herz (Mt. 5,8: “Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen”). Eine nähere Beschreibung dieser Lebensweise sowie deren theologische Begründung finden wir bei den großen Asketen Makarios von Ägypten (4. Jh.), Evagrios aus Pontos (4. Jh.), Diadochos von Photike (5. Jh.), Johannes Klimakos (7. Jh.) und bei vielen alten Kirchenvätern, besonders den Kappadokiern.
Es geht also um eine Praxis, die als Hauptwesenszug kirchlicher Existenz zu sehen ist, und keineswegs als Erfindung Symeons des Neuen Theologen (11. Jh.) oder als Palamismus (14. Jh.). Der Hesychasmus als Leben im Heiligen Geiste bildet die Quintessenz des Christseins in seiner authentischen Erscheinung als Orthodoxie. Orthodoxie und Hesychasmus gehören zusammen, weil alles, was der Begriff Hesychasmus umfaßt, mit dem Ziel der Anwesenheit der Kirche als dem Leib Christi in der Welt übereinstimmt.
Nimmt man auf diesem Hintergrund den historischen Aspekt der sogenannten „hesychastischen Streitigkeiten“ auf, so ergibt sich, daß hier - im 14. Jh. - einige der besonders dornigen Probleme des christlichen Glaubens erneut zum Vorschein kamen. Die sogenannte „palamitische Theologie“ war eine Antwort auf die Herausforderung, die mit dem Namen des Barlaam (1290-1348) verbunden ist. Barlaam war griechischer Herkunft und kam aus Süditalien (Kalabrien) über Thessaloniki nach Konstantinopel (1328-30). Er nahm das Möchtum an, hatte aber zuvor ausgiebig Mathematik, Philosophie und Theologie in Rom studiert und war ein bekannter Humanist. Somit entsprach er dem Ideal der Paläologenzeit und wurde im damaligen Byzanz mit Enthusiasmus empfangen. Er wurde Abt des Soter-Klosters in Konstantinopel und führte in den Jahren 1333-34 die Verhandlungen mit dem Westen. Im Jahre 1339 übernahm er die Führung der Unionsverhandlungen mit Papst Benedikt XII in Avignon (Frankreich).
Beim Lesen eines Textes von Barlaam über den Hervorgang des Heiligen Geistes, in dem die orthodoxe theologische Auffassung verteidigt werden sollte, stellte Gregor Palamas, ein Mönch vom Berge Athos fest, daß es sich hierbei nicht um eine orthodoxe Theologie handelte, sondern um die Anwendung der syllogistischen Methode, bzw. der Metaphysik im Bereich der Theologie. Die hesychastische Methode war Barlaam völlig unbekannt; das zeigt, daß die hesychastische Tradition im Bereich des unter dem Einfluß Roms stehenden süditalienischen Griechentums verloren gegangen war.
Es entwickelte sich eine Polemik zwischen Barlaam und Gregor Palamas. Die Schriften des Palamas gegen die Angriffe des Italieners, sowie die Synoden zwischen 1340 und 1360 brachten die ununterbrochene hesychastische Theologie in Byzanz ans Licht.
Was war das Wesen dieser Tradition und welchen Platz hat sie im Leben der Kirche?
Die ersten zwei ökumenischen Konzile beschäftigten sich mit dem trinitarischen Problem, während die folgenden sich mit der christologischen Thematik befassen mußten. Im Bilderstreit (Ikonoklasmus), dem das 7. ökumenische Konzil gewidmet war, fanden die christologischen Fragen ein Ende. Mit dem Hesychasmus hob ein neuer Zyklus an bezüglich des Heiligen Geistes und der Gnade. Gefragt wurde nach der Natur der vergottenden Gnade und der Möglichkeit einer wirklichen Vereinigung mit Gott (Vergottung), die mit der Erkenntnis bzw. Schau Gottes identisch ist. Deswegen wurde der Hesychasmus auch als Theologie der Schau Gottes bezeichnet. Für die Gegner der Hesychasten war die Schau Gottes eine rein intellektuelle Frage - in ihrer Sicht ging es hier um eine Gnosis, eine Erkenntnis. Für Palamas aber, wie für die gesamte patristische Tradition, war diese Schau untrennbar mit der wirklichen und ganzheitlichen Vergottung des Menschen verbunden.
