Baronin Sophie Buxhoevenden

“Das Leben und die Tragödie von Alexandra Feodorovna,
Zarin von Rußland”, Kapitel 30: Tobolsk, August 1917 bis April 1918



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1998, 3

 

Die Probleme in Zarskoe Selo vor der Abfahrt zeigten, wie unwillig die Extremisten waren, die kaiserliche Familie aus ihren Klauen zu entlassen und wie wenig Autorität die Regierung tatsächlich besaß. Der von der Regierung als Exil bestimmte Ort war Tobolsk, eine ferne Stadt in dem verlassensten Teil Sibiriens, wo die Familie wohlbehalten am 19. August eintraf. In Tobolsk war der Reliquienschrein des Hl. Ioann, zu der die Zarin bereits 1916 an ihrer Stelle Fräulein Vyrobova auf Pilgerfahrt geschickt hatte, weshalb sie diesen Zufall nun als ein gutes Omen sah. Die Regierung hatte während der langen Fahrt für das leibliche Wohl der Reisenden Vorsorge getroffen. Sie bekamen einen Sonderzug, der aus Erste-Klasse-Schlafwagen bestand, wozu ein Restaurantwagen hinzukam. Bewaffnete Soldaten fuhren mit, aber diese hielten sich am Ende jedes Eisenbahnwagons und nicht drinnen auf. Ein Duma Abgeordneter, Ver¡zinin, war zu ihrer Begleitung deputiert worden, außerdem ein Ingenieur namens Makarov, der alle Vorbereitungen für die Fahrt getroffen hatte, sowie zwei Mitglieder des Sowjet. Um keinen Verdacht zu erregen und womögliche Verzögerungen zu verhindern, hieß es, der Zug würde eine japanische Rotkreuz-Mission durch Sibirien fahren. Es gab jedoch ein paar Stationen unterwegs, und wenn immer der Zug durch einen größeren Bahnhof fuhr, wurden alle Jalousien heruntergezogen. Der Zug wurde jeden Tag für eine halbe Stunde angehalten, damit der Zar und die Kinder sich etwas ergehen konnten. Die Abgeordneten schärften ihm ein, sich von der Lokomotive fernzuhalten, damit der Lokführer ihn nicht gar erkenne.
Die Großfürstinnen zeigten mit dem frischen Geist ihrer Jugend bald Interesse für ihre neue Umgebung, nachdem sie eine gewisse Wehmut, Zarskoe verlassen zu müssen, überwunden hatten. Die Zarin lag den ganzen Tag in ihrem Coupé, völlig erschöpft an Körper und Seele. Sie war schrecklich enttäuscht, daß sie nicht nach Livadia gehen durfte. Dies war nun tatsächlich das Exil, und sie fühlte, daß Sibirien zur besonderen Betonung dieses Umstandes gewählt wurde. Etwas Trost gab ihr, daß die Abgeordneten höflich mit dem Kaiser umgingen. Die paar Soldaten im Zug waren eine große Verbesserung im Vergleich zu der Horde von Zarskoe, denn Oberst Kobylinskij hatte behutsam die vernünftigsten Leute aus dem Schützenregiment zur Zusammenstellung der Schutzgarde ausgewählt. Die Männer gingen recht freundlich mit den Kindern um, und bei einer Station pflückten sie sogar einige Kornblumen und gaben sie der Zarin, die aus dem Fenster herauslehnte. In Tjumen wurde die ganze Partie auf den Dampfer Rus verladen, da es keine Eisenbahnlinie nach Tobolsk gab. Es hieß, daß die Schiffahrtsgesellschaft beabsichtigte, ihr größtes und modernstes Schiff dem Kaiser zur Verfügung zu stellen, aber der Fluß Tobol war zu dieser Jahreszeit zu seicht, und so mußte das kleinere Schiff Rus eingesetzt werden. Es war recht bequem und die