Hl. Gregor Sinaitis

Verborgenes Leben in Christus
Leben und Lehre des Hl. Gregor Sinaitis

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

 

Bote 1989, 5

Der Beginn der ewigen Seligkeit des Menschen in der Gottesgemeinschaft wird schon hier auf Erden gelegt, worüber der hl. Gregor Sinaitis, der im 14. Jh. lebte (gest. 1346) und mit eigenen Augen gleich den Körperlosen das gnadenvolle Göttliche Licht geschaut hatte, sehr viel schrieb.
Der Hl. Gregor Sinaitis lebte auf Cypern und auf dem Sinai, wo er im Fasten und unermüdlichem Gebet verharrte. Jeden Tag bekannte er mit zerknirschtem Gemüt seine sündigen Gedanken. Manchmal sang er in der Nacht den ganzen Psalter, führte zahlreiche Verbeugungen aus und wurde so der gnadenvollen Beschauung durch den Heiligen Geist gewürdigt. Zuerst weilte er mit seinem Schüler Gerasim in Jerusalem, dann ließ er sich auf der Insel Kreta nieder, wo beide ein strenges Fastenleben führten, so daß ihre Körper ganz grau und ausgetrocknet erschienen.
Im Gebet bat er Gott um Belehrung in der Kunst des geistigen Gebets, der Hesychia und der Beschauung. Gott befahl dem kretischen Hesychasten Arsenius in einer Vision, Gregor in den Regeln des hesychastischen Lebens zu unterweisen. Arsenius selbst besuchte ihn und lehrte ihn viel über die Beherrschung der Gedanken, über die wahre Enthaltsamkeit, über das Jesusgebet und die Reinigung des Herzens. Er wies ihm den Weg zur Gottesgemeinschaft, wobei der lichtschauende Geist in der Kontemplation vom Licht der Gnade erleuchtet wird. Die Lehre des hl. Gregor Sinaitis über den Erwerb der Gnade, die geistige Vervollkommnung und die Gottesschau ist eine Offenbarung seiner gotterleuchteten Seele und gleichlautend mit den Worten eines anderen großen Hesychasten, des hl. Gregor Palamas. Einstimmig betrachteten sie das irdische Leben als den Beginn der Gottesgemeinschaft und der Aneignung noch hier auf der Erde der Kontemplation des gnadenvollen und ungeschaffenen Lichtes der Gottheit durch das ständige Jesusgebet, das die Seele erleuchtet und den Körper glänzend macht, und so ein engelgleiches Aussehen verleiht.
Die göttliche Natur, die das Licht der Gottheit ausströmt - das gnadenreiche Licht vom Tabor vereint die Menschen mit Gott und gibt der Seele den Lebensatem zurück, welche dann die himmlischen Geheimnisse erschaut.
Es gibt den aktiven Weg und es gibt die Kontemplation. Viele besaßen große Erfahrung und Weisheit, sie ertrugen allerlei Mühen, aber da sie nur dem Weg der aktiven Askese folgten, wußten sie nichts über das geistige Gebet und die Beherrschung der Gedanken. Auf dem ganzen Athos begegnete der hl. Gregor Sinaitis nur drei Mönchen, nämlich Jesaia, Kornelios und Makarios, die eine gewisse, wenn auch nur teilweise Ahnung von der Kontemplation hatten.
Der hl. Gregor führte das Leben eines Hesychasten, indem er sich nur der Betrachtung und dem geistigen Gebet hingab. Mit demütiger Rührung, tiefen Seufzern, Tränen und zerknirschtem Herzen rief er ständig aus: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder". Der Herr suchte ihn mit Seiner Gnade heim. Einmal fühlte der hl. Gregor das Entzücken seiner Seele im wunderbaren göttlichen Feuer, und seine Zelle erfüllte sich mit gnadenreichem Licht. Er weinte vor Ergriffenheit, er verschüttete Tränen der gnadenerfüllten Liebe zu Gott. Die Seligkeit und Freude spiegelten sich auf seinem Gesicht wider. Fortan war er von geistiger Weisheit und gnadenreichen Gaben erfüllt. Viele Athosmönche kamen zu ihm, und er lehrte sie die Kunst des kontemplativen Lebens. Er wanderte viel umher und wie ein großer Missionar unterwies er alle im Leben der Gnade.
Der hl. Gregor Sinaitis lehrte, daß im Menschen das Ebenbild der ursprünglichen Dreieinigkeit liegt: Vernunft, Wort und Geist. Die Vernunft enthüllt sich durch das Wort, und das Wort offenbart sich durch den Geist. Obwohl sie einander aufdecken und ineinander verharren, sind dennoch Verstand, Wort und Geist selbständig und im Menschen nicht getrennt, und wenn sie auch für sich alleine sind, so existieren sie doch eines in dem anderen.
Der Erstgeschaffene war dem Körper nach unverweslich. Der Wille verfügte über volle Freiheit, aus der Erinnerung stiegen keine unreinen Gedanken auf. Es gab keine Leidenschaften, keine Gemütserregung. Aber nach dem Sündenfall verlor der Mensch die ursprüngliche Unsterblichkeit, Reinheit und geistige Einsicht.
Das eifrige Streben des ersten Wesens nach dem Guten und die starke Liebe zu Gott entarteten in den gefallenen Menschen zu unbesonnener Erregbarkeit und körperlicher Leidenschaft, welche sich in ihnen nach der unerwarteten Bildung überflüssiger Samenflüssigkeit im Körper zeigte, was ein Zeichen von Verwesung und triebhafter Grobheit ist.
In seiner geistigen Blindheit konnte er das göttliche Licht nicht mehr sehen. Der Körper ging eine Gemeinschaft mit der unsauberen Seele ein, und die der Seele eigenen Kräfte der Erregbarkeit und des Willens betrachten wir jetzt als physische oder psychische, aber nicht mehr als spirituelle Kräfte. Der Mensch glich sich den Tieren an. Selbstliebe, Gefühlslosigkeit, Eitelkeit und Neid berauben die Seele der Gnade. Der Seele steht eine große Anstrengung bevor, um wieder in die Gottesgemeinschaft einzugehen, da die Sünde die Gedanken und die Erinnerung an Gott vertrieb. Der Mensch muß eine Wohnstätte Christi werden. Nur die Gnade deckt das Gute auf, und in der Seele werden die göttlichen Gebote, Enthaltsamkeit, Liebe und Demut und das ganze Gesetz des Lebens in Gott heimisch.
Der hl. Gregor hält Liebe, Demut und Geduld für die größten von allen Tugenden. Wenn die Seele das Gute auswählt, dann gebiert sie sozusagen herrliche Sprößlinge, d.h. Tugenden, und sie sammelt den Honig der Weisheit ein.
Der Ursprung und die Entstehung der Tugenden verbirgt sich in dem Willen des Menschen zum Guten und in der Mitwirkung der Gnade. Die selbständige Quelle alles Guten ist der Dreieinige Gott.
Der Körper ist unvergänglich geschaffen, und als solcher aufersteht er auch, obwohl er jetzt verweslich ist. Auf gleiche Weise wurde auch die Seele leidenschaftslos erschaffen. Wie Gott die Ursache und die Quelle alles Guten ist, so ist der Beginn und die Grundlage der Tugenden die gute Absicht oder der Wille zum Schönen.
Der Anfang des Guten ist der Glaube, insbesondere Christus - der Fels des Glaubens, den wir als Ursprung und Grundlage aller Tugenden betrachten, auf den wir uns stützen und auf dem wir alles Gute errichten. Er ist der Eckstein, der uns mit sich selber verbindet, Er ist die wertvolle Perle.
Die wichtigsten Tugenden sind: göttliche Liebe, Demut und göttliche Geduld gemäß der Schrift: "Durch eure Geduld werdet ihr eure Seelen retten." (Lk. 21,19).
Das Urbild unserer guten Taten ist der Stempel des Erstgeschaffenen. Die Tugenden kann man einteilen in: 1) aktive oder willentliche; 2) natürliche oder körperliche; 3) göttliche oder geistige.
Der hl. Gregor zeigt vier grundlegende Tugenden auf: Weisheit, Tapferkeit, Keuschheit, Wahrheit. Aus Stolz degeneriert die Tapferkeit zu Tollkühnheit oder Furchtsamkeit, die Weisheit zu Feigheit oder Unwissenheit, die Keuschheit zu Unenthaltsamkeit oder Gefühlslosigkeit, die Wahrheit zu Habsucht oder Unwahrhaftigkeit.
Bei dem geistigen Streiter stellen sich durch seine Anstrengungen der Reihe nach folgende Tugenden ein: Enthaltsamkeit, Fasten, Wachsamkeit, Geduld, Tapferkeit, Schweigsamkeit, Gebet, Stillschweigen, Weinen, Demut. Die sündenverhaftete Seele hat ihrerseits auch ihre Erlebnisse. Die Dämonen flößen ihr Gedanken ein, und der Wille neigt sich freiwillig zur Sünde.
Die Materie erzeugt reine Gedanken, der dämonische Angriff jedoch schlechte. Bei einem Vergleich unterscheiden sich also die natürlichen Gedanken und Worte von den nicht-natürlichen und übernatürlichen. Böse Gedanken gehen den Phantasiebildern voraus, und auf die Phantasien folgen die Leidenschaften.
Schlechte Absichten sind Worte der Dämonen und Vorläufer der Leidenschaften, und gleich einer Flußströmung überfluten sie unser Herz aufgrund unseres Leichtsinns. Der Fürst der Dunkelheit bedeckt es mit der Finsternis der Unwissenheit und der Leidenschaften. In der dreiteiligen Seele liegt der Ursprung der Leidenschaften und der Tugenden, denn die Geburt des Guten und des Bösen liegt im Willen, der sich wie ein Zeiger in eine bestimmte Richtung neigt. So ist die Willensfreiheit die Quelle der Leidenschaften.
Die Leidenschaften gehen vor den bösen Geistern einher, und die Dämonen laufen hinter den Leidenschaften her. Der Anfang und die Ursache der Leidenschaften ist der Mißbrauch. Die Ursache des Mißbrauches ist die böse Neigung, die Ursache der bösen Neigung ist zuerst irgendeine willentliche Überzeugung. Die Versuchung des Willens stellt die Anfechtung dar, der Anlaß der Anfechtung sind die Dämonen, wodurch durch die Vorsehung zugelassen wird, aufzudecken, was unsere freie Willensentscheidung ist (Kap. 76).
Die Leidenschaften tragen verschiedene Namen. Sie unterteilen sich in psychische und physische. Im Hinblick auf den Körper gibt es die schmerzhaften Leiden und die sündigen Neigungen. Bei den körperlichen Leiden gibt es die krankhaften und die erziehenden. Die seelischen Leiden gründen sich auf drei Gemütskräfte, nämlich auf die Erregbarkeit, die Willenskraft und die Geisteskraft (Unterscheidungskraft und Einbildungskraft). Es gibt auch noch unwillentliche und daher nicht tadelnswerte Leidenschaften.
Einige dieser Leidenschaften sind die Folge eines Mißbrauchs des freien Willens, andere entstehen notgedrungen. Das sind die sogenannten nicht-tadelnswerten Leidenschaften, die bei den heiligen Vätern als begleitende und natürliche Eigenschaften bezeichnet werden.
Die Leidenschaften sind gegenseitig voneinander abhängig und wirken aufeinander - die körperlichen sind von der Willenskraft abhängig, die seelischen von der Erregbarkeit, die mentalen Leidenschaften von den geistigen Kräften, und die geistigen Kräfte von der Urteilskraft und den Leidenschaften des Gedächtnisses.
Kap. 79. Die Leidenschaften der Erregbarkeit sind folgende: Zorn, Ärger, Schreihalsigkeit, Jähzorn, Verwegenheit, Arroganz, Ruhmsucht etc. Zu den Leidenschaften des Willens gehören: Habgier, Ausschweifung, Unenthaltsamkeit, Wollust, Gewinnsucht und Eigendünkel, welche Leidenschaft schlimmer ist als alle anderen. Die fleischlichen Leidenschaften sind folgende: Unzucht, Ehebruch, Unreinheit, Sittenverfall, Unwahrhaftigkeit, Bauchdienerei, Sorglosigkeit, Zerstreutheit, Weltliebe, Hängen am Irdischen, u.a.