Der Streit entzündete sich an der Frage nach der Natur des Lichtes, in welchem Christus einst den Aposteln auf dem Berg Tabor erschienen war. Barlaam behauptete, dieses Licht sei ein geschaffenes, atmosphärisches Phänomen gewesen und mithin eine vergängliche Lichtvision. Nach Palamas aber war das Licht göttlich und ungeschaffen, eine Offenbarung des Ewigen, weshalb er es göttliche „Energie“ (Tätigkeit) nannte. So stellte sich das Problem der Unterscheidung von Wesenheit und Energie in Gott neu, eines der tiefgründigsten Themen der väterlichen Tradition, und man kann sogar sagen - der Kern der orthodoxen Theologie. Nach der scholastischen Theologie (z.B. Thomas von Aquin) gibt es in Gott nur das Wesen als actus purus. In Byzanz hat es aber nie eine scholastische Philosophie bzw. Theologie im westlichen Sinne gegeben. Die byzantinischen “Scholastiker” waren keine Vertreter des abendländischen Denkens.
Barlaam, ein Dialektiker und Anhänger der Scholastik von Duns Scotus, nicht von Thomas Aquinas, betonte in scholastischer Schärfe: Das Taborlicht müsse ein geschaffenes Phänomen sein, sonst wäre es konsequenterweise mit Gottes Wesen gleichzusetzen. In diesem Falle aber wäre das Wesen Gottes sichtbar. Palamas entgegnete darauf: Das Taborlicht sei ungeschaffen und göttlich (qeothV), aber es sei keineswegs Gottes Wesen (ousia), vielmehr sei es die göttliche Kraft (energeia), die ungeschaffene Gnade (cariV) und die Herrlichkeit (doxa) des göttlichen unergründlichen Wesens.
Gott habe, so Palamas, auch etwas zu eigen, was nicht seine Substanz ist (ecei o QeoV kai o, ti mh estin ousia). Es ist keine Substanz (anousioV); es handelt sich aber dabei um keine Akzidenz in Gott. Gottes Energie ist leidenschaftslos (apaqhV). Die Unterscheidung zwischen Wesenheit und Energie in Gott bezeichnet ohne Zweifel eine Realität, ist ein reale Distinktion. Wie ist das aber mit der Einfachkeit Gottes zu vereinbaren?
Die Antwort lautet: Die reale Distinktion von Wesenheit und Energie in Gott bedeutet keine Teilung (merismoV). In Gott ist „adiairetoV diairesiV“ und „dihrhmenh enwsiV“ (unteilbare Teilung und geteilte Einigung). In anderen Worten: Wenn in Bezug auf Gott von Teilung die Rede sein sollte, so darf dies nur in gottgebührender Weise gedacht werden, so daß die Unterscheidung keinerlei Trennung meinen kann, und auch umgekehrt - die Einheit in Gott keine platte Ununterschiedenheit bedeuten kann. Formulierungen wie “unteilbare Teilung” und “geteilte Einigung” zeigen deutlich, daß die Sprache der apophatischen Theologie angewandt wird. Palamas denkt in den Kategorien des Apophatismus, und in der Orthodoxie bedeutet das: Die Bejahung der Unmöglichkeit für den Menschen, das Wesen Gottes zu erkennen.
Niemand kann das Wesen Gottes schauen. Die Wesenheit Gottes ist das ganz andere, jenseits jedes Begriffes (terminus aller apophatischen Theologie). Dies bedeutet aber zugleich die radikale Verneinung jeder Analogie in Gott (analogia entis und analogia fidei). Es gibt also keine Analogie zwischen dem Geschaffenen und dem Ungeschaffenen, zwischen der Kreatur und Gott. Die Brücke zwischen Geschaffenem und Ungeschaffenem ist allein die Energie Gottes.
Palamas zufolge wird die göttliche Erfahrung jedem nach seinem Maße zuteil. Die vollkommene Schau Gottes ist das Mysterium des achten Tages; sie gehört zum kommenden Äon. Alle, die würdig sind, gelangen bereits in diesem Leben, wie die Jünger auf dem Berg Tabor, zur Teilhabe an der ungeschaffenen Gnade Gottes.
