Hl. Neumärtyrer Metropolit Iosif von Petrograd

Tagebuch eines Mönches



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 3

Bote 1999, 2

OFFEN

Bote 1999, 3


6. O Du, der du mir Deinen wunderbaren, gnadenreichen Namen verliehen hast1, Vorläufer des Herrn, Himmlischer Beschützer und mein Schutzengel! Mache mich zum Nachahmer nicht nur Deines Namens, sondern auch Deiner wunderbaren Tugenden und Werke! Den Geist, der in Dir war, stähle auch in mir – durch die beständige Erinnerung an Dein wundersames Leben, durch die unentwegte Vergegenwärtigung Deines begeistert-askesegeprägten Angesichts! Es gibt unter den von den Frauen Geborenen keinen Größeren als Dich! Sei all dies für mich durch Deine Hilfe, Deine Unterweisung, Deine Beschirmung!1895.
7. Ich weiß nicht, bin ich prädestiniert zur Erlösung oder zur ewigen Qual... Aber darf mir vor dieser Ungewißheit bange werden, darf ich an meinem Heil verzweifeln? Möge mir mein Richter und Gott verzeihen, wenn ich mich in dem Glauben zu beruhigen suche, daß Er, wenn ich selber dem nicht entgegenwirke, auch Seine Vorbestimmung über mich ändern kann, meine tränenreiche Reue und mein Flehen entgegennehmen kann, und ähnlich wie im Falle des alten Ninive, auch bei mir Sein Urteil in Erbarmen verwandeln kann, wobei dies Seinen ewigen Gesetzen der Wahrheit und Barmherzigkeit keinerlei Abbruch tut.1895.
8. Was wirst du Gott, dem Gerechten Richter vorweisen, meine verruchte Seele, wenn du einst des Körpers, in dem jetzt deine Leidenschaften nisten und wie Geschwüre sich ausbreiten und wachsen, entblößt sein wirst? Wenn du letztere, des Leibes entblößt, dieser Hülle beraubt und du dich so siehst, wie du bist: Nicht der Leib zieht dich zur Sünde, sondern du selbst machst ihn zum willfährigen Werkzeug deiner scheußlichen Lüste und Leidenschaften. Jeder deiner Wünsche ist Leidenschaft, jeder deiner Impulse Gestank, jede deiner Regungen Abscheulichkeit. Von nichts werden sie dann gedeckt, mit nichts gestillt, sie sind nicht zu sättigen! O, wie wird deine Seele dann erbärmlich sein, unfähig zum geistigen, ewigen, himmlischen Leben! Wagst du dann zu behaupten, daß dein Gott auch einen einzigen Seufzer annimmt, auch auf ein einziges Flehen und Verlangen hin Erbarmen schenkt? Ja, Er ist erbarmungsreich und liebt den Leidenden und „in einer Stunde würdigte Er den guten Schächer des Paradieses“, der an der Schwelle des Todes zu Ihm rief und ebenso schnell gerechtfertigt wurde; gleicherweise den Zöllner, der aus der Tiefe der Seele zu Ihm aufseufzte... aber dem ersten erwies Er Sein Erbarmen deshalb, weil in dessen Situation die Aufrichtigkeit und die Kraft des Wort-Gebetes sich nicht mehr im Gebet der Tat ausdrücken konnte. Und den zweiten rechtfertigte Er deshalb, weil die Aufrichtigkeit und Kraft des Tat-Gebetes schon solcherart waren, daß man sie bereits nicht mehr in Worte fassen konnte, weil kein Schluchzen, keine Schläge auf die Brust noch etwas hinzugefügt hätten. Ist etwa deine Lage solcherart, daß diese Beispiele zu deinem Trost und deiner Beruhigung angebracht wären? Nein, du bist jung, stark, voller Leben und Kraft, um alle Früchte, die der Buße würdig sind, zu erbringen... erweise dich bereit dazu! Ziehe durch sie die Gnade Gottes herbei, welche darauf wartet, daß du nur deine Hände zu ihr ausstreckst, sie mit ganzem Herzen ersehnst. Sie könnte dir all dies geben, denn schon längst ist sie bereit, dich mit ihrer so lange verborgenen Umarmung zu umfangen! 1895.
9. Uns Unwürdigen, von sündiger Ergötzung Übersättigten, ist es gar unmöglich, die Süße der lautersten Liebe zum Herrn zu erfahren. Über uns kann dasselbe gesagt werden, was der Teufel über Hiob sagte: „Ist Hiob umsonst so gottesfürchtig?“ (Job 1,10). So auch wir: „Lieben wir, ohne etwas zurückzuerwarten, falls wir den Herrn überhaupt lieben?“ Nein, wenn wir auch lieben, dann kann unsere Liebe nicht umhin, viel von ihrer Kostbarkeit und Reinheit zu verlieren – wir sind uns nämlich bewußt, daß wir nicht umsonst lieben, daß wir zahlungsunfähige Schuldner vor Ihm sind, daß wir einfach lieben müssen, daß wir Ihn dafür, daß Er uns solche Güter schenkt, uns so unzählige und so riesengroße Sünden verzeiht, lieben müssen. O wie selten sind solche selige Seelen unter uns, für welche die Liebe zum Herrn nicht nur eine verbindliche Pflicht und die Entrichtung des Geschuldeten ist, sondern das allerreinste Opfer, ein Geschenk völlig freier, uneigennütziger Art, zwar im Bewußtsein von „Das Deine von dem Deinen“, aber ohne den geringsten Anflug von Eigennutz und Gefühl der Verpflichtung.1896.
10. Ich liebe oder ich hüte ehrfurchtsvoll das Leben, weil es ein Vorhof zum ersehnten, seligen ewigen Leben ist! Ich fürchte und zittere vor dem Tod, weil er das Ende aller uns möglichen Anstrengungen ist, durch welche man sich Eingang in das Himmelreich veschaffen kann. Möge es Deinem heiligen und allguten Willen, Herr, wohlgefällig sein, mein Leben zu erhalten, aber nicht zur Vermehrung von Sünde und Laster, sondern zum Erwerb aller Früchte des Glaubens und der Liebe zu Dir! Möge ich nicht außerhalb Deines Gemaches stehen ob meiner Sorglosigkeit, Erschlaffung und Sündenliebe! Gewähre mir Herr, daß wenigstens das Ende meines Lebens christlich-gut, ohne Schande, friedlich sei! Möge mein letzter Seufzer einer der Zerknirschung über meine Sünden sein! Möge meine letzte Bewegung ein ehrfürchtiges Sich-Bekreuzigen sein, mein letzter Schrei der heißersehnte Ausruf: „Gedenke meiner, Herr, in Deinem Reiche!“, „Herr, nimm meinen Geist in Frieden auf!“.1896.
11. Wie lange, o Herr, läßt Du zu, daß ich der Sünde willfahre, in den Leidenschaften schmachte? Habe Erbarmen, Sanftmütiger, Gütiger, Raschhörender! Du bist Liebe: Liebe mich! Du bist Wahrheit: Belehre mich! Du bist Kraft: Stärke mich! Du bist Heiligkeit: Heilige mich! Du bist das Dreisonnige Licht: Suche mich heim, läutere und erleuchte mich! 1896.
12. Du offenbartest Dich mir, Herr, in den wunderbaren Werken Deiner Schöpfung und in den wundervollen Schicksalen Deiner Vorsehung! Du offenbartest Dich in den schrecklichen Verkündigungen Deiner Kraft und in dem stillen Hauch Deiner grenzenlosen Sanftmut und Gnade! Du offenbartest Dich in der freudigen Kunde über die wahrhaft Glückseligen und in den rührenden Berichten über die unglücklichen Leidensdulder! Du offenbartest Dich im tröstlichen Wohlgefallen über die lichten Werke der Menschenhände und in der Betrübnis über die finsteren Taten ihrer Böswilligkeit! Du offenbartest Dich in dem glücklichen Lächeln der durch Dich Gesegneten und in dem bitteren Seufzer der von Dir Verworfenen! Du offenbartest Dich in der Begünstigung der Dich Liebenden und in dem Hinabstürzen der Dir verwegen Ungehorsamen! Du offenbartest Dich in den Werken Deiner Menschenliebe und in den fürchterlichen Heimsuchungen Deines gerechten Zornes! Du offenbartest Dich im Durst nach allem Guten und Heiligen und in der Abkehr von allem Bösen und Unreinen! Du offenbartest Dich in der Labung an allem Ewigen und Unverweslichen und im Bewußtsein der Leerheit alles Eitlen und Schnellvorübergehenden! Du offenbartest Dich in den unvermittelten süßen Entzückungen meines Geistes durch Deine Gnade und in der unwillkürlichen Sehnsucht meines Herzens! Du offenbartest Dich in dem eifrigen Streben nach der Wahrheit und Frömmigkeit und in der behutsamen Vermeidung jeder Schmeichelei und Gesetzwidrigkeit! Du offenbartest Dich mir, Du guter Hirte und Tröster meiner Seele, in den gnadenreichen Tröstungen und Gaben des ersehnten pastoralen Dienstes, in den Mühen und Sorgen um die Errettung der Dich liebenden Menschenseelen, in der Manifestation Deiner Gnadenkraft und der unendlichen Gnade ob meiner Unwürdigkeit. Amen. 1896.
13. Hast Du uns, barmherziger Schöpfer, aus dem Nichtsein gerufen, um uns in der Knechtschaft der Sünde des Fleisches und des Teufels schmachten zu lassen? Nein: „Ein Bild bin ich Deiner unaussprechlichen Herrlichkeit“, das eigenwillig aus dem ersehnten Vaterland herabgefallen ist! Aber hole zurück, o Allgütiger, hole zurück, was Dir zurecht gehört, hole das Deinige zurück, den Funken und Atem Deiner Gottheit, der in fremden Landen verschmachtet, unter dem Joch frecher und grausamer Unterdrücker! Dulde nicht eine so freche Schändung Deines Ebenbildes, das Dich darstellt und der Abglanz Deiner Vollkommenheit und Herrlichkeit ist. Hebe auf, Herr, die Gefangenschaft der Deinigen, der Trauernden, der zu Dir Strebenden, Dich Suchenden und nach Dir Dürstenden! Erweise uns Deine Kraft und Dein Heil! Möge uns nur Deine Siegesstimme erschallen, und unsere Feinde, die unsere Seele in Entfremdung, Ungehorsam und Vernachlässigung Deiner fesseln, werden zerstrichen! Zu Dir, Herr, streben meine Wünsche: „Ich habe gesündigt, aber ich bin nicht von Dir abgefallen, Gott, noch haben wir unsere Hände zu einem fremden Gott erhoben!“. Errette uns: Das wird kein Zwang gegen unsere Freiheit sein, kein Niedertreten unseres Willens, keine Vergewaltigung des uns in seiner Knechtschaft haltenden Satans, denn wir sind Dein, und Du bist unser wahrer König, Gebieter, Herr, Hirte und barmherziger Vater! 1896.
14. Wenn du zweifelst, auf welche Weise sich unser Körper nach der Auferstehung so wandeln kann, dann rufe dir – damit es dir nicht zugleich seltsam erscheine, daß er vollkommen und in vergeistigter Form Haupt, Hände, Füße und alle anderen Glieder haben wird – jene in Erinnerung zurück, die Leidenschaftslosigkeit erlangten, jene, die im geistlichen Leben sich erhoben und schon hier so lebten, als ob sie überhaupt nicht im physischen Leibe wären; sie vertieften sich gänzlich in die Betrachtung der Geheimnisse und Schönheiten der geistlichen Welt, sie lebten fast nur dem Geiste und seinen Bedürfnissen und Kräften nach. Ähnlich wie wir jetzt mehr im Fleisch und dem Fleische nach leben und uns so sehr im Fleisch wohlfühlen, daß wir gänzlich den Geist vergesssen, ihn nur noch ganz schwach wahrnehmen, begreifen und fühlen, seiner nur wenig bewußt sind, werden wir uns dann, wenn wir mehr nach dem Geiste und im Geiste leben, so sehr in den Geist vertiefen, daß wir alles über den gegenwärtigen verweslichen Körper völlig vergessen. Ebensowenig wie wir jetzt den Geist bemerken, werden wir dann unseren Körper wahrnehmen und fühlen. Jetzt fühlen, beachten und pflegen wir viel eher unseren Körper, weil er sich in Diskrepanz zum Geist befindet, und das Übergewicht in dieser Unstimmigkeit ist gänzlich auf seiten des Körpers, aber dann werden sich Geist und Körper von diesem Gegeneinander Abstand nehmen, sich versöhnen und in vollkommener Harmonie und Schönheit in einen einzigen, integralen und unteilbaren, gottgeschmückten, gottvereinigten, in allen seinen Teilen gottgeheiligten Menschen verschmelzen. 1897.
15. Bis wohin entstellt nur der Satan meine Seele, fesselt sie in seinen Netzen: Ich bin fähig, sogar in einen Gegenstand des Stolzes zu verkehren, daß „Hochmut“ in mir ist... Ich las in den Werken der Heiligen Väter, daß die Dämonen, die alle Kräfte im Kampf mit den Asketen erschöpft hatten und sie nun auf der unbesiegbaren Höhe der Vollkommenheit und Leidenschaftslosigkeit stehen sahen, ihnen den Stolz einflösten, der leider nicht selten sogar die Allergottgefälligsten in den verderblichen Abgrund reißt. Und schon stelle auch ich eine nach Stolz riechende Mutmaßung an: Wenn die verruchten Menschenhasser auch auf mich ihre Pfeile des Hochmutes richten, dann bedeutet das, daß auch ich „nicht so etwas ganz Gewöhnliches“ bin. O verruchte Schmeichler und Verleumder! Wie lange duldet der Gebieter noch eure hinterlistigen und frechen Schmähungen der Ihm Ergebenen und der euch stets Verfluchenden! Gebiete ihnen Einhalt, Herr, auf daß sie nicht Dein Ruhegemach – unsere Herzen – aufreizen, und ihre hinterlistigen Netze zerreiße, und zerstäube sie wie lächerlichen Staub! 1897.
16. „Einen anderen Glanz hat die Sonne, einen anderen Glanz hat der Mond, einen anderen Glanz haben die Sterne“ (1. Kor. 15,41). Ein anderer Ruhm ist auch mir Unwürdigem vom Herrn bereitet, wenn ich nur um Seinetwillen alles verachten könnte, was mich nicht zu Ihm führt. Herr! Wieviel kann ich Dich aufnehmen, auf daß ich Dich aufnehme! Daß ich Dich aufnehme nach meiner Kraft und Bestimmung, vorbezeichnet durch Deine Gnade und die Anteilnahme an Deinem Göttlichen Erbe, denn jedes Geschöpf nimmt nur so viele Gaben Deiner Gnade auf, wie es ihm seine Dir widerstrebende Natur gestattet. Ich aber, Unwürdiger, bin berufen, nicht nur Deine Gaben zu empfangen, sondern ganz Dich Selber, den Unbegreiflichen und Wunderbaren Gott! Auf daß ich nicht verschwende diese meine Kraft, diese meine Vorbestimmung! Auf daß ich nicht Dich verderbe, diese ruhmreichste Deiner Gaben an mich, welche unsere schwache und ohnmächtige Natur eben aufzunehmen fähig ist! Auf daß ich Dich aufnehme, nicht nur dem Maße meines, sondern vielmehr Deines Willens nach, durch den Du uns der allersüßesten Vereinigung mit Dir teilhaftig werden läßt! 1897.
17. Erleuchte unsere Augen, Herr, damit wir alle hinterhältigen und arglistigen Pfeile des Feindes erkennen und abwenden können! Lasse nicht zu, daß wir uns durch seinen Stolz und Eigenruhm verletzen und wir Deiner Gaben unwürdig werden, wenn Deine Kraft in unserer Ohnmacht geruht, das Große und Ruhmreiche zum Nutzen unserer Seelen zu vollbringen. Denn der Böse kennt keine Ruhe Tag und Nacht, er macht sich lustig über unsere unglücklichen Seelen, und sogar unser Bestreben, Dir wohlgefällig zu sein, verkehrt er in einen Dienst seiner frechen und verderblichen Bosheit, durch welche er versucht, seine erbärmliche Ohnmacht und Niederlage statt an Dir an uns zu rächen. O weh, wer außer Dir, Menschenliebender, würde sich unserer erbarmen und uns, den genötigten Teilhabern an seiner verzweifelten Bosheit, beistehen! Wer außer Dir zerstört diese erbärmliche und bittere Gefangenschaft oder wendet diesen Feuerbrand (Stolz und Eigenlob) ab, der in einem Augenblick alles, was die Seele an Dir wohlgefälligem Dienst erworben hat, vertilgt? 1897.
18. Dich, liebreicher Gott, wünschte ich alleine zu „wollen“ und Dich allein begehrte ich zu suchen und zu erwerben! Laß entstehen auf meinen Wunsch hin das „Verlangen nach dem Äußersten“ und auf meine Bitte hin das „Erbarmen der unergründlichen Tiefe“! Möge ich auch dessen unwürdig sein, aber es wird dann ein umso höheres Geschenk sein, nämlich eine Gabe Deines Erbarmens. Wer ist Deiner, der höher als alle erhabenen Werte ist, würdig? Mögen die Wege meines Herzens auch nicht seinem wahren Durst entsprechen, aber wer ist seliger und weiser als Du, der Schöpfer und Urheber aller? Möge ich auch unfähig sein, Deine Gaben zu fassen und zu wahren, aber wer ist stärker als Du, der Allgute, der alle Ohnmacht durch Seine Kraft überwältigt? Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht! (Phil. 4,13). Möge mein Wunsch auch mangelhaft sein und ebenso mein Gebet, aber von Dir ist „jede gute Gabe“, selbst die Willenskraft ist nicht aus uns. Ohne Mich könnt ihr nichts tun! (Jh. 15,5). Denn von Dir ist „das Wollen und das Vollbringen“ (Phil. 2,13), „jede vollkommene Gabe“ ist von Dir, dem Vater des Lichtes. 1897.
19. Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße, mache mich zu einem deiner Tagelöhner! (Lk. 15,18-19). Schaue, wessen du verlustig gingst und was du nun anstrebst! Du verlorst die Sohnschaft und nun suchst du die Knechtschaft. Du verdarbst die Verwandtschaft und möchtest nun wenigstens das Band des Tagelöhners aufrechterhalten. Du hast die Gemeinschaft der Liebe nicht geschätzt und tröstest dich nun wenigstens an dem Gefühl der räumlichen Nähe! Habe doch Erbarmen, Allguter, Gutmütiger und Menchenliebender Himmlischer Vater! 1897.
20. In der Tat: Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt (Röm. 8,26). Rufe ich im Gebet: „Erbarme Dich Herr“, so fürchte ich als Antwort zu hören: „Erbarme dich deiner selbst! Habe Ich denn je jemanden verdorben?“. Würde ich im Gefühl der Hilflosigkeit aufschreien: „Hilf mir!“, entlarvte ich mich durch den Hinweis auf jene, die „alles vermögen durch den sie Stärkenden“ – Denn Meine Kraft zeigt sich in der Ohnmacht (1 Kor. 12,). Stöhnte ich unter Tränen „Rette mich!“, fiele ich in tiefe Schande, denn ich hörte: „Bin Ich denn nicht für alle der Retter?“. Begänne ich zu flehen „Zeige Dich barmherzig an mir!“, so geriete ich in bitterste Schmach, denn ich hörte „Bin Ich etwa hartherzig, daß du durch meine Schuld verdirbst? Sei zu dir selber barmherzig, du meine geliebteste und ersehnteste Schöpfung! Höre auf, dich selber zugrunde zu richten! Höre auf, Meine Liebe zu verwerfen, Mich zu fliehen, der Ich dich mit Meiner Hilfe und Rettung, die immer für dich bereit sind, suche! Höre auf, Mich meinem Feind vorzuziehen! Höre auf, Dem neue Wunden zuzufügen, Der für dich gelitten hat und gestorben ist! Höre auf, das Herz, das für dich offen ist und niemals mehr zuheilt, mit einer Lanze zu durchbohren und zu zerreißen!“ 1897.
Fortsetzung folgt

