Hl. Mitrophan, Patriarch von Konstantinopel

Hl. Johannes Maximovic

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1992, 2


Es besteht die Meinung, daß Vladyka ein Narr Christi war. Ich lehne dies kategorisch ab. Vladyka war nicht von dieser Welt, aber das ist nicht dasselbe wie das Narrentum in Christo.
Als Vladyka einmal nach der Liturgie aus dem Altar kam, belästigte ihn ein Mann mit einer geschäftlichen Frage, und Vladyka antwortete ganz verwirrt irgend etwas. Als dieser Mann wegging, wandte sich Vladyka zu mir und sagte, daß es ihm direkt nach der Liturgie sehr schwer falle, sich auf irgend etwas anderes zu konzentrieren. Tatsächlich, wer Vladyka beim Gottesdienst gesehen hat, der weiß, daß er ganz darin aufging.
Im Buch der Nonne Taisia “Russisch-Orthodoxes Nonnentum im 18. bis 20. Jahrhundert” (Ausgabe Heiliges Dreifaltigkeitskloster 1985) lesen wir auf Seite 11: “Ungewöhnlich waren weiterhin die Närrinnen in Christo von Divejevo. Diese Art von Asketentum ist äußerst selten und schwer. Sie besteht darin, daß die Asketinnen, die im vollen Besitz ihrer geistigen und psychischen Fähigkeiten sind und bereits einen hohen Grad geistlicher Vollkommenheit erlangt haben (so daß die jenseitige Welt ihnen offen ist und sie in Gemeinschaft mit Engeln sind und im Wachzustand einen ständigen Kampf mit den Dämonen führen), um ihre erhabenen Gaben der Hellsichtigkeit, Wundertätigkeit, Liebe zu Gott und zum Nächsten zu verbergen - falls dies der Wille Gottes ist, was jedoch überaus selten ist -, den Anschein von Verrücktsein auf sich nehmen. Sie reden stets in Parabeln und in Sinnbildern. Sie geben sich auch deshalb als Irrsinnige und ziehen Gelächter, Beschimpfung und Beleidigungen auf sich, um in der Demut fortzuschreiten und so noch stärker gegen den Teufel gewappnet zu sein.”
Gemäß diesen Zeilen konnte Vladyka gar kein Narr in Christo sein, denn er war ein Hierarch Gottes und hätte niemals zugelassen, diesen erhabenen Stand allgemeinem Gelächter auszusetzen.
Im Gegenteil achtete Vladyka sehr sorgsam auf seine Amtswürde. Wenn er offiziell jemanden empfing oder irgendwohin fuhr, trug er immer die Panagia und den Klobuk. Auf der Straße ging er stets mit seinem Hirtenstab.
Ich erinnere mich, wie wir am ersten Weihnachtstag Kranke im städtischen Krankenhaus besuchten. Vladyka war müde, und an diesem Tag taten ihm die Beine besonders weh. Wir gingen einen langen Korridor entlang. Vladyka hielt plöztlich an, zog seine Sandalen aus, nahm sie in die rechte Hand und ging dann weiter. Die ihm entgegenkommenden Leute lächelten, als sie ihn so sahen. Ich machte ihn aufmerksam: “Vladyka, man lacht über Sie”. Sofort zog er seine Sandalen wieder an.
Obwohl Vladyka etwas plump in seinen Bewegungen war, bemühte er sich, immer akkurat und ordentlich zu sein. Er verlangte stets, daß die gottesdienstlichen Bücher im Chor ordentlich an ihrem Platz liegen, und daß die Buchzeichen-Bändchen fein säuberlich ins Buch gelegt werden.
Er legte seine Gewänder stets peinlich genau zusammen, und forderte dies auch von anderen. Wenn die Altardiener kamen, um seinen Segen zum Anlegen des Sticharion (Chorhemd) zu holen, und dieses nicht ordentlich zusammengelegt war, dann verweigerte Vladyka seinen Segen. In der Osterzeit trug Vladyka gerne einen weißen Rason (Priesterrock) und farbige Soutane mit gestickten Gürteln.
In San Francisco gab es damals, soweit ich mich erinnere, 17 Krankenhäuser. Vladyka erließ einen Ukas, demzufolge alle Krankenhäuser unter die städtischen Priester aufzuteilen waren. Es wurde ihnen auferlegt, ihr Krankenhaus einmal wöchentlich zu besuchen und einmal monatlich eine Liste der Krankenbesuche in der Diözesankanzlei vorzulegen. Vladyka selber besuchte im Verlaufe eines Monats alle Krankenhäuser, und dort, wo am häufigsten Russen lagen, ging er mehrmals im Monat hin. Einmal ging ich mit Vladyka durch die leeren Korridore eines Krankenhauses, und Vladyka stellte fest, daß in Frankreich die Krankenhäuser an Sonn- und Feiertagen, im Unterschied zu Amerika, voller Besucher seien. Vladyka rief oftmals zu Weihnachten und zu Ostern bei seinen Predigten dazu auf, die Kranken an diesen großen Tagen nicht zu vergessen. Zu diesen Festen bereitete die Schwesternschaft Geschenkpäckchen vor, und Vladyka ließ jedem, den er besuchte, solch ein Päckchen da.
