Archimandrit Nikon

Leben und Wirken des Heiligen Sergius, des Abtes von Radonesch und Wundertäters von ganz Rußland

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 4

Hrsg. von Archimandrit Nikon, 5. Ausgabe, Sergius-Dreifaltigkeitskloster, 1904

"Ehre sei Gott, Der uns das Leben eines heiligen Mannes und Starzen, des ehrwürdigen Sergius in unserem russischen Lande gezeigt hat", so beginnt die Erzählung des seligen Epifanij über das Leben des Heiligen, 26 Jahre nach dessen Tod.
Groß ist die Bedeutung des Heiligen als eines wahren Dieners der heiligen Dreieinigkeit in der Geschichte der russischen Kirche, des russischen Asketentums, der Aufklärung und moralischen Erziehung des russischen Volkes. Etwa 70 Klöster wurden allein von dem Heiligen, seinen Schülern und den Schülern seiner Schüler gegründet.
1992 werden es 600 Jahre sein seit dem Ableben des hl. Sergius, eines Pfeilers der russischen Kirche, der eine ganze Generation von Heiligen herangebildet hat und im Geist der Orthodoxie die halbheidnischen Stämme des nördlichen und mittleren Rußlands zu einem großrussischen Volksstamm vereinigt hat. Der Heilige ist ein Träger des starken orthodoxen Geistes des russischen Volkes.
Der hl. Sergius wurde zum Abt von ganz Rußland und zum großen Fürbitter des russischen Lan-des. Dies fühlten viele Millionen von Menschen an seinem Grabe und wie in der Wärme eines wohltuenden Feuers vergaßen sie die irdische Hast, in-dem sie sich im Geist in die heimatliche Vergangenheit des Radoneœer Waldes, des alten Rußlands versetzten und jauchzten "Heil dir, der du vom Mutterleib an geheiligt warst und noch vor deiner Geburt die heilige Dreifaltigkeit verherrlicht hast".
Die Eltern des großen Wohltäters und Fürbitters der russischen Erde waren Kyrill und Maria, gute und gottgefällige Leute. Sie hielten streng die kirchlichen Vorschriften ein und halfen den Armen. Ihr Sohn, eine Zierde der Kirche und Stütze der heimatlichen Erde, war ein von Gott Erwählter.
An einem Sonntag während der Liturgie in der Kirche ließ der noch Ungeborene dreimal im Mutterleib seine Stimme erschallen: vor der Lesung des Evangeliums, während des Cherubim-Gesanges und bei dem Ausruf "das Heilige den Heiligen". Noch vor der Geburt gab das Kind allen ein Zeichen dafür, daß es einmal ein Diener der Heiligen Dreifaltigkeit sein wird.
Wir wissen, daß Gott den Propheten Jeremia vom Mutterleib an ausgewählt und geheiligt hatte und ebenso den Propheten Jesaia. Und Johannes der Vorläufer erkannte noch im Mutterleib den Herrn und Seine Mutter und rief mit Freude prophetisch aus: "Die Mutter meines Herrn kommt zu mir" (Lk 1, 44).
Bereits vor der Geburt erwies der Herr dem Heiligen in wunderbarer Weise seine Gnade und Fürsorge. Seine Mutter, die spürte, daß sie einen zukünftigen geistigen Helden der Gottesfurcht im Schoße trug, bewahrte Seele und Körper in Reinheit und Enthaltsamkeit und widmete sich dem Ge-bet und der Einsamkeit. Die Eltern können noch vor der Geburt ihren Kindern die Keime guter Anlagen vermitteln und ihnen mit der Muttermilch zugleich auch gute Sitten anerziehen.
Der Neugeborene wurde Varfolomej genannt, also ein Sohn der Freude. Der Säugling verweigerte die Brust seiner Mutter, wenn sie Fleischspeisen gegessen hatte und mittwochs trank er überhaupt keine Milch, er fastete also schon als Kind. Die Mutter gab nun gänzlich Fleischspeisen auf, und außer am Mittwoch und Freitag ernährte er sich von da an von der Muttermilch "als ein von der Gnade Gottes erfülltes Kind".
Im Alter von 7 Jahren schickte man Varfolomej in die Schule, die unter der Obhut des Bischofs Prochor von Rostov stand und an der ehrsame und gottesfürchtige Lehrer unterrichteten. Das Erlernen des Lesens und Schreibens galt als eine heilige Angelegenheit, weil dabei der Schlüssel für das Lesen und das Verstehen der heiligen Schriften und der göttlichen Geheimnisse vermittelt wurde. Aber Lesen und Schreiben konnte der Knabe nicht begreifen, worüber sich sowohl die Eltern und auch der Knabe selber sehr betrübten. Sie wandten sich nun im Gebet an den Geber aller Güter und jeder vollkommenen Gabe (Jak.1, 17), an Denjenigen, der jeden Menschen, der auf die Welt kommt, erleuchtet (Joh 1, 8). Und der Herr schenkte sein Erbarmen. Eines Tages traf Varfolomej auf dem Feld unter einer Eiche einen ehrwürdigen alten Mönch im Priesterrang und von engelgleicher Erscheinung. Er trug ihm seinen Kummer vor, daß er die heiligen Bücher so gerne verstehen würde, aber aus seinen eigenen Kräften Lesen und Schreiben nicht erlernen könne. Darauf erhob der Starez die Hände und betete für ihn, er nahm aus seinem Gewand ein kleines Kästchen hervor und gab ihm ein Stückchen einer heiligen Prosphora mit den Worten: "Nimm dies mein Kind und iß es, dies wird dir zuteil als Zeichen der Gnade Gottes und zum Verstehen der Heiligen Schrift". Und mit dem Se-gen des Starzen begann der Knabe harmonisch und deutlich den Psalter zu rezitieren. Gott schenk-te ihm so viel Weisheit und Vernunft, daß er alle an Wissen überragte. Die Gnade Gottes erleuchtete den Geist des jungen Varfolomej, er lebte in Gottesfurcht unter der Obhut der Kirche und studierte die Heiligenviten; im alten Rußland erfolgte nämlich die ganze Kindererziehung im kirchlich-orthodoxen Geist. So wurde das ganze Leben in Ehrfurcht und Heiligkeit auf das Evangelium Christi gegründet. Unsere Vorfahren lasen mit Vorliebe nicht weltliche Bücher, sondern die Schriften der heiligen Väter sowie Chroniken und Geschichten über die Geschehnisse auf der heimatlichen Erde.
Der Knabe findet keinen Gefallen an kindlichen Spielen und Späßen, an Gelächter und leerem Geschwätz, er auferlegt sich ein strenges Fasten: mittwochs und freitags ißt er überhaupt nichts und an den übrigen Tagen ernährt er sich nur von Brot und Wasser. Er erwägt, daß keiner sündlos ist, daß "keiner rein vor Gott ist, wenn er auch, nur einen Tag auf der Erde lebt" (Hiob 14, 5) so wie der Prophet David spricht: "In Ruchlosigkeit ward ich geboren und in Sünden gebar mich meine Mutter" (Ps. 50, 7). Schon in dem Knaben war der vollkommene Mönch sichtbar, wie der weise Epifanij sagt, denn er war immer still und schweigsam, sanft und demütig, seine Haltung war bescheiden und keusch und das innige Gebet seines Herzens war unaufhörlich. Der junge Asket betete gerne bei Nacht, indem er rief: "Gib mir, o Herr, dich von klein auf von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu lieben". entzündete sich in der Gestalt des Heiligen ein heller und segensreicher Leuchter, der in der Einöde der dichten Wälder von Radoneœ schien, um mit dem Licht des Evangeliums und der heilbringenden Lehre die Hauptstadt Moskau und das ganze orthodoxe Rußland zu erleuchten, das leidgeprüft und gedemütigt die schwere Last des Tatarenjoches tragen mußte. Grausame Tataren verbrannten und plünderten die Kirchen Gottes, töteten die Menschen oder nahmen sie gefangen - den Leidenschaften der nichtswürdigen Barbaren war freier Lauf gewährt. Die Moral zerfiel, es mehrte sich Diebstahl, Betrug, Lüge, Feindschaft, Fehde, Unzucht, Trunksucht - das orthodoxe Rußland war dem Verderb nahe. Aber Gott bereitete die Verherrlichung Rußlands vor.