21. Unsere Tugenden sind alle irgendwie von defektem Charakter. Bei allen tun wir als verkommene Knechte nur das, was uns gebührt zu tun, erwerben wir nur das, was uns nötig ist zu haben, nämlich: die Wiederherstellung des Verlorenen, die Befreiung aus der Knechtschaft, die Rückgewinnung der Freiheit aus der Gefangenschaft der Sünde, der Welt und des Diabolus. Der allerhöchste Impuls zur wahren Tugend ist das Eingedenksein der grenzenlosen Liebe Gottes zu uns in den Versuchungen der Sünde, das Bewußtsein dessen, daß wir zwar Knechte der Sünde sind, aber in freiem Willen über unsere Freiheit verfügen können: Daß wir in einem gegebenen Falle vermögen, nicht zu sündigen – wenn wir jedoch sündigen wollen und nicht versuchen, uns zu enthalten, dann heißt das, daß wir den Herrn nicht achten und Ihm nicht gehorchen möchten! 1897.

22. Herr! Ist nicht etwa in den Augenblicken der allerbrennendsten fleischlichen Regungen das immer noch vorhandene Verlangen, die Jungfräulichkeit in Reinheit und Unversehrtheit zu bewahren, trügerisch, unrealisierbar und keiner Beachtung wert? Aber warum erscheint es überhaupt und ist so lebendig in einer ihm anscheinend untypischen Gesellschaft? Lasse nicht zu, o allerreinste Makellosigkeit, daß so ein wertvoller Schatz in Minuten schwerer Versuchungen zerstört werde! Erhalte und bewahre in unzerstörbarer Reinheit und unverdorbener Jungfräulichkeit Seele und Leib! Dulde nicht, daß die Liebe zu Dir, die mein Herz erwärmt und mich um Deinetwillen zu dem heiligen Bußwerk der Jungfräulichkeit ermutigt, erlösche und verkümmere! Gestatte nicht, daß das Leibliche in dem harten Kampf um das Spirituelle irgendwann das Übergewicht gewinne... Sende mir Deine gnadenreiche und allmächtige Hilfe! Möge ich Dir als dankbares Opfer Deiner Liebe das reine und durch keine fleischlichen Erregungen und Erlabungen befleckte Herz darbringen! 1897.

23. Die Jungfräulichkeit ist eine große Gabe Gottes an den Menschen. Aber von ihm aus gesehen ist sie gleichzeitig ein sehr großes asketisches Werk, das unglaubliche, fast übermenschliche Anstrengungen erfordert. Die allervollkommensten Junggesellen, die die Stufe völliger Leidenschaftslosigkeit erreichten, gaben ohne sich zu schämen zu: Wenn sie durch alle Stufen und Arten der Versuchungen hätten gehen müssen, dann „würde kein Fleisch gerettet!“ Diesem Askeseopfer widerstrebt und stellt sich vor allem die ganze menschliche Natur in dem allerheftigsten, unwiderstehlich-mächtigen Kampf entgegen. Auf diesen Kampf ist hauptsächlich die Forderung, „sich selbst zu verleugnen“, zu beziehen. Wie jämmerlich und schwach ist der Mensch! Wie viele gute Anwandlungen und Vorsätze hat er, aber wie wenig Kraft sie zu verwirklichen! Hat das nicht die Enthaltsamen veranlaßt, sich vor den Blicken der Menschen zu schützen? Hat nicht die Jungfräulichkeit und der Wunsch sie zu bewahren, sie mehr als alles andere in Einöden, Höhlen und Erdschluchten getrieben? 1897.

24. Wehe uns, die wir den „Augenblick“ nur des Jetzt leben, und die Zeiten der unendlichen Ewigkeit vernachlässigen!. Um einer Minute willen, um der Lust der schnell vorübergehenden Genugtuung des Fleisches willen vergessen wir die höheren Forderungen des Geistes und stürzen uns in das Laster. Auf diese eine Minute, sie zu ereilen, laufen fast all unsere Gedanken, Bestrebungen, Gefühle hin. Nicht beschäftigt uns das Vergangene, das unnütz und unwiderbringlich Verschwendete, und uns sorgt nicht das Zukünftige, zieht nicht das Himmlische, Ewige an... Ach, der Tod mitten im Leben! Wir sind uns nicht einmal bewußt, daß wir im gegenwärtigen Augenblick leben, und nur dann fühlen wir ihn, wenn wir mit unserer Unersättlichkeit den Mangel oder das Fehlen der gewohnten Lebensgüter empfinden, wenn der Kelch der Bitternis unsere Lippen berührt... Wie einen unbekümmerten Schlaf Schlafende irren wir unter den schnell schillernden Gespenstern des Nichtigen, Vorüberfliegenden, Endlichen, Zeitlichen umher und gelangen nicht zum Bewußsein des einzigen wahren und wirklichen ewigen Lebens! 1897.

25. Die großen Verfechter der Freiheit des Lebens hatten die edle Gewohnheit, Hilfe und Stärke in dem Segen der höheren Kräfte zu suchen, und bewegt von diesen erhabenen Impulsen strömten sie zu den großen Kämpfern um die Freiheit des Geistes in die Einöden! Steht es nicht auch dir wohl an, der du davon träumst, die wahre und ersehnte Freiheit des Geistes in dir zu entfalten und zu bewahren, in dem heiligen Werk der Enthaltsamkeit – wenn du zum harten Gefecht mit den Unterdrückern dieser Freiheit in die Welt hinausgehst – mit Glaube und Hoffnung Hilfe und Stärkung von oben zur Verwirklichung deiner guten Absichten zu suchen? Nämlich bei jenen und durch jene, die bereits einen vollen Sieg über sich errangen und diesen auch anderen vermitteln können! Helft ach, o heilige Zeloten der Enthaltsamkeit, auch mir, alle lustvollen Begierden abzuwerfen! Erhalte, stärke und schütze mich, Herr, durch ihr Eintreten in den Augenblicken des schweren Kampfes gegen die Versuchungen, „wenn meine Kraft schwindet“! Und das edle Verlangen meines Herzens, das vor Liebe zu Dir Einzigem dürstet, lasse nicht nur ein Wunsch sein... Lenke mein Verstehen, gib mir Weisheit, Trost und suche mich heim, o Herr! 1897.

26. Schnell und brausend rollt die Welt ihre Wellen, mit allen ihren Begierden, ihrer Hast, Eile und ihren Stürmen. Dann verschwinden alle Verlockungen der Begierden, es zerstreuen sich schneller als Staub und Rauch alle Genüsse der Lüste; und im Herzen bleibt allein die Wehmut übrig – die einzige feste und bleibende Spur des Augenblicks-Vernügens: Die Wehmut und das Stöhnen darüber, daß wir, die wir nach Höherem streben und dessen Süße und Vorzüglichkeit wohl kennen, es für die zeitlichen Ergötzungen des Fleisches hingaben. 1897.

27. Der Herr, der wunderbar in den Seinen ist, präsentiert der Welt die unzähligen Scharen heiliger Männer und Frauen in ihren gottesfürchtigen und mühevollen Lebenswegen, welche sogar die Engel staunen lassen und die uns Vorbilder zur Nachahmung sein mögen. Wie bitter ist also das Eingeständnis, daß wir taub und blind für solch einen Ruf und Fingerzeig Gottes sind! So sollte uns ein Grund zur Klage sein: Wir, die wir viel mehr und tiefer fallen können als viele von ihnen je gefallen sind, könnten uns doch dank der gnadenvollen und allen zugänglichen Hilfe Gottes auch solches Verzeihen und solche Gnade erwirken! Aber so sehr haben wir uns schon an das in Selbstvergessen von uns getrunkene, verderbliche Gift des Teufels gewöhnt, daß wir nicht einmal bemerken, wie sogar unser Streben, den Askesewerken und dem Ruhm der Freunde Gottes nachzueifern, vergiftet und so ganz mühelos vom Teufel in einen ruchlosen und wahrhaft diabolischen Neid und Stolz verkehrt wird. Schüttle das schwere Joch des Bösen von dir ab, o Mensch! Wofür ist dir denn die Freiheit gegeben, etwa um sie so billig deinem und Gottes Feind zu verkaufen! Dir ist die potentielle Möglichkeit und der Drang zum Fallen anheimgestellt, aber nur dann bist du dir selbst kein Feind, wenn du dieses peinliche Vermögen mit einem anderen überdeckst, nämlich, wenn du dich durch Abhauen und Abtöten der physischen Leidenschaften noch zu Lebzeiten hoch über die Erde aufschwingst, gleich der seligen Maria von Ägypten – wenn du also solch eine Höhe der apathia und Selbstverleugnung erreichst, daß das Feuer dich nicht brennt, das Wasser dich nicht ertränkt, das Schwert dich nicht erbeben läßt, die Lust dich nicht aufreizt, die Begierde dich nicht überwältigt, die Leidenschaft dich nicht verletzt, und alle Schätze und Güter der Welt dir nichts gelten. Und all das bei voller Freiheit und dem Vermögen, Lüste zu erfahren und Schätze zu gewinnen. Wie viele solcher Gottesfreunde gab es, die alles um Seinetwillen bezwangen, die, wenn sie Pech berührten, nicht schwarz wurden, die das Feuer nicht versengte, die die legalsten und unschuldigsten Vergnügungen als langweilig und ihre Liebe zu Gott beeinträchtigend empfanden! Wie viele gab es solcher, welche durch die Liebe zum Herrn und zur Reinheit sogar die so brennnende und alles beherrschende Lust des Ehelagers besiegten und die Umarmungen der himmlischen väterlichen Liebe den Umschlingungen junger, unverdorbener Gefährtinnen vorzogen. O gottgeliebte, engelgleiche Kinder Gottes, Schätze des Himmelreiches, Schmuck der ganzen Menschheit und der Kirche Gottes! Helft auch mir Verzweifeltem, alles um des Herrn willen zu überwinden, was nicht zu Ihm führt, was Seinem Sieg über mich und Seiner ganzheitlichen, ungeteilten Herrschaft in mir im Wege steht! 1897.