Vladyka pflegte auch stets diejenigen, die ihn mit den Worten “Frohes Fest” begrüßten, zu berichtigen und sagte: “Nicht ‘Frohes Fest’, sondern ‘Frohe Weihnachten’ heißt das!”
Nachdem Vladyka nach San Francisco gekommen war, richtete er dort theologische Kurse ein, an denen außer ihm noch einige Priester unterrichteten. Vladyka selbst überwachte den Unterricht und erlaubte das Ausfallen von Stunden nur dann, wenn auf denselben Abend eine Vigil fiel.
Dasselbe galt für das Gymnasium. Ebenso streng wie Vladyka in bezug auf die Einhaltung der Gottesdienste war, war er auch hinsichtlich der geistlichen Ausbildung. Er ließ die am Seminar lehrenden Priester, die zugleich im Chor sangen oder zelebrierten, auch dann zu den Unterrichtsstunden gehen, wenn der Gottesdienst noch nicht beendet war.
Vladyka bemühte sich, täglich das kirchliche Gymnasium zu besuchen. Er hielt es für seine Pflicht, bei allen Prüfungen in Fach Religion nicht nur im Gymnasium, sondern auch in anderen Schulen anwesend zu sein. Er war gut bewandert in den Menäen und in den Heiligenviten und pflegte bei den Examina stets zu fragen, zu Ehren welches Heiligen der betreffende Schüler seinen Namen trägt, wann er seinen Namenstag feiert und was er über den Heiligen weiß. Es kamen Schülerinnen vor mit Namen wie beispielsweise Kapitolina, aber Vladyka kannte die Vita und den Gedenktag sogar von Heiligen mit solch ausgefallenen Namen.
Vladyka wußte genau, daß die Kinder auf ihn schauten, und bekreuzigte sich daher stets aufmerksam und korrekt, indem er die Hand zu jeder Schulter führte.
Er verstand die Jugend, liebte mit ihr zu scherzen und interessierte sich stets dafür, was sie trieb. Einige Male veranstaltete er sogar auf seine Kosten im Tichon-Heim einen Gesellschaftsabend, damit die russische Jugend die Möglichkeit hatte, sich gegenseitig kennenzulernen.
Ich erinnere mich, wie Vladyka uns Altardiener einmal nach dem Gottesdienst fragte, was wir nun vorhätten. Wir antworteten, daß wir ins Kino gehen wollten, um einen Film anzusehen. Vladyka wollte wissen, welchen. Als er hörte, daß es sich um einen ernsthaften, wohl um einen historischen Film handelte, gab er jedem von uns Geld für die Eintrittskarten.
Vladyka wußte genau, daß sich die Jugend irgendwie vergnügen muß, aber er war kategorisch gegen europäischen Fußball. In Gesprächen mit jungen Leuten unterstrich Vladyka besonders häufig, wie wichtig es ist, wahrhaftig zu sein und stets die Wahrheit zu sagen, wobei er hinzufügte: Wer die Unwahrheit sagt, der wird auch noch stehlen.
Ich erinnere mich, wie Vladyka einmal einen Geistlichen zu sich beorderte. Der teilte ihm telefonisch mit, daß er krank sei und nicht kommen könne. Eine Stunde später stellte sich heraus, daß es ihm ausgezeichnet ging, daß man ihn hat spazierengehen sehen. Vladyka wiederholte daraufhin noch lange: “Ich dachte niemals, daß ein Geistlicher eine Unwahrheit sagen könnte”.
Vladyka war ein Hierarch, der am Leben und an den Belangen der ganzen Ökumenischen Kirche teilnahm. Ich erinnere mich, wie wir am 5. Juli 1963 die 9. Stunde lasen. Ich hatte eben den Tropar an den ehrwürdigen Athanasios vom Athos gelesen, als Vladyka mich unterbrach und sagte: “Heute ist ein großes Fest auf dem Athos”. Auf meine Frage, was denn dort los sei, antworte Vladyka, daß heute das 1000-jährige Jubiläum des Athos dort gefeiert würde. Das war keine müßige Bemerkung. Es war offenbar, daß Vladyka mit Seele und Geist auf dem Athos zugegen war.
Vladyka verfolgte immer aufmerksam, was in anderen Ortskirchen vor sich ging und respektierte fremde Traditionen, wenn er sich auch selbst in allem an den russischen Brauch hielt.
Am Karfreitag, nach der Zeremonie des Epitaphios (Heraustragen des Grablegungstuches), suchte Vladya alle orthodoxen Kirchen San Franciscos auf, seien es nun griechische, syrische oder andere, und verehrte das heilige Epitaphios.
In den ersten Monaten seiner Anwesenheit in San Francisco war Vladyka nur Administrator dieser Diözese, offiziell trug er noch den Titel Erzbischof von West-Europa. Solange Vladyka noch nicht offiziell zum Erzbischof von West-Amerika ernannt worden war, hielt er seine Uhr auf europäische Zeit gestellt. Leute, die Vladyka nicht verstanden, lächelten darüber. Aber bei Vladyka hatte alles seinen Grund. Obwohl er in San Francisco lebte, verfolgte er das Leben seiner Herde in West Europa genau. Ich erinnere mich, wie wir am Karsamstag 1963 nach Beendigung der Liturgie Vladyka im Altar die Gewänder abnahmen. Es war drei Uhr nachmittags nach San Francisco Zeit. Vladyka blickte auf seine Uhr, bekreuzigte sich und sagte: “In Paris hat gerade die Ostermatutin begonnen”.
