Der hl. Seraphim von Sarov

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

Bote 1989, 6

Der Hl Seraphim von Sarov stammt aus der Familie Mo‚nin und wurde im Jahr 1759 in der Stadt Kursk, der Heimat des hl. Feodosij vom Kiever Höhlenkloster, geboren. Man nannte ihn Prochor, sein Vater hieß Isidor und seine Mutter Agafija. Mit sie-ben Jahren fiel Prochor vom obersten Stockwerk ei-nes sich im Bau befindlichen Glockenturms, aber der Herr beschützte ihn. Mit zehn Jahren erkrankte er schwer, aber die Mutter Gottes versprach ihm im Traum, daß sie ihn besuchen und heilen würde. Er wurde dann durch die "Korennaja" (sog. "Wurzel-") Ikone des Zeichens der Mutter Gottes, geheilt.
Als Jüngling beschloß Prochor ins Kloster einzutreten. Er ging zu seiner Mutter, fiel ihr zu Füßen nieder und bat um ihren Segen. Die Mutter ließ ihn die Ikonen des Heilandes und der Gottesmutter küssen, übergab sie ihrem Sohn und segnete ihn mit einem kupfernen Kruzifix. Er begab sich zuerst nach Kiew, wo ihn der hellsichtige Dosifej auf das Sarov-Kloster aufmerksam machte: "Geh, Kind Gottes, und bleibe dort - dieser Ort wird dir zum Heil gereichen - mit Gottes Hilfe wirst du dort deine irdische Pilgerschaft beenden, bemühe dich nur, die unaufhörliche Erinnerung an Gott mit der ständigen Anrufung des Namen Gottes zu bewahren; dann nimmt der Heilige Geist in dir Wohnung und lenkt dein Leben in Heiligkeit. Der Abt dort ist der Gott wohlgefällige Vater Pachomij (aus der Kursker Gegend), der dem Leben unserer heiligen Väter Antoniji und Feodosij nacheifert".
Am 20. November 1778 traf er in dem im Jahr 1706 gegründeten Kloster ein. Der Tag des Einzuges der Allerheiligsten Gottesmutter in den Tempel war auch der Tag des Einzuges von Prochor Moschnin in das Sarov-Kloster. Acht Jahre lang währte das Noviziat von Prochor, ehe er Mönch wurde. Vater Pachomij und Vater Josef der Schatzmeister liebten ihn "wie ihre eigene Seele". Er war Zelldiener von Vater Josef, arbeitete in der Bäckerei, in der Prosphorenbäckerei, in der Tischlerei, er war Aufwecker und Kirchendiener. Er zeichnete sich durch gute Gesundheit und physische Kraft aus, er liebte den Gottesdienst. In der Kirche stand er mit gesenkten Augen, um jede Ablenkung zu vermeiden; konzentriert und aufmerksam hörte er dem Gesang und den Lesungen zu und begleitete sie mit dem "inneren Gebet". Nachdem er sich in seine Zelle zurückgezogen hatte, führte er die Regel des hl. Pachomios des Großen aus. An erster Stelle las er die Bücher der Heiligen Schrift - das Evangelium, die Apostelgeschichte und die Psalmen und an zweiter die Werke der Heiligen Väter: Basilios des Großen, Makarios des Großen, des hl. Johannes Klimakos, die "Lese-Minäen" (Heiligenlegenden) des hl. Dimitrij von Rostov. "Die Arbeit in den Händen, aber das Gebet auf den Lippen" war seine Losung, wenn er mit irgendeiner körperlichen Arbeit beschäftigt war, sei es in seiner Zelle oder im Dienst des Klosters.
Der Heilige baute sich eine Holzhütte, um sich dort der Gottversenkung und dem Gebet hinzugeben; er verschärfte sein Fasten - mittwochs und freitags aß er überhaupt nichts und an den anderen Tagen nahm er nur einmal am Tag Speise zu sich. So schritt er vom "aktiven asketischen Leben", das aus Fasten, Enthaltsamkeit, Wachen, Verbeugungen, Beten und anderen körperlichen Übungen besteht, zum kontemplativen asketischen Leben, das in der "Erhebung des Geistes zu Gott dem Herrn, in der Überwachung des Gemütes, dem geistigen Gebet und in der höheren Betrachtung geistiger Dinge" liegt. Die Brüder sahen in Prochor den zukünftigen Ruhm Sarovs, denn schon als Novize stand er höher als viele der Mönche. "Noch in seiner Novizenzeit sandte der Herr Prochor eine schwere Prüfung, nämlich eine langwierige und schwere Krankheit als Leidenserfahrung und als Prüfstein seines Glaubens, seiner Hoffnung und seiner Geduld".
Im Jahre 1780 erkrankte Prochor an Wassersucht. Drei Jahre lang war er krank. Die erste Hälfte dieser Zeit konnte sich Prochor noch auf den Beinen halten, aber dann mußte er liegen, denn sein Körper schwoll zu sehr an. Er trug sein Leiden mit erstaunlicher Geduld; kein Wort des Murrens entglitt seinen Lippen, er betete nur und benetzte sein Lager mit Tränen. Der Heilige antwortete denjenigen, die ihm nahelegten, bei den Ärzten Hilfe zu suchen: "Ich gab mich dem wahrhaften Arzt der Seele und des Leibes, unserem Herrn Jesus Christus und Seiner Allerreinsten Mutter hin". Daraufhin nahmen sie ihre Zuflucht zum Gebet. Sie zelebrierten Vigilen und Liturgien für die Gesundung des Kranken und reichten ihm die Kommunion. Er hatte eine Vision der Mutter Gottes und hörte ihre Stimme: "Dieser ist von unserem Geschlecht". In bezug auf diese Heimsuchung sagt er selber: "die Allerheiligste Gottesgebärerin legte mir die rechte Hand auf den Kopf, in der linken Hand jedoch hielt sie ihren Stab und mit diesem Stab berührte sie den armseligen Seraphim; an dieser Stelle an der rechten Hüfte entstand so etwas wie eine Vertiefung, und das ganze Wasser floß durch sie aus; so rettete die Himmelskönigin den armseligen Seraphim".
