Archimandrit Leonid Kavelin

Die letzten russisch-orthodoxen Einsiedler, 1745-1820



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:
Bote 1993, 3

Starez Hieromonachos Adrian
und seine Schüler Varnava, Vasilisk,
Zosima und andere
1746-1775.

“Jetzt will ich von mir berichten, seinem Schüler, dem unwürdigen Zosima. Als ich noch im weltlichen Stand war und unseren gemeinsamen geistlichen Vater, den Einsiedlermönch Adrian zu besuchen pflegte (der später als Schemamönch im Simonov-Kloster wohnte), wurde dort unter den Brüdern viel von einem Starez Vasilisk gesprochen, daß dies ein gottgefälliger Starez sei, der sich mehr als alle anderen auf dem Wege des Heils abmühte, und daß er wegen seiner Sanftmut und seines Edelmuts von allen hoch geachtet werde. Mir rieten sie, falls ich ein Leben in der Einsamkeit führen wolle, mich niemand anderem als nur ihm anzuschließen. ‘Ausgezeichnet wäre es für dich - so sprachen sie - wenn er geruhte, dich bei sich aufzunehmen, oder dir zumindest gestatten würde, in seiner Nähe zu wohnen, unter seiner Führung und Aufsicht.’ Aber manche seien auch verzweifelt, denn viele hätten ihn bereits um diese Gunst ersucht, und er hätte ihrer Bitte nicht entsprochen und würde überhaupt niemand bei sich aufnehmen. Nachdem ich so viel Gutes über ihn gehört hatte, entbrannte ich noch mehr vor Eifer und Liebe zu ihm und entschied unverzüglich in meinem Herzen, mit niemand anderem als mit ihm zu leben.
Einmal, als ich bei ihm war, eröffnete er mir, daß sein Paß abgelaufen sei. Freudig versprach ich, ihm einen neuen zu besorgen; und so machte ich mich eigens seinetwegen im Frühjahr, im Schlammwetter auf den Weg; eine große Strecke mußte ich zu Fuß zurücklegen, denn wegen der Ungangbarkeit der Wege konnte man nicht die ganze Strecke reiten. Schließlich kehrte ich mit dem neuen Paß krank zu ihm zurück. Als er sah, daß ich von dieser beschwerlichen Reise erkrankt war, geruhte er mich, ob meiner treuherzigen Zuneigung zu ihm, bei sich aufzunehmen, nur riet er, ich solle mich zuerst etwas im Klosterleben versuchen und daran gewöhnen und erst dann zu ihm kommen.
Als er nach Ablauf eines weiteren Jahres niemand hatte, der ihm einen neuen Paß hätte besorgen können, begab er sich selber in sein Heimatdorf. Als er zu seinen Brüdern kam, wollte er vermeiden, daß die Leute etwas von seiner Anwesenheit erfahren. Daher zeigte er sich keinem, lebte bei einem Bruder in einer unbewohnten Zelle und ging überhaupt nicht aus; er wartete geduldig, bis sein Bruder etwas unternehmen würde, um ihm den Paß in einen ständigen umzuschreiben; doch hatte er kaum Hoffnung, einen solchen je zu bekommen, so sehr achtete er sich für niedrig, nichtswürdig und nichtswissend. Er war auch nicht keck genug, um irgendeine einflußreiche Person zu bitten, ihm eine lebenslange Freizügigkeit zu erwirken.