kaiserliche Familie war von dieser Etappe der Fahrt sehr angetan. Sie wähnten sich frei zu sein, und die Landschaft erinnerte sie an ihre Fahrt auf der Wolga anläßlich der Romanov Jubiläen. Das umliegende Land war sehr dünn bevölkert, so daß sie während ihrer 36-stündigen Fahrt nur an wenigen Dörfern vorbeikamen. Eines dieser Dörfer war Pokrovskoe, der Geburtsort Rasputins. Die Zarin konnte nicht umhin, sich an seine Weissagung zu erinnern, daß sie eines Tages frei- oder unfreiwillig an seinem Haus vorbeikommen würden. Die Leute der Gegend hielten sich vom Flußufer fern. Sie standen der kaiserlichen Familie zwar nicht feindlich gegenüber, aber selbst wenn sie wußten, wer die Reisenden in der Rus waren, fürchteten sie sich, durch eine Sympathiebekundung für derartige politische Gefangene in Schwierigkeiten zu geraten. Der erste Eindruck von Tobolsk vom Dampfer aus war ein angenehmer. Die Stadt war malerisch, größtenteils an den steilen Böschungen des Flusses Tobol gelegen, wo dieser in den mächtigen Irty¡s einmündet. Die Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten die Kirchenkuppeln, und die Glocken, die zum Abendgottesdienst läuteten, erinnerten die Reisenden an das Glockengeläute bei den offiziellen Besuchen in glücklicheren Zeiten. Alles schaute friedlich und anmutig aus. Bald jedoch merkten sie, daß es nur ein äußerer Eindruck war. Rein gar nichts war in dem Haus, in dem sie nun wohnen sollten, hergerichtet worden. Der Umstand, daß für die Abreise aus Zarskoe Selo keine richtige Vorsorge getroffen wurde, hatte bereits gezeigt, daß der ehemalige Imperator sogar jenen ziemlich egal war, sie nicht ausgesprochen aggressiv gegen ihn gesinnt waren. Fürst Dolgorukov und General Tati¡s¡cev, die das Haus mit Oberst Kobylinskij in Augenschein nahmen, erklärten es in seinem gegenwärtigen Zustand für unbewohnbar. Es hatte ursprünglich als Gouverneur-Residenz gedient, aber war seitdem als Kaserne benutzt worden und unbeschreiblich schmutzig.
(Fürst V.A. Dolgorukov war der Stiefsohn von Graf Benckendorf, d.h. der Sohn aus Gräfin Benckendorfs erster Ehe. Er wurde 1914 zum zweiten Hofmarschall ernannt. Fürst Dolgorukov blieb mit unbeirrbarer Treue die ganze Zeit der Gefangenschaft in Zarskoe bei seinem Herrn, er begleitete die kaiserliche Familie nach Tobolsk und fuhr schließlich mit dem Zar und der Zarin nach Jekaterinburg. Dort durfte er jedoch nicht in dem Ipatiev Haus wohnen, sondern wurde ins Gefängnis geworfen, wo er angeblich im Juli 1918 erschossen wurde.)
(I.L.Tati¡s¡cev war vormals einer der General-Adjutanten des Zaren und vor dem Krieg bei der Russischen Botschaft in Berlin. Der Zar hatte ihn anstelle von Graf Benckendorf als Begleiter ausgewählt, als bekannt wurde, daß dessen Gesundheitszustand die Reise nach Tobolsk nicht erlauben würde, und General Tati¡s¡cev war sofort einverstanden, die kaiserliche Familie in ihre Gefangenschaft zu begleiten. Er blieb die ganze Zeit in Tobolsk und fuhr mit den Zarenkindern nach Jekaterinburg. Bei der Ankunft dort wurde er von ihnen getrennt und ins Gefängnis geworfen, wo er wahrscheinlich im Juni 1918 von den Bolschewiken ermordet wurde.)
