Priester Nikolai Artemoff

Die Neumärtyrer Russlands

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:
Bote 1988, 1

Die Neumärtyrer Rußlands

Der Bekenner des Russischen Landes:
Vor 70 Jahren - Wiederherstellung des Patriarchenamtes in Rußland

Seine Heiligkeit, Patriarch Tichon, Bekenner unter den Neomärtyrern Rußlands

Wie bereits in der letzten Ausgabe des "Boten" (6/1987) vermerkt, erfolgte vor 70 Jahren - am Fest der Einführung der Allerheiligsten Gottesgebärerin in den Tempel - die Inthronisierung des neugewählten Patriarchen Tichon. Jetzt darüber zu schreiben, bedeutet aber keineswegs, eines längst vergangenen Ereignisses zu gedenken, das etwa an Aktualität verloren hätte...
In zwei aufeinanderfolgenden Nummern publizierte die sowjetische Zeitschrift "Nauka i religija" (Wissenschaft und Religion) unter dem Titel "Im Umbruch - Das Kirchenkonzil von 1917-1918" (Nr. 11 u.12/1987) einen umfangreichen Artikel zu diesem Ereignis in dem Ton, wie er für eine atheistische Propagandazeitschrift charakteristisch ist. Auch die "Zeitschrift des Moskauer Patriarchats" (kurz: ZMP Nr.11/1987) reagierte. Da heißt es: "Wir gratulieren herzlich unseren Brüdern und Schwestern, den Kindern der Russischen Orthodoxen Kirche, und allen Landsleuten..." - nein, nicht zum Fest der Einführung der Allerheiligsten Gottesmutter in den Tempel, auch nicht zur 70 -Jahrfeier der Wiederherstellung des Patriarchenamtes (weder das eine noch das andere wird erwähnt), vielmehr gratuliert der Patriarch Pimen in seinem Sendschreiben zur Entstehung der gottlosen Herrschaft, des Systems also, welches in der Kirchenverfolgung über zweihundert Bischöfe vernichtete, zehntausende im Priester- und Mönchsstand, unzählige Neomärtyrer im ganzen Volk, - welches vor dem Krieg in unserem leidenden Vaterland die Zahl der orthodoxen Gotteshäuser von ca. 70 000 auf etwa 400 (niemand kennt die genaue Zahl) reduzierte, wobei nur 4 Bischöfe im Amt verblieben mit einer Handvoll eingeschüchterter Priester. Und wenn am Ende des Krieges mehr als 23 000 Kirchen durch die Anstrengungen des Volkes wiederhergestellt waren, so war diese Staatsmacht bald nach ihrer Konsolidierung wieder darauf aus, Kirchen zu schließen. In zwei Jahren 1959-61 wurde die Hälfte geschlossen. Im Jahre 1961 waren es nur mehr 11 742, und weiter: 1966 - 7523, 1971 - 7274, 1976 - 7038, 1981 - 7007, 1986 - 6794 Kirchen (wie jetzt eine "führende Persönlichkeit" dieser Macht verlauten ließ1. In dem Sendschreiben aber heißt es: "Wir begrüßen innigst und gratulieren den führenden Persönlichkeiten unseres Sowjetischen Staates und wünschen ihnen von Herzen Erfolg und Gottes Segen in ihrem Mühen zum Wohl unseres geliebten Vaterlandes und des Friedens in der ganzen Welt..." u.s.w. Im Geleitwort zur Ausstellung "Tausend Jahre Kirche in Rußland" (Hrsg. Evangelische Akademie Tutzing) schreibt Patriarch Pimen : "Nach dem Fall der Zarenherrschaft im Februar und der Einführung der sozialistischen Ordnung im Oktober 1917 wurde die Wiederherstellung des Patriarchats, der höchsten kanonischen Form der Kirchenordnung, möglich"2. Anders gesagt, der Sowjetmacht verdankt Rußland die Wiederherstellung des Patriarchenamtes...
Betrachten wir die Wiederherstellung des Patriarchenamtes in der historischen Perspektive und im Lichte der heutigen Zeit. Denn wahrlich: bedeutsam ist die Wiederherstellung des Patriarchenamtes in Rußland just in den Tagen der Entstehung einer gottlosen, antichristlichen Staats-macht, und groß ist der geistliche Weg des Martyriums des ersten Patriarchen nach der Wiederherstellung.
217 Jahre war der Patriarchenstuhl nicht besetzt. Als die Kathedra des Patriarchen im Jahre 1700 verwaiste, ließ Zar Peter I. die Neuwahl eines Patriarchen nicht mehr zu. Zum Jahre 1721 arbei-tete er mit dem Erzbischof Theophan Prokopowitsch die Grundlage zur völligen Abschaffung des Patriarchenamtes aus. Die Kirche wurde in die Staatskonzeption Peters so einbezogen, daß über dem Synod ein Staatsbeamter - der Oberprokuror - stand, keine geweihte Person, sondern ein Laie.
Ein solcher Bruch der inneren Kirchenordnung mußte schwere Folgen für das ganze Volk haben: "...die bolschewistische Gewaltherrschaft und die von ihr zum Gesetz erhobenen Unmenschlichkeiten haben wir als eine Strafe Gottes für den Bruch der kanonischen Reinheit der Kirche angenommen"3 - schrieb nach der Revolution Metropolit Antonij (Chrapovickij). Gerade er, der spätere Ersthierarch der Russischen Auslandskirche, war es gewesen, der - nachdem er sich in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts bereits als 7-jähriger für die Wiederherstellung des Patriarchenamtes in Rußland begeistert hatte - den Kampf für die Wiederherstellung der kanonischen Ordnung in der Russischen Kirche aufnahm. Wie kein anderer fühlte Vladyka Antonij, daß die Kirche sich in der Lage eines Verwundeten befand, dem auch noch die Hände gefesselt sind4. Als Mitglied des Hl. Synod erarbeitete Vladyka Antonij eine Resolution zur "Ordnung des inneren Lebens der Orthodoxen Russischen Kirche auf der Grundlage der kanonischen konziliaren (sobornyj) Leitung, bei voller Autonomie der Kirche in allen eigenen kirchlichen Angelegenheiten"5. Er war der Meinung, daß die Wiederherstellung des Patriarchenamtes durch die staatliche Anerkennung eines der rangältesten Hierarchen als Patriarchen (sei es des St.-Peters-burger Metropoliten als dem der Hauptstadt, sei es des Moskauer Metropoliten als dem, wo die Patriarchen-Kathedra stand) geschehen sollte. Der neue Patriarch könnte dann das Kirchenkonzil zusammenrufen. Wichtig war Vladyka Antonij daran, daß der Staat in dieser Weise selbst ein Recht zurückgeben würde, das er unrechtmäßigerweise der Kirche genommen hatte, und so Reue zeigen würde. Vladyka Antonij sah, daß die Regierung des Imperators, einschließlich des Zaren und des Oberprokurors K.P.Pobedonoscev, seinen Bestrebungen entgegenstand. Beschuldigungen und Verurteilung waren Vladyka Antonij fremd, doch den Weg, zu dem der Staat sich in der schwierigen historischen Situation entschied, hielt er für grundfalsch. Deshalb schrieb er in seinem Antrag noch im Jahre 1905, daß in den Umfragepunkten und dem Vortrag K.P.Pobedonoscevs über die Reform der Kirchenverwaltung in Rußland auf kanonischer Grundlage "der wichtigste Gedanke verschwiegen wird: die Wiederherstellung des Patriarchenamtes". "Wer kann bestreiten, daß das tägliche Leben der russischen Herde, alle antikanonischen Grundbestandteile in der Kirchenverwaltung, die Abkapselung der Priesterschaft zu einer Kaste, das Fehlen der von unserem Glauben geforderten Gemeinschaft mit den anderen orthodoxen Nationalkirchen - daß all diese Entstellung der Orthodoxie mit dem Fall des Patriarchenamtes begann? Wer kann bestreiten, daß das Patriarchenamt keineswegs aus den Gründen abgeschafft wurde, die im Reglement (Peters I.) angeführt werden als eine bewußte Lüge (und doch werden sie in der Schule auswendiggelernt), sondern nur zu dem Zweck, den wichtigsten Verteidiger der Kirchenordnung zu beseitigen, der sich mit der häretischen und heidnischen Ordnung des neuen Lebens nicht in Übereinstimmung bringen läßt. Wahrlich, hier erfüllte sich das prophetische Wort des Herrn: 'Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden auseinandergehen' (Matth. 26,31). Völlig zwecklos sind jetzt alle möglichen Debatten über irgendwelche Konzile, über eine Wiedergeburt der geistlichen Schulen, über die Wiedergeburt der Gemeinden, solange es keinen Patriarchen gibt"6 - schreibt Vladyka Antonij und sagt im weiteren die Entstehung des "Erneuerertums" voraus.
An gleicher Stelle zeigt Vladyka Antonij anhand von Beispielen die Methoden der vorliegenden Gesetzgebung und faßt zusammen: "...die synodale Gesetzgebung zeichnet sich, angefangen vom Reglement Peters I., dadurch aus, daß in ihr ganz bewußt alles nicht zu Ende ausgesprochen wird, oder umgekehrt zuviel herumgeredet wird, weil es unmöglich ist, direkt und offen eine derartige Versklavung der Kirche zum Gesetz zu machen"7.
Was die Behauptungen betrifft, das Patriarchenamt sei eine Art "Papsttum", antwortete Vladyka Antonij so: "Kann denn von papistischen Ansprüchen des Patriarchen die Rede sein bei der Erniedrigung des Glaubens selbst, in dem der letztere sich im 18. und 19. Jahrhundert befand? Im Gegenteil, die Regierung würde genötigt sein, sich ständig darum zu bemühen, daß die Patriarchen ihrer Rechtsverpflichtungen tiefer bewußt werden und nicht alles und jeden fürchten sollten, daß sie lauter und kühner ihre Stimme im Land erheben sollten, wenigstens in rein geistlichen, rein moralischen Fragen des Lebens. Und natürlich, nur unter der Bedingung einer solchen Kühnheit würden auch die übrigen Hirten ihr verbrecherisches Schweigen aufgeben...". Weiter spricht Vladyka Antonij von der Bereitschaft der Geistlichkeit jede beliebige Staatsmacht "zu verherrlichen"8. Vom "Lobpreis" einer gottfeindlichen Staatsmacht spricht Vladyka Antonij zwar nicht direkt, aber die Worte, die er zwölf Jahre vor ihrer Machtergreifung schrieb, verwirklichen sich heutigentags: so ist in Rußland, wie es scheint, der Thron des Patriarchen wiederhergestellt, dieses "wichtigsten Verteidigers der Kirchenordnung, der sich mit der häretischen und heidnischen Neuordnung des Lebens nicht in Einklang bringen läßt" (s.oben), aber im Namen des Patriarchen wird jetzt ein solches "neues Leben" hochgepriesen, von dem sich Peter I. nicht einmal träumen ließ!
Vladyka Antonij ging es nicht um die äußere Lage der Kirche, ihren äußeren Glanz, sondern um die Heilung einer geistlichen Pervertierung, die von innen her die Grundlagen des pastoralen Geistes untergräbt. Und auch das ist heute aktuell, wie vieles andere oben Gesagte.