Von großer Bedeutung ist die Tatsache, daß mit Gregor Palamas das Ende einer langen Geschichte des platonischen Dualismus, der einseitig auf die intellektuelle Erkenntnis abstellt, erreicht ist. Die Vereinigung des ganzen Menschen, der Seele und des Leibes, mit dem Ungeschaffenen ist möglich, und zwar „über aller Erkenntnis“. So wird das soteriologische Problem endgültig gelöst: Die Rettung, bzw. das Heil, ist die Gottvereinigung der Gnade nach.
Im Hesychasmus wird außerdem die Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz Gottes überwunden. Der Christ hat so die Möglichkeit „in der Welt“ zu leben, aber nicht „von der Welt“ zu sein. So wird allen Menschen der Weg zu Gott geöffnet.
Die Kritik des Westens am Hesychasmus ist von tragischen Mißverständnissen geprägt. Petavius, zum Beispiel, sprach im 17. Jh. von „einer absurden Lehre“, und Edward Gibbon, der englische Historiker, meint, der Hesychasmus sei „die Frucht eines leeren Magens und eines tauben Gehirns“. Solcherart sind die westlichen Voreingenommenheiten gegenüber der Orthodoxie. Heute entfalten sie sich auch in der Politik.
Hans-Georg Beck, der berühmte Byzantinstikprofessor in München, schrieb: „Geschichtlich gesehen ist die palamitische Theologie ein System ad hoc, keine homogene Entwicklung“. Die Hesychasten aber verwiesen schon seit langem auf die Gebetsmethode des Propheten Elias: „Elias stieg auf die Höhe des Karmel, beugte sich zur Erde nieder und barg das Angesicht zwischen den Knieen“ (1. Kön. 18,42). Somit war die hesychastische Methode des Gebetes schon im Alten Testament bekannt. Prof. Beck dagegen sagt weiter: „Der Palamismus blieb über ein Jahrhundert im großen und ganzen die offizielle Lehre der byzantinischen Kirche, die erst durch Scholarius einigermaßen gemildert wurde“.
In Wirklichkeit wird der Hesychasmus durch das Leben aller orthodoxen Völker weitergetragen, deren geistliches Zentrum der Heilige Berg Athos ist. Die Kollybates-Väter* des 18. und 19. Jh. sind die Hesychasten der damaligen Zeit und der größte Beweis dafür, daß der Hesychasmus nie aufgehört hat, das wahre Zentrum der orthodoxen Spiritualität zu sein. Weil es den Hesychasmus und den Heiligen Berg Athos gab, hat die russische Kirche und wir alle einen so großen Heiligen, wie unseren Vater Seraphim von Sarov. Und es ist ein Geschenk Gottes, daß wir, die heutigen Orthodoxen, nach einer langen Durststrecke in der Wüste der Scholastik die Wurzeln unserer eigenen Tradition wiederentdeckt haben.
Es ist wahr, daß die Intellektuellen innerhalb und außerhalb des Christentums die Substanz des Hesychasmus nicht begreifen können, weil es nicht bloß um ein theologisch-philosophisches System geht, sondern um eine ganzheitliche Lebensweise, die die Rettung des Menschen und der ganzen Schöpfung verwirklichen kann.
Wie die Gelehrten aller Zeiten, beschränkte Barlaam die Dynamik der Offenbarung, also die heiligende Wirkung des hl. Geistes, auf das Neue Testament. So gelangte er zu einem platonischen Theologisieren. Er glaubte, die alte Philosophie sei notwendig zur Erlangung der Vergottung und damit verkündete er, wie alle Gelehrten, die Selbständigkeit der äußeren, der weltlichen Bildung im Bereich der Soteriologie. Die Beziehung von Theologie und Philosophie ist bis heute ein akutes Problem geblieben, über das wir nach dieser Einführung näher diskutieren können.
Zusammenfassend stellen wir fest, daß das Zentralproblem des sogenannten hesychastischen Streites die Bedeutung und Autarkie der kirchlichen Tradition für die Rettung des Menschen war. Barlaam war der Vertreter einer Denkweise, die die Vätertradition relativiert. Und weil es um einen Konflikt zwischen Tradition und Philosophie ging, sprach der hl. Gregor Palamas, wie die alten Kirchenväter, im vollen Einklang mit dem Neuen Testament, von zwei Weisheiten (Jak. 3, 13-18: „Weisheit von oben“ und „irdische Weisheit“).