Einige Zeit danach verschwand der Sohn des städtischen Kaufmanns spurlos; auf Bitte des Kaufmanns befahl der Polizeimeister, alle Häuser zu durchsuchen, ob er sich nicht irgendwo verberge. Die Fahnder durchsuchten auch das Haus des Kozma, des Bruders des Starzen, und als sie meinen Starez Vasilisk fanden, der dort in einem getrennten Zimmerchen saß, dachten sie, daß dies der Sohn des Kaufmanns sei oder sonst irgendein Entlaufener; sie nahmen ihn in Polizeigewahrsam; als er ihnen erzählte, daß er selber aus den bäuerlichen Kreisen dieser Stadt Kaljazin stammt, wollten sie keinem seiner Worte glauben und sandten ihn ins Landständegericht zum Kreisrichter, und dort legten sie ihn wie einem Ausreißer in Fesseln. Obwohl der Starez körperlich bereits siech war, dankte er doch in seinem Herzen Gott, daß er ihm dieses Joch auferlegt hatte. Als sie ihn ins Gericht vor den Kreisrichter brachten, glaubte dieser den Worten des Starez nicht und befahl, ihn mit Ruten auszupeitschen. Da begann der Starez, flehentlich zu rufen; er bat jedoch nicht den Kreisrichter um Gnade, sondern rief Gott den Herrn mit herzzerreißenden Worten an, so daß alle um ihn Stehenden zu Mitleid gerührt wurden. Als der Kreisrichter merkte, daß der Starez unschuldigerweise gedemütigt wurde, rief er unverzüglich den Amtmann und den Dorfältesten und sprach zu ihnen: “Warum hält man solch einen Menschen, der nur Gott dienen will, fest und gibt ihm nicht die Befreiung aus der Dorfgemeinschaft?” Und er befahl, ihm unverzüglich die dauernde Freizügigkeit zu bescheinigen und sprach: “Wenn seine Sippe es nicht übernimmt, die Abgaben für ihn zu entrichten, dann werde ich es für ihn tun”. Dann gaben sie ihm den Freistellungsbescheid, den der Kreisrichter selbst bescheinigte; außerdem gab er ihm Wegzehrung mit, bat ihn um Verzeihung, daß er ihn unwissentlicherweise derartig gezüchtigt hatte und trug ihm auf, für ihn zu Gott zu beten. Ebenso dankte Starez Vasilisk dem Kreisrichter aus ganzem Herzen für die ihm erwiesene Wohltat und versprach, für ihn zu beten. Nachdem der Starez also die Entlassung aus der Dorfgemeinschaft bekommen hatte, blieb er nicht mehr lange bei seinen Brüdern, denn die vielen Besucher fielen ihm zur Last und kehrte eilends in seine Waldeseinsamkeit zurück, indem er Gott lobte und pries; er war zutiefst erstaunt über Seine Vorsehung, die Leid so schnell in Freude verwandelt hatte. Als er seine Einsiedelei wieder gewonnen hatte, setzte er dort sein friedvolles Leben fort: Er beschäftigte sich nur wenig mit Handarbeit und verbrachte sonst die meiste Zeit mit dem Studium der heiligen Bücher, indem er daraus Stellen herausschrieb, die seinem Herzen besonders zusprachen. Seine Gebetsrezitationen nahmen kein Ende: Außer den Kanons und den Verbeugungen las er an die zehn Kathismen, aber er hudelte dabei keineswegs, so daß ihm im Laufe von 24 Stunden kaum 3 Stunden für sein Handwerk übrigblieben. Er sprach zu sich selbst: “Jetzt gibt es keine Entschuldigung für dich, wenn du nicht zu Gott betest, denn die Freiheit wurde dir nicht für die Arbeit, sondern fürs Gebet geschenkt”. Dafür liebte ihn auch der Gutsherr, auf dessen Waldbesitz er lebte, und alle, die ihn sonst kannten; er selbst entfernte sich niemals aus seiner Einsiedelei, um nichts bat er und übte sich stets in Geduld, seine Hoffnung allein auf den Herrn setzend.
Damals begab ich mich mit seinem Segen in das Kloster Konevetz der Sankt Petersburger Eparchie, und dort trat ich in den Gehorsamsdienst unseres bereits erwähnten geistlichen Vaters Adrian, des ehemaligen Eremiten, der bald von dem Metropoliten Gabriel zum Superior dieses Klosters beordert wurde. Vater Adrian gewann mich bald sehr lieb wegen meines ungeschmeichelten Gehorsams ihm gegenüber. Aber dennoch verlangte es mich immer mehr nach einem Leben in völliger Abgeschiedenheit, insbesondere zusammen mit dem Starez Vasilisk: oftmals bat ich Vater Adrian, er möge mich doch zu ihm ziehen lassen. Aber dieser überredete mich stets, auszuharren und versprach, wir würden bald zu einer Spendensammlung dorthin aufbrechen, um Mittel für unseren Unterhalt zu sammeln, dann würden wir Starenz Vasilisk mit uns hierher bringen, und ich könnte dann mit ihm zusammen hier in der Nähe wohnen.