Metropolit Pjotr legte die Grundlage für die Einigung Rußlands.
Die Eltern des Heiligen siedelten mit ihrer Familie in das Städtchen Radoneœ, das etwa zwölf Werst von der Lavra entfernt liegt, über. Am Ende ihres Lebens traten Kyrill und Maria in das Pokrovskij-Chotkovskij Kloster ein, wo sie 1339 verschieden.
Varfolomej sorgte für das Totengedächtnis sei-ner Eltern, verteilte viel an die Armen und übergab den Rest des Vermögens seinem jüngeren Bruder Pjotr. Im Alter von 21 Jahren verließ er die Welt und begab sich mit seinem älteren Bruder Stephan, der schon Mönch war, in die Einöde.
In jener Zeit konnte jeder, der ein einsames Le-ben führen wollte, allein oder mit einem Gefährten in den Wald gehen und an einem beliebigen Ort eine Hütte bauen oder eine Höhle graben und sich dort niederlassen. Die Brüder begaben sich in den dichten Wald, bauten eine Kirche und gründeten ein Kloster.
Sie wählten einen segensreichen Platz aus, über dem einige Leute schon Licht gesehen hat-ten, andere Feuer und wieder andere einen Wohlgeruch wahrgenommen hatten; Gott hatte nämlich diese Anhöhe für das Kloster vorherbestimmt. Rings herum war dichter Wald, den noch keine Menschenhand berührt hatte. Sie stellten ein Kreuz auf, bauten eine Kirche und eine Zelle.
Mit dem Segen des Metropoliten von ganz Ruß-land Feognost wurde die Kirche im Jahre 1340 im Namen der lebensschaffenden Dreieinigkeit geweiht. Der Bruder des Heiligen, der Mönch Stephan ging jedoch in das Bogojavlenskij Kloster nach Moskau, und so führte Varfolomej allein sein Leben der Entsagung in der Wildnis weiter.
Varfolomej besaß eine große Gabe, nämlich die Tugend der Unterscheidung, die nach den Worten von Johannes Klimakos darin besteht, genau und treu den Willen Gottes zu jeder Zeit, an jedem Orte und in jeder Sache zu erfüllen. Sie wird nur in Menschen mit reinem Herzen, reinem Körper und rei-nen Lippen aus Gehorsam und Demut geboren.
Früh gewöhnte sich der Heilige an ein engelgleiches Leben und im Alter von 23 Jahren weihte ihn der Abt Mitrofan in seiner armseligen Kirche in der Wildnis zum Mönch mit dem Namen Sergius. Siebenmal reichte er ihm das hl. Abendmahl und jeden Tag zelebrierte er die Göttliche Liturgie. Die Seele des hl. Sergius frohlockte und brannte mit göttlichem Feuer, denn in ihm existierte noch etwas von der ursprünglichen Reinheit und Unschuld, die durch Adam verloren gegangen waren.
Der junge Mönch lebte allein mit Gott, Der ihn durch geheime Eingebungen und mit unkörperlichen Augen durch die Gnade in seinen Versuchungen zum Heil führte.
In der Einöde gab es viele Kämpfe und Schrecknisse vom Feinde und wieviele Tränen und herzzerreißendes Weinen, durchwachte und schlaflose Nächte, Verbeugungen, wieviel Hunger, Durst und Entbehrungen. Diese Welt ist vielen unsichtbar. Aber der hl. Sergius ging den engen Weg mit Freude und Begeisterung.
Der Heilige, der ein tätiges Leben der Askese führte, ertrug seelische Qualen und unerträglichen Kummer, denn die Gedanken, die sich in diesem Kampf nicht der Vernunft unterwerfen wollen, wandern überall umher, das Gebet wirkt nicht im Her-zen, das menschliche Gemüt will der Askese entfliehen. Dazu kommt noch quälender Hunger und Durst, die lebensbedrohende Gefahr und Furcht vor wilden Tieren. Die Welt und das Fleisch wollen den Asketen aus der Einsamkeit vertreiben. Es treten Gedanken des Stolzes auf, die den Verstand zu verdunkeln suchen. Es entsteht ein heftiger Kampf mit den Geistern des Bösen, die sich unter dem Himmel befinden und den Zugang zum geistigen Reich, zur Gemeinschaft mit den himmlischen Kräften, mit Gott selber zu hindern versuchen. Die Dämonen dringen in den Bereich der Einbildung und der Gefühle ein, sie zeigen schreckliche Bilder und rufen absurde Träumereien über eine falsche Demut und Heiligkeit hervor. Das Mönchsleben schreibt als Wissenschaft der Wissenschaften besondere Regeln für diesen Kampf vor:
1) beobachte dich selbst, indem du den heiligen Vätern nacheiferst;
2) prüfe deine Gedanken und Wünsche und erforsche, ob sie im Geist der Gebote Gottes sind;
3) bedenke stets den Tod, die Wiederkunft des Herrn, das Gericht, die Qualen der Hölle und die ewige Seligkeit;
4) übe dich im unaufhörlichen Gebet;
5) liebe das Fasten, um schlechte Taten und Gedanken zu vermeiden;
6) denke immer an das allsehende Auge Gottes;
7) richte all deine Taten und dein Leben nach dem Evangelium Christi aus.
Solch eine Handlungsweise führt in das Land der Leidenschaftslosigkeit und erhebt den Geist. Der Heilige murrte nie, beklagte sich nie, sondern er war immer zufrieden, weil er in der Gnade Gottes lebte.
Die Dämonen, die die sichtbare Form von schrecklichen Tieren und abscheulichen Amphibien annahmen, stürzten sich mit Pfeifen und grimmiger Wut auf den Heiligen, er jedoch wappnete sich mit dem Gebet, schlug die Feinde im Namen Jesu; schließlich schenkte ihm der Herr den Sieg über die Geister der Dunkelheit und der Heilige erhielt von Gott Macht über die Dämonen. Er fürchtete sich nun nicht mehr vor wilden Tieren, Wölfen und Bären und verkehrte sanftmütig mit ihnen wie einst Adam in Eden. Wenn der Mensch Gott gehorcht, dann gehorchen ihm auch alle irdischen Geschöpfe, denn sie riechen in ihm den himmlischen Duft und sehen in ihm das leuchtende Bild Gottes. Durch seine asketischen Taten in der Einsamkeit zerriß der Heilige jeglichen Umgang mit dem Geist der Finsternis und erfüllte in höchstem Grade das erste Gebot über die Liebe zu Gott. Nun war die Zeit für ihn gekommen, um sich der Liebe zum Nächsten zu öffnen und das heilbringende Licht, von dem er als ein geistiger Lichtträger ganz erfüllt war, über seine heimatliche Erde auszuschütten. Er erleuchtete von seiner Einöde aus das ganze orthodoxe Rußland, damit an seinem Licht auch andere geistige Leuchten ihre Lichter entzünden konnten. Weithin breitete sich der Wohlgeruch seines heiligen Lebens aus und viele Leute kamen zu dem Heiligen, anfangs wegen seiner erbaulichen Gespräche, aber dann kamen auch solche, die bei ihm leben wollten und bereit waren, die Dürftigkeit des Ortes, Hunger, Durst und jeden Mangel auf sich zu nehmen, um "in das Reich Gottes einzugehen" (Apg. 14, 22). So begannen sie, in der Waldeseinöde Hütten zu bauen und mit kindlicher Einfalt und Liebe erlernten die Neuankömmlinge die Kunst der Askese. Lange Zeit be-trug die Anzahl der Jünger des hl. Sergius 12 und die ersten davon waren: Vasilij, Iakov, der Diakon Onisim mit seinem Sohn Elisej, weiterhin die Landsleute des Heiligen Sylvester, Methodij und Andronik. So entstand die Lavra des hl. Sergius. Es wurde die tägliche Gottesdienstordnung eingehalten, und man versammelte sich in der Kirche zum Mitternachtsamt, zur Matutin, zur 3., 6. und 9. Stunde, zur Vesper und zum Spätabendamt. Außerdem wurden oftmals Moleben (Bittgottesdienste) für die Almosenstifter, für Kranke und für Sterbende gesungen; unaufhörliches Gebet war nach dem Gebot des Apostels Paulus (1. Thess. 5, 17) ihre ständige Regel, sowohl in der Kirche als auch in der Zelle. In dem Kloster lebte noch für kurze Zeit der Abt Mitrofan, bei dem der Heilige sein Gelübde abgelegt hatte, bis er dann starb.