28. Wenn du in dir die höheren Impulse des Geistes zu wahrer Reinheit und ungeteiltem Dienst am Herrn empfindest, was für Beweise sind dann noch vonnöten, damit dir klar werde, wie schwer du sündigtest, als du der Stimme Gottes, der dich zur höchsten Bestimmung rief, nicht folgtest? Fliehe nicht vor dieser Stimme, tief betrübt und dich grämend, wie jener Jüngling der „nicht weit“ vom Königreich Gottes war, aber durch seine Verhaftung an die Erde und das Irdische dessen Tore für sich verschloß, „denn er hatte viele Güter“ (Mt. 19,22). Alles hatte er getan, auf ihm ruhte bereits der liebende und mitleidsvolle Blick des Herrn und Retters, aber in einem fehlte er: Er war Gott nicht gehorsam und verlor damit alles. Herr! Laß nicht zu, daß sich solches auch an mir wiederhole! Da dürstet meine Seele ganz danach, Dein zu sein, der Welt und Sünde fern zu bleiben, ganz dürstest sie, Dich zu lieben, Dir Einzigem zu dienen, zu gehören, Dich alleine anzubeten! Möge ihr nach ihrem Verlangen geschehen... 1897.

29. Hättest du uns wohl dafür, o Herr, ins Dasein gerufen, daß Du uns nicht verschonen wolltest? Ich zittere vor Deinem Gericht, bei dem Du uns sagen wirst, daß Du alles tatest und bereit warst zu unserem Heil zu tun: „...und ihr habt nicht gewollt“ (Mt. 23,37). Erwecke, Gott, unser schlafendes Gewissen, auf daß darin kein Makel von Sünde übrigbleibe, für den es stumm, taub, blind und gleichgültig wäre. „Oh Herr, mein König, laß mich alle meine Versündigungen sehen“, wie geringfügig und unwichtig sie uns auch deuchten: Eine jede von ihnen ist eine Verleugnung Deiner, denn Du bist ganz Lauterkeit und reinstes Heil! Jede davon ist eine Freveltat, denn sie entlarvt Unaufmerksamkeit und Ungehorsam Dir gegenüber! Jede davon ist eine Unzucht und ein Ehebruch in unserem Geiste, denn Du, Herr, Alleiner, hast alles Recht auf unseren Geist, als unser wahrer, gesetzlicher, liebender Bräutigam, als der Bräutigam der Dir angetrauten Seelen! Du alleine solltest von unserer Seele begehrt und vereint mit ihr sein! Komm doch, Ersehnter! Liebe den Dich Liebenden, der gerechterweise von Dir zu hassen wäre! Suche auf den Dich Suchenden, der gerechterweise von Dir zu verwerfen wäre! Rette den in der Knechtschaft der Sünde Verschmachtenden, den durch seine eigene Schuld Gefallenen! Reiche mir die Hand zur Hilfe, der ich umtost bin von den Wellen der Leidenschaften und durch Erschlaffung der Liebe und Zweifel im Glauben in ihnen zu versinken drohe! 1897.

30. Wenn es mir erlaubt ist, im Herzen einen flammenden Wunsch zu hegen, sollte ich ihn dann nicht Dir, „meinem Höchsten Begehren“ – dem Zuvorkommen und der Erfüllung jedes edlen Verlangens – mitteilen? Also im Wagnis auf das Erbarmen dessen, der sprach „Bittet und es wird euch gegeben“ (Lk. 11,9), flehe ich Dich an, Herr, wie der alte Salomon: Nicht brauche ich Reichtümer, noch Ruhm, noch Schönheit, nicht einmal die Weisheit, die diesem so ersehnt war... Kröne mich, Herr, mit der unverweslichen und unverwelklichen Krone der Jungfräulichkeit, die Dir so wohlgefällig, Deiner so würdig und Dir so angenehm ist! Möge dieser Wunsch meines Herzens nicht verstummen, Herr, solange bis er erhört wird! Blicke mit Deinem mitleidsvollen Auge, o Herr, auf den, der unentwegt zu Dir ruft. Wenn ich dieser großen Gabe unwürdig bin, dann zeige Dein unermeßliches Erbarmen, würdige mich dessen! Wenn mein Verlangen nicht rein ist, so läutere und heilige es zu einem Dir angenehmen und reinen Opfer. Wenn es unzulänglich und unzuverlässig ist, so festige und stärke es! Wenn ich zu schwach dafür bin, dann beraube mich nicht Deiner gnadenreichen Hilfe, denn nicht auf meine Kräfte hoffe ich, sondern „alles vermag ich durch den, der mich mächtig macht“ (Phil. 4,13). Wenn es mir bei meiner äußersten Armut, Unvernunft und Unreinheit nicht möglich ist, so mache es möglich, denn „was bei den Menschen unmöglich ist, das ist Dir möglich“ (Lk. 18,27). Ich weiß wohl, daß uns nichts möglich ist ohne flammende, unauslöschliche Liebe zu Dir. Verletze ach mein Herz, Herr, durch Liebe zu Dir, o unsere unaussprechliche Süßigkeit und unauslotbares Erbarmen! „Ergieße über mich, Gott, Deine große Gnade!“ Um so höher, heiliger und Dir würdiger ist sie, als ich mich unwürdig vor Dir erweise! In ihr „geschehe mir Dein Wille!“.Sie sei mein tägliches Brot! Möge sie mir die Nachlassung meiner maßlosen Schulden sein, möge sie auch mein Gemüt zum Allverzeihen und Arglosigkeit hinneigen. Auf daß sie mich vor aller Versuchung und Verleumdung des Bösen bewahre! Möge sie Geist und Kraft all meiner Gebete zu Dir sein, Himmlischer Vater, möge sie immerdar meine Seele zu Dir entzücken und hinwenden! 1897.

31. Meine Gebieterin und Herrin! Durch Dein Eintreten und Deine Fürsprache vor Deinem Sohn und Gott befreist du sogar sündige Seelen aus den höllischen Tiefen! O Erbarmungsreiche! Um der Rettung der Sündenbeladenen willen verläßt Du die Seligkeit des Himmels, entsagst Du dem paradiesischen Frohlocken und schreitest auf unserer sündigen Erde einher, um diese Seligkeit und Freude in der Auffindung sündiger Seelen und ihrer Heimführung zu Gott zu suchen. Geh auch an mir nicht vorüber, Allreine! Vor allen anderen begegne ich Dir auf dem Weg, ich, der sündigste und verzweifelste der Menschen! Hilf mir, meine Freude, rette mich, rette mich um Deines geliebten Sohnes und unseres Herrn willen, auf daß ich von Liebe, Freude und Dankbarkeit zu Dir bewegt mein ganzes Leben lang rufe: „Freue Dich, Gnadenreiche, freue dich Beglückte! Freue dich, Ersehnte, aller Heil und Segen!“ 1897.

32. Das ist also dein Vorzug gegenüber den Engeln: Auch wenn du zusammen mit ihnen rufst „Dein Wille geschehe!“, so bleibt dir dennoch die Freiheit und die verlockende Alternative, diesen alllguten und vollkommenen Willen Gottes zu verletzen. Herr! Sende einen Lichtstrahl Deiner Göttlichen Gnade in mein versteinertes Herz! Laß nur einen Tropfen Deines tautragenden Geistes in meine fruchtlose, dürstende Seele fallen! Das ist mein Vorteil: Obwohl ich so sündig und stinkend bin, wie auch nur ein Mensch sein kann, ich nur Staub und Asche bin, kann ich mein Herz zu Dir wenden, meine Lippen zum Lobpreis Deiner Herrlichkeit öffnen! Diese wird nicht gekränkt durch meine Geringfügigkeit, meine Verwegenheit und meinen Ungehorsamkeit gegen Dich, sondern vielmehr erleide ich den Verlust und kränke Dein Ebenbild, das von Dir in meinen unsterblichen Geist geprägt ist. Deine Erhabenheit währt in alle Ewigkeit: Kann das nichtige Geschöpf sie vermindern etwa? Vergib, o Herr, meine tiefen Fälle und gib mir Tränen, Dich zu rühmen und zu loben, und sei es aus der untersten Hölle! Zu Dir, zu Dir strebt immerzu mein Herz, und Du, Herr und mein Schöpfer, wirst es etwa verwerfen? 1897.

33. Traurig und bedauerlich ist es, wenn du zurück blickst auf die Vergangenheit. Wie viel wertvolle Zeit wurde ohne jeden Nutzen vertan! Wie viel Gutes hätte in dieser nicht wiederzubringenden Zeit getan werden können! Und wie viel dieser kostbaren Zeit wurde geradezu zum Schaden und zum Verderb der Seele vergeudet! 1897.

34. Ist euch nicht auch das Gefühl des allerbittersten Ärgers bekannt, wenn ihr irgendeine wichtige Arbeit fast zu Ende geführt habt und plötzlich merkt, daß ihr euch irgendwo verrechnet, vermessen, verwogen, geirrt habt, als ihr euch darauf verließet, genügend Material zu haben, das aber bei euch gerade knapp war, und das ihr nirge

 

Bote 1999, 5

21. Unsere Tugenden haben alle irgendwie negierenden Charakter. Bei allen tun wir als nichtsnutzige Knechte nur das, was wir tun müssen, erwerben nur das, was zu besitzen unabdingbar ist. Dies ist die Wiederherstellung des Verlorenen, die Befreiung aus der Sklaverei, die Rückgewinnung der Freiheit aus der Fesselung an die Sünde, die Welt und den Teufel. In den Versuchungen zur Sünde ist der allerhöchste Impuls zur wahren Tugend das Gedenken der grenzenlosen Liebe Gottes zu uns, das Bewußtsein dessen, daß wir keine Sklaven der Sünde sind, vielmehr aus eigener Vollmacht über unsere Freiheit verfügen können, daß wir in der Lage sind hier und jetzt, nicht zu sündigen - und daß, wenn wir uns nicht zurückhalten wollen und uns nicht darum bemühen, wir folglich den Herrn nicht achten und Ihm nicht dienen wollen. 1897.
22. Herr! Ist in den Augenblicken der allerbrennendsten fleischlichen Regungen das mir bleibende Verlangen, die Jungfräulichkeit rein und unversehrt zu bewahren, etwa trügerisch, unrealisierbar und keiner Beachtung wert? Wenn dem so wäre, warum zeigt es sich überhaupt und erweist sich als so zählebig in einer ihm so offenbar unähnlichen Gemeinschaft? Lasse nicht zu, o allerreinste Makellosigkeit, daß so ein wertvoller Schatz in Minuten schwerer Versuchungen zerstört werde! Stütze und bewahre mich in unzerstörbarer Reinheit und unverdorbener Jungfräulichkeit von Seele und Leib! Lasse nicht zu, daß die Liebe zu Dir, die mein Herz erwärmt und mich um Deinetwillen zu dem heiligen Werk der Jungfräulichkeit ermutigt, erlösche und verkümmere! Gestatte nicht, daß das Leibliche jemals Oberhand gewinnt in seinem grausamen Kampf wider das Geistliche. Sende mir Deine gnadenreiche und allmächtige Hilfe! Möge ich Dir als Dankopfer an Deine Liebe ein reines und durch keine fleischlichen Begierde und Genuß beflecktes Herz darbringen! 1897.
23. Die Jungfräulichkeit ist eine große Gabe Gottes an den Menschen. Aber von dem Letzteren aus gesehen ist sie auch ein sehr großes asketisches Werk, das unglaubliche, fast übermenschliche Anstrengungen erfordert. Die allervollkommensten Junggesellen, die die Stufe völliger Leidenschaftslosigkeit erreichten, gestanden ohne Scham, daß sie, wenn sie durch alle Stufen und Arten der Versuchungen geführt werden würden, “so würde kein Fleisch gerettet werden!” Am meisten widerstrebt und bäumt sich die ganze menschliche Natur selbst gegen dieses Askesewerk auf mit dem allerheftigsten, unwiderstehlich-mächtigen Widerstand. Auf dieses Askesewerk bezieht sich vor allem anderen die Forderung, “sich selbst zu verleugnen”. Wie jämmerlich und schwach ist der Mensch! Wie viele gute Anwandlungen und Bestrebungen hat er, aber wie wenig Kraft sie zu verwirklichen! Hat das nicht die Enthaltsamen veranlaßt, sich vor den Blicken der Menschen zu schützen? Hat nicht die Jungfräulichkeit und der Wunsch sie zu bewahren, sie mehr als alles andere in Einöden, Höhlen und Erdschluchten getrieben? 1897.
24. Wehe uns, die wir “im Moment” der Nur-Jetzt-Zeit leben, und die Zeiten der unendlichen Ewigkeit vernachlässigen!. Um einer Minute willen, um der Lust des flüchtigen fleischlichen Genusses willen vergessen wir die höheren Bedürfnisse des Geistes und versinken in Begehrlichkeit. Auf diese eine Minute hin gerichtet, sie zu ereilen, sind all unsere Gedanken, Bestrebungen, Gefühle. Nicht beschäftigt uns das Vergangene, das nutzlos und unwiederbringlich verlorengeht, noch sorgen wir uns um das Zukünftige, noch zieht uns das Himmlische, Ewige an... Wehe, das ist der Tod selbst mitten in unserem Leben! Wir vergessen sogar, daß wir im gegenwärtigen Moment leben, und nur dann werden wir dessen gewahr, wenn wir mit der Unersättlichkeit unseres Herzens einen Mangel der gewohnten Lebensgüter, oder ihr gänzliches Fehlen spüren, sei es daß der Kelch der Leiden unsere Lippen berührt... Wie sorglos Schlafende irren wir inmitten den schnell schillernden Gespenstern des Nichtigen, Vorüberfliegenden, Endlichen, Zeitlichen umher und gelangen nicht zum Bewußtsein des einzigen wahren und wirklichen ewigen Lebens! 1897.
25. Die großen Freiheitskämpfer für das Leben hatten die edle Gewohnheit, Hilfe und Stärkung in dem Segen der höheren Kraft zu suchen, und bewegt von diesen erhabenen Motiven strömten sie in die Einöden zu den großen Kämpfern für die Freiheit des Geistes! Steht es nicht auch dir wohl an, der du eiferst, die wahre und ersehnte Freiheit des Geistes in dir zu entfalten und in dem heiligen Werk der Jungfräulichkeit zu bewahren - indem du in die Welt ausziehst zum harten Gefecht wider die Unterdrücker dieser Freiheit - zur Verwirklichung deiner guten Absichten mit Glaube und Hoffnung Hilfe und Stärkung von denen und durch die zu suchen, die bereits den vollen Sieg über sich errungen haben und die Gabe besitzen, ihn auch anderen zu reichen! Helft mir, heilige Eiferer der Enthaltsamkeit, daß es mir gelingt, mich von allen trügerischen Begierden loszusagen! Stütze, stärke und schütze mich, Herr, durch ihre Fürbitte in den Augenblicken des schweren Kampfes gegen die Versuchungen, “wenn meine Kraft abnimmt”! Und das edle Verlangen meines Herzens, das nach der Liebe zu Dir - dem Einen - dürstet, belasse nicht als bloßen Wunsch... Mache mich verständig, gib mir Keuschheit, tröste und suche mich heim, o Herr! 1897.
26. Schnell und brausend rollt die Welt ihre Wellen, mit allen ihren Launen, ihrer Eitelkeit und ihren Stürmen; einst werden verschwinden alle Verlockungen der Leidenschaften, alle lustvollen Genüsse werden zerstieben leichter als Staub und Rauch; bleiben wird im Herzen die Wehmut allein - das ist die einzig sichere und unauslöschbare Spur vergangenen Vergnügens: Die Wehmut und das Stöhnen darüber, daß wir, die wir nach Höherem streben und dessen Süße und Vorzüglichkeit wohl kennengelernt haben, es mit den zeitlichen Ergötzungen der Begierde vertauschten. 1897.
27. Der Herr, der in Seinen Heiligen wunderbar ist, offenbarte und offenbart der Welt die unzähligen Scharen heiliger Männer und Frauen in ihren gottesfürchtigen und mühevollen Lebenswegen, welche sogar die Engel staunen lassen, als Vorbilder zur Nachahmung. Wie bitter ist das Eingeständnis, daß wir taub und blind für solch einen Ruf und Fingerzeig Gottes sind! Wie traurig ist doch, daß wir, denen es gelungen ist viel mehr und tiefer zu fallen als vielen von jenen, und die wir uns doch dank der gnadenvollen und allen zugänglichen Hilfe Gottes auch solches Verzeihen und solche Gnade erwirken könnten, nun schon so sehr an das verderbliche Gift des Teufels gewöhnt haben, das wir in unserer Selbstvergessenheit trinken, daß wir nicht einmal bemerken, wie unser Streben, den Askesewerken und der Herrlichkeit der Freunde Gottes nachzueifern, selbst schon vergiftet ist und vom Teufel mühelos in ruchlosen, fürwahr diabolischen Neid und Stolz verkehrt wird. Wirf ab das schwere Joch des Bösen, o Mensch! Ist dir denn die Freiheit gegeben, um sie so billig deinem und Gottes Feind zu verkaufen? Die Möglichkeit und die Bereitschaft zum Fallen ist dir nicht genommen, aber nur dann bist du dir selbst kein Feind, wenn du dieses leidige Vermögen mit einem anderen überdeckst, nämlich, wenn du dich durch Ablösung und Abtöten der Leidenschaften dieses Leibes sogar noch in diesem deinem Leibe hoch über die Erde aufschwingst, gleich der seligen Maria von Ägypten - wenn du also eine solche Höhe der Leidenschaftslosigkeit und Selbstverleugnung erreichst, daß das Feuer dich nicht brennt, das Wasser dich nicht ertränkt, das Schwert dich nicht erbeben läßt, die Lust dich nicht aufreizt, die Begierde dich nicht überwältigt, die Leidenschaft dich nicht anstachelt, und alle Schätze und Güter der Welt dir nichts gelten. All das bei voller Freiheit und dem Vermögen, Lüste zu erfahren und Schätze zu gewinnen. Wie viele solcher Gottesfreunde gab es, die alles um Seinetwillen bezwangen, die, wenn sie Pech berührten, nicht schwarz wurden, die das Feuer nicht versengte, die die rechtmäßigsten und unschuldigsten Vergnügungen als langweilig und ihre Liebe zu Gott beeinträchtigend empfanden! Wie viele gab es solcher, welche sogar das so brennende und alles besiegende Vergnügen des Ehelagers durch die Liebe zum Herrn und zur Reinheit übersteigend besiegten und die Umarmungen der himmlischen väterlichen Liebe den Umarmungen ihrer jungen, unverdorbener Ehegattinnen vorzogen. O gottgeliebte, engelgleiche Kinder Gottes, ihr Schätze des Himmelreiches, Schmuck der ganzen Menschheit und der Kirche Gottes! Helft auch mir Verzweifeltem, alles um des Herrn willen zu überwinden, was nicht zu Ihm führt, was Seinem Sieg über mich und Seiner ganzheitlichen, ungeteilten Herrschaft in mir im Wege steht! 1897.