Die zum mentalen Bereich gehörenden Leidenschaften sind: Mißtrauen, Schmähung, Schlauheit, Hinterlist, Neugier, Doppelherzigkeit, Verleumdung, üble Nachrede, Verurteilung, Demütigung, Lästerung, Heuchelei, Lüge, unflätige Redensart, leeres Geschwätz, Verführung, Ironisierung, Eitelkeit, Augendienerei, Überheblichkeit, Meineid u.a.
Geistige Leidenschaften sind: Einbildung, Hochmut, Selbstverherrlichung, Streitsüchtigkeit, Unwille, Selbstzufriedenheit, Widerspruchsgeist, Ungehorsam, Schwärmerei, Neigung zu Hirngespinsten, Prunksucht, Ruhmsucht und Stolz, was das erste und das letzte aller Übel ist.
Leidenschaften des Verstandes sind folgende: Umherschweifen, Leichtfertigkeit, Kriecherei, Verfinsterung, Verblendung, Übertretung, böse Eingebungen, Zustimmung, Neigungen, Verleugnung und ihnen ähnliche. Mit einem Wort, alles widernatürliche Böse entwickelte sich aus drei psychischen Kräften, genauso wie in ihnen von Natur aus auch alles Gute vorhanden ist. In der Leidenschaft schändet der Geist sich durch unreine Gedanken, der Wille erhitzt sich durch tierische Lust, die Erregungsfähigkeit durch viehische Neigungen. Die körperlichen Begierden begünstigen die Entfaltung der Leidenschaften des Willens, die willentlichen und geistigen Begierden verstärken die Erregbarkeit. Von allen Leidenschaften sind Unzucht und Niedergeschlagenheit am ernstesten und schwersten. Sie sind voneinander abhängig und stehen in enger Verbindung miteinander und sind daher unzerstörbar, unüberwindbar und vollkommen unbesiegbar. Die Niedergeschlagenheit, die über den unterdrückten Geist die Oberhand gewonnen hat, windet sich wie ein Efeu ganz um die Seele und den Körper und macht unsere Natur welk, geschwächt und wie gelähmt.
Die Mutlosigkeit ist eine nur mit Mühe zu besiegende Leidenschaft; sie schwächt den Körper, und in dem erschöpften Körper verliert auch die Seele ihre Kraft. Wenn nun beide (Körper und Seele) sich in erschöpfter Verfassung befinden, dann ändert sich der Zustand des Körpers hin zur Sinnlichkeit. Die Sinnlichkeit weckt unreine fleischliche Neigungen, die lüsterne fleischliche Neigung ruft eine Erhitzung hervor, die Erhitzung eine heftige Gemütswallung, diese wiederum bringt das Gedächtnis in Bewegung, das Gedächtnis die Phantasie, die Phantasie erzeugt den bösen Impuls, dieser die Billigung, die Billigung führt zur Zustimmung, und damit ist der Weg offen zur Ausführung der Tat durch den Körper auf vielerlei Weise. So fällt der besiegte Mensch.
Die körperliche Unsterblichkeit der unschuldigen Voreltern kam daher, daß es in ihrem Organismus keine überflüssige Samenflüssigkeit gab. Die Geister, die aus der feinen Materialität und Subtilität (wegen ihres Stolzes) herabstürzten, erwarben eine gewisse stoffliche Grobheit und verfleischlichten sich dann dieser Ordnung oder Wirkungsweise zufolge wegen des Verlustes der himmlischen Seligkeit; sie fingen an Lust zu spüren wie die Menschen im Irdischen, und sie nahmen auf irgendeine Weise ein materielles Wesen an als Folge ihrer Neigung zu körperlichen Leidenschaften. Die Gewohnheit gestaltet die Natur um und verändert ihre Wirkungen in Übereinstimmung mit der freien Willensentscheidung. Die Dämonen sind in ihren gegen Gott gerichteten Handlungen grausam, böse, jähzornig, körperlich und gleich wilden Tieren auf materielle Genüsse erpicht. Im Kampf der dunklen Kräfte mit dem Menschen zeigt sich der dämonische Neid auf die Größe der menschlichen Stellung in der Schöpfung. Der hl. Gregor Sinaitis nennt in Bezug auf den Kampf gegen den Menschen drei Hauptfürsten unter den bösen Geistern: 1) den Teufel der Unzucht, 2) den Riesen der Sorglosigkeit, 3) den Riesen der Unwissenheit.
Sie erzeugen Verführung statt Wahrheit, Phantasiebilder statt Beschauung, Lust, Erhitzung, Verdrehung, Donner, Lärm, Blitze, d.h. sie stellen materielle Grobheit zur Schau, sie geben die Lüge für Wahrheit aus, Phantasie für Kontemplation.
Für den echten Gottsucher sind asketische Mühen und Eifer im Kampf unerlässlich, um die göttliche Gnade und die Herzensreinheit zu erwerben.
Die Gottsucher kann man einteilen in Anfänger, Fortgeschrittene und Vollkommene, und hinsichtlich ihrer Anstrengungen in Aktive und Kontemplative. Für die Anfänger ist die "Tätigkeit" kennzeichnend, für die Mittleren "die Aufklärung", für die Vollkommenen die "Läuterung" und Auferstehung der Seele oder Kontemplation.
Für den aktiven Weg ist das wichtigste - Schweigen, Enthaltsamkeit, Wachsamkeit, Demut, Geduld; die Beschäftigungen des geistigen Streiters sind Psalmodie, Studium, Gebet, Handarbeit. Bei ihnen stellt sich eine spirituelle oder natürliche Urteilskraft ein. Die Abkehr von der Welt rettet sie vor der Unterjochung durch die Materie. Fasten und Gebet, demütiger Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen und seinen Geboten führen zur Liebe und ursprünglichen Reinheit.
Unterdrücken muß man in sich: Widerspruch, Ungehorsam, Selbstgefälligkeit, Selbstrechtfertigung und verderblichen Eigendünkel. Der hl. Gregor lehrt, daß der Mensch vernünftig, rein und unkörperlich sein muß. Ein reines, vom Geist bewegtes Herz, dem böse Gedanken fern sind, ist ein Heiligtum, in dem Gott Psalmengesang und Gebet dargebracht werden - Stock und Stab der Vorsehung.
Man muß stündlich auf schlechte Gedanken und Angriffe der Leidenschaften achten, denn der Geist ist eng mit dem Herzen verbunden. Oftmals stellen die Gedanken das Wort der Dämonen dar und man muß es verstehen, sich in seiner komplizierten Gedankenwelt zurechtzufinden. Die Gedanken prägen Objekte ein, die sich immateriell im Bewußtsein bewegen, aber erst durch die Einbildung der Dinge und durch die Dämonen werden sie böse. Die Gedanken können natürlich und unnatürlich, übernatürlich und göttlich sein.
Es kommt vor, daß im Geist Chaos herrscht, das zur Unreinheit und sogar zur Verfinsterung und Verblendung führt. Das Gewissen wird sich dessen bewußt, klagt sich wegen Eitelkeit an, und dann beginnen Geist, Wille und Gemüt, alles Göttliche und alles Menschliche und den Ursprung von allem zu erkennen.
Was das nächtliche Wachen betrifft, so ist für die Anfänger vom Abend bis Mitternacht, oder von Mitternacht bis zum Morgen vorgeschrieben; die Regel für die Fortgeschrittenen setzt ein oder zwei Stunden Wachen, dann vier Stunden Schlaf und die restlichen sechs Stunden bis zum Morgen für Gebet und Psalmodie fest, der Tag jedoch gilt der Arbeit und dem Gebet; die dritte Regel für die Vollkommenen besteht aus Wachen und Gebet für die ganze Nacht. Das gleiche wie für die Ruhezeit gilt - jeweils den eigenen Kräften entsprechend - auch für die Ernährung. Für die Nahrungsmenge gibt es auch drei Maße: Enthaltsamkeit, Genügsamkeit, Sättigung. Der Bauch ist der König der Leidenschaften, und die Mehrheit aller Leute sind ihm untertan, indem sie im sklavisch dienen. Bei Übersättigung ist es unmöglich, rein und aufmerksam zu beten, da man schläfrig wird und sich unzüchtige Phantasien und Pollutionen im Traum einstellen. Einem Faster fällt das Gebet nicht schwer. Das Gebet ist ein Ausdruck der Liebe, es versöhnt den Menschen mit Gott und ist die höchste Form des Wirkens, weil es eine Quelle der seelischen Heiligung und ein Unterpfand für das Verständnis der göttlichen Geheimnisse und Weisheit darstellt.
Das geistige Gebet ist allein den Hesychasten eigen; am Anfang ist die Abwechslung des Jesusgebetes mit Psalmodie unerläßlich, wobei man nach besten Kräften seine Aufmerksamkeit auf die ausgesprochenen Worte richten muß. Ein zerstreuter Geist beim Gebet ist eine Nachlässigkeit, und danach ist Reue mit zerknirschtem Gemüt notwendig.
Ein Anfänger sollte die Ausführungen über Schweigsamkeit und Gebet der Heiligen Johannes Klimakos, Isaak des Syrers, Maxim des Bekenners, Simeon des Neuen Theologen, Niketas Stiphatas, Hesychios, Philotheos und anderer Väter lesen. Unerläßlich ist für alle die Demut, welche eine Gnade und eine Gabe von oben ist. In Demut soll man sich für schlechter als alle Menschen, als die Tiere und sogar als die Dämonen halten. Schweigen gebiert Bescheidenheit, daraus folgt Demut in den Worten und in der Kleidung, Selbstanklage und Zerknirschung. Wenn der geistige Streiter, der von Leidenschaften bedrängt wird, im Herzen tief betrübt darüber ist und sich sogar für schlechter als die Dämonen hält, dann erhält er vom Herrn die gottgeschenkte Demut und dann erwirbt er auch die Kraft, die Last des Schweigens zu ertragen. Weiterhin erzeugt die Erinnerung an den Tod und die Höllenqualen Weinen, und diese Tränen unterstützen die Demut, die Geduld und das Licht des Glaubens. Wenn der Hesychast nicht über die Höllenqualen, die Dunkelheit, den Leib, die Unterwelt, die Gehenna (hebr. Hölle) nachsinnt und nicht reumütigen Gemütes ist, dann lernt er das Gebet nicht und wird ein Sklave von Vermessenheit, Bauchdienerei, Besorgnissen und Überschätzung seiner selbst. Das Fallen besteht für den Schweiger in der Aufgabe des Gebets (für den zu Gehorsam Verpflichteten im Handeln nach seinem eigenen Gutdünken). Man braucht ein reumütiges Herz. Der Hesychast verbringt mit Ausnahme einiger Stunden Schlaf die ganze Nacht im Gebet. Tagsüber betet er abwechslungsweise, um die neunte Stunde (um vier Uhr nachmittags) nimmt er sein Mahl ein, dann ruht er ein wenig, und um zwölf Uhr singt er das Abendamt. Der hl. Gregor rät, das gnadenreiche Gebet nicht durch Psalmengesang zu unterbrechen, und nur bei Ermüdung im Gebet zum Psalmenlesen überzugehen. Er rät, die Gebetsarbeit bei Tagesanbruch zu beginnen, sich auf einen Hocker von 3/4 Fuß Höhe zu setzen, den Verstand aus dem Kopf ins Herz zu führen, den Kopf zu neigen, als ob man müde sei, Brust, Schultern und Hals anzuspannen und dabei "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner" zu flehen. In Abhängigkeit von der geistigen Erschöpfung oder der Ermüdung der Zunge kann man das Gebet bald gedanklich, bald mündlich, bald flüsternd wie das Lallen eines Säuglings sagen. Dabei soll man nicht den aufkommenden Gedanken lauschen, sich nicht über die im Bewußtsein auftauchenden Meinungen und Ideen wundern und den Atem zurückhalten. Verlangsame den Atem, schließe den Verstand ins Herz ein und rufe ständig Jesus an und du wirst die feindlichen Kräfte vertreiben, die nach der Taufe mit anderen noch böseren Geistern in die träge Seele durch ihre Unachtsamkeit wieder zurückgekehrt waren.