Erzbischof Hermogenes, der wegen seiner Ablehnung Rasputins bei Hof in Ungnade gefallen war, wurde von der Provisorischen Regierung in die Eparchie von Tobolsk versetzt. Nun bot er der kaiserlichen Familie seine eigene Residenz an. Dieses Haus bot den Vorteil, eine Privatkapelle und einen Garten zu besitzen, aber die Zimmer, die eigentlich nur aneinandergereihte Säle darstellten, waren höchst unbequem, weshalb das Angebot freundlich abgelehnt werden mußte. Schließlich wurde beschlossen, daß die Gouverneursresidenz angestrichen und gesäubert werden sollte, währenddessen die kaiserliche Familie an Bord des Dampfers zu bleiben hatte. Das behagte ihnen sehr. Sie durften kleine Ausflüge flußaufwärts unternehmen, zu Spaziergängen ans Ufer gehen, wobei die Wache ihnen in einem angemessenen Abstand folgte. Das gab ihnen Anlaß zur Hoffnung, daß die Gefangenschaft in Tobolsk sich milder gestalten würde, besonders da die Kammerherren frei in der Stadt herumlaufen durften, während sie für die Möblierung des Hauses sorgten. Alles notwendige Mobilar wurde von Privatiers in der Stadt gekauft, und das Haus stand am 26. August bereit. Die kaiserliche Familie zog noch am selben Tag ein, wobei der Haushalt in einem Haus gegenüber untergebracht wurde, das einem Kaufmann namens Kornilov gehörte. Der Zar und die Zarin besichtigten die Quartiere ihres Gefolges am Tag ihrer Ankunft. Das war das einzige Mal, daß sie ihr Haus verlassen durften. Vor der Abreise aus Zarskoe gab es vage Andeutungen, daß die Großfürstinnen etwas mehr Bewegungsfreiheit erhalten würden. Der Kommandant hatte mehrere Male erklärt, daß sie eigentlich nicht unter Arrest standen, sondern nur freiwillig ihre Eltern begleitet hätten, ebenso wie die Angehörigen des Haushaltes. Kobylinskij hatte sogar gehofft, daß der Zar zuweilen auf Jagd gehen könne, nachdem er sich in Tobolsk niedergelassen hatte. Die tatsächlichen Umstände stellten sich aber als ganz anders heraus. Den kaiserlichen Gefangenen wurde nicht erlaubt, das Haus zu verlassen, außer gelegentlich an Sonntagen oder großen Feiertagen zum Kirchgang, und dann wurden sie von einer starken, bewaffneten Eskorte begleitet. Die ihnen angetane Behandlung wurde im Laufe der Zeit immer unangenehmer.
Das Haus war, nachdem es endlich fertig war, recht bequem. Einige private Besitzstücke wie Teppiche, Lieblingsgemälde etc. waren auf Order von Makarov aus Zarskoe Selo nachgeschickt worden. Die Majestäten hatten ein Schlafzimmer, der Zar ein Ankleidezimmer, die vier Großfürstinnen teilten sich ein Schlafzimmer, und der Zarevi¡c hatte sein eigenes mit seinem Matrosendiener nebenan. Es gab ein Wohnzimmer für die Zarin und ein Arbeitszimmer für den Zar im ersten Stock, abgesehen von einem Saal, wo später eine Feldkirche errichtet wurde. Das Eßzimmer war im Parterre. M. Gilliard und einige der persönlichen Bediensteten wohnten ebenfalls in dem Gouverneurshaus, der Rest der Dienerschaft war mit dem Haushalt im gegenüberliegenden Gebäude untergebracht. Gräfin Hendrikov, Fräulein Schneider und der Kammerherr nahmen ihre Mahlzeiten zusammen mit der kaiserlichen Familie ein. Sie durften die Straße unbewacht überqueren, da der Abstand sehr gering war.
(Jene, die mit der kaiserlichen Familie in den ersten fünf Monaten der Gefangenschaft blieben, waren Graf Benckendorf, Frau E.A. Nari¡skin, bis 27. Mai 1917, als sie erkrankte und abfuhr, Gräfin A.W. Hendrikov, Frl. E.A. Schneider, M. Gilliard, die Doktoren Botkin und Derevenko, sowie ich.)
(Frl. Schneider, eine baltische Russin, wurde zur Vorleserin der Zarin ernannt und 1905 mit dem Titel “Hoflektorin” versehen. Sie unterrichtete die Zarin zuerst in Russisch, dann las sie ihr vor, und in den letzten Jahren fungierte sie auch als eine Art Gouvernante für die zwei jüngeren Großfürstinnen. Sie war bis zuletzt mit ihren Majestäten und folgte ihnen in der Gefangenschaft in Sibirien nach Jekaterinburg. Dort wurde sie von der kaiserlichen Familie getrennt und ins Gefängnis geworfen. Dann wurde sie mit der Kammerfrau der Kaiserin, Gräfin Anastasia Hendrikov, in das Gefängnis von Perm verlegt, wo beide am 22. August 1918 von den Bolschewiken ermordert wurden. Damals war Frl. Schneider über 60 jahre alt.)