 

Bote 1999, 6

28. Wenn du in dir die höheren geistlichen Bestrebungen zu wirklicher Reinheit und ungeteiltem Dienst am Herrn empfangen hast, was für Beweise sind dann noch vonnöten, damit dir klar werde, wie schwer du sündigst, wenn du der Stimme Gottes, der dich zur höchsten Bestimmung ruft, nicht folgst? Fliehe nicht vor dieser Stimme, tief betrübt und beschwert, wie jener Jüngling der zwar bereits “nicht weit” vom Königreich Gottes war, aber durch seine Verhaftung an die Erde und das Irdische dessen Tore für sich verschloß, “denn er hatte viele Güter” (Mt. 19,22). Alles hatte er getan, auf ihm ruhte bereits der liebende und barmherzige Blick des Herrn und Retters, aber in einem fehlte er, war Gott nicht gehorsam und verlor alles. Herr! Laß nicht zu, daß sich solches auch an mir wiederhole! Siehe, meine Seele dürstet danach, ganz und gar Dein zu sein, der Welt und Sünde fern zu bleiben, ganz dürstet sie, Dich zu lieben, Dir zu dienen, zu gehören und Dich als Einzigen anzubeten! Es geschehe ihr nach ihrem Durst!. 1897.
29. Hast du uns etwa ins Dasein gerufen, o Herr, um erbarmungslos zu uns zu sein? Ich zittere vor Deinem Gericht, bei dem Du uns sagen wirst, daß Du alles getan hast zu unserem Heil und bereit warst zu tun: “...und ihr habt nicht gewollt” (Mt. 23, 37). Erwecke, Gott, unser schlafendes Gewissen, auf daß in ihm kein Makel und keine Sünde übrigbleibe, für die es stumm, taub, blind und gleichgültig bleiben würde. “Oh Herr, mein König, laß mich alle meine Versündigungen sehen”, wie geringfügig und unwichtig sie uns auch scheinen mögen: Eine jede von ihnen verleugnet Dich, denn Du bist ganz Lauterkeit und das reinste Gute! Jede von ihnen ist eine Freveltat, denn sie offenbart Unaufmerksamkeit und Ungehorsam Dir gegenüber! Jede davon ist geistige Unzucht und Ehebruch, denn Du, Herr, Allreiner, hast alles Recht auf unseren Geist, als unser wahrer, gesetzlicher, liebender Bräutigam unserer Seelen, die Du zu Bräuten erwählt und Dir angetraut hast! Du alleine solltest von unserer Seele begehrt werden und vereint mit ihr sein! Komm doch, Ersehnter! Liebe den Dich Liebenden, der gerechterweise von Dir zu hassen wäre! Suche auf den Dich Suchenden, der gerechterweise von Dir zu verwerfen wäre! Rette den in der Knechtschaft der Sünde Verschmachtenden, der durch seine eigene Schuld all diesem unterworfen ist! Reiche mir die Hand zur Hilfe, der ich umtost bin von den Wellen der Leidenschaften und in ihnen zu versinken drohe durch Erschlaffung der Liebe, durch Zweifel im Glauben! 1897.
30. Wenn es mir erlaubt ist, im Herzen einen flammenden Wunsch zu hegen, sollte ich ihn dann nicht Dir, “meinem Höchsten Begehren” – dem Zuvorkommen und der Erfüllung jedes edlen Verlangens – mitteilen? Also in Zuversicht auf das Erbarmen dessen, der gesagt hat “Bittet und es wird euch gegeben” (Lk. 11, 9), bitte ich den Herrn, wie der einst Salomon: Nicht brauche ich Reichtümer, noch Ruhm, noch Schönheit, nicht einmal die Weisheit, die dieser so ersehnte... Kröne mich einzig und allein, Herr, mit der unverweslichen und unverwelklichen Krone der Jungfräulichkeit, die Dir so wohlgefällig, Deiner so würdig und Dir so angenehm ist! Möge dieser Wunsch meines Herzens nicht verstummen, Herr, solange bis er erhört wird! Blicke mit Deinem mitleidsvollen Auge, o Herr, auf den, der unablässig zu Dir ruft. Wenn ich dieser großen Gabe unwürdig bin, dann erweise die Unermeßlichkeit Deines Erbarmens dadurch, daß Du mich dennoch dessen würdigst! Wenn mein Verlangen nicht rein ist, so läutere und heilige es zu einem Dir angenehmen und reinen Opfer. Wenn es unzulänglich und unzuverlässig ist, so festige und stärke es! Wenn ich zu schwach dafür bin, dann beraube mich nicht Deiner gnadenreichen Hilfe, denn nicht auf meine Kräfte hoffe ich, sondern “alles vermag ich durch Den, der mich mächtig macht” (Phil. 4,13). Wenn es mir bei meiner äußersten Armut, Unvernunft und Unreinheit nicht möglich ist, so mache es möglich, denn “was bei den Menschen unmöglich ist, das ist Dir möglich” (Lk. 18, 27). Ich weiß wohl, daß uns nichts möglich ist ohne flammende, unauslöschliche Liebe zu Dir. Verletze mein Herz, Herr, durch Liebe zu Dir, o unsere unaussprechliche Süßigkeit und unauslotbares Erbarmen! “Ergieße über mich, Gott, Deine große Gnade!” Um so höher, heiliger und Deiner würdiger ist sie, je unwürdiger ich ja bin vor Dir! In ihr “geschehe mir Dein Wille!“ Sie sei mein notwendiges Brot! Möge sie mir die Nachlassung meiner maßlosen Schulden sein, möge sie auch mein Gemüt zum Allverzeihen und Arglosigkeit hinneigen. Auf daß sie mich vor aller Versuchung und Verleumdung des Bösen bewahre! Möge sie Geist und Kraft all meiner Gebete zu Dir sein, Himmlischer Vater, möge sie immerdar meine Seele zu Dir emporreißen und hinlenken! 1897.
31. Meine Gebieterin und Herrin! Durch Dein Eintreten und Deine Fürsprache vor Deinem Sohn und Gott befreist du sündige Seelen sogar aus den höllischen Tiefen! O Erbarmungsreiche! Um der Rettung der Sündenbeladenen willen verläßt Du die Seligkeit des Himmels, entsagst Du der paradiesischen Heiterkeit und schreitest auf unserer sündigen Erde einher, um diese Seligkeit und Freude in der Auffindung sündiger Seelen und ihrer Heimführung zu Gott zu suchen. Geh auch an mir nicht vorüber, Allreine! Siehe, hier bin ich, begegne Dir vor allen anderen auf dem Weg als der sündigste und verzweifelste der Menschen! Hilf mir, meine Freude, rette mich, rette mich um Deines geliebten Sohnes und unseres Herrn willen, auf daß ich von Liebe, Freude und Dankbarkeit zu Dir bewegt mein ganzes Leben lang rufe: “Freue Dich, Gnadenreiche, freue dich Beglückte! Freue dich, Ersehnte, Du Heil aller!” 1897.
32. Das ist also dein Vorzug gegenüber den Engeln: Auch wenn du zusammen mit ihnen rufst “Dein Wille geschehe!”, so bleibt dir dennoch die Freiheit und die Lust, diesen allguten und vollkommenen Willen Gottes zu verletzen. Herr! Blitze einen Lichtstrahl Deiner göttlichen Gnade in mein versteinertes Herz! Laß nur einen Tropfen Deines tautragenden Geistes in meine fruchtlose, dürstende Seele fallen! Das ist mein Vorzug: So sündig und stinkend wie ein Mensch nur sein kann, Staub und Asche, die ich bin, kann ich dennoch mein Herz zu Dir wenden, meine Lippen zum Lobpreis Deiner Herrlichkeit öffnen! Diese wird nicht gekränkt durch meine Geringfügigkeit, meine Verwegenheit und meinen Ungehorsamkeit gegen Dich, sondern vielmehr erleide ich den Verlust und werde gekränkt als Dein Ebenbild, das von Dir in meinen unsterblichen Geist geprägt ist. Deine Erhabenheit währt in alle Ewigkeit: Kann das nichtige Geschöpf sie vermindern etwa? Vergib, o Herr, meine tiefen Fälle und gib mir Kraft, Dich zu rühmen und zu loben, und sei es aus den Tiefen der Hölle! Zu Dir, zu Dir strebt immerzu mein Herz, und Du, Herr und mein Schöpfer, wirst es etwa verwerfen? 1897.
33. Traurig und bedauerlich ist es, wenn du zurück blickst auf die Vergangenheit. Wie viel wertvolle Zeit wurde ohne jeden Nutzen vertan! Wie viel Gutes hätte in dieser nicht wiederzubringenden Zeit getan werden können! Und wie viel dieser kostbaren Zeit wurde geradezu zum Schaden und zum Verderb der Seele vergeudet! 1897.
34. Ist euch nicht auch das Gefühl des allerbittersten Ärgers bekannt, wenn ihr irgendeine wichtige Arbeit fast zu Ende geführt habt und plötzlich merkt, daß ihr euch irgendwo verrechnet, vermessen, verwogen, geirrt habt, als ihr euch darauf verließet, genügend Material zu haben, das gerade ganz knapp reichte, und das man jetzt nirgendwo bekommen kann, um das Fehlende doch noch zu Ende zu führen? Die Bitterkeit und das Bedauern in diesen Minuten sind unbeschreiblich. Das Geleistete erweist sich hierbei oft als völlig untauglich, so daß man es gänzlich aufgeben, vernichten, zerstören muß - und gut ist noch, wenn es die Möglichkeit gibt, hieraus wenigstens teilweise etwas zu verwenden, indem man es umformt durch einen Neubeginn mit dem langen, schweren mühevollen “aufs Neue”. Welch eine qualvolle, wahrhaft höllisch-erboste Bitterkeit wird jene ergreifen, die am Ende ihres Lebens sehen werden, daß ihr Lebenswerk ganz und gar untauglich war, zu nichts Dauerhaftem und Gutem geführt hat, und nicht mehr in etwas auch nur ein wenig Nützliches oder gar Gutes umgearbeitet werden kann. Dies wird eine durchaus genügende Quelle für ewige, fürchterliche Höllenqualen, welche die Zeit nicht mehr heilen wird, weil es keine Zeit mehr geben wird, sondern nur noch eine tote, unerbittliche, schweigend-trübselige Ewigkeit. 1897.
35. Was für ein Verlust und ein Unglück für die Seele des Menschen wäre das, wenn man ihr die heiligen Ikonen nehmen würde! Stellt euch vor, eure Blicke, wohin sie auch fallen, würden überall nur das Materielle, Tote, Verwesliche sehen! Fänden wir nirgends Darstellungen aus der geistigen, heiligen, himmlischen Welt, die uns an diese erinnerten, würden wir da nicht noch mehr im Abgrund des Lebensmeeres versinken? Wie könnte der Mensch Geist und Herz zu Gott erheben, wenn er sogar schon jetzt, da er auf Schritt und Tritt heilige Darstellungen sieht, in irdischen Interessen verdirbt? 1897.
36. Herr, unser Erlöser! Von erbarmendem Mitleid bewegt hast Du, als Du die Sünden der ganzen Menschheit auf Dich genommen hast, aufgeschrien, der Du sie doch gar nicht begangen hast, in Todestrauer: “Betrübt ist meine Seele zu Tode” (Mt. 26, 38). So kennst Du die Schwere der uns quälenden Sünden, verstehst den verzweifelten Schmerz der von ihnen bedrückten Seele! Hilf uns doch, Erbarmungsreicher, den Hilflosen, Armen, Glücklosen, die wir gegen unseren Willen von Dir weggerissen werden, denn Du selber geruhtest, zu erleiden, was es heißt, sich als Sünder zu fühlen, wenn Du es auch nicht warst. 1897.
37. Wie der Herr auf die reine, gerechte Seele einwirkt, kannst du im Umkehrschluß an den Einwirkungen der Dämonen erkennen, die sich durch göttliche Zulassung nicht selten statt des Herrn in jenen Menschen einnisten, die Ihn verworfen haben. Wer diese Unglücklichen, der Gewalt des finsteren bösen Geistes Anheimgefallenen sah, der weiß, mit welcher Kraft der Dämon sein Opfer von allem wegtreibt, was an die Herrlichkeit des Erlösers erinnert, von allem Heiligen und Reinen, wie er die Seele mit grenzenloser Wehmut quält, mit Verzagtheit, Bosheit, Raserei schikaniert, wie er den Körper auf die Erde wirft, schreckliche Schreie ausstoßen läßt mit Schaum vor den Mund, wie das ganze Gesicht der Person bis zu rein dämonischer Entstellung verzerrt wird, was entsetzlich und unerträglich mitanzuschauen ist für jene, die von der Gnade Gottes noch nicht verlassen wurden. Genau entgegengesetzte Wirkungen der göttlichen Kraft erweist der Herr in jenen, die Ihn aus Liebe und Gottesfurcht in ihre sanftmütige Seele hineinziehen. Welche Zufriedenheit, Friedfertigkeit und Freude strahlt immerdar das Antlitz eines Gerechten aus! Wie sehr ist es fähig, die unendliche Liebe, Sanftmut, Barmherzigkeit sowie die übrigen göttlichen Eigenschaften sich anzueignen, in seinen Zügen widerzuspiegeln und im Überfluß auf die ganze Umgebung ausströmen zu lassen! Und wie dynamisch ist er, dieser Gerechte, geschwind und klug zu allem Guten und Erhabenen! Welche unüberwindliche Kraft zieht ihn überall hin, wo der Name Gottes verherrlicht wird und Seine Gnade angerufen wird! Und wie fühlen sich die Herzen aller Menschen zu ihm hingezogen, der Treuen und im Kampf mit der Sünde Fallenden! 1897.
38. Man soll nicht vergessen, daß die Heilige Schrift für den Menschen geschrieben wurde. Kann man ihr etwa einen Vorwurf daraus machen, daß sie die menschlichen Schwächen nicht verschweigt, sondern offenlegt in menschlicher Sprache, bisweilen in einer solchen, die für ein heiliges Buch unpassend zu sein scheint. Doch nur ein pervertiertes Empfinden oder - geistige wie ethische - Unreife vermag aus diesen Stellen etwas anderes herauszulesen als Belehrung. Deshalb darf man empfehlen: 1) Diese Stellen nicht in Augenblicken moralischer Schwäche zu lesen, 2) sie Kindern im eigentlichen wie auch im übertragenen Sinn ( “erwachsenen Kindern”) nicht zu geben, und 3) dieses Buch den Händen von Leuten zu entreißen, die nur auf jene Bibelstellen erpicht sind, die ihre Sinnlichkeit nähren. 1897.
39. Wenn der Geist der Verzagtheit und der Fleischlichkeit dich überfällt, dann gedenke der Zeiten, als du stark und frei davon warst, als dieser Feind dich wenig quälte und dich nicht daran hinderte, dich glücklich und frei zu fühlen. Seufze tief und eile darum zu beten, daß es ihm auch diesmal nicht gegeben sei, sich bei dir länger aufzuhalten. Wie eine Krankheit, wie ein Anfall überkommt er den Menschen. So wie ein Kranker, der sich nicht gesund fühlt, sich doch an seine Lage gewöhnen und denken kann, daß das für ihn normal ist, genauso mag es dem von Verzagtheit oder Fleischeslust Bedrängten manchmal scheinen, daß er für immer im Kampf mit diesem Gemütszustand liegen wird, in dem man nur schwer begreift, daß er nur vorübergehend ist. Ein wenig Zeit verstreicht, und die Seele bekommt wieder Erleichterung und Ruhe von den Überfällen der Sünde und des Fleisches. Nun scheint es uns, daß es immer so gut und leicht sein wird, aber dann wird uns wieder dieser Feind gesandt, damit die Achtsamen sich durch den Sieg über ihn unverwelklicher Kronen erfreuen mögen. Schlimm ist in diesem Kampf nur, daß uns scheint, unsere Seele würde immer so bedrückt sein, wenn ihrem Lustbegehren nicht Genüge getan wird, daß es sie immer zur Sünde hinziehen wird; und diese Freudlosigkeit, das Vergessen der besten Augenblicke des Lebens, die immer durch das Gebet zurückgeholt werden können, veranlaßt oftmals den Menschen, sich der Versuchung hinzugeben, die ohnehin vielleicht schon bald durch die göttliche Gnade von ihm genommen worden wäre. Durch solche Überlegung besiege Sünde und Fleisch! 1898.
40. Herr! vielleicht komme ich aus Langeweile zu Dir (im Gottesdienst), oder nur so - zur bloßen Unterhaltung, wie Menschen einander gelegentlich besuchen, oder bloß, weil mir andere Unterhaltungen fehlen. Vielleicht komme ich zu Dir nur aus einer unbewußten, nicht tief empfundenen, undurchdachten, von nichts anderem streitig gemachten, vorläufigem “es gefällt es mir”, wie dem Kind ein Spielzeug gefällt, solange man ihm kein anderes gezeigt hat? Wenn dem bei mir nicht so ist, laß mich das fühlen, gewähre mir das tiefer zu empfinden, zu erkennen, zu durchdenken, - gewähre mir, daß ich Dir dies bestätigen kann mit allem, womit die Echtheit und Tiefe menschlichen Strebens zu Dir bestätigt werden kann! 1898, 15. Dezember, 11 Uhr.
41. Durch nichts, scheint es, konnte die Liebe Gottes zu jedem einzelnen Sünder so gut und voll zum Ausdruck kommen, wie in folgendem Wahrheitswort: “wem viel vergeben ist, der liebt mehr; wem aber wenig vergeben wird, der liebt weniger” (Lk. 7,47). Das ist vielleicht gar der Vorzug des Sünders vor dem Gerechten! Das ist eine sehr weise “Seligpreisung” der Sünde, eine Seligpreisung des Sünders über die des Gerechten hinaus. Und die tatsächliche, nicht etwa nur scheinbare Möglichkeit dies an sich selbst zu verwirklichen, nimmt allen Sündern das Argument angesichts dieser Liebe Gottes. Wahrhaft, es gibt die Hölle, und zwar dort, wo diese Möglichkeit nicht genutzt worden ist, und da von seiten Gottes alles zur Verwirklichung dieser Möglichkeit gegeben ist, so wird die Hölle ein Produkt des Menschen selbst sein, und es ist nicht Gott, den man dafür anklagen könnte!
42. In Gott war ich immer, ich habe keinen Anfang, ich habe kein Ende. Bereits vor meiner Empfängnis aus dem Samen meines Vaters und im Schoße meiner Mutter existierte ich in der fleischlichen natürlichen Anziehung des Vaters zur Mutter, im Einverständnis und der antwortenden Anziehung der Mutter zum Vater. Ebenso entstanden der Vater meines Vaters und die Mutter meiner Mutter. Wohin führt diese Kette der geheimnisvollen Anziehungen, der unergründlichen Übereinstimmungen, im Ergebnis derer ich erschien? Zum Gott der Liebe und der Weisheit. Aber der Gedanke, den ersten Menschen zu schaffen und ihn zu zwingen, aus Eva (die aus ihm selbst erzeugt worden war) auf derselben obengenannten Grundlage das Menschengeschlecht hervorzubringen, war kein plötzlicher Einfall. Der Gedanke an diese Schöpfung existiert schon so lange wie Er, und deshalb bin ich ewig, so wie Er, und durch Seine Güte werde ich es bleiben in Seinem grenzenlosen und liebreichen Schoß, denn ich bin Sein Teil, Sein Erbe, Sein Funke, der Abglanz Seiner Göttlichkeit, Seines unauslöschlichen, anfanglosen Wesens. 1898.
43. Jeder Mensch sollte sein Dasein von den ersten Tagen der Schöpfung der Welt und des Menschen an rechnen. Jeder sollte sich als ein Glied der Menschheit in ihrer ganzen historischen Existenz denken und empfinden, all ihre Mängel an sich selbst fühlen, beschwert sein mit all ihren Nöten, Schwächen, Verirrungen und Fehlern, ebenso aber auch teilhaben all ihren wahren, lichten und freudigen Seiten und Äußerungen. Und dies nicht nur in einer sozusagen platonischen Anstrengung allein des Denkens und der Phantasie, sondern viel mehr und unbedingt - in der Tat. Jeder von uns reproduziert in seinem persönlichen Leben das so vielschichtige und mühebeladene Leben der Menschheit und ihre Geschichte. Jeder macht auf seine eigene Weise, aber auf jeden Fall in der eigenen Erfahrung, sowohl de Süße des unschuldigen Zustandes als auch die Schwere des Sündenfalles durch, er erfährt die bitteren Tränen der Sündhaftigkeit ebenso wie die lebendigmachende Kraft der gnadenvollen Erneuerung des Lebens. Deshalb muß jeder Seele, die auf dem Weg zur Rettung ist und im geistigen Lebenskampf steht, die Geschichte der göttlichen Heilsordnung zur Erlösung der Menschheit teuer sein, denn hier werden ins Herz die Gebote gesprochen, gemäß denen auch die persönliche, eigene Rettung vollzogen wird. 1898.
Fortsetzung folgt
44. Bitte ich um die Gnade des Priestertums? Aber besitze ich denn solch einen energischen, solch einen starken Charakter, um andere zu führen? Nein, ich besitze ihn nicht. Mir fehlt die Offenherzigkeit, Kühnheit, der flammende Eifer, welche einzig und allein dem Priester alles in seinem mühseligen und verantwortungsvollen Dienst geben können. Vielleicht ist in mir die Hoffnung auf die alles vervollständigende Gnade Gottes stark? Aber habe ich auch das, was die Gnade anzieht, gibt es überhaupt eine Grundlage für sie? Ach! Darauf kann ich nur schweigen, gerade noch meine Tränen zurückhalten. Herr! Wann bin ich endlich reif genug, um Dich nicht fruchtlos mit derartigen Bitten zu belästigen? Oder habe ich diese Hoffnung nicht? Oder habe ich mich selbst ihrer auf ewig beraubt, indem ich meine Jugend durch verderbliche, schmutzige Taten verdarb? Aber - ist etwa auch Deine Kraft versiegt, welche die reinen Herzen auferbaut, den rechten Geist erneuert, unsere ganze Jugend “wie einen Adler” neu macht? 1898.