Bote 1990, 2

In seiner geistigen Blindheit konnte er das göttliche Licht nicht mehr sehen. Der Körper ging eine Gemeinschaft mit der unsauberen Seele ein, und die der Seele eigenen Kräfte der Erregbarkeit und des Willens betrachten wir jetzt als physische oder psychische, aber nicht mehr als spirituelle Kräfte. Der Mensch glich sich den Tieren an. Selbstliebe, Gefühllosigkeit, Eitelkeit und Neid berauben die Seele der Gnade. Der Seele steht eine große Anstrengung bevor, um wieder in die Gottesgemeinschaft einzugehen, da die Sünde die Gedanken und die Erinnerung an Gott vertrieb. Der Mensch muß eine Wohnstätte Christi werden. Nur die Gnade deckt das Gute auf, und in der Seele werden die göttlichen Gebote, Enthaltsamkeit, Liebe und Demut und das ganze Gesetz des Lebens in Gott heimisch.
Der hl. Gregor hält Liebe, Demut und Geduld für die größten von allen Tugenden. Wenn die Seele das Gute auswählt, dann gebiert sie sozusagen herrliche Sprößlinge, d.h. Tugenden, und sie sammelt den Honig der Weisheit ein.
Der Ursprung und die Entstehung der Tugenden verbirgt sich in dem Willen des Menschen zum Guten und in der Mitwirkung der Gnade. Die selbständige Quelle alles Guten ist der Dreieinige Gott.
Der Körper ist unvergänglich geschaffen, und als solcher aufersteht er auch, obwohl er jetzt verweslich ist. Auf gleiche Weise wurde auch die Seele leidenschaftslos erschaffen. Wie Gott die Ursache und die Quelle alles Guten ist, so ist der Beginn und die Grundlage der Tugenden die gute Absicht oder der Wille zum Schönen.
Der Anfang des Guten ist der Glaube, insbesondere Christus - der Fels des Glaubens, den wir als Ursprung und Grundlage aller Tugenden betrachten, auf den wir uns stützen und auf dem wir alles Gute errichten. Er ist der Eckstein, der uns mit sich selber verbindet, Er ist die wertvolle Perle.
Die wichtigsten Tugenden sind: göttliche Liebe, Demut und göttliche Geduld gemäß der Schrift: "Durch eure Geduld werdet ihr eure Seelen retten." (Lk. 21,19).
Das Urbild unserer guten Taten ist der Stempel des Erstgeschaffenen. Die Tugenden kann man einteilen in: 1) aktive oder willentliche; 2) natürliche oder körperliche; 3) göttliche oder geistige.
Der hl. Gregor zeigt vier grundlegende Tugenden auf: Weisheit, Tapferkeit, Keuschheit, Wahrheit. Aus Stolz degeneriert die Tapferkeit zu Tollkühnheit oder Furchtsamkeit, die Weisheit zu Feigheit oder Unwissenheit, die Keuschheit zu Unenthaltsamkeit oder Gefühl*losigkeit, die Wahrheit zu Habsucht oder Unwahrhaftigkeit.
Bei dem geistigen Streiter stellen sich durch seine Anstrengungen der Reihe nach folgende Tugenden ein: Enthaltsamkeit, Fasten, Wachsamkeit, Geduld, Tapferkeit, Schweigsamkeit, Gebet, Stillschweigen, Weinen, Demut. Die sündenverhaftete Seele hat ihrerseits auch ihre Erlebnisse. Die Dämonen flößen ihr Gedanken ein, und der Wille neigt sich freiwillig zur Sünde.
Die Materie erzeugt reine Gedanken, der dämonische Angriff jedoch schlechte. Bei einem Vergleich unterscheiden sich also die natürlichen Gedanken und Worte von den nicht-natürlichen und übernatürlichen. Böse Gedanken gehen den Phantasiebildern voraus, und auf die Phantasien folgen die Leidenschaften.
Schlechte Absichten sind Worte der Dämonen und Vorläufer der Leidenschaften, und gleich einer Flußströmung überfluten sie unser Herz aufgrund unseres Leichtsinns. Der Fürst der Dunkelheit bedeckt es mit der Finsternis der Unwissenheit und der Leidenschaften. In der dreiteiligen Seele liegt der Ursprung der Leidenschaften und der Tugenden, denn die Geburt des Guten und des Bösen liegt im Willen, der sich wie ein Zeiger in eine bestimmte Richtung neigt. So ist die Willensfreiheit die Quelle der Leidenschaften.
Die Leidenschaften gehen vor den bösen Geistern einher, und die Dämonen laufen hinter den Leidenschaften her. Der Anfang und die Ursache der Leidenschaften ist der Mißbrauch. Die Ursache des Mißbrauches ist die böse Neigung, die Ursache der bösen Neigung ist zuerst irgendeine willentliche Überzeugung. Die Versuchung des Willens stellt die Anfechtung dar, der Anlaß der Anfechtung sind die Dämonen, wodurch durch die Vorsehung zugelassen wird, aufzudecken, was unsere freie Willensentscheidung ist (Kap. 76).
Die Leidenschaften tragen verschiedene Namen. Sie unterteilen sich in psychische und physische. Im Hinblick auf den Körper gibt es die schmerzhaften Leiden und die sündigen Neigungen. Bei den körperlichen Leiden gibt es die krankhaften und die erziehenden. Die seelischen Leiden gründen sich auf drei Gemütskräfte, nämlich auf die Erregbarkeit, die Willenskraft und die Geisteskraft (Unterscheidungskraft und Einbildungskraft). Es gibt auch noch unwillentliche und daher nicht tadelnswerte Leidenschaften.
Einige dieser Leidenschaften sind die Folge eines Mißbrauchs des freien Willens, andere entstehen notgedrungen. Das sind die sogenannten nicht-tadelnswerten Leidenschaften, die bei den heiligen Vätern als begleitende und natürliche Eigenschaften bezeichnet werden.
Die Leidenschaften sind gegenseitig voneinander abhängig und wirken aufeinander - die körperlichen sind von der Willenskraft abhängig, die seelischen von der Erregbarkeit, die mentalen Leidenschaften von den geistigen Kräften, und die geistigen Kräfte von der Urteilskraft und den Leidenschaften des Gedächtnisses.
Kap. 79. Die Leidenschaften der Erregbarkeit sind folgende: Zorn, Ärger, Schreihalsigkeit, Jähzorn, Verwegenheit, Arroganz, Ruhmsucht etc. Zu den Leidenschaften des Willens gehören: Habgier, Ausschweifung, Unenthaltsamkeit, Wollust, Gewinnsucht und Eigendünkel, welche Leidenschaft schlimmer ist als alle anderen. Die fleischlichen Leidenschaften sind folgende: Unzucht, Ehebruch, Unreinheit, Sittenverfall, Unwahrhaftigkeit, Bauchdienerei, Sorglosigkeit, Zerstreutheit, Weltliebe, Hängen am Irdischen, u.a.
Die zum mentalen Bereich gehörenden Leidenschaften sind: Mißtrauen, Schmähung, Schlauheit, Hinterlist, Neugier, Doppelherzigkeit, Verleumdung, üble Nachrede, Verurteilung, Demütigung, Lästerung, Heuchelei, Lüge, unflätige Redensart, leeres Geschwätz, Verführung, Ironisierung, Eitelkeit, Augendienerei, Überheblichkeit, Meineid u.a.
Geistige Leidenschaften sind: Einbildung, Hochmut, Selbstverherrlichung, Streitsüchtigkeit, Unwille, Selbstzufriedenheit, Widerspruchsgeist, Ungehorsam, Schwärmerei, Neigung zu Hirngespinsten, Prunksucht, Ruhmsucht und Stolz, der das erste und das letzte aller Übel ist.
Leidenschaften des Verstandes sind folgende: Umherschweifen, Leichtfertigkeit, Kriecherei, Verfinsterung, Verblendung, Übertretung, böse Eingebungen, Zustimmung, Neigungen, Verleugnung und ihnen ähnliche. Mit einem Wort, alles widernatürliche Böse entwickelte sich aus drei psychischen Kräften, genauso wie in ihnen von Natur aus auch alles Gute vorhanden ist. In der Leidenschaft schändet der Geist sich durch unreine Gedanken, der Wille erhitzt sich durch tierische Lust, die Erregungsfähigkeit durch viehische Neigungen. Die körperlichen Begierden begünstigen die Entfaltung der Leidenschaften des Willens, die willentlichen und geistigen Begierden verstärken die Erregbarkeit. Von allen Leidenschaften sind Unzucht und Niedergeschlagenheit am ernstesten und schwersten. Sie sind voneinander abhängig und stehen in enger Verbindung miteinander und sind daher unzerstörbar, unüberwindbar und vollkommen unbesiegbar. Die Niedergeschlagenheit, die über den unterdrückten Geist die Oberhand gewonnen hat, windet sich wie ein Efeu ganz um die Seele und den Körper und macht unsere Natur welk, geschwächt und wie gelähmt.
Die Mutlosigkeit ist eine nur mit Mühe zu besiegende Leidenschaft; sie schwächt den Körper, und in dem erschöpften Körper verliert auch die Seele ihre Kraft. Wenn nun beide (Körper und Seele) sich in erschöpfter Verfassung befinden, dann ändert sich der Zustand des Körpers hin zur Sinnlichkeit. Die Sinnlichkeit weckt unreine fleischliche Neigungen, die lüsterne fleischliche Neigung ruft eine Erhitzung hervor, die Erhitzung eine heftige Gemütswallung, diese wiederum bringt das Gedächtnis in Bewegung, das Gedächtnis die Phantasie, die Phantasie erzeugt den bösen Impuls, dieser die Billigung, die Billigung führt zur Zustimmung, und damit ist der Weg offen zur Ausführung der Tat durch den Körper auf vielerlei Weise. So fällt der besiegte Mensch.
Die körperliche Unsterblichkeit der unschuldigen Voreltern kam daher, daß es in ihrem Organismus keine überflüssige Samenflüssigkeit gab. Die Geister, die aus der feinen Materialität und Subtilität (wegen ihres Stolzes) herabstürzten, erwarben eine gewisse stoffliche Grobheit und verfleischlichten sich dann dieser Ordnung oder Wirkungsweise zufolge wegen des Verlustes der himmlischen Seligkeit; sie fingen an Lust zu spüren wie die Menschen im Irdischen, und sie nahmen auf irgendeine Weise ein materielles Wesen an als Folge ihrer Neigung zu körperlichen Leidenschaften. Die Gewohnheit gestaltet die Natur um und verändert ihre Wirkungen in Übereinstimmung mit der freien Willensentscheidung. Die Dämonen sind in ihren gegen Gott gerichteten Handlungen grausam, böse, jähzornig, körperlich und gleich wilden Tieren auf materielle Genüsse erpicht. Im Kampf der dunklen Kräfte mit dem Menschen zeigt sich der dämonische Neid auf die Größe der menschlichen Stellung in der Schöpfung. Der hl. Gregor Sinaitis nennt in Bezug auf den Kampf gegen den Menschen drei Hauptfürsten unter den bösen Geistern: 1) den Teufel der Unzucht, 2) den Riesen der Sorglosigkeit, 3) den Riesen der Unwissenheit.
Sie erzeugen Verführung statt Wahrheit, Phantasiebilder statt Beschauung, Lust, Erhitzung, Verdrehung, Donner, Lärm, Blitze, d.h. sie stellen materielle Grobheit zur Schau, sie geben die Lüge für Wahrheit aus, Phantasie für Kontemplation.
Für den echten Gottsucher sind asketische Mühen und Eifer im Kampf unerlässlich, um die göttliche Gnade und die Herzensreinheit zu erwerben.
Die Gottsucher kann man einteilen in Anfänger, Fortgeschrittene und Vollkommene, und hinsichtlich ihrer Anstrengungen in Aktive und Kontemplative. Für die Anfänger ist die "Tätigkeit" kennzeichnend, für die Mittleren "die Aufklärung", für die Vollkommenen die "Läuterung" und Auferstehung der Seele oder Kontemplation.
Für den aktiven Weg ist das wichtigste - Schweigen, Enthaltsamkeit, Wachsamkeit, Demut, Geduld; die Beschäftigungen des geistigen Streiters sind Psalmodie, Studium, Gebet, Handarbeit. Bei ihnen stellt sich eine spirituelle oder natürliche Urteilskraft ein. Die Abkehr von der Welt rettet sie vor der Unterjochung durch die Materie. Fasten und Gebet, demütiger Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen und seinen Geboten führen zur Liebe und ursprünglichen Reinheit.
Unterdrücken muß man in sich: Widerspruch, Ungehorsam, Selbstgefälligkeit, Selbstrechtfertigung und verderblichen Eigendünkel. Der hl. Gregor lehrt, daß der Mensch vernünftig, rein und unkörperlich sein muß. Ein reines, vom Geist bewegtes Herz, dem böse Gedanken fern sind, ist ein Heiligtum, in dem Gott Psalmengesang und Gebet dargebracht werden - Stock und Stab der Vorsehung.
Man muß stündlich auf schlechte Gedanken und Angriffe der Leidenschaften achten, denn der Geist ist eng mit dem Herzen verbunden. Oftmals stellen die Gedanken das Wort der Dämonen dar und man muß es verstehen, sich in seiner komplizierten Gedankenwelt zurechtzufinden. Die Gedanken prägen Objekte ein, die sich immateriell im Bewußtsein bewegen, aber erst durch die Einbildung der Dinge und durch die Dämonen werden sie böse. Die Gedanken können natürlich und unnatürlich, übernatürlich und göttlich sein.
Es kommt vor, daß im Geist Chaos herrscht, das zur Unreinheit und sogar zur Verfinsterung und Verblendung führt. Das Gewissen wird sich dessen bewußt, klagt sich wegen Eitelkeit an, und dann beginnen Geist, Wille und Gemüt, alles Göttliche und alles Menschliche und den Ursprung von allem zu erkennen.
Was das nächtliche Wachen betrifft, so ist es für die Anfänger vom Abend bis Mitternacht, oder von Mitternacht bis zum Morgen vorgeschrieben; die Regel für die Fortgeschrittenen setzt ein oder zwei Stunden Wachen, dann vier Stunden Schlaf und die restlichen sechs Stunden bis zum Morgen für Gebet und Psalmodie fest, der Tag jedoch gilt der Arbeit und dem Gebet; die dritte Regel für die Vollkommenen besteht aus Wachen und Gebet für die ganze Nacht. Das gleiche wie für die Ruhezeit gilt - jeweils den eigenen Kräften entsprechend - auch für die Ernährung. Für die Nahrungsmenge gibt es auch drei Maße: Enthaltsamkeit, Genügsamkeit, Sättigung. Der Bauch ist der König der Leidenschaften, und die Mehrheit aller Leute sind ihm untertan, indem sie ihm sklavisch dienen. Bei Übersättigung ist es unmöglich, rein und aufmerksam zu beten, da man schläfrig wird und sich unzüchtige Phantasien und Pollutionen im Traum einstellen. Einem Faster fällt das Gebet nicht schwer. Das Gebet ist ein Ausdruck der Liebe, es versöhnt den Menschen mit Gott und ist die höchste Form des Wirkens, weil es eine Quelle der seelischen Heiligung und ein Unterpfand für das Verständnis der göttlichen Geheimnisse und Weisheit darstellt.
Das geistige Gebet ist allein den Hesychasten eigen; am Anfang ist die Abwechslung des Jesusgebetes mit Psalmodie unerläßlich, wobei man nach besten Kräften seine Aufmerksamkeit auf die ausgesprochenen Worte richten muß. Ein zerstreuter Geist beim Gebet ist eine Nachlässigkeit, und danach ist Reue mit zerknirschtem Gemüt notwendig.
Ein Anfänger sollte die Ausführungen über Schweigsamkeit und Gebet der Heiligen Johannes Klimakos, Isaak des Syrers, Maxim des Bekenners, Simeon des Neuen Theologen, Niketas Stiphatas, Hesychios, Philotheos und anderer Väter lesen. Unerläßlich ist für alle die Demut, welche eine Gnade und eine Gabe von oben ist. In Demut soll man sich für schlechter als alle Menschen, als die Tiere und sogar als die Dämonen halten. Schweigen gebiert Bescheidenheit, daraus folgt Demut in den Worten und in der Kleidung, Selbstanklage und Zerknirschung. Wenn der geistige Streiter, der von Leidenschaften bedrängt wird, im Herzen tief betrübt darüber ist und sich sogar für schlechter als die Dämonen hält, dann erhält er vom Herrn die gottgeschenkte Demut und dann erwirbt er auch die Kraft, die Last des Schweigens zu ertragen. Weiterhin erzeugt die Erinnerung an den Tod und die Höllenqualen Weinen, und diese Tränen unterstützen die Demut, die Geduld und das Licht des Glaubens. Wenn der Hesychast nicht über die Höllenqualen, die Dunkelheit, den Leib, die Unterwelt, die Gehenna (hebr. Hölle) nachsinnt und nicht reumütigen Gemütes ist, dann lernt er das Gebet nicht und wird ein Sklave von Vermessenheit, Bauchdienerei, Besorgnissen und Überschätzung seiner selbst. Das Fallen besteht für den Schweiger in der Aufgabe des Gebets (für den zu Gehorsam Verpflichteten im Handeln nach seinem eigenen Gutdünken). Man braucht ein reumütiges Herz. Der Hesychast verbringt mit Ausnahme einiger Stunden Schlaf die ganze Nacht im Gebet. Tagsüber betet er abwechslungsweise, um die neunte Stunde (um vier Uhr nachmittags) nimmt er sein Mahl ein, dann ruht er ein wenig, und um zwölf Uhr singt er das Abendamt. Der hl. Gregor rät, das gnadenreiche Gebet nicht durch Psalmengesang zu unterbrechen, und nur bei Ermüdung im Gebet zum Psalmenlesen überzugehen. Er rät, die Gebetsarbeit bei Tagesanbruch zu beginnen, sich auf einen Hocker von 3/4 Fuß Höhe zu setzen, den Verstand aus dem Kopf ins Herz zu führen, den Kopf zu neigen, als ob man müde sei, Brust, Schultern und Hals anzuspannen und dabei "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner" zu flehen. In Abhängigkeit von der geistigen Erschöpfung oder der Ermüdung der Zunge kann man das Gebet bald gedanklich, bald mündlich, bald flüsternd wie das Lallen eines Säuglings sagen. Dabei soll man nicht den aufkommenden Gedanken lauschen, sich nicht über die im Bewußtsein auftauchenden Meinungen und Ideen wundern und den Atem zurückhalten. Verlangsame den Atem, schließe den Verstand ins Herz ein und rufe ständig Jesus an und du wirst die feindlichen Kräfte vertreiben, die nach der Taufe mit anderen noch böseren Geistern in die träge Seele durch ihre Unachtsamkeit wieder zurückgekehrt waren.

