Hll. Neomärtyrer und Bekenner Rußlands
Maxim, Bischof von Serpuchov



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1994, 2

 

Der Bischof von Serpuchov der Diözese Moskau, Maxim (mit weltlichem Namen Michail Aleksandrovic Zizilenko) wurde am 2. März 1885 geboren. Seine Eltern lebten zu jener Zeit in Kalisz (Polen), wo sein Vater 25 Jahre lang Prokuror (Staatsanwalt) am Bezirksgericht von Kalisz war und sich großer Achtung unter der Bevölkerung erfreute. Seine Familie war groß - 9 Kinder - es herrschte patriarchalischer Geist und Eintracht, alle Kinder wuchsen in Kalisz auf und gingen auch dort zur Schule. Die Mutter erzog ihre Kinder in religiösem Geist, flößte ihnen Liebe zu Gott, zur Kirche und zu den Menschen ein. Eine der Töchter, Lydia, bereitete ihren um 7 Jahre jüngeren Bruder Michail zum Eintritt ins Gymnasium vor, und so trat er mit 9 Jahren in die erste Klasse des Gymnasiums von Kalisz ein, an dem er sieben Jahre lang lernte und große Begabung zeigte. Nach dem Tod der Eltern (sie starben 1905 bzw. 1906) blieb er anfangs alleine in Kalisz, siedelte dann jedoch zu seinem Bruder nach Petersburg über, wo er die achte Klasse abschloß.
Er war der jüngere Bruder des bekannten russischen Gelehrten und Professors für Kriminalrecht an der Petersburger Universität, Alexandr Alexandrovi¡c @Zi¡zilenko, der 1922 als Verteidiger im Prozeß des Metropoliten Veniamin auftrat. Nach den Worten von Vladyka Maxim war sein Bruder kein religiöser Mensch und bei seinem Auftritt bei dem Prozeß der “Kirchenmänner” erklärte er zu Beginn seiner Rede, daß er Atheist sei und nur als Vertreter des Rechtes und Verteidiger der Wahrheit auftrete. Dennoch, als er später von der geheimen Mönchsweihe seines jüngeren Bruders erfuhr, suchte Alexandr Alexandrovi¡c ihn in seiner Wohnung auf und empfing seinen Segen.
Nach den Worten der Witwe von Professor A.A. @Zi¡zilenko, der bald nach der Mönchsweihe seines Bruders verstarb, rief dieses Ereignis (die geheime Weihe zum Mönch und Bischof) einen erschütternden Eindruck auf ihn hervor, und als er im Sterben lag, sprach er im Delirium: “Es heißt, Gott gäbe es nicht, aber er ist doch”.
Nach Beendigung des Gymnasiums trat Michail Alexandrovi¡c in die medizinische Fakultät der Moskauer Universität ein, was seine Verwandten überraschte, denn der Vater und drei Brüder waren Juristen. Das war annähernd im Jahre 1908. Etwa 1922, noch während seiner Studienzeit, heiratete er eine Studiengefährtin, aber er lebte nur ein halbes Jahr mit ihr zusammen. Sie begab sich dann zu ihren Eltern nach Jejsk (Kreis Krasnodar), wo sie noch während der ersten Schwangerschaft starb. Beide Gatten wollten unter keinen Umständen die Schwangerschaft künstlich unterbrechen, obwohl sie wußten, daß der Schwangeren der Tod drohte. Seine entschlafene Frau nannte Vladyka eine “Gottgerechte”. Zur gleichen Zeit war auch er schwerkrank, so daß er sich einer Blinddarmoperation unterziehen mußte, und es ging ihm so schlecht, daß man fürchtete, ihn vom Tod seiner Frau zu informieren. Als er gesundete, war seine Trauer und Verzweiflung über diesen Verlust riesengroß.
Nach dem Bericht seiner Schwester hatte er gerade zu jener Zeit einen besonderen Traum, der sich sehr auf sein weiteres Leben auswirkte. Er schaute im Traum seine verstorbene Mutter, die ihm sagte, er solle zu dem hl. Panteleimon, dem Arzt und Heiler, den sie zu ihren Lebzeiten so sehr geschätzt hatte, beten. Bereits am nächsten Tag suchte er die Kapelle des hl. Panteleimon in Moskau auf und kaufte dort ein Bildchen des Heiligen, von dem er sich nie mehr trennen sollte: die Gebete des hl. Panteleimon, des Arztes, halfen ihm in seinem weiteren Leben. Er entwickelte sich zu einem religiösen, ungewöhnlich guten Menschen, der an fremdem Kummer Anteil nahm und den Armen half.
Nach Abschluß der Universität wurde Michail Alexandrovi¡c Doktor der Psychiatrie in Sokolniki. Erwähnenswert ist weiterhin, daß der Herr ihm große musikalische Fähigkeiten verliehen hatte. Er spielte wunderbar Klavier und komponierte selber.
Während des Krieges 1914 trat er als Arzt in das Kuban-Plastun Bataillon ein und gelangte an die österreichische Front. Hier wäre er fast an Typhus gestorben, denn er hatte sich bei den typhuserkrankten österreichischen Kriegsgefangenen angesteckt.
Für kurze Zeit war er Professor der Psychiatrie in einer Provinz-Universität, aber danach ließ er sich als praktischer Arzt und Internist nieder. In den darauffolgenden Jahren war er Oberarzt am Taganka Gefängnis in Moskau.
1921 erhielt seine Schwester, die damals in Belgrad wohnte, den einzigen und letzten Brief von ihrem Bruder. In diesem Brief, dem er ein Kreuz voranstellte, schrieb er, daß wir durch unsere Sünden alle schuldig sind an dem Unheil, das uns ereilt hat, und daß man Gott um Verzeihung und Hilfe bitten müsse. Erst nach einem oder zwei Jahren traf ein weiterer Brief von Bekannten ein, in dem angedeutet wurde, daß Michail zum Priester geweiht worden war, aber dabei weiterhin seinen Beruf als Gefängnisarzt ausübt. Auf diese Weise wirkte er gleichzeitig als spiritueller und als physischer Arzt, bis seine Feinde dies herausfanden. Es wurde etwas später sogar mitgeteilt, daß man ihn für drei Jahre an “einen der Kurorte im Norden” verschickt hätte.