Einige Zeit lang durfte die Gefolgschaft sogar alleine in die Stadt bummeln gehen, aber dieses Privileg wurde nach und nach reduziert. Zuerst durften sie nur an gewissen Tagen ausgehen. Dann mußten sie immer von einem bewaffneten Soldaten begleitet werden, und nach Neujahr wurden sogar diese beschränkten Ausgänge nur noch selten gestattet. Die kaiserliche Familie schnappte soviel Luft wie möglich in dem Küchengarten, der dem Gouverneurshaus angegliedert war. Das war nur ein winziger Freiraum mit ein paar Kohlköpfen, ein Straßenstück war noch hinzugefügt worden, das ganze hastig von hohen Holzlatten zugerammt. Dieses umzäunte Stückchen Erde verwandelte sich im Herbst zu einem Sumpf, da es nicht befestigt war. Es gab dort keinen einzigen Baum oder Busch. Der Winter beginnt in diesen nördlichen Regionen früh, der erste Schnee fällt gewöhnlich im September, aber 1917 war ein ausgesprochen mildes Jahr, und bis Anfang November gab es keinen richtigen Schnee. Aber das Klima in Tobolsk ist rauh, und im Januar fiel die Temperatur auf minus 50° C. Es war jedoch ziemlich windstill, was die Kälte erträglich machte, und die Sonne schien täglich einige Stunden lang prächtig.
Der große Nachteil des Hauses war seine immense Frostigkeit. Als der Gouverneur dort wohnte, gab es ein spezielles Heizungsystem, das wahrscheinlich ungeachtet der hohen Kosten betrieben wurde, aber jetzt gab es kaum Brennstoff, und die ganze Familie litt schrecklich unter der Kälte. Die Zimmertemperatur betrug oft nur 7° C. Sogar die Zarin fühlte sich halberfroren, und ihre Finger waren so steif vor Frostbeulen, daß sie ihre Ringe nicht tragen und kaum ihre Stricknadeln bewegen konnte. Die Großfürstinnen, denen immer kalt war, trugen alle warmen Kleidungsstücke, die sie nur finden konnten.
Tobolsk war eine Kleinstadt von etwa 30.000 Einwohnern und lag ziemlich außer der Welt. Nur in den vier Sommermonaten war der Fluß schiffbar, und für den Rest des Jahres mußte der ganze Verkehr mit dem 287 Werst entfernten Tjumen durch Pferde bewältigt werden. Die Gefangenen hätten leicht fliehen können. In einem solchen Fall hätte nur per Telegraph Alarm gegeben werden können, und da wären sie schon 20 Meilen weit weg gewesen, zudem gab es auf der langen Landstrecke von Tjumen nach Tobolsk kaum Dörfer. Jede derartige Idee lag dem Zarenpaar jedoch völlig fern. Sie waren froh, von der Hektik der Politik weit weg zu sein und hofften, daß sie in dem trostlosen Ort vergessen würden und in Rußland bleiben dürften, was ihr eigener Wunsch bis zum Schluß war. Zu Sylvester 1917 schrieb mir die Zarin: “Gott-sei-Dank sind wir noch alle zusammen und in Rußland.”
Die Bewohner des Städtchens waren ihnen nicht feindlich gesinnt, denn es lag zu weit weg, als daß die Propaganda durchdringen konnte, und hier herrschten noch patriarchalische Sitten. Der Kaiser war noch der Zar von Tobolsk, und viele Leute entblösten ihr Haupt, wenn sie am Gouverneurshaus vorbeikamen. Wenn die kaiserliche Familie zur Kirche geführt wurde, blieb die Menge in einiger Entfernung stehen, aber es gab viele, die sich bekreuzigten, wenn der Kaiser vorbeiging. Viele der Kaufleute sandten auch Geschenke in Form von besonderen Speisen, manche offen, andere anonym. Diese waren sehr willkommen, denn in dem rauhen Klima waren Kohl und Karotten die einzigen Gemüsearten, und Kartoffeln mußten von Tjumen gebracht werden. Fisch gab es reichlich und Wildbret in Hülle und Fülle.