So begaben wir uns nach etwa einem Jahr in jene Gegend und besuchten alle dortigen Einsiedler. Als wir bei Starez Vasilisk ankamen, drängte ihn Vater Adrian, doch zu uns ins Konevetz Kloster überzusiedeln, und malte ihm aus, daß er dort ein sorgloseres Leben führen könne, als hier in der Einöde, wo er allerlei Versuchungen und Entbehrungen ausgesetzt sei, und außerdem sei es Gott gefälliger, wenn er in der Nähe seines geistlichen Vaters wohnen würde. Er versprach ihm, falls er dies wünsche, in einiger Entfernung vom Kloster in der Einsamkeit des Waldes für uns beide Zellen zu bauen; er würde mich ihm übergeben, daß ich für immer bei ihm in der Einsiedelei bliebe, und alles zum Leben Notwendige würden wir vom Kloster bekommen; nur an Festtagen würden wir auf unseren Wunsch hin zur Nachtwache ins Kloster kommen und nach Beendigung der Liturgie gleich wieder in unsere Abgeschiedenheit zurückkehren; wenn wir ins Kloster kämen, hätten wir so Gelegenheit, die Unterweisungen geistlich gelehrter Starzen zu hören. Und mit vielen ähnlichen Versprechungen suchte er Vasilisk zu überreden, doch dieser wollte einfach nicht zustimmen und meinte, er sei hier vollkommen versorgt, mit allem zufrieden und hätte, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe, Einsiedler-Nachbarn, die ihn sehr liebten und bereit seien, ihm in allem beizustehen; besonders deshalb wolle er seinen Einsiedlerort nicht verlassen, weil ihn hier niemand hindere oder belästige und er hier keine direkten Nachbarn hätte. Als Vater Adrian seine Unnachgiebigkeit sah, sprach er zu ihm: wenn du mir nicht gehorchst, dann wirst du fortan nicht mehr mein geistlicher Sohn sein, ich nehme dich nicht mehr geistig auf mich, und deine Sünden werden gebunden durch mich, weil du deinem geistlichen Vater ungehorsam warst (er hatte ihn selber in die Mantija eingekleidet). Da brach Starez Vasilisk in Tränen aus und versprach schließlich, mit ihm zu kommen. Wir freuten uns alle, als wir seine Zusage hörten, aber da Vater Adrian noch einige Wohltäter aufsuchen wollte, verließen wir vorerst Vasilisk, damit er Vorbereitungen zur Abreise treffen könne. Als er meine aufrichtige Zuneigung zu ihm und Bereitschaft, in seiner Nähe zu wohnen, sah, stimmte der Starez willig zu, daß ich mich unter seiner Obhut im Einsiedlerleben üben sollte und er zeigte sich erfreut über diese meine Gewogenheit für ihn. Später gestand er mir selbst, daß er oftmals zu Gott gebetet hatte, ihm einen gleichgesinnten Bruder zur Gesellschaft zu senden, denn viel Kummer und Unangenehmes, allerlei Versuchungen hätte er erduldet und viel Unerwartetes sei ihm begegnet, als er so alleine hauste; so wußte er aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein gleichgesinnter geistiger Bruder ist, mit dem man sich über alles, was einem widerfährt, beraten kann, mit dem man Zeiten unerträglicher Langweile teilen und zweifelhafte Gedanken erörtern kann. Als der Starez also sah, wie sehr ich ihm zutan war, da wollte er mir keine Absage erteilen, denn er dachte, daß ich vielleicht durch die göttliche Vorsehung zu seinem Gefährten bestimmt war.
Und so begab ich mich zu ihm, um ihn abzuholen, gemäß seiner Zusage, daß er zu uns ziehen würde. Zu dieser Zeit war der Gutsherr, in dessen Besitztum der Starez sich aufhielt, gerade abwesend; und das war für uns ein klares Zeichen, daß unser Vorhaben gottgefällig war, und wir uns beeilen sollten mit der Abreise, denn der Gutsbesitzer hätte niemals zugestimmt, den Starez ziehen zu lassen und sich von ihm zu trennen. Er selbst hatte gedroht, er würde den Starez in seine Gemächer zu sich holen, und zwar so lange bis ich abgereist wäre. So sehr liebte er den Starez, daß er, als er bei seiner Rückkehr hörte, daß der Starez weggezogen war, entsetzlich betrübt war seinetwegen und viel weinte und trauerte, daß er solch eines edlen Mannes beraubt worden war. Aber nicht nur der ihm Unterhalt gewährende Gutsherr grämte sich seinetwegen, sondern