Textsammlung

Hl. Gregor der Sinait

Geistliches Leben: Verborgenes Leben in Christus

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 4

Verborgenes Leben in Christus
Leben und Lehre des Hl Gregor Sinaitis

Der Beginn der ewigen Seligkeit des Menschen in der Gottesgemeinschaft wird schon hier auf Er-den gelegt, worüber der hl. Gregor Sinaitis, der im 14. Jh. lebte (gest. 1346) und mit eigenen Augen gleich den Körperlosen das gnadenvolle Göttliche Licht geschaut hatte, sehr viel schrieb.
Der Hl. Gregor Sinaitis lebte auf Cypern und auf dem Sinai, wo er im Fasten und unermüdlichem Gebet verharrte. Jeden Tag bekannte er mit zerknirschtem Gemüt seine sündigen Gedanken. Manchmal sang er in der Nacht den ganzen Psalter, führte zahlreiche Verbeugungen aus und wurde so der gnadenvollen Beschauung durch den Heiligen Geist gewürdigt. Zuerst weilte er mit seinem Schüler Gerasim in Jerusalem, dann ließ er sich auf der Insel Kreta nieder, wo beide ein strenges Fastenleben führten, so daß ihre Körper ganz grau und ausgetrocknet erschienen.
Im Gebet bat er Gott um Belehrung in der Kunst des geistigen Gebets, der Hesychia und der Beschauung. Gott befahl dem kretischen Hesychasten Arsenius in einer Vision, Gregor in den Re-geln des hesychastischen Lebens zu unterweisen. Arsenius selbst besuchte ihn und lehrte ihn viel über die Beherrschung der Gedanken, über die wahre Enthaltsamkeit, über das Jesusgebet und die Reinigung des Herzens. Er wies ihm den Weg zur Gottesgemeinschaft, wobei der lichtschauende Geist in der Kontemplation vom Licht der Gnade erleuchtet wird.
Die Lehre des hl. Gregor Sinaitis über den Er-werb der Gnade, die geistige Vervollkommnung und die Gottesschau ist eine Offenbarung seiner gotterleuchteten Seele und gleichlautend mit den Worten eines anderen großen Hesychasten, des hl. Gregor Palamas. Einstimmig betrachteten sie das irdische Leben als den Beginn der Gottesgemeinschaft und der Aneignung noch hier auf der Erde der Kontemplation des gnadenvollen und ungeschaffenen Lichtes der Gottheit durch das ständige Jesusgebet, das die Seele erleuchtet und den Körper glänzend macht, und so ein engelgleiches Aussehen verleiht.
Die göttliche Natur, die das Licht der Gottheit ausströmt - das gnadenreiche Licht vom Tabor vereint die Menschen mit Gott und gibt der Seele den Lebensatem zurück, welche dann die himmlischen Geheimnisse erschaut.
Es gibt den aktiven Weg und es gibt die Kontemplation. Viele besaßen große Erfahrung und Weisheit, sie ertrugen allerlei Mühen, aber da sie nur dem Weg der aktiven Askese folgten, wußten sie nichts über das geistige Gebet und die Beherrschung der Gedanken. Auf dem ganzen Athos begegnete der hl. Gregor Sinaitis nur drei Mönchen, nämlich Jesaia, Kornelios und Makarios, die eine gewisse, wenn auch nur teilweise Ahnung von der Kontemplation hatten.
Der hl. Gregor führte das Leben eines Hesy-chasten, indem er sich nur der Betrachtung und dem geistigen Gebet hingab. Mit demütiger Rührung, tiefen Seufzern, Tränen und zerknirschtem Herzen rief er ständig aus: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder". Der Herr suchte ihn mit Seiner Gnade heim. Einmal fühlte der hl. Gregor das Entzücken seiner Seele im wunderbaren göttlichen Feuer, und seine Zelle erfüllte sich mit gnadenreichem Licht. Er weinte vor Ergriffenheit, er verschüttete Tränen der gnadenerfüllten Liebe zu Gott. Die Seligkeit und Freude spiegelten sich auf seinem Gesicht wider. Fortan war er von geistiger Weisheit und gnadenreichen Gaben erfüllt. Viele Athosmönche kamen zu ihm, und er lehrte sie die Kunst des kontemplativen Lebens. Er wanderte viel umher und wie ein großer Missionar unterwies er alle im Leben der Gnade.