Der Hesychasmus ist kein philosophisch-theologisches System, sondern eine Praxis, eine Methode, die die Voraussetzung für eine echte kirchliche Theologie ist. Die hesychastische Tradition hat folgende Hauptschlüssel der christlichen Existenz bewahrt und weitergegeben: 1) die Gewißheit der Rettung; 2) die Erfahrung der Vereinigung mit Gott, nicht mit Gottes Wesen, sondern mit seiner Energie (Kraft und Herrlichkeit); 3) den Glauben an die Ungeschaffenheit der göttlichen Energie (gratia increata) und 4) das Streben im Verlangen nach dieser ungeschaffenen Gnade Gottes, welches das Wesen der orthodoxen Frömmigkeit ausmacht.

B.
Die theologischen Voraussetzungen und die praktisch-asketische Methode des Hesychasmus sind engstens mit dem Zweck und Ziel der Kirche verbunden. Am Pfingsttag wurde im Heiligen Geist die Kirche als Leib Christi (totus Christus – Haupt und Leib) geoffenbart. Pfingsten ist die Erscheinung der Kirche als Leib Christi in der Welt, zur Verchristung (egcristwsiV) der Menschheit, zu ihrer Verkirchlichung bzw. Rettung. Häufig wird der Dienst der Kirche bezüglich der Erlösung auf die Vergebung der Sünden reduziert, um nach dem Tode die Seligkeit zu erlangen. Das geht am Christentum völlig vorbei! - und ist so absurd, wie wenn ein Arzt seinen Patienten vergeben würde, daß sie krank geworden sind, um sie dann - nach ihrem Tod - zu heilen.
Das christliche Leben ist nicht nur eine geeignete Vorbereitung für ein Leben nach dem Tode, sondern auch die Umgestaltung unseres Lebens und des gesamten irdischen, gesellschaftlichen Lebens durch die Verwandlung selbstsüchtiger und egozentrischer Individuen in eine Gemeinschaft von Personen - dies in einer selbstlosen Liebe, die nicht das ihre sucht (vgl. 1. Kor. 13,5). Mit anderen Worten: Es geht um die communio sanctorum (die Gemeinschaft der Heiligen), die die ständige Gegenwart Gottes in der Welt ist.
Eine konventionelle Definition der Orthodoxie der Heiligen wäre folgende: Orthodoxie ist die Erfahrung der Gegenwart Gottes, also der Gegenwart des Ungeschaffenen in der Welt und die von Gott gegebene Möglichkeit des Menschen „der Gnade nach“ (kata carin) Gott zu werden. Die Mensch- bzw. Fleischwerdung des ewigen Logos Gottes hatte einen doppelten Zweck: 1) die Werke des Teufels zu zerstören und 2) „auf daß wir die Sohnschaft empfangen“ (vgl. 1. Joh. 3,8; Gal. 4,5). In diesem Sinne ist die Orthodoxie:
1) Überwindung der Ideologie, indem sie kein System, sondern eine Lebensweise ist.
2) Überwindung der Moral, weil sie nicht von Moral spricht, sondern eine Gesinnung im Auge hat, die als „Frucht des Hl. Geistes” wirksam ist (Gal. 5,22).
c) Überwindung der Metaphysik, weil es hier um die Selbstoffenbarung Gottes geht und nicht Gedanken über Gott gemeint sind und
d) Überwindung der Religion, da sie nicht irgendeine Art Versöhnung mit Gott anstrebt, sondern die volle Vereinigung mit Gott Selbst, von dem wir wissen: „Er hat uns zuerst geliebt“ (1. Joh. 4,19), der also keine Feindschaft kennt: „Gott haßt nie, wir sind es, die hassen“ (“O QeoV oudepote ecqrainei, hmeiV esmen oi ecqrainonteV”)1, sagt der hl. Johannes Chrysostomus. Somit ist die Orthodoxie keine Religion, keine bloße Brücke zwischen Gott und den Menschen.
Jesus Christus, der einzige Heiland, denn „in keinem anderen ist Heil“ (Apg. 4,12), heilt uns (vgl. die Göttliche Liturgie von Chrysostomus) von der Krankheit und der Versklavung der Religion, da wir unterworfen waren „unter den Naturmächten der Welt” und gefangen als “Sklaven der Götter, die in Wirklichkeit keine sind“ (Gal. 4,3.8).