Vladyka wiederholte oft lächelnd, daß die Sonne sich nicht den Gesetzen Amerikas richte, daher stelle er seine Uhr zur Sommerzeit nicht vor. Sein Tag lief so ab, daß wir die 9. Stunde im Sommer um 4 Uhr nachmittags lasen, und er um halb eins nachts zu Abend aß.
Vladyka war kategorisch dagegen, einen Weihnachtsbaum zum nicht-orthodoxen Weihnachtsfest aufzustellen. Er sagte oft in seinen Predigten, daß der Weihnachtsbaum an und für sich keine geistliche Bedeutung habe, aber da er nun einmal mit dem Weihnachtsfest verbunden sei, dürfe man ihn auch nicht vorher schmücken.
Als ich bereits in New York lebte und im Synod arbeitete, stieß ich auf Dokumente, die mit der “San Franciscoer Affaire” im Zusammenhang standen, und in denen Leute, die selber Vladyka nicht wohlwollend gesinnt waren, bezeugten, daß er sich sehr ruhig und objektiv über seine Gegner äußerte.
Ganz deutlich ist mir noch ein Erinnerung, wie ich zweimal mit Vladyka auf einem Ball in San Francisco war. Das erste Mal war es nach der Vigil, auf der die Verherrlichung des hl. rechtschaffenen Johannes von Kronstadt erfolgte. Zum Gottesdienst in der Kathedrale waren zwar Gläubige gekommen, aber nicht so viele, wie man an einem solchen Tag hätte erwarten können. Nach der Vigil pflegte Vladyka sonst, irgendeinem Krankenhaus einen Besuch abzustatten. An jenem Abend antwortete er jedoch, als er sich ins Auto gesetzt hatte, auf die Frage des Chauffeurs “wohin?”: “In das Russische Kulturzentrum, zum Ball”.
Als wir dort eintrafen, stiegen wir zum Hauptsaal hinauf, und Vladyka machte schweigend einen Rundgang durch den Saal. Wir sahen, wie ältere Leute, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sich buchstäblich unter den Tischen verkrochen. Eine Frau rief voller Freude und Entzücken, als sie Vladyka sah: “Vladyka ist gekommen, Vladyka ist gekommen! Man muß ihm schnell Tee anbieten!” Vladyka blickte drohend auf alle, doch fiel mir auf, daß er gegen keinen einzigen persönlichen Zorn hegte. Ohne ein Wort zu äußern, fuhren wir wieder ab.
Als wir das zweite Mal “auf dem Ball waren”, verlangte Vladyka das Mikrophon und wandte sich an die Anwesenden. Ich weiß, wie mißmutig Vladyka über alles war, aber seine Rede war gelassen. Am *
Vladyka Ioann – Fortsetzung von S. 22
folgenden Tag wurde dem Klerus angeordnet, daß alle, die am Vorabend auf dem Ball waren, an jenem Tag nicht am Gottesdienst teilnehmen durften, handle es sich nun um Altardiener oder um Sänger.z
Fortsetzung folgt
Was die Einstellung Vladykas zur kirchlichen Disziplin anbelangt, so kommt mir folgende Geschichte in den Sinn. Der Erzbischof irgendeiner Eparchie war gestorben. Ein Dorfpriester nahm an seinem Totenamt teil. Als er wieder in seine Gemeinde zurückgekommen war, kommemorierte er weiterhin den verstorbenen Hierarchen an den vorgeschriebenen Stellen und in der gewohnten Weise, als ob er noch lebe. Auf die Frage der Gläubigen, warum er so handle, antwortete der Priester, daß er noch keinen Ukas aus dem Konsistorium bekommen hätte. Zu dieser Geschichte meinte Vladyka, daß dies natürlich ein Extrem sei, aber dennoch stimme er prinzipiell solch einer strengen Pflichtauffassung zu.
Was das hohe asketisch-spirituelle Niveau Vladykas anbetrifft, will ich folgendes Beispiel anführen. Einmal fuhr Bischof Nektarij Vladyka irgendwohin. Wir waren nur zu dritt im Auto. Da hörten wir eine Autosirene, und Bischof Nektarij stoppte sofort das Auto, wie es sich gehörte. Es sausten wohl Feuerwehrautos vorbei oder Erstehilfewagen, und Bischof Nektarij erwährnte, wie er einst, als er Vladyka Tichon irgendwohin fuhr, auch anhalten mußte, um die Feuerwehr vorbeizulassen. Vladyka Tichon wandte sich zu ihm (damals noch Vater Nektarij) und fragte ihn, woran ihn all dies erinnere. Vater Nektarij antwortete, daß er sich an den Alarm und an die Bombenangriffe in Deutschland erinnert fühle... Darauf meinte Vladyka Tichon, daß dies nicht genau treffe, und nur die bösen Geister so kreischen würden.