45. In großer seelischer Betrübnis und von großem Herzenskummer ergriffen (weil der Herr mich nicht des Priestertums würdigte), öffnete ich das “Buch des ewigen Lebens”, die heilige Bibel und der Herr antwortete mit den feuertragenden Lippen Seines Propheten (Jes. Kap. 66) auf mein Gebetsflehen durch das, was die folgenden Gedanken berührte. Als ich zum Vers 3 “Der Ruchlose, der mir Stiere opfert, als breche er Hunden das Genick” kam, dachte ich nach... Wirklich, wie gerecht ist der Herr, der uns oft unsere Gebetswünsche nicht erfüllt oder ihre Erhörung hinauszögert bis zur völligen Läuterung unserer bösen Herzen, und wie kühn und undankbar sind wir, böse im Hinblick auf Ihn, indem wir uns im Gebet mit einem moralisch verdorbenen Geist an Ihn wenden, mit allen möglichen Abscheulichkeiten und üblen Gerüchen in der Seele und im Herzen! Wäre es daher recht, gegen Ihn aufzubegehren, wenn Er Seinem Feuer befehlen würde, uns im Augenblick eines solches Gebetes zu verbrennen - zumal, wenn Er, der unsere Läuterung wünscht, statt solch eines schrecklichen Unheils ein viel geringeres einsetzt, nämlich Langsamkeit mit dem Ziel der Entwicklung unseres Herzens und der Belehrung, der Besserung unseres Lebens? Vers 21 (und 20): “Und nehme einige von ihnen selbst zu Priestern und Leviten, so spricht der Herr”... Das war die wunderbare göttliche Stimme, welche direkt auf meine Herzensfrage antwortete... Aber wie wird sich dies in meiner bis aufs Äußerste verwirrten Lage verwirklichen? - so fragte ich weiter, und der große Apostel der Liebe Johannes, oder besser, der Herr Selbst durch die Lippen meines Namenspatrons antwortete: “Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel” (Jh. 3,27). Ruhm, Herr, sei Deiner unendlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit! Es geschehe in allem Dein Wille an mir Unwürdigem! Tue mit mir, wie Du Selbst wünschest, nach Deinem Erbarmen!... 1899.

46. Der Herr legt manchmal im Vorausblick auf irgendeine Versuchung, eine Prüfung, die auf den Glauben und die Gottesfurcht der betreffenden Person zukommt, eine besondere Gottesliebe und Gebetsbegeisterung in ihr Herz . Achte auf dich, o Seele, und erachte nicht das, was nur eine Vorwarnung vom Herrn ist, für deine eigene Errungenschaft. Wenn du solch ein Aufwallen von Gebetsenergie fühlst, dann bete, weine, seufze auf, damit der Herr, der uns nicht auf lange im Stich läßt, dich des ewigen Erbarmens würdige! Wenn jedoch die Prüfung kommt, welche das Gebet bremst und schwächt, dann bitte, daß Er dich nach dem Ruf deiner bisherigen Gebete und mehr noch um Seiner nie schweigenden Barmherzigkeit in Seiner Liebe kräftigen möge. Fürchte aber folgendes: darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist... (Lk. 19,44). 1899.