Am 13. August 1786 wurde Prochor vom Abt, dem Vater Pachomij, zum Mönch geweiht. Ohne seine freie Wahl gab man ihm den Namen Seraphim. Im selben Jahr wurde er zum Mönchsdiakon geweiht, und diesen Dienst führte er 6 Jahre und 10 Monate lang fast ununterbrochen aus. Er zelebrierte mit Furcht und Zittern und innerer Rührung, mit zerknirschtem Herzen, tiefem Glauben und vollkommener Losgelöstheit von allem Irdischen. Er schaute die Engel in der Gestalt von leuchtenden Jünglingen und hörte die herrlichen Stimmen ihres Gesanges. Am Heiligen und Großen Donnerstag hatte er nach dem Gebet "Laß mit unserem Einzug den Einzug der heiligen Engel erfolgen, die mit uns dienen und deine Gnade rühmen" eine Vision bei dem Ausruf "Herr, rette die Frommen und erhöre uns". Er schaute ein großes Licht und sah den Herrn in Herrlichkeit mit den himmlischen Kräften. Der Herr segnete die Betenden aus der Luft und verschwand dann wieder in seinem Bildnis. Der hl. Seraphim wurde bei dieser Vision einer besonderen Gnade gewürdigt; sein Antlitz veränderte sich und zwei Diakone mußten ihn zum Altar führen; drei Stunden lang stand er so in Ekstase da, bis er wieder zu sich kam.
Tagsüber weilte Seraphim im Kloster, aber abends ging er in seine Zelle im Wald und verbrachte dort die ganze Nacht in Gebet und Versenkung.
15 Jahre brachte Vater Seraphim mit solchen asketischen Mühen im Kloster zu. Am 2. September 1793 wurde er zum Priestermönch geweiht. Seine Seele jedoch sehnte sich nach Einsamkeit; und es gab noch einen äußeren Anlaß für diesen Wunsch: eine schwere Krankheit vom langen Stehen im Gebet - Geschwüre und eitrige Wunden an den Beinen.

 

Bote 1990, 1

Am 20. November 1794 begab er sich auf einen Hügel im Tannenwald am Ufer des Flusses Sarovka, etwa 5-6 Werst vom Kloster entfernt. Seine Zelle bestand aus einem Zimmer mit einem kleinen Fenster, es gab ein Vorhäuschen, eine Eingangs-treppe, Ikonen, einen Ofen, einen Baumstumpf mit einem Tisch und Stuhl, ein Gefäß für trockenes Brot - das war ihre ganze Ausstattung; weiterhin einen Gemüsegarten, einen Zaun, einen Bienenstock. Dies war die sogenannte "entfernte Einöde". Er bezeichnete die sie umgebenden Orte mit Namen aus dem Evangelium: heiliges Jerusalem, Ölberg, Beth-lehem, Jordan, Tabor, Golgatha. Es gab viele Insekten und sie stachen ihn so sehr, daß sein Körper ganz anschwoll, blau wurde und das Blut Krusten auf ihm bildete. Er kümmerte sich auch um seinen Bienenstock und im Winter hackte er Brennholz. Seine Kleidung war sommers und winters ein und dieselbe: Kamilavka (Mönchskappe), ein Kittel aus weißer Leinwand um den Oberkörper, lederne Fausthandschuhe, lederne Unterstiefel (Strumpfform) und geflochtene Bastschuhe. Auf der Brust trug er das Kreuz, mit dem ihn seine Muttergesegnet hatte, und über den Schultern eine Tasche mit dem heiligen Evangelium darin. Nur am Vorabend der Sonntage und Festtage begab er sich ins Kloster. Er hörte das Abendamt, das Morgenamt, und bei der frühen Liturgie empfing er die Heiligen Gaben in der Krankenhauskirche der hll. Zosima und Sabbatios. Dann weilte er bis zum Abend in seiner Klosterzelle und empfing die zu ihm kommenden Brüder, um ihnen Ratschläge und Unterweisungen zu geben. Wenn das Abendamt begann und die Brüder sich in die Kirche begaben, nahm der Heilige einen Brotvorrat für eine Woche mit und entfernte sich wieder in seine "Einsiedelei".
Die ganze erste Woche der großen Fasten verbrachte er im Kloster. Er ernährte sich nur von Brot. Er liebte Tiere und Vögel und fütterte sie gern. Zuweilen sah man einen riesigen Bären, der wie ein Schaf Brot aus seinen Händen nahm. Er machte auch von den Kartoffeln, Rüben und Zwiebeln aus dem Gemüsegarten Gebrauch. Dann verstärkte er sein Fasten, gab das Brotessen ganz auf und verwendete nur noch seine Gemüse. Drei Jahre lang ernährte er sich nur von einem Kraut namens "Snitj" (Gierschkraut). In der ersten Woche der großen Fasten aß er überhaupt nichts. Bei diesem Fasten "wird das Blut des Fasters dünn und leicht; sein geistliches Leben nähert sich der Vollkommenheit und manifestiert sich durch wunderbare Erscheinungen, es ist als ob sich die äußeren Gefühle schließen; der von allem Irdischen losgelöste Geist schwingt sich zum Himmel auf und vertieft sich völlig in die Betrachtung der geistigen Welt".