Alle freiwilligen und unfreiwilligen Gefangenen kannten diesen Arzt im Hospital jenes schrecklichen Gefängnisses, das maßlos überbelegt war, in der Hauptsache von kriminellen, aber auch weitgehend von politischen Gefangenen: sie erinnern sich sehr gut an diesen Arzt, der schon seit langem zurecht mit dem Spitznamen “Schutzengel” des Gefängnisses bezeichnet wurde.
Auf seinem schwierigen Posten war er nicht nur Arzt, sondern ein wahrer Meister der Herzen, Tröster und Vater. Vor ihm, dem Arzt und Heiler, beichteten mehr als einmal wie vor einem Priester die eingefleischtesten und unverbesserlichsten Rückfall-Verbrecher, die durch ihn nicht nur Trost für ihre Seele, sondern oft die Rückkehr zu einem ehrlichen Leben fanden. Vielen in Moskau war bekannt, daß er auf blanken Brettern schlief, daß er das gewöhnliche Gefängnisessen aß und seinen ganzen Arbeitslohn unweigerlich an die Häftlinge verteilte. So verfuhr er nicht erst jetzt bei den Bolschewiken, sondern auch schon früher während der zaristischen Regierung.
Vladyka, der stets ein tief religiöser Mensch war, hatte noch während seines Laienstandes mit seiner Heiligkeit Patriarch Tichon, den er hoch schätzte, Bekanntschaft geschlossen. Der Patriarch seinerseits liebte Doktor @@Zi¡zilenko sehr und machte sich oft dessen Ratschläge zunutze. Ihre Beziehungen nahmen im Laufe der Zeit den Charakter einer innigen Freundschaft an. Nach der Aussage Vladyka Maxims vertraute ihm der heilige Patriarch seine geheimsten Gedanken und Gefühle an. So äußerte der heiligste Patriarch Tichon in einem Gespräch mit Vladyka Maxim (damals noch ein einfacher Arzt) seine quälenden Bedenken, ob es denn nützlich sei, weitere Konzessionen an die Sowjetmacht zu machen. Indem er derartige Konzessionen machte, überzeugte er sich mehr und mehr mit Entsetzen davon, daß das Ausmaß der “politischen” Forderungen der Sowjetmacht die Grenzen der Treue Christus und der Kirche gegenüber überschritt. Nicht lange vor seinem Tod äußerte der heiligste Patriarch den Gedanken, daß der Russisch Orthodoxen Kirche, um ihre Treue zu Christus zu bewahren, in der nächsten Zukunft wohl nichts anderes übrigbleiben wird, als in die Katakomben unterzutauchen. Daher segnete Patriarch Tichon den Professor der Medizin @Zi¡zilenko, im Geheimen Mönch zu werden, und danach, für den Fall, daß in der nächsten Zukunft die höchste kirchliche Hierarchie Christus verraten und der Sowjetmacht die Freiheit der Kirche abtreten wird, die Bischofswürde anzunehmen.
Michail Alexandrovi¡c erfüllte den Willen des verstorbenen Patriarchen Tichon und 1927, als Metropolit Sergij seine berühmte Deklaration abgab, wurde er insgeheim Mönch mit dem Namen Maxim.
Über den entschlafenen Bekenner des christlichen Glaubens kursierten in Moskau verschiedene Legenden. Man tuschelte unter anderem, daß Patriarch Tichon selber angeblich auf ihn, als auf den zukünftigen Patriarchen der orthodoxen Kirche in einem befreiten Rußland hingewiesen hätte. Dieses Gerücht ist nur insofern begründet, als er sich der heißen Liebe des ersten Hüters des Patriarchenstuhles, der ihn persönlich gut gekannt hatte, erfreute, und der aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo seine Meinung zum Ausdruck gebracht hatte, daß Bischof Maxim besonders würdig für die Berufung zum Patriarch sei.
Als in Serpuchov der neue “usurpatorische” Bischof, der in Petrograd von den “Verschwörern” und dem mit Interdikt belegten Bischof Dimitrij (Gdovsk), der damals als Nachfolger Metropolit Iosifs die ganze Opposition Metropolit Sergijs anführte, geweiht worden war, insgeheim erschien, und die gläubigen Moskauer in der Person des neuen Bischofs Maxim von “Taganka” erkannten, rief dieses Ergeignis einen ungeheuren Eindruck hervor. In Serpuchov gingen innerhalb der kürzesten Zeit alle 18 Gemeinden zu dem neuen Bischof, d.h. zur Opposition über. Im benachbarten Kolomna passierte dasselbe. Zvenigorod, Volokolamsk, Pereslavl’ Zalesskij und andere Städte folgten mit einem beträchtlichen Teil ihrer Gemeinden dem Beispiel von Serpuchov.
Außerordentlich interessant ist ein Dokument - die Erklärung der Serpuchover Geistlichen und Laien vom 30. Dezember 1927 an die Adresse des Metropoliten Sergij, an der Bischof Maxim vermutlich beteiligt war, oder die er gar selber verfaßt hat.

“Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Da wir es nicht mehr vertreten können, auf jenem schlüpfrigen und zweideutigen Weg zu bleiben, auf den Sie durch Ihre Deklarationen und Verfügungen die ganze Orthodoxe Kirche gezerrt haben, und der Stimme des Gewissens und der Pflicht vor Gott und den Gläubigen gehorchen wollen, brechen wir, die Unterzeichneten, die kanonische und die Gebetsverbindung mit Ihnen und dem sogenannten ‘Patriarchalen Synod’ ab und weigern uns, Sie als stellvertretenden Verweser des Patriarchenthrones aus folgenden Gründen anzuerkennen:
1. Ihre Deklaration vom 16. Juli, Ihr Ukaz vom 20. Oktober und alles, was über Ihre Verwaltung der Kirche bekannt ist, läßt keinen Zweifel daran, daß Sie die Kirche in Abhängigkeit von der staatsbürgerlichen Macht stellten und sie ihrer inneren Freiheit und Selbständigkeit beraubten, wodurch Sie sowohl die kirchlichen Kanones verletzten, als auch gegen die Dekrete der Staatsmacht handelten.