Mit tiefer Demut und Emsigkeit diente der Heilige der Bruderschaft- er baute Zellen, schnitt Holz, mahlte Korn, buk Brot, kochte Speisen, nähte Kleider und Schuhe und schleppte Wasser herbei. Wie ein irdischer Engel im Fasten und unaufhörlichen Gebet häufte der Heilige Mühen auf Mühen, und es herrschte ein tiefer Friede im Geist evangelischer Demut, Selbstentsagung und Liebe unter den Brüdern. Der zwölfjährige Knabe Ioann, ein Neffe des hl. Sergius wurde ebenfalls Mönch mit dem Namen Theodor; er lebte 22 Jahre im Kloster und war der erste Ikonenmaler und wurde dann Erzbischof von Rostov.
Das russische Land wurde von der Pest oder dem schwarzen Tod heimgesucht. Sie trat 1348 auf und verwüstete mehrere Jahre lang Städte und Dörfer. Allein in China starben 13 Millionen Menschen. Ganze Städte starben aus, ganze Landstriche entvölkerten sich und bei uns in Kiev, Çerni-gov, Smolensk und Suzdal' blieb nur ein Drittel der Bevölkerung verschont. Auch der Metropolit Feognost, der Großfürst Simeon Ivanonviç und zwei seiner Söhne starben; viele gingen ins Kloster, und in der Lavra des Heiligen gab es nicht einmal einen Priester, um die Sterbenden mit den Sakramenten zu versorgen.
Der wolhynische Bischof Afanasij, der den nach Konstantinopel verreisten Metropoliten Alexej vertrat, weihte den Heiligen im Jahre 1354 im Boris-Gleb-Bergkloster zu Perejaslavl'-Zalesskij zum Subdiakon, darauf zum Hierodiakon, und am nächsten Tag verlieh er ihm die Gnade des Priestertums; dann machte er ihn zum Abt und übergab ihm die apostolische Regel und Lehre der heiligen Väter zur Erlangung des Heiles, wie man die gegen-seitigen Schwierigkeiten ertragen und das Gesetz Christi erfüllen soll (Gal. 6, 2); sodann entließ er ihn in Frieden in sein Kloster. Mit Freude empfingen die Brüder ihren Abt, er aber segnete sie, betete viel in Demut und lehrte die Bruderschaft.
Eine seiner Lehren ist erhalten geblieben: "Seid achtsam, o ihr Brüder, ich flehe euch alle an, lebt vor allem in Gottesfurcht, bewahrt innere Reinheit und unparteiische Liebe; pflegt auch Gastfreundschaft, Demut mit Unterwerfung, Fasten und Ge-bet; seid mäßig im Essen und Trinken; trachtet nicht nach Ehre und Ruhm, fürchtet vor allem die Stunde eures Todes und denkt an die zweite Wiederkunft Christi".
Die Zahl der Brüder im Kloster nahm zu und die Zellen vermehrten sich. Alle mühten sich ab und ahmten den Apostel Paulus nach, der Tag und Nacht mit seinen Händen arbeitete, um nicht auf fremde Kosten zu leben und niemandem zur Last zu fallen, wenn er auch als ein Verkünder des Hei-les ein volles Recht darauf hatte (1 Thess. 2,7). Ein jeder der Brüder ernährte sich durch seiner Hände Werk, denn es gab noch keine konoibitische Lebensweise. Es bestand Not an allem, und oft wur-den für die Lesungen der Matutin Birken- oder Tan-nenspäne angezündet. Der Heilige lehrte: grausam ist das Leid, süß jedoch das Paradies; schmerzhaft sind die Mühen, aber ewig ist die Belohnung dafür. Die Gnade Gottes wird keinem ohne Kummer und Versuchungen zuteil. Litten die Brüder einige Tage Hunger, so sandte ihnen der Herr, der ihren Glauben und ihre Geduld erproben wollte, Tröstung. Durch die Tore des Klosters sah man Fuhrwerke hereinfahren, auf denen die notwendigen Güter im Überfluß herangeschafft wurden. Sie schlugen den Klöppel, und in der Kirche wurde dem Herrn, der sich seiner Knechte erbarmte und sie ernährte, ein Dankgottesdienst dargebracht. Danach setzten sie sich zum Essen nieder. Die Brote waren noch ganz warm und schmeckten erstaunlich gut, aber die Wohltäter waren niemandem bekannt. Und dies wiederholte sich noch oftmals danach. Wie in den alten Zeiten, so zögert der Herr auch jetzt nicht, uns alles Notwendige zum Leben zu schenken.
Es herrschte einst Wassermangel und der Heilige ging mit einem Mönch in die Waldschlucht und betete: "Gott, Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Himmel und Erde erschaffen hat, alles Sichtbare und Unsichtbare, der Du den Menschen geschaffen hast und nicht den Tod des Sünders wünschest! Wir, Deine sündigen und unwürdigen Knechte bitten Dich: Erhöre uns in dieser Stunde und tue uns Deinen Ruhm kund! Wie einst in der Wüste Deine starke Hand in wunderbarer Weise aus dem Felsen Wasser hervorsprudeln ließ, so tue uns auch nun Deine Kraft kund - schenke uns Wasser an diesem Ort! Und mögen alle verstehen, daß Du diejenigen erhörst, die Dich fürchten und Deinen Namen preisen - den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, jetzt und immerdar und in die Ewigkeit der Ewigkeiten, Amen."
Er segnete eine Stelle mit dem Kreuzzeichen, und aus der Erde sprudelte ein reicher Strahl kal-ten Quellwassers hervor, das mit schnellem Lauf durch die Schlucht hinabfloß (man nimmt an, daß dieses Bächlein sich auf der Nordseite befand). Durch diese Quelle geschahen auch Heilungen, und es gab im Überfluß Wasser für alle.
Die Welt drang ein in die Einöde, Wege formten sich, "Dörfer und Gehöfte bildeten sich", und es kamen die Gläubigen in Scharen; sie sahen die Dürftigkeit der Einsiedler, aber sie sahen auch die Andacht und den Frieden, die Gnade unter den Brüdern; und diesen gnadenreichen Sauerteig nahmen sie in ihre Dörfer und Familien mit, als Licht und als Salz. Der Name des gottgefälligen Heiligen wurde in ganz Rußland gepriesen, und viele kamen mit Glauben zu ihm. Ein Landmann trug mit Vertrauen einen schwerkranken Säugling zu dem Heiligen, aber dieser starb unterwegs; der Starez jedoch betete, weckte den Toten auf und gab ihn dem glücklichen Vater zurück.
Einmal heilte der Starez nach innigem Gebet einen schwer erkrankten Landmann und ein andermal einen geisteskranken Würdenträger von den Ufern der Wolga, der in Raserei geraten war, der biß, um sich schlug und mit unmenschlicher Kraft tobte, so daß zehn Männer ihn nicht bändigen konnten.
Der Heilige verblieb in tiefer Demut, er übte sich in der Armut und trug immer ganz dürftige Kleidung, obwohl im Kloster an nichts mehr Mangel herrschte. Jeder, der ins Kloster kam, erhielt dort Tröstung. Und alle sahen, daß Gott für Rußland einen von Gnade erfüllten Auserwählten zur Stärkung des Glaubens gesandt hatte, welcher Tausende von Mönchen heranbildete, die dann wieder in ihre heimatlichen Gegenden zogen und selber zu Verkündern des Heils wurden. Ein gnadenvolles Licht ergoß sich über das Antlitz der heimatlichen Erde, und der reine Weizen sonderte sich von der Spreu ab.