Die Leute fingen an, ihn zu besuchen, es kamen sogar Frauen. Aber wer nicht zur Erbauung, sondern aus Neugierde zu ihm kam, den verjagte er und entfernte sich zu dem geheimen Steinsarg im Keller. Nachdem er den Segen dazu erhalten und gebetet hatte, vermied er die vielen Besucher. Er schwieg einfach und wenn ihm jemand begegnete, so verneigte er sich vor ihm, zuweilen bis zu den Füßen, und ging dann schweigend seines Weges. Von denen, die mit ihm leben wollten, konnte sich wegen der schweren Mühen keiner eingewöhnen. Die im Kloster lebenden Mönche kämpfen mit den Geistern der Bosheit wie mit Tauben, aber die Einsiedler müssen gleichsam gegen Löwen und Leoparden kämpfen. Der Teufel flößte ihm zuerst Furcht ein, so daß der Heilige das Heulen der wil-den Tiere hinter den Türen seiner Zelle hörte. Dann brach gleichsam eine ganze Volksmenge in die Wohnstätte des Hl. Seraphim ein, die Türpfosten wurden herausgeschlagen und zu den Füßen des Heiligen fiel ein schrecklich schwerer Holzklotz, den acht Männer mit großer Mühe wieder hinausschleppen mußten. Der Heilige sah, daß in das Fenster seiner Zelle gleichsam ein riesiger Bär einbrach. Manchmal zerplatzte seine Zelle, manchmal erschien ein offenes Grab vor dem Asketen, aus dem sich eine Leiche erhob. Manchmal, wenn er betete, fiel der Feind mit schrecklicher Bosheit über ihn her, hob ihn in die Luft und schleuderte ihn dann mit solcher Kraft zu Boden, daß die Knochen des Heiligen von dem Aufschlag zertrümmert worden wären, hätte ihn die Gnade Gottes nicht beschützt. Der Hl. Seraphim lehnte die Abtwürde in zwei Klöstern ab, und der Teufel strafte ihn mit höllischer Bosheit dafür: Kampf gegen böse Gedanken, lasterhafte Einflüsterungen und Verzagtheit. Da wählte der Heilige zwei Werst von der Einsiedelei entfernt einen Granitfelsen als Ort seiner Askese aus und auf diesem stehend oder kniend rief er nächtelang mit erhobenen Armen aus: "Gott, sei mir Sünder gnädig". Diese asketische Leistung vollbrachte er 1000 Tage und 1000 Nächte, fast drei Jahre lang. Wieder platzten die Wunden an seinen Beinen auf. Der Feind machte sich Bösewichte, gierige Räuber zunutze: am 12. September 1804 forderten drei Bauern aus dem Dorf Kremenoe des Gutsherrn Tatiçev Geld von dem Heiligen: dieser warf jedoch seinen Hammer fort, legte die Hände kreuzförmig auf die Brust und sagte: "Tut, was euch genehm ist". Mit dem Beilrücken schlugen sie ihn auf den Kopf, zogen ihn, schlugen ihn mit Füßen, Händen, einem Hammer und Stangen. Sie banden ihm Hände und Füße und ließen ihn im Flur liegen, er aber dankte Gott für das unverdiente Leiden und betete zu Gott um Vergebung für seine Angreifer. Als er so schwer leidend darniederlag, wurde er einer Vision gewürdigt: die Mutter Gottes, die Apos-tel Johannes und Petrus suchten ihn heim. Und er hörte die ehrwürdige Stimme der Gottesmutter, als ob sie an die Ärzte und die um ihn Besorgten gewandt war: "Was bemüht ihr euch? Dieser ist von unserem Geschlecht". Mit tiefem Glauben verkündete der Heilige den Ärzten und Brüdern, daß er keine Hilfe von den Menschen wolle, sondern sein Leben Gott, dem Herrn, und der Allerheiligsten Gottesgebärerin übergeben habe. Nach dieser Schau befand sich der Heilige vier Stunden lang in ekstatischer Freude und dann stand er von seinem Bett auf; er konnte wieder gehen und essen und erholte sich bald, aber er blieb für immer ein gekrümmter alter Mann, der sich beim Gehen auf einen Stock und eine Axt stützen mußte. Nach fünf Monaten kehrte der Heilige in seine Einsiedelei zurück. Er verzieh den Räubern und bat darum, daß sie nicht bestraft würden. Alles was er durchgemacht hat - das Fasten, die Mühen, das Stehen auf dem Fel-sen, der Räuberüberfall - war ein Kreuzweg, der Weg des Leidens, ein freiwilliges Martyrium aus Liebe zu Christus und um Seinetwillen.