2. Auf diese Weise sind Sie nichts anderes als ein Fortführer der sogenannten ‘Erneuerer-Bewegung’, nur unter einem raffinierteren und viel gefährlicheren Vorzeichen, denn, indem Sie von der Unerschütterlichkeit der Orthodoxie und der Wahrung der Kanonizität reden, umnebeln Sie die Gemüter der Gläubigen und verdecken bewußt vor deren Augen jenen Abgrund, in welchen die Kirche unaufhaltsam durch Ihre Maßnahmen gezogen wird.
3. Das Resultat Ihrer Politik liegt bei uns auf der Hand. Die Gläubigen von Serpuchov, erregt durch Ihre Verfügungen, sind von der stärksten Unruhe und Besorgnis um das Schicksal der heiligen Orthodoxen Kirche ergriffen. Wir, deren geistlichen Hirten - durch Ihr Vorgehen auf einen zweideutigen Weg gestellt - sind nicht nur außerstande, die Gemüter und Herzen der Gläubigen zu besänftigen, sondern rufen auch noch den Verdacht auf Verrat der Orthodoxie und Wechsel in das Lager des ‘Erneuerertums’ bei ihnen hervor.
All das zwingt uns mit Nachdruck dazu, kühn unsere Stimme zu erheben und der für uns bereits kriminellen Verschweigung Ihrer Fehler und falschen Schritte ein Ende zu setzen, und uns mit dem Segen des Bischofs Dimitrij von Gdovsk von Ihnen und den Sie umgebenden Personen zu distanzieren. Indem wir mit Ihnen brechen, brechen wir jedoch nicht mit dem legalen Patriarchatsverweser Metropolit Pjotr und stellen uns dem Urteil eines künftigen Konzils anheim. Möge uns dann dieses ersehnte Konzil, unser einziger rechtmäßiger Richter, nicht unserer Kühnheit bezichtigen. Möge es uns nicht als Personen richten, welche die heiligen Kanones der Väter verachteten, sondern nur als solche, welche ihre Verletzung scheuten. Serpuchov, 30.12.1927.”
Wie wir sehen, wird in dieser Erklärung offen die Verbindung der Stadtgemeinden von Serpuchov mit Bischof Dimitrij, dem Vikar von Petrograd, angesprochen, jedoch ohne Erwähnung des von ihm geweihten und hierher ernannten Bischofs Maxim, was zu verstehen gibt, daß letzterer kein legaler, sondern ein heimlicher Hierarch dieser Region war.
In Moskau fühlten nicht wenige Kirchen den festen Rückhalt, den sie in der Person ihres neuen lichtvollen Hierarchen hatten. Die Gemüter erregten sich.
Es erschienen halb-Oppositionelle, die sogenannten “Me¡cevcy”, Anhänger des Vaters Sergij Me¡cev, die zwar nicht offiziell mit Metropolit Sergij gebrochen hatten, aber faktisch die Verordnungen und Ukaze des “Patriarchalen Synods” mißachteten.
Zu den heimlichen Sympathisanten von Vater Sergij Me¡cev gehörte im wesentlichen die Mehrheit der Moskauer Kirchen. In ihnen wurde der Anordnung zuwider nicht für die Sowjetmacht gebetet.
Der Einfluß des “Starez von Taganka” wurde immer größer und er verstärkte sich besonders, als in die Liturgieordnung von Petrograd aus das berühmte “Gebet über die heilige Kirche” eingefügt wurde, das unter den Gläubigen bald den Namen “Gebet bezüglich der Bolschewiken” erhielt. Das Gerücht verbreitete sich, der Urheber des Gebetes sei kein anderer, als der Starez von Taganka. Sein Schicksal war besiegelt. Die Sowjetmacht hatte ihn als Arzt, als sowjetischen Diensttuenden gekannt. Sein Auftreten im schwarzen Priesterrock als Haupt der Bekennerkirche war für sie der Gipfel der Frechheit.
Auf seinem neuen hohen Posten konnte sich Vladyka nicht lange halten. Schon Mitte 1929 wurde er festgenommen und saß in der Folge ganze zwei Jahre im Gefängnis, bis er die Märtyrerkrone erlangte.
Dem Schicksal gefiel es, den Namen des Bischofs Maxim in eine Märtyrerkrone mit dem Namen von Vater Roman Medved’ einzuflechten. Letzterer war immer einer der heißen und überzeugten Verteidiger Metropolit Sergijs.
Die Verurteilung zur Zwangsarbeit des berühmten Moskauer Priesters Vater Roman Medved’ kam einem Todesurteil gleich, denn bereits1929 war er schwer und unheilbar an Herzsklerose erkrankt.
Die Bolschewiken entfernten jeden, den sie für gefährlich und schädlich hielten. Und diese Gefährlichkeit sahen sie nicht so sehr in den politischen Ansichten der Kirchenführer, im Grad ihrer zur Genüge bekannten “konterrevolutionären Gesinnung”, sondern vor allem in ihrer persönlichen Würde, in ihren geistigen Qualitäten, mit denen sie das Volk beeinflussen konnten.
Vater Roman war zweifellos einer der würdigsten Moskauer Priester. Sein Ruhm verbreitete sich weit über die Grenzen Moskaus hinaus. Seine der geistigen Tiefe und inneren Schönheit nach wundervollen Gottesdienste in der Kirche des heiligen Bischofs Alexij an der Tver-Straße zogen die Betenden von allen Enden der Stadt an. Einige seiner nahen geistlichen Kinder und Schüler waren gezwungen, wegen der Kirchenspaltung die Gemeinschaft mit ihm zu brechen. Nach diesem Ereignis verschlimmerte sich seine Krankheit in bedrohlicher Weise.
Unter der Zahl der von ihm scheidenden geistlichen Kinder war auch Frau K., die sich als neuen geistlichen Vater Vladyka Maxim von Serpuchov wählte. Dem Schicksal gefiel es, ihr Herz als Schauplatz des großen “spirituellen Zwistes” zwischen Vladyka Maxim und Vater Roman zu erkoren. Während sie in Serpuchov wohnte, schrieb sie ihrem bisherigen geistlichen Vater glühende Briefe. Er antwortete ihr ebenso hitzig und engagiert.
Gegenstand des Briefwechsels war das Kirchenschisma, die Frage über die Beziehung zur Staatsmacht, das Problem des Gebets für die Bolschewiken oder über die Bolschewiken usw.