Der hl. Sergius bedeutete für den Norden, für das Moskauer Rußland das, was Antonius und Theo-dosius für den Süden, für das Kiever Rußland waren. Und dann kam die segensreiche Vision des Lichtes, der Vogelschar und die Stimme - "genauso wird sich die Herde deiner Schüler vermehren". Und wir wissen, daß schon zu Lebzeiten des Heiligen bis zu 25 Klöster gegründet wurden, und nach seinem Ableben wuchs ihre Zahl bis auf siebzig an.
Um den Eigenbesitz unter den Brüdern aufzuheben sowie Neid, Habsucht, Überheblichkeit und Lasterhaftigkeit auszurotten, wollte der Heilige das Konoibitentum einführen. Als im Jahre 1372 der griechische Metropolit mit einer Pilgergruppe im Kloster weilte und eine Urkunde vom Ökumenischen Patriarchen Kir Philotheos mit dem Segen zur Einführung des Konoibitentums mitbrachte, da eilte der Starez nach Moskau zum Metropoliten Alexij, um sich auch seines Segens zu vergewissern. Und indem er den Wunsch des Patriarchen und des Metropoliten kundtat, führte der Abt die konoibitische Lebensweise ein. Man baute ein Refektorium, Bäckereien, Getreidespeicher, Vorratskammern. Irgend etwas sein eigen zu nennen, war verboten - Kleider, Nahrung und Arbeit, alles war gemeinsam. Alle, die zur Arbeit fähig waren, außer den Alten und Kranken, mußten zum allgemeinen Wohl beitragen. Es entstanden neue Ämter - der Kellermeister, der zugleich auch Schatzmeister war, der Wirtschafter, der Propst (er hieß Nikon), der Beichtvater (der erste war Savva), der Ekklesiarch. Das Kloster wurde ausgebaut und die Anzahl der Brüder wuchs, es herrschte an nichts mehr Mangel. Dann begann man, den Überfluß für die Beherbergung der Fremdlinge zu verwenden. Das bis dahin einsame Kloster trat aus den schlummernden Wäldern hervor auf die Bildfläche des russischen Lebens. Mit der Einführung des Koinobitentums waren jedoch nicht alle zufrieden, manche verließen auch das Kloster, und andere bildeten, könnte man denken, mit dem Abt Stephan eine Partei, die Sergius nicht als Oberhaupt der Bruderschaft haben wollten. Dann verließ der Heilige das Kloster, denn er wollte Widerstreit und persönlichen Zwist mit seinem älteren Bruder Stephan vermeiden, der, nachdem er auf die Abtwürde im Bogojavlenskij-Kloster verzichtet hatte, in das Kloster kam, das er zusammen mit seinem Bruder gegründet hatte. Der Heilige besuchte nun seinen Freund, den hl. Stephan im Machri‚-Kloster, nahm als Begleiter einen Mönch mit und suchte sich einen schönen Ort am Kir‚aç-Fluß, wo er sich in schweigsamer Abgeschiedenheit niederließ.
Zu dem beliebten Abt kamen Brüder, sie bau-ten Zellen, gruben einen Brunnen, errichteten ei-ne Kirche im Namen der Verkündigung und so entstand ein neues Kloster. Der Metropolit segnete dieses Kloster; er weihte die Kirche ein, machte Roman zum Priester und setzte ihn dann als Abt ein. Nachdem er die murrenden Brüder aus der Troize-Sergiev-Lavra entfernt hatte, rief er Sergius in sein Kloster zurück, wo wieder Friede einkehrte.
Der Heilige strahlte in vollem Glanze als der gros-se Diener der Kirche Christi und Bürger des irdischen Vaterlandes - sein Name war auf aller Lip-pen, vom Großfürsten und den Bojaren bis zum letzten Landmann des Moskauer Rußlands; er war wie einer der alten Propheten. Der Starez, der die Einsamkeit liebte, strebte nicht nach Ruhm oder der Bischofswürde, sondern als großer Wohltäter befreite er durch seine Gebete Rußland von Un-heil und Sorgen. Er förderte die geistige Wiedergeburt und Erneuerung der russischen Erde und half mit bei der Befreiung des Landes von der Knechtschaft der asiatischen Horden. Dies war so eine schwere Zeit, daß das russische Volk vom völligen Untergang bedroht war. Der hl. Sergius war der russischen Erde von Gott als ihr wahrhafter Wohltäter geschenkt worden. Er flößte Glauben an die Hilfe Gottes ein und rief den Geist des Volkes wach, um sich gegen die Versklaver zu erheben.
Mamaj rückte mit seinen Horden auf Rußland zu. Der Großfürst Dimitrij besuchte mit den ihm verbündeten Fürsten die Lavra. Der Heilige zelebrierte die Göttliche Liturgie, lud die Fürsten und Kriegführer zum Essen ein und sagte: "Gott der Herr ist dein Helfer. Die Zeit ist noch nicht reif, um dir selbst die Krone dieses Sieges und die ewige Ruhe zu bescheren, aber vielen, unzählig vielen deiner Mitkämpfer werden Märtyrerkränze mit ewigem Angedenken geflochten." Er besprengte den Fürsten und seine Begleiter mit geweihtem Wasser und versichterte ihm, daß den Feind der endgültige Untergang erwarte, "aber dir, Großfürst werden Hilfe, Erbarmen und Ruhm vom Herrn zuteil; hoffen wir auf den Herrn und auf die Allerheiligste Gottesgebärerin, daß sie dich nicht im Stich lassen". Und indem er den vor ihm niedergefallenen Großfürsten mit dem heiligen Kreuzzeichen segnete, rief der von Gott erleuchtete Sergius begeistert aus: "Geh, Erhabener, sei ohne Furcht! Der Herr hilft dir gegen die gottlosen Feinde!" Und dann sagte er leise zu ihm: "Du wirst deine Feinde besiegen". Als Segen und als Unterpfand des Sieges für sein Heer erbat sich der Fürst zwei Mönche, die einstmals selbst Krieger waren, nämlich Alexandr Peresvet und Andrej Osljab. Der Starez legte ihnen das S'chima an (die höchste Mönchsweihe, Red.), das durch eine Darstellung des Kreuzes Christi geschmückt war, und sandte sie dann auf das Schlachtfeld.
Nachdem der hl. Sergius den Großfürsten, sei-ne Mönche, die Recken und das ganze fürstliche Gefolge nochmals gesegnet und mit geweihtem Wasser besprengt hatte, sagte er zu dem Fürsten: "Gott der Herr möge dein Helfer und Beschützer sein: Er wird deine Widersacher besiegen und sie niederschmettern und dich mit Ruhm krönen!"
Die Kunde von dem Segen für die Schlacht mit Mamaj verbreitete sich über das ganze russische Land, und ein Hoffnungsstrahl schimmerte in den Herzen der Kinder Rußlands auf; Fürst Oleg von Rjazan' geriet ins Wanken und zog nicht gegen Moskau. Am 8. September 1380 marschierten die Heere am Don in Schlachtordnung auf. Der Mönch Nektarij und andere Mönche des hl. Sergius trafen mit dem Segen des Heiligen für das ganze chris-tusliebende Heer ein. Sie brachten eine der Gottesmutter- Prosphoren mit und einen Brief mit der Ermahnung, mannhaft für die Sache Gottes zu kämpfen und darauf zu hoffen, daß Gott dem Heer einen günstigen Ausgang bescheren wird. Der in der Dreieinigkeit verherrlichte Gott wird seine Hilfe nicht versagen. Es war, als ob der Heilige das Heer selber besuchte; selbst die an Kampfgeist schwachen Krieger wurden von Tapferkeit und der Bereitschaft, ihr Leben für den heiligen orthodoxen Glauben, für das geliebte Vaterland zu lassen, erfüllt.
Da kam es zum Zweikampf zwischen dem S'chi-mamönch Alexandr und dem Tatarenhelden Çelu-bej. Nur mit den Gewändern des großen S'chima angetan, ohne Helm und Harnisch, bewaffnete sich der für den Sieg bahnbrechende Mönch mit einer schweren Lanze und fiel zusammen mit dem Tataren. Heldenhaft kamen viele Krieger um. Von den 150.000 aus Moskau ausgezogenen Kriegern kehrten nur 40.000 zurück.
