Hl. Gregor von Nyssa

Über den Heiligen Geist

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1994, 3

Das Thema eines jeden Feiertages erleuchtet David, indem er stets entsprechend der Notwendigkeit seine vielbesaitete Zither stimmt. So mag denn derselbe Prophet uns den Feiertag des Pfingfestes erhellen, indem er mit dem Klöppel des Geistes die Seiten der Weisheit anschlägt und das Lied erklingen läßt. Möge er aus diesem göttlichen Gesang der gegenwärtige Gnade angemessenen Worte aussprechen: „Kommt, laßt uns dem Herrn frohlocken“ (Ps. 94, 1). Zunächst müssen wir die Gnade erkennen, worin sie besteht, und dann auf ihren Inhalt die entsprechenden Worte aus der Prophezeiung anwenden; so erlaubt auch mir, soweit dies möglich ist, alles der Reihe nach zu erklären, was diesen Gegenstand betrifft.

Zu Beginn verfiel die Menschheit in Irrtum hinsichtlich der Gotteserkenntnis, – und sie verließen den Herrn der Schöpfung: die einen begannen in Verblendung den Elementen der Welt zu dienen, die anderen aber wandten sich der Verehrung der Natur der Dämonen zu, vielen erschienen selbst die von Hand gemachten Darstellungen der Götzen als Gottheit, und sie richteten zum Dienst für diese falsche Gottheiten Opfertische und Tempel ein, Weihungen und Opfer, geheiligte Haine und Götzentempel. Doch auf die Verletzung der menschlichen Natur schaute mit dem Auge der Gottesliebe der Herr der Schöpfung und führt das menschliche Leben allmählich wieder aus der Verirrung zur Erkenntnis der Wahrheit. So wie jene, die mit einer gewissen Kenntnis der Heilkunst die Kräfte der von langanhaltendem Hunger Erschöpften wiederherstellen, diesen nicht sofort gestatten, sich zu sättigen, indem sie ihre Schwäche schonen, sondern ihnen erst mit dem Wachsen ihrer Kräfte unter Beihilfe angemessener Nahrung erst dann gewähren, sich nach eigener Lust mit Nahrung zu füllen, so wurde auch in gleicher Weise angesichts der durch furchtbaren Hunger entkräfteten menschlichen Natur von der Heilsökonomie Gottes eine allmähliche Teilhabe an der mystischen Speise festgelegt, damit die Menschen, die stets in einer gewissen Folgerichtigkeit in ihrer Vervollkommung voranschreiten, auf diese Weise zur Grenze der Vollkommenheit gelangen. Das, was uns rettet, ist die lebenspendende Kraft, Welcher wir unter dem Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Glauben schenken. Doch diejenigen, die zum Verständnis dieser Wahrheit infolge der Schwäche, die sie durch seelischen Hunger ereilte, völlig unfähig sind und zunächst durch die Propheten und das Gesetz vom Heidentum Abstand nahmen, lernen die Einige Gottheit zu schauen, und sie erkennen in der Einen Gottheit allein die einige Kraft des Vaters, sind sie doch unfähig, wie ich sagte, zur vollkommenen Nahrung. Wenn sie jedoch mit Hilfe des Gesetzes vollkommener geworden sind, offenbart sich durch das Evangelium der Einziggeborene Sohn; später nun wird uns die vollkommene Nahrung für unsere Natur angeboten - der Heilige Geist, in Welchem das Leben ruht. Das ist das Thema des Feiertags; daher steht es uns an, die wir uns zum Fest des Geistes versammelt haben, auf den Vorsänger dieses geistlichen Lobgesanges, David, zu hören, der da spricht: : „Kommt, laßt uns dem Herrn frohlocken“. Der Herr aber ist der Geist, wie der Apostel sagt (2. Kor. 3,17). Heute wird zum Abschluß der fünfzig Tage nach dem jährlichen Kreislauf der Zeit eben in dieser Stunde (wenn jetzt die dritte Stunde des Tages ist) unaussprechliche Gnade geschenkt. Wiederum teilte Sich den Menschen der Geist mit, Der Sich früher von unserer Natur entzweite, weil der Mensch Fleisch wurde (Gen. 6,3).Und als durch jenes heftige Wehen aus der Luft die geistlichen Kräfte des Bösen und alle widrigen Dämonen vertrieben und zerstieben wurden, da wurden alle in dem Obergemach des Hauses Weilenden durch die Herabkunft des Geistes in der Form des Feuers mit Göttlicher Kraft erfüllt (Apg. 1,13): denn es ist unmöglich anders zum Teilhaber des Heiligen Geistes zu werden, als durch das Verweilen auf der Höhe dieses Lebens. Am Heiligen Geiste haben nur diejenigen teil, die Höheres sinnen, da sie ihre Wohnung von der Erde in den Himmel versetzen, und in dem Obergemach einer hohen Lebensweise wohnen: denn, nach dem Zeugnis des Buches der Apostelgeschichte, teilte