Frau K., die sich durch einen hellen Verstand und großes literarisches Talent auszeichnete, legte geschickt die flammende Argumentation ihres neuen geistlichen Vaters dar.
Vater Roman, der wußte, mit wem er es zu tun hatte, benützte seine ungeheure Gelehrsamkeit (die er in seinem langjährigen Aufenthalt in Galizien erworben hatte), um den Schlägen seines unsichtbaren hohen Gegners zu begegnen.
Nach der Verhaftung und Verbannung Frau K’s als Strafe dafür, daß sie den Starez von Taganka bei sich beherbergt hatte, blieb ein Teil ihres Briefwechsels mit Vater Roman Medved’ erhalten, der vielleicht irgendwann einmal von der Größe und geistigen Schönheit jener historischen Tragödie, welche ihr in den schwersten Tagen ihrer Versuchung zum Los wurde, zeugen wird.

 

Fortsetzung aus Bote 1994, 3

Der geheime Bischof verhielt sich sehr vorsichtig und als er auf eine Denunziation hin verhaftet wurde, antwortete er so weise auf die Fragen, daß in der Folge die GPU-Machthaber ihm nichts zur Last legen konnten, als die Tatsache seines geheimen Mönchstums, während er gleichzeitig als Chefarzt des Taganka Gefängnisses tätig war. Daher begnügten sie sich mit der Strafe „drei Jahre Haft im Lager Solovezkij Inseln“ (nach Art. 58, Punkt 10, d.h. für konterrevolutionäre Propaganda).
Beim Verhör wiederholte Vladyka Maxim unentwegt ein und dasselbe: das geheime Mönchstum hätte er angenommen, weil er vor der Sowjetmacht seine persönlichen religiösen Überzeugungen nicht zur Schau stellen wollte. Auf die Frage, welche Eparchie er denn verwalte, antwortete Vladyka Maxim, daß er keinerlei administrative Verpflichtungen hätte, und daß er als Bischof im Ruhestand lebe. Über seine religiösen Überzeugungen und über sein spirituelles Leben weigerte er sich kategorisch auszusagen, weil dies eine zu intime Sphäre seiner Seele sei, in die er niemand Einblick gewähren könne. Seine Freundschaft mit dem Patriarchen war dem Untersuchungsführer bekannt. Auf die Frage, was sie einander nahe gebracht hätte, antwortete Vladyka Maxim: „Die vollkommen apolitische Einstellung , die volle Loyalität der Sowjetmacht gegenüber und die spirituelle Verwandtschaft im Gebetsstreben und den asketischen Erfahrungen“.
Ende Oktober 1929 traf im 4. Bezirk des Konzentrationslagers mit Sonder-Zweckbestimmung auf den Solovezkij Inseln im Weißen Meer (SLON) mit einer der Häftlingsetappen der neue Arzt ein. Der Lagerkommandant brachte ihn in die 10. Kompanie, wo die Arbeiter des Sanitätsdienstes untergebracht waren, führte ihn ins Ärztezimmer und stellte ihn vor: „Da habt ihr einen neuen Arzt, Michail Alexandrovi¡c @Zi¡zilenko, Professor und Doktor der Medizin“.
Wir - so erzählte Professor I.M. Andreev - die inhaftierten Ärzte des Sanitätsdienstes des Lagers, gingen zu dem neuen Haftgefährten und stellten uns vor. Der neu eingetroffene Kollege war hohen Wuchses, hatte einen grauen Bart, einen grauen Schnurrbart und Augenbrauen, die streng über seinen gutmütigen blauen Augen wucherten.
Noch eine Woche vor dem Eintreffen von Doktor @Zi¡zilenko teilten uns unsere Freunde aus dem Büro der Sanitätsabteilung mit, daß der neue Arzt kein gewöhnlicher Mensch sei, sondern mit einem besonderen „geheimen Paket“ belastet sei, und sich unter Sonderaufsicht befinde, und daß er vielleicht gar nicht zum ärztlichen Dienst herangezogen würde, sondern in die Sonderkompanie No. 14 versetzt würde, für die sogenannten „Geächteten“, denen untersagt ist, in ihrem Beruf zu arbeiten und die ihre gesamte Haftfrist mit allgemeiner körperlicher Schwerarbeit verbringen müssen. Die Ursache für solch einen „besonderen“ Status des Doktors @Zi¡zilenko war folgender Umstand: In seiner Eigenschaft als Chefarzt des Taganka Gefängnisses in Moskau war er gleichzeitig ein geheimer Bischof, der den Mönchstitel Bischof von Serpuchov trug.
Nach einem Meinungsaustausch über allgemeine Fragen erklärten wir alle drei Ärzte dem Neuankömmling, daß wir wüßten, wer er sei, warum er verhaftet und auf Solovki inhaftiert sei und wir empfingen seinen Segen. Das Gesicht des Arzt-Bischofs war konzentriert, die grauen Brauen zogen sich noch mehr zusammen und er segnete uns gemessen und feierlich. Seine blauen Augen wurden noch liebevoller, zärtlicher und leuchteten freudig auf. Die ganze Woche verfloß für uns in quälender Erwartung, bis sich endlich die Lage des neuen Arztes geklärt hatte. Er kam nicht in die Kompanie der „Geächteten“. Der Chef der gesamten Sanitätsabteilung des Solovezkij Lagers, Doktor V.I. Jachontov (der früher wegen eines strafrechtlichen Vergehens eingesessen hatte und nach Ableistung der Haftperiode blieb, um als Arzt der GPU zu dienen) wollte Doktor @Zi¡zilenko als erfahrenen Arzt zum Chef des Sanitätsdienstes des 4. Bezirks (d.h. für die ganze Insel Solovki) ernennen, aber dem widersetzte sich der Leiter des Informations- und Untersuchungs-Dienstes (ISO), der gefürchtetsten Abteilung im Lager, von der gänzlich Schicksal und Leben aller Häftlinge abhing. Auch der Dienst als Chefarzt im Zentrallazarett wurde Doktor Zi¡zilenko untersagt. Und so wurde der erfahrene alte Arzt (er schien 60 Jahre, während er in Wirklichkeit nur 44 Jahre alt war) zum Verwalter einer der Typhusbaracken bestimmt und jüngeren Ärzten, die administrative Vollmacht besaßen, untergeordnet. Doch bald zeigte sie die außergewöhnliche Begabung und Erfahrung von Doktor Zi¡zilenko als Behandlungsarzt und man zog ihn in allen schwierigen Fällen zur Konsultation heran. Sogar Lagerchefs, gewichtige Kommunisten und Tschekisten wandten sich um medizinische Hilfe für sich und ihre Familien an ihn. Beinahe alle Ärzte, junge wie alte, ließen sich von dem neuen Kollegen gern belehren, hörten auf seine Ratschläge und lernten an den Fallgeschichten seiner Patienten.