Jetzt sagte Bischof Nektarij selbst zu uns: “Ich weiß nicht, wie die bösen Geister brüllen, ich habe sie noch nie zu hören bekommen”. Vladyka Ioann, der schweigend der Erzählung Bischof Nektarijs zugehört hatte, bemerkte leise: “Gott verhüte, hören zu müssen, wie die Dämonen brüllen”. Später waren sich Bischof Nektarij und ich einig, daß diese Worte Vladykas bei uns beiden den Eindruck hervorgerriefen, daß er die Dämonen hörte.
Im persönlichen Leben war Vladyka sehr bescheiden und einfach, aber in der Kirche trat er als Kirchenfürst auf. Bei allen Gottesdiensten, außer bei der Liturgie, stand er stets auf der Soleas (Erhöhung vor der Ikonostasis), so daß er von allen gesehen werden konnte. Er achtete stets darauf, daß die täglichen Apostel- und Evangeliumslesungen ordnungsgemäß und ohne Auslassungen vorgetragen wurden. Er lehrte uns, daß die täglichen Lesungen nur an den 12 Hochfesten, der Geburt Johannes des Täufers, am Peter-und-Paul-Fest und am Patrozinium der Kirche verlegt werden dürfen.
Vladyka forderte stets, daß das Glaubensbekenntnis und das Gebet des Herrn von der ganzen Kirche gesungen werden. Dazu begaben sich alle Diakone und Altardiener in die Mitte der Kirche, und der älteste Diakon führte, zum Altar gewandt, den Gesang an.
Vladyka gestattete Frauen nicht, mit geschminkten Lippen die Ikonen und das Kreuz zu küssen.
Das Antidoron verteilte er immer selbst, und zwar nur denen, die nüchtern waren, wobei er darauf achtete, daß es in die rechte Hand genommen wurde.
Vladyka rügte es, wenn jemand die von den Gläubigen aufgestellten Kerzen auf einen anderen Kerzenständer steckte, denn er sagte, sie seien Gott dargebracht worden, und sie müßten dort brennen, wo sie aufgestellt worden seien. Einmal brachte man in einer Kirche beim Polyeleos dem Diakon seine Kerze nicht rechtzeitig heraus. Dieser nahm eine Kerze vom Kerzenständer. Vladyka hielt mit der Weihräucherung inne, verlangte, daß die Kerze an ihren Ort zurückgestellt würde und wartete, bis die Diakonskerze herausgebracht wurde. Die Kerzen durften erst dann vom Kerzenständer entfernt werden, wenn sie ganz abgebrannt waren.
Vladyka achtete immer streng darauf, daß das Antimension, die gottesdienstlichen Gefäße, der Altartisch und der Opfertisch in der gebührenden Reinheit gehalten wurden. Ich erinnere mich, wiie Vladyka an einem Werktag in einer Gemeinde zelebrierte. Als er das Antimension öffnete, schüttelte er mißbilligend den Kopf und begann mit dem Spongos (so heißt der Altarschwamm) die Teilchen zu einzusammeln. Der Vorsteher der Kirche fragte aufgeregt die im Altar Stehenden: “Was findet er denn dort? Ich habe doch gestern extra alles gereinigt.” Vladyka, dem später von dieser Bemerkung erzählt wurde, fragte: “Ich möchte wissen, was er mit diesen Teilchen getan hat, er hat doch gestern nicht zelebriert?”.
In der Osterwoche, am lichten Samstag, wurden die Königlichen Türen nach der Liturgie nicht geschlossen. Vor der Vigil wurde die 9. Stunde nach der österlichen Weise gesungen. Die königlichen Türen wurden erst beim “Herr, ich rief zu Dir” bei den Worten “mit geschlossenen Türen...” zugemacht.
Die Vigil und Matutin bei der “Abgabe des Osterfestes” wurden nach der Regel der Osterwoche vollzogen. Die Stunden, einschließlich der 9. Stunde, wurden vor der Vigil gesungen. Damit endete die “Abgabe des Osterfestes”. Bei der Liturgie zu Himmelfahrt sprach Vladyka selbst “Jetzt und immerdar, und in die Ewigkeit der Ewigkeiten”, während die mit ihm zelebrierenden Priester das Epitaphion vom Altartisch nahmen und es auf den Hochaltar legten. Bei den Worten “Laßt uns geh’n in Frieden” segnete Vladyka die Betenden.
Während der Vigil zum Fest der Einführung der Gottesgebärerin in den Tempel beauftragte mich Vladyka vor dem Polyeleos, alle 3-4-jährigen Mädchen mit Kerzen in der Hand vor dem Altarerhebung aufzustellen. Zu Beginn des Polyeleos trug Vladyka die Festikone aus dem Altar, und die Mädchen begleiteten ihn bis zum Analogion (Ikonenständer) und standen Spalier bis zur Verehrung der Ikone durch die Gläubigen. Leider bürgerte sich dieser Brauch nicht ein.
Bei der Liturgie während des Glaubensbekenntnisses, wo die Geistlichen “Christus ist unter uns” zueinander sagen, lehrte Vladyka, daß der Jüngere den Rangälteren zuerst grüßen muß, und daß der Rangältere “Jetzt und immerdar” antworten muß. In der Osterzeit grüßt der Jüngere mit den Worten “Christus ist auferstanden”, worauf der Rangältere “Er ist wahrhaftig auferstanden” antwortet. Während des eucharistischen Kanons, bei der Segnung der hl. Gaben, mußten alle Konzelebranten zum Altartisch kommen.