Auf Grund der Bibel und der Vätertradition hat Prof. Johannes Romanidis, der größte orthodoxe Dogmatiker unserer Zeit, nachgewiesen, daß die Kirche von Anfang an als eine Art „psychiatrische Heilanstalt“ konzipiert ist. Aber: „Ihr Verständnis von der Krankheit des Menschen ist viel anspruchsvoller als alles, was die moderne medizinische Wissenschaft kennt... Das Anliegen der Kirche ist es nie gewesen, zu spekulieren und nachzudenken über Gott an sich (das ist Metaphysik - G.M.); denn Gott bleibt für den menschlichen Verstand immer ein Geheimnis... Das einzige Anliegen der Kirche in allen Zeiten ist, jeden einzelnen Menschen zu heilen für den Dienst an der Gemeinschaft“2. Auf letzteres werden wir später näher eingehen.
In der soteriologischen Perspektive der Orthodoxen Kirche sind alle Menschen geschaffen, um Kinder Gottes zu werden, d.h. die Herrlichkeit Gottes in Christus zu sehen: „Und Ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die Du mir gegeben hast, auf daß sie (= die Jünger und alle Gläubigen - G.M.) vollkommen eins seien, gleichwie Wir eins sind... Vater, Ich will, daß, wo Ich bin, auch die bei Mir seien, die Du mir gegeben hast, daß sie Meine Herrlichkeit sehen...“ (Joh. 17,22.24).
In diesen Worten erscheint die Bestimmung und die Verwirklichung des Menschen in der Geschichte, da ja der Mensch - nach dem hl. Maximos dem Bekenner - zur Vereinigung mit dem Schöpfer geschaffen ist. Deswegen nennt Maximos die Menschwerdung Christi „das gesegnete Ziel, für das alles geschaffen wurde“. Die Menschwerdung Christi wird an Pfingsten vollendet. Durch die Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes - das ist ja Pfingsten! - wird die Umwandlung selbstsüchtiger Liebe in selbstlose Liebe verwirklicht. Nach Paulus und Johannes ist die Schau Christi in seiner Herrlichkeit in diesem Leben notwendig für die Vervollkommnung der Liebe und des Dienstes in der Gesellschaft (vgl. Joh. 14,21-24; 16,22; 17,24; 1. Kor. 13,10-13; Eph. 3,3-6).
“Der auferstandene Christus erscheint nur, um die Liebe vollkommen zu machen, auch bei Paulus, der die Schwelle der Verherrlichung erreicht hatte (Gal. 1,14ff), ohne zu wissen, daß der Herr der Herrlichkeit, dem er begegnet ist, geboren, gekreuzigt und auferweckt wurde (...) Die unerschaffene Herrlichkeit, die Christus von Natur vom Vater hat, birgt in sich den Himmel für diejenigen, deren selbstsüchtige Liebe geheilt und in selbstlose Liebe verwandelt worden ist. Sie ist aber eine Hölle für diejenigen, die daran festhalten, ungeheilt in ihrer Selbstsucht zu verharren”3.
Die Bibel und die Kirchenväter sind in diesem Punkt eindeutig und klar, ebenso wie die orthodoxen Ikonen, auf denen das Jüngste Gericht dargestellt ist.
„Das gleiche goldene Licht der Herrlichkeit, das Christus und die Seinen umgibt, färbt sich rot beim Hinunterfließen zu den Verdammten. Es stellt die Herrlichkeit und die Liebe Christi dar, die zwar alle Menschen von der Sünde reinigt, aber nicht alle verherrlicht. Alle Menschen werden durch den Heiligen Geist in alle Wahrheit geleitet und sehen Christus in Seiner Herrlichkeit, aber nicht alle erlangen die Verherrlichung“4.
„Das Gleichnis vom Lazarus in Abrahams Schoß und vom Reichen in der Qual ist eindeutig. Der Reiche vermag die Herrlichkeit zu sehen, aber er hat daran nicht Anteil (Lk. 16,19-31).“
„Die Kirche also schickt niemand in den Himmel oder die Hölle; sie bereitet nur die Gläubigen darauf vor, die Herrlichkeit Christi zu sehen, was jedem Menschen möglich ist. Gott liebt die Verdammten nicht weniger als die Heiligen. Er will, daß allen geholfen wird, aber es nehmen nicht alle diese Hilfe an. (...) Im 1. Korintherbrief, Kapitel 12 bis 15, finden wir die einzigartige Schau von der Kirche als dem Leib Christi. (...) Die Glieder am Leib Christi werden im 1. Korintherbrief 12,28 klar aufgezählt: ‘Apostel, Propheten, Lehrer, Wundertäter, Gaben, gesund zu machen, Helfer, Regierer, mancherlei Sprachen’.“5.