Glühend vor Liebe zu Gott erwählte er eine neue Form der Askese: die Schweigsamkeit. Er bat Gott: "Stelle eine Wache an meine Lippen, o Herr". Diese Askese besteht nicht nur im äußeren Schweigen und in der Enthaltsamkeit der Zunge, sondern auch in der Lossagung von allen weltlichen Gedanken, der völligen Konzentration auf Gott, der gänzlichen Vertiefung des Geistes in das Göttliche, der lautersten Darbringung aller Gedanken und Gefühle dem einen Herrn. Hier ahmte er vor allem die Heiligen Antonius den Großen und Johannes den Schweiger nach. Er redete mit keinem, bei Begegnungen fiel er mit dem Gesicht zur Erde, schwieg mit den Lippen und mit dem Verstand; der Feind vermochte dem verborgenen Herzen eines Menschen nichts anzuhaben. Nach dem Entschlafen von Vater Isaia verweilte der Hl. Seraphim mehr als zwei Jahre in der entfernten Einsiedelei im Schweigen gemäß der Lehre des Evangeliums: "Gehe in dein Kämmerlein, schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater" (Mt. 6,6). Es entschliefen die Leuchten und geistlichen Väter Pachomij, Isaia und Iosif, welche ihn sehr geliebt hatten. Nach ihrem Tod stellten sich Mißtrauen und Argwohn ein. Auf Verlangen des neuen Abtes verließ der Heilige die Einöde und am 8. Mai 1810 kam er nach 15 Jahren Aufenthalt in der Einsiedelei ins Kloster zurück und schloß sich dort sofort in seiner Zelle von drei Quadratmetern Ausmaß und zwei Fenstern ein. In ihr befanden sich: eine Ikone, ein Baumstumpf und ein Haufen Brennholz vor einem Ofen. Fünf Jahre lang lebte er in der Klausur. Niemandem öffnete er die Tür, nicht einmal dem Diözesanbischof von Tambov, Ionas. Er ernährte sich von gestoßenem Hafermehl und gehacktem Kohl, sein Getränk war Wasser. Einmal verweilte er fünf Tage lang im Gebet, wobei er die Glorie der Heiligen schaute: des Vorläufers, der heiligen Apostel, der ökumenischen Lehrer, der ehrwürdigen Väter und Märtyrer, welche in derart unaussprechlicher Glorie und Freude leuchteten, die das Auge nicht gesehen hatte, das Ohr nicht gehört hat und die dem Menschen nicht in den Sinn kommen kann. "Wenn du wüßtest, welche Seligkeit die Seele des Gerechten im Himmel erwartet, dann würdest du dich entschließen, in diesem zeitlichen Leben Kummer, Verfolgungen und Verleumdungen mit Dankbarkeit zu ertragen. Wenn unsere Zelle selbst voll von Würmern wäre, und wenn diese Würmer unser Fleisch unser ganzes irdisches Le-ben lang fressen würden, dann sollten wir mit unserem ganzen Willen zustimmen, um nicht jener himmlischen Freude verlustig zu gehen, die Gott denjenigen, die Ihn lieben, bereitet hat". Bei den Visionen wechselte sich oftmals sein Ausdruck - sein Gesicht veränderte sich, es strömte ein so wunderbares Licht aus und wurde so leuchtend, daß es unmöglich war, ihn direkt anzuschauen: sein Antlitz war lauter Jubel und Freude, er war wie ein irdischer Engel - ein ganz himmlischer Mensch. Es war, als ob er bei seinem Schweigen irgendetwas sah - er schaute geistig mit zärtlicher Bewegtheit und hörte irgendetwas mit Erstaunen. Sein Antlitz war ganz ungewöhnlich: durch seine Haut drang ein gnadenerfülltes Licht, aus den Augen leuchteten Ruhe und eine besondere innere Glückseligkeit. Ebenfalls in seiner Zelle empfing er sonntags die heiligen Gaben und werktags brachte man ihm das Antidoron in die Zelle. Er fastete, denn er wollte seinen Körper in leichtem Zustand bewahren, damit der Geist fähig ist, "sich in die Betrachtung der geis-tigen Welt zu vertiefen". Er trug ein Kreuz über den Schultern, aber unter dem Hemd an einem Strick ein großes eisernes Kreuz mit einem Ausmaß von 22 cm. Fünf Jahre verbrachte er in strenger Klausur. 4 - 5 weitere Jahre hielt er eine gemäßigte Klausur ein: seine Tür war offen, aber er führte keine Gespräche. Da erschien ihm die Himmelskönigin mit dem Hl. Onuphrios dem Großen und Peter dem Athoniten, und befahl dem Klausner, Besucher zu empfangen und sie geistig zu unterweisen. Jetzt kamen täglich viele Leute zu ihm von der Morgenliturgie an bis acht Uhr abends. Am 26. November 1825, dem Tag der hll. Klemens und Petrus von Alexandrien, erlaubte ihm die Mutter Gottes in einer Vision, die Klausur zu verlassen und die "Einöde" zu besuchen. Als sich der Heilige zum erstenmal wieder zur "entfernten Einsiedelei" begab, sah er in der Nähe der Bogoslovskij-Quelle die Gottesmutter mit den Aposteln. Die Gottesmutter schlug mit einem Eisenstab auf die Erde, so daß eine Quelle mit einer Fontäne frischen Wassers hervorsprudelte. Dieser Ort, auf dem die allerreinsten Füße der Himmelskönigin gestanden hatten und an dem die von ihr wunderbar hervorgebrachte Quelle erschien, wurde zum Gedächtnis für zukünftige Generationen durch das Ausheben eines Brunnens gekennzeichnet, der unter dem Namen "Brunnen oder Quelle des hl. Seraphim" bekannt ist. Sein Wasser hat die Eigenschaft, nicht zu verderben, wenn es auch jahrelang in einem verschlossenen Gefäß aufbewahrt wird; den Kranken jedoch, die es trinken oder zu Waschungen verwenden, dient es als ein Heilmittel. "Ich betete darum - sagte der Heilige, - daß das Wasser des Brunnens für Krankheiten heilkräftig sein möge. Und die Gottesgebärerin versprach, daß sie für die Wasser dieser von ihr selber geschaffenen Quelle ihren Segen geben würde". Wegen seiner kranken Beine konnte er nur selten die entfernte Einöde besuchen und wählte daher die nähere, die sich in einer Entfernung von zwei Werst vom Kloster bei der Bogoslovskij-Quelle befindet; am Rand des Hügels errichtete man ihm eine Hütte von zwei Meter Höhe und Länge ohne Fenster und Türen und einer Breite von anderthalb Metern. Nicht weit war es von dort zu der von der Gottesmutter eröffneten Quelle, dem Brunnen des Hl. Seraphim. Im Jahre 1827 baute man ihm neben der Quelle eine etwas bequemere Zelle. Er schlief wie es sich ergab, bald sitzend, bald auf dem Bo-den, bald auf den Knien. Er zündete Öllämpchen und Kerzen zum Gedenken für seine Besucher an. Er betete für alle orthodoxen Christen, für die Lebenden wie auch für die Verstorbenen.