 

Bote 1990, 3

Möge sich die Erinnerung an Jesus mit deinem Atem vereinigen; dann wirst du den Nutzen des Schweigens verstehen gemäß dem Worte des Apostels "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal. 2,20), du wirst göttliches Leben einatmen, denn "der Geist weht, wo er will" (Jo. 3,8) und "der Geist eures Vaters wird in euch sein" (Mt. 10,20). Gemäßigtes Atmen beim Jesusgebet, seelische und körperliche Anspannung, ein voll Kummer im Herzen gesammeltes Gemüt, Abwehr schlechter Gedanken - das ist der Kampf des Hesychasten. Wenn dich schwere Leidenschaften wie Unzucht oder Faulheit angreifen, so stehe auf und flehe Gott um Hilfe gegen den Teufel an. Nötige deinen Geist, den ganzen Tag im geistigen Gebet des Herzens zu verharren, denn hierbei handelt es sich um ein Tun des Herzens, das keiner Gefahr der Ausraubung unterliegt. So wie man körperlich arbeitet, so muß man sich auch geistig abmühen, denn das geistige Tun im Herzen ist die Quelle aller Tugenden: des Schweigens, des unablässigen Gebets und der Kontemplation.
Das Gebet sättigt den Geist durch die Wahrheit der göttlichen Speise mit Gnade. Der Geist ermüdet beim Herzensgebet, daher wird es mit Psalmodie abgewechselt. Die Väter rieten den einen, sich viel mit Psalmenbeten zu befassen, den anderen dagegen wenig, während der hl. Seraphim von Sarov und die Väter von Optina die ganzen Runde der kirchlichen Gottesdienste einhielten.
Der hl. Barsonophios der Große weist darauf hin, daß die Stundenlesungen, der Psalmengesang und das ganze gottesdienstliche Ritual eine kirchliche Überlieferung für alle darstellt, daß sich die Skitbewohner jedoch mit Handarbeit beschäftigen und dabei ständig beten. Die Hesychasten vernehmen den ganzen Tag im Geiste das Jesusgebet des Herzens. Je nach der Verfassung des Schweigers stellt sich die Psalmodie ein, denn das Fehlen von Herzenswärme beim Jesusgebet stumpft die Aufmerksamkeit ab und ermüdet Geist und Seele. Manche Schweiger, die das beschauliche Leben nicht verstehen, lesen und singen viel, aber üben nur wenig das Jesusgebet. Andere reich gesegnete Hesychasten benötigen kein langes Psalmenbeten, und die dritten schließlich, die vollkommenen Hesychasten, lassen die Psalmodie ganz aus. Sie verharren in ständigem Jesusgebet und in der Kontemplation. Ihr Geist haftet an Gott, und aus ihrem Bewußtsein verschwinden alle Gedanken. Sie empfinden Gottesfurcht, was ihre Leidenschaften vernichtet, sie fühlen seelische Freude, eine Erregung des Geistes, sowie Licht und Tränen der Rührung und Verwunderung - das Streben der seelischen Kräfte zu Gott, der im Lichte weilt. Die Seele erhebt sich über die Gefühle und betrachtet die Dreieinigkeit, das Leben der Engelswelt, die Struktur der sichtbaren Welt, die Fleischwerdung Gottes, die allgemeine Auferstehung der Toten, die zweite Wiederkehr Christi, die ewige Pein und das Himmelreich. Der gereinigte Geist erblickt das wahre Wesen der Dinge, da ihm von Gott Weisheit geschenkt wird oder das Schauen der Wahrheit und das Gefühl der Gnade (manche sagen, es öffnet sich der sechste Sinn, der die fünf ersetzt). Die echte, gnadengeschenkte Weisheit ist nur den Heiligen eigen; sie ist unteilbar und einheitlich und fähig, die Natur der göttlichen und menschlichen Dinge in der Welt zu betrachten, denn diese Weisheit kommt von der Weisheit Christi. Und der Hesychast erblickt in der göttlichen Weisheit die ganze Schöpfung und sich selber im Licht, denn seine Seele erlebte die geistige Auferstehung. Die Gnade erleuchtet den Geist, und die Seele nimmt Licht und paradiesische Unschuld wahr und schaut die Geheimnisse des zukünftigen Äons. Das Paradies wird auch gefühlsmäßig (durch Gnade) erschaut, es reicht bis zum dritten Himmel hinauf, wo es Blumen und reife Früchte gibt, die nicht verfaulen oder übel riechen, und wo vom Paradiesesfluß Ozean vier Quellen ausgehen und das gnadenvolle Eden oder Königreich Gottes ist, wo sozusagen zwei Zelte stehen. In das eine gehen alle durch die Gnade Geheiligten ein, und in das andere diejenigen, die im Licht der Trinität leuchten. Die vielen Bewohner des einen Königreiches unterscheiden sich in der Beschauung und in der Kraft der Vergöttlichung und wie Sonne, Mond und Sterne durch verschiedene Helligkeit. Durch die Erlösung im Heiligen Geist vereinigen sie sich mit Christus, der Sonne der Wahrheit, sie sättigen sich an Ihm und gelangen zur Erkenntnis des Guten und der göttlichen Liebe.
Der Kontemplative, der göttliche Philosoph erläutert den Menschen das Wesen aller Dinge, ihren Unterschied und ihre Ähnlichkeit sowie ihre Natur. Er teilt sein Wissen mit, er führt vom Unsichtbaren zum Sichtbaren und von der Sinneswahrnehmung zum Geistigen, er weist den Weg in die unsichtbare göttliche Stätte. Gott selbst bereichert seine aktive und kontemplative Vernunft durch das Verständnis der ethischen, natürlichen und der göttlichen Philosophie in der Welt der Stofflichkeit und der reinen Dogmen, und dann bereichert das Wort Gottes durch ihn die Seelen anderer mit Glaube, Liebe, Gnade der Weisheit, Licht und Leben in Christus.
In solch einem göttlichen Leben beschützt nur tiefe Demut vor dämonischer Verführung, denn wo Hochmut und Stolz herrschen, dort ist Sinneslust, Entfachung des Lasters, unsäglicher Genuß und körperliche Erhitzung. Wer mit Weinen und Demut betet, den beschützt Gott vor dämonischer Verblendung und belohnt ihn mit freudiger Herzenswärme und seelischem Frieden.
Wir sind Söhne des Lichts, Kinder Christi und wir müssen dem Vater gleich sein. Bei der Schöpfung flößte Gott den Lebensatem in die Seele ein. Das Wirken des Geistes offenbart sich durch die Erfüllung der Gebote und die ununterbrochene Anrufung Christi - die Erinnerung an Gott. Der Beginn des Guten ist der Glaube an Christi und die guten Absichten und Wünsche. Und die Seele weiß, daß ein tugendsames Leben das Königreich Gottes ist, denn die göttliche Schönheit wird im lichtschauenden Geist sichtbar, der ganze Mensch verklärt sich von der psychischen zur spirituellen Ebene, und der Körper reinigt sich von Samenflüssigkeit und Schwerfälligkeit. Der Geist erhält durch das Gebet Hilfe und Kraft gegen Leidenschaften und Sünden. Das Gebet wird gleich einem Freudenfeuer, voller Licht und es offenbart Liebe.
Der Seele steht ein großer geistiger Kampf bevor, um zur Gottesgemeinschaft zu gelangen, denn die Sünde entfernte den Gedanken und die Erinnerung von Gott. Jeder in Christus Getaufte muß alle Altersstufen Christi erreichen, (da Er ihre Kraft schon vorausempfangen hatte) und durch die Gebote kann er sie finden und sie sich aneignen.
Das "Tun des Gebets" fließt aus dem lebendigen Gefühl der Liebe zu dem Lebendigen Gott.
"Angemessen dem Leben ist die Wahrnehmung der Wahrheit", sagte der große Lehrmeister des geistigen Mönchtums, der hl. Isaak der Syrer. Im Maße der inneren Reinigung eröffnet sich das Evangelium. Das Herz reinigt sich durch die innere Anstrengung der Reue. "Kehret um und glaubet an das Evangelium". Das erste Gebot des Neues Testaments heißt Umkehr.
Im Mönchtum ist eine Gnade erhalten, die auch die ganze äußere Welt erleuchtet. Ein Geheimnis, das vor dem irdischen Zeitalter und den Geschlechtern verborgen ist, enthüllte sich seinen Heiligen, die auf dem Wege des Mönchtums wandelten, und dieses "Geheimnis" lautet "Christus in uns" gemäß dem absoluten Wort. Die äußere christliche Welt störte diese Geheimnisse jedoch nicht, bekanntlich wußte sie nichts von ihnen. Unbekannt war ihr auch eine andere Existenz - die ewige, unsterbliche, engelhafte; unbekannt war ihr auch die Auferstehung, die schon hier vor der allgemeinen Auferstehung stattfindet, nach einem Ausdruck des hl. Simeon des Neuen Theologen.
Die erleuchtende Gnade Christi ging nur durch das Mönchtum auf die äußere Welt über. Die heiligen Asketen erscheinen als Träger dieser aktiven Gnade... Darin liegt das Geheimnis der Kirche Christi.
Und die erste begnadete Wirkerin in der neuen Menschheit, die durch ihr geistiges Tun das verborgene Geheimnis des neuen Seins entriß, war die hochgepriesene Jungfrau und die Ahnherrin einer zweiten neuen Menschheit. Sie ist die Ahnherrin des Mönchsstandes, die Himmlische Äbtissin des irdischen Mönchtums. Sie bahnte als erste den Weg zu den Geheimnissen des Königreichs Gottes und zu der notwendigen Aneignung dieser Geheimnisse. Mit ihr nahm eine neue Menschheit ihren Anfang: eine engelhafte, göttliche, himmlische - ein neues mönchisches Streben nach einem neuen Zeitalter, einem neuen Leben, nach der Auferstehung, der Unsterblichkeit.
Der neue Adam ist der Gottmensch. Der Herr, unser Heiland, war der Ahnherr eines neuen, anderen Menschen, und der Mönchsstand wurde dazu berufen, ein lebendiger Träger dieser Gottmenschheit zu werden. Die Aufmerksamkeit und das unaufhörliche Gebet ist jene innere gedankliche Arbeit, die den geistigen Kampf ausmacht. Das ist auch das verborgene Geheimnis der Väter und es ist nicht leicht in Worte zu fassen. Paisij Veliçkovski sagt, daß die gottragenden Väter der alten Zeiten ständig dieses göttliche Wirken des heiligen geistigen Gebetes in sich erfuhren.
Noch im Paradies wurde dem erstgeschaffenen Menschen von Gott selbst das geistige Gebet geschenkt. Aber einen unvergleichlich größeren Ruhm erlangte es, als die Allheilige Jungfrau und Gottesgebärerin, die ehrwürdiger ist als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim durch das geistige Gebet im Allerheiligsten verharrend zur äußersten Höhe der Gottesschau aufstieg, wodurch sie würdig wurde, die universale Wohnstätte des von aller Schöpfung nicht zu fassenden und des auf wunderbare Weise in sie eingegangenen Göttlichen Logos zu werden. Und wer wagt es, gebührend das göttliche geistige Gebet rühmen, wenn die Wirkerin desselben, die Gottesmutter selber, vom Heiligen Geist belehrt wurde?
Der geistige Kampf ist ein verborgener Pfad zu einem engelgleichen Leben auf Erden. Das geistige Tun ist das cherubische Tragen des göttlichen Logos in der Seele. Im geistigen Kampf liegt das Wesen des Mönchtums, und im Mönchtum das Wesen des Christentums. Ohne geistiges Wirken gibt es kein Mönchtum und ohne Mönchtum gibt es kein Christentum. Im geistigen Tun sind die Geheimnisse des Königreiches Gottes verborgen, die sich durch den göttlichen Geist nach und nach nur denjenigen offenbaren, die sich auf den praktischen Pfad der Aneignung der Metanoia (Umkehr) begeben haben. Das immerwährende reuevolle Gebet, das in der Zerknirschung des Herzens Gott dargebrachte "Erbarme dich" benebelt das Gemüt nicht und stürzt einen nicht in dämonische Verführung. Denn nur durch Reue öffnen sich die Tore des Königreiches Gottes.
Vor dem Lebensende gilt es, sich von Gott, dem Herrn, Gnade zu erflehen. Im Prozess des inneren Tuns verkürzt sich dieses Gebet endlich zum schweigenden Seufzer der Seele "Erbarme dich!" Das geistige Tun ist seinem Wesen nach ein innerliches, verborgenes Wirken. Eigentlich ist es selbst die Reinheit des Herzens. Das heißt: das Wesen der Enthaltsamkeit besteht im unaufhörlichen Gebet und in der inneren Überwachung der Gedanken.