Apostel und Propheten stehen an oberster Stelle, denn sie haben die gleiche Offenbarung erlangt (Eph. 3,5). Apostel und Propheten bilden deswegen gemeinsam das Fundament der Kirche (Eph. 2,20).
Das orthodoxe Mönchtum hat diese Tradition bis heute bewahrt. Im Prinzip ist der Hesychasmus nichts anderes als der Kampf um die Fortführung der Lebensweise, die in Christus und durch Christus in die Welt gebracht wurde. Das orthodoxe Kloster, das die hesychastische Tradition bewahrt, setzt die Lebensweise der alten Gemeinde fort, und funktioniert wie ein „geistliches Krankenhaus“ (iatreion pneumatikon) – das Wort stammt vom hl. Johannes Chrysostomus. Deswegen befanden sich die berühmtesten Klöster, z.B. das Studion-Kloster, in den Städten von Byzanz, wie es heute mit den Krankenhäusern der Fall ist. In den Klöstern fand man die geeigneten Ärtze (“Therapeuten” wurden die geistlichen Väter genannt!), die sich mit der Heilung der geistigen Krankheit der Menschen befaßten.
“Die Krankheit des Menschen besteht darin, daß die Verbindung des Herzens mit der göttlichen Herrlichkeit geschwächt ist (Röm. 3,23), weil das Herz beeinflußt wird von Gedanken aus der Umwelt (Röm. 1,21.24; 2,5). (...) Der innere Mensch (esw anqrwpoV) erleidet den geistlichen Tod, ‘weil (ef w) sie alle gesündigt haben’ (Röm. 5,12)”6. Therapie bzw. Heilung ist die Heiligung des Menschen, nämlich die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott im Herzen des Menschen, das das Zentrum der menschlichen Existenz ist.
Gesund (normal) sind diejenigen, die durch den Geist der Wahrheit (Joh. 17) in alle Wahrheit geführt wurden, d.h. zur Schau der Herrlichkeit des Vaters in Christus (Pfingsten). Menschen, die diese ungeschaffene Herrlichkeit Gottes nicht zu sehen vermögen, sind nicht gesund (normal) und keine richtigen Glieder des Leibes Christi. Der einzige normale Mensch von Geburt ist der „Herr der Herrlichkeit“ (kurioV thV doxhV), Jesus Christus, der Gottmensch. Jeder Mensch ist berufen, der Gnade nach Gottmensch zu werden, christusähnlich zu werden.
Einige Klarstellungen sind in diesem Zusammenhang noch notwendig:
Die Schau der Herrlichkeit Gottes setzt ein Organ voraus. Ein solches ist das Herz. In der biblischen und patristischen Tradition ist das Herz der Ort unserer Kommunikation, unserer Gemeinschaft mit Gott, die durch eine Kraft der Seele, den nouV oder Geist des Menschen verwirklicht wird. Der nouV, der von der Logik oder dem Verstand zu unterscheiden ist, bringt in seiner korrekten Funktion das noera euch (das geistige Gebet), d.h. die Gebete des Hl. Geistes ins Herz, welche zugleich die im 1. Korintherbrief erwähnten Zungen des Heiligen Geistes sind. In diesem Falle sprechen wir vom Herzensgebet als Erfüllung des Apostelwortes vom „Beten ohne Unterlaß“ (1. Thes. 5,17). Das Herzensgebet ist, nach dem hl. Basilius, „das dauernde Gedächtnis“ Gottes im Menschen. Das Untätigwerden der geistigen Funktion im Herzen ist das Wesen des Sündenfalles: Mit ihm ist das Nichtfunktionieren oder die Unterfunktion der Geisteskraft im Menschen eingetreten sowie ihre Verwechslung mit der Tätigkeit des Gehirns oder des Körpers. Die Rettung des Menschen besteht in der Heilung der Krankheit seines Herzens, sodaß er zur wahren Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen zurückkehrt.