alle benachbarten Bojaren beklagten seinen Weggang. Was für eine Verabschiedung wurde ihm nicht zuteil von all den Eremiten, die nicht nur schluchzten ob seines Wegganges, sondern sogar untröstlich weinten, so daß jeder, der es hörte, zu Mitleid gerührt wurde; während der ganzen Zeit seiner Abreisevorbereitungen machten alle Mönche und der Starez selber, der nun sah, wie ungeheuer sie ihn liebten, ein betrübtes Gesicht und gingen mit hängendem Kopf einher, als ob sie alle ein großes, unvermeidliches Unglück ereilte - so großen Kummer bereitete ihnen die Trennung von ihm! Als sie ihn zum letztenmal küßten und ihm das Abschiedsgeleit geben wollten, da hielten es manche nicht aus und brachen in lautes Weinen aus, so daß ihr Schluchzen sich über die ganze Eremitensiedlung ausbreitete: es war, also ob der Ort selbst seine Verwaisung beweinte, und die im Winde sich wiegenden Bäume verneigten sich gleichsam vor ihm, und das Säuseln der Bäume im Winde glich einem Stöhnen: Alles kam einem so entsetzlich traurig vor. Die ihn begleitetenden Brüder riefen: “Ach, nun werden wir unseren geistlichen Freund nicht mehr sehen! An wen sollen wir uns ohne ihn wenden, wem sollen wir unsere Geheimnisse anvertrauen; wer wird uns fortan guten Rat erteilen? Es ist uns klar, daß wir deiner Gesellschaft nicht würdig sind!” Diese und ähnliche Worte richteten sie an ihn, indem sie unwillkürlich Tränen vergossen; sie baten, daß er wenigstens ihrer Liebe gedenken und sie in seinen Gebeten nicht vergessen möge. Und so konnten sie sich kaum von ihm trennen, nachdem sie ihn noch ein großes Wegstück begleitet hatten. Wir hatten uns schon aus ihrer Sicht entfernt, als wir immer noch ihr Weinen und Klagen in der Ferne vernahmen.
Aber so wie dort, an seinem früheren Wohnort die zurückgebliebenden Brüder ihn weinend und voller Traurigkeit begleiteten, wurde er bei unserer Ankunft bei Vater Adrian von allen Mitbrüdern mit unaussprechlicher Freude begrüßt. Und ich freute mich am allermeisten, daß ich so einen gottesfürchtigen Vater bekam, den ich von Herzen liebte, und der mir ebensolche Liebe entgegenbrachte; er vertraute mir wahrhaftig an, daß er seinen einsamen Wohnort und seine Mitbrüder, die ihn so sehr liebten und so sehr über die Trennung von ihm trauerten, nicht verlassen hätte, wäre ich nicht gewesen. Es hätte sonst keinen vernünftigen Grund gegeben, ein so friedvolles Leben vollkommener Schweigsamkeit aufzugeben, und nur meine Zuneigung zu ihm hätte ihn dazu bewogen. Von jenem Augenblick an ließ ich jeden Zweifel fahren und nahm mir in meinem Herzen vor, bis zum Tode bei ihm zu bleiben und in seinen Gehorsamdienst zu treten: dafür daß er mir so wohl gesonnen war und es ihm zu leid getan hätte, mich ob meiner Jugend im Stiche zu lassen und mich der Gefahr auszusetzen, daß ich von irgendeinem nicht in Gott wandelnden Bruder vom rechten Weg abgebracht werden könnte; denn damals, als Vater Adrian ihm ins Gewissen redete, sagte er ihm auch, daß er für meine Seele Rede stehen müsse, wenn er mich nicht in seine Obhut nehme. Von jener Zeit an wurde ich zu seinem ständigen, unzertrennlichen Begleiter und betrachtete mich als seinen Schüler, obwohl er mich nicht offiziell als Schüler oder geistlichen Sohn annahm, denn aus seiner großen Demut heraus pflegte er zu sagen: “Auch noch andere retten und unterweisen, das ist zu viel für mich Unwissenden”. Doch ich selbst sah, wie alle Brüder mit Liebe an ihm hingen, und ich achtete ihn immer als einen mir von Gott geschenkten Vater, ich ehrte ihn wie einen guten Lehrer, liebte ihn wie einen geistlichen Freund, erwies ihm Ehrfurcht wie einem wahren Mönch, und horchte stets auf seine Ratschläge und Wünsche; er war so ruhig, umgängig und gutherzig, daß er unwillkürlich meine Seele an sich zog; derart dürstete ich immer nach seiner Gegenwart, daß ich mich nie genug an ihr sättigen konnte, wie mein Herz es begehrte; dieses Verlangen war so grenzenlos, daß es mir kaum stillbar