Erwähnenswert ist auch: Wer in die Zelle zu Vladyka gehen wollte, mußte das vorgeschriebene Gebet sprechen, worauf Vladyka “Amen” antwortete. In der Osterzeit mußte man sagen “Christus ist erstanden von den Toten, den Tod durch den Tod besiegend...”, worauf Vladyka aus der Zelle antwortete “... und denen im Grab das Leben schenkend”, und erst dann durfte man eintreten.
Im Altar duldete Vladyka keinerlei Gespräche und ahndete sie streng. Die Hypodiakone mußten beständig neben ihm sein. Der mit dem Halten der Bücher beauftragte Altardiener mußte dem Gottesdienst genau folgen und selbst die Seiten umblättern. Wenn ein Altardiener in irgend etwas fehlte, dann wies Vladyka ihn gleich nach dem Gottesdienst zurecht und indem er ihm liebevoll und zärtlich mit seinem Bischofsstab auf die Stirn klopfte, sagte er: “Der bischöfliche Hirtenstab selbst zieht den dummen Kopf zu sich.”
Was den Hirtenstab anbelangt, so erlaubte Vladyka niemals, daß er in den Altar gebracht wurde und erklärte uns Altardienern, daß im Altar Engel zugegen seien, und der Bischof diese nicht weiden könne.
Vladyka war streng mit uns, aber auch fürsorglich. Er setzte sich niemals an den Festtisch, wenn für die Altardiener kein Tisch vorgesehen war. Zum Namenstag von Vladyka im Jahre 1963 zelebrierten einmal sechs Hierarchen. Die Schwesternschaft hatte sich bemüht, eine üppige bischöfliche Festtafel herzurichten. Nach dem Gebet machte Vladyka darauf aufmerksam, daß für die Altardiener kein Platz gedeckt war. Er rief mich, gab mir die Schlüssel der bischöflichen Gemächer in die Hand, und die größten Leckerbissen von der Festtafel bekamen wir. Nach diesem Vorfall wurden stets bei allen Festessen in allen Gemeinde auch Plätze für die Altardiener gedeckt.
Vladyka erlaubte den Altardienern nicht, während des Gottesdienstes Krawatten zu tragen. Er sagte, wenn ein Priester im äußerten Fall auch einen Faden statt des Epitrachelion verwenden könne, dann dürfe ein Altardiener beim Gottesdienst keinen Schlips um den Hals tragen.
Mir fiel mehr als einmal auf, daß gewisse Priester eine ungewöhnliche Verhaltensweise an den Tag legen, die sie damit begründen, daß angeblich Vladyka Ioann so gehandelt hätte. Eifer ist gewiß etwas Lobenswertes, aber warum muß man seine eigenen Launen und Einfälle durch Berufung auf Vladyka rechtfertigen?
Man konnte auch zuweilen lesen, daß Vladyka, wenn er in ein Flugzeug stieg, den Piloten segnete und ähnliches. Ich begleitete fast immer Vladyka, wenn er von San Francisco irgendwohin flog, und ich flog selbst mit ihm, aber so etwas kam nie vor. Vladyka setzte sich einfach für sich auf seinen Platz, betete selbstverständlich, aber äußerlich zog er durch nichts die Aufmerksamkeit auf sich.
Besonders viel bekommt man von verschiedenen Seiten über angebliche Prophezeiungen Vladykas über das Ende der Welt zu hören. Insbesondere wird erzählt, daß er 1962 in die Kirche trat, stolperte, hinfiel und beim Aufstehen sagte: “Der Antichrist ist geboren”. Und viel dergleichen. Ich war selbstverständlich nicht alle 24 Stunden lang bei Vladyka und kann nicht kategorisch ablehnen, daß so etwas nicht stattgefunden hat, aber erstens sieht dies meiner Erfahrung nach Vladyka nicht ähnlich, zweitens kam er erst Ende 1962 nach San Francisco, drittens wurde er nicht einmal in meiner Gegenwart über den Antichrist gefragt, und er behauptete auch niemals, daß dieser schon geboren sei.
Über Rußland sagte Vladyka viel, aber das ist ein besonderes Kapitel. Hier will ich nur erwähnen, daß er hinsichtlich der Wiedergeburt Rußlands meinte: “Wenn das russische Volk Reue tut, dann vermag Gott es zu retten.”
Ich bekam früher einmal zu hören, daß Vladyka Ioann angeblich ein Schisma in der Auslandskirche anzetteln wollte, und nach einer Version selber Ersthierarch werden wollte, nach einer anderen sich dem Serbischen Patriarchen unterstellen wollte. Ich hätte dies hier gar nicht erwähnt, wenn ich es nicht vor einigen Monaten erneut zu hören bekommen hätte. Es handelt sich hier deutlich um eine Verleumdung.