47. Es mag wohl sein, daß man die übermäßigen und vielzähligen Sünden in sich nicht wahrnimmt, aber das sollte nicht daran hindern, daß man sich ganz deutlich seiner Sündhaftigkeit, der Schwäche und der Verdorbenheit seiner Natur bewußt ist, des Unvermögens seiner guten Bestrebungen usw. Man mag nicht allzuviele negative Handlungenerkennen, die man beging, aber unentschuldbar ist es, ein solches Maß an Blindheit zuzulassen, daß man keinen Schmerz in der Seele empfindet über den Mangel und die Nichtigkeit unserer positiven Fortschritte im Werk ihrer Vervollkommnung, ihre Bildung gemäß dem Chistus-Ideal oder sogar einfach nur nach dem Ideal der Menschlichkeit. O du, der du dich innerlich dafür rühmst, daß du kein Mörder, kein Dieb, kein Ehebrecher bist, kein Ungerechter, kannst du von dir behaupten, daß du Christus aufrecht ins Antlitz schauen kannst? Willst du etwa von dir behaupten, daß du unter günstigen - gerade in diesem Augenblick sich ergebenden - Umständen unfähig wärst, zu töten, zu rauben, die Ehe zu brechen u.s.w.? Willst du behaupten von dir, daß du jetzt zu allen Werken der Liebe und Selbstentäußerung fähig bist, bereit, alles zu verlassen und Christus nachzufolgen, wenn Er dich jetzt riefe. Zuguterletzt, stört dich denn deine Vergangenheit nicht mehr? Wie viel Dunkles gibt es da, von Gott Verabscheutes, Unwürdiges, Beweinenswertes! Natürlich ist es wahr, daß der Herr bei aufrichtiger Reue unsere Sünden, weiß wie Wolle bleicht (Jes. 1,18), aber wenn das, was in dir sündigt (die Seele), immer noch so bleibt wie bisher (fähig zu denselben Sünden), bist du dann etwa nicht unrein, verabscheuungswürdig vor der Allerreinsten Sonne, Gott? Er sieht sogar in den Engeln etwas Widerspenstiges (Hiob 4,18); und im Menschen sollte Er dies etwa nicht sehen? Herr! Heile nicht etwa nur meine Sünden allein, sondern die Sündhaftigkeit! Das heißt: “Nicht die Füße allein (wasche), sondern auch die Hände und das Haupt!” (Joh. 13,9). 1899.