...Am Tage des Entschlafens der Allerheiligsten Gottesgebärerin - dem 15. August 1917 - wurde in der Entschlafens-Kathedrale des Kreml das Allrussische Konzil der Russischen Orthodoxen Kirche eröffnet. Wenige Tage darauf hören wir: "Das Vaterland geht zugrunde. Nicht irgendein von uns unabhängiges Unglück ist der Grund dafür, sondern der Abgrund unseres geistigen Falls... Das Volksgewissen ist durch anti-christliche Lehren benebelt. Es geschehen unerhörte Taten von Frevel und Sakrileg; an verschiedenen Orten werden die Hirten aus den Gotteshäusern getrieben... die Schrecken eines Bürgerkrieges stehen vor der Tür..."9. In einem anderen Appell: "Wollt ihr etwa euer Wohlergehen auf den Trümmern und dem Aschenschutt des Heiligen Rußland aufbauen? Oder glaubt ihr euer persönliches Glück mit dem Untergang des Vaterlandes zu erkaufen? Für einen Treuebrecher, einen Verräter gibt es kein Glück. Grauenvoll ist das Glück eines Kain!"10. Das wurde noch vor der Machtergreifung durch die Kommunisten gesprochen.
Die neuen Machthaber vergriffen sich sogleich an der Freiheit des Wortes. So begann der Aufstand der Junker in Petrograd und Moskau, von dem Lenin sagte: "im Namen der Pressefreiheit wurde der Junkeraufstand organisiert, der Krieg in Petrograd und Moskau erklärt"11. Der Aufstand flackerte am 27. Oktober auf und dauerte eine Woche. Am 30. Oktober beschloß das Konzil die Wiederherstellung des Patriarchenamtes - am Wendepunkt der Epoche, unter dem Donner der Geschütze... Mit Recht durfte das Konzil befürchten, daß es von den Kommunisten auseinandergetrieben würde. Unaufschiebbar war die Schaffung der Grundlagen für die Zukunft der Kirche. Eine Zeit neuer Prüfungen war angebrochen, und das Konzil war sich dessen bewußt geworden. Jetzt endlich zeitigte das Werk Vladyka Antonijs - des Vorkämpfers für die Wiederherstellung des Patriarchenamtes - Früchte und wurde von Erfolg gekrönt (von "Nauka i religija" wird er mit unverhohlener Feindseligkeit als "inoffizieller Führer und eigentliches Idol" des Landeskonzils bezeichnet12. Im ersten Wahlgang (am 30.10.) erhielt Vladyka Antonij 101 Stimme, der Erzbischof Kyrill von Tambov - 27, der Metropolit von Moskau Tichon - 23. Am folgenden Tag (dem 31.10) waren mit dem Ziel der Bestimmung dreier Kandidaten zum Losentscheid drei Namen pro Wahlzettel erbeten. Nur Vladyka Antonij erhielt die vorausgesetzte absolute Mehrheit (159), zweiter und dritter Kandidat wurden später der Metropolit Tichon und der Erzbischof Arsenij von Novgorod und Staraja Russa.
Nach einer feierlichen Liturgie in der Erlöserkirche nahm Metropolit Vladimir von Kiev (der spätere Erstmärtyrer unter den russischen Hierarchen) das am Fuße der eigens dazu in die Kirche gebrachten Ikone der Gottesmutter von Vladimir stehende Kästchen, in dem drei Zettel mit den Namen der drei Kandidaten lagen, und segnete damit das versammelte Volk. Ein Starez, der Einsiedler der Zosima-Pustyn' Aleksij, zog das Los, welches auf den Metropoliten von Moskau Tichon fiel.
Die Inthronisierung wurde am Fest der Einführung der Allerheiligsten Gottesmutter in den Tempel gemäß einem neuerarbeiteten Ritus feierlich vollzogen. Aus den Reden der Teilnehmer dieses Ereignisses wird deutlich, daß bei der Inthronisierung in der Entschlafenskathedrale in der Trommel der Kuppel noch ein metergroßes, vom Artilleriebeschuß stammendes Loch klaffte. Der neueingesetzte Patriarch Tichon vermerkte die Bedeutung Vladyka Antonijs für die Wiederherstellung des Patriarchenamtes und ließ ihn durch den Gesang "auf viele Jahre" ehren. Vollendet war die Einsetzung auf den Patriarchenstuhl - der große Fürsprecher für das Russische Land war erschienen. Das Konzil bestimmte unter den Rechten und Pflichten des Patriarchen: "Insbesondere hat der Patriarch...die Pflicht zur Fürsprache vor der staatl. Macht"13. Der steile, sich emporwindende und steinige Aufstieg des Märtyrers für das Heilige Rußland, des Bekenners und Hohenpriesters Tichon nach Golgatha hatte begonnen.
Die Wiederherstellung der kanonischen Ordnung in der Russischen Orthodoxen Kirche war das Allernötigste als Antwort der Kirche Christi, der bisher ungekannte Prüfungen bevorstanden. Und im Ganzen wurde die Antwort gegeben. Ihr Träger wurde Patriarch Tichon.
Am Tage seiner Wahl wandte er sich an die Kirche. Er gedachte der Buchrolle, die dem Propheten Hesekiel von Gottgegeben worden war und in welcher "Klagen und Seufzen und Wehe" niedergeschrieben war (Hes. 2,10), und sagte: "Von jetzt an ist mir die Sorge für die Kirchen Rußlands auferlegt, und es steht mir das Sterben für sie durch alle Tage bevor", und er legte alles Vertrauen auf den Herrn und Seine Allerreinste Mutter, von deren Ikone das Los genommen worden war. Am Tage der Inthronisation bei der Entgegennahme des Patriarchenstabes sagte Patriarch Tichon u.a.: "... das Bischofsamt ist vornehmlich ein Dienst der Liebe. Der Oberhirte findet das verlorene Schaf und hebt es auf seine Schultern. Wahrlich, das Patriarchenamt wird in Rußland in einer unheilschwangeren Zeit wiederhergestellt, inmitten von Feuer und todbringendem Geschützdonner. Wahrscheinlich wird es auch selbst vielfach gezwungen sein, Maßnahmen des Verbots zu ergreifen, um die Ungehorsamen zur Vernunft zu rufen und die Kirchenordnung wiederherzustellen. Aber wie in alter Zeit der Herr dem Propheten Elias nicht im Sturm, nicht im Erdbebeben, nicht im Feuer, sondern in der Kühle, im Säuseln des stillen Windhauchs erschien, so wird auch jetzt auf unsere kleinmütigen Vorwürfe: 'Herr, die Söhne Rußlands haben Deinen Bund verworfen, Deine Altäre zerstört, die Heiligtümer der Kirchen und des Kreml' beschossen, Deine Priester gemordet', als Antwort das stille Wehen Deiner Worte hörbar: 'noch haben 7000 ihre Knie vor dem zeitgenössischen Baal nicht gebeugt und sind dem wahren Gott nicht untreu geworden'. Und es ist, als spräche der Herr zu mir so: 'Gehe hin, und finde die, um derentwillendas Russische Land vorerst noch steht und sich hält! - Aber verlasse auch die verirrten Schafe nicht, die dem Verderben geweiht sind, zur Schlachtung - wahrhaft armselige Schafe. Weide sie und nimm hierzu diesen Stab, den Stab des Wohlgefallens. Mit ihm suche das verlorene Schaf, das fortgetriebene führe zurück, verbinde das verwundete, festige das kranke, rotte das fette und wilde aus, weide sie gemäß der Wahrheit'. Hierin möge mir der Erste Hirte Selbst beistehen durch die Gebete der Allerheiligsten Gottesgebärerin und der Heiligen Hierarchen Moskaus. Gott segne uns alle durch Seine Gnade. Amen"14.
Man muß sich darüber klar werden, daß zwischen dem Allerheiligsten Patriarchen Tichon, dem Bekenner und Märtyrer der Russischen Kirche einerseits und der heutigen Realität des Patriarchenamtes anderereseits eine abgrundtiefe Kluft gähnt. Gerade deshalb versucht man jedoch, die Kluft wenigstens für das Auge zu kaschieren. Die Wiederherstellung des Patriarchenamtes wird in der "Zeitschrift des Moskauer Patriarchats" (11/87) nur unter der Rubrik "Zur 70-Jahrfeier des Großen Oktober" erwähnt, im Artikel "Die Russische Orthodoxe Kirche unter neuen historischen Bedingungen". Dieser Aufsatz des Rektors der Moskauer Geistlichen Akademie, des Erzbischofs Alexander, ist eine Beispiel für die wiederholten Versuche, die "Richtigkeit" der bedingungslosen Zusammenarbeit mit dem Sowjetregime zu "beweisen". Diese Grundhaltung wird hier willkürlich dem Patriarchen Tichon zugeschrieben, was nur auf Kosten von Fälschungen möglich ist: so erwähnt der Artikel mit keinem Wort die Tatsache, daß die Patriarchenwahlen deshalb in der Erlöserkirche stattfanden, weil der Kreml im Geschützfeuer der Bolschewiken lag. Die Reden des Patriarchen werden nicht zitiert, dafür aber seine Erklärung vom 16. Juni 1923 an das Oberste Gericht der RSFSR, die der Artikel als "Sendschreiben" (!) des Patriarchen ausgibt. Dabei bleibt unerwähnt, daß diese Erklärung im Gefängnis des GPU (später NKWD, MGB, KGB) unterzeichnet wurde, mit der Bitte aus dem Arrest freigelassen zu werden. Dort war der Patriarch jeglicher realer Informationen beraubt und befand sich unter grausamem psychologischen Druck, da er annahm, die Anhänger des "Erneuerer"-Schisma würden in der Kirche die Oberhand gewinnen.
Später heißt es in dem Artikel, daß "nach dem Ableben des Allerheiligsten Patriarchen Tichon im Jahre 1925 die Erneuerungs-Schismatiker eine äußerst unschöne Rolle spielten" (S.6). In Wirklichkeit spielte diese prosowjetisch eingestellte Gruppierung ihre unheilschwere Rolle nicht nach dem Ableben des Patriarchen, sondern gerade während seiner Haftzeit und in den Prozessen gegen die Priester, ab 1922. Sie wurde erst dann überflüssig, als es zu Ende der 20-ger Jahre den Machthabern gelungen war, das Moskauer Patriarchat selbst auf ähnliche Bahnen zu lenken15.
Der Patriarch trug den Schmerz um die Kirche Christi, die durch die Tücken des Widersachers von innen zerrissen wurde, in seinem Herzen, aber für die ZMP gestaltet sich dies (ohne Erwähnung der Gefängnishaft und der Erneuerer) alles sehr einfach und heißt dann "Respekt für die vom Volk getroffene historische Wahl": "In der Epoche des Neuaufbaus war es notwendig, das eigene Wertsystem mit den vom historisch konstruktiven und aktiven Teil des russischen Volkes gewählten Werten, d.h. mit den Werten der siegreichen Revolution, in Beziehung zu bringen"16. Bis zu seinem Ableben wurde tagtäglich auf den Patriarchen Druck ausgeübt.
