Die Starzen der Optina Pustyn’

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

Bote 1990, 4

Vater Moisej, der nach seinen eigenen Worten von dem Wohlwollen des Hierarchen, von der Gunst des Igumen Daniil der Optina Pustyn', und von der Aufmerksamkeit eines ihrer Starzen, Vater Bassians, angezogen war, konnte, wenn er auch im Herzen der Ausführung ihres gemeinsamen Vorhabens zustimmte, sich dennoch nicht gänzlich, ohne Beratschlagung mit seinen eigenen Starzen und den mit ihm lebenden Brüdern, dazu entschließen.
So fuhr Vater Moisej mit einem Brief von Bischof Filaret in der Hand zu den Einsiedlern von Roslavl, worin sie eingeladen wurden, sich unter seine Fittiche zu begeben und in die Diözese von Kaluga überzusiedeln. Er berichtete seinen Mitbrüdern in der Askese von seinen Eindrücken. Nachdem die Einsiedler ihn angehört hatten, stimmten sie freudig ein, diesem Ruf zu folgen, zumal sie in ihm einen Ruf Gottes sahen, denn durch die Zulassung des Herrn wurde ihre friedliche Schweigsamkeit allmählich durch die Ansprüche der umgebenden Zemstvobehörden (Landverwaltung) untergraben. Mit Vater Moisej gelangten auch sein Bruder Vater Antonij und zwei weitere Mönche, Ilarion und Savvatij, in die Optina Pustyn'.
Am 6. Juni 1821 kamen sie in der Optina Pustyn' an und wurden vorerst im Bienengarten des Klosters einquartiert. Nach einem geistlichen Gespräch über die Regeln für das Skit-Leben im Geiste der heiligen Wüsteneremiten wurden die Einsiedler von dem Hochgeweihten Hierarchen persönlich unterwiesen und sie empfingen seinen Segen zur eigenen Auswahl eines geeigneten Ortes im Wald in der Nähe der Optina Pustyn'. Nach gegenseitiger Beratschlagung wählten sie einen Ort, den schon früher der selige Starez Ioannikij für das hesychastische Leben erkoren hatte und der mitten im Wald auf der Ostseite der Klosterbesitzungen, 170 Saœen vom Kloster entfernt, in der Nähe des Bienengartens lag.
Dann arbeitete Vater Moisej zusammen mit dem Igumen Daniil einen Plan zum Bau eines Skits aus, welchen sie dem hochgeweihten Filaret unterbreiteten, der ihn sofort mit folgender Resolution billigte: "Den 17. Juni des Jahres 1821: Gott der Herr möge den Bau eines Skits nach dem vorliegenden Entwurf segnen und Seine Gnade möge helfen, ihn fertigzustellen". Dabei wies der hochgeweihte Filaret in einem Brief den Igumen Daniil an: "Bis zur entscheidenden Niederlegung einer vollständigen Regel für die Bewohner des Skits möge jetzt schon folgendes gelten: 1. den Brüdern ist der Eintritt zum Skit ohne Ihre Erlaubnis und außerhalb der festgesetzten Zeiten zu verbieten, 2. dem weiblichen Geschlecht ist der Zugang dorthin vollständig zu verwehren, 3. andere weltliche Leute sind nur mit der Zustimmung ihres Starez zuzulassen, 4. überall, wo es möglich ist, beim Aufbau des Skits ohne Belastung für das Kloster zu helfen, ist diese Hilfe nicht zu verweigern, 5. verbieten Sie streng irgendwelche Bäume in der Umgebung dieses Skits zu fällen, damit es für immer verborgen bleibe... genug im Augenblick - in bezug auf das, was sich sonst noch als notwendig erweisen wird, darin vertraue ich auf Ihr mir bekanntes, gesundes Urteil und Bemühen".
Mit dem bischöflichen Segen , und unter Anrufung des Namens des Herrn ging nun Vater Moisej mit seiner Bruderschaft und dem Schemamönch Bassian ans Werk. Die Hauptarbeit bestand darin, den ausgewählten Ort von den jahrhundertealten Fichtenbäumen zu roden. Mit großem Eifer machten sich die Mönche an diese Arbeit und halfen eigenhändig den wenigen Lohnarbeitern.