Der hl. Gregor Sinaitis lehrte, daß im Menschen das Ebenbild der ursprünglichen Dreieinigkeit liegt: Vernunft, Wort und Geist. Die Vernunft enthüllt sich durch das Wort, und das Wort offenbart sich durch den Geist. Obwohl sie einander aufdecken und ineinander verharren, sind dennoch Verstand, Wort und Geist selbständig und im Menschen nicht getrennt, und wenn sie auch für sich alleine sind, so existieren sie doch eines in dem anderen.
Der Erstgeschaffene war dem Körper nach unverweslich. Der Wille verfügte über volle Freiheit, aus der Erinnerung stiegen keine unreinen Gedanken auf. Es gab keine Leidenschaften, keine Gemütserregung. Aber nach dem Sündenfall verlor der Mensch die ursprüngliche Unsterblichkeit, Reinheit und geistige Einsicht.
Das eifrige Streben des ersten Wesens nach dem Guten und die starke Liebe zu Gott entarteten in den gefallenen Menschen zu unbesonnener Erregbarkeit und körperlicher Leidenschaft, welche sich in ihnen nach der unerwarteten Bildung überflüssiger Samenflüssigkeit im Körper zeigte, was ein Zeichen von Verwesung und triebhafter Grobheit ist.
In seiner geistigen Blindheit konnte er das göttliche Licht nicht mehr sehen. Der Körper ging eine Gemeinschaft mit der unsauberen Seele ein, und die der Seele eigenen Kräfte der Erregbarkeit und des Willens betrachten wir jetzt als physische oder psychische, aber nicht mehr als spirituelle Kräfte. Der Mensch glich sich den Tieren an. Selbstliebe, Gefühlslosigkeit, Eitelkeit und Neid berauben die Seele der Gnade. Der Seele steht eine große Anstrengung bevor, um wieder in die Gottesgemeinschaft einzugehen, da die Sünde die Gedanken und die Erinnerung an Gott vertrieb. Der Mensch muß eine Wohnstätte Christi werden. Nur die Gna-de deckt das Gute auf, und in der Seele werden die göttlichen Gebote, Enthaltsamkeit, Liebe und Demut und das ganze Gesetz des Lebens in Gott heimisch.
Der hl. Gregor hält Liebe, Demut und Geduld für die größten von allen Tugenden. Wenn die Seele das Gute auswählt, dann gebiert sie sozusagen herrliche Sprößlinge, d.h. Tugenden, und sie sammelt den Honig der Weisheit ein.
Der Ursprung und die Entstehung der Tugenden verbirgt sich in dem Willen des Menschen zum Guten und in der Mitwirkung der Gnade. Die selbständige Quelle alles Guten ist der Dreieinige Gott.
Der Körper ist unvergänglich geschaffen, und als solcher aufersteht er auch, obwohl er jetzt verweslich ist. Auf gleiche Weise wurde auch die See-le leidenschaftslos erschaffen. Wie Gott die Ursache und die Quelle alles Guten ist, so ist der Be-ginn und die Grundlage der Tugenden die gute Absicht oder der Wille zum Schönen.
Der Anfang des Guten ist der Glaube, insbesondere Christus - der Fels des Glaubens, den wir als Ursprung und Grundlage aller Tugenden betrachten, auf den wir uns stützen und auf dem wir alles Gute errichten. Er ist der Eckstein, der uns mit sich selber verbindet, Er ist die wertvolle Perle.