Am 16. Juni 1966 zelebrierte Vladyka die Liturgie in seinem “Heim”, worauf er sich in Begleitung von Bischof Nektarij mit der wundertätigen Kursker von-der-Wurzel Ikone nach Seattle begab. Ich assistierte ihm bei der Liturgie, und hätte mit ihm fahren müssen, aber in der letzten Minute entschloß ich mich dazubleiben. Meine Mutter wollte mich zum Mitfahren überreden, aber ich war bockig. Drei Tage später verschied Vladyka in Seattle. Meine Mutter sagte zu mir: “Das ganze Leben wirst du an deine Mama denken”. Und wie sie recht hatte! Ich war eben nicht würdig!
Am Tag vor seiner Abreise telefonierte Vladyka in meiner Anwesenheit mit der Redaktion der Zeitung “Russisches Leben” und gab telefonisch eine Anzeige auf, daß am Vorabend des Festes der Geburt Johannes des Täufers und am Festtag selbst ein feierlicher bischöflicher Festtagsgottesdienst stattfinden würde, wobei er die Worte feierlich und festtäglich besonders betonte.
Vladyka entschlief am 19 Juni. Diese Anzeige wurde nie gedruckt, aber diejenigen, die am 24. Juni, dem Feiertag Johannes des Täufers, zu seinem Totengottesdienst in San Francisco waren, können selbst bezeugen, daß der Gottesdienst tatsächlich feierlich und festtäglich war. Es war dies kein Tag der Trauer, sondern ein Tag des Triumphes Vladykas.
Ich bitte den Herrn, auf die Gebete Vladykas, um die Kraft, auch nur ein wenig von dem, was er uns gelehrt hat, auszuführen.


Fortsetzung aus Bote 1992, 3

Was die Einstellung Vladykas zur kirchlichen Disziplin anbelangt, so kommt mir folgende Geschichte in den Sinn. Der Erzbischof irgendeiner Eparchie war gestorben. Ein Dorfpriester nahm an seinem Totenamt teil. Als er wieder in seine Gemeinde zurückgekommen war, kommemorierte er weiterhin den verstorbenen Hierarchen an den vorgeschriebenen Stellen und in der gewohnten Weise, als ob er noch lebe. Auf die Frage der Gläubigen, warum er so handle, antwortete der Priester, daß er noch keinen Ukas aus dem Konsistorium bekommen hätte. Zu dieser Geschichte meinte Vladyka, daß dies natürlich ein Extrem sei, aber dennoch stimme er prinzipiell solch einer strengen Pflichtauffassung zu.
Was das hohe asketisch-spirituelle Niveau Vladykas anbetrifft, will ich folgendes Beispiel anführen. Einmal fuhr Bischof Nektarij Vladyka irgendwohin. Wir waren nur zu dritt im Auto. Da hörten wir eine Autosirene, und Bischof Nektarij stoppte sofort das Auto, wie es sich gehörte. Es sausten wohl Feuerwehrautos vorbei oder Erstehilfewagen, und Bischof Nektarij erwähnte, wie er einst, als er Vladyka Tichon irgendwohin fuhr, auch anhalten mußte, um die Feuerwehr vorbeizulassen. Vladyka Tichon wandte sich zu ihm (damals noch Vater Nektarij) und fragte ihn, woran ihn all dies erinnere. Vater Nektarij antwortete, daß er sich an den Alarm und an die Bombenangriffe in Deutschland erinnert fühle... Darauf meinte Vladyka Tichon, daß dies nicht genau treffe, und nur die bösen Geister so kreischen würden.
Jetzt sagte Bischof Nektarij selbst zu uns: “Ich weiß nicht, wie die bösen Geister brüllen, ich habe sie noch nie zu hören bekommen”. Vladyka Ioann, der schweigend der Erzählung Bischof Nektarijs zugehört hatte, bemerkte leise: “Gott verhüte, hören zu müssen, wie die Dämonen brüllen”. Später waren sich Bischof Nektarij und ich einig, daß diese Worte Vladykas bei uns beiden den Eindruck hervorriefen, daß er die Dämonen hörte.
Im persönlichen Leben war Vladyka sehr bescheiden und einfach, aber in der Kirche trat er als Kirchenfürst auf. Bei allen Gottesdiensten, außer bei der Liturgie, stand er stets auf der Soleas (Erhöhung vor der Ikonostasis), so daß er von allen gesehen werden konnte. Er achtete stets darauf, daß die täglichen Apostel- und Evangeliumslesungen ordnungsgemäß und ohne Auslassungen vorgetragen wurden. Er lehrte uns, daß die täglichen Lesungen nur an den 12 Hochfesten, der Geburt Johannes des Täufers, am Peter-und-Paul-Fest und am Patrozinium der Kirche verlegt werden dürfen.
Vladyka forderte stets, daß das Glaubensbekenntnis und das Gebet des Herrn von der ganzen Kirche gesungen werden. Dazu begaben sich alle Diakone und Altardiener in die Mitte der Kirche, und der älteste Diakon führte, zum Altar gewandt, den Gesang an.
Vladyka gestattete Frauen nicht, mit geschminkten Lippen die Ikonen und das Kreuz zu küssen.
Das Antidoron verteilte er immer selbst, und zwar nur denen, die nüchtern waren, wobei er darauf achtete, daß es in die rechte Hand genommen wurde.