Eine Woche nach dem Ableben des Oberhirten (am Tage der Verkündigung des Jahres 1925) wurde in der sowjetischen Presse ein sog. "Vermächt-nis" des Patriarchen Tichon abgedruckt, dessen Entstehung geheimnisumwoben ist. Eine ganze Reihe von Tatsachen lassen dieses Dokument als zweifelhaft erscheinen. Und das Kirchenvolk nahm das "Vermächtnis" nicht als echt an. Nicht einmal Metropolit Sergij gestattete sich einen Hinweis auf dieses Dokument, als er 1927 die Position angenommen hatte, welche das Moskauer Patriarchat jetzt dem Patriarchen Tichon zuschreiben möchte. Das Moskauer Patriarchat zitierte das "Vermächt-nis" bis zum Jahre 1944 nicht. Jetzt aber wird es in der ZMP hingestellt als "neuer Schritt in die Richtung" - "die eigenen traditionellen Werte mit den Werten des Sozialismus unter dem Vorzeichen eines positiven Dialogs in Beziehung zu bringen" (S.6). Mehr noch, der Patriarch Tichon habe mit seiner Abfassung "durch die Autorität und Überzeugungskraft des Ersthierarchen den Edelmut der Ziele der Sowjetsystems unterstrichen und so dem orthodoxen russischen Volk geholfen, sich den religiösen Sinn der revolutionären Veränderungen und den positiven Gehalt der heroischen Anstrengungen der neuen Sowjetmacht klarzumachen" (s. 6)!
Das ist wohl der Höhepunkt der Lüge: soll also die Rede von den "titanischen Anstrengungen" im jetzigen Sendschreiben des Moskauer Patriarchen im Geiste des Patriarchen Tichon sein...?! Wer das annimmt, der muß sich nicht nur von dem Heiligen Neomärtyrer lossagen, sondern auch alle Neomärtyrer des "falschen Bewußtseins" anklagen, dessen, daß sie "die edelmütigsten Bestrebungen" der neuen und gottlosen Herrschaft nicht "wertschätzten"... So wird die innere Trennungslinie der Russischen Kirche offenbar, dergegenüber niemand die Augen verschließen kann, der wirklich an Christus als den Weg, die Wahrheit und das Leben glaubt.
Wieviel wert sind die Einflüsterungen dieses Geistes, der ständig seine "friedensstiftende Tätigkeit" unterstreicht? Der Autor des Artikels im ZMP weist uns auf das Sendschreiben vom 18. März 1918 hin und sagt hierzu: "Der Allerheiligste Patriarch Tichon ruft dazu auf 'das Heimatland nicht auseinanderzureißen' - ein unter der roten Fahne vereinigtes Land" (S. 5). Der Text ist in Rußland nur Auserwählten zugänglich, und der Autor, der zu ihnen gehört, mag ihn nicht zitieren. Warum wohl? Betrachten wir ihn näher: "... Menschen sind aufgetreten, die sich vom Glauben lossagten, Verfolger der Kirche Gottes, und sie haben dem Volk Frieden gegeben. Aber ist dies der Friede, für den die Kirche betet, den das Volk ersehnt?... Der Bruderkrieg im Innern ist nicht nur nicht beendet, sondern verschärft sich mit einem jeden Tag. Der Hunger verstärkt sich... Es mehren sich Raub und Mord... Wird der erklärte Frieden diese zum Himmel schreienden Mißstände abschaffen? Weh', denn es erfüllen sich die Worte des Propheten: 'Sie sprechen Friede, Friede, und da ist doch kein Friede...' Dieser Frieden, der im Namen des russischen Volkes unterzeichnet wurde, wird nicht zu einem brüderlichen Zusammenleben der Völker führen. Es gibt in ihm keine Ansätze für eine Befriedung und Aussöhnung, sondern die Samen der Bosheit und des Menschenhasses sind darin gesät. In ihm keimen neue Kriege und Schrecken für die ganze Menschheit..."17.
Dieser kurze Vergleich zeigt, zu welcherart Falsifikation gegriffen wird, um nur die angebliche "Nachfolge" des Moskauer Patriarchats im Erbe des Patriarchen Tichon "vorzuweisen".
Das Wort des Patriarchen über die "friedens-stiftende Tätigkeit" auf den Wegen der Gottlosen hat sich bewahrheitet - bis hin zu dem längsten Krieg, den das Sowjetregime je führte: dem afghanischen Krieg. Über diesen schweigen sich bis heute die "Friedensstifter" aus, ja sie widersetzten sich seiner Erwähnung im "Weltkirchenrat" (in Vancouver)... Doch bis heute klingt über sieben lange Jahrzehnte der Ruf des echten Patriarchen der Russischen Kirche zu uns:
"Zu dir aber hin entbrennt in Mitleid mein Herz bis in den Tod, du verführtes, unglückliches russisches Volk. 'Durch Tränen vergehen meine Augen, meine Eingeweide wallen' (Klagelied des Jeremias 2,11) angesichts deiner bitteren Schmerzen und in der Vorahnung noch größerer Leiden..."18. Dieses Mitleid bestimmte das Martyrium des Patriarchen, des Schutzengels der Russischen Kirche.
Hier sei noch vermerkt, daß am 5/18. April 1918 das Konzil bestimmte: "Festgesetzt seien in ganz Rußland auf den Tag des 25. Januar, bzw. auf den darauffolgenden Sonntag (Abend), alljährliche Gedenkgottesdienste für alle in der jetzigen schlimmen Zeit der Verfolgungen gestorbenen Bekenner und Märtyrer" - ebenso sollten alljährlich "dort, wo es Bekenner und Märtyrer gab, die für den Glauben und die Kirche ihr Leben ließen, Prozessionen zu ihren Grabstätten abgehalten werden, wo feierliche Totengottesdienste zu halten sind, mit einer Verherrlichung ihres heiligen Gedenkens durch das (gepredigte) Wort"19. Ebendiese Konzilsbestimmung war der Beginn der Verherrlichung der Hll. Neomärtyrer und Bekenner.
Was den "Bruderkrieg" anbelangt, so sprach hierüber noch vor Beginn des Allrussischen Konzils bereits der Geheiligte Synod (22.7. u. 2.8. 1917). Und auch durch das Konzil war bereits lange vor der Wahl des Patriarchen gesagt worden: "Ihren geheiligten Geboten treu, nimmt die Orthodoxe Kirche am Kampf politischer Parteien nicht teil. Und doch kann sie jetzt, ebenso wie in den Tagen des priesterlichen Märtyrers, des Patriarchen Hermogen, nicht gleichgültige Zuschauerin des Zerfalls und Verderbens der Heimat sein... Der Bruderzwist muß verhindert, der Brudermord endgültig beseitigt sein... Die Staatsmacht darf nicht parteilich sein, sondern muß die des ganzen Volkes sein. Das ganze russische Volk umfassend kann jedoch nur eine Macht sein, die sich vom Licht des christlichen Glaubens leiten läßt"20.
Es trifft zu, daß der Patriarch die Weiße Bewegung nicht segnete, weil er die Kirche nicht mit der Politik vermischen wollte. Aber in der ZMP gründet man sich darauf, um den Patriarchen Tichon nach dem eigenen Bilde und Gleichnis "umzuschnei-dern": er habe sich so für "ein unter der roten Fahne vereinigtes Land" verwandt (s.oben)... Was schrieb nun aber der Patriarch selbst, etwa zum Jahrestag des Umsturzes an den "Rat der Volkskommissare"?
"Ihr habt das ganze Volk in einander verfeindete Lager gespalten und es in einen Bruderkrieg von nie gekannter Grausamkeit gestürzt. An die Stelle der Liebe Christi habt ihr unverhohlen den Haß gesetzt, und anstatt Frieden zu schaffen, habt ihr künstlich die Klassenfeindschaft entfacht. Für diesen Krieg, den ihr erzeugt habt, ist kein Ende abzusehen, weil ihr bestrebt seid, mit den Händen der russischen Arbeiter und Bauern dem Gespenst der Weltrevolution zum Sieg zu verhelfen.
Nicht Rußland war es, das den Schandfrieden, den ihr mit dem äußeren Feind geschlossen habt, brauchte, sondern ihr, die ihr euch zum Ziel gesetzt habt, den inneren Frieden endgültig zu zerstören. Niemand fühlt sich außer Gefahr; alle leben in ständiger Angst vor Durchsuchung, Beraubung, Aussiedlung, Verhaftung, Erschießung. Zu Hunderten werden wehrlose Menschen gegriffen, monatelang schmachten sie in Gefängnissen, ja man richtet sie hin, oft ohne jede Untersuchung und Gericht, sogar ohne das von euch eingeführte vereinfachte Gerichtsverfahren. Es werden nicht nur solche hingerichtet, die sich euch gegenüber etwas haben zuschulden kommen lassen, sondern auch solche, von denen auch ihr wißt, daß sie völlig unschuldig sind und nur als 'Geiseln' genommen wurden, diese Unglücklichen werden ermordet aus Rache für Verbrechen, die von Menschen begangen wurden, welche nicht nur nicht deren Gleichgesinnte sind, sondern oft sogar eure eigenen Anhänger oder euch von der Überzeugung her Nahestehende. Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen werden hingerichtet, obwohl sie völlig unschuldig sind, einfach aufgrund der allgemeinen Bezichtigung irgendeiner verschwommenen und unbestimmten "konterrevolutionären Einstellung". Die unmenschliche Hinrichtung wird für die Orthodoxen noch dadurch erschwert, daß sie der letzten Tröstung vor dem Tode - der Wegbereitung durch die Heilige Kommunion - beraubt werden, und dadurch, daß die Leiber der Getöteten den Verwandten zum christlichen Begräbnis nicht freigegeben werden.
Ist all das nicht der Gipfel sinnloser Grausamkeit seitens derer, die sich als Wohltäter der Menschheit ausgeben und angeblich früher selbst viel seitens einer grausamen Administration zuleiden hatten?
Doch es genügte euch nicht, daß ihr die Hände des russischen Volkes mit Bruderblut befleckt habt; unter dem Deckmantel verschiedener Bezeichnungen - Kontributionen, Requisitionen und Nationalisierungen - habt ihr es zum offenen und unverhohlenen Raub angestiftet... durch die Möglichkeit einer leichten und straflosen Bereicherung habt ihr sein Gewissen vernebelt und in ihm das Bewußtsein der Sünde erstickt...