Die wichtigsten Tugenden sind: göttliche Liebe, Demut und göttliche Geduld gemäß der Schrift: "Durch eure Geduld werdet ihr eure Seelen retten." (Lk. 21,19).
Das Urbild unserer guten Taten ist der Stempel des Erstgeschaffenen. Die Tugenden kann man einteilen in: 1) aktive oder willentliche; 2) natürliche oder körperliche; 3) göttliche oder geistige.
Der hl. Gregor zeigt vier grundlegende Tugenden auf: Weisheit, Tapferkeit, Keuschheit, Wahrheit. Aus Stolz degeneriert die Tapferkeit zu Tollkühnheit oder Furchtsamkeit, die Weisheit zu Feigheit oder Unwissenheit, die Keuschheit zu Unenthaltsamkeit oder Gefühlslosigkeit, die Wahrheit zu Habsucht oder Unwahrhaftigkeit.
Bei dem geistigen Streiter stellen sich durch seine Anstrengungen der Reihe nach folgende Tugenden ein: Enthaltsamkeit, Fasten, Wachsamkeit, Geduld, Tapferkeit, Schweigsamkeit, Gebet, Stillschweigen, Weinen, Demut. Die sündenverhaftete Seele hat ihrerseits auch ihre Erlebnisse. Die Dämonen flößen ihr Gedanken ein, und der Wille neigt sich freiwillig zur Sünde.
Die Materie erzeugt reine Gedanken, der dämonische Angriff jedoch schlechte. Bei einem Vergleich unterscheiden sich also die natürlichen Gedanken und Worte von den nicht-natürlichen und übernatürlichen. Böse Gedanken gehen den Phantasiebildern voraus, und auf die Phantasien folgen die Leidenschaften.
Schlechte Absichten sind Worte der Dämonen und Vorläufer der Leidenschaften, und gleich einer Flußströmung überfluten sie unser Herz aufgrund unseres Leichtsinns. Der Fürst der Dunkelheit bedeckt es mit der Finsternis der Unwissenheit und der Leidenschaften. In der dreiteiligen Seele liegt der Ursprung der Leidenschaften und der Tugenden, denn die Geburt des Guten und des Bösen liegt im Willen, der sich wie ein Zeiger in eine bestimmte Richtung neigt. So ist die Willensfreiheit die Quelle der Leidenschaften.
Die Leidenschaften gehen vor den bösen Geistern einher, und die Dämonen laufen hinter den Leidenschaften her. Der Anfang und die Ursache der Leidenschaften ist der Mißbrauch. Die Ursache des Mißbrauches ist die böse Neigung, die Ursache der bösen Neigung ist zuerst irgendeine willentliche Überzeugung. Die Versuchung des Willens stellt die Anfechtung dar, der Anlaß der Anfechtung sind die Dämonen, wodurch durch die Vorsehung zugelassen wird, aufzudecken, was unsere freie Willensentscheidung ist (Kap. 76).
Die Leidenschaften tragen verschiedene Na-men. Sie unterteilen sich in psychische und physische. Im Hinblick auf den Körper gibt es die schmerzhaften Leiden und die sündigen Neigungen. Bei den körperlichen Leiden gibt es die krankhaften und die erziehenden. Die seelischen Leiden gründen sich auf drei Gemütskräfte, nämlich auf die Erregbarkeit, die Willenskraft und die Geisteskraft (Unterscheidungskraft und Einbildungskraft). Es gibt auch noch unwillentliche und daher nicht tadelnswerte Leidenschaften.
Einige dieser Leidenschaften sind die Folge eines Mißbrauchs des freien Willens, andere entstehen notgedrungen. Das sind die sogenannten nicht-tadelnswerten Leidenschaften, die bei den heiligen Vätern als begleitende und natürliche Eigenschaften bezeichnet werden.