Die Skitbewohner bauten sich vorerst mit dem an Ort und Stelle gefällten Holz eine Zelle, die nicht besonders groß war, in süd-östlicher Richtung, worin sie alle fünf auf Gemeinschaftsbasis lebten. Den gerodeten Ort umgaben sie mit einem Bretterzaun und dann machten sich mit dem Segen des Höchstgeweihten an den Bau einer Skit-Kirche im Namen der Synaxis des hl. Johannes des Vorläufers des Herrn.
Am 16. August 1821 begab sich Igumen Daniil nach der frühen Liturgie an den für die Grundsteinlegung vorbestimmten Ort und einige Verbeugungen gen Osten machend, sprach er: "Möge auf diesem Ort der Segen der Heiligen der Jordan-Wüste und aller ihrer Schweigemönche ruhen!" Am 18. August wurde vom Kloster zum Skit eine kleine Prozession ohne Läuten durchgeführt. Nach dem Singen eines Moleben (Bittgottesdienst) mit Wasserweihe wurde in dem Skit der Grundstein der Kirche im Namen des großen und ruhmreichen Propheten, Vorläufers und Täufers Christi, Johannes, des Beschützers aller in der Wildnis Lebenden, gelegt. In das Fundament der Kirche wurde ein Teil der Reliquien dieses Heiligen eingebettet. Die Einweihung der neu erbauten Kirche wurde am 5. Februar 1822 in feierlicher Weise mit einer Prozession vom Kloster aus vollzogen.
Am 3. Juni 1822 kleidete der Hierarch mit der Erlaubnis des Heiligsten Regierenden Synods Vater Moisej als Mönch ein. Am 24. Dezember desselben Jahres weihte er ihn zum Hierodiakon und am 25. Dezember zum Priestermönch, wobei er ihn gleichzeitig zum allgemeinen Geistlichen Vater der Optina Pustyn' bestimmte.
Nach und nach entstanden an den Seiten der Kirche eine Reihe von Häuschen für die Zellen der Brüder. Fruchtbäume wurden gesetzt und Pinien (Zedernußbäume), welche zu mächtigen Bäumen heranwuchsen und erst nach 25 Jahren Frucht trugen. Es wurden auch eine Menge Beerensträucher gepflanzt; auf der Ostseite des Skits wurden an einem kleinen Bach zwei Weiher angestaut.
Auf diese Weise wurde das Skit gegründet. Es sollte zum Herzen der Optina Pustyn' werden, zu einem Ort, wo der Puls ihres Lebens schlug und von dem eine gnadenreiche, das Leben der Klosterbewohner erleuchtende Kraft ausging.
Die Skit-Regel hatte dem inneren Gehalt nach zum Ziel: bei einmütigem Zusammenwohnen tiefste Schweigsamkeit, welche unumgänglich ist für die Reinigung des inneren Menschen und außerdem mit der aufmerksamen Beobachtung seiner selbst und ständigem Gebet einhergehen muß, das inneren Frieden schafft und die menschliche Seele durch die Gnade Gottes über die sichtbare Welt hinausführt, gemäß der Lehre und der Erfahrung der Heiligen Väter, die in der christlichen Kirche verherrlicht werden. In äußerer Hinsicht orientierten sich die Brüder an den Regeln der Satzung des Klosters von Konevez, die in der Optina Pustyn' durch eine Urkunde des Hochgeweihten Filaret 1824 eingeführt wurde. An allen Tagen, an denen es keinen kirchlichen Gottesdienst gibt, wird, angefangen vom Sonntagabend, in der Skit-Kirche der Psalter gelesen mit der Kommemoration: erstens des Wohlergehens und der Errettung der Lebenden und der ewigen Ruhe der verstorbenen Brüder des Skits, und zweitens der Gesundheit und Errettung der Lebenden und die Ruhe in ewiger Seligkeit der verschiedenen Seelen der frommen Stifter und Wohltäter des Klosters