In Tobolsk gab es keine Garnison, und die 350 Mann starke Garde unter Oberst Kobylinskij aus dem Schützenregiment von den Zarskoe Selo war die einzige Autorität. Zuerst schienen sie zu einem etwas milderen Regime geneigt, und Oberst Kobylinskij und seine Offiziere hatten ihre Leute unter Kontrolle. Aber unter dem Einfluß der nicht enden wollenden Propaganda schwächte sich seine Autorität allmählich. Die Provisorische Regierung ernannte einen bürgerlichen Kommissar in der Person von Vassilij Semenovi¡c Pankratov, einen ehemaligen politischen Gefangenen, der die besten Jahre seines Lebens in Sibirien verbracht hatte. Dieser war zwar kein schlechter Mensch, obwohl er in seiner Jugend wegen Totschlag eingesperrt wurde. Aber er war von den extremsten Ideen des Sozialismus vollgestopft und ein richtiger Fanatiker. Er und sein Assistent, ein grober, ungehobelter Mann namens Nikolskij, bestanden darauf, den Soldaten sozialistische Vorträge zu halten. Zuerst beeindruckten diese sie kaum, aber allmählich begannen sie aus Langeweile, denn sie hatten nicht viel zu tun, ihre “Rechte zu diskutieren”. Die Befehle des Kommandeurs wurden mißachtet, und der kleine Sowjet machte sich wichtig. Pankratov selbst hatte immer Angst vor den Soldaten. Er hätte den Zarenkindern, denen er persönlich eher zugetan war, mehr Freiheit gegeben, aber er übernahm nicht die Verantwortung, dies zu bewilligen.
Viel Schaden wurde ahnungslos zu jener Zeit durch das plötzliche Eintreffen einer Freundin der Großfürstinnen in Tobolsk angerichtet, nämlich Margarita (Rita) Sergievna Hitrovo, einer der ehrenamtlichen Hofdamen. Sie hatte keine besondere Funktion zu Hofe gehabt, aber in dem Krankenhaus der Zarin gearbeitet und große Bewunderung für die Großfürstin Olga Nikolaevna entwickelt. Während ihrer Reise benahm sie sich töricht und schrieb unvorsichtige Postkarten an ihre Familie, welche den Verdacht erregten, daß sie mit einem politischen Auftrag käme. Als sie im September in Tobolsk ankam, ging sie direkt zu dem Kornilov Haus, um Gräfin Hendrikov zu besuchen. Keiner durfte das Haus ohne eine Sondergenehmigung betreten. Sie wurde natürlich von den Soldaten erwischt, Alarm wurde geschlagen, Fräulein Hitrovo wurde sofort verhaftet und nach Moskau gebracht. Sie hatte einige völlig harmlose Briefe für die kaiserliche Familie mitgebracht, die sie Kobylinskij zur Weiterreichung geben wollte, aber sie hatte die Regeln gebrochen, und ihr Besuch bei Gräfin Hendrikov führte zu einem Kreuzverhör, für die Gräfin zu einem Tag Arrest in ihrem Zimmer und zu vielen bangen Augenblicken für den Kommandeur. In Moskau wurde schließlich erwiesen, daß Frl. Hitrovo überhaupt keine politische Sendung hatte und sie ihre Reise nur aus dem Wunsch, ihre geliebte Großfürstin zu sehen, unternommen hatte. Sie wurde auf freien Fuß gesetzt, aber die Gefangenen in Tobolsk litten unter ihrer Eskapade. Obwohl die kaiserliche Familie sie gar nicht gesehen hatte, waren die Soldaten erzürnt über diese Mißachtung der Anordnung und verstärkten ihre Wachsamkeit und Strenge. Sie fürchteten, daß ein “Komplott” geschmiedet würde, und es war nach dem Besuch von Frl. Hitrovo, daß die Gefolgschaft nur unter bewaffneter Bewachung ausgehen durfte. Als im November die Garderobiere der Kaiserin, Madeleine Zanotti, und zwei Hofdamen aus Zarskoe Selo ankamen, wurden sie nicht eingelassen, obwohl sie die notwendige Berechtigung von Kerenskij dazu hatten. Ein ähnliches Schicksal ereilte auch mich, als ich ankam. Obwohl mir gestattet wurde, mit den anderen Mitgliedern des Haushaltes einige Wochen in dem Kornilov Haus zu wohnen, mußte ich schließlich eine Unterkunft in der Stadt suchen, obwohl ich die Gefolgschaft täglich sehen konnte. Während ich im Kornilov Haus wohnte, durfte ich überhaupt nicht ausgehen.
Am Morgen nach meiner Ankunft im Kornilov Haus in Tobolsk schrieb mir die Zarin um 8 Uhr: “Weihnachtsabend. Guten Morgen, liebe Iza, ich hoffe, Du hast gut geschlafen und fühlst Dich heute nicht zu erschlagen und erschöpft. Ich sende Dir dieses Bild mit meinem Segen von dem Heiligen von Tobolsk, Ioann Maximovi¡c, dem Metropoliten von Tobolsk. Seine Reliquien liegen in der Kirche auf dem Hügel (leider waren wir noch nicht dort!). Hänge es auf, und möge er Dein Wächter und Führer sein! Mögest Du hier wieder kräftig, gesund und wohlauf werden. Wir haben Gottesdienst um 12 Uhr, ich denke, vielleicht kannst Du kommen, da der Wechsel der Wachen dann gerade vorüber ist, und es wäre gut, Deine Aufnahme hier mit Gebeten zu beginnen. Ich küsse Dich, Darling! A.”
