Die Auffindung der Reliquien
des Seligen Ioann, Erzbischof von San Francisco
(vormals von Shanghai)



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1993, 6

Das Bischofskonzil der Russischen Auslandskirche, das im Mai 1993 im Kloster Lesna unweit von Paris zusammengetreten war, beschloß, den Seligen Erzbischof Ioann (Maksimovi¡c) mit den Heiligen zu verherrlichen. Demzufolge sollte nun die Öffnung des Sarkophags und die Aufdeckung der Reliquien des Bischofsheiligen vorgenommen werden. Eine genaue Beschreibung dieses Ereignisses wurde im Synodalbericht vorgelegt, auf Grundlage dessen wir folgendes mitteilen. Red.

Der erste Schritt, nämlich die Untersuchung des sich unter der Kirche befindlichen Grabmals und des Sarges, in dem die Überreste des entschlafenen Bischofs ruhten, wurde am 17/30. Sept. 1993, am Tag des Gedenkens der hll. Märtyrerinnen Vera, Nade¡zda und Ljubov und ihrer Mutter Sophia unternommen. Die Reliquien ruhten nun schon 27 Jahre verborgen in der Gruft der Kathedralkirche der Allreinen Gottesgebärerin “Freude aller Trauernden” in San Francisco, wo Vladyka Ioann die letzten Jahre seines Lebens als Erzbischof wirkte. All diese Jahre über war der Sarkophag durch eine schwere Betonplatte fest verschlossen gewesen. Am Abend, nach einer Litanei für die Ruhe des Verstorbenen und dem Gebet “zum Auftakt eines edlen Werkes” hoben eine Reihe von auserwählten Personen mit dem Segen des zuständigen Hierarchen, des Erzbischofs Antonij von San Francisco und in seiner Anwesenheit mit Brecheisen die den Sarkophag abdeckende Betonplatte von 410 Pfund Gewicht auf und nahmen sie vorsichtig ab. Der Bischofsmantel, welcher den Sarg bedeckte, “war genau noch im selben Zustand wie vor 27 Jahren, d.h. vollkommen neu, er zeigte überhaupt keine Spuren von Verfall. Bei der Inspektion des Sarges selbst wurde festgestellt, daß dieser an einigen Stellen gerostet war. Besonders um die ganze Öffnung des Sarges herum war das Eisen verrostet, sowie zwischen dem Deckel und dem Sargunterteil. Über der linken Schulter war der Sarg an einer Stelle gänzlich durchgerostet (etwa 1 Zoll breit und 3 Zoll lang). Keinerlei Geruch von Verwesung drang aus dieser Öffnung hervor. Die linke Seite um die linke Schulter herum war auch stark angerostet. Auf dem Betonsarkophag befanden sich außen an dieser Stellen dunkle Flecken”. Der Sarg, der bei der Bestattung blaugrau gewesen war, war im Laufe der Zeit vergilbt und von dunkelbraunen Flecken bedeckt. Das Loch für den Schlüssel zur Öffnung des Sargdeckels zu finden, gelang bei der ersten Inbetrachtnahme überhaupt nicht. Da man nicht wußte, in welchem Zustand der Sargboden war, beschloß man, den Sarg vorerst nicht herauszuheben, sondern für die Reliquien einen vorübergehenden Holzsarg bereitzustellen bis zur Herstellung des endgültigen Reliquiars. Nachdem die Betonplatte wieder auf ihren Platz zurückgelegt und die Mitra und andere auf ihr befindliche Gegenstände wieder aufgelegt worden waren, sprachen die Anwesenden ein Dankesgebet und gingen von dannen.
Das Sakrament der Beichte und die Teilnahme an der Göttlichen Liturgie sowie strenges Fasten bildeten die Vorbereitung der Teilnehmer an der Auffindung der Reliquien des Bischofsheiligen Ioann am Abend von Montag, dem 29.Sept./11.Nov.1993. Nach der Ve¡cernja und einem Moleben am Nebenaltar des hl. und gerechten Ioann von Kronstadt, des Wundertäters von ganz Rußland (an dessen Verherrlichung 1964 Vladyka Ioann teilhatte), begann gegen acht Uhr abends die Lesung des Johannesevangeliums. Außer dem zuständigen Hierarchen, Erzbischof Antonij, waren noch anwesend der Erzbischof von Syracuse und vom Dreifaltigkeits-Kloster Lavr, der Bischof von Seattle Kyrill, einige Erzpriester, Priester, Diakone, ein Lektor und ein Laie. Insgesamt waren 15 Personen versammelt. Es wurde eine Panichida zelebriert. Danach bat Erzbischof Antonij alle Anwesenden um Verzeihung, indem er sich zu Boden neigte, und sie erwiderten ihm auf dieselbe Weise. Es wurde ein neuer Sarg aus Kiefernholz geweiht. Beim Gesang des Tropars “Erbarme dich unser, Herr, erbarme dich..” wurde die Betonplatte mit