Während die grausame Schlacht auf dem Kulikovo-Feld wütete, versammelte der hl. Sergius im Kloster der lebensspendenden Dreieinigkeit die ganze Bruderschaft und sandte heiße Gebete um den Erfolg in dieser großen Sache empor. Mit dem Körper verharrte er im Gebet, aber im Geist war er auf dem Kulikovo-Schlachtfeld. Mit den Augen des Geistes schaute er das, was dort geschah; wie ein Augenzeuge sah er die gefallenen Krieger und nannte sie mit Namen; er sprach selber mit seinen Brüdern die Gebete für die Ruhe der Verstorbenen. Am Ende verkündete er die völlige Niederlage der Feinde und verherrlichte Gott, welcher den Orthodoxen den Sieg verliehen hatte.
Die Fürsorge und die Gebete des Beschützers der russischen Erde hörten damit jedoch nicht auf. In einer Handschrift aus dem Jahre 1380 heißt es, daß am 21. September, dem Gedächtnistag des Kodrat, der Archimandrit Fjodor (des Simonovskij-Klosters) mit der alarmierenden Nachricht aus Mos-kau kam, daß die Litauer mit den Barbaren auf Moskau heranrücken. Der Neffe berichtete alles genau dem Heiligen. Wieder beteten sie glühend um Hilfe zu Gott und sandten den Cellarius Nikon nach Rjazan', um neues Blutvergießen zu verhüten. Und diesmal bereute der Fürst Oleg und seine Bojaren; er verließ sein zum Kampf bereites Heer und eilte aus seiner Hauptstadt Rjazan zu dem Litauer Jagailo, den er dazu überredete, in seine Heimat zurückzuziehen. Aus diesem Ereignis ist ersichtlich, wem Rußland auch nach der Schlacht von Kulikovo seine Rettung verdankt.
Auch hier wurde der hl. Sergius zum Beschützer Rußlands, der ein schreckliches Blutvergießen unter den Brüdern verhinderte.
Der Großfürst erschien nach dem Sieg wiederum mit zahlreichen Kriegern in der Dreifaltigkeits-Sergius-Lavra, um dem Herrn Dank zu sagen, den Starzen über den glücklichen Ausgang in Kenntnis zu setzen und ihm für seine Gebete zu danken. Der Fürst sagte über den heldenhaften Mönch: "Heiliger Vater, wenn dein Diener Peresvet nicht den Tataren-Recken getötet hätte, wieviele hätten dann durch ihn noch den Kelch des Todes trinken müssen! Doch wurde ein großer Teil des christlichen Heeres von den Tataren erschlagen; bete für die Gefallenen, heiliger Vater!" Und von jenem Tag an begann man, um den 25. Oktober, d.h. am Demetrius-Sonnabend, für alle auf dem Kulikovo-Schlachtfeld gefallenen Krieger Panichiden und Totengedenk-Liturgien zu zelebrieren.
Der Fürst sandte dem Kloster reiche Geschenke, er verteilte viele Almosen an das Volk und mit Unterstützung des hl. Sergius gründete er das Uspenskij-Kloster am Dubenka-Fluß, in dem Sav-va, ein Schüler des hl. Sergius Vorsteher wurde. Im Dorf Monastyr‚çina wurde zur Erinnerung an den Sieg über Mamaj an der Begräbnisstätte der Gefallenen ein Kloster zu Ehren der Geburt der Gottesmutter erbaut, für das Sergius die königlichen Türen spendete. Der Großfürst, der im hl. Sergius einen weisen Ratgeber und glühenden Beter sah, wandte sich auch in Staatsgeschäften um Hilfe an ihn; er bat ihn Taufvater zu sein bei der Taufe seiner Kinder: Jurij, geb. am 16. November 1374 und Pjotr, geb. am 29. Juni 1385.

Damals gab es viel Zwietracht unter den Fürsten, und nur gottgefälligen Asketen gelang es, die Fürsten zu versöhnen. Der Heilige rief die Fürsten von Rostov 1359 zum Frieden auf und den Fürst von Niœnegorod im Jahre 1365, als man die Kirchen bis zur Versöhnung schließen mußte. Viele Auseinandersetzungen gab es mit dem Fürsten Michail Alexandroviç von Tver', der mehr als einmal Olgerd von Litauen, welcher mit seiner Schwester verheiratet war, gegen Moskau aufhetzte. Aber der Rat des Heiligen, Tver' mit allen Kräften der russischen Fürstentümer zu demütigen, führte noch vor der Schlacht gegen Mamaj zum Frieden mit Tver'. Ebenso zerstörte der unruhige, listige und verräterische Nachbar Oleg von Rjazan' die Verträge; er verbündete sich bald mit Olgerd, bald mit Tver', bald mit den Tatren Mamaj und Tochtamysch.
Im Herbst des Jahres 1385 begab sich der Heilige nach Rjazan, um das Herz des harten Oleg zu erweichen, und dieser "schloß mit dem Großfürsten Dimitrij ewigen Frieden und Liebe von Geschlecht zu Geschlecht". Dieser Frieden wurde mit einer Heiratsverbindung zwischen Feodor Olgoviç und Sofia Dimitrievna bekräftigt. So erwachte das Bewußtsein der Einheit unter der Herrschaft Moskaus in allen russischen Fürstentümern, um mit vereinten Kräften das Joch der Tatarenhorden abzuwerfen und den orthodoxen Glauben zu schützen.
Der Heilige begrub selbst den Besieger der Tataren Dmitrij Donskoj, der am 19. Mai 1398 gestorben war. Indem er sein Kreuz trug, diente er der russischen Heimat. Er trug anfangs ein echtes Kreuz, nämlich die Last des Kampfes mit dem alten Menschen, mit sich selber und den Feinden des Heils, also der Welt und dem Teufel. Als er dann in die Ruhe der Welt Christi eintrat, nahm er das Kreuz der Beschaulichkeit und der Gnade, andere zu Christus zu führen, auf sich.

Bote 1989, 5

Der Heilige besaß die Gaben der Wunderheilung, der Prophetie, der Tröstung und Erbauung, der geistlichen Beratung und Unterweisung. So sah er, als er sich bei Tisch befand, im Geiste den Metropoliten Stephan von Perm und hörte seinen Gruß selbst auf die große Entfernung; er verneigte sich vor ihm gegen Westen und sprach: "Gegrüßest seist auch du, Hirte der Herde Christi, der Friede Gottes sei mit dir!" Einen noch höheren Gnadenzustand seiner gotterfüllten Seele fühlte man in den heiligsten Minuten der Göttlichen Liturgie. Während dieser sah Isaak, der das Schweigegelübde abgelegt hatte, eine wunderbare Flamme, die von dem Heiligen zur Zeit des Segens ausging. Andere sahen einen Engel in der Gestalt eines prächtigen Mannes in glänzenden Gewändern, der bei der Liturgie mitzelebrierte und beim kleinen Einzug mit dem Evangelium hinter Sergius herschritt. Der Engel des Herrn stand dem Heiligen während der Feier der Göttlichen Liturgie stets zur Seite. Wenn der Heilige zelebrierte, so sahen einige ein himmlisches Feuer auf die Heiligen Mysterien in der Minute ihrer Konsekration niedergehen. Dieses Feuer bewegte sich dann zum heiligen Thron, erleuchtete den ganzen Altar, rankte sich um die heiligen Gaben und umschloß ganz den die heilige Handlung vollziehenden Sergius, bis es in den heiligen Kelch eintrat. Der Gottgefällige kommunizierte von diesem Feuer "unverbrennbar, wie ehemals der Dornbusch unverbrennbar brannte, und doch nicht versengt wurde".
Einmal betete der Heilige innig zur Himmelskönigin; sein reines Herz brannte in seligem Feuer und sein demütiges Gemüt war in der Betrachtung versunken: er schaute die Allerheiligste Gottesmutter mit den Aposteln Petrus und Johannes, die das Kloster heimsuchte und ihrem Auserwählten versprach, niemals von diesem Ort zu weichen und das Kloster unter ihren Schutzmantel zu nehmen. Nicht in prophetischer Mutmaßung und auch nicht in einem Traumgesicht, sondern im Wachzustand sah er die Gottesmutter, und dies war die Krönung seiner asketischen Bemühungen auf dieser Erde.