Niemand von außen durfte die kaiserliche Familie besuchen, außer gelegentlich ein Zahnarzt oder ein Augenspezialist, die von Kommissar Pankratov und Kobylinskij hereingebracht wurden. Der Sohn von Dr. Derevenko, Kolja, durfte kommen und mit dem Zarevi¡c spielen. Nicht einmal zu Weihnachten wurde das strenge Regime gelockert, und der Sohn und die Tochter von Dr. Botkin, die mit ihrem Vater in dem Kornilov Haus wohnten, wurden nicht in das Gouverneurshaus gelassen, unter dem Vorwand, sie seien nicht die üblichen Spielgefährten der kaiserlichen Kinder, da sie weder in Zarskoe Selo, noch in Livadia jemals in den Palast geladen worden waren.
Im November erreichte die Nachricht von der Bolschewistischen Revolution vom 7. November Tobolsk, aber das war so weit weg, daß sich dadurch nichts änderte. Die Beamten der Provisorischen Regierung, einschließlich des Gouverneurs, blieben auf ihren Posten, die Banken waren offen und die Gerichte funktionierten weiter. Moskau wurde ignoriert, und solange das Geld reichte, verwaltete sich Tobolsk selbst. Die Wache hatte sich an ihre Gefangenen gewöhnt und war im großen und ganzen höflich zu ihnen. Es gab jedoch ständig kleine Konflikte und gelegentlich auch Krach. Da hatte sich Nikolskij über irgendeinen St. Raphael Wein aufgeregt, der für die Kinder in Reserve aufbewahrt wurde, und der schließlich triumphierend in den Fluß ausgeleert wurde. Aber im ganzen ging alles seinen gewohnten Gang bis zu Weihnachten, als die Soldaten der kaiserlichen Familie sagten, sie sollen ruhig, so lange sie wollen, in ihrer Umzäunung im Freien bleiben, dem Zaren die Waffen präsentierten und ihn in Beantwortung seiner Salutation mit “Guten Morgen, Herr Oberst” begrüßten.
Der größere Skandal aber, welcher der Zarin schwer zu schaffen machte, passierte zu Weihnachten, als der Priester einen unglücklichen Versprecher tat, indem er für die kaiserliche Familie betete, und dazu noch mit ihren ehemaligen Titeln. Man brachte niemals heraus, ob es nun der Fehler des Priesters oder des Diakons war, aber die Soldaten schrieen Zeter und Mordio, und dem Priester drohte Verhaftung. Mit der größten Mühe nur gelang es dem Erzbischof, dieses Urteil abzuwenden, aber der Priester wurde versetzt und die kaiserliche Familie war nun auch der Tröstung einer “richtigen” Kirche beraubt. Nach diesem Vorfall wurden ihre Kirchgänge ein seltenes Ereignis, weil die Soldaten jedes Mal einen Einwand erhoben, und der Erzbischof schließlich aushalf, indem er die Einrichtung einer zeitweisen Kapelle in dem Haus gestattete.