Ende 1929 brach im Solovezkij Lager eine Flecktyphus-Epidemie aus, die bald ungeheure Ausmaße annahm: von 18.000 Häftlingen auf der Insel erkrankten 5.000 gegen Ende Januar 1930. Die Sterblichkeit lag ungeheuer hoch, bis zu 20-30 %. Und nur in der Abteilung, die von Doktor @Zi¡zilenko verwaltet wurde, war die Sterblichkeitsrate unter 8-10 %.
Jeden neu eingelieferten Kranken untersuchte der Arzt-Bischof sehr gründlich und die erste Eintragung in den Krankeitsrapport war stets besonders ausführlich. Außer der Basisdiagnose der Haupterkrankung schrieb Doktor @Zi¡zilenko immer eine Diagnose aller Begleiterkrankungen nieder und zog exakte Schlußfolgerungen über die Funktion aller Organe. Seine Diagnosen waren stets genau und fehlerfrei, was sich nach Obduktion der Leichen bestätigte. Niemals beobachtete man irgendwelche Abweichungen seiner klinischen Diagnosen von den patologisch-anatomischen Befunden. Die Verschreibung von Medikamenten war in den meisten Fällen spärlich, aber oft kamen zu den Grundarzneien irgendwelche ergänzende hinzu, deren Zweck oft sogar nicht einmal den Ärzten klar war. In den schweren und vom medizinischen Standpunkt aus hoffnungslosen Fällen ordnete er zuweilen eine sehr komplizierte Therapie an und verlangte, daß sie strikt eingehalten wurde, ungeachtet dessen, daß rund um die Uhr verschiedenartige Medikamente stündlich verabreicht werden mußten. Nachdem er die neu eingelieferten Kranken einmal aufmerksam untersucht hatte und ihnen die notwendige Arznei verschrieben hatte, schien es, daß Doktor @Zi¡zilenko bei den folgenden Visiten ihnen wenig Aufmerksamkeit schenkte und sich an ihren Krankenbetten nicht länger als eine Minute aufhielt, den Puls fühlte und den Patienten dabei unverwandt in die Augen sah. Die Mehrheit der Kranken war damit sehr unzufrieden und viele beklagten sich, dieser Arzt würde sie vernachlässigen. Einmal wurde Doktor @Zi¡zilenko deswegen sogar zur Erklärung zum Chef der Sanitätsabteilung gerufen. In seiner Rechtfertigung verwies der Arzt-Bischof auf die Statistik der Exitus-Fälle in seiner Abteilung (die äußerst selten waren im Vergleich zu der Sterblichkeitsrate in allen anderen Abteilungen bei den anderen Ärzten) und die Genauigkeit seiner Diagnosen. Obwohl er „lässig“ seine Krankenrunde machte, blieb er manchmal unvermittelt vor irgend einem Bett stehen, untersuchte den Patienten gründlich, wie beim ersten Mal und machte dann eine neue Verordnung. Das war immer ein Zeichen dafür, daß im Befinden des Patienten eine ernste Verschlimmerung eingetreten war, von der der Kranke selber noch gar nichts merkte. Die Kranken starben stets in seinen Händen. Es schien, daß der Augenblick des Todes ihm immer genau bekannt war. Sogar bei Nacht kam er plötzlich einige Minuten vor Eintritt des Todes in seine Abteilung zu dem Sterbenden. Jedem Sterbenden schloß er die Augen, legte die Hände in Kreuzform auf die Brust und stand einige Minuten schweigend da, ohne sich zu rühren. Offensichtlich betete er. Bereits nach einem knappen Jahr verstanden wir, seine Kollegen, daß er nicht nur ein bemerkenswerter Arzt, sondern auch ein großer Beter war.
Im persönlichen Umgang war der Arzt-Bischof, den wir alle in unserem Ärztezimmer mit „Vladyka“ anredeten, sehr zurückhaltend, trocken, zuweilen sogar streng, verschlossen und außerordentlich wenig gesprächig. Über sich selbst teilte er gar nicht gerne etwas mit. Die Gesprächsthemen waren stets die Kranken oder (im Kreise von ihm nahestehenden Geistlichen) die Lage der Kirche.
Die Anwesenheit von Vladyka Maxim auf Solovki rief einen großen Wandel in der Haltung der dort inhaftierten Geistlichen hervor. Zu jener Zeit erfolgte im 4. Bezirk des Solovezkij Lagers (d.h. auf der Insel Solovki selber) unter den gefangenen Bischöfen und Priestern dieselbe Spaltung, die auch bei jenen „in der Freiheit“ nach der berühmten Deklaration des Metropoliten Sergij eingetreten war. Ein Teil des Episkopates und des weißen Klerus brach vollkommen jegliche Gemeinschaft mit Metropolit Sergij ab, indem sie sich unerschütterlich an die Position der Metropoliten Pjotr, Kirill, Agafangel und Iosif, des Erzbischofs Serafim von Ugli¡c und vieler anderer hielten, die durch ihr Bekennertum und ihre Martyriumbereitschaft ihre Treue Christus und der Kirche gegenüber bezeugten. Ein anderer Teil dagegen wurde „Sergianer“, denn sie akzeptierten die sogenannte „neue Kirchenpolitik“ des Metropoliten Sergij, welche die Sowjetische Kirche begründete und das Schisma des Neo-Erneurertums hervorrief. Wenn unter den Gefangenen, die vor der Verkündigung der Deklaration des Metropoliten Sergij nach Solovki geraten waren, in der ersten Zeit die meisten „Sergianer“ waren, so überwogen unter den neu Inhaftierten, die nach der Deklaration hinzugekommen waren, umgekehrt die sogenannten „Iosifljaner“ (abgeleitet von dem Namen des Metropoliten Iosif, um den sich in der Hauptsache die unbeugsamen und treuen Kinder der Kirche scharten). Mit dem Eintreffen neuer Gefangener nahm die Zahl der letzteren mehr und mehr zu.