Der Prozeß der Heilung des menschlichen Herzens heißt in der Vätertradition: Reinigung des Herzens – Erleuchtung des Herzens – Verherrlichung (doxasmoV), (Glorifizierung des Menschen).
Die Reinigung ist die Befreiung des Herzens von allen Gedanken (Röm. 2,29), guten wie bösen, und die Beschränkung dieser Gedanken auf den Bereich des Verstandes. So wird dem Geist (nouV) Raum geschaffen.
Die Erleuchtung aber ist das Kommen der Gnade (Röm. 8,26) des Hl. Geistes ins Herz, die Aufhebung der Versklavung durch den Selbsterhaltungstrieb und die Umwandlung der selbstsüchtigen Liebe in die selbstlose Liebe. Dann kann der Mensch in wahrer Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen leben. Die Gabe des Hl. Geistes an das Innere des Menschen vermittelt die Rechtfertigung, die Versöhnung, die Annahme an Kindes statt, den Frieden, die Hoffnung und die Erneuerung des Menschen.
Die Verherrlichung schließlich ist die Vergottung, also die Teilhabe der Seele und des Leibes an der Unsterblichkeit und an der Unvergänglichkeit – die Vollendung des Menschen und seiner Existenz in der Schau der ungeschaffenen Gnade des dreieinigen Gottes zur Vervollkommnung der Liebe.
Die Stufen der Charismen, der Gaben, von denen der Apostel Paulus spricht (1. Kor. 12,28), sind mit diesem geistigen Prozeß verbunden. Es geht dabei nicht um Stufen der Autorität, die durch menschliche Ernennung oder Wahl erlangt werden, sondern um die Frucht der Zusammenarbeit des Gläubigen mit Gott. Alle können Propheten werden und die Verherrlichung erreichen. Die einzigen Autoritäten in der Kirche bilden die Verherrlichten, die Heiligen und nicht die als Beamte Ordinierten!
All diejenigen, die nachträglich in der Geschichte verherrlicht werden, sind den Aposteln gleichzusetzen in Bezug auf ihre Teilnahme an Pfingsten; denn auch sie sind in alle Wahrheit geleitet worden (Apg. 10,47-11,18). Die ganze Wahrheit ist der auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Christus.
Im Erlösungsprozeß gibt es keinen Unterschied zwischen Gebildeten und Ungebildeten. Höheres Wissen im Bereich des Geschaffenen verschafft keinerlei Anspruch hinsichtlich des Wissens im Bereich des Ungeschaffenen.
Nach Gregor von Nyssa tauchen dort Irrlehren auf, wo es keine Propheten, also keine Verherrlichten gibt. Die Führer solcher Kirchen versuchen durch Meditation und Kontemplation mit Gott zu sprechen statt durch Erleuchtung in die Verherrlichung einzutreten.
In diesem Zusammenhang ist auch die Bedeutung der Heiligen Schrift und der Seelsorge bzw. der Theologie der Heiligen Synoden und der Kirchenväter zu sehen. Die Theologie der Kirche – und das hat der hl. Gregorios Palamas besonders betont – hat einen therapeutischen Charakter. Alle Worte und Auffassungen, die der Erfahrung der Verherrlichung nicht widersprechen und zur Einigung und Erleuchtung des Herzens, sowie zur Verherrlichung führen, gelten als rechtgläubig. Worte und Lehren aber, die der Verherrlichung widersprechen, mithin wegführen von der Heilung und der Vollkommenheit in Christus, sind ketzerisch.
„Daraus ergibt sich, daß die orthodoxe Lehre gänzlich seelsorgerlich ausgerichtet ist, denn sie bleibt immer auf dem Boden der Heilung, die sowohl den einzelnen als auch die Gemeinschaft betrifft, und auf dem Boden der Vervollkommnung. Theologen müssen in erster Linie, – sagt Prof. Romanidis – Spezialisten für den Teufel sein; denn die Erleuchtung und ganz besonders die Verherrlichung verleihen ihnen die Gnadengabe, die Geister zu unterscheiden, um den Teufel zu überlisten. Das ist ganz besonders dann wichtig, wenn sie sich daran machen, diejenigen in Theologie und Spiritualität zu unterrichten, die daran sind, sich seines Zugriffs zu entziehen“7.