Vladyka rügte es, wenn jemand die von den Gläubigen aufgestellten Kerzen auf einen anderen Kerzenständer steckte, denn er sagte, sie seien Gott dargebracht worden, und sie müßten dort brennen, wo sie aufgestellt worden seien. Einmal brachte man in einer Kirche beim Polyeleos dem Diakon seine Kerze nicht rechtzeitig heraus. Dieser nahm eine Kerze vom Kerzenständer. Vladyka hielt mit der Weihräucherung inne, verlangte, daß die Kerze an ihren Ort zurückgestellt würde und wartete, bis die Diakonskerze herausgebracht wurde. Die Kerzen durften erst dann vom Kerzenständer entfernt werden, wenn sie ganz abgebrannt waren.
Vladyka achtete immer streng darauf, daß das Antimension, die gottesdienstlichen Gefäße, der Altartisch und der Opfertisch in der gebührenden Reinheit gehalten wurden. Ich erinnere mich, wie Vladyka an einem Werktag in einer Gemeinde zelebrierte. Als er das Antimension öffnete, schüttelte er mißbilligend den Kopf und begann mit dem Spongos (so heißt der Altarschwamm) die Teilchen einzusammeln. Der Vorsteher der Kirche fragte aufgeregt die im Altar Stehenden: “Was findet er denn dort? Ich habe doch gestern extra alles gereinigt.” Vladyka, dem später von dieser Bemerkung erzählt wurde, fragte: “Ich möchte wissen, was er mit diesen Teilchen getan hat, er hat doch gestern nicht zelebriert?”.
In der Osterwoche, am lichten Samstag, wurden die Königlichen Türen nach der Liturgie nicht geschlossen. Vor der Vigil wurde die 9. Stunde nach der österlichen Weise gesungen. Die königlichen Türen wurden erst beim “Herr, ich rief zu Dir” bei den Worten “mit geschlossenen Türen...” zugemacht.
Die Vigil und Matutin bei der “Abgabe des Osterfestes” wurden nach der Regel der Osterwoche vollzogen. Die Stunden, einschließlich der 9. Stunde, wurden vor der Vigil gesungen. Damit endete die “Abgabe des Osterfestes”. Bei der Liturgie zu Himmelfahrt sprach Vladyka selbst “Jetzt und immerdar, und in die Ewigkeit der Ewigkeiten”, während die mit ihm zelebrierenden Priester das Epitaphion vom Altartisch nahmen und es auf den Hochaltar legten. Bei den Worten “Laßt uns geh’n in Frieden” segnete Vladyka die Betenden.
Während der Vigil zum Fest der Einführung der Gottesgebärerin in den Tempel beauftragte mich Vladyka vor dem Polyeleos, alle 3-4-jährigen Mädchen mit Kerzen in der Hand vor der Altarerhebung aufzustellen. Zu Beginn des Polyeleos trug Vladyka die Festikone aus dem Altar, und die Mädchen begleiteten ihn bis zum Analogion (Ikonenständer) und standen Spalier bis zur Verehrung der Ikone durch die Gläubigen. Leider bürgerte sich dieser Brauch nicht ein.
Bei der Liturgie während des Glaubensbekenntnisses, wo die Geistlichen “Christus ist unter uns” zueinander sagen, lehrte Vladyka, daß der Jüngere den Rangälteren zuerst grüßen muß, und daß der Rangältere “Jetzt und immerdar” antworten muß. In der Osterzeit grüßt der Jüngere mit den Worten “Christus ist auferstanden”, worauf der Rangältere “Er ist wahrhaftig auferstanden” antwortet. Während des eucharistischen Kanons, bei der Segnung der hl. Gaben, mußten alle Konzelebranten zum Altartisch kommen.
Erwähnenswert ist auch: Wer in die Zelle zu Vladyka gehen wollte, mußte das vorgeschriebene Gebet sprechen, worauf Vladyka “Amen” antwortete. In der Osterzeit mußte man sagen “Christus ist erstanden von den Toten, den Tod durch den Tod besiegend...”, worauf Vladyka aus der Zelle antwortete “... und denen im Grab das Leben schenkend”, und erst dann durfte man eintreten.
Im Altar duldete Vladyka keinerlei Gespräche und ahndete sie streng. Die Hypodiakone mußten beständig neben ihm sein. Der mit dem Halten der Bücher beauftragte Altardiener mußte dem Gottesdienst genau folgen und selbst die Seiten umblättern. Wenn ein Altardiener in irgend etwas fehlte, dann wies Vladyka ihn gleich nach dem Gottesdienst zurecht und indem er ihm liebevoll und zärtlich mit seinem Bischofsstab auf die Stirn klopfte, sagte er: “Der bischöfliche Hirtenstab selbst zieht den dummen Kopf zu sich.”
Was den Hirtenstab anbelangt, so erlaubte Vladyka niemals, daß er in den Altar gebracht wurde und erklärte uns Altardienern, daß im Altar Engel zugegen seien, und der Bischof diese nicht weiden könne.