Die Leidenschaften sind gegenseitig voneinander abhängig und wirken aufeinander - die körperlichen sind von der Willenskraft abhängig, die seelischen von der Erregbarkeit, die mentalen Leidenschaften von den geistigen Kräften, und die geistigen Kräfte von der Urteilskraft und den Leidenschaften des Gedächtnisses.
Kap. 79. Die Leidenschaften der Erregbarkeit sind folgende: Zorn, Ärger, Schreihalsigkeit, Jähzorn, Verwegenheit, Arroganz, Ruhmsucht etc. Zu den Leidenschaften des Willens gehören: Habgier, Ausschweifung, Unenthaltsamkeit, Wollust, Gewinnsucht und Eigendünkel, welche Leidenschaft schlimmer ist als alle anderen. Die fleischlichen Leidenschaften sind folgende: Unzucht, Ehebruch, Unreinheit, Sittenverfall, Unwahrhaftigkeit, Bauchdienerei, Sorglosigkeit, Zerstreutheit, Weltliebe, Hängen am Irdischen, u.a.
Die zum mentalen Bereich gehörenden Leidenschaften sind: Mißtrauen, Schmähung, Schlauheit, Hinterlist, Neugier, Doppelherzigkeit, Verleumdung, üble Nachrede, Verurteilung, Demütigung, Lästerung, Heuchelei, Lüge, unflätige Redensart, leeres Geschwätz, Verführung, Ironisierung, Eitelkeit, Augendienerei, Überheblichkeit, Meineid u.a.
Geistige Leidenschaften sind: Einbildung, Hochmut, Selbstverherrlichung, Streitsüchtigkeit, Unwille, Selbstzufriedenheit, Widerspruchsgeist, Ungehorsam, Schwärmerei, Neigung zu Hirngespinsten, Prunksucht, Ruhmsucht und Stolz, was das erste und das letzte aller Übel ist.
Leidenschaften des Verstandes sind folgende: Umherschweifen, Leichtfertigkeit, Kriecherei, Verfinsterung, Verblendung, Übertretung, böse Eingebungen, Zustimmung, Neigungen, Verleugnung und ihnen ähnliche. Mit einem Wort, alles widernatürliche Böse entwickelte sich aus drei psychischen Kräften, genauso wie in ihnen von Natur aus auch alles Gute vorhanden ist. In der Leidenschaft schändet der Geist sich durch unreine Gedanken, der Wille erhitzt sich durch tierische Lust, die Erregungsfähigkeit durch viehische Neigungen. Die körperlichen Begierden begünstigen die Entfaltung der Leidenschaften des Willens, die willentlichen und geistigen Begierden verstärken die Erregbarkeit. Von allen Leidenschaften sind Unzucht und Niedergeschlagenheit am ernstesten und schwersten. Sie sind voneinander abhängig und stehen in enger Verbindung miteinander und sind daher unzerstörbar, unüberwindbar und vollkommen unbesiegbar. Die Niedergeschlagenheit, die über den unterdrückten Geist die Oberhand gewonnen hat, windet sich wie ein Efeu ganz um die Seele und den Körper und macht unsere Natur welk, geschwächt und wie gelähmt.
Die Mutlosigkeit ist eine nur mit Mühe zu besiegende Leidenschaft; sie schwächt den Körper, und in dem erschöpften Körper verliert auch die Seele ihre Kraft. Wenn nun beide (Körper und Seele) sich in erschöpfter Verfassung befinden, dann ändert sich der Zustand des Körpers hin zur Sinnlichkeit. Die Sinnlichkeit weckt unreine fleischliche Neigungen, die lüsterne fleischliche Neigung ruft eine Erhitzung hervor, die Erhitzung eine heftige Gemütswallung, diese wiederum bringt das Gedächtnis in Bewegung, das Gedächtnis die Phantasie, die Phantasie erzeugt den bösen Impuls, dieser die Billigung, die Billigung führt zur Zustimmung, und damit ist der Weg offen zur Ausführung der Tat durch den Körper auf vielerlei Weise. So fällt der besiegte Mensch.

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