vorkam, obwohl ich doch Tag und Nacht bei ihm war. Alle Worte und Taten des Starez waren für mich süß und willkommen. Niemals sah ich ihn von Zorn entbrannt. Und wenn es notwendig war, Mißfallen oder Ärger zu bekunden, so tat er dies gänzlich ohne innere Erregung. Speise nahm er völlig leidenschaftslos zu sich, zumeist einfache, getrocknete oder hart gewordene; meistens waren es irgendwelche wildgewachsenen Kräuter, Früchte und Beeren des Waldes, wie sie ihm eben in den Weg kamen. Wenn ihm irgendwo süße Speise angeboten wurde, so nahm er nur wenig davon, und auch das nur, wenn es unumgänglich war, etwa anläßlich eines Festes, wenn er von Mitessenden dazu aufgefordert wurde oder zur Genugtuung des Gastgebers. Mit einem Wort, er hielt nur etwas von spärlichem, nicht kostbaren und leicht zu gewinnenden Essen. In all den 40 Jahren, die ich bei ihm war, wollte er keine Kopeke bei sich haben, um so mehr weigerte er sich, Silberlinge zu erwerben und aufzusparen. Nichts von dem, was er bei sich hatte, war ihm zu schade für Bittende. Jedem Menschen, besonders jedem Rechtgläubigen begegnete er mit aufrichtiger Liebe, allen bemühte er sich, gefällig zu sein. Und für einen heilbringenden Zweck, um Gott zu gefallen, war er bereit für jeden alles herzugeben; von denjenigen jedoch, die gegen das Mönchstum waren, nahm er Abstand, und von jenen, die nicht in Einmütigkeit standen mit unserer heiligen Ostkirche, kehrte er sich ab. Jede Nacht - so sah ich es - stand er auf und betete insgeheim für sich alleine. Niemals sah ich ihn müßig dasitzen: entweder war er mit einer Handarbeit beschäftigt oder las er ein Buch oder führte er geistliche Gespräche. Kam es vor, daß er aus Unvorsichtigkeit irgendeinem Bruder zum Ärgernis geworden war, so setzte er alles daran, um sich mit dem Bruder zu versöhnen, und stets kam er ihm mit der Bitte um Verzeihung zuvor. Er kam allen so sehr entgegen, daß er, obwohl er zuweilen selber an großer Schwäche litt, sich dennoch gewaltsam gesund stellte und so tat, als sei er erfreut über den Besucher und sich so lange mit ihm abgab, bis dieser von selber wegging. Als ich ein solches Verhalten bei ihm wahrnahm, war sich höchst erfreut und erachtete es als ein großes Glück, daß ich mit ihm begegnet war.
Nach unserer Ankunft im Kloster Konevetz segnete uns Vater Adrian zu unserem Vorhaben, und wir lebten daraufhin zehn Jahre lang in der Einsamkeit, etwa 3 Werst vom Kloster entfernt, wie darüber in einem in Sankt Petersburg gedruckten Büchlein namens “Historischer Abriß des Konevetz Klosters” berichtet wird. Als Vater Adrian die Vorsteherschaft niederlegte (im Jahre 1800), hatte er vor, sich nach Moskau zu begeben, um dort seinem Gelübde gemäß im Simonov-Kloster das große Schema anzulegen; bei seiner Abfahrt aus dem Kloster Konevetz segnete uns Vater Adrian und riet uns, unser Einsiedlerleben in Sibirien fortzusetzen, was wir denn auch taten.”
Nach einem langen Leben der Askese entschlief Starez Vasilisk in Sibirien im Alter von 80 Jahren. Im Jungfrauenkloster des Hl. Nikolaus in der Stadt Turinsk, Gouvernement Tobolsk, das von eben diesem Zosima gegründet worden war, wurde er in der Nähe des Altars begraben. Der Tod ereilte ihn um 5 Uhr morgens am 29. Dezember 1824.
Nach dem Tod Vasilisks hatte Starez Zosima viele Verfolgungen zu erdulden, worauf er zusammen mit seinen Schülern nach Moskau übersiedelte; in der Umgebung Moskaus gründete er daraufhin 1826 im Landkreis von Vereisk die Gemeinschaft der Hodigitria, wo er am 21. Oktober 1833 in vorgerücktem Alter starb und in der Kirche eben dieses Klosters begraben wurde. Nach Motiven von Erzählungen aus dem Leben seines Lehrmeisters, des Starez Vasilisk, hinterließ Starez Zosima, der ein schriftstellerisches Talent besaß, seinen Schülern ein anonymes Manuskript “Aufrichtige Erzählungen eines Pilgers seinem geistlichen Vater”. Von letzteren wurde es später in die Optina Einsiedelei gebracht und gelangte in der Folge zu großer Berühmtheit.