Die ganze Welt sah im hl. Sergius einen wahrhaften Gottesmann, einen irdischen Engel und himmlischen Menschen, in dem wie in den Asketen und Heiligen der frühen Christenheit die allmächtige Kraft Gottes wirkte. In ihm wohnte die Allerheiligste Dreieinigkeit. Welch tiefe Demut, kindliche Einfachheit, Gutmütigkeit und geistige Unterscheidungskraft wohnten doch in ihm, welche die überirdische Schönheit seiner Seele, die wie die Sonne schien, widerspiegelten.
Wie ein Schiff bei ruhigem Seegang auf seinen heimatlichen Hafen zusteuert, so näherte sich auch der hl. Sergius dem Übergang in die Ewigkeit zum Herrn allen Ruhmes. Ein halbes Jahr im voraus eröffnete ihm der Herr den Tag seines Hinscheidens; der gotterfüllte Sergius versammelte die Brüder, teilte ihnen die Offenbarung Gottes mit und übergab die Leitung des Klosters dem ersten Märtyrer, nämlich seinem Gehilfen Nikon; er selber aber schwieg von nun an. In den letzten Minuten vor dem Tod versammelte er die Bruderschaft und gab ihnen als Vermächtnis, auf dem von ihm gewiesenen Weg zu den himmlischen Wohnstätten zu streben, stets den orthodoxen und apostolischen Glauben zu wahren, im einheitlichen Denken zu verharren, geistige und körperliche Reinheit sowie unparteiische Liebe zu pflegen, den bösen Leidenschaften zu entfliehen, Mäßigkeit im Essen und Trinken zu bewahren und die Gastfreundschaft nicht zu vergessen. In seiner Abschiedsrede verkündete er ihnen mit der ganzen Kraft seiner väterlichen Liebe die Heilsregeln des Mönchslebens. Er übergab alle dem Allmächtigen Gott und Seiner Allerreinsten Mutter.
Nachdem er die allerheiligsten Mysterien Christi empfangen hatte, entschlief der gotterfüllte Vater mit den Worten "in Deine Hände, o Herr, befehle ich meinen Geist" in aller Stille am 25. September 1392 und ging im Geist zum Herrn ein. Das Antlitz des Gerechten strahlte in himmlischer Seligkeit, und ein wunderbarer Wohlgeruch erfüllte seine Zelle.
Ehrwürdige Mönche sahen oftmals die gnadenvolle Anwesenheit des hl. Sergius im Geist in seinem Kloster, denn er bleibt für immer der unermüdliche Abt seiner Lavra und der siegreiche Heerführer des ganzen orthodoxen Rußlands.
Liebe den hl. Sergius, liebe ihn aufrichtig und er wird dich lieben. 30 Jahre nach seinem Tod erschien der Heilige einem seiner Bewunderer im leichten Schlaf und sprach zu ihm: "Frage den Abt dieses Klosters, warum er mich so lange unter der Erde im Grabe läßt, wo Wasser meinen Körper umgibt?"
Der Körper des Heiligen war unverwest und unbeschädigt, nicht einmal seine Kleider waren verdorben, obwohl der Sarg von Wasser umgeben war, aber es berührte nicht den Körper und die Kleidung. Ein feiner Wohlgeruch verbreitete sich ringsum. Zahlreiche Christen verherrlichten Gott. Mit Jubel wurden die Reliquien des Heiligen in einen neuen Sarg umgebettet. Die Öffnung der Reliquien erfolgte am 5. Juli 1422. Zu Lebzeiten vollbrachte der Heilige viele Wunder, aber aus Demut und Bescheidenheit verbot er darüber zu berichten, aber nach seinem Tode verherrlichte ihn Gott so, daß die durch seine Gebete geschehenen Wunder einem wasserreichen Fluß glichen.
Im Herbst 1408 erschienen der hl. Sergius und die Metropoliten Pjotr und Alexij dem Abt Nikon und sprachen zu ihm: "Dem Herrn gefällt es, daß die wilden Volksstämme (die Tataren von Edigej) auch diesen Ort nicht verschonen, du aber, unser Sohn, sei nicht traurig und bekümmert, das Kloster wird nicht veröden, sondern noch mehr erblühen." Nikon und die Mönche entfernten sich für einige Zeit und nach dem Abzug der Tataren erbauten sie eine neue Steinkirche zu Ehren der hl. Dreieinigkeit. Einmal am Fest der Dreifaltigkeit kam ein armer, seit seinem siebenten Lebensjahr Blinder, der von seinem Führer verlassen worden war; er betete und schluchzte jämmerlich. Da erschien ihm der hl. Sergius, führte ihn zu seinem Reliquienschrein und der Blinde wurde sehend. Die Polen belagerten die Lavra vom 23. Sept. 1608 bis zum 12. Jan. 1610. Es waren ihrer 60.000, die nur 2.000 Verteidigern gegenüberstanden. Die Andersgläubigen wollten die Wohnstätte der Hl. Dreifaltigkeit zerstören; Polen und Litauer vergossen das Blut der Orthodoxen. Dreimal erschien der Heilige in einer Vision dem Kozma Minin und befahl ihm, Geld zu sammeln. Der Heilige erschien auch den Kosaken und tadelte sie für ihren Verrat. (Viele verließen das Lager und gingen nach Hause.)
Er sandte drei Schüler - Michej, Varfolomej und Naum - auf blinden Pferden nach Moskau, um ein öffentliches Bittgebet zu vollziehen. Auf seine Gebete hin nahm das Getreide in den Speichern nicht ab. Der Allmächtige Gott rettete und bewahrte Rußland und die Orthodoxie.
Erzbischof Arsenij Zlasonskij, der in der Gefangenschaft in Moskau schmachtete und sich in schwerer Not befand, wurde zum Verkünder der himmlischen Barmherzigkeit für Rußland. Einmal in tiefer Nacht erstrahlte die Zelle des kranken Hierarchen plötzlich in ungewöhnlichem Licht. Und er sah vor sich den hl. Sergius, den Wundertäter von Radonesch. "Arsenij", sagte der dem Kranken erschienene Heilige, "eure und unsere Gebete wurden erhört durch die Vermittlung der Gottesmutter, das Gericht Gottes über unser Vaterland hat sich in Erbarmen verwandelt und morgen schon wird Moskau in russischen Händen sein, und Rußland wird gerettet". Der 22. Okt. wird als der Tag der Befreiung Moskaus gefeiert, an dem die Begegnung mit der Ikone von Vladimir stattfand, welche der Erzbischof Arsenij aus dem Kreml trug.
Im Dezemberheft des Jahres 1910 der "Erbaulichen Lektüre" ist eine volkstümliche Überlieferung vom Jahre 1812 unter dem Titel "Vision Napoleons" abgedruckt, die besonders im einstmaligen Gouvernement von Jaroslavl verbreitet war. Darin wird folgende Begebenheit erzählt: Nachdem Napoleon Moskau besetzt hatte, trank er auch einmal von dem russischen Sbiten (Getränk aus Wasser, Honig und Gewürz), welchen ein Meisterbrauer, ein Greis aus Jaroslavl' (im folgenden "der Jaroslavjez" genannt), zubereitet hatte. Napoleon befahl ihm, auch am nächsten Tag mit dem Sbiten zu ihm zu kommen. Ein Franzose mußte ihn begleiten - ein Handelsgehilfe aus einem französischen Laden von der Kusnezkij-Brücke, der als Dolmetscher für die französische Armee fungierte. In der Erzählung heißt er "Kurgusyj" (der kurz Gekleidete).