und des Skits, ihrer Eltern und Verwandten. Diese Lesung wird von den Skit-Brüdern, die sich alle zwei Stunden abwechseln, Tag und Nacht durchgeführt, ununterbrochen bis Samstag, d.h. bis zum Freitagabend, wenn die Lesung abgebrochen wird und die Vesper beginnt. Dann folgt zur angemessenen Zeit der Morgengottesdienst, und nach dem Beginn der Frühliturgie im Kloster wird auch hier die Liturgie zelebriert. Am Samstagabend werden die kleine Vesper und die Vigil zu ihrer Zeit zelebriert, am Sonntag die Liturgie. An den übrigen Tagen absolvieren die Brüder des Skits außer der Lesung des Psalters in der Kirche jeder einzeln für sich die Gebetsregel in den Zellen, oder auch zwei oder drei zusammen gemäß der Überlieferung der hl. Kirche und der vom Abt oder Geistlichen Vater gegebenen Anweisung. Was das Essen anbelangt, so gab es das ganze Jahr über Fastenspeise außer an Weihnachten, Ostern und jenen Wochen, für welche die hl. Kirche auch den im Mönchsstand Lebenden an allen Tagen Milch, Käse und Eier gestattet. Der Genuß von Wein, wird wie im Kloster, um so mehr noch im Skit im allgemein nicht gesegnet. Jeder der in dem Skit Lebenden überprüft seine Fortschritte, indem er all seine Gedanken seinem Starez aufdeckt oder sein Gewissen durch alltägliche Beichte auch der subtilsten Gedanken und geistlichen Zerstreuungen reinigt.
Im Jahr 1825 trat im Leben der Optina Pustyn' eine Veränderung ein. Am 28. Januar wurde Bischof Filaret auf den Bischofssitz von Rjazan' erhoben. Der Abt der Optina Pustyn' Igumen Daniil wurde zum Archimandrit befördert und in ein anderes Kloster (Dobrinsk) beordert, die Optina Pustyn' und ihr Skit jedoch wurden Vater Moisej zur Leitung anvertraut. Diese Ernennung stärkte den geistigen Zusammenhalt der Bruderschaft, sowohl des Skits als auch des Klosters, die nunmehr eine richtige geistige Familie darstellte.
Auf die Ernennung von Vater Moisej zum Abt der Optina Pustyn' hin wurde sein Bruder Vater Antonij zum Skit-Vorsteher bestimmt. Indem er dieses Amt versah, half er auch eifrig Vater Moisej. Vater Antonij war 14 Jahre lang Abt des Skits, und diese Jahre wurden für das Optina Skit sowohl in äußerer als auch in spiritueller Hinsicht eine Zeit des Aufbaus und der allgemeinen Basislegung, der eigentliche Anfang seiner Blütezeit.
Fast 40 Jahre lang war Vater Moisej Abt der Optina Pustyn'. Als er Optina unter seine Obhut nahm, bestand die Bruderschaft nur aus 40 Leuten. Während er sich um die äußere Wohlbeschaffenheit der Optina Pustyn' kümmerte, bemühte sich Vater Moisej nicht weniger um die geistige Vervollkommnung der Brüder, um die Einführung der Prinzipien des frühchristlichen Asketentums in das Leben der Brüder. Die 10 Jahre, die Vater Moisej unter den Asketen der Roslavler Wälder verbracht hatte und in denen er sich nach der Art der alten ägyptischen Wüstenväter in der Askese geübt hatte, dienten ihm als Vorbereitung zur spirituellen Vollkommenheit. Er war sowohl ein echter Mönch als auch ein erfahrener Verwalter und Erbauer. Als ein strenger Asket und Mensch seltener Güte und Nachsicht war er der erste in der Kirche und der erste bei der Arbeit; niemals tat er sich durch irgend etwas unter den älteren Brüdern hervor, aber ohne sein Wissen ereignete sich auch nichts im Kloster.