Der hl. Makarios der Große beschreibt in starken Worten den seelischen Tod des Menschen. Er sagt: "Deshalb starb der Mensch im Ungehorsam eines schrecklichen Todes, er lud Fluch auf Fluch auf sich: 'Dornen und Kletten wird dir die Erde hervorbringen', und so geschah es, daß auf der Erde seines Herzens Dornen und Kletten wuchsen. Die Feinde nahmen ihm durch Betrug seinen Ruhm weg und kleideten ihn in Schmach. Sie töteten seine Seele, sie zerstreuten und entzweiten seine Gedanken, sie zogen seinen Geist aus der Höhe herab, und der Mensch (Israel) wurde ein Knecht des echten Pharaos, welcher Aufseher und Wächter, nämlich die bösen Geister, über ihn stellte." Diese wiederum zerren den Menschen von der himmlischen Denkensart weg und führen ihn zu bösen Taten, - weil die Seele, die aus ihrer Höhe herabfiel, das menschenfeindliche Königreich und die grausamen Fürsten antraf, welche die Menschen zwingen, in den sündige Bauten des Lasters zu errichten. Unterdessen wird das, was wir in der heiligen Taufe in Christus Jesus empfangen haben, nicht vernichtet, sondern wird nur wie ein Schatz in der Erde vergraben.
Erstens wird diese Gabe durch die mühselige Erfüllung der Gebote sichtbar, insofern als sie ihre Helligkeit und ihren Glanz offenbar werden läßt; zweitens tritt sie durch die unablässige Anrufung des Herrn Jesus oder, was dasselbe ist, durch die ständige Erinnerung an Gott zutage.
Die Apostel kannten schon teilweise die Kraft des Namens Jesu. Sie heilten unheilbare Krankheiten durch ihn, sie machten sich die Dämonen untertan, schlugen sie in die Flucht, verjagten und banden sie. "Bisher habt ihr noch nichts in Meinem Namen erbeten, bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei" (Jo. 16,24).
Der verborgene Sinn der Enthaltsamkeit oder des geistigen Kampfes ist so erhaben, daß er dem Gehör und der Vernunft der Gelehrten der äußerlichen Buchtheologie vollkommen unzugänglich ist. "Die Seele sieht die Wahrheit Gottes je nach ihrer Lebensweise", sagte der hl. Isaak der Syrer. "Wahrlich, wahrlich Ich sage dir, - spricht der Herr - wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Königreich Gottes nicht sehen". "Der aus dem Fleisch Geborene ist Fleisch, und der aus dem Geist Geborene ist Geist". (Jo. 3,3-6).
Dieses Geheimnis ist die Wiedergeburt der Seele aus dem göttlichen Geist. Durch die wunderbare, unfaßbare Wirkung der göttlichen Gnade verwandelt sich der tote Mensch in einen lebenden; aus einem für alles Spirituelle gefühlslosen Stein wird eine wohlriechende himmlische Blume engelgleichen Lebens. Solche "Blumen" auf Erden, die durch den Heiligen Geist aus Steinen erstanden sind und das Weltall mit ihrem Duft erquickten und immer noch erquicken, sind die Chöre der Heiligen: Maria Magdalena, die Heilige Maria von Ägypten, die heilige Pelagia, der heilige Sergius von Radoneœ, der heilige Seraphim von Sarov..."deren Zahl kein Ende hat". Denn das immerwährende Gebet ist der Ausdruck der ununterbrochenen lebendigen Liebe zum Schöpfer. In diese lebendige Liebe zum lebendigen Gott, in diese himmlische Blume des Geistes verwandelt sich die Seele dann, wenn die Geburt aus dem Geiste erfolgt. Und ohne die unter viel Tränen erfolgende Lossagung vom Satan und seiner Werke kann die Geburt aus dem Geist Gottes nicht in uns erfolgen. Die lebendige, von oben geborene Seele ist ihrem Geist, ihren Gedanken gegenüber ganz aufmerksam und läßt sich nicht vom Wirbel schädlicher Phantasien wegtragen. Allen, die in unserer Zeit dem Heil zustreben, wurde Bischof Ignatij (Brjancaninov) vom Göttlichen Geist selber als Lehrer geschenkt, und einen besseren Führer auf dem Pfad des geistigen Kampfes kann man in den Werken der heiligen Väter kaum ausfindig machen.
Die gedankliche und körperlose Seele,ist eine vernunftbegabte und wunderbare Schöpfung Got-tes, die von Leidenschaften verdunkelt ist und sich zuvor niemals gesehen hatte, sieht sich nun mit inneren Augen: ihre finsteren, übelriechenden Gedanken-Kleiderfetzen, - ihre Träumereien und Phantasieprodukte - in welche sie sich gekleidet hat, als sie in Gemeinschaft mit den Dämonen lebte; und die Handlung des Gebetes verwandelt sich ganz in Tränen und Wehklagen. Denn nur auf dem Weg der Reue kehrt sich die sündige Seele Gott zu. Einen anderen Weg zu Gott gibt es nicht. Und die wahre Umkehr besteht nach der gesegneten Einsicht der heiligen Kirchenväter aus drei geistigen Tugenden, aus drei Aktivitäten: 1. der Reinigung des Geistes; 2. dem Erdulden von Leiden; 3. dem unaufhörlichen Gebet (hl. Mark der Asket).
Der wahre Pfad zur Demut - das naheliegendste und beste Mittel, um Demut zu erwerben - ist auf sich selber zu blicken und sich vor dem Nächsten zu demütigen. Denn Demütigung vor dem Nächsten und vor den Umständen ist Demut vor Gott, und sie dient als verborgene Grundlage für die Reue, als Grundlage des geistigen Gebetes.
Die Umkehr ist das lebendige Geheimnis der Erneuerung des ganzen Menschen, der Änderung seines ganzen Lebens. Die Reue ist ein zweites tränenvolles Taufbecken, das die sündige Seele für das spirituelle, das geistige, das göttliche Leben auferweckt. "Aber fern vom christlichen Leben, fern auch von Gott ist der Totgeborene, d.h. der Heide. Und die Feinde Jesu Christi sind Heiden, selbst wenn sie sich Christen nennen, denn sie beschimpfen durch ihr Leben den Sohn Gottes und " kreuzigen Ihn in sich", nach dem Wort des Apostels (Hebr. 6,6).
Tätigkeiten: Im Erdulden von Trübsal und im inneren Kampf mit den Gedanken, Phantasien und Begierden benötigt die Seele die gnädige Hilfe von oben, die Göttliche Kraft. Und diese Kraft erwirbt sie im Gebet, denn das Gebet ist die Quelle der Gnadenkraft. Durch das Gebet der Umkehr zieht die Seele die lebendige, aktive Hilfe von oben herab.
Auf diese Weise liegt die ganze irdische Tätigkeit der Seele in der erlösenden geistigen Funktion der Umkehr. Wer den Weg des Gebetes ohne Reue geht, der befindet sich auf dem Weg des Hochmuts. Wer im Gebet spirituelle Zustände erwartet, der befindet sich in der Verblendung. So stellt die Reinigung des Geistes von schlechten Gedanken, das geduldige Ausharren in Leid und Trübsal und das unaufhörliche Gebet die ihrer Verfassung entsprechende geistige Tätigkeit der reuigen Seele auf Erden dar - und das wird Buße genannt. Nur durch diese Tätigkeit kann die Seele gerettet werden, so daß sie noch hier in das verborgene, das neue, engelgleiche, das geistige Leben der göttlichen Unsterblichkeit, das uns von unserem Herrn Jesus Christus geschenkt wurde, eingehen kann: nur durch diese Tätigkeit findet sie das Geheimnis des Königreiches Gottes, das in uns ist.
Die äußere unaufhörliche Anrufung des Göttlichen Namens des Herrn Jesu Christi führt zum inneren Gebet. Durch diese äußere Tätigkeit erwirbt man die innere, erwirbt man den Geist des Gebetes. Der Prophet sagt so: "Ich öffnete meine Lippen und zog den Geist an" (Ps. 118, 131). Solcherart ist das Gesetz für den Menschen: namentlich und von außen - mit den Lippen zieht man das Innere an. Vom Körperlichen muß man zum Geistigen schreiten, vom Äußeren zum Inneren, von der Tat zur Betrachtung, mit den körperlichen Lippen das Körperlose gewinnen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Wenn jemand es wagen sollte, sich unmittelbar auf eine hohe Stufe zu erheben, ohne sich vorher auf den ersten Stufen des körperlichen Aufstiegs abgemüht zu haben, würde er, abgesehen davon, daß er nirgends hingelangen würde, nur auf der Stelle treten. Er wird nichts gewinnen, sondern er kann sich sogar wegen seines stolzen Ansinnens auf ein erhabenes, ihm nicht eigenes Leben dem Fall aussetzen, und kann daher durch eine demütigende Zulassung Gottes unter die Ferse der Dämonen geraten, die derartige Seelen mit besonderer Schadenfreude in den schrecklichen Schlamm der Gefühlsleidenschaften ziehen.
Um das unaufhörliche, innere Gebet zu erwerben, muß man sich mit Demut und Geduld im körperlichen, mündlichen Gebet und im Gefühl der Reue üben und darf nicht versuchen, zur Erlangung des Herzensgebetes gewaltsam mit dem Verstand ins Herz einzudringen. Das Herz öffnet sich für das wahre Gebet nicht durch die Atmung und nicht durch künstliche Verfahren, wie einige irrige Beter meinten, das Herz öffnet sich durch den Finger Gottes dann, wenn es Gott, dem Herrn wohlgefällt und wenn es von Leidenschaften gereinigt ist.
Und doch ist der Mensch, dieses mit der Gabe des Wortes gesegnete geistige Geschöpf, mit einem geistigen Wortorgan ausgestattet, um Gott, das Wort, auf dem mündlichen Organ der Lippen zu tragen. Nur möge dieses Geschöpf sich bis zu seinem Abgang von dieser Erde nicht langweilen, Tag und Nacht zum Herrn Jesus Christus, dem Sohn Gottes zu rufen.
Auf dieser Stufe kann das Jesusgebet als mühsam, aktiv, mündlich und körperlich bezeichnet werden, da es von körperlichen Organen, nämlich von Lippen und Zunge erzeugt wird. Man muß sagen, daß es am Anfang in der Mehrzahl der Fälle außerordentlich mühsam sein wird. Nicht nur einmal, sondern oftmals wird der Mensch in Hoffnungslosigkeit darüber geraten, daß er keine Kraft hat, dieses rettende innere Tun zu erlangen. Dabei kann sich das Herz verhärten und die ganze Seele wird von Gefühlslosigkeit ergriffen, die Begierde steigt auf und mit ungewöhnlicher Kraft schließt sich sogar der spirituelle Bereich des Lebens wie eine steinerne Wand.
"Das Licht der Gebetsgnade, das von der Göttlichkeit Jesu Christi ausgeht und in die Dunkelheit der Seele eindringt, erschreckt und verjagt die böse Kraft, die bisher unbesorgt dort gewohnt hat. Und diese böse Kraft, die durch den Namen Gottes in Unruhe versetzt wurde, bringt alle Leidenschaften, die bisher in Ruhe verharrten, in Bewegung". Die eigene Anstrengung, die Dauer und besonders die Göttliche Einwirkung bezwingen die sündigen Eigenschaften und Neigungen unserer gefallenen Natur, und mit der Zeit leuchtet dieses Gebet wie die Sonne mit all ihrer Kraft. Durch diese Tätigkeit offenbaren wir vor dem Antlitz des Herrn die geistige Ausrichtung unseres Willens, der zu Ihm strebt.
Mächtig ist der Herr, um uns reine Liebe und Hingabe zu Ihm zu geben, mächtig ist Er, um die Dunkelheit der Sünde zu verjagen und unser Herz durch das Licht seines Antlitzes zu erleuchten und uns das innere, das Herzensgebet zu schenken. Denn nach der Lehre des hl. Makarios von Ägypten verlangt Gott von uns nur den guten Willen, es obliegt jedoch der göttlichen Kraft, ihn zur Ausführung zu bringen. Dazu reicht unsere eigene Kraft nicht aus. Und zur rechten, Gott bekannten Zeit stellt sich bei demjenigen, der mit dem körperlichen Tun beginnt, auch das innere Tun ein: wer demütig, mit mündlichem Gebet anklopft, dem öffnet sich auch die Tür zum kontemplativen, spirituellen Gebet des Herzens. Es ziemt sich, den Namen Gottes bei allen Beschäftigungen, an jedem Ort, unter allen Umständen, zu jeder Zeit und sogar im Schlaf anzurufen.
Wer das körperliche Tun ausführt, der kann auch kein seelisches erwarten, weil das letztere so wie die Ähre aus dem Weizenkorn aus dem ersteren geboren wird. Und das Herz öffnet sich für das Gebet durch den Finger Gottes und nicht durch mechanische Mittel, es öffnet sich, nachdem es durch langdauernde Bemühung im mündlichen Gebet von Leidenschaften gereinigt wurde.