Prof. Romanidis hat eine sehr interessante Feststellung gemacht: „Gerontologen sind zum Schluß gekommen, daß die Alterung ein Krankheitsprozeß sei, und sie fragen sich, ob auch der Tod als ein solcher Krankheitsprozeß angesehen werden müsse. In diesem Zusammenhang könnten die Verherrlichten und ihre Körperhüllen von Interesse sein; denn Hunderte von ihnen sind über Jahrhunderte hinweg in einem Zustand zwischen Verweslichkeit und Unverweslichkeit erhalten geblieben. Dazu gehört als wohl ältestes Beispiel der Heilige Spiridon auf der Insel Korfu, der als Kirchenvater am Ersten Ökumenischen Konzil im Jahre 325 teilgenommen hat. Im Kiewer Höhlenkloster gibt es weitere 120 derart Verherrlichte“8.
So verbleibt der Hesychasmus das absolute Zentrum der orthodoxen Spiritualität - der Brennpunkt der Einheit aller orthodoxen Völker. Ebenfalls ist der Hesychasmus für die patristisch denkenden Orthodoxen die Voraussetzung zur Teilnahme an den Sakramenten und der kirchlichen Theologie. Aus orthodoxer Sicht, sollte daher jeder interchristliche Dialog den Hesychasmus zum Fundament haben.

Anmerkung zu dem Artikel von Vater Georgios Metallinos
* Die Bewegung der „Kollybaten“ entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Heiligen Berg Athos. Die Kollybaten-Väter waren Hesychasten, sie setzten sich für die Rückkehr zu der kirchenväterlichen Tradition ein, zu der in der Philokalie widergespiegelten asketischen Lebensweise und Gebets-Erfahrung. Sie erneuerten auf dem Heiligen Berg Athos nicht nur die theoretischen Prinzipien der palamitischen Theologie, sondern auch ihre praktische Anwendung. Indem sie die orthodoxen Tradtionen verteidigten, kämpften sie gegen die europäische „Aufklärung“ und den metaphysischen Rationalismus des Westens. Die Bezeichnung Kollybaten (von „Kollyba“) wurde ihnen von ihren Gegnern angehängt, da die Kollybaten sich gegen das von den kirchlichen Kanones verbotene Gedenken der Entschlafenen an Sonntagen wandten. Sie befürworteten auch die häufige Kommunion, die in der alten Kirche Gepflogenheit war, das ehrfürchtige Studium und die praktische Anwendung der patristischen Schriften. Paradoxerweise wurde die Rückkehr zu den partristischen Wurzeln von einigen ihrer Zeitgenossen als eine Neuerung ausgelegt. Es wiederholte sich die Situation des 14. Jahrhunderts, als die damaligen Scholastiker die athonitischen Hesychasten des „Modernismus“ beschuldigten.
Der Initiator der Bewegung war Neophytos Kausokalybites (1713-1784), der Rektor der Athos Schule. Ein anderer hervorragender Führer der Kollybaten war der ehrw. Markarios (1731-1805, gest. auf der Insel Chios, wo er sogleich als ein Heiliger geehrt wurde), der dem ehrw. Nikodimos Hagioritis (1749-1809, verherrlicht 1995) bei der Herausgabe der patristischen Werke half, insbesondere der vielbändigen Philokalie. Der ehrw. Nikodimos ist auch als vortrefflicher geistlicher Schriftsteller bekannt, als Verfasser von Büchern über Askese. Ein unnachgiebiger Kämpfer gegen die europäische Aufklärung, gegen Voltaire und den Atheismus war auch Athanasios Parios (1722-1813).
Die Kollybaten übten nicht nur auf ihre Zeitgenossen, sondern auch auf die folgende Generation einen großen Einfluß aus, übrigens nicht nur in Griechenland, sondern auch in anderen orthodoxen Ländern. Auch heute noch sind die Kollybaten die geistlichen Führer der Orthodoxen. (Nach dem Buch: Protopresbiter George Metallinos. I Confess One Baptism... St. Paul’s Monastery, Holy Mountain, 1994). – Red.

1 P.G. 61, 478
2 J. S. Romanides, Church Synods and Civilization, in: Theologia (Qeologia), vol. 63/1992
3 a.a.O.
4 a.a.O.
5 a.a.O.
6 a.a.O.
7 a.a.O.
8 a.a.O.