Ihr habt Freiheit versprochen... Die Freiheit ist ein hohes Gut, wenn sie richtig verstanden wird, als Freiheit vom Bösen, die die anderen nicht bedrängt, die nicht zu Willkür und Zügellosigkeit ausartet. Aber gerade diese Freiheit habt ihr nicht gebracht: die von euch gegebene Freiheit besteht in allerlei Schmeichelei an die niederen Leidenschaften der Menge, in Straflosigkeit für Mord- und Raubtaten. Alle Äußerungen sowohl der bürgerlichen, als auch der höheren geistigen Freiheit der Menschheit werden von euch erbarmungslos unterdrückt. Ist denn das Freiheit, wenn niemand ohne Sondererlaubnis sich seine Lebensmittel transportieren, eine Wohnung mieten oder vermieten oder seinen Wohnort wechseln darf? Ist das Freiheit, wenn Familien, bisweilen sogar die Einwohnerschaft ganzer Häuser vertrieben und ihre Habe auf die Straße geworfen wird, wenn die Bürger künstlich in Kategorien aufgeteilt, von denen dann bestimmte (Kategorien) dem Hunger und der Beraubung preisgegeben werden? Ist das etwa Freiheit, wenn niemand offen seine Meinung äußern darf, ohne befürchten zu müssen, daß er der Konterrevolution angeklagt wird? Wo ist die Freiheit des Wortes und der Presse, wo - die Freiheit kirchlicher Predigt? Schon haben viele mutige kirchliche Prediger ihren Mut mit ihrem Märtyrerblut bezahlt... die Presse ist, außer der eng bolschewistischen völlig erstickt. Besonders schmerzvoll und grausam ist die Verletzung der Freiheit in Sachen des Glaubens. Kein Tag vergeht, ohne daß in euren Presseorganen die ungeheuerlichsten Verleumdungen gegen die Kirche Christi und ihre Diener erschienen, Spöttereien und bösartige Gotteslästerungen. Ihr verhöhnt die Diener des Altars... Ihr legtet eure Hand auf das kirchliche Eigentum, daß von Generationen gläubiger Menschen gesammelt wurde, und bedenkenlos handeltet ihr deren letztem Willen zuwider. Ihr habt eine Reihe von Klöstern und Hauskirchen geschlossen, ohne jeden Anlaß. Ihr habt den Zugang zum Kreml', diesem heiligen Erbgut des ganzen gläubigen Volkes, gesperrt21. Ihr zerstört die herkömmliche Form der kirchlichen Gemeinschaft - die Pfarrei, vernichtet die Bruderschaften und andere kirchlich-wohltätige und erzieherische Einrichtungen, ihr treibt Diözesanversammlungen auseinander, mischt euch in die innere Verwaltung der Orthodoxen Kirche ein. Ihr werft die geheiligten Bilder aus den Schulen hinaus und verbietet, den Kindern den Glauben zu lehren, und beraubt sie so der für eine orthodoxe Erziehung notwendigen geistlichen Nahrung.
... Ja, wir durchleben eine furchtbare Zeit unter eurer Herrschaft, und lange noch wird die Seele des Volkes nicht ausgeheilt sein von dieser Herrschaftsperiode, die das Bild Gottes in ihr verdunkelte und ihr als Siegel das Bild des Tieres einprägte.
... Wir wissen, daß unsere Anklage bei euch nur Zorn und Unwillen hervorrufen wird, und daß ihr darin nur einen Anlaß suchen werdet, uns des Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu beschuldigen, aber je höher euer 'Turm der Bosheit' sich erheben wird, desto sicherer wird das von der Wahrheit unserer Anklagen zeugen.
Es ist nicht unsere Sache, in Dingen irdischer Macht Richter zu sein, jede Herrschaft, die von Gott zugelassen ist hätte unseren Segen auf sich gezogen, wenn sie wahrhaftig 'Gottes Dienerin' wäre, zum Guten für die Untertanen und 'nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse' (Röm. 13, 3-4). Jetzt aber wenden wir an euch, die ihr eure Macht gebraucht zur Verfolgung der Nächsten, zur Ausrottung von Unschuldigen, unser Wort der Ermahnung: feiert den Jahrestag eurer Machtausübung mit der Freilassung der Gefangenen, mit dem Ende des Blutvergießens, der Gewalt, der Verwüstung, der Bedrängung des Glaubens..."22.
Auch dieses Sendschreiben zum ersten Jahrestag der Sowjetmacht klingt im Verlaufe aller sieben Jahrzehnte! Sollen wir es mit der Huldigung zur 70-Jahrfeier vergleichen...?
In ZMP wird kein Wort über das Anathema gesagt, das der Patriarch im Januar 1918 verkündete. "Nauka i religija" jedoch zitiert das Anathema als Versuch das "Dekret über die Trennung von Kirche und Staat" vorwegzunehmen: "Verfluchun-gen der Sowjetmacht, ihre öffentliche und direkte Anathematisierung, Aufwiegelung des fanatischsten Teil der Gläubigen gegen sie, Provozierung von 'Märtyrertum'..."23. Betrachtet man jedoch die Verwendung des Anathema - ohne Vorurteile - , so ist es ja nur auf Orthodoxe aufwendbar, worauf der Patriarch auch hinweist. Hier werden von der Hl. Kommunion Personen ausgeschlossen, die in der Orthodoxen Kirche getauft waren, sich jedoch zu Mördern und gottlosen Verfolgern der Kirche verwandelt hatten. Der Ausschluß klärt nur ihr Verhältnis zur Kirche und ruft gleichzeitig die Verblendeten zur Reue. Der Ausschluß "der Sowjetmacht" als solcher von der Kommunion ist einfach ein Absurdum. Doch der Verfasser des Artikels in "Nauka i religija" spielt nicht nur mit dem Unwissen, sondern verwischt auch die Gründe für die Veröffentlichung eines solchen Sendschreibens. Nach den ersten Worten - "eine schwere Zeit hat heute die Hl. Orthodoxe Kirche Christi im russischen Land zu durchleben..." - ist der gesamte zweite Absatz ausgelassen: "Vergessen und verachtet sind die Gebote Christi über die Nächstenliebe - tagtäglich dringen Nachrichten über grausame und bestialische Morde an unser Ohr, deren Opfer unschuldige Menschen, ja oft sogar solche sind, die auf dem Krankenlager liegen, deren einzige Schuld unter Umständen darin besteht, daß sie ehrlich ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland getan und alle Kräfte zum Dienste Gottes an ihrem Volk eingesetzt haben. Und all dies geschieht nicht nur im Schutz der nächtlichen Dunkelheit, sondern bei hellichtem Tage mit bislang unerhörter Frechheit und rücksichtsloser Grausamkeit, ohne jegliches Gericht und unter Mißachtung jeglichen Rechtes und Gesetzlichkeit. Dies gesachieht in unseren Tagen fast in allen Städten und Dörfern unserer Heimat: sowohl in dem Zentren als auch in den entfernten Randgebieten (in Petrograd, Moskau, Irkutsk, Sewastopol u.a.)".
Nach dieser Auslassung zitiert der atheistische Autor weiter "Das alles läßt unser Herz überströmen von tiefer, schmerzlicher Traurigkeit und zwingt uns, an diesen Abschaum der Menschheit ernste Worte der Anklage und Zurechtweisung zu richten nach dem Wort des Hl. Apostels: 'Die gefehlt haben, weise vor allen zurecht damit auch die anderen Furcht bekommen' (1 Tim. 5, 20). Kommt zu euch, ihr Wahnsinnigen..." und wiederum verdecken die Pünktchen Worte, die deutlich auf die Umstände hinweisen: "hört auf mit euren Blutbädern". Zitieren wir noch weiter, wobei das Ausgelassene in Kursiv erscheint: "Denn das, was ihr tut, ist nicht nur ein schreckliches Werk; das ist wahrhaftig das Werk Satans, für das ihr das ewige Feuer im künftigen Leben, nach dem Tode und den schrecklichen Fluch der kommenden Generationen im gegenwärtigen irdischen Leben verdient. Mit der uns von Gott verliehenden Macht verbieten wir euch, zu den heiligen Mysterien Christi zu treten, sprechen das Anathema gegen euch aus, soweit ihr noch christliche Namen tragt und zumindest durch eure Geburt zur Orthodoxen Kirche gehört.
Wir beschwören auch euch alle, ihr treuen Kinder der Orthodoxen Kirche Christi, in keinerlei Gemeinschaft mit solchem Auswurf des Menschengeschlechtes zu treten: 'schafft den Übeltäter aus eurer Mitte' (1 Kor. 5, 13). Schwerste Verfolgungen branden gegen die Hl. Kirche Christi: (es folgen einige Beispiele)... Wo sind die Grenzen dieser Schmähungen der Kirche Christi? Wie und wodurch kann man diesen Ansturm ihrer Feinde gegen sie beenden?
Wir rufen euch alle auf, ihr gläubigen und treuen Kinder der Kirche: erhebt euch zur Verteidigung unserer geschmähten und unterdrückten Heiligen Mutter. Die Feinde der Kirche ergreifen die Macht über Sie und Ihren Besitz mit der Kraft todbringender Waffen, doch ihr widersteht ihnen mit der Kraft eures Glaubens, eures gewaltigen Aufschreis des ganzen Volkes, der diesen Rasenden Einhalt gebietet und ihnen zeigt, daß sie kein Recht haben sich als Vorkämpfer für das Wohl des Volkes auszugeben, als Urheber eines neuen Lebens nach dem Gebot des Volksinteresses, denn sie handeln dem Gewissen des Volkes direkt zuwider.
Und wenn es notwendig wird für die Sache Christi zu leiden, dann rufen wir euch, geliebte Kinder der Kirche auf, mit uns zusammen zu leiden, mit den Worten des Hl. Apostels: 'was soll uns trennen von der Liebe Christi? Trübsal, Bedrängnis, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr oder Schwert?' (Röm. 8, 35).
Und ihr, meine Brüder im Bischofs- und Priesteramt, säumt nicht eine Stunde in unserer geistlichen Tätigkeit, sondern ruft eure Kinder mit glühendem Eifer zur Verteidigung der Rechte der Orthodoxen Kirche auf, die jetzt mit Füßen getreten werden, schafft unverzüglich christliche Gemeinschaften, ruft dazu auf, daß die Gläubigen nicht durch Nötigung sondern aus freien Stücken in die Reihen der geistiger Kämpfer eintreten, die der äußeren Macht die Kraft ihrer heiligen Begeisterung entgegenstellen..."24.
Es ist nicht schwer einzusehen, daß die Behauptungen des Verfassers der atheistischen Zeitschrift, demzufolge von niemandem irgendwelche Rechte verletzt wurden und der Patriarch lediglich zur Verteidigung "des Rechtes der Kirche, auch weiterhin ohne Kontrolle über grenzenlose Eigentümer zu verfügen"aufrief, eine Lüge ist. Der Patriarch "hetzte" niemanden auf und "provo-zierte" niemanden, als er zum geistlichen Widerstand aufrief. Das Wichtigste aber ist, daß die Anführer und Ausführenden der Blutbäder ausgeschlossen wurden. Es ist wichtig zu bemerken wie in unseren Tagen der "Offenheit" (glasnost') das Wort der Wahrheit des Heiligsten Patriarchen verdreht wird und dadurch Mörder verteidigt werden. Übrigens legen die Atheisten bei allem kirchlichen Unverständnis solcher Worte mit der Behauptung, das Anathema falle auf die Sowjetmacht, ein ganz klares Verständnis dafür dar, wer die Anführer der Blutbäder waren, die so elegant verschwiegen wurden. Solidarisieren sie sich nicht mit diesen Mördern, indem sie sie bis zum heutigen Tage durch Lügen schützen? Bemerkenswert ist auch, wie weitgehend die atheistische Zeitschrift und die "Zeitschrift des Moskauer Patriarchats" in den Methoden der Verdrehung der Wahrheit übereinstimmen. Wir werden hier schon nicht mehr von den folgenden Erschießungen bei Prozessionen im Frühjahr 1918 sprechen.
(Schluß folgt)
Priester Nikolai Artemoff