Bote 1990, 4

Die christliche Menschheit ist äußerst verarmt im Glauben an den Herrn Jesus Christus und an die aktive Kraft seines Göttlichen Namens nach dem Worte des Heilands: "Denn wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?" (Lk 18,8). Viele folgten vielleicht unermüdlich Christus in den Tagen seines irdischen Daseins (und berührten Ihn sogar), und doch zogen sie keinen Nutzen daraus. Aber bei der blutflüssigen Frau, die nicht einmal Ihn selbst, sondern nur den Saum seines Kleides berührte, hörte der langjährige Blutfluß auf. Der Name Jesu Christi ist schrecklich für die Dämonen, für die seelischen Leidenschaften und Nöte... Möge Er unser Schmuck, unsere Zierde sein... (Homilie 8 über den Römerbrief).
Bischof Ignatij schließt so: "Denn jede Kraft und Wirkung des Gebetes fließt aus dem angebeteten und allmächtigen Namen Jesu, aus dem einen Namen unter dem Himmel, durch den wir uns retten sollen" (Bd. 2, S. 371).
Die Erfahrung lehrt uns das reine Gebet, damit wir jedes Werk mit Gebet beginnen, mit Gebet begleiten und mit einem Dankesgebet beenden. Und das häufige mündliche Gebet führt zum andächtigen Gebet, und das andächtige Gebet führt zum geistigen, ununterbrochenen Gebet. Daher ist die Häufigkeit des Gebetes der wahre und der kürzeste Weg zum Genuß der Gabe des kontemplativen Gebetes und zum Erwerb des unablässigen, des Herzensgebetes. Die Qualität des Gebetes aber ist das ehrfürchtige, andächtige Stehen der Seele vor Gott, wobei sie sich nicht von fremden Gedanken ablenken läßt. Denn ehrfürchtiges Gebet besteht aus Qualität und aus Quantität, und Qualität gibt es nicht ohne Quantität. Die Qualität des Gebetes liegt in der Aufmerksamkeit, der Ehrfurcht, der Gottesfurcht, der Herzenswärme und dem demütigen, zerknirschten Gemüt - all diese Faktoren obliegen jedoch Gott. Daher ist unserer Natur auch das Gebot über die Menge gegeben. "Betet ohne Unterlaß" (1 Thess. 5,17). Die Häufigkeit des Gebetes obliegt der menschlichen Anstrengung, dem guten Willen des Menschen. Gott fordert vom Menschen nur die Quantität. Diese führt ihrerseits zur Qualität, zu den guten Früchten des Gebets. Daher brauchen wir uns nicht zu betrüben, wenn unser häufiges Gebet am Anfang zerstreut und unaufmerksam, trocken und kalt ist. Andacht, Wärme und demütige Zerknirschung, das sind Gaben Gottes, die einer Seele geschenkt werden, die sich im Gebetskampf abmüht. Unsere Sorge soll es sein, uns wieder und wieder zu bemühen, unseren Verstand in den Worten des Gebetes zu bewahren und uns nicht vom Wirbel schädlicher Gedanken wegtragen zu lassen. (Simeon der Neue Theologe. Bd. 2).
Die Sorge über die häufige mündliche Anrufung des Göttlichen Namens soll vorangehen, weiterhin soll der Mensch danach streben, vom äußeren zum inneren, d.h. zum andächtigen Gebet zu gelangen, welches seinerseits zum geistigen Gebet führt, zum "spirituellen Leben in der heiligen Gottesgemeinschaft".
Man muß diesen "mentalen", unkörperlichen Wanderer, d.h. unseren Geist zum Erlernen des Gebetes nötigen. Denn dem Wesen nach ist er eben jener verlorene Sohn, welcher die ihm eigene, selige Gottesgemeinschaft aufgab, sich in ein weit entferntes, fremdes Land begab und dort sein spirituelles Vermögen verschwendete - die hellen und göttlichen Gedanken und Empfindungen nämlich - und indem er mit den liederlichen Dämonen lebte und herumwanderte, begann er aus seelischem Hunger von den bitteren Schoten aus dem Trog der öligen Schweinedämonen zu essen, sich also von ihren Gedanken, Begierden und Empfindungen zu ernähren, die seiner Natur und Würde überhaupt nicht angemessen waren. Diesen sündigen Wanderer muß man an das aufmerksame Gebet gewöhnen. Man muß ihn beim Beten in den Worten des Gebetes einschließen und darf ihn nicht herumwandern lassen. Man muß ihn nötigen, aufmerksam die Worte des Gebetes zu hören, damit er seine Sünde vor Gott einsehe und mit Gefühl ausrufe: "Ich habe gesündigt, Vater, vor dem Himmel und vor Dir...".
Ohne Aufmerksamkeit kann es keine wehmütige Zerknirschung, kein Gebet, keine Reue geben. Daher legen die heiligen Väter als Grundlage für die geistige Aktivität die Wachsamkeit, d.h. die Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber fest. Das wahrhaft spirituelle innere Leben beginnt mit der Wachsamkeit. "Der äußere Mensch kann leicht das Beten erlernen, aber es ist keine geringe Mühe, es dem inneren beizubringen", sagt der hl. Hesychios. Man muß also etliche Mühe aufwenden, um diesen unseren inneren Wanderer zur Wachsamkeit zu erziehen. In Gottesfurcht soll man den Verstand in die Worte des Gebetes einschließen und dabei bedenken, vor Wem man steht und mit Wem man Gebetszwiesprache hält. Daher sagt der hl. Prophet auch: "Dienet dem Herrn mit Furcht" (Ps. 2,11).
Das mündliche und häufige mit Wachsamkeit und in Gottesfurcht ausgeführte Gebet wird allmählich geistig und geht in das Herzensgebet über - so lehren es die heiligen Väter. Und Gebet mit Wachsamkeit bedeutet: klare Gebetsworte, sich dieser Worte innewerden und ihnen mit konzentrierter Aufmerksamkeit lauschen. Jeder sollte den Rat des hl. Johannes Klimakos berücksichtigen: "Versuche immer wieder, die abschweifenden Gedanken zu dir zurückzuholen, oder besser gesagt, schließe den Geist in die Worte des Gebetes ein...". Wenn niemand da ist, braucht man dieses Gebet nur leise, für sich selber hörbar, zu sagen. Und wenn Leute anwesend sind, dann soll man mental beten und die Worte mit der Zunge wahrnehmen. Die Grundlage der Aufmerksamkeit ist die Gottesfurcht und die Gelassenheit im Gebet. Daher muß man das Gebet ehrfürchtig, ohne Hast und Eile lesen und dabei nach jedem Gebet eine Pause einlegen und nicht sofort das nächste sprechen, um sich in die Worte des Gebetes einzufühlen. Die mit Hilfe der göttlichen Gnade allmählich erwachende und nach Reue dürstende Seele erwirbt das beseligende innere Gebet, das auch hilft, die Gedanken zu hüten und schließlich zum ständigen Wirken des Gebets im Herzen führt. Und Gebetswirkung heißt - "den Erlöser Christus in sich zu haben, Ihn im Geist, im Herzen, in sich zu tragen, ständig im Gedenken und in Erinnerung an Ihn zu leben, wie die Seraphim aus Liebe zu Ihm zu brennen, wie die Cherubim Ihn immerdar zu schauen und Ihm im Herzen einen Ruheort zu gewähren" (hl. Simeon von Saloniki). Und wodurch wir uns von Gott losrissen, dadurch müssen wir auch zu Ihm zurückkehren. Wir verloren die Aufmerksamkeit für die in unserem Gemüt aufkommenden Gedanken und Gefühle und unser Herz gaben wir den eigenen geistlichen Sklavenhaltern in Gefangenschaft, nämlich den schlechten Gedanken und Gefühlen - jetzt müssen wir uns auf den Weg der geistigen Übung begeben und unsere Gedanken und Gefühle überwachen. Diese innere Tätigkeit soll man anstreben, d.h. wenn man äußerlich ein Gebet spricht, dann soll man andächtig beten. Man darf die Worte des Gebetes nicht hastig aussprechen, sondern soll ihnen geistig lauschen, sich in sie hineinhören und dem Verstand nicht erlauben, währenddessen über etwas anderes nachzudenken, und wäre es auch etwas Gutes, denn solche Überlegungen beschmutzen das Gebet.