Der Heilige beschritt nun den Weg des Starzentums - als Vollendung seines langjährigen asketischen Kampfes, als Dienst an der Gesellschaft für die Heilsuchenden. Sein Geist wurde hellsichtig, er besaß die Gabe der geistlichen Unterscheidung. An gewissen Festtagen kamen bis zu 5000 Menschen zu ihm. Gelehrte und einfache, reiche und arme Leute besuchten ihn. Zu allen war er freundlich und sanft, aber nicht allen offenbarte er seine Gaben. Alle empfing er mit Zärtlichkeit und Liebe, manche küßte er und dankte für ihren Besuch. Er war fröhlich, wenn er auch zuweilen am Sarg stehend sprach. Sein Antlitz war von engelgleichem Aussehen mit einem stillen Leuchten in den Augen - es war eine "richtige Offenbarung der Liebe". Keiner hat ihn je traurig oder niedergeschlagen gesehen. Er wandte sich mit den Worten "mein Väterchen, mein Mütterchen, meine Freude" an die Besucher. Durch Worte der Liebe und der Sanftmut erweckte er ihr Gewissen. Das Ziel seiner hellsichtigen Eingebungen und Handlungen war, in den bei ihm Ratsuchenden die Stimme des Gewissens zu wecken und sie zur Reue über ihre Sünden, zu echter Zerknirschung des Herzens und zu dem Wunsch der Änderung ihres Lebenswandels anzuregen. Er ließ die Menschen die Frucht seiner aus der Erfahrung gewonnenen geistlichen, nicht wissenschaftlichen Erkenntnis sehen. Sowohl bedeutende Leute als auch arme Bauern kamen zu ihm. Der Staretz lehr-te, daß das Ziel des Lebens der Erwerb des Göttlichen Geistes durch Liebe und Gebet ist, besonders durch das Gebet "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder": Beim Gehen und beim Sitzen, beim Arbeiten und beim Stehen in der Kirche, beim Ein- und beim Ausgehen, halte es unablässig auf deinen Lippen und in deinem Herzen fest. Durch solch eine Anrufung des Namens Gottes findest du Ruhe, erlangst du geistige und körperliche Reinheit, nimmt der Heilige Geist in dir Wohnung - der Ursprung aller Güter, der dich in aller Frömmigkeit und Reinheit auf heiligen Wegen lenkt. Es ist sehr wichtig, das Gotteshaus zu besuchen und den Geist vor Zerstreuungen zu hüten. Den Unwissenden riet er, morgens dreimal das "Vater Unser", dreimal das "Gottesgebärerin, Jungfrau, freue dich" und einmal das Glaubensbekenntnis zu lesen. Bist du zu Hause an irgendeiner Arbeit oder auf dem Weg, so wiederhole leise "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder", aber wenn du in Gesellschaft anderer bist, dann beschäftige dich und sprich im Geiste: "Herr, erbarme dich". Dies ist die Regel für den Vormittag; und nach dem Essen, also am Nachmittag nimm Zuflucht zu der Gottesmutter: "Allerheiligste Gottesgebärerin, errette mich Sünder", "Herr Jesus Christus, durch die Gottesgebärerin erbarme dich über mich Sünder" oder "Jungfrau, Gottesgebärerin". Vor dem Einschlafen soll jeder Christ noch einmal die für den Morgen angegebene Regel be-ten. "Durch Einhalten dieser Regel - sagte der Hl. Seraphim - kann man das Maß der christlichen Vollkommenheit erlangen, denn die genannten drei Ge-bete sind die Grundlage des Christentums; das ers-te, das "Vater Unser" ist als ein uns von Gott Selbst gegebenes Gebet das Vorbild aller Gebete; das zweite wurde vom Himmel durch den Erzengel als Gruß an die jungfräuliche Gottesgebärerin, die Mut-ter des Herrn, gebracht; das Glaubensbekenntnis beinhaltet in kurzer Form alle Heilsdogmen des christlichen Glaubens". Man muß das Wort Gottes lesen, denn es erneuert den Geist, es richtet ihn auf das Heil aus und bewahrt die Seele vor der Sünde. Die Seele versteht aus der Schrift, was gut und was schlecht ist. Der Pfad des ununterbrochenen Gebetes und des Lesens des Wortes Gottes führt zu ei-nem tugendhaften Leben. "Bete ständig: Herr Je-sus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser. Dann erwärmt der Herr dein Herz durch die Wärme Seiner Gnade, dann fließt dieses Gebet unaufhörlich in dir und wird immer mit dir sein, es erquickt und stärkt dich".