 

Bote 1988, 3

Daniel, Abt des Swjatogorskij-Klosters.
Nach dessen gewaltsamer Schließung tauchte er für ei-ne kurze Zeit unter, und arbeitete dann - unter Geheimhaltung seiner geistlichen Würde - als Buchhalter in einer Charkower Behörde. Erzbischof Alexander bevollmächtigte ihn dennoch, heimliche Amtshandlungen durchzuführen; so vollzog er z. B. die großen Weihen an einer Nonne. Als einfaches Gemeindeglied besuchte er die Kasanskij-Kirche und wurde dort Mitglied einer sogen. "Zwanziger-Gruppe". Es waren jene opferbereiten Menschen, auf deren Namen das Gotteshaus "registriert" war und die dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Verwandten und Freunde in Gefahr brachten. In der Tat verschwanden sie alle über kurz oder lang in den Konzentrationslagern oder den Folterkammern der NKWD. Als Abt Daniel dann auch die Verwaltung der Kirchenkasse übernahm (wofür sich niemand zur Verfügung stellen wollte, da das besonders gefährlich war) , wurde er verhaftet und verschwand im Jahre 1937 spurlos und für immer.

Vater Gabriel,
der aus einer Bauernfamilie im Ural stammte und im Besitz einer außerordentlich schönen Tenorstimme war (er sang schon als Kind im Kirchenchor seines kleinen Heimatdorfs), nahm das Kreuz des Priestertums in einer Zeit auf sich, als die Kirche besonders unerbittlich und grausam verfolgt wurde. Nachdem die örtlichen Machtorgane auch eine Pfarrkirche geschlossen hatten, reiste er von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt um in Privatwohnungen heimlich zu zelebrieren und kirchliche Amtshandlungen zu vollziehen. Er setzte seine Tätigkeit auch dann fort, als sie den Behörden bekannt wurde und man den Priester intensiv zu suchen begann. Daraufhin zelebrierte er nur nachts und unter Vorsichtsmaßnahmen, die ihn z.B. auf der Straße unkenntlich machten. Seine Freunde und alle, die ihn liebten und hochschätzten, gewährten ihm Nachtasyl und unterstützten ihn in seinem schweren Lebenskreuz nach Kräften. Ungeachtet der ständigen Furcht erkannt und verhaftet zu werden - was seinen sicheren Tod bedeuten würde - strahlte Vater Gabriel stets Freude und Zuversicht aus. Als in Charkow nur noch ein einziges Gotteshaus übriggeblieben war (und zwar am Stadtrand auf den "Kahlen Ber-gen"), kam er in der Osternacht in diese Kirche und begab sich in den Altarraum, wo er unbemerkt bleiben wollte. Doch vermochte sein Herz im Jubel und Glanz der Osternacht nicht stumm zu bleiben, die Freude überflutete es, brach durch und auf dem Höhepunkt der Matutin fiel seine herrliche, unverwechselbare Stimme, die Stimme eines En-gels, in den Chor ein.
Nach dieser Nacht verschwand Vater Gabriel für immer.

Simeon Krapuchin,
Erzpriester und Superintendent und mit ihm Vater Jakob Sergijewskij aus Sytschowka (Gouvern.Smolensk) verschwanden nach ihrer Verhaftung im Jahre 1930 spurlos.

Erzpriester Ismael Roschdestwenskij,
Pfarrer der Verklärungskirche in Strelna bei Petrograd kehrte zweimal aus der Verbannung zurück, wonach er sein priesterliches Amt jedes Mal im Geheimen weiter ausübte. Im Jahre 1937 wurde er erneut verhaftet und nach Sibirien verbannt,wo er in der Jezov-Ära erschossen wurde.

Priester Michael Jaworskij
aus Petrograd wurde, nachdem er seine Strafzeit im Solowetzkij-Konzen-trationslager am Nördlichen Eismeer abgegolten hatte, zu weiteren zehn Jahren verurteilt. Er überlebte sie nicht.

Erzpriester Alexander Sacharov
(Diozese Petrograd) starb 1927 im Solowetzkij-Konzentrations-lager.

Erzpriester Fjodor Kolobov,
Pfarrer der Kirche St. Johannes des Theologen in Pskow, wurde nach vielen Jahren schwerer Haft nach Sibirien verbannt. Sowohl er, als auch seine Ehefrau, die ihm dahin freiwillig folgte, verschwanden dort spurlos.
Priester Michael Kamenskij,
Pfarrer an der Kirche des Hl. Clementin in Pskow, wurde daselbst von den Bolschewisten zu Tode gefoltert.

Kriegsgefangene Polen, die nach dem russisch-polnischen Krieg 1919-20 auf einer Insel im See Seliger (Gouvern.Tambow) interniert waren (vermutlich war es das Kloster des Hl.Nil Ssorskij), hörten von den dort noch verbliebenen Mönchen (deren Aufgabe es war, die Abortgruben zu reinigen), daß in den Kellergewölben des Klosters unzählige Mönche bei lebendigem Leibe eingemau-ert worden waren. Den Polen gelang es, in die Wände der Kammern kleine Löcher zu bohren, durch die ihnen dann der unerträgliche Geruch verwesender Leichen entgegenströmte.

Erzabt (Archimandrit) Aristarchos
wurde in der Kirche des Unerschaffenen Abbildes Christi in Borki im Jahre 1918 gefoltert und dann durch das Skalpieren des Schädels zu Tode gebracht. Mit ihm wurde der Priestermönch Rodion umgebracht.

Erzpriester Michail Beljajew,
Pfarrer an der Kathedrale von Borki wurde 1921 in Rostow ermordet. Sein leiblicher Bruder, der Priester Makarius Beljajew erlitt im selben Jahr das gleiche Schicksal.