"... der Sbitenbrauer und Kurgusyj gingen zum Kreml. Der Jaroslavjez bereitete sich schon vor, wie am Vortag Napoleon und sein Gefolge mit dem Getränk zu bewirten, aber dem Kaiser war es nicht nach Sbiten zumute. Aufgeregt ging er auf dem Zarenplatz auf und ab. Sein Gesicht zuckte krampfhaft, seine Fäuste waren fest geballt.. Das Gefolge schien verwirrt. Irgend etwas ist vorgefallen... was sah ich nur? ... ich sah ein Heer und einen seltsamen Heerführer, sagte der Kaiser, ohne sich an irgend jemand zu wenden nachdrücklich und gereizt zu den Franzosen. Die Gefolgsleute waren verblüfft, aber nicht aufgrund dessen, was Napoleon gesehen hatte, sondern deshalb, weil sie weder die Krieger noch den seltsamen Heerführer gesehen hatten. Der Kaiser muß wohl einfach unter krankhafter Einbildung leiden. Das verwüstete, einem Friedhof gleiche, brennende Moskau, der Mangel an allem und die Furcht vor der Zukunft brachten den Feldherrn wohl so weit, daß er sich von Seh-und Gefühlstäuschung überwältigen ließ. Die Ärzte sollten sich mit seinem Zustand beschäftigen und alle Mittel verwenden, denn der Feldherr muß wacker und gesund sein...
Was war aber vorgefallen? Napoleon wollte sich an der Umgebung Moskaus ergötzen und stieg auf den Glockenturm des Kreml (Ivan Velikij genannt). Die Sonne strahlte am Himmel. Buonaparte wandte seinen Blick in die Richtung der Vorob'jev-Hügel, plötzlich erschauerte er; zitternd wandte er sich an seine Untergebenen mit einer Stimme, in der Schrecken mitklang.
- Seht ihr, dort, im Südwesten bewegt sich ein Heer? Und von beiden Seiten rücken große Armeen heran! Das sind ja Russen!
- Eure Hoheit, wir sehen dort überhaupt keine Heere. Napoleon stampfte mit dem Fuß auf die hölzerne Diele.
Drei Armeen... ja, ja! Sie sind noch weit weg, aber sie rücken vor und werden in Moskau sein ... ja, ja, bald werden sie Moskau erreichen.
Er zitterte, knirschte mit den Zähnen und sprach ungestüm:
- drei große Armeen! drei! drei! ... seht ihr denn nichts?... Es scheint, sie marschieren gar nicht auf der Erde, sondern fliegen durch die Luft, wie Engel oder Dämonen. Und an der Spitze ein Heerführer! Seht ihr den Heerführer?
- Eure Hoheit, wir können keinen Anführer sehen.
- Verflucht! Napoleon ballte die Fäuste und stöhnend eilte er die Treppe hinab. Bleich und zerstreut wiederholte er wütend: "Aber ich sah sie, ich sah sie ... und diesen Anführer, ganz in schwarz. Etwa ein Mönch? Graue Haare, grauer Bart, mit dem Kreuz in den Händen. Er segnete das Heer mit dem Kreuz... das ist ungewöhnlich! Was soll das sein? Wer ist dieser schwarze Heerführer?"
Napoleon zitterte. Die Wut kochte in ihm, weil niemand die Armee in der Luft mit ihrem ungewöhnlichen Mönchsheerführer gesehen hatte. Auf dem Platz angelangt, schaute Napoleon erneut in jene Richtung, aber nichts mehr war zu sehen. Die Sonne verkroch sich; Wolken und Rauchschwaden hingen über den Vorob'jev-Hügeln. Da tauchte gerade der Sbitenbrauer mit dem Dolmetscher, d.h. mit Kurgusyj im Kreml auf.
- Kommt näher heran -, befahl Napoleon, und als sie sich näherten, fragte er den Jaroslavjez, ob er nicht solch einen Mönch kenne: dürr, aber majestätisch und schneeweiß. Der Sbitenbrauer fragte seinerseits, wo er, der Kaiser, denn solch einen Mönch getroffen hätte. In Moskau gibt es mehrere Klöster, es kann folglich viele Mönche geben?...
- Dort, vor dem Heer..., - rief der Kaiser ungeduldig aus.
Kurgusyj übersetzte. Der Alte nahm eine würdevolle Haltung ein und jedes Wort deutlich betonend sagte er:
- Eurer Hoheit muß doch bekannt sein, daß einfache Mönche nicht durch die Luft fliegen; die Macht des Himmels hat sich euch offenbart. Keiner von den heute lebenden Mönchen führte die Krieger, sondern es war unfehlbar ein Gottgefälliger, der Moskau und Rußland beschützt.
- So, so - sagte Napoleon zu seinen Leuten - das russische Volk und die russischen Städte haben also ihre heiligen Beschützer. - Und indem er sich an den Sbitenbrauer wandte, fügte er hinzu: -Wer ist der Schirmherr Moskaus?
- Der heilige und gerechte Sergius, der Wundertäter von Radonesch,- lautete die Antwort.
Napoleon drehte sich um, gab dem Alten ein Zeichen mit der Hand, daß er ihm folgen solle, und alle - Napoleon, seine Begleiter, der Sbitenbrauer und Kurgusyj begaben sich zur Kathedrale Mariä Verkündigung. Der Alte stellte das Geschirr mit dem Sbiten auf die Treppenstufen und entblößte als einziger sein Haupt.
- Zeigt mir eine Darstellung des Heiligen! - befahl Napoleon.
Der Greis führte ihn zur Ikone des hl. Sergius.
- Das ist er! - rief Napoleon aus. Er wankte und wurde plötzlich von einer schrecklichen Kälte ergriffen. Lange konnte er den Blick nicht von dem heiligen Bildnis wenden, und ein Gedanke nach dem anderen schoß ihm durch den Kopf; die Gedanken belästigten ihn... Die Vision hatte ihn in Verwirrung gebracht, ihn aufgewühlt und erschreckt; sie nahm den stolzen Eroberer gefangen. Etwas Ähnliches war ihm noch nicht zugestoßen. Napoleon wollte sich sofort von dieser drückenden Fessel befreien, aber er konnte es nicht. Irgendwie gab ihm das Schicksal unerbittlich zu verstehen, daß es der Finger Gottes ist, der den Völkern und Regierungen ihre Wege zeigt, sowohl den demütigen als auch den stolzen: Wege zum Sieg und zur Größe als auch Wege zum Fall und Verderb. Napoleon versank in tiefes Nachdenken. Er nahm in Gedanken alle Ereignisse durch, von jener Stunde angefangen, als er und "zwölf andere Völker" am 11. Juni über die Grenzen des russischen Imperiums hereinfielen, bis zu der heutigen Vision im brennenden, unfreundlichen Moskau. Wenig Tröstliches entfiel auf das Los der großen Armee. Rußland erwies sich als eine gute Falle, und diese Falle konnte nicht einmal die Schlacht auf dem Borodino-Feld brechen. "Welche Freude macht es, - so dachte Napoleon, - sich als Sieger zu betrachten, wenn es keine Besiegten gibt?" Tief in Gedanken ging er aus der Kathedrale und sprach zu sich selber: "Was für ein Volk ist das russische nur, wenn Heilige seine Armee anführen?... diese muß man ja überwinden!" Und er fuhr zusammen.
- Ein Pferd! - Man brachte ihm ein großartiges arabisches Pferd. Napoleon setzte sich in den Sattel und von seinem Gefolge begleitet, galoppierte er aus dem Kreml. Er wollte die Vision vergessen. Er galoppierte durch die ganze Hauptstadt bis er zum Peterspalast kam; er wollte dort bleiben, konnte aber nicht. Nirgends konnte er sich aufhalten, er wurde einfach die schweren, durch die Vision hervorgerufenen Gedanken nicht los. Der laute Jubelschrei jener drei Heere, die vom hl. Sergius angeführt wurden, tönte ihm in den Ohren, und es schien, daß dieses Kriegsgeschrei lauter und lauter wurde. Das bedeutet, daß die Armeen heranrücken - und werden sie ihn und die mit ihm gekommenen "zwölf anderen Völker" nicht überrumpeln? Und Napoleon wurde es unheimlich, noch länger in Moskau zu bleiben...