sich dieses reine und immaterielle Feuer in Form von Zungen entsprechend der Zahl der Jünger, als sie in dem Obergemach versammelt waren. Doch sie sprachen mit Parthern, Medern und Elamitern und anderen Völkern, indem sie ihre Sprache frei der jeweiligen Volkssprache anpaßten; ich aber, sagt der Apostel, will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen (1. Kor. 14,19). Da war es sinnvoll, in einer Sprache mit den Andersstämmigen zu sprechen, damit die Predigt unter den Unwissenden nicht unwirksam sei, indem sie in der Sprache der Predigenden auf ein Hinderns stießen; jetzt aber, da wir hier alle mit einer Sprache sprechen, heißt es die Feuerzunge des Geistes zu suchen, für die Erleuchtung der durch Täuschung Verblendeten. So mag auch in dieser Sache David uns führen, der den Apostel zum Weggefährten nimmt: denn dieser Psalm, dessen Beginn uns Freude im Herrn schenkt, lenkt uns mit den Worten: Kommt, laßt uns dem Herrn frohlocken nicht nur zum Lobpreis des Heiligen Geistes, sondern belehrt uns vielmehr in dem Folgenden über Seine Gottheit. Ja ich sage euch sogar die Worte des Propheten selbst, mit denen auch der große Apostel übereinstimmt - seine Aussage ist so: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht wie in der Bitternis, am Tag der Versuchung in der Wüste,wo Mich versuchten Eure Väter (Ps. 94,7-9).
Diese Worte erwähnt der gotterleuchtete Apostel und sagt so: Darum, wie der heilige Geist spricht (Hebr. 3,7), und führt darauf eben diese Worte des Propheten an, die er auf die Person des Geistes bezieht. Wer aber ist Der, Den ihre Väter in der Wüste versuchten?Wer - Der, Den sie erzürnten? Erfahre dies vom Propheten selbst, der da sagt, daß sie Gott den Höchsten versuchten (Ps. 77,56). Und der Apostel weist auf die Person des Heiligen Geistes hin und weist Ihm diese Aussagen selbst zu: Darum, wie der Heilige Geist spricht...am Tage der Versuchung in der Wüste, wo Mich eure Väter versuchten und prüften (Hebr. 3,8-9)... Da also der Heilige Geist spricht: eure Väter versuchten Mich in der Wüste, der Prophet aber bezeugt, daß Der, Den sie in der Wüste versuchten, Gott der Höchste ist, so mögen die Münder der Geistbekämpfer (Pneumatomachen) gestopft werden, die die Unwahrheit über Gott sprechen, wenn sowohl der Apostel wie auch der Prophet durch das Gesagte deutlich die Gottheit des Geistes verkünden. Denn der Prophet sagt: sie versuchtenGott den Höchsten, und gleichsam im Namen Gottes spricht er die Worte an die Israeliten aus: in der Wüste versuchten Mich eure Väter; der große Paulus aber schreibt diese Worte dem Heiligen Geist zu, so daß hierdurch bewiesen wird, daß der Heilige Geist Gott der Höchste ist. Sind danach etwa die Feinde des Ruhmes des Geistes einverstanden, die Feuerzunge der Göttlichen Worte zu sehen, die das Verborgene erhellt, - oder werden sie uns als Trunkene von süßem Weine verlachen(Apg. 2,13)? Wenn sie das auch von uns sagen mögen, so empfehle ich euch, Brüder, die Schmähung solcher nicht zu fürchten und vor ihren Verhöhnungen nicht den Mut zu verlieren. Oh, wenn nur auch sie einmal süßen Wein hätten, diesen frisch gekelterten Wein, der aus der Kelter fließt, welche der Herr durch das Evangelium preßte, um dich mit dem Blut des eigenen Weinstocks zu tränken(Jes. 63,2,3)! Oh, wenn nur auch sie von jenem neuen Wein erfüllt würden, den sie als süß bezeichnen, den die Händler noch nicht durch die Beimischung von häretischem Wasser verdorben haben. Dann würden sie natürlich auch vom Geist erfüllt, mit Dessen Hilfe alle, die vom Geist überschäumen, wie Schaum die Grobheit und Unreinheit des Unglaubens abschütteln. Solche können diesen süßen Wein nicht fassen, denn sie tragen noch die alten Schläuche, die nicht imstande sind, einen solchen Wein zu halten und daher häretisch platzen.
Wir aber, Brüder, kommt, laßt uns dem Herrn frohlocken,wie der Prophet spricht, indem wir auch süße Getränke der Frömmigkeit trinken, wie Esdras gebietet (2. Esdr. 9,51), - und indem wir mit der Schar der Apostel und Propheten licht feiern, kommt, nach der Gabe der Heiligen Geistes freuen wir uns und frohlocken wir an diesem Tag, den der Herr geschaffen, in Christus Jesus, unserem Herrn, Dem Ehre gebührt in Ewigkeit. Amen*. z
*Curs. Compl. Patrolog. Migne, tom. XLVI, col. 695-702.