sie nur an die Türe deines Geistes klopfen, laß sie nur laut schreien, du aber antworte ihnen nicht, sei taub und stumm für sie. Jede Abschweifung von dem gebetsvollen Stehen vor Gott beschmutzt die göttliche Erhabenheit. Aber am Anfang unseres Gebetsweges werden wir aus mangelnder Gewohnheit an das konzentrierte Gebet unwillkürlich abschweifen - und das ist unvermeidlich. Wenn wir jedoch unsere Zerstreutheit merken, kommen wir unverzüglich in unserer Hilflosigkeit zur göttlichen Gnade zurück, wir bitten demütig um Verzeihung und werden wiederum aufmerksam gegenüber Gott, dem Herrn. Ohne Konzentration gibt es kein Gebet, kein göttliches Leben. Wachsam sein im Gebet und sein Leben nach dem Gewissen ausrichten - das ist die innere Tätigkeit gemäß der Kraft in Gott, welche mit Hilfe der göttlichen Gnade zum andächtigen Gebet führt, und das andächtige Gebet wiederum führt zum geistigen und zum Gebet des Herzens. Das geistige Gebet ist nach dem ausdrücklichen Wort der heiligen Väter ein Pfand der göttlichen Liebe (siehe Kallistos). Und dieses Pfand gab der Herr auch Seinen Jüngern, jedoch nicht allen, sondern nur denjenigen, "denen es gegeben ist, die Geheimnisse des Königreichs Gottes zu erfahren".
Diejenigen welche das äußere und das innere fleischliche Hab und Gut hinter sich ließen, welche mit Ihm in Betrübnis und in Ungemach ausharrten und mit welchen Er das Abendmahl teilte und das geheime Gespräch führte - "nur diejenigen, die zu lieben begonnen haben, erwerben dieses göttliche Pfand, das geistige Gebet". Nur dasjenige Herz nimmt dieses Pfand der göttlichen Liebe wahr, das sich von der materiellen, irdischen, fleischlichen Liebe, sowie von den physischen und psychischen Lüsten losgesagt hat und das nach der geistigen, himmlischen, göttlichen Liebe strebt. Denn das geistige Gebet ist den Liebhabern des Fleisches nicht verständlich, es schlägt keine Wurzel bei ihnen und es ist für sie unerreichbar. Das geistige Gebet ist nur das Erbe derjenigen, die nach dem Gewinn der geistigen Liebe, d.h. der Liebe zu Gott aus ganzem Verstande, aus ganzem Gemüte und aus ganzem Herzen streben. Denn im Gebet wendet sich die Liebe an den Geliebten, an Denjenigen, der uns geliebt hat. Das ist die Lehre der heiligen Väter (hl. Johannes, Isaak, Rede 39). Und dieses Pfand der Liebe kann durch keinerlei künstliche Handgriffe angezogen werden, noch können Bücherwissen oder irgendeine Einweihung in das göttliche Geheimnis diese Gnade herabziehen. Nur das losgelöste und das vor Gott zerknirschte Herz zieht sie an. So gingen alle weisen Seelen über die Erde und mit diesem kostbaren Schatz wandelten sie auf dem Pfad des Glaubens. Der Pfad des geistigen Gebetes ist auch der der Pfad des seligen Glaubens, der Pfad des geistigen Kampfes der Seele. Durch den Glauben erwirbt die Seele dieses Pfand. Durch den Glauben gelangt sie, nachdem sie das Land der ägyptischen Fleischesliebe verlassen hat, in den Besitz dieser seltenen Verheißung,.
"Diejenigen, welche mit großem Ernst beten, setzen sich stets grimmigen Anfechtungen aus, weil für die Dämonen nichts quälender ist als das von Herzen kommende Gebet". Die törichten Jungfrauen nahmen zwar ihre Leuchter mit, aber sie hatten kein Öl bei sich und wurden so vom Königreich ausgeschlossen, obwohl sie ein keusches Leben führten, Leuchter bei sich hatten und in der Erwartung des Bräutigams lebten.
Jede Tugend, auch das spirituelle Leben, hat unter den irdischen Bedingungen eine äußere und aus eine inner Seite: so auch das Fasten, das Wachen, der Kirchgang, die dem geistigen Stand angemessene Kleidung, der Dienst am heiligen Altar, das Gebet und alles übrige. All dies weist sowohl einen äußeren Aspekt des geistigen Lebens auf als auch einen inneren - das eigentliche Leben. "Wenn das innere Tun in Gott dem Menschen nicht hilft, dann müht er sich vergeblich im Äußeren ab" (hl. Kallistos). Auch im spirituellen Leben ist es so: jene, die nur im Äußeren leben, ruhen im Grabe, während jene, die im Inneren leben, erlöst werden. In der Endzeit verarmt die Christenheit innerlich so sehr, daß der Herr sagte: "Wenn der Menschensohn kommt, wird er Glauben finden auf Erden?" (Lk. 18,8).
"Dem einen rauben sie den spirituellen Sinn des Fastens, der in geistiger Enthaltsamkeit liegt, und lassen ihm nur Pilze, Kohl, Erbsen und Zwieback mit Wasser zurück, woran sich die arme Seele leidenschaftlich klammert und nicht merkt, daß ihr das Wesentlichste vom Fasten geraubt wurde". Es gibt keine geistige Enthaltsamkeit in Gedanken und Worten, keine Abstinenz in den Begierden, und daher ist das eigentliche Wesen des Fastens, nämlich das innere, nicht vorhanden. "Dem anderen rauben sie den tiefen geistigen Sinn des schwarzen Mönchsrockes, der ein Symbol ist für die Trauer über sich selbst wie über einen Toten, sowie für die abgestorbene Beziehung zu allem Irdischen, Fleischlichen, Materiellen, und lassen ihm dafür ein seidenes, modisch genähtes Gewand von bester Qualität, mit dem sie das wollüstige, gierige Leben des Fleisches bedecken. Und die Seele trägt dieses haltbare Gewand mit Stolz, wobei sie gar nicht ihr Ausgeraubtsein und ihre Nacktheit vor Gott bemerkt". "Einem anderen rauben sie die erhabene Liebe zur Kirche, die erlösende Liebe zum kirchlichen Gebet und lassen der Seele nur das äußerliche Stehen". Denn während die Seele mit dem Körper in der Kirche steht, wandert sie mit ihrem Geist durch die Straßen und über den Markt, sie beschäftigt sich gedanklich mit Ankäufen und Verkäufen und führt vielerlei Gespräche. Mit wem wohl? Gewiß mit den mentalen Verführern und Dieben, mit den Dämonen, welche die Seele mißleiten, sie einschläfern und dann aus der Kirche herausführen, um sie wie Taschenspieler und Gauner mit allerlei Unterhaltungen und Verlockungen zu ergötzen.
Das von der Welt losgelöste Mönchstum bewahrte das geistige Unterpfand Gottes, die Seele die Monastizismus in sich. Der enthaltsamen und weltabgeschiedenen, innig liebenden Seele gab der Herr das Pfand Seiner Liebe - das geistige Gebet. Gewiß ist jede Seele auf Erden, die ins Dasein getreten ist und der christlichen Religion folgt, durch das Erbarmen Gottes zur Erlangung des Pfandes der Göttlichen Liebe - des geistigen Gebetes berufen, aber nicht jede Seele erwählt es. Deshalb sagte der Herr auch: "Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt". In der letzten Zeit fingen diese körperlosen Diebe, diese Seelenfänger auch das Mönchstum in ihren Netzen, sie verstanden es, ihm das geistige Gebet wegzunehmen, und die rastlosen Arbeiter selber vernichteten sie. Wenn sich auch Reste vom Mönchstum noch hielten, so gab es doch das geistige Gebet schon lange nicht mehr unter den Mönchen. Denn Beten ohne Andacht ist gleich einem Leuchter ohne Öl. Darin liegt auch die Dummheit der Seele, die sich nur an das Äußere ohne das Innere hält. Wir, die so schwachen, armen und sündigen Nachkommen unserer betrogenen Vorfahren und Ureltern, sind dem Verstand nach erst gestern geborene Dummköpfe und Kleinkinder. Aber unsere alten Feinde nahmen zu und mit ihrem tückischen und gerissenen Verstand sind sie schon alt geworden in ihrer viele tausend Jahre alten Bosheit wider uns.
Die heiligen Tränen der Reue sind jenes Mittel, welches das himmlische Pfand und die Seele selber beschützen. Das geistige Gebet führt zum geistigen Weinen der Seele. "Wer wahrhaftig um seine Errettung kämpft, der betrachtet jeden Tag, an dem er seine Sünden nicht beweinte, als verloren, selbst wenn er an jenem Tag irgendwelche guten Taten vollbracht hat" (Rede 5,33). "Durch Weinen werden alle Leidenschaften aus der Seele vertrieben". Durch das Weinen gelangt der Mensch zur seelischen Reinheit. Wer den Sünden entgehen will, der kann ihnen durch Weinen entrinnen, und wer sich vor ihnen hüten will, der kann sich durch Weinen vor ihnen schützen. (Ignatij Brjançaninow, Band 5, S. 372). In der Babylonischen Gefangenschaft gibt es für die Seele keinen anderen Trost als das Weinen. Die Tränen sind ihrer Natur nach materiell, aber sie beinhalten ein nichtmaterielles, ein geistiges, ein für die Seele erlösendes Geheimnis. Und durch dieses Geheimnis findet (gewinnt) die Seele die geistige Existenz, findet sie sich selbst, findet sie Gott. Gott gab der Seele die Tränen, damit sie sich durch diese Tränen auf die Ewigkeit vorbereite, damit sie durch diese materiellen Tränen in die unmaterielle Welt eingehe. Die unkörperliche Seele vergießt körperliche Tränen. "Selig sind die Weinenden, denn sie sollen getröstet werden"... Die weinende Seele erquickt der Herr selber durch unbeschreibliche, wunderbare, göttliche Tröstungen. Das reuevolle Weinen stellt für die Seele eine große spirituelle, mental-körperliche Waffe dar, die ihr von dem barmherzigen Gott gegen die mental-körperlosen Räuber und Zerstörer gegeben wurde. Wenn der Teufel jemand reumütig und weinend leben sieht, dann kann er nicht bei ihm bleiben und wendet sich wegen der aus dem Weinen geborenen Demut wieder ab. "Erlange das Weinen, und es wird dich auf all deinen Wegen beschützen und dir die himmlische Tröstung herabziehen, dir das Herzensgebet geben, das dich weiter führt als das Paradies, nämlich zum Herrn des Paradieses selbst, zum Gerechten Richter, der auch die wehklagende Seele der Witwe vor ihrem Widersacher schützt".