Als die Soldaten begriffen, daß die “Novemberrevolution” die Bolschewiken in Moskau endgültig an die Macht gebracht hatte, merkten sie auch, daß die Verwaltung in Tobolsk keine Regierung mehr hinter sich hatte. Sie setzten nun ihre Meinung mehr und mehr durch, und die Offiziere versuchten, sie versöhnlich zu stimmen, genau wissend, daß sie sich nun nur noch auf ihr persönliches Prestige verlassen konnten. Solange die Entlohnung der Männer in den Händen von Oberst Kobylinskij lag, und er sie regelmäßig auszahlen konnte, gingen die Dinge mehr oder weniger reibungslos. Sie hatten die Offiziere gezwungen, ihre Dienstgradabzeichen und Orden abzulegen, und dem Kaiser wurde nahegelegt, dasselbe zu tun, um nicht die Männer herauszufordern, sie ihm zwangsweise abzunehmen. Dennoch gewannen diese allmählich ganz deutlich die Oberhand. Die Kaiserin merkte wohl die Veränderung bei den Soldaten, aber sie hoffte, daß dies nur eine vorübergehende Phase sei. So schrieb sie mir zu Weihnachten:
“Ein gesegnetes Weihnachten, liebste Iza! Ich küsse Dich und wünsche Dir was! Vor allem wünsche ich, Gott möge Dir gute Gesundheit, inneren Frieden schenken, du¡zevnij mir, welcher das größte Gut ist. Wir können um Geduld beten, die wir alle in dieser Welt des Leids (und der äußersten Tollheit) brauchen, um Trost, Stärke und Glück. Ein ‘fröhliches Weihnachen’ zu wünschen, mag zwar etwas komisch klingen, aber es bedeutet nun die Freude über den Neugeborenen König, der starb, um uns alle zu retten, und erneuert das nicht etwa unser Vertrauen und unseren Glauben an die unendliche göttliche Gnade? Er steht so weit über allem, ist Alles in Allem: Er wird Gnade erweisen, wenn die richtige Zeit kommt, und wir müssen geduldig und ergeben Seinen guten Willen erwarten. Wir sind hilflos, die Dinge zu berichtigen – wir können nur vertrauen, vertrauen und beten und niemals den Glauben oder unsere Liebe zu Ihm verlieren. Ich betete für Dich und werde es wieder bei der Liturgie tun. Zu schade, daß Du nicht gehen kannst. Ich hoffte wenigstens, durch eine Nebentür in eine andere Kirche. Der Zar und die Kinder senden Dir Grüße und viele gute Wünsche. Sie teilen meine Betrübnis. Gott segne Dich! Kannst Du nicht mal aus dem Fenster schauen und Nastinka (Gräfin Hendrikov) sagen, wann? Um ein Uhr, sagen wir, und dann können wir am Fenster in der Ecke gucken, und vielleicht einen Blick von Dir erhaschen. Nun auf zur Kirche! Gott segne und beschütze Dich. Ein Küßchen von Deiner Dich liebenden A. Ein glückliches Weihnachten für Miss Mather.”
(Meine frühere Gouvernante, die mich auf meiner Reise nach Sibirien begleitete.)
Der tiefe Glaube der Kaiserin stand ihr zur Seite und half ihr, alle ihre Prüfungen mit innerer Kraft zu ertragen und bis zum Ende die Hoffnung nicht zu verlieren. In Tobolsk gewann sie diese überirdische Ruhe, die manchmal auf jene herabsteigt, die den Großen Schatten vor sich sehen, ohne vielleicht seine unmittelbare Nähe richtig zu begreifen. Sie hatte so sehr gegen ihre menschlichen Schwächen gekämpft, daß sie die wahre christliche Demut erlangte und ihren stolzen Geist erzog, nicht zu rebellieren. In jenen bangen Monaten der Introspektion lernte sie in aller Aufrichtigkeit, Prüfungen und Widrigkeiten als ein Geschenk Gottes anzunehmen, als eine richtige Vorbereitung auf das zukünftige gesegnete Leben. Sie hatte immer das Ewige Leben als ihr letztes Ziel betrachtet, und nun, wo ihre Bindungen an die irdischen Dinge sich allmählich lockerten, sah sie die Tore des Himmels sehr nahe.
Sowohl der Zar als auch die Zarin hatten die Gefahr, die ihrem Leben droht, vom Anfang der Revolution an gespürt, aber obwohl die Zarin auf keine Gnade von den Extremisten in Moskau hoffte, die größtenteils gar keine Russen waren, vertraute sie immer noch darauf, daß kein echter Russe jemals Hand an den Zaren legen würde. Sie war überzeugt, daß ihren Kindern keine akute Gefahr drohe. Sie sah eine traurige Zukunft für ihre Töchter voraus, die ihre Jugend unter solch tragischen Umständen verbringen mußten, aber sie bangte nicht um ihr Leben. Inmitten ihrer eigenen Sorgen dachte Alexandra Feodorovna an andere, nicht nur an jene, die tatsächlich bei ihr waren, sondern auch an jene weit weg. Trotz ihrer stets zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten brachte sie es fertig, Lebensmittelpäckchen an demütige Freunde in Zarskoe Selo zu senden, wo zu jener Zeit die Leute nahe am Verhungern waren. Die Zustände in Rußland waren unbeschreiblich viel schlechter als sie jemals zu kaiserlichen Zeiten gewesen waren. Alle Briefe der Zarin von jener Zeit sind voller Besorgnis um ihre Freunde und zeigen deutlicher als all meine Worte die Gedanken, die ihr Gemüt erfüllten. So schrieb sie im März an Madame Vyrubova aus Tobolsk:
“Mein Herz ist bekümmert, aber meine Seele bleibt ruhig, da ich Gott immer nahe fühle. Ja, was beschließen sie in Moskau? Gott helfe uns!... Frieden, und trotzdem rücken die Deutschen immer weiter vor.” Oder: “Wann wird dies alles ein Ende haben? Wie liebe ich mein Land mit all seinen Fehlern! Es wird mir immer teurer, und ich danke Gott täglich, daß Er uns erlaubt, hier zu wohnen und uns nicht noch weiter weg schickt. Glaube an das Volk, Liebling! Die Nation ist stark und jung und weich wie Wachs. Jetzt gerade ist sie in schlechten Händen, und Finsternis, Anarchie herrschen. Aber der König der Herrlichkeit wird kommen und wird dem Volk, das nun getäuscht ist, Rettung, Kraft und Weisheit geben.”