Die Einsamkeit und das Gebet reinigen den Geist und machen ihn hellsichtig. In der "entfernten Einöde" erfüllte der Hl. Seraphim seine Gebetsregel anhand des Psalters. Etwa um Mitternacht stand er auf, führte die Regel des Heiligen Pachomios aus, betete die Morgengebete, sang das Mitternachtsamt, die Matutin und las die Erste Stunde. Zur neunten Stunde des Morgens rezitierte er die Stundenlesungen - die dritte, sechste, die neunte Stun-de und die Typika. Am Abend las er das Abendamt und das kleine Spätabendamt. Bei Einbruch der Nacht führte er die Klosterregel aus mit den "Gebeten vor dem Einschlafen". Die Regel ist folgendermaßen: drei Kanones, ein Akathist, fünfhundert Jesusgebete mit Verbeugungen, die Liste der Verstorbenen, ein Kapitel aus dem Evangelium, aus den Episteln und eine Kathisma (Der Psalter ist in 20 Kathismen aufgeteilt. Anm.d. Red.). Oft führte der Heilige statt der abendlichen Regel je 1000 Verbeugungen für eine Regel aus. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Psalmodie - zuerst nach der Regel Pachomios des Großen, dann stellte er seine eigene Disziplin zusammen, die unter dem Namen "Zellenregel des Hl. Seraphim" bekannt wurde. Er las sehr viel das Evangelium, damit der Geist sozusagen in den Geboten Gottes schwimmt und er richtete sein Leben nach den Geboten Gottes aus. Von den heiligen Vätern liebte er besonders Johannes Klimakos, die Hll. Barsanophios, Ephraim und Isaak den Syrer. Alles was er tat, tat er mit Gebet auf den Lippen, er liebte auch die Hymne "Ruhm der ganzen Welt" zu singen. Sogar während der Arbeit entglitt sein Geist in die Kontemplation. Auch in der Klausur befolgte der Hl. Seraphim dieselbe Gebetsregel wie in der Einsiedelei - alle Gottesdienste außer der Liturgie und die Zellregel. Er sagte das Jesusgebet und das Muttergottesgebet. Zuweilen las er die Gebete nicht und machte keine Verbeugungen, sondern vertiefte sich in eine anhaltende geistige Kontemplation des Herrn. Manchmal, wenn er über den Tod nachdachte, ging er in den Flur und zu seinem Sarg, um zum Herrn zu beten. In der Klausur las er emsig das Evangelium - er ernährte sich von der süßen Zwiesprache mit dem Herrn. Im Laufe einer Woche las er das ganze Neue Testament durch: montags - das Matthäusevangelium, dienstags - das Markusevangelium, mittwochs - das Lukasevangelium, donnerstags - das Johannesevangelium, die restlichen Tage teilte er für die Apostelgeschichte und die Apostelbriefe auf. Er las auch die für die einzelnen Tage vorgesehenen Abschnitte. Und oftmals wurde er Erscheinungen und Visionen gewürdigt. Er erfreute sich an den Worten: "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen". Der Prophet Gottes Moses besaß das unablässige Herzensgebet; und wenn er die Hände zum Gebet erhob, besiegte er den Ammalek. Nach jedem Absatz der Kathisma betete er für alle lebenden und verstorbenen orthodoxen Christen: "Errette, o Herr, alle orthodoxe Christen und erbarme dich ihrer und aller, die an jedem Ort deiner Herrschaft rechtschaffen leben: gib ihnen, Herr, Frieden der Seele und Gesundheit des Leibes und verzeih ihnen jede willentliche und unwillentliche Sünde, und durch ihre heiligen Gebete erbarme dich mei-ner, deines sündigen Knechtes". Und für die Verstorbenen betete er: "Laß ruhen, o Herr, die Seelen Deiner entschlafenen Knechte, unserer Vorväter, Väter und Brüder und aller rechtgläubigen Chris-ten, die hier und überall ruhen; schenke ihnen, o Herr, Dein Königreich und die Teilhabe an Deinem ewigen und seligmachenden Leben und vergib ihnen jede wissentliche und unwissentliche Sünde".
Drei Tage und drei Nächte lang betete der Hl. Seraphim zur Gottesmutter für zwei Nonnen, die nach dem Tod in den sogenannten "Zollstationen" aufgehalten wurden, und auf die Gebete der Mutter Gottes hin erbarmte sich der Herr ihrer: sie durchschritten die "jenseitigen Zollstationen" und erhielten Verzeihung.
Schweige, schweige unablässig. Aus der Einsamkeit und aus dem Schweigen entstehen Zerknirschung und Sanftmut, der Mensch nähert sich Gott, er wird gottesfürchtig und sozusagen ein irdischer Engel, "auf welchen Ich schaue - nur auf den sanftmütigen und schweigsamen, der vor Meinen Worten erzittert". Das Schweigen lehrt die Ruhe und das unablässige Gebet und schenkt der Seele Frieden; liebe das Schweigen, gehe in dich, merke auf dein Gemüt und du wirst von allen Leidenschaften gereinigt. Man soll jeden Tag nur so viel an Speise zu sich nehmen, daß der Körper gestärkt wird und der Seele bei der Ausführung der frommen Werke als Freund und Helfer beisteht, andernfalls könnte es geschehen, daß im Fall einer Erschöpfung des Körpers auch die Seele geschwächt wird. Iß genügend zu Mittag, aber am Abend halte dich zurück. Wenn du kannst, so iß mittwochs und freitags nur einmal. Man muß sich allmählich an das Fasten gewöhnen und nach und nach die Fähigkeit erlangen, sich mit dürftiger Speise zu begnügen. Fasten besteht nicht darin, selten zu essen, sondern darin, wenig zu essen, und nicht darin, nur einmal zu essen, sondern darin, nicht viel zu essen. Unvernünftig ist ein Faster, der gierig auf die Essenszeit wartet und sich zur Stunde der Mahlzeit mit Leib und Seele gänzlich dem unersättlichen Ge-nuß hingibt. Mache keinen Unterschied zwischen wohlschmeckenden und schlecht schmeckenden Speisen, denn das ist den Tieren eigen. Beim Fas-ten reißt sich der Geist von der Erde los. Fastenspeise ist nicht schädlich. Faster, die sich von Brot und Wasser ernährten, kannten keine Schwächung, sondern waren immer guten Mutes, stark und bereit zur Tat. Krankheiten kamen selten bei ihnen vor, und ihre Lebenszeit betrug oft bis zu 100 Jahren. Brot und Wasser sind keinem schädlich, außerdem lebt der Mensch nicht vom Brot allein. Man fragte den Hl. Seraphim: darf man an Fasttagen auch Nichtfastenspeisen essen, wenn die Fas-tenspeisen für jemand schädlich sind und der Arzt dazu rät, gewöhnliche Speisen zu essen? Der Staretz antwortete: "Brot und Wasser sind für niemand schädlich... Und was die Kirche in den sieben Ökumenischen Konzilien festlegte, das erfülle. Wehe dem, der ein Wort dazu hinzufügt oder davon abstreicht. Was sagen die Ärzte von den Gerechten, die durch eine einzige göttliche Berührung von eiternden Wunden geheilt wurden, oder über den Stab des Moses, durch den Gott Wasser aus dem Felsen herausschlug? Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele? Der Herr ermahnt uns: aber wir selber wollen nicht".