Um die Zeit, als Vladyka Maxim eintraf, befanden sich folgende „Iosiflaner“ Bischöfe auf den Solovezkij Inseln: Bischof Viktor Glasovskij (der erste, der eine Anklageschrift gegen die Deklaration des Metropoliten Sergij verfaßte), Bischof Ilarion, Vikar von Smolensk, und Bischof Nektarij von Tresvinsk. Zu den „Sergianern“ wiederum gehörten: Erzbischof Antonij von Mariupol’ und Bischof Ioasaf (Fürst @Zevachov). Weniger verbissen, aber immerhin „Sergianer“ waren Erzbischof Ilarion Troizkij, der zwar die Deklaration des Metropoliten Sergij verurteilte, aber nicht die Gemeinschaft mit ihm als dem „kanonisch rechtmäßigen“ Ersthierarchen der Russischen Kirche brach.
Das Eintreffen von Vladyka Maxim im Solovezkij Lager verstärkte ungemein (den ohnehin schon überwiegenden) Einfluß der „Iosiflaner“.
Als man infolge der grausamen Verbotsmaßnahmen, die von Metropolit Sergij gegen die „Widerspenstigen“ ergriffen wurden, diese zu verhaften und zu erschießen begann, ging die wahre und christustreue Russische Orthodoxe Kirche in die Katakomben. Metropolit Sergij und seine Gefolgsleute, die „Sergianer“ leugneten kategorisch die Existenz der Katakombenkirche. Die „Sergianer“ auf Solovki glaubten natürlich auch nicht an ihr Bestehen Und da, plötzlich ein lebendes Zeugnis: der erste Katakombenbischof Maxim von Serpuchov kam nach Solovki.
Erzbischof Ilarion Troizkij wurde bald von Solovki fortgebracht und mit ihm verschwand auch bei vielen die „sergianische Gesinnung“. Widerspenstige „Sergianer“ blieben nur Erzbischof Antonij und insbesondere Bischof Ioasaf (@Zevachov). Sie wollten Bischof Maxim nicht einmal sehen oder mit ihm ein Gespräch führen. Dagegen fanden die Bischöfe Viktor, Ilarion von Smolensk und Nektarij ziemlich schnell eine Möglichkeit, wie sie sich nicht nur mit Vladyka Maxim treffen, sondern sogar bei den geheimen Katakomben Gottesdiensten in der Tiefe der Solovezkischen Wälder zusammen mit ihm zelebrieren konnten. Die „Sergianer“ verhielten sich dagegen sehr vorsichtig und hielten niemals irgendwelche geheimen Gottesdienste ab. Dafür war ihnen auch die Lagerleitung freundlicher gesonnen als jenen Bischöfen, Priestern und Laien, von denen bekannt war, daß sie weder Metropolit Sergij noch die „Sowjetische Kirche“ anerkannten.
Alle wegen kirchlicher Belange Verhafteten (und solcher gab es nach offiziellen geheimen Statistiken 1928/29 auf den Solovezkij Inseln bis zu 20%) wurden bei den Verhören unweigerlich gefragt, wie sie zu „unserem“ Metropoliten Sergij, dem Oberhaupt der „Sowjetischen Kirche“ stünden. Mit Schadensfreude und Sarkasmus bewiesen ihnen dabei die frohlockenden Tscheka-Untersuchungsführer die „strenge Kanonizität“ von Metropolit Sergij und seiner Deklaration, welche „weder Kanones noch Dogmen verletzte“.
Die „Sergianer“ im Solovezkij Lager, welche die Katakomben Kirche ablehnten, leugneten auch „Gerüchte“ darüber, daß Metropolit Sergij Anklageschriften erhalten hätte und von den Diözesen Protestdelegationen bei ihm angekommen seien. Erzbischof Antonij von Mariopol’, dem bekannt war, daß ich als Laie bereits an solch einer Delegation teilgenommen hatte, und der sich einmal als Patient im Lazarett befand, wollte meinen Bericht über meine Fahrt zu Metropolit Sergij zusammen mit Vertretern des Episkopats und des weißen Klerus hören. Die Bischöfe Viktor und Maxim gaben mir ihren Segen, um zu Erzbischof Antonij in das Lazarett zu gehen und ihm von jener Fahrt zu berichten. Für den Fall, daß er sich nach meiner Erzählung solidarisch mit den Gegnern der „neuen Kirchenpolitik“ erklären würde, war es mir gestattet, seinen Segen zu empfangen. Zeigte er sich jedoch als ein hartnäckiger „Sergianer“, so durfte ich keinen Segen von ihm annehmen. Meine Unterredung mit Erzbischof Antonij dauerte über zwei Stunden. Ich erzählte ihm ausführlich über die historische Delegation der Petrograder Diözese im Jahre 1927, welche den Beginn der Kirchenspaltung markierte. Als ich meine Erzählung beendet hatte, ersuchte mich Erzbischof Antonij, ihm etwas über die Persönlichkeit und Aktivität von Vladyka Maxim zu berichten. Ich antwortete ihm sehr zurückhaltend und bündig, so daß ihm auffiel, daß ich ihm nicht ganz traute. Er fragte mich deshalb. Ich antwortete offen, daß wir, die Katakombengläubigen, uns nicht nur vor den GPU-Agenten fürchteten, sondern auch vor den „Sergianern“, die uns mehr als einmal der GPU verraten hätten. Erzbischof Antonij war sehr erregt und ging lange im Ärztezimmer auf und ab, wohin ich ihn als konsultierender Arzt angeblich zu einer Untersuchung gerufen hatte. Dann sagte er plötzlich ganz entschlossen: „Und ich bleibe trotzdem bei Metropolit Sergij“. Ich stand auf, verneigte mich und machte Anstalten zu gehen. Er erhob die Hand zum Segen, aber ich erinnerte mich an die Anweisung von Vladyka Viktor und Maxim, wich der zum Segen erhobenen Hand aus und ging hinaus.