Wladimir, Metropolit von Kiew und Galizien.
Neben dem jungen Metropoliten Benjamin von Petrograd ist Metropolit Wladimir der Erste in der langen Reihe der von den Bolschewisten zu Tode gefolterten bzw. erschossenen hohen kirchlichen Hierarchen Rußlands. Sein Tod fiel in jene Tage, als in Moskau das seit Jahrhunderten ersehnte Allrussische Kirchenkonzil tagte. Die furchtbare Kun-de erschütterte dessen Teilnehmer zutiefst. Am selben Tag (25.1.1918) beschloß das Konzil den jährlichen Gedenktag für die Märtyrer der blutigen bolschewistischen Revolution festzusetzen.
Der Metropolit wurde am 1.1.1848 als Sohn frommer Eltern in einem Dorf des Gouvernement Tambow geboren. Vor seinem Eintritt in den Mönchsstand hieß er Wassilij Bogojawlenskij. Sein Vater war Priester und wurde ebenfalls bestialisch ermordet.
Wassilij absolvierte 1874 die Kiewer Theologische Akademie, wonach er sieben Jahre als Lehrer am Priesterseminar in Tambow tätig war. Von 1882 an ist er Priester in Koslow, wo er sich mit großem Eifer der Predigt, d.h. der Verkündung der christlichen Botschaft an das einfache Volk widmet. 1886 trifft ihn ein schwerer Schlag - seine junge, heißgeliebte Frau und das einzige Kind sterben kurz nacheinander. Wassilij nimmt unmittelbar nach dieser Heimsuchung die Mönchsweihe an,- er heißt jetzt Wladimir - und durchläuft dann, ohne sich darum zu bemühen, alle Stufen der hierarchischen Leiter. Das Jahr 1888 sieht ihn bereits als Bischof von Staraja Russa; 1891 wird er zum Bischof von Samara ernannt, wo, nach einer katastrophalen Mißernte, Hungersnot herrscht und darüber hinaus die Cholera wütet. Bischof Wladimir erweist sich als ein heldenhafter Kämpfer für das Wohl der schwer geprüften Bevölkerung, widmet sich restlos dem Dienst an den Hungernden, Kranken und Sterbenden. Er beflügelt den ganzen Klerus zu einem ebensolchen selbstlosen Einsatz unter großen Opfern.
Von 1892 bis 1897 leitet er - schon als Erzbischof - das Exarchat Georgien. Und schon im Jahre 1898 sehen wir ihn auf dem höchsten Posten, den die Russische Kirche zu vergeben hat: er ist Metropolit von Moskau. Hier setzt er seine ganze Energie für die Belebung und Intensivierung der seelsorgerlichen Tätigkeit der Moskauer Geistlichkeit ein, sorgt dafür, daß diese in engeren Kontakt zum Volk und vor allem zu den Fabrikarbeitern tritt, mit diesen Schichten ins Gespräch kommt. Er selbst wird darin zum Vorbild, besucht persönlich die Werkshallen in den Fabriken, führt nach einleitendem Gebet Diskussionen durch, warnt die Arbeiter vor sozialistischen Utopien, führt ihnen prophetisch vor Augen, in welch einen Abgrund diese Lehren ein Land wie Rußland stürzen würden. Seine Worte und sein ganzes Tun strahlen Liebe und tiefe Sorge um die ihm anbefohlenen Seelen aus. Den materiell Bedrängten hilft er großzügig, spontan, unbürokratisch. Seine brennende Sorge gilt auch besonders den in der Trunksucht Gefangenen; er hält Vorträge, führt Diskussionen, gibt entsprechende Schriften und Broschüren heraus, die anschaulich von den verheerenden Folgen der Volksseuche Trunksucht sprechen. In den bösen Jahren 1904-1905, den Jahren des russisch-ja-panischen Krieges und der ersten Revolution, als nur noch relativ wenige Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit beweisen, bleibt er der zutiefst überzeugte und unbeugsame Streiter für Kirche und Vaterland. Immer schon und jetzt erst recht, liegen ihm die Studenten der Priesterseminare am Herzen; er weiß , welch eine ungeheuere Verantwortung für Volk und Land auf ihnen liegen wird, führt mit ihnen lange, von väterlicher Wärme getragene Gespräche. Auch wußte er natürlich, wie armselig die Besoldung und die Lebensverhältnisse vieler Priester waren und auch in der Zukunft sein würden und beschwor die angehenden Geistlichen, sich damit abzufinden, sich auch mit wenigem zufriedenzugeben, vor einem materiell bescheidenen Leben nicht zurückzuschrecken. "Gebt dem Volk alles, verlangt von ihm nichts, denn unser Volk ist arm, sein Dasein ist von Trunksucht und anderen Lastern zersetzt; es tappt im Dunkel, läuft zu den Sektierern über. Tragt i h r das wahre Licht der christlichen Erkenntnis in die Massen! Dann wird sich die materielle Lage des Volkes von selbst verbessern. Diese Aufgabe wiegt ein ärmliches Leben des Priesters um vieles auf!"
Viele wähnten den Metropoliten Wladimir streng und unzugänglich, doch irrten sie sich; vielleicht lag das an seinem Gesicht, das stets von einem verborgenen Gram geprägt war.
Im Jahre 1912 verschied Antonius, der Metropolit von St.Petersburg, und an seine Stelle wurde Wladimir berufen. Wie tief er mit Moskau und des-sen Bevölkerung verwachsen war, kam ihm erst jetzt zu Bewußtsein, und der Abschied von dieser alten Metropole schmerzte ihn sehr. "Ein Baum", sagte er, "der mit seinen Wurzeln tief in der Erde steckt, weiß nichts davon, wie stark sie dort verzweigt und durch wie viele feine und feinste Verästelungen mit dem Erdreich verbunden sind. Er merkt es erst, wenn er ausgehoben und an einen anderen Ort verpflanzt wird. So geht es auch mir: ich empfinde einen großen Schmerz bei der Trennung von Moskau, der Stadt, mit der ich mich fünfzehn Jahre lang aufs Engste verbunden fühlte. Doch Gottes Wille geschehe."
Die Diözese St.Petersburg leitete der Metropolit Wladimir drei Jahre. Es waren schwere Jahre. Die kirchlich-soziale Arbeit wurde blockiert, kam nur mit Mühe voran. In der Residenz trieben dunkle Mäch-te ihr zerstörerisches Wesen, Rasputins Einfluß erstreckte sich bereits auf alle Gebiete aus und nahm noch ständig zu. Der Metropolit zögerte nicht, den Kampf gegen diese allgegenwärtige Bedrohung aufzunehmen und zwar mit jener kompromißlosen Gradlinigkeit, die für ihn charakteristisch war und einen Teil seines Wesens ausmachte. Der Kampf war von Anfang an von Tragik umweht und von Aussichtslosigkeit gezeichnet, da zwischen dem Metropoliten und seinem Kreis, einerseits, und der Zarin Alexandra Fjodorowna und ihren Anhängern, andererseits, ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte.
Die Zarin war eine aufopfernde und tief besorgte Mutter, die ihren einzigen, schwerkranken Sohn Alexej, Rußlands Thronfolger, über alles liebte und ständig um sein Leben zitterte. Diese leidenschaftliche und leidüberschattete Mutterliebe machten sich die im Dunkeln wirkenden Kräfte zunutze. Ob es ein unheilvolles Zusammenspiel einzelner politischer und anderer Faktoren oder die gezíelte Tätigkeit dieser, im Hintergrund wirkenden Mächte war, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist, daß die Zarin zur Überzeugung gekommen war, daß Leben und Schicksal des Zarewitsch unlösbar mit dem "Starez" Grigorij (Rasputin) verbunden seien. Auf dieser ihrer unerschütterlichen Überzeugung, gründete der grenzen- und schrankenlose Einfluß Rasputins auf das Leben des Kaiserreichs. Als die-ser Einfluß bis zum Herzen der Kirche vorgedrungen war, sah Metropolit Wladimir keinen anderen Ausweg, als den Zaren Nikolaus um eine private Audienz zu ersuchen. Solch eine Audienz wurde den hohen Hierarchen der Russischen Kirche sehr selten gewährt; der Zar zog es vor, alle Angelegenheiten durch die Vermittlung der Synode zu erledigen. Als der Oberprokurator der Synode - in die-sem Fall W.Sabler - vom Inhalt des bevorstehenden Gesprächs erfuhr, warnte er den Metropoliten: Das sei ein überaus heikles, empfindliches und komplexes Thema; man sollte davon lieber die Fin-ger lassen. Doch der Hierarch bestand auf seiner Bitte mit großer Festigkeit, da er in einem persönlichen Gespräch mit dem Zaren seine Pflicht, sowohl als höchster Repräsentant der Kirche, als auch als loyaler Untertan sah.