Schlafe jeden Tag unbedingt vier Stunden: die 10., die 11., die 12. und eine Stunde nach Mitternacht, und wenn du erschöpft bist, kannst du zusätzlich noch tagsüber etwas schlafen. Später empfahl der Heilige den Schwächeren, sechs Stunden täglich zu schlafen und den Stärkeren fünf Stunden. Die Jungfräulichkeit um Gottes willen ist ein Riesenopfer. Die Lust wird durch Leiden und Kummer ausgerottet, entweder freiwillig oder durch die Vorsehung verfügt. Der Feind versucht den Asketen durch Traurigkeit, Langeweile, Niedergeschlagenheit und Kleinmut. Traurigkeit und Langweile erlauben dem Mönch nicht, mit dem nötigen Eifer zu be-ten, sie berauben ihn der Sanftmut und der Herzensgüte in seiner Beziehung zu anderen, sie schaffen eine so schreckliche Unruhe, daß ihm so-wohl sein Aufenthaltsort als auch die Gesellschaft der Brüder unerträglich werden, er kann nicht mehr ruhig irgendeinen Rat annehmen und sanft auf die ihm gestellten Fragen antworten, und beim Lesen von Büchern entwickelt sich eine gewisse Abneigung in ihm, er muß häufig gähnen und fühlt starken Hunger. Die Langweile stellt sich besonders häufig um Mittag herum ein. Nach der Einnahme des Mittagsmahles "gibt der Dämon der Langeweile dem Mönch Gedanken ein, seine Zelle zu verlassen und sich mit jemand zu unterhalten; er gibt ihm vor, daß er sich nicht anders von der Langeweile befreien könne, als ständig mit anderen zu reden". Wenn dieser Dämon den Mönch nicht aus der Zelle herauslocken kann, dann beginnt er, seinen Geist zur Zeit des Gebetes und der Lesung zu zerstreu-en. Der Gedanke sagt ihm: dieses liegt nicht hier, und jenes nicht dort: es muß in Ordnung gebracht werden, und all dies tut er nur, um den Geist fruchtlos zu machen". Von der Langweile unterscheidet sich die Niedergeschlagenheit. Niedergeschlagenheit aus Kraftlosigkeit ist natürlich; vom Dämon kommt sie noch vor dem Ausruhen nach getaner Arbeit, "sie nötigt einen, die Arbeit aufzugeben, ehe sie noch zu einem Drittel oder Viertel fertig ist. Es gibt auch den Zustand der Schwermut - sie ist die schwerste aller seelischen Versuchungen und sie wird dem Menschen gesandt, wenn es Gott gefällt, ihm großen Kummer zu senden. Dieser Seelenzustand ist ein Vorgeschmack der Hölle, der Geist befindet sich dabei wie in Raserei und den Menschen beherrschen "Verwirrung, Zorn, Lästerung, Klage über sein Los, Entstellung der Gedanken, Wandern von einem Ort zum anderen usw. Die Versuchung des Teufels ist ähnlich einer Spinnwebe - man muß nur darauf blasen und sie verschwindet. Es ist angebracht, sich wie ein Toter oder vollkommen Tauber oder Blinder bei allen Sorgen, Verleumdungen, Schmähungen und Verfolgungen zu verhalten, die unweigerlich alle diejenigen ereilen, die auf dem Heilsweg Christi wandeln wollen. Krankheiten kom-men durch die Sünde zu uns, durch sie werden die Leidenschaften geschwächt und der Mensch kommt zu sich. Wer Krankheit mit Geduld und Dankbarkeit erträgt, dem wird sie als Askese, ja sogar als noch mehr, angerechnet. Eine schwere Krankheit stärkt den Glauben, stählt die Geduld und lehrt uns, fest auf die Güte Gottes zu vertrauen. Nimm die Sünde weg, und es gibt keine Krankheiten mehr. Die Krankheit reinigt von den Sünden. Wer gerettet werden will und von Herzen und mit Zerknirschung bereut, soll das Heilige Abendmahl empfangen. Gewinne Seelenfrieden, damit du niemanden kränkst und durch nichts gekränkt wirst, dann gibt Gott dir Tränen der Reue". Inneren Frieden erwirbt man durch Kummer. Ein Zeichen des geistigen Lebens ist die Vertiefung des Menschen in sich selbst und das verborgene Wirken in seinem Herzen. Man muß in Frieden mit seinem Gewissen leben; friedvoll sein heißt, Gott in sich haben; "im Frieden ist seine Wohnung" (Ps. 75, 3), "Meinen Frieden gebe ich euch" (Joh. 14, 27). Die Gnadengaben empfangen nur diejenigen, die das innere Wirken des Gebetes erlabgt haben und über ihre Seelen wachen. Man darf keine asketischen Übungen aufnehmen, die über die Kräfte gehen. "Wand-le auf dem mittleren Pfad. Es gibt drei Pfade, auf die man sich ohne besondere Berufung von Gott nicht begeben darf: die völlige Klausur, die Narrheit in Christo und die Vorsteherschaft". Wegen der Nichteinhaltung der Reinheitsregeln, der Nichteinhaltung von Mittwoch und Freitag durch die Ehegatten wer-den Kinder totgeboren, und wegen der Nichtbeachtung der Festtage und Sonntage sterben Frauen im Kindbett. Über den Eintritt ins Kloster: "Nicht alle können untergebracht werden, und dazu zwingt der Herr auch nicht, aber dem Glaubenden ist alles möglich". Es geschieht so: hier auf der Erde kommuniziert einer, aber bei Gott bleibt er ohne den Empfang der Hl. Gaben. Ein anderer möchte die Heiligen Gaben empfangen, aber irgendwie erfüllt sich sein Wunsch nicht. Solch einer wird auf unsichtbare Weise der Kommunion durch den Engel Gottes gewürdigt. Man fragte ihn, ob er nicht seinen Verwandten in Kursk etwas schicken wolle. Auf die Gestalt des Heilandes und der Gottesmutter weisend, antwortete der Hl. Seraphim: "Das sind meine Verwandten, aber für die lebenden Verwandten bin ich schon ein lebendiger Toter".