Als ich Vladyka Maxim über diese Begegnung berichtete, bestätigte er noch einmal, daß ich niemals den Segen bei den starrköpfigen „Sergianern“ empfangen sollte. „Die Sowjetische und die Katakomben Kirche sind nicht zu vereinbaren“, sagte Vladyka Maxim nachdrücklich, fest und überzeugt und nach einer Pause fügte er leise hinzu: „Die geheime, abgeschiedene Katakombenkirche belegte die ‘Sergianer’ und ihre Gefolgsleute mit dem Anathema“.
Ungeachtet des außerordentlich strengen Regiments, das im Solovezkij Lager herrschte und der Gefahr, gefoltert und erschossen zu werden, zelebrierten die Bischöfe Viktor, Ilarion, Nektarij und Maxim nicht nur häufig geheime Gottesdienste in den Wäldern der Insel, sondern vollzogen sogar die geheime Weihe einiger neuer Bischöfe. Dies geschah unter strengster Verschwiegenheit sogar vor den Allernächsten, damit sie im Falle von Verhaftung und Folterung nicht die Wahrheit über die geheimen Bischöfe der GPU preisgeben können. Erst am letzten Tag, bevor ich das Solovezkij Lager verließ, erfuhr ich von meinem engen Freund, einem unverheirateten Priester, daß er bereits kein gewöhnlicher Priester, sondern insgeheim Bischof war.
An geheimen Katakomben „Kirchen“ gab es bei uns auf Solovki mehrere, doch die „beliebtesten“ waren die „Kathedrale“ der Heiligen Dreieinigkeit und die Kirche des hl. Nikolaus des Wundertäters. Die erstere bildete eine kleine Waldlichtung in der Tiefe des Waldes in Richtung auf den Außenposten „Savatjevo“. Die Kuppel dieser Kirche war der Himmel, ihre Wände stellte der Birkenwald dar... Die Kirche des hl. Nikolaus befand sich im dichten Wald in Richtung auf den Außenposten „Muksol’ma“. Sie war eine „Nadelwaldhütte“, die auf natürliche Weise von einer Gruppe großer Tannen gebildet wurde... Am häufigsten wurden die geheimen Gottesdienste eben hier, in der Kirche des hl. Nikolaus gefeiert. In der „Trinitäts-Kathedrale“ fanden die Gottesdienste nur sommers statt, an hohen Festtagen, und besonders feierlich am heiligen Pfingstfest. Aber manchmal, je nach den Umständen, wurden höchst geheime Gottesdienste auch an anderen Orten abgehalten. So wurde z.B. am Hohen und Heiligen Donnerstag 1929 der Gottesdienst mit der Lesung der 12 Leidensevangelien in unserem Ärztezimmer, in der 10. Kompanie gefeiert. Zu uns kamen - angeblich in Sachen Desinfektion - Vladyka Viktor und Vater Nikolaj. Dann zelebrierten sie einen kirchlichen Gottesdienst bei verriegelter Tür. Am Karfreitag wurde ein Befehl an alle Kompanien verlesen, daß drei Tage lang das Verlassen der Kompanie nach 8 Uhr abends nur in außergewöhnlichen Fällen mit besonderem schriftlichen Passierschein des Lagerkommandanten erlaubt ist.
Um 7 Uhr abends am Freitag, als wir, die Ärzte, nach einem 12-Stunden Arbeitstag gerade in unsere Kammern zurückgekehrt waren, kam Vater Nikolaj zu uns und teilte folgendes mit: das Grabtuch in Handflächengröße wurde von dem Künstler R. fertiggestellt... der Gottesdienst - die Grablegung Christi - findet statt und beginnt in einer Stunde. „Wo?“ fragte Vladyka Maxim. „In dem großen Fisch-Dörr-Kasten, der in der Nähe der Kompanien No. ... am Waldrand steht.. vereinbartes Zeichen: 3 mal und 2 mal klopfen... besser einzeln kommen.“
Eine halbe Stunde später verließen Vladyka Maxim und ich unsere Kompanie und machten uns zum angegebenen Ort auf. Zweimal verlangten die Patrouillen den Passierschein von uns. Wir als Ärzte besaßen diesen. Aber was war mit den anderen: den Bischöfen Viktor, Ilarion, Nektarij und Vater Nikolaj? Vladyka Viktor arbeitete als Buchhalter in der Taufabrik, Vladyka Nektarij war beim Fischfang eingesetzt, die übrigen flochten Netze... Da war also der Waldrand, da war der Kasten von einer Länge von 4 Sashen (ehemaliges russ. Längenmaß: 1 Sashen = 2,13 m), ohne Fenster, der Eingang kaum sichtbar. Es war lichte Dämmerung, der Himmel in dunklen Wolken. Wir klopfen 3 und dann 2 mal. Vater Nikolaj öffnet. Vladyka Viktor und Vladyka Ilarion sind bereits hier... Einige Minuten später kommt Vladyka Nektarij. Das Innere des Kastens ist in eine Kirche verwandelt. Auf dem Boden, an den Wänden Tannenzweige. Es werden einige Kerzen angezündet. Die Ikonen klein, aus Papier. Das winzige Grabtuch von der Größe einer Handfläche verschwindet fast im Grün der Zweige. Es haben sich 10 Betende versammelt. Später kamen noch 4-5 weitere, darunter zwei Mönche. Der Gottesdienst beginnt, im Flüsterton.
Es war, als ob wir keinen Körper mehr hatten, sondern nur noch Seelen. Nichts zerstreute uns und störte uns beim Gebet. Ich erinnere mich nicht mehr, wie wir „nach Hause“ gelangten, d.h. zu unseren jeweiligen Kompanien. Der Herr behütete uns.