Angezogen vom Ruhm des weisen und sanften Abtes des Optina Klosters strömten in das neu erbaute der Schweigsamkeit geweihte Skit von verschiedenen Seiten her Starzen herbei, die weise im geistlichen Leben und stark in der Askese waren. 1829 kam aus dem Alexander-Svirskij-Kloster der bekannte Starez Vater Leonid mit fünf Schülern, und 1834 rief Vater Moisej den in der Plo‚çanskaja Pustyn' wohnenden Vater Makarij nach Optina. Mit Hilfe dieser Starzen bemühten sich die Brüder und die Vorsteherschaft von Kloster und Skit als erfahrene geistliche Männer, in der Optina Pustyn' den monastischen Geist der alten Väter einzuführen und auf diese Weise festigten sie die innere Grundlage des monastischen Geistes sowohl im Skit als auch im Kloster der Optina Pustyn'. So war es das Skit, der Wohnort der heiligen Starzen, das den historischen Ruhm der Optina Pustyn' schuf.
Nach mehrmaligen Versuchen gelang es Vater Moisej, die Zahl der Brüder zu vergrößern. 1857 waren schon 104 Mönche im Kloster, denn im Laufe der Zeit wurde der Optina Pustyn' gestattet, so viele Mönche aufzunehmen, wie sie nur Kapazität hatte.
Unter Vater Moisej wurden zwei Nebenkirchen an die Kirche des Einzuges der Mutter Gottes in den Tempel angebaut, das alte Refektorium wurde in eine Kirche im Namen der ehrwürdigen Maria von Ägypten umgebaut, es wurden neue Wohngebäude für die Brüder errichtet, das ganze Kloster wurde mit einer Steinmauer mit 7 Türmen umgeben; weiterhin wurde ein neuer Speisesaal, eine Bibliothek, ein Gebäudeblock für die Gästehäuser, ein Vieh- und ein Pferdestall, Dach- und Mauerziegeleien errichtet und das Skit wurde vollständig ausgebaut. Auf dem Land, das dem Kloster von allerhöchst vollständig im Jahr 1853 gegeben wurde, wurde eine Ferme für die Einbringung von Heu und den Fischfang gebaut. Es wurde schönes, gehörntes Vieh eingeführt. Die bestehenden Gemüsegärten wurden verbessert und neue wurden angelegt, die unentbehrlich wurden für die sich ständig vergrößernde Zahl der Brüder und Pilger. Um das Kloster herum und auf dem Gehöft wurden Obstgärten angelegt.
Im Todesjahr von Vater Moisej hatte das Kloster einen umfangreichen Grundbesitz von Acker, Weide und Wald. Im Laufe seiner Verwaltungszeit stieg die Anzahl der Brüder auf das vierfache.
Das ganze Leben von Archimandrit Moisej kann man folgendermaßen umschreiben: Er lebte verborgen in Gott. Unter ständigen äußeren Sorgen und Belastungen war in ihm "der verborgene Mensch des Herzens in dem unvergänglichen Wesen des sanftmütigen und stillen Geistes" (1. Petr. 3,4). Auf ihn trafen die Worte von Bischof Niphont zu: "In den letzten Zeiten werden jene, die in Wahrheit Gott dienen wollen, sich erfolgreich vor den Menschen verbergen und keine Zeichen und Wunder unter ihnen wirken wie in der gegenwärtigen Zeit, sie werden vielmehr den Weg des Handelns, durchsetzt mit Demut beschreiten, und im Königreich des Himmels werden sie größer sein, als die Väter, welche durch Zeichen und Wunder glänzten."
Am 15. Januar 1862 wurde Vater Moisej 80 Jahre alt, und im selben Jahr erkrankte er. Die erste schwere Krankheit seines Lebens war auch seine letzte. Mit den heiligen Mysterien ausgerüstet und ins große Schema eingekleidet, verschied Vater Moisej friedlich am 16. Juni 1862.
Groß war die äußere Mühewaltung von Vater Moisej, aber nicht durch sie verherrlichte er die Optina Pustyn', sondern sein Hauptverdienst besteht darin, daß er in dem ihm anvertrauten Kloster das Starzentum einführte. Da er aus seiner eigenen Erfahrung wußte, wie unerläßlich es für einen Mönch ist, sich unter der Führung eines Starzen zu befinden, lud er im Jahre 1829 den