Sie hegte die Hoffnung, daß die Fastenzeit und der kommende Frühling in den Menschen, wie in der Natur einen Wandel vollziehen würden: “Bald kommt der Frühling, um unsere Gemüter zu erheitern (schrieb sie am 15. März 1918 an denselben Empfänger). Der Pfad des Kreuzes zuerst, dann Freude und Frohsinn. Bald wird es ein Jahr sein, daß wir uns trennen mußten. Aber was ist Zeit schon? Das Leben hier ist nichts, die Ewigkeit ist alles, und was wir tun, ist unsere Seelen auf das Königreich des Himmels vorzubereiten. So ist am Ende nichts schrecklich, und wenn sie uns auch alles wegnehmen, so können sie doch unsere Seelen nicht rauben... Habe Geduld, und diese Tage des Leides werden enden. Wir werden alle Pein vergessen und Gott danken. Möge Gott jenen helfen, die nur das Böse sehen, und nicht zu verstehen versuchen, daß dies vorübergehen wird...”.
In einem anderen Brief schreibt sie: “Alles liegt in Gottes Wille. Je tiefer man schaut, umso mehr versteht man, daß es so ist. All die Widrigkeiten werden uns geschickt, damit wir uns von unseren Sünden befreien oder als eine Prüfung für unseren Glauben, ein Beispiel für andere. Damit Pflanzen gut gedeihen, brauchen sie richtige Düngung und Nahrung, und der Gärtner, der durch Seinen Garten schreitet, möchte sich an Seinen Blumen freuen. Wenn sie nicht richtig wachsen wollen, dann nimmt Er Sein Stutzmesser und schneidet aus und wartet, bis der Sonnenschein sie zu neuem Wachstum treibt. Ich möchte ein Bild von diesem herrlichen Garten und allem, was darin wächst, malen. Ich erinnere mich an die englischen Gärten, und in Livadia hast Du das Buch mit den Illustrationen bei mir gesehen, so weißt Du, was ich meine. Gerade sind elf Männer zu Pferde vorbeigeritten, alles nette Gesichter, einfach junge Kerle. So etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Das ist die Wache des neuen Kommissars.
(Wahrscheinlich ist der Lette Dutzmann hier gemeint, der Pankratovs Stelle einnahm. Es wurde nie in Erfahrung gebracht, ob er aus Moskau oder aus Omsk geschickt wurde.)
Manchmal sehen wir auch Leute mit den abscheulichsten Gesichtern. Die würde ich nicht in mein Bild vom Garten mit einschließen. Der einzige Platz für sie wäre außen, wo das gnädige Licht der Sonne sie bescheinen und von allem Schmutz und Bösem, von dem sie bedeckt sind, reinigen würde.”
Graf Benckendorf hatte über die Zarin, nachdem diese die Nachricht von der Abdankung des Zaren vernommen hatte, gesagt: “Elle est grande, grande... mais j’aivais toujours dit, que c’était un de des caractères qui s’élèvent au sublime dans le malheur.” (“Sie ist groß, groß... ich habe ja schon immer gesagt, daß dies einer jener Charaktere ist, der sich im Unglück zur Größe erhebt”). Jene, die während ihrer Gefangenschaft in Zarskoe Selo und in Tobolsk bei ihr waren, können für die Wahrheit dieser Worte bürgen.