 

Bote 1990, 5

Die heiligen Väter sagen, daß wenn du im Gebet vor dem großen Himmlischen König stehst, so werde dir bewußt, vor Wem du stehst, sei dir bewußt, mit Wem du Gebetszwiesprache hältst, erlaube deinem Geist nicht abzuschweifen und dich währenddessen mit den zu dir kommenden bösen Gedanken zu unterhalten. Laß sie nur an die Türe deines Geistes klopfen, laß sie nur laut schreien, du aber antworte ihnen nicht, sei taub und stumm für sie. Jede Abschweifung von dem gebetsvollen Stehen vor Gott beschmutzt die göttliche Erhabenheit. Aber am Anfang unseres Gebetsweges werden wir aus mangelnder Gewohnheit an das konzentrierte Gebet unwillkürlich abschweifen - und das ist unvermeidlich. Wenn wir jedoch unsere Zerstreutheit merken, kommen wir unverzüglich in unserer Hilflosigkeit zur göttlichen Gnade zurück, wir bitten demütig um Verzeihung und werden wiederum aufmerksam gegenüber Gott, dem Herrn. Ohne Konzentration gibt es kein Gebet, kein göttliches Leben. Wachsam sein im Gebet und sein Leben nach dem Gewissen ausrichten - das ist die innere Tätigkeit gemäß der Kraft in Gott, welche mit Hilfe der göttlichen Gnade zum andächtigen Gebet führt, und das andächtige Gebet wiederum führt zum geistigen und zum Gebet des Herzens. Das geistige Gebet ist nach dem ausdrücklichen Wort der heiligen Väter ein Pfand der göttlichen Liebe (siehe Kallistos). Und dieses Pfand gab der Herr auch Seinen Jüngern, jedoch nicht allen, sondern nur denjenigen, "denen es gegeben ist, die Geheimnisse des Königreichs Gottes zu erfahren".
Diejenigen welche das äußere und das innere fleischliche Hab und Gut hinter sich ließen, welche mit Ihm in Betrübnis und in Ungemach ausharrten und mit welchen Er das Abendmahl teilte und das geheime Gespräch führte - "nur diejenigen, die zu lieben begonnen haben, erwerben dieses göttliche Pfand, das geistige Gebet". Nur dasjenige Herz nimmt dieses Pfand der göttlichen Liebe wahr, das sich von der materiellen, irdischen, fleischlichen Liebe, sowie von den physischen und psychischen Lüsten losgesagt hat und das nach der geistigen, himmlischen, göttlichen Liebe strebt. Denn das geistige Gebet ist den Liebhabern des Fleisches nicht verständlich, es schlägt keine Wurzel bei ihnen und es ist für sie unerreichbar. Das geistige Gebet ist nur das Erbe derjenigen, die nach dem Gewinn der geistigen Liebe, d.h. der Liebe zu Gott aus ganzem Verstande, aus ganzem Gemüte und aus ganzem Herzen streben. Denn im Gebet wendet sich die Liebe an den Geliebten, an Denjenigen, der uns geliebt hat. Das ist die Lehre der heiligen Väter (hl. Johannes, Isaak, Rede 39). Und dieses Pfand der Liebe kann durch keinerlei künstliche Handgriffe angezogen werden, noch können Bücherwissen oder irgendeine Einweihung in das göttliche Geheimnis diese Gnade herabziehen. Nur das losgelöste und das vor Gott zerknirschte Herz zieht sie an. So gingen alle weisen Seelen über die Erde und mit diesem kostbaren Schatz wandelten sie auf dem Pfad des Glaubens. Der Pfad des geistigen Gebetes ist auch der Pfad des seligen Glaubens, der Pfad des geistigen Kampfes der Seele. Durch den Glauben erwirbt die Seele dieses Pfand. Durch den Glauben gelangt sie, nachdem sie das Land der ägyptischen Fleischesliebe verlassen hat, in den Besitz dieser seltenen Verheißung,.
"Diejenigen, welche mit großem Ernst beten, setzen sich stets grimmigen Anfechtungen aus, weil für die Dämonen nichts quälender ist als das von Herzen kommende Gebet". Die törichten Jungfrauen nahmen zwar ihre Leuchter mit, aber sie hatten kein Öl bei sich und wurden so vom Königreich ausgeschlossen, obwohl sie ein keusches Leben führten, Leuchter bei sich hatten und in der Erwartung des Bräutigams lebten.
Jede Tugend, auch das spirituelle Leben, hat unter den irdischen Bedingungen eine äußere und auch eine inner Seite: so auch das Fasten, das Wachen, der Kirchgang, die dem geistigen Stand angemessene Kleidung, der Dienst am heiligen Altar, das Gebet und alles übrige. All dies weist sowohl einen äußeren Aspekt des geistigen Lebens auf als auch einen inneren - das eigentliche Leben. "Wenn das innere Tun in Gott dem Menschen nicht hilft, dann müht er sich vergeblich im Äußeren ab" (hl. Kallistos). Auch im spirituellen Leben ist es so: jene, die nur im Äußeren leben, ruhen im Grabe, während jene, die im Inneren leben, erlöst werden. In der Endzeit verarmt die Christenheit innerlich so sehr, daß der Herr sagte: "Wenn der Menschensohn kommt, wird er Glauben finden auf Erden?" (Lk. 18,8).
"Dem einen rauben sie den spirituellen Sinn des Fastens, der in geistiger Enthaltsamkeit liegt, und lassen ihm nur Pilze, Kohl, Erbsen und Zwieback mit Wasser zurück, woran sich die arme Seele leidenschaftlich klammert und nicht merkt, daß ihr das Wesentlichste vom Fasten geraubt wurde". Es gibt keine geistige Enthaltsamkeit in Gedanken und Worten, keine Abstinenz in den Begierden, und daher ist das eigentliche Wesen des Fastens, nämlich das innere, nicht vorhanden. "Dem anderen rauben sie den tiefen geistigen Sinn des schwarzen Mönchsrockes, der ein Symbol ist für die Trauer über sich selbst wie über einen Toten, sowie für die abgestorbene Beziehung zu allem Irdischen, Fleischlichen, Materiellen, und lassen ihm dafür ein seidenes, modisch genähtes Gewand von bester Qualität, mit dem sie das wollüstige, gierige Leben des Fleisches bedecken. Und die Seele trägt dieses haltbare Gewand mit Stolz, wobei sie gar nicht ihr Ausgeraubtsein und ihre Nacktheit vor Gott bemerkt". "Einem anderen rauben sie die erhabene Liebe zur Kirche, die erlösende Liebe zum kirchlichen Gebet und lassen der Seele nur das äußerliche Stehen". Denn während die Seele mit dem Körper in der Kirche steht, wandert sie mit ihrem Geist durch die Straßen und über den Markt, sie beschäftigt sich gedanklich mit Ankäufen und Verkäufen und führt vielerlei Gespräche. Mit wem wohl? Gewiß mit den mentalen Verführern und Dieben, mit den Dämonen, welche die Seele mißleiten, sie einschläfern und dann aus der Kirche herausführen, um sie wie Taschenspieler und Gauner mit allerlei Unterhaltungen und Verlockungen zu ergötzen.
Das von der Welt losgelöste Mönchstum bewahrte das geistige Unterpfand Gottes, die Seele des Monastizismus in sich. Der enthaltsamen und weltabgeschiedenen, innig liebenden Seele gab der Herr das Pfand Seiner Liebe - das geistige Gebet. Gewiß ist jede Seele auf Erden, die ins Dasein getreten ist und der christlichen Religion folgt, durch das Erbarmen Gottes zur Erlangung des Pfandes der Göttlichen Liebe - des geistigen Gebetes berufen, aber nicht jede Seele erwählt es. Deshalb sagte der Herr auch: "Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt". In der letzten Zeit fingen diese körperlosen Diebe, diese Seelenfänger auch das Mönchstum in ihren Netzen, sie verstanden es, ihm das geistige Gebet wegzunehmen, und die rastlosen Arbeiter selber vernichteten sie. Wenn sich auch Reste vom Mönchstum noch hielten, so gab es doch das geistige Gebet schon lange nicht mehr unter den Mönchen. Denn Beten ohne Andacht ist gleich einem Leuchter ohne Öl. Darin liegt auch die Dummheit der Seele, die sich nur an das Äußere ohne das Innere hält. Wir, die so schwachen, armen und sündigen Nachkommen unserer betrogenen Vorfahren und Ureltern, sind dem Verstand nach erst gestern geborene Dummköpfe und Kleinkinder. Aber unsere alten Feinde nahmen zu und mit ihrem tückischen und gerissenen Verstand sind sie schon alt geworden in ihrer viele tausend Jahre alten Bosheit wider uns.
Die heiligen Tränen der Reue sind jenes Mittel, welches das himmlische Pfand und die Seele selber beschützen. Das geistige Gebet führt zum geistigen Weinen der Seele. "Wer wahrhaftig um seine Errettung kämpft, der betrachtet jeden Tag, an dem er seine Sünden nicht beweinte, als verloren, selbst wenn er an jenem Tag irgendwelche guten Taten vollbracht hat" (Rede 5,33). "Durch Weinen werden alle Leidenschaften aus der Seele vertrieben". Durch das Weinen gelangt der Mensch zur seelischen Reinheit. Wer den Sünden entgehen will, der kann ihnen durch Weinen entrinnen, und wer sich vor ihnen hüten will, der kann sich durch Weinen vor ihnen schützen. (Ignatij Brjançaninow, Band 5, S. 372). In der Babylonischen Gefangenschaft gibt es für die Seele keinen anderen Trost als das Weinen. Die Tränen sind ihrer Natur nach materiell, aber sie beinhalten ein nichtmaterielles, ein geistiges, ein für die Seele erlösendes Geheimnis. Und durch dieses Geheimnis findet (gewinnt) die Seele die geistige Existenz, findet sie sich selbst, findet sie Gott. Gott gab der Seele die Tränen, damit sie sich durch diese Tränen auf die Ewigkeit vorbereite, damit sie durch diese materiellen Tränen in die unmaterielle Welt eingehe. Die unkörperliche Seele vergießt körperliche Tränen. "Selig sind die Weinenden, denn sie sollen getröstet werden"... Die weinende Seele erquickt der Herr selber durch unbeschreibliche, wunderbare, göttliche Tröstungen. Das reuevolle Weinen stellt für die Seele eine große spirituelle, mental-körperliche Waffe dar, die ihr von dem barmherzigen Gott gegen die mental-körperlosen Räuber und Zerstörer gegeben wurde. Wenn der Teufel jemand reumütig und weinend leben sieht, dann kann er nicht bei ihm bleiben und wendet sich wegen der aus dem Weinen geborenen Demut wieder ab. "Erlange das Weinen, und es wird dich auf all deinen Wegen beschützen und dir die himmlische Tröstung herabziehen, dir das Herzensgebet geben, das dich weiter führt als das Paradies, nämlich zum Herrn des Paradieses selbst, zum Gerechten Richter, der auch die wehklagende Seele der Witwe vor ihrem Widersacher schützt".