(Pavel Rossiev)

Bericht aus "TROITZKOE SLOVO"
zum Gedenken für künftige Generationen

In Erinnerung an die kummervolle Zeit des Notstandes und der Belagerung der Lavra und auch in Dankbarkeit für die göttliche Gnade der Aufhebung derselben durch die Gebete des hl. Sergius, möchte ich an das für die Lavra so denkwürdige Jahr 1812 erinnern, in dem sie durch die Gebete des Gott wohlgefälligen Mannes vor dem Einfall der Franzosen bewahrt wurde. Über dieses Ereignis heißt es in der Chronik der Lavra:
"Nach der Verwüstung Moskaus erhielt eine in Dimitrov stationierte Einheit der französischen Truppen den Befehl, die Lavra einzunehmen. Aber am 1. Oktober, als die Franzosen zur Lavra vorrücken sollten, vollzogen die Mönche ein Moleben (Bittgottesdienst) und eine Kreuzprozession um die ganze Anlage der Lavra und die Feinde kehrten an jenem Tag ganz plötzlich nach Moskau zurück."
Zur Ergänzung dieses Berichtes ist es unerläßlich, die Erzählung über die Beschützung der Lavra im Jahre 1812 anzuführen, die der Statthalter der Lavra Antonij von der Gräfin Z. hörte, die einige Jahre zuvor aus Paris zurückgekehrt war und sich damals in der Dreifaltigkeits-Lavra aufhielt. Während ihres Aufenthaltes in Paris lernte sie den Herzog De-Mortemare kennen, und als sie auf das Jahr 1812, auf Moskau und die Dreifaltigkeits-Lavra zu sprechen kamen, erzählte er ihr folgendes:
"Damals war ich noch Oberst. In der zweiten Septemberhälfte rief mich der Stabchef, Marschall Bortier zu sich und übergab mir den Befehl Napoleons, mit einer Truppeneinheit auf die Dreifaltigkeits-Lavra zu rücken und den ganzen Klosterschatz zu beschlagnahmen. Der Marschall sagte, daß es in der Nähe des Klosters keine Truppen gäbe, daß das Volk durch die Erfolge der französischen Waffengewalt eingeschüchtert sei und daß es daher ein leichtes sei, das Kloster einzunehmen. Nach Erhalt des Befehls übernahm ich die Truppeneinheit und begab mich um 4 Uhr nachmittags auf den Weg zur Lavra. Der Abend war kalt und unfreundlich. Nachdem wir 10 Werst oder etwas mehr zurückgelegt hatten, kamen wir vom Weg ab. In der Truppeneinheit gab es auch einige Polen, die ganz ordentlich russisch sprachen. Unterwegs nahmen wir einige Bauern und Wegführer mit, die wir durch Schmeicheleien und Drohungen zwingen wollten, uns den Weg zu zeigen, aber sie sagten alle ganz entschieden, daß sie keine Ahnung hätten, welcher Weg zur Troitza führt. Auf die Frage, ob es dort Truppen gäbe, antworteten sie, daß es dort eine Unmenge gäbe und daß alle Kosaken seien. Unsere Lage wurde von Stunde zu Stunde beschwerlicher: es wurde schon recht dunkel, die Örtlichkeit war uns völlig unbekannt und wir hätten leicht in die Hände der Feinde oder Partisanen fallen können, die sich auf allen Wegen um Moskau versteckt hatten; wir hielten es daher für vernünftig, nach Moskau zurückzukehren. Als Napoleon dies hörte, ärgerte er sich und nach einer Woche schickte mich Bortier wieder zur Dreifaltigkeits-Lavra; er verstärkte die Truppeneinheit und befahl zwei Kanonen mitzunehmen. Am nächsten Tag verließ ich früh morgens Moskau. Noch am Abend, als ich von dem Marschall kam, bemerkte ich, daß draußen dichter Nebel war. Gegen Morgen verstärkte sich dieser noch erheblich. Als wir Moskau verließen, war der Nebel so stark, daß wir einander auf zwei Schritte nicht sehen konnten, und je weiter wir fuhren, desto dichter wurde der Nebel. Nachdem wir etwa 15 Werst zurückgelegt hatten, hielten wir an und berieten, ob wir weiter gehen oder warten sollten, bis der Nebel sich zerstreut hat, oder nach Moskau zurückkehren sollten. Alle beschlossen einstimmig, daß es besser sei, zurückzukehren. Man muß noch dazu sagen, daß die Soldaten erfahrene und in Schlachten abgehärtete Leute waren, aber hier ergriff sie eine so panische Angst, daß alle sich vorstellten, die Feinde könnten sie in dieser Dunkelheit gefangennehmen. Der Nebel hielt den ganzen Tag an und am nächsten Morgen waren wir schon wieder in Moskau. Mit größtem Vergnügen meldete ich mich beim Marschall mit dem Bericht über die zweite erfolglose Kampagne auf die Lavra. Der Marschall begab sich zu Napoleon und fand ihn im Kreml-Palast am Fenster stehend: wegen des dichten Nebels konnte man vom Palast aus nicht einmal die nächsten Gebäude sehen. Nach Anhörung des Berichtes äußerte er sich sarkastisch über das russische Klima, und damit war die Sache beendet. Der Marschall gab mir die Bemerkung des Kaisers weiter und beruhigte mich. Dies sind also die zwei Vorfälle - so beschloß der Herzog seine Erzählung -, denen die Lavra ihre Rettung verdankt."

"Nein, Herzog, - bemerkte die Gräfin Z., - ganz gewiß konnten diese zwei Ereignisse nicht das bedeutende Kloster des hl. Sergius retten. Der Heilige selber verfolgte eure Unternehmungen und ließ euch nicht bis zu seiner Lavra vordringen, deren Beschützer er schon einmal gewesen war, wie aus der Geschichte ersichtlich ist. Erinnern Sie sich an die schwere Belagerung der Lavra zu Anfang des 17. Jh. und Sie werden feststellen, daß damals die Stärke des Feindes nicht so groß war wie die Ihrer Einheit: 30.000 Soldaten standen 16 Monate lang vor den Mauern der Lavra und konnten mit etwa 2.000 Leuten nicht fertig werden. Ist da nicht das wunderbare Wirken des Verteidigers der russischen Erde, des Heiligen Sergius, deutlich sichtbar?"

Und hier ist die Stimme des Glaubens und der tiefen Dankbarkeit gegenüber Gott und Seinem wohlgefälligen Heiligen, die Stimme eines Zeitgenossen dieses Ereignisses, nämlich des großen geistigen Lichtträgers und Starez, des Metropoliten Platon von Moskau, der in seinem Bericht an den Heiligen Synod folgendes schrieb: "Heiligster Regierender Synod! Die scharfe Klinge des blutigen Schwertes wurde über den unglückseligen Kindern der Hauptstadt, unserer Mutter, aufgezogen: unterdessen wurden die Lavra und Bethanien durch den Ratschluß der Vorsehung vor dem Unheil des Perun (Donnergott der Slaven) verschont. "Tausende fallen aus deinem Lande und Zehntausende werden zu deiner Rechten niedergeschmettert, aber dir naht sich kein Verderben!" Dies sind Orte, wo Friede und Stille ihre Wohnung errichtet haben. Dies sind die Reste der Weintrauben, welche hier die fürsorglichen Blicke des russischen Imperators entzückten. Oh seltenes Wunder! Von Moskau aus, wo das Feuer seine Kraft erschöpfte, ist keine größere Entfernung zur Lavra und zu Bethanien, als von einer Seite von Dimitrov und von der anderen bis Bogorodsk, wo das Schwert seine Wut austobte; in der Entfernung besteht überhaupt kein Unterschied oder nur ein ganz kleiner. Wunderbar ist Gott in Seinen Heiligen, wunderbar ist Er im hl. Sergius! 'Wäre es nicht um seinetwillen, so hätte Ich euch verdorben!' Daran glaube ich, davon bin ich überzeugt und dies bezeuge ich".
Möge dieser Glaube und dieses Bekenntnis des Metropoliten Platon auch uns als Lektion der Gottesfurcht dienen, damit wir im Gedenken an die Tage der Vergangenheit und an das damals waltende Erbarmen Gottes unsere Sünden bereuen, Gott danken und die Gebete der Heiligen zu unserem Schutz und unserer Verteidigung herabflehen mögen.
Mitgeteilt von A.T. in der Zeitschrift Troickoe Slovo, Nr.1, 7. Febr.1910