Die Utrenja am Fest der Lichten Auferstehung war in unserem Ärztezimmer angesetzt. Um 12 Uhr nachts versammelten sich alle, die die Absicht hatten, zu kommen - etwa 15 Personen - unter verschiedenen Vorwänden dringend benötigter ärztlicher Hilfe, ohne jegliche schriftliche Bewilligung. Nach der Utrenja und Liturgie setzten wir uns zum „Osterfestmahl“ nieder. Auf dem Tisch waren Kulitsch, Pascha, gefärbte Eier, Imbiß, Wein (flüssige Hefe mit Mosbeerenextrakt und Zucker). Um etwa 3 Uhr gingen wir auseinander. Der Lagerkommandant hatte Kontrollrundgänge in unserer Kompanie vor und nach dem Gottesdienst, um 11 Uhr abends und um 4 Uhr früh durchgeführt. Bei seinem letzten Rundgang traf er uns, die vier Ärzte mit Vladyka Maxim an der Spitze, zu seiner Verwunderung nicht schlafend vor und fragte: „Was Ärzte, schlaft ihr nicht?“ und fügte sogleich hinzu: „Solch eine Nacht... da ist es einem gar nicht zu schlafen zumute“. Dann ging er hinaus.
„Herr Jesus Christus, wir danken Dir für Dein Wunder der Erbarmung und Stärke“, sprach Vladyka Maxim feierlich mit durchdringender Stimme und brachte so unser aller Gefühle zum Ausdruck.
Die weiße Solovezkische Nacht neigte sich dem Ende zu. Der zarte rosa Osterhimmel von Solovki, an dem die jubelnde Sonne spielte, begrüßte das Kloster-KZ: er verwandelte es in eine unsichtbare Märchenstadt „Kitesch“ und erfüllte unsere freien Seelen mit einer stillen überirdischen Freude. Viele Jahre sind seitdem vergangen, aber der Wohlgeruch, der über diesem lieblichen Ostermorgen lag, ist uns unvergeßlich, als ob es erst gestern gewesen war. Und im Herzen empfinden wir, daß damals unter uns ein Heiliger weilte...
Vladyka Maxim war besonders befreundet mit Vladyka Viktor, der das genaue Gegenstück zu dem Bischofs-Arzt war. Vladyka Viktor war klein, füllig, lebensfroh, offen, zugänglich, zu allen höflich und gesprächig. „Jeden Menschen muß man irgendwie trösten“, pflegte er zu sagen und er vermochte auch jeden, den er traf zu „trösten“, zu erfreuen, ihm ein Lächeln zu entlocken. Er kam oft zu Vladyka Maxim und unterhielt sich lange mit ihm über das Schicksal der Russisch Orthodoxen Kirche. Er war ein Optimist und versuchte ständig, mit seinem Glauben an eine lichte Zukunft Rußlands Vladyka Maxim „anzustecken“, aber jener blieb ein Pessimist, oder wie er sich selber mit den Worten K. Leontjews charakterisierte „ein optimistischer Pessimist“. Es naht das tragische Ende der Weltgeschichte, und daher muß man nach den Worten des Herrn „den Kopf aufrichten“ in Erwartung des unbedingten Triumphes der Wahrheit Christi...
Am 21. Januar/3. Febuar 1930, am Tag, der dem ehrwürdigen Maxim dem Bekenner (dem Namenstag Vladyka Maxims) geweiht ist, kauften wir Ärzte, indem wir zusammenlegten, in unserem Lagerladen eine riesige, einem Hierarchen würdige Porzellan-Teetasse - eine außerordentlich kunstvolle Arbeit - und überreichten sie feierlich unserem teuren Vladyka als Geschenk. Vladyka aß wenig, aber er trank gerne Tee. Das Geschenk hatte einen großen Erfolg. Diesen ganzen Tag verbrachten wir wieder wie den Ostersonntag zusammen in unserem Zimmer, während uns Vladyka Viktor viele interessante Einzelheiten über den Prozeß gegen den hl. Maxim den Bekenner erzählte . „Glücklich sind Sie Vladyka, daß Sie den Namen eines so großen himmlischen Beschützers und Bekenners gerade in dieser Zeit tragen“, schloß Vladyka Viktor froh seine zu Herzen gehenden Worte.
Am 5/18. Juli 1930, am Tag des hl. Sergij von Radone¡z, informierten uns unsere Freunde aus dem Sanitätsbüro, daß ich in dieser Nacht verhaftet und mit einem „Sonderkonvoi“ nach Leningrad „in neuer Sache“ geschickt werden würde. Vorgewarnt, bereitete ich mich vor, verabschiedete mich von meinen Freunden und legte mich schlafen, indem ich die Verhaftung erwartete. Als ich um 2 Uhr nachts Lärm und Schritte unten hörte (unser Zimmer befand sich im 2. Stock), verneigte ich mich bis zur Erde vor Vladya Maxim (der auch nicht schlief) und bat um seinen Segen und um sein Gebet, daß der Herr mir Kraft schenken würde zum Ertragen der kommenden Trübsal, Leiden, eventuell sogar Folter und Tod. Vladyka stand vom Bett auf, richtete sich zur ganzen Größe seines Riesenwuchses auf (es war mir, als ob er noch größer geworden war), segnete mich langsam, küßte mich dreimal und sprach feierlich: „Viel Leid und schwere Prüfungen müssen Sie ertragen, aber Ihr Leben wird letzten Endes geschont und Sie werden in die Freiheit gehen. Und mich werden sie auch nach einigen Monaten verhaften und ... erschießen. Beten auch Sie für mich, jetzt solange ich noch lebe, und besonders nach meinem Tod...“.
Die Voraussagen von Vladyka Maxim trafen genau ein: Im Dezember 1930 wurde er verhaftet, nach Moskau gebracht und dort durch Erschießung hingerichtet.
Laß ruhen, o Herr, mit den Heiligen, die Seele Deines Knechtes - des ersten Katakomben-Bischofs der leidgeprüften Russisch Orthodoxen Kirche, Maxim.
Eine russische Emigranten-Zeitung teilte 1931 folgendes mit: „Vatikan, 30. November (Gavas). Erst heute erhielt die Vatikan-Kommission ‘Pro-Russia’ die Nachricht von dem Tod des Magister Maxim, des orthodoxen Bischofs von Serpuchov. Bischof Maxim wurde am 6. Juli von den Bolschewiken erschossen wegen seiner Weigerung Metropolit Sergius, der sich bekanntlich mit der Sowjetmacht* arrangiert hat, anzuerkennen.“

* Weiterhin teilt diese Quelle mit: „Vater Roman Medved’, der zum Amtsbereich des orthodoxen Erzbischofs Bartholomäus gehörte, wurde ebenfalls zum Tode verurteilt, aber dann wurde das Urteil in zehn Jahre Zwangsarbeit umgeändert“.