Bote 2000, 2

44. Bitte ich um die Gnade des Priestertums? Aber besitze ich denn solch einen energischen, solch einen starken Charakter, um andere zu führen? Nein, ich besitze ihn nicht. Mir fehlt die Offenherzigkeit, Kühnheit, der flammende Eifer, welche einzig und allein dem Priester alles in seinem mühseligen und verantwortungsvollen Dienst geben können. Vielleicht ist in mir die Hoffnung auf die alles vervollständigende Gnade Gottes stark? Aber habe ich auch das, was die Gnade anzieht, gibt es überhaupt eine Grundlage für sie? Ach! Darauf kann ich nur schweigen, gerade noch meine Tränen zurückhalten. Herr! Wann bin ich endlich reif genug, um Dich nicht fruchtlos mit derartigen Bitten zu belästigen? Oder habe ich diese Hoffnung nicht? Oder habe ich mich selbst ihrer auf ewig beraubt, indem ich meine Jugend durch verderbliche, schmutzige Taten verdarb? Aber - ist etwa auch Deine Kraft versiegt, welche die reinen Herzen auferbaut, den rechten Geist erneuert, unsere ganze Jugend “wie einen Adler” neu macht? 1898.
45. In großer seelischer Betrübnis und von großem Herzenskummer ergriffen (weil der Herr mich nicht des Priestertums würdigte), öffnete ich das “Buch des ewigen Lebens”, die heilige Bibel und der Herr antwortete mit den feuertragenden Lippen Seines Propheten (Jes. Kap. 66) auf mein Gebetsflehen durch das, was die folgenden Gedanken berührte. Als ich zum Vers 3 “Der Ruchlose, der mir Stiere opfert, als breche er Hunden das Genick” kam, dachte ich nach... Wirklich, wie gerecht ist der Herr, der uns oft unsere Gebetswünsche nicht erfüllt oder ihre Erhörung hinauszögert bis zur völligen Läuterung unserer bösen Herzen, und wie kühn und undankbar sind wir, böse im Hinblick auf Ihn, indem wir uns im Gebet mit einem moralisch verdorbenen Geist an Ihn wenden, mit allen möglichen Abscheulichkeiten und üblen Gerüchen in der Seele und im Herzen! Wäre es daher recht, gegen Ihn aufzubegehren, wenn Er Seinem Feuer befehlen würde, uns im Augenblick eines solches Gebetes zu verbrennen - zumal, wenn Er, der unsere Läuterung wünscht, statt solch eines schrecklichen Unheils ein viel geringeres einsetzt, nämlich Langsamkeit mit dem Ziel der Entwicklung unseres Herzens und der Belehrung, der Besserung unseres Lebens? Vers 21 (und 20): “Und nehme einige von ihnen selbst zu Priestern und Leviten, so spricht der Herr”... Das war die wunderbare göttliche Stimme, welche direkt auf meine Herzensfrage antwortete... Aber wie wird sich dies in meiner bis aufs Äußerste verwirrten Lage verwirklichen? - so fragte ich weiter, und der große Apostel der Liebe Johannes, oder besser, der Herr Selbst durch die Lippen meines Namenspatrons antwortete: “Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel” (Jh. 3,27). Ruhm, Herr, sei Deiner unendlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit! Es geschehe in allem Dein Wille an mir Unwürdigem! Tue mit mir, wie Du Selbst wünschest, nach Deinem Erbarmen!... 1899.
46. Der Herr legt manchmal im Vorausblick auf irgendeine Versuchung, eine Prüfung, die auf den Glauben und die Gottesfurcht der betreffenden Person zukommt, eine besondere Gottesliebe und Gebetsbegeisterung in ihr Herz. Achte auf dich, o Seele, und erachte nicht das, was nur eine Vorwarnung vom Herrn ist, für deine eigene Errungenschaft. Wenn du solch ein Aufwallen von Gebetsenergie fühlst, dann bete, weine, seufze auf, damit der Herr, der uns nicht auf lange im Stich läßt, dich des ewigen Erbarmens würdige! Wenn jedoch die Prüfung kommt, welche das Gebet bremst und schwächt, dann bitte, daß Er dich nach dem Ruf deiner bisherigen Gebete und mehr noch um Seiner nie schweigenden Barmherzigkeit in Seiner Liebe kräftigen möge. Fürchte aber folgendes: darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist... (Lk. 19,44). 1899.
47. Es mag wohl sein, daß man die übermäßigen und vielzähligen Sünden in sich nicht wahrnimmt, aber das sollte nicht daran hindern, daß man sich ganz deutlich seiner Sündhaftigkeit, der Schwäche und der Verdorbenheit seiner Natur bewußt ist, des Unvermögens seiner guten Bestrebungen usw. Man mag nicht allzuviele negative Handlungenerkennen, die man beging, aber unentschuldbar ist es, ein solches Maß an Blindheit zuzulassen, daß man keinen Schmerz in der Seele empfindet über den Mangel und die Nichtigkeit unserer positiven Fortschritte im Werk ihrer Vervollkommnung, ihre Bildung gemäß dem Chistus-Ideal oder sogar einfach nur nach dem Ideal der Menschlichkeit. O du, der du dich innerlich dafür rühmst, daß du kein Mörder, kein Dieb, kein Ehebrecher bist, kein Ungerechter, kannst du von dir behaupten, daß du Christus aufrecht ins Antlitz schauen kannst? Willst du etwa von dir behaupten, daß du unter günstigen - gerade in diesem Augenblick sich ergebenden - Umständen unfähig wärst, zu töten, zu rauben, die Ehe zu brechen u.s.w.? Willst du behaupten von dir, daß du jetzt zu allen Werken der Liebe und Selbstentäußerung fähig bist, bereit, alles zu verlassen und Christus nachzufolgen, wenn Er dich jetzt riefe. Zuguterletzt, stört dich denn deine Vergangenheit nicht mehr? Wie viel Dunkles gibt es da, von Gott Verabscheutes, Unwürdiges, Beweinenswertes! Natürlich ist es wahr, daß der Herr bei aufrichtiger Reue unsere Sünden, weiß wie Wolle bleicht (Jes. 1,18), aber wenn das, was in dir sündigt (die Seele), immer noch so bleibt wie bisher (fähig zu denselben Sünden), bist du dann etwa nicht unrein, verabscheuungswürdig vor der Allerreinsten Sonne, Gott? Er sieht sogar in den Engeln etwas Widerspenstiges (Hiob 4,18); und im Menschen sollte Er dies etwa nicht sehen? Herr! Heile nicht etwa nur meine Sünden allein, sondern die Sündhaftigkeit! Das heißt: “Nicht die Füße allein (wasche), sondern auch die Hände und das Haupt!” (Joh. 13,9). 1899.
48. Vom Kreuz meines armseligen durch Sünden ausgemergelten Lebens, Herr, dürste ich in der Seele nach Deinem aufmunterndem, sanften Blick, ich dürste nach Deiner sich erbarmenden Berührung meiner Wunden, ich dürste danach, durch Dich “gesättigt zu werden”, durch ein Dir wohlgefälliges Leben in Besserung, Reue, Makellosigkeit und Gottesfurcht. Das ist mein ich dürste und möge dadurch Dein anderes, herrliches, unvergleichlich größeres, der Langmut nach grenzenloses am Kreuz gesprochenes “ich dürste” gesättigt werden (Jh. 19,28). 1900.
49. Und ging hinaus und weinte bitterlich... (Mt. 26,75). Lebendig stelle ich mir vor, wie der ergraute Bejahrte, um die hartnäckige Aufdringlichkeit der gehässigen Mägde der Hohenpriester abzuwehren, die letzten Kräfte anspannend soeben die furchtbaren Verleugnungsschwüre ausgestoßen hat... Ihm, der sich selbst kaum mehr in der Hand hatte, konnten in diesen Minuten umöglich die vor kurzem ausgesprochenen Warnungen des Heilands in den Sinn kommen. Hätte man ihn vor Kaiphas, Annas, Pilatus gestellt und direkt gesagt: “Verleugne Christus”, dann hätte er dies natürlich um nichts in der Welt getan - aber wenn bei irgendetwas anderem ihm die Voraussage des Herrn noch hätte kommen und zur Treue am Herrn anspornen können, so bloß nicht vor den “Türschließerinnen”. Und so verleugnet er, eingeschüchtert nicht durch Furcht vor Strafe, nicht vor dem Gericht, sondern einzig durch die Aufdringlichkeit der weiblichen Zunge. Und alsbald krähte der Hahn! Ich stelle es dir anheim, geliebter Leser, dir vorzustellen, was Petrus plötzlich empfinden mußte, als dieser Hahn ihn aus seiner Gefühllosigkeit weckte. Was der Evangelist selbst über den Zustand des Apostels sagen konnte, war nicht mehr als das: und ging hinaus und weinte bitterlich.
Wenn ich mir das vorstelle, weiß ich nicht, worüber ich mich mehr wundern soll: über die Schwere der Sünde des Petrus oder über die Kraft seiner Reue? - darüber, wie ihn unverhofft, unbemerkt und unwiderstehlich die Sünde des Christus-Verrates ereilt oder darüber, mit welchem Ungestüm Petrus zu den Tränen der Versöhnung mit Gott Zuflucht nimmt? - mehr darüber, daß der Herr so wahr voraussah, wie Er von allen verlassen würde und den Schwur des Verrates sogar des Petrus oder darüber, daß dieser “Pfeiler der Apostel” in eine derartige Tiefe hinabstürzt, wie sie vom Herrn vorausgesehen wurde. Und unwillkürlich erhebt sich aus der Tiefe des Herzens die Stimme Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! (Mt. 27,54).
Großer und Heiliger Donnerstag, 6. April 1900.
50. Gewähre mir, o Herr, daß ich die grenzenlose Erhabenheit Deiner Wohltaten an mir Unwürdigem spüre! Gewähre mir, daß ich den Abgrund Deiner Erbarmung an mir Erbärmlichem gegenüber erkenne! Gewähre mir, daß ich den Ozean Deiner Barmherzigkeit für unser ganzes Geschlecht fühle! 1900.
51. Wunderbar sind die Geheimnisse der Gnade Gottes in Vater Johannes von Kronstadt! Der Herr will uns nicht mit unerreichbar hohen Vorbildern des Glaubens und der Tugend erdrücken. Er stellt keinen trockenen, weltfernen Asketen vor uns, blendet unser geistliches Auge nicht mit dem Glanz einer Gestalt, die hoch über einen gewöhnlichen Menschen hinausragt. Hier zeigt Er uns dieses göttliche Vorbild in einem einfachen, bescheidenen Pfarrer! Verheiratet ist er, wenn auch keusch lebend, in der Welt, in Ehren, im Reichtum, sogar im Luxus lebt er, und bei all dem wirkt er Wunder des Glaubens und der Frömmigkeit. Warum? Weil er in erster Linie ganz in Gott und für Gott ist. Und vom Rest läßt er sich nur wenig berühren. 1900.
52. O, wie wundervoll ist das Bild der Passion des Erlösers der Welt um unseretwillen! O, welch unaussprechlichen Anblick bietet uns die um unseretwillen gekreuzigte Liebe Gottes! Die Auspeitschung, die Bespeiung, die Ohrfeigung, die Galle, der Essig, die Dornen, die Fesseln, das Kreuz, die Lanze! O blindes, einen Verbrecher hinzurichten meinendes Judentum! Trage nur all diese Schrecken zu dem am Kreuze um der Sünden der Menschen willen entblößten Leidensdulder! O ihr Pharisäer, ihr Neider, ihr Ehrlosen! Nehmt doch das Rohr und gebt es dem König des Ruhmes in die Hand, aber nicht zum Hohn, sondern damit Er den Fürsten der Finsternis vernichte! Bringt her den Dorn und krönt damit das Haupt des Schöpfers, aber nicht zum Spott, sondern damit Er das Haupt der Schlange zertrümmere! 1900.
53. In der Geburt hast Du die Jungfräulichkeit bewahrt, in der Entschlafung hast Du die Welt nicht verlassen, Gottesgebärerin! (Troparion, Entschlafung der Allerheiligsten Gottesmutter). Welch eine großartige Gegenüberstellung! Welch ein ruhmreiches Geheimnis der Heilsordnung Gottes! Welch ein unermeßlicher Abgrund der Weisheit, der sich an der Allerreinsten Gottesmutter verwirklichte. Fern ist einer Mutter die Jungfräulichkeit und fremd einer Jungfrau das Kindergebären, aber an Dir, Gottesgebärerin, verwirklichte sich beides! (Zadostojnik, Geburt der Gottesgebärerin). Es erschauert der Geist vor solch einem Geheimnis, nur das Herz begreift es und ergötzt sich an seiner wunderbaren Süße, und strebt, alle Gedanken und Wünsche zu den Füßen der Gebieterin niederzulegen... Nach der Geburt eine Jungfrau und nach dem Tod lebendig (Zadostojnik, Entschlafung). Was kann höher und für den Geist natürlicher sein, als diese übernatürliche Offenbarung der Weisheit, Kraft und Herrlichkeit Gottes! 15. Aug. 1900.
54. Unser ganzes Wesen muß von dem Süßesten Jesus erfüllt und genährt werden, wie wir in dem 8. Ikos des Akathistos an Ihn lesen können: Er ist die Süße unseres Herzens, die Kraft unseres Leibes, das Licht unserer Seele, die Behendigkeit unseres Verstandes, die Freude des Gewissens, die Hoffnungsgewißheit, das vorewige Gedenken, der erhabene Lobpreis, der unübertroffene Ruhm, unser nicht verworfenes Verlangen, der Hirte und der Erlöser. Erfülle alle Kräfte deines Wesens mit dem Gedanken, der Liebe und dem Verlangen nach Ihm, und du wirst eins mit Ihm sein: das ist das einzige und würdigste Ziel aller Wünsche und Bestrebungen. 16. Sept. 1900.
55. Ach, wie hast Du mich gedemütigt, Herr! Wie hast Du meinen Unverstand bloßgestellt, so beweinenswert, meine Ruchlosgkeit, meine Leerheit! Was ist das für ein Unheil, das mir da widerfährt? Ich kenne mich selbst nicht mehr in dieser Zulassung und Belehrung durch Deinen Zorn, in diesem Verlassen, durch das Du mich offensichtlich alleineläßt! Bin ich es denn, der vor einigen Tagen vor Dir Tränen der gebetsinnigen Zerknirschung vergoß? Bin ich es, der durch sein gesamtes vorangegangenes Leben alle so in die Irre führte, daß manche bereit waren, mir sogar eine gewisse Heiligkeit zuzuschreiben? Bin ich es, Herr, der auch jetzt durch die Finsternis meines Sündenwahns dürstet nach Deinem Licht, Deiner Führung, Deiner Unterweisung, Deiner Hilfe!!! Unerträglich ist es! Ich falle... Ich gehe zugrunde!... Herr, rette mich!... Gebieterin! Siehe, das ist Deine Zeit, Zeit der Rettungan mir !
29. Nov. 1900.
56. Mein Gott! Was war das für ein Traum, den ich heute sah?... Ich befand mich in irgendeinem Gebäude, einem ziemlich geräumigen... Ich schaue gleichsam auf ein Bild, das den Heiland darstellt, gerade vom Kreuz herabgenommen, auf der Erde liegend, mit der Allerreinsten Mutter zu Seinem Haupt, links von ihm. Aber das war nur für einen Moment wie ein Bild. Zu meinem Schrecken bemerke ich, wie der Heiland sich bewegt... Ich bin also nicht der Betrachter eines Bildes, sondern tatsächlich des Geschehens von Golgotha, und ich sitze zu den Füßen des Schmerzensmannes keine drei Meter entfernt, gerade gegenüber der Allerheiligsten Gottesgebärerin. Ich sitze mit beklemmtem Herzen und die Evangeliums-Gestalt des Schmerzensmannes ergreift bis zur Erstarrung Besitz von mir. Von meinem Platz aus war mir der ganze Erlöser sichtbar, mit seinem todbleichen Körper mir zugewandt. Das Zeichen des Todes war schon in allem zu sehen, aber Er war noch lebendig. Er warf den Kopf hin und her und hob die Brust, dann plötzlich blickte Er flehend und gebannt auf Seine Mutter, die den von unendlichem Gram durchdrungenen Blick nicht von Ihm wendete und... sie verstand Ihn: Es war, als ob Er Hilfe bei ihr in den Leiden erflehte, vielleicht bat Er um das, was sie dann tat: Sie tastete mit Ihrer Hand nach Seiner Hand, die sich irgendwie ungeschickt unter Seinem Rumpf verdreht hatte, befreite diese Hand und legte sie auf Seine Brust. Dann befand sie sich, die zuvor auf Seiner linken Seite stand, auf der rechten, und ich sah, wie sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte, sich untröstlichem Kummer hingab. Der Heiland wälzte sich unterdessen heftiger und unruhiger hin und her. Ich begriff, daß die letzte Agonie bei Ihm eingesetzt hat, und für einen Augenblick blitzte Verwunderung in mir auf: Wie steht doch im Evangelium geschrieben, daß Er noch am Kreuze hängend starb, während er hier nach der Abnahme vom Kreuze stirbt?... Es war aber keine Zeit, lange bei dieser Überlegung zu verweilen. Ein schreckliches Bild erschütterte mein ganzes Wesen. Die Agonie weckte entsetzliches Grauen in mir. Das war ein wahrhaft “menschlicher” Tod, in all seiner erbärmlichen Größe. Der Leib des Erlösers hob sich irgendwie in die Luft, besonders die Brust... Und das Gesicht? Dieses werde ich nie vergessen... Unendlich erschöpft von der Pein, ausgezehrt, erblaßt, den ganzen “menschlichen” Schrecken vor dem Angesicht des Todes ausdrückend – es erhob sich plötzlich, die Nasenspitze wurde schärfer und erblaßte, wie Schnee zeigten sich aus dem halbgeöffneten Mund die Zähne, die Zunge... Der Sterbende stöhnte einige Male tief und krampfhaft, die Beine und der ganze Leib streckten sich, und kaum war mir in den Sinn gekommen, daß der Herr nach dem Evangelium (Lk. 23,46) im Augenblick des Todes die bekannten Worte aussprach, da kommt von Seinem mir zugewandten Gesicht, über die durch den Tod sich schließenden Lippen eine stille, schmerzvolle, aber gut vernehmbare, niemals für mich zu vergessende Stimme: Pakeh! Pakeh! Mit diesen geheimnisvollen Worten verschwand alles.... Und ich erwachte. Ich war wach geworden, aber der Eindruck des Geschauten war so sehr lebendig, daß ich mir nicht sofort klar darüber werden konnte, was denn ein Traum war, das was ich gerade gesehen hatte, oder mein Erwachen... Die (anscheinend) hebräischen Worte Pakeh! Pakeh! quälten mich durch ihre Rätselhaftigkeit, und ihre Bedeutung bleibt mir unerklärlich...
Nacht vom 12. auf 13. Dez. 1900.
57. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie gleichzeitig, fast im gleichen Augenblick in der Seele des Menschen sowohl die sklavische Ergötzung an der Sünde als auch die Abkehr von ihr, der Widerwille und die Flucht vor ihr zugegen sein können. Man ist sich völlig bewußt, daß man etwas Falsches tut, zum eigenen Verderben, aber nichts vermag einen vom Kelch des sündigen Genusses wegzureißen. Gott! Hier ist die tiefste Begründung für die Worte: Führe uns nicht in Versuchung! Hier ist die tiefste Begründung für die Nichtverurteilung des Nächsten selbst wegen ihrer schwersten Sünden und Fälle. Wie kann man wissen, was sich in ihren Seelen hinter dem Fall verbirgt. 18. Febr. 1901.
58. Niemals sahen sie Ihn lachen, aber oftmals sahen sie Ihn weinen (antike Zeugnisse über den Heiland). Worüber weintest Du, Herr? Du vergossest die Tränen eines Menschen um die Sünden der Menschen, die Dir selbst fremd, Dir unbekannt waren. Nimm daher auch unsere Tränen an, Tränen aus der Tiefe des sündigen Herzens, das sich ihrer bewußt ist und sich aus der Sünde heraus zu Dir hinwendet! Wie viel Trost liegt auch für uns in diesen Tränen – das einzige, was wir Dir zur Versöhnung für unsere Sünde darbringen können! 9. Sept. 1901.
59. Wann kommst du zu mir? Mein Gott! Es ging mein Tag vorüber und die Nacht rückte heran, und schon umfing sie mich ... Gedenke meiner, Herr der Kräfte, der Barmherzigkeit und der Wohltaten! Gedenke meiner, barmherziger Menschenliebender!... Wende Dich nicht ab! Alles ist schon bereit – komm herein und halte Mahl mit mir! Beschäme mich nicht, Du mein Verlangen und Krönung meiner Bestrebungen!... Wehe mir - welch ein großes Unheil schickt sich an, meine lecke Barke zu versenken! Verschone mich, verschone mich, Erbarmungsreicher! Errette mich, der Du unsere Geschicke kennst! Alles, alles ist Dir möglich!... 1901.
60. Herr! Wie entsetzlich widerlich bin ich vor Dir, wie armselig, erbärmlich, sündig, ohnmächtig! Eile, mich zu retten! Denn Dein ist es gerade solche wie mich zu retten, Dich solcher zu erbarmen, ihnen zu verzeihen, sie zu heilen....
Herr! Rüste Dich mit Deinem Erbarmen und komm mir entgegen, Deinem Feind den Sünden nach. Ziehe Dein Schwert der Liebe und mähe damit meine Sünden nieder! Heile, heilige, rette mich! Gott! Eigene Kräfte weiterhin zu leiden habe ich nicht mehr! Erhöre mich, antworte mir Herr! 29. März 1901.
61. Schwer ist es mir in der Welt!... Ich habe keine Kraft, mich mit ihren Widerwärtigkeiten, Verlockungen, Versuchungen und Fallen herumzuquälen! Möge meine Seele nicht verderben ob ihrer Lüge, Eitelkeit, Verderbtheit... Gebt mir die Einöde mönchischer Abgeschiedenheit, auf daß ich in ihr alle Untreue meiner Seele Gott gegenüber sühne: durch das unaufhörliche Weinen des Petrus, durch die Schreie des Psalmisten, durch das Weinen Marias!... Gebt mir die selige Sehnsucht der Einsamkeit des Mönchdaseins, die um kein irdisches Glück willen eingetauscht werden kann, die der Seele heilbringend ist, der Nährboden der Gebete und versengend für die Feinde des Heils!... (Das war der letzte Aufschrei meiner Seele in der Welt: Der Herr erhörte ihn. Das große Wunder des Erbarmens Gottes vollzog sich an mir: Am 26. Aug. 1901, dem Fest der Mutter Gottes von Vladimir, machte ich endgültig Schluß mit all meinem Trachten nach dem ehelichen Leben und wurde Mönch! Wie soll ich Dir danken Herr?) 10. Juli 1901.
62. Herr, hilf uns, wir verderben! (Mt. 8,25) – wir gehen unter in den Wellen eines viel fürchterlicheren Meeres als jenem, in welchem Petrus dem Ertrinken nahe war, in den Wellen des Lebensmeeres nämlich, in den Wellen der Gesetzlosigkeit, der Ruchlosigkeit, des psychischen und physischen Schmutzes, mit denen Du nichts gemein hast! Wir verderben sogar in den Werken zum Erwerb Deiner Wohlgefälligkeit, und zwar durch Stolz, Eitelkeit, Nachlässigkeit, Eigenliebe, Ruhmsucht usw. 26. Okt. 1901.
63. Habt ihr gehört, was der Heiland sagte: Wer nicht absagt allem was er hat, kann nicht mein Jünger sein (Lk. 14,33). Und dazu kam mir noch in den Sinn, daß der wahre Jünger Christi gar nicht anders kann, als allem zu entsagen, was er hat. Um Christus zu erwerben, seine Gedanken, sein Herz ganz und gar durch Ihn erfüllen, auf Ihn alleine seinen Blick lenken, kommt er unweigerlich zu der Entschlossenheit, sich nur mit dem zu umgeben, was ihn nicht von Christus trennt, Ihn keinen einzigen Augenblick lang aus seinem Herzen verdrängt, Ihn nicht verdunkelt... Gewähre mir Herr, Dich so zu erwerben!... 27. Okt. 1901.
64. Wunderbar bist Du, Herr, in Deinen heiligen Märtyrern!... Durch ihre starke Liebe zu Dir, durch ihre übernatürliche Geduld inmitten der allerschrecklichsten Leiden beschämst Du unsere Nachlässigkeit, unsere Gefühlskälte und den Mangel an Liebe zu Dir! Was könnte rührender sein, erhebender, ergreifender als eine christliche Jungfrau, die ihren jugendlichen, reinen Leib zur Zerfleischung hingibt um der Liebe zu Christus willen? 28. Okt. 1901.
65. Ist Hiob umsonst so gottesfürchtig? – lästerte der Satan über den Gerechten, auf seinen Reichtum und seinen Wohlstand hinweisend (Hiob 1,9). Auch über uns lästert er immer, wenn es uns gelingt, dem Herrn mit Inbrunst des Herzens und Wonne zu dienen. Er wird in unserer Seele sticheln und flüstern: Beten wir den Herrn etwa umsonst an, daß wir von Ihm solche unzähligen Tröstungen empfangen? Aber Du, Allguter, beachtest seine Verleumdungen nicht und gestattest zuweilen unserem Feind, daß er uns Deiner segensreichen Tröstungen beraubt, läßt zu seine Finsternis und Beklemmung in unserer Seele und wenn Du die unbeirrte Hinneigung zu Dir in uns siehst, die Suche nach Dir, den Durst nach Deinen Tröstungen, dann beschämst Du den bösen Verleumder und leuchtest wieder in unserer Seele auf... 28. Okt. 1901.
66. Herr! Wie viele Schwächen haben wir doch! Wie viel Schwere, Finsternis, sündige Betrübnis lastet auf unserer Seele! Wohin sollten wir uns vor ihnen retten, wenn wir sogar Dich jede Minute durch die eine oder andere Lust und Leidenschaft wegstoßen? Du bist unsere einzige echte Zuflucht! Möge doch unsere Sündhaftigkeit Deine Menschenliebe nicht besiegen! Den Schatz Deiner reichen Erbarmungen verschließe nicht vor uns, o Gebieter! 29. Okt. 1901.
67. Jesus, Süßigkeit des Herzens – Wonne der Presbyter – Freude der Mönche! Laß uns nicht aus Deinem Tempel gehen ohne Tröstung im Herzen, ohne volle innere Genugtuung, ohne vollkommene Sättigung und Entzückung durch Dich: Ohne Dich gibt es diese nicht für uns! Zuhause erwarten sie uns Mönche nicht: Alles was uns nottut, ist in Dir und in Deinem Tempel. 30. Okt. 1901.
68. Keinerlei Gelächter, leeres Geschwätz, ungemäßigte, sogenannte “Lebensfreude” - so wie der Herr nicht im Sturme war (3. Kön. 19,11) - ist mit der “Besitzergreifung” durch den Herrn vereinbar. Der heilige Ernst, das beständige Schauen des Herrn mit den geistigen Augen – das ist es, was die Sorge und das Trachten des Christen sein sollte und umsomehr des Mönches. Frage dich, würdest du lachen, Überflüssiges, Unnützes und Eitles reden, wenn der in deiner Vorstellung vor dir stehende Herr und Richter deiner Gedanken und Herzensregungen dir mit physischen Augen sichtbar werden würde? Wie du dich in Seiner sichtbaren Gegenwart benehmen würdest, so verhalte dich nach Möglichkeit auch in seiner unsichtbaren, aber keineswegs weniger wirklichen als der sichtbaren! 31. Okt. 1901.
69. Von schmutzigen Lippen, aus niederträchtigem Herzen, von unreiner Zunge, aus besudelter Seele (Gebet zur hl. Kommunion) – das sind unsere Gaben an Den, Welcher die Höchste Heiligkeit, die Größte Reinheit, die Reinste Makellosigkeit, die Unermeßliche Vollkommenheit ist. Ist es nicht der allergrößte, allerschrecklichste Frevel, solch einem Gebieter derartige Gaben darzubringen? Aber wir bringen sie doch, und es wäre noch gut, wenn wir uns des Frevels bewußt wären, und ihn mit dem Gewand der Reue bekleiden würden, dieses unreine Opfer mit dem Öl der inneren Zerknirschung süßen und erweichen würden. Tränen, Tränen, Tränen gib uns, gerechter Gott, denn ohne sie sind wir dasselbe wie ein widerwärtiges, ungewaschenes Gefäß! 31. Okt. 1901. Fortsetzung folgt
70. Noch war Speise in ihrem Mund, da schmähten sie den Herrn, die Undankbaren! (Stichira am Heiligen Donnerstag) – über uns ist das gesagt. Über uns, welche zu den heiligen Mysterien unwürdig hinzutreten, unwürdig sie empfangen und aus diesem gnadenreichen Sakrament der Gemeinschaft nicht die unaussprechliche Gemeinschaft mit dem Süßesten Erlöser und Geber aller Wohltaten gewinnen. Lassen wir in uns den wirken, der durch die heiligen Mysterien in uns lebt, und wir werden Seine Kraft erleben! Wollen wir Ihm nicht die Hände durch die Fesseln unserer Unreinheit binden, wollen wir Ihn nicht durch den Gestank unserer Sünden verjagen und wir werden die Werke Gottes erleben! Wollen wir Ihn durch unsere Bemühungen und unsere Frömmigkeit unterstützen, und die heiligen Mysterien - ja, wahrlich! - werden in uns nicht vergebens sein, sondern Ströme von sichtbaren und unsichtbaren Wundern hervorquellen lassen, werden uns immerdar körperliche und seelische Gesundheit schenken und alle Barmherzigkeit Gottes auf uns herabströmen lassen. Und dann wird auch die Schwere der Schmähung der heiligen Mysterien durch uns, die oft unwirksam in uns sind, von uns genommen werden. 31. Okt. 1901.
November 1901
71. Herr, gewähre mir, daß ich Dein heiligstes Mysterium der Eucharistie nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus, nicht auf Bitte, Begehren, Vorschlag und Aufforderung anderer vollziehe, sondern vielmehr auf meine eigene Bitte und meinen aufrichtigst-inbrünstigsten Wunsch hin, aus dem unstillbaren Durst nach Deiner Vereinigung mit mir Unwürdigstem, nach der Erfüllung und Vergottung! Oh, wie wünschte ich, daß nicht ein Tag in meinem Leben ohne diese Vereinigung verstreiche, ohne dieses unser notwendiges Brot und dem einem, was Nottut für alle unsere Bedürfnisse und Nöte! 1. Nov. 1901.
72. Möge in mein Herz, Herr, Dein guter Geist herabsteigen, der ohne Worte kündet (Gebet des Hl. Ambrosius von Mailand). Ach, wenn wir doch aufmerksamer und öfter dieser tief in uns tönenden Kündungen des Göttlichen Geistes lauschen würden, der besonders bei dem aufrichtigen Lesen der Regel zur Hl. Kommunion, bei der Göttlichen Liturgie und nach der Hl. Kommunion vermehrt zu uns spricht! O wie süß, wie vielfältig, reichhaltig ist diese Unterweisung, wie leicht fließt sie aus der Seele, welche demütige Zerknirschung, Ruhe, Gnade und Tränen gebiert sie! Herr! Verlasse mich niemals, Deinen Knecht (Abendgebet), sondern wohne immerdar in mir und führe Dein wunderbares, süßestes, heilbringendes Gespräch in mir! 1. Nov. 1901.
73. Wodurch können wir den erbarmungsreichen, sanften Blick unseres Retters und Herrn auf uns lenken? Wahrhaft, eben dadurch, daß wir so unbeholfen, so schwach, so schutzlos, so ohnmächtig ohne Ihn sind! Wahrhaft, eben dadurch, und dadurch daß wir uns dessen bewußt sind, in überzeugt-tiefem, demütig-tränenvollen und gebets-flammenden Bewußtsein desselben. Von diesem Gedanken war ich erfüllt, als ich am Beginn der Göttlichen Liturgie flehentlich aufseufzte: Ich als Mensch sündigte: Du aber, als gütiger Gott, der Du die Hilflosigkeit meiner Seele siehst, erbarme Dich meiner! (Gebet des Hl. Chrysostomos). Und sofort wurde es mir wohl, so freudig, so hell und warm im Herzen, ich spürte eine unsichtbare, liebkosende, gute Hand, die über dem Betenden schwebte, der unter den Schutz des Höchsten eilte, so wie ein Kleinkind in das Haus der liebenden und geliebten Mutter eilt... 1. Nov. 1901.
74. Herr, fragst du nicht danach, daß Deine Gnade mich alleine dienen läßt? Sage ihr doch, daß sie es auch angreife (Lk. 10,40). So soll deine Seele rufen, o Christ, wenn du fühlst, daß du den Herrn aus deinem Herzen verlierst! Und Er seinerseits wird dich nur dafür tadeln, daß du nicht begreifst, wie teuer und lieb du Ihm in diesen Minuten bist.... 1. Nov. 1901.
75. Hirte und Diener Gottes! Wenn du das priesterliche Amt der Eucharistie vollziehst und vor dem hl. Altartisch stehst, dann vergiß für diese Zeit alles, was jenseits der Grenzen des Altars liegt – mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und Fühlen stehe vor dem Erlöser, nicht vor Brot und nicht vor Wein, sondern vor dem Erlöser Selbst. Vergiß, daß du ein Mensch bist und physische Augen hast. Sei in dieser Zeit Geist, ganz Geist, und durchdringe mit deinem geistigen Auge die vergänglichen Elemente und schaue die allergrößte Versammlung und das Frohlocken der geistlichen Welt um das auf dem Altar geschlachtete Lamm Gottes! Schau, wie um Ihn die himmlischen Kräfte schweben, ihr Antlitz verbergend vor ehrfürchtigem Schrecken, und du gerate umsomehr in Furcht, erschaudere vor heiligem Zittern, falle auf dein Antlitz nieder und weine! Mögen nur diese Tränen deine einzige Erinnerung an dein menschliches, physisches Wesen darstellen, als reinste Gabe an Den, der Selbst Mensch war und uns mit Seinen Tränen, Seinem Blut und Seinem Leiden Anteil erlangen ließ an Seinem Göttlichen Wesen. 1. Nov. 1901.
76. Wie voller Erbarmen ist unser Herr zu uns, wenn wir umkehren! Wie wenig nur wird von unserer Seite gefordert zur Vergebung unseres Fallens, unserer allminütlichen Sünden, zur Heilung unserer andauernden Gebrechen und Schwächen! Seufze nur, bringe das zerknirschte Bewußtsein deiner geistlichen Krankheit der Sünde vor Ihn – und siehe, sie ist dir schon vergeben, und deine Reue selbst wird dir von Ihm als Tugend angerechnet. Vergieße nur Tränen über deine Schwächen, und siehe, schon wird dir dies zur Gnade angerechnet! Hasse die Sünde, höre auf, diesen deinen Feind zu füttern, und siehe, schon kommt Er Selbst, Er, der Süßeste Arzt unserer Seelen und Leiber, um deine Seele mit der wahren Speise zu erquicken. 2. Nov. 1901.
77. Wollen wir mehr und mehr ein Leben der Verinnerlichung führen, dann wird sich in dieser Versenkung in uns selbst eine Welt für uns öffnen, die unvergleichlich mehr als alles Sichtbare und Zeitliche unserer Erforschung, unseres Interesses, unserer Mühe und Anstrengung wert ist: Entdecken wir die Seele, die so sehr der beständigen Reinigung und sorgfälten Bewahrung vor den ihr auf Schritt und Tritt drohenden Gefahren, Fällen und Versuchungen bedarf. Entdecken wir die Seele, die unerschöpfliche Quellen für das geistliche Zwiegespräch mit Gott in sich birgt, zum Empfang Seiner unaussprechlich süßen Botschaften. Entdecken wir sie, die so große Tröstungen und solch eine demütige Ergriffenheit gebiert, wenn sie über die auf sie ergossenen und sich ständig ergießenden Wohltaten Gottes sinnt. 2. Nov. 1901.
78. Wie wenig Freimut besitzen wir beim Zelebrieren des heiligen Mysteriums der Eucharistie! Im Geiste verglich ich heute meinen schlaffen, trägen, trübseligen Dienst mit dem Reichtum des himmlischen Feuers, der Lebendigkeit, der Freimütigkeit und Kraftfülle, mit welchen die große Leuchte unserer Zeit, Vater Johannes (Sergiev) [ANMERKUNG: Der hl. Johannes von Kronstadt, heiliggesprochen in der ROKA 1964.], die Eucharistie feiert. Welch klägliche Zwerge sind wir doch vor ihm, vor seiner Größe und Gottgefälligkeit! Von welcher Ehrfurcht, welchem Freimut zu Gott und demütiger Ergriffenheit sind alle seine Ausrufe und Handlungen beim Gottesdienst durchdrungen! Es ist, als ob er nicht einfach nur bittet, sondern direkt vom Herrn dies oder jenes fordert, und es unverwehrt auch erhält. Mein Gott! Lehre uns immerdar mit solch einer Kraft Dein Mysterium zu vollziehen! 2. Nov. 1901.