Vladyka war streng mit uns, aber auch fürsorglich. Er setzte sich niemals an den Festtisch, wenn für die Altardiener kein Tisch vorgesehen war. Zum Namenstag von Vladyka im Jahre 1963 zelebrierten einmal sechs Hierarchen. Die Schwesternschaft hatte sich bemüht, eine üppige bischöfliche Festtafel herzurichten. Nach dem Gebet machte Vladyka darauf aufmerksam, daß für die Altardiener kein Platz gedeckt war. Er rief mich, gab mir die Schlüssel der bischöflichen Gemächer in die Hand, und die größten Leckerbissen von der Festtafel bekamen wir. Nach diesem Vorfall wurden stets bei allen Festessen in allen Gemeinden auch Plätze für die Altardiener gedeckt.
Vladyka erlaubte den Altardienern nicht, während des Gottesdienstes Krawatten zu tragen. Er sagte, wenn ein Priester im äußerten Fall auch einen Faden statt des Epitrachelion verwenden könne, dann dürfe ein Altardiener beim Gottesdienst keinen Schlips um den Hals tragen.
Mir fiel mehr als einmal auf, daß gewisse Priester eine ungewöhnliche Verhaltensweise an den Tag legen, die sie damit begründen, daß angeblich Vladyka Ioann so gehandelt hätte. Eifer ist gewiß etwas Lobenswertes, aber warum muß man seine eigenen Launen und Einfälle durch Berufung auf Vladyka rechtfertigen?
Man konnte auch zuweilen lesen, daß Vladyka, wenn er in ein Flugzeug stieg, den Piloten segnete und ähnliches. Ich begleitete fast immer Vladyka, wenn er von San Francisco irgendwohin flog, und ich flog selbst mit ihm, aber so etwas kam nie vor. Vladyka setzte sich einfach für sich auf seinen Platz, betete selbstverständlich, aber äußerlich zog er durch nichts die Aufmerksamkeit auf sich.
Besonders viel bekommt man von verschiedenen Seiten über angebliche Prophezeiungen Vladykas über das Ende der Welt zu hören. Insbesondere wird erzählt, daß er 1962 in die Kirche trat, stolperte, hinfiel und beim Aufstehen sagte: “Der Antichrist ist geboren”. Und viel dergleichen. Ich war selbstverständlich nicht alle 24 Stunden lang bei Vladyka und kann nicht kategorisch ablehnen, daß so etwas nicht stattgefunden hat, aber erstens sieht dies meiner Erfahrung nach Vladyka nicht ähnlich, zweitens kam er erst Ende 1962 nach San Francisco, drittens wurde er nicht einmal in meiner Gegenwart über den Antichrist gefragt, und er behauptete auch niemals, daß dieser schon geboren sei.
Über Rußland sagte Vladyka viel, aber das ist ein besonderes Kapitel. Hier will ich nur erwähnen, daß er hinsichtlich der Wiedergeburt Rußlands meinte: “Wenn das russische Volk Reue tut, dann vermag Gott es zu retten.”
Ich bekam früher einmal zu hören, daß Vladyka Ioann angeblich ein Schisma in der Auslandskirche anzetteln wollte, und nach einer Version selber Ersthierarch werden wollte, nach einer anderen sich dem Serbischen Patriarchen unterstellen wollte. Ich hätte dies hier gar nicht erwähnt, wenn ich es nicht vor einigen Monaten erneut zu hören bekommen hätte. Es handelt sich hier deutlich um eine Verleumdung.
Am 16. Juni 1966 zelebrierte Vladyka die Liturgie in seinem “Heim”, worauf er sich in Begleitung von Bischof Nektarij mit der wundertätigen Kursker von-der-Wurzel Ikone nach Seattle begab. Ich assistierte ihm bei der Liturgie, und hätte mit ihm fahren müssen, aber in der letzten Minute entschloß ich mich dazubleiben. Meine Mutter wollte mich zum Mitfahren überreden, aber ich war bockig. Drei Tage später verschied Vladyka in Seattle. Meine Mutter sagte zu mir: “Das ganze Leben wirst du an deine Mama denken”. Und wie sie recht hatte! Ich war eben nicht würdig!
Am Tag vor seiner Abreise telefonierte Vladyka in meiner Anwesenheit mit der Redaktion der Zeitung “Russisches Leben” und gab telefonisch eine Anzeige auf, daß am Vorabend des Festes der Geburt Johannes des Täufers und am Festtag selbst ein feierlicher bischöflicher Festtagsgottesdienst stattfinden würde, wobei er die Worte feierlich und festtäglich besonders betonte.
Vladyka entschlief am 19 Juni. Diese Anzeige wurde nie gedruckt, aber diejenigen, die am 24. Juni, dem Feiertag Johannes des Täufers, zu seinem Totengottesdienst in San Francisco waren, können selbst bezeugen, daß der Gottesdienst tatsächlich feierlich und festtäglich war. Es war dies kein Tag der Trauer, sondern ein Tag des Triumphes Vladykas.
Ich bitte den Herrn, auf die Gebete Vladykas, um die Kraft, auch nur ein wenig von dem, was er uns gelehrt hat, auszuführen.

4. Juni 1991, hl. Mitrophan, Patriarch von Konstantinopel
(Geburtstag von Vladyka Ioann)
Heiliges Dreifaltigkeitskloster
Jordanville, New York
Priestermönch Petr