Bote 1988, 4

(Fortsetzung - Beginn s. Bote 3/88)
Hl. Neomärt. Vladimir von Kiew (2)
Wie man es erwarten konnte, sprach er mit dem Zaren mutig und mit großer Offenheit und scheute nicht davor, Nikolaus in Kenntnis über jene Flut schmutziger Gerüchte in Kenntnis zu setzen, die in der Residenz und in ganz Rußland kreisten und die Beziehungen Rasputins zur Zarenfamilie betrafen. Er verurteilte dessen Einflußnahme auf rein kirchliche Angelegenheiten in scharfen Worten. Der Zar erwiderte, daß der Metropolit in manchem ganz gewiß recht habe, fügte jedoch hinzu, daß die Zarin darauf nie und nimmer eingehen werde.
Als Alexandra Fjodorowna von dieser Unterredung erfuhr, kannte ihr Zorn keine Grenzen. Sie war über die "Einmischung Wladimirs in unsere Familienangelegenheiten" zutiefst empört und verbittert und sprach dem Metropoliten jede Loyalität gegenüber Zar und Vaterland ab. Von den schmutzigen Gerüchten über den "Starez" wollte sie nichts wissen und bezeichnete sie als infame Verleumdungen. Er und nur er sei es gewesen, der den Thronfolger unzählige Male vor dem Tod gerettet habe. Sie würde sich nie dazu verleiten lassen, auch nur die geringsten Zweifel an der Lauterkeit Rasputins zu hegen.
Einerseits hatte sie recht und zwar da, wo es um die schmutzigen Gerüchte, die die Zarenfamilie diffamierten, ging: Das Leben der kaiserlichen Familie war und blieb von makelloser Reinheit. Das wußte auch der Metropolit. Die Tragödie bestand darin, daß er und die Zarin aneinander vorbeisprachen. Die geplagte, um das Leben des Kindes bangende Mutter wollte den Ratgeber nicht verstehen. Und es ahnte wohl niemand zu jenem Zeitpunkt, daß diesem das gleiche Martyrium bevorstand wie denen, die er aus seiner brennenden Sorge heraus warnen wollte.
Wladimir fiel nach dieser Audienz in Ungnade und wurde nach Kiew versetzt. Beim Abschied von St.Petersburg wurden ihm von einem hohen Geistlichen folgende Worte auf den Weg mitgegeben: "Sie waren für uns in diesen schweren und finsteren Jahren ein helles Licht; sie verabscheuten die Lüge und die Anpassung und blieben stets Ihren Überzeugungen treu. Und Sie kannten keine Furcht vor den Mächtigen dieser Welt, sondern zogen es vor, alle Kränkungen und jedes Unrecht mit Demut zu ertragen."
Kiew empfing seinen Hirten liebevoll und mit Mitgefühl. Man sah in ihm einen um der Wahrheit willen Verfolgten und schätzte das hoch ein. Als Primas der Synode sah sich der Metropolit gezwungen, nach einiger Zeit wieder nach St.Petersburg zu reisen. Als er 1917 zurückkam, hatte sich die Lage infolge der Revolution geändert: Es war ein Exekutiv-Ausschuß gebildet worden, der den Verfall des kirchlichen Lebens mit allen Mitteln vorantrieb und förderte. Eine Diözesantagung an der sowohl der Klerus, als auch Gemeindeglieder teilnahmen, entwickelte sich schnell zu einer rein "ukrainischen" Versammlung, die mit Nachdruck die Forderung erhob, in einer autonomen Ukraine müsse die Kirche von der Petersburger Synode unabhängig sein. Metropolit Wladimir warnte die Verfechter dieser ausgefallenen Idee, indem er ihnen mit großer Geduld und Liebe klarzumachen versuchte, daß eine Spaltung der Kirche nur zum Triumph ihrer Feinde führen könne. Er rief sowohl den Klerus, als auch die Gemeindeglieder auf, die ihnen obliegenden Pflichten auch weiter in Treue zu erfüllen, alle Feindseligkeiten zu begraben und die Spaltungsversuche einzustellen. Bei diesen Bemühungen mußte er viel Bitteres und Verletzendes anhören und ertragen. Im Herbst 1917 entstand der autonome ukrainische Staat; in der Kirche etablierte sich eine "Interim-Regierung", an deren Spitze jetzt der bereits im Ruhestand lebende Erzbischof Alexej Dorodnizyn stand und die sich "Rada" nannte. Es begann eine Umbildung und Umgestaltung des gesamten kirchlichen Lebens. In alle Diözesanverwaltungen wurden ukrainische "Kommissare" abkommandiert. Anstelle des Patriarchen Tichon, den man aus den kirchlichen Fürbitten gestrichen hatte, wurde für die "Rada" gebetet. An die Adresse des Metropoliten Wladimir hagelte es Schmähreden und Beleidigungen; während er in Moskau an dem Allrussischen Kirchenkonzil teilnahm, erwog man Wege und Mittel, ihn an der Rückkehr nach Kiew zu hindern. Es wurden aber auch immer mehr Gegenstimmen laut, die scharf gegen das eigenmächtige, antikanonische Treiben der "Rada" protestierten und das Entstehen einer selbstständigen (autokephalen) ukrainischen Kirche verurteilten. Als der siebzigjährige Metropolit Wladimir nach Kiew zurückkam, begann gegen ihn eine Hetzkampagne schlimmster Art; es hagelte von Neuem Drohungen und Verhöhnungen. "Am 14.12.1917" - so lesen wir in einer Niederschrift, die vom Metropoliten Wladimir und seinem Sekretär A.Lewkow verfaßt und unterschrieben wurde, "erschien bei mir eine Kommission, die aus Priestern und Diakonen bestand (deren Namen waren in der Niederschrift einzeln aufgeführt) und von einem Priester namens Maritschew angeführt wurde. Er behauptete von sich Vorsitzender der ukrainischen Rada zu sein. Die Kommission teilte mir mit, daß die Rada die Absetzung des Bischofs Nikodim und die Einsetzung ganz neuer Mitglieder ins Konsistorium verlange. Auch ich wurde ersucht, Kiew zu verlassen. Ich bat, mir diesbezüglich eine schriftliche Anweisung zukommen zu lassen und beauftragte meinen Sekretär, sie sogleich aufzusetzen. Die Anwesenden bat ich, das Papier zu unterschreiben, doch alle weigerten sich, das zu tun."

Gegen Mitternacht drang in die Wohnung des Metropoliten der von einem Militär begleitete Rada-Priester Fomenko und bot ihm unerwartet den Rang des Patriarchen der unabhängigen ukrainischen Kirche an. Der Metropolit gab seiner Verwunderung Ausdruck: Soeben erst bestand man doch auf seiner Abreise aus Kiew? Im nächsten Augenblick schon forderten die nächtlichen Eindringlinge etwas ganz anderes: Die Aushändigung von 100.000 Rubeln aus der Kirchenkasse.
Als der Metropolit erklärte, daß das Geld nicht ihm, sondern seiner Diözese gehöre, nahmen die zwei Besucher eine so drohende Haltung ein, daß es dem Hierarchen nur mit Mühe gelang, Mönche herbeizurufen, denen er den Auftrag gab, die ungebetenen Gäste hinauszuführen. Diese widersetzten sich der Aufforderung, den Raum zu verlassen, und randalierten noch anderthalb Stunden, indem sie allerhand Unfug trieben.
Über die seelische Verfassung Wladimirs in jenen Tagen berichtet ein Augenzeuge, der Leutnant Krawtschenko: "Ich fürchte mich vor niemandem, sagte mir der Metropolit, - und bin jeden Augenblick bereit, mein Leben für die Kirche zu lassen, um sie nicht ihren Feinden preiszugeben. Ich werde alles auf mich nehmen, damit die hl.Orthodoxie an jenem Ort, wo sie begonnen hat, auch weiter besteht." Hier begann er bitterlich zu weinen."
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Erzbischof Alexej (Dorodnizyn) seinen Einzug in das Höhlenkloster schon vollzogen und begann mit allen Mitteln die ukrainischen Mönche gegen Wladimir aufzuwiegeln: seine Hoffnung, diesen in seinem Rang abzulösen, schien ihm in greifbare Nähe gerückt. Im blutigen Dunst der Revolution reifte allerorts das Bestreben, die Kirche zu spalten; Wladimir wurde innerhalb der Klostermauern auf jede Weise schikaniert und terrorisiert, in den kleinen Dingen des Alltags "fertiggemacht". Seine Lage wurde immer unerträglicher, das Gefühl, in einer belagerten Festung zu leben, immer qualvoller. Seine Ehrlichkeit verbot ihm, in Alexej etwas anderes, als einen Rebellen und Aufwiegler, dazu noch einen Verbrecher gegen die kanonische Ordnung der Kirche zu sehen; sein Gewissen befahl ihm, auch vor dem Angesicht des Todes auf seinem Posten auszuharren. Daß er durch eine lasche Haltung diesem Tode entrinnen könnte, war klar; doch bevorzugte er die andere Lösung.
Anfang Januar 1918 begann in Kiew der Bürgerkrieg. Das rote Banner der bolschewistischen Revolution brachte, wie immer und überall, ein unvorstellbares Blutbad mit sich. Die Kirchen und Heiligtümer der altehrwürdigen Stadt wurden demoliert und verwüstet. Vom 15.Januar an wurde die Lawra unter Artilleriebeschuß genommen, da man in ihren Mauern Militär vermutete, was jedoch keineswegs den Tatsachen entsprach. Schon die Nacht zu diesem 15. bildete den Auftakt zu dem, was folgen sollte: Vier bewaffnete Männer und eine Frau in Schwesterntracht verschafften sich Zugang zu den Klosterräumen, aßen, tranken und ließen alles, was auf ihrem Wege lag, mitgehen. Am darauffolgenden Tag eroberten die roten Horden die Lawra, drangen in Mützen und mit brennenden Zigaretten in den Zähnen in die Gotteshäuser, verhöhnten die Ikonen und verwüsteten die Altarräume. Während die Mönche bei klirrendem Frost bis auf die Haut ausgezogen und ausgepeitscht wurden, gingen im Inneren des Klosters die Raubzüge vor sich.
Während die Lawra noch unter schwerem Beschuß stand und auch danach, betete und zelebrierte Metropolit Wladimir sowohl in seinen Gemächern, als auch in der Hauptkirche und der St.Michaelskirche des Klosters. Seine letzte Liturgie vollzog er am Sonntag, dem 21. Januar. Am 24. betete er die große Litanei (Akaphistos) des Heimgangs der Mutter Gottes. Diese letzten Gottesdienste zeichneten sich durch große Gebetsinbrunst und Innigkeit aus. Währenddessen aßen, tranken und gröhlten im Kloster die roten Haufen, wobei sie sich im Essen sehr anspruchsvoll und wählerisch zeigten. Nach den Mahlzeiten inspizierten sie das Geraubte, schütteten auf die Tische Altargeräte, Münzen und Uhren aus. "An diesem besonderen Ort wollen wir etwas ganz Besonderes anstellen" lautete die allgemeine Resolution. Am Abend des 25. erkundigten sie sich nach dem Verbleib des Metropoliten und begannen die - vor allem jüngeren - Mönche auszufragen, ob sie mit ihrem Leben zufrieden seien, ob ihnen etwas fehle, ob sie über nichts zu klagen hätten. Die vom Erzbischof Alexej aufgehetzten Novizen gaben zur Antwort, daß das Volk genug Geld ins Kloster trage, daß aber "der da oben" alles für sich behalte. Dabei wiesen sie in Richtung von Wladimirs Gemächern. "Warum bildet ihr denn keine Komitees? Heute gibt es überall Ausschüsse, die die Interessen der Unterjochten wahrnehmen." "Hier versteht man nur Millionen zusammenzuraffen", sagte ein betrunkener Matrose, "und was hütet ihr in euren berühmten Höhlen? Wohl Staub und Dreck? Wartet nur, wir werden die Särge öffnen und wenn wir dort nichts als Sägespäne finden, werden wir euch allen die Hälse umdrehen".
Um halbsieben Uhr abends desselben Tages klingelten fünf Männer in Soldatenmänteln an der Tür zu den Gemächern des Metropoliten. Der Matrose war wieder dabei."Wir müssen ihn dringend sprechen, da die Mönche sich darüber beklagen, daß ihnen die Bildung von Ausschüssen untersagt ist." Während die Soldaten mit dem Metropoliten sprachen, stand vor der Tür eine Wache. Dann wurde der Hierarch ins obere Stockwerk geführt. "Sie wollen mich erschießen" sagte er im Vorbeigehen zum Bischof Fjodor und dem Erzabt Ambrosius, die verschüchtert dastanden. "Wer will dich denn erschießen?" erwiderte der Matrose, "mach, daß du vorwärts kommst."
Als der Treppenabsatz des oberen Stockwerks erreicht war, wandte sich Metropolit Wladimir zu seinen Mördern: "Meine Herren, erschießt mich hier, ich möchte nicht weitergehen." "Wer will dich erschießen?" wiederholte der Matrose, - "vorwärts!"
In seinem Schlafzimmer wurde er ausgezogen, verhöhnt und gefoltert. Später fand man seine persönlichen Sachen über den ganzen Raum verstreut, darunter sein Kreuz, eine kleine Ikone, die er auf der Brust trug, sowie zwei zerrissene Halsketten. Dann kamen alle heraus. Der Metropolit trug eine Sutane und die weiße Mitra. Ein alter Mönch bat um seinen Segen, doch wurde er brutal weggestoßen: "Genug der Liebedienerei vor den Blutsaugern." Wladimir ging aber auf den Greis zu, küßte ihn, erteilte ihm den Segen und sagte: "Leb wohl, Philipp." Sein Gesicht war naß vor Tränen. Beim Verlassen der Klostermauern stimmte er eine liturgische Karfreitagshymne an. Draußen wartete ein Auto, in das alle einstiegen. Als das Auto nach knapp einem Kilometer auf einer kleinen Waldlichtung hielt, bat der Metropolit, ihn noch ein Gebet sprechen zu lassen. "Ja, aber mach´s schnell." Der Hierarch erhob die Arme zum Himmel und sprach: "Herr, vergib mir meine Schuld! Herr nimm meinen Geist in Frieden auf." An seine Peiniger und Mörder gewandt, vollzog er über ihnen das Zeichen des Kreuzes und sagte: "Herr, vergib ihnen so, wie ich ihnen von Herzen vergebe."
Dann folgten die Schüsse.
Auf dem Hof der Lawra hatten auf sie sowohl die Mönche, als auch die Soldateska in Totenstille gewartet. "Es sind zu viele Schüsse", sagte ein Mönch, "so erschießt man doch nicht einen Menschen." Ein Matrose fragte naiv: "Ja, hat man ihn denn schon abgeführt?" Dann lief ein Dutzend Soldaten fort; sie kamen nach einer knappen halben Stunde wieder: "Ja, der liegt dort." Und zu den Mönchen gewandt: "Dasselbe erwartet euch alle."
Doch die Nacht verlief ruhig. Das Unfaßbare war: Das Kloster schlief fest und ruhig, während der Herr und Vater der großen Lawra in einem Kilometer Entfernung in seiner Blutlache lag. Das bischöfliche Marien-Medaillon (liturgische Panagia) und das Kreuz von der Mitra fehlten, Strümpfe und Schuhwerk hatte man dem Leichnam ausgezogen. Die nachfolgende medizinische Untersuchung ergab ein wahrhaftig grauenvolles Bild: Der Körper des zu Tode gemarterten Greises wies eine Schußwunde dicht an der rechten Augenhöhle auf und eine tiefe Hiebwunde am Kopf; eine Stichwunde hinter dem rechten Ohr und vier Wunden derselben Art im Gesicht. Ferner zwei Schußwunden im Bereich des rechten Schlüsselbeins und eine Reißwunde, die die ganze Brust aufgerissen und bloßgelegt hatte. Dazu kamen eine Stichwunde im Rücken und zwei am Halse, nahe der Brust.
Um 9 Uhr morgens erteilten die bolschewistischen Organe die Genehmigung, den Leichnam in die Lawra zu überführen. Das übernahm ein Erzabt in Begleitung von vier Sanitätern. Ihnen folgte ein Haufen Soldaten. In der Waldlichtung hielt der Geistliche eine kurze Totenandacht, dann wurde die sterbliche Hülle des Metropoliten auf eine Tragbahre gehoben. Zuvor aber beschimpfte die rote Soldateska den Toten und höhnte: "Wollt ihr ihn wirklich begraben? Vielleicht auch noch als Reliquie verehren? In den Straßengraben mit ihm!"
Auf dem kurzen Wege zum Kloster umringte eine Schar weinender Frauen die Tragbahre: "Märtyrer Gottes! Möge dir der Herr die ewige Ruhe in Seinem Reiche geben! " Darauf schrien die Soldaten: "Nein, im untersten Stockwerk der Hölle, wo er hingehört."
In Moskau tagte noch das Große Allrussische Kirchenkonzil. Zwecks eingehender Untersuchung des Tatbestandes der Ermordung des Metropoliten Wladimir wurde eine Kommission unter der Leitung des Erzbischofs Kyrill von Tambow gebildet, doch kam sie nicht mehr zum Einsatz, da die politischen Ereignisse sich überstürzten und Kiew von Moskau abgeschnitten wurde.