Fortsetzung aus Bote 2000, 3

70. Noch war Speise in ihrem Mund, da schmähten sie den Herrn, die Undankbaren! (Stichira am Heiligen Donnerstag) – über uns ist das gesagt. Über uns, welche zu den heiligen Mysterien unwürdig hinzutreten, unwürdig sie empfangen und aus diesem gnadenreichen Sakrament der Gemeinschaft nicht die unaussprechliche Gemeinschaft mit dem Süßesten Erlöser und Geber aller Wohltaten gewinnen. Lassen wir in uns den wirken, der durch die heiligen Mysterien in uns lebt, und wir werden Seine Kraft erleben! Wollen wir Ihm nicht die Hände durch die Fesseln unserer Unreinheit binden, wollen wir Ihn nicht durch den Gestank unserer Sünden verjagen und wir werden die Werke Gottes erleben! Wollen wir Ihn durch unsere Bemühungen und unsere Frömmigkeit unterstützen, und die heiligen Mysterien - ja, wahrlich! - werden in uns nicht vergebens sein, sondern Ströme von sichtbaren und unsichtbaren Wundern hervorquellen lassen, werden uns immerdar körperliche und seelische Gesundheit schenken und alle Barmherzigkeit Gottes auf uns herabströmen lassen. Und dann wird auch die Schwere der Schmähung der heiligen Mysterien durch uns, die oft unwirksam in uns sind, von uns genommen werden. 31. Okt. 1901.
November 1901
71. Herr, gewähre mir, daß ich Dein heiligstes Mysterium der Eucharistie nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus, nicht auf Bitte, Begehren, Vorschlag und Aufforderung anderer vollziehe, sondern vielmehr auf meine eigene Bitte und meinen aufrichtigst-inbrünstigsten Wunsch hin, aus dem unstillbaren Durst nach Deiner Vereinigung mit mir Unwürdigstem, nach der Erfüllung und Vergottung! Oh, wie wünschte ich, daß nicht ein Tag in meinem Leben ohne diese Vereinigung verstreiche, ohne dieses unser notwendiges Brot und dem einem, was Not tut für alle unsere Bedürfnisse und Nöte! 1. Nov. 1901.
72. Möge in mein Herz, Herr, Dein guter Geist herabsteigen, der ohne Worte kündet (Gebet des Hl. Ambrosius von Mailand). Ach, wenn wir doch aufmerksamer und öfter dieser tief in uns tönenden Kündungen des Göttlichen Geistes lauschen würden, der besonders bei dem aufrichtigen Lesen der Regel zur Hl. Kommunion, bei der Göttlichen Liturgie und nach der Hl. Kommunion vermehrt zu uns spricht! O wie süß, wie vielfältig, reichhaltig ist diese Unterweisung, wie leicht fließt sie aus der Seele, welche demütige Zerknirschung, Ruhe, Gnade und Tränen gebiert sie! Herr! Verlasse mich niemals, Deinen Knecht (Abendgebet), sondern wohne immerdar in mir und führe Dein wunderbares, süßestes, heilbringendes Gespräch in mir! 1. Nov. 1901.
73. Wodurch können wir den erbarmungsreichen, sanften Blick unseres Retters und Herrn auf uns lenken? Wahrhaft, eben dadurch, daß wir so unbeholfen, so schwach, so schutzlos, so ohnmächtig ohne Ihn sind! Wahrhaft, eben dadurch, und dadurch daß wir uns dessen bewußt sind, in überzeugt-tiefem, demütig-tränenvollen und gebets-flammenden Bewußtsein desselben. Von diesem Gedanken war ich erfüllt, als ich am Beginn der Göttlichen Liturgie flehentlich aufseufzte: Ich als Mensch sündigte: Du aber, als gütiger Gott, der Du die Hilflosigkeit meiner Seele siehst, erbarme Dich meiner! (Gebet des Hl. Chrysostomos). Und sofort wurde es mir wohl, so freudig, so hell und warm im Herzen, ich spürte eine unsichtbare, liebkosende, gute Hand, die über dem Betenden schwebte, der unter den Schutz des Höchsten eilte, so wie ein Kleinkind in das Haus der liebenden und geliebten Mutter eilt... 1. Nov. 1901.
74. Herr, fragst du nicht danach, daß Deine Gnade mich alleine dienen läßt? Sage ihr doch, daß sie es auch angreife (Lk. 10,40). So soll deine Seele rufen, o Christ, wenn du fühlst, daß du den Herrn aus deinem Herzen verlierst! Und Er seinerseits wird dich nur dafür tadeln, daß du nicht begreifst, wie teuer und lieb du Ihm in diesen Minuten bist... 1. Nov. 1901.
75. Hirte und Diener Gottes! Wenn du das priesterliche Amt der Eucharistie vollziehst und vor dem hl. Altartisch stehst, dann vergiß für diese Zeit alles, was jenseits der Grenzen des Altars liegt – mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und Fühlen stehe vor dem Erlöser, nicht vor Brot und nicht vor Wein, sondern vor dem Erlöser Selbst. Vergiß, daß du ein Mensch bist und physische Augen hast. Sei in dieser Zeit Geist, ganz Geist, und durchdringe mit deinem geistigen Auge die vergänglichen Elemente und schaue die allergrößte Versammlung und das Frohlocken der geistlichen Welt um das auf dem Altar geschlachtete Lamm Gottes! Schau, wie um Ihn die himmlischen Kräfte schweben, ihr Antlitz verbergend vor ehrfürchtigem Schrecken, und du gerate umsomehr in Furcht, erschaudere vor heiligem Zittern, falle auf dein Antlitz nieder und weine! Mögen nur diese Tränen deine einzige Erinnerung an dein menschliches, physisches Wesen darstellen, als reinste Gabe an Den, der Selbst Mensch war und uns mit Seinen Tränen, Seinem Blut und Seinem Leiden Anteil erlangen ließ an Seinem Göttlichen Wesen. 1. Nov. 1901.
76. Wie voller Erbarmen ist unser Herr zu uns, wenn wir umkehren! Wie wenig nur wird von unserer Seite gefordert zur Vergebung unseres Fallens, unserer allminütlichen Sünden, zur Heilung unserer andauernden Gebrechen und Schwächen! Seufze nur, bringe das zerknirschte Bewußtsein deiner geistlichen Krankheit der Sünde vor Ihn – und siehe, sie ist dir schon vergeben, und deine Reue selbst wird dir von Ihm als Tugend angerechnet. Vergieße nur Tränen über deine Schwächen, und siehe, schon wird dir dies zur Gnade angerechnet! Hasse die Sünde, höre auf, diesen deinen Feind zu füttern, und siehe, schon kommt Er Selbst, Er, der Süßeste Arzt unserer Seelen und Leiber, um deine Seele mit der wahren Speise zu erquicken. 2. Nov. 1901.