Die Vorsteherin des Frauenklosters in Divejewo Agafija Semenovna Melgunova (die Nonne Alexandra) bat die Väter Pachomios und Seraphim, die geistliche Führung der Waisen zu übernehmen. Die Gebetsregel für die Jungfrauen war: Dreimal innnerhalb von 24 Stunden folgende Gebete: einmal "Würdig ist es", dreimal "Vater unser", dreimal "Gottesgebärerin, Jungfrau", das Glaubensbekenntnis, zweimal "Herr Jesus Christus, Sohn Got-tes, erbarme dich über mich Sünderin", einmal "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über uns Sünder" mit kleinen Verbeugungen, zweimal "Herr Jesus Christus, durch die Gebieterin und Jungfrau Maria, die Gottesgebärerin, erbarme dich über mich Sünderin", einmal "Herr Jesus Christus, durch die Gebieterin und Jungfrau Maria, die Gottesgebärerin, erbarme dich über uns Sünder" ebenfalls mit kleinen Verbeugungen, zwölfmal "Herr, Je-sus Christus, unser Gott, erbarme dich unser" und zwölfmal "Meine Gebieterin, Allheilige Gottesgebärerin, errette uns Sünder" ebenfalls mit kleinen Verbeugungen. Dazu die Abend- und die Morgengebete und das Gedenkbuch der heiligen Väter mit zwölf ausgewählten Psalmen; weiterhin hundert große Verbeugungen an den Herrn Jesus und hundert große Verbeugungen an die Gottesgebärerin. Auch bei der Arbeit und unterwegs kann diese Regel ge-sprochen werden.

Lehren:
Man soll keine Diebe im Kloster halten, besser noch ist es, Unzüchtige zu ertragen. Er verbat es, jemand mit "Sie" anzureden, alle sollen "Du" zueinander sagen, auch Gott redet man ja mit "Du Herr" an. Dankt nicht für Opfergaben, sondern betet, Gott gibt den Lohn dafür. Die Menschen bringen die Gaben nicht euch, sondern Gott, daher braucht ihr nicht für sie zu danken. Gib den Verwandten nichts aus dem Kloster, sonst wird das Haus zerstört und geht zugrunde. Gib das deinige, andernfalls bete. Der heilige Vater verbot das Anrufen der Gerichte und befahl, das Kloster dem Willen Gottes zu überlassen. Anordnungen für das Kloster: Nicht verlöschende Lampen unterhalten, den Psalter unablässig für die Verstorbenen lesen, die Paraklesis für die Gottesmutter singen, während der vier Fastenzeiten und an den zwölf großen Festen kommunizieren und wenn möglich auch an den größeren Festtagen - je öfter desto besser, nur mit dem demütigen Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit zu den Heiligen Gaben treten. Der Priester soll bei der Beichte so nachsichtig wie möglich sein. Gott verzeiht, er ist nur ein Zeuge. Der Gehorsam ist teuer, Adam gehorchte nicht den Geboten, und so entstand die Ursünde des alten Adam. Die Vorsteherin soll nur unter den eigenen Schwestern ausgewählt werden und nicht aus einem fremden Kloster. Als Vater Seraphim sein Ende nahen fühlte, sprach er zu den Schwestern von Divejevo: "Ich suchte eine Mutter (Vorsteherin) für euch und konnte keine fin-den. Eine solche Person findet man auch bei Tageslicht mit einer Lampe nicht. Ich überlasse euch dem Herrn und Seiner Allerreinsten Mutter". Zwölfmal hatte der Hl. Seraphim eine Erscheinung Got-tes. Als die Gottesmutter ihm erschien, trug sie einen Umhang wie er auf der Ikone der Trauernden Mutter Gottes dargestellt ist, und sie sprach zu ihm: "Wie es ehedem war, so ist es auch jetzt. Nur litten die Märtyrer der alten Zeiten sichtbar, die heutigen jedoch im Verborgenen, aus innerem Kummer, ihr Lohn aber wird derselbe sein". Vor seinem Ende maß Vater Seraphim selber sein Grab an der Seite des Altars der Gottesmutter-Entschlafungs-Kathe-drale aus und auf die Frage eines Bruders "Warum führen wir, Väterchen, kein so strenges Leben wie die alten ehrwürdigen Asketen?" antwortete der Staretz: "Weil es uns an Entschlossenheit fehlt. Wenn wir Entschlossenheit besäßen, dann würden wir auch so leben wie die alten Väter, die früher durch ihre Askese und Gottesfurcht leuchteten, denn die Gnade und die göttliche Hilfe für die Gläubigen und für diejenigen, die den Herrn mit ganzem Herzen suchen, ist heute noch so, wie sie früher war: nach dem Wort Gottes ist Jesus Christus wie gestern und heute, derselbe auch in Ewigkeit" (Hebr. 13,8). Diese tiefe und heilige Wahrheit, wel-che er durch die Erfahrung seines eigenen Lebens erkannt hatte, war sozusagen das abschließende Wort seiner Lippen und das Siegel seines geistigen Kampfes.
Der Hl. Seraphim verschied am Montag, dem 2. Januar 1833 um 6 Uhr morgens, mit kreuzweise verschränkten Armen, in denen er das kupferne Kreuz hielt, vor der Ikone "Umilenie" (Zärtlichkeit, Rührung) kniend.
Im Januar 1903 traf der Heilige Synod die Entscheidung, den ehrwürdigen Staretz Seraphim in den Chor der Heiligen einzureihen.