In der Geschichte der Russisch-Orthodoxen Kirche war Metropolit Wladimir der einzige Hierarch, der nacheinander alle drei Metropoliten-Sitze - Moskau, St.Petersburg und Kiew - eingenommen und diese höchsten Ämter mit dem Dornenkranz des Martyriums gekrönt hat. Er und der junge Metropolit Benjamin von Petersburg eröffneten die lange Reihe der russischen Neu-Märtyrer und damit ein Ruhmeskapitel der Russischen Kirche.

 

Priester Nikolai Artemoff
1 der Vorsitzende des "Rates für religiöse Angelegenheiten" K.M. Chartschew in "Nauka i religija" 11/1987, S.23
2 Katalog zur Ausstellung, Tutzing 1987, S. 12.
3 Bischof Nikon, Lebensbeschreibung des Seligsten Antonij... 17 Bde. (russ.), Bd. 3, S.20.
4 a.a.O., S. 17.
5 a.a.O., S. 28-29.
6 a.a.O., S. 36
7 a.a.O., S. 43
8 a.a.O., S. 44 f
9 Appell des Konzils vom 24.8.1917, s. Dokumentensammlung von L. Regelson, Die Tragödie der Russischen Kirche 1917-1945, (russ. Samisdat, u. Paris 1977) S. 208.
10 a.a.O., S. 210.
11 a.a.O., S. 215
12 vgl. NiR 11/87, S. 14 u. 16.
13 Dokument vom 8.12.1917, in: L.Regelson, S. 221.
14 Prot. M. Pol'skij, Neomärtyrer Rußlands,(russ.), Jordanville 1949, Bd. 1, S. 93
15 Die im Solovki-Kloster inhaftierten Bischöfe entlarvten die lügnerischen Erklärungen der "Erneuerer" über die angebliche Religionsfreiheit in der UdSSR (s. Bote Nr. 3/87, S. ), die weitgehend den Behauptungen gleihcne, die wir heuite von Vertretern des Moskauer Patriarchats hören. Die Verbindung von orthodoxen dogmatischen-kanonischen Grundsätzen mit den Standpunkten der "Erneuerer" ist eine Neuerung, die von Metropolit Sergij und seinen Anhängern allmählich eingeführt wurde. Hierbei werden die Formen der Orthodoxie beibehalten (worauf sich der Artikel in ZMP 11/87 besonders beruft), gleichzeitig aber die gottlose Lüge angenommen und die sowjetischen Fiktionen in den Geist der kirchlichen Gemeinschaft eingeführt. Dieses kann man als einen "Fortschritt der Lüge", als deren Verfeinerung bezeichnen. Was das Erneuerertum betrifft, so sollte folgende atheistische Bewertung bedacht werden: "Die Altkirchler waren unter dem Druck des Lebens selbst gezwungen, zu den Positionen der Erneuerer hinüberzuwechseln. Dies haben sie auch getan, aber unter ihrem eignenen kirchlich-administrativen Banner... die Masse der Gläubigen konnte den Erneuerern ihre frühere 'Sünde', nämlich das 'Verderben des Glauben' und die 'Verdrehung der Orthodoxie' durch ihre kirchlichen Reformen, nicht verzeihen. Die Altkirchler aber erklärten den Gläubigen lauthals (sie stellten ja diesen Fehler der Erneuerer in Rechnung), daß sie die 'Bewahrer des althergebrachten Glaubens seien', damit eroberten sie das Vertrauen der Gläubigen...
Die orthodoxe Patriarchatskirche nahm die von den Erneuerern vorbereitete Position ein. Der Übertritt der Patriarchatskirche auf die neuen Positionen war erzwungen: die Kirche mußte sich an die neuen Bedingungen anpassen, um sich von dem Verderben zu retten und ihre Daseinsberechtigung zu wahren. Diesen für die Kirche rettenden Weg bahnten die Erneuerer..." schreibt A. Schischkin (Das Wesen und die kritische Beurteilkung des Erneuerer-Schismas der Russischen Orthodoxen Kirche, s. L. Regel'son, S. 514f.). Wir haben es somit nicht mit einer eindeutigen, sondern zutiefst zwiespältigen Frage zu tun, die im Nebel der sowjetischen fiktionalen 'Wirklichkeit' ständig verwischt wird. Um diese verlogene Zwiespältigkeit zu verbergen, wurde es für den Verfasser des genannten Artikels notwendig, die Erneuerer erst nach dem Ableben des Allerheiligsten Patriarchen Tichon einzuführen.
16 ZMP 11/87, S. 5

17 Sendschreiben des Patriarchen Tichon über den Frieden von Brest, s. L. Regel'son, S. 234.
18 a.a.O., S.234.
19 a.a.O., S. 237.
20 am 1.9.1917, s. L. Regel'son, S. 211.
21 "Nauka i religija" beschreibt den letzten Ostergottesdienst in der Entschlafens-Kathedrale, der in der Nacht des 4/5. Mai bereits nur mit einer Sondergenehmigung zelebriert werden konnte (NiR 11/87, S. 17-18).
22 26.10.1918, s. L. Regel'son, S. 252-255.
23 Nauka i religija 12/87, S. 40
24 Vergleich und Ergänzung der Texte auf Grundlage von L. Regelson, S. 225 f., M. Polskij, B.1, S. 94 f., "Svjatejschij Tichon, Patriarch Moskovskij i vseja Rossii", Jordanville 1965, S. 78 ff.