vereinten Kräften abgehoben. Der Metallsarg wurde an vier Stellen umwickelt, damit der Boden nicht durchbrechen konnte, falls er durchgerostet sein sollte. Dann wurde der Sarg gehoben. “Bei der Untersuchung des Sarges wurde sichtbar, daß dieser stark vermodert war, und an vielen Stellen der äußeren Umhüllung waren durchgebrochene Stellen. Das Schloß war so verrostet, daß der Schlüssel zerbrach. Der Sargdeckel mußte mit Brecheisen, Zangen und Schraubenziehern entfernt werden. Der Sarg brach vor den Augen aller auseinander und zerfiel in Stücke... Zehn Minuten später wurde der Deckel entfernt und “die heiligen Reliquien von Vladyka Ioann wurden sichtbar. Es herrschte eine ehrfürchtige Stille... Das österliche Brokatornat hatte von der Feuchtigkeit eine grünliche Farbe angenommen, auf dem Haupt Vladykas war die Mitra, in der rechten Hand der Stab. Die Reliquien waren mit ziemlich viel Erde bestreut worden”. Bei der Bestattung hatte Vladyka Savva nämlich aus einem Gefäß Erde ausgeschüttet, während Vladyka Leontij von Chile Salböl aufgoß. Es waren die trockenen, unverwesten Hände von Vladyka Ioann sichtbar, die Haut und die Nägel. Die Gebetsschnur auf der linken Hand waren zerfallen. Das Kreuz, die Panagia und das Absolutionsgebet waren erhalten, ebenso wie das kleine Evangelium, von dem nur der Einband vermodert war. Man weiß, daß bei der Bestattung der Stoff in dem Sarg von blauer Farbe war. Jetzt aber war der Stoff von dem Schimmel und der Feuchtigkeit grün geworden. Nach dem vorsichtigen Hochheben des Schleiers, der über dem Gesicht des Entschlafenen lag, “erblickten alle mit Rührung das unverweste Anlitz des verehrten Vladyka. Die Farbe der Haut war hell, fast weiß. Die Haare von Kopf und Bart, die Augenbrauen, die ergraut waren, waren erhalten und nicht vom Kopf abgefallen... sogar die Wimpern waren noch da. Die Nase jedoch war teilweise verwest. Der Mund von Vladyka war halbgeöffnet, so daß die Zähne sichtbar waren ...”. Nach Entfernung des Unterteiles des Sarges sahen alle Anwesenden, daß der untere Teil des Ornats auch vollständig erhalten war. An den Füßen von Vladyka waren Ledersandalen, und man sah, daß ein Teil der Ferse des linken Fußes bis zu den Knochen verwest war. Die Beine selber, soweit sichtbar, waren von dunkler Hautfarbe und die Muskeln waren erhalten. Unter dem Gesang der Verse des Großen Kanons, der beim Begräbnis von Klerikern gesungen wird, wurden die Reliquien zur Umbettung in den neuen Sarg bereitet, und bei den Irmosworten “Auf dem unverrückbaren Felsen Deiner Gebote, o Christus...” wurden die heiligen Reliquien auf die Hände hochgehoben und umgebettet. “Wie alle mit eigenen Augen sahen und wahrnahmen, waren die heiligen Reliquien ganz und nicht zerfallen. Die Bänder zwischen den Knochen waren erhalten. Das Gewicht der Reliquien war gering”. Nachdem der Sarg aus der Krypta in den angrenzenden Raum getragen worden war, verschwand der Geruch von Feuchtigkeit und Rost augenblicklich.
Die unverwesten Hände von Vladyka durfte der kranke Knabe Vsevolod, der Sohn des Priesters Jaroslav Velikov, küssen. Dieser Knabe hat ein Nierenleiden.
Nach Reinigung des Betonsarkophags wurde der neue Sarg mit den heiligen Reliquien darin aufgestellt, und der Sarkophag wieder mit der Betonplatte verschlossen. Er wurde mit dem Siegel der Eparchie versiegelt und wieder mit der Mantija bedeckt. Dann wurden die Mitra, die Ikonen, der Dikirion und Trikirion (Zwei- und Dreikerzen-Leuchter) auch wieder an ihren Platz gelegt. Es wurde eine Litanei für die Ruhe des Entschlafenen zelebriert, nach der alle Anwesenden mit dem Öl aus der nicht verlöschenden Lampada gesalbt wurden. “Dem Beispiel des Serbischen Patriarchen Pavel folgend, welcher die Krypta im vergangenen Jahr besucht hatte, wurde von der gesamten Geistlichkeit dem Bischofsheiligen ein Tropar gesungen: “Lehrmeister der Orthdoxie...”. “Wunderbar ist Gott in Seinen Heiligen! Heiliger Bischof, Vater Ioann, bitte Gott für uns!” – beschloß der Leser Vladimir Krasovskij seinen Bericht. Er war jetzt unter den Anwesenden, ebenso wie er damals Zeuge des Begräbnisses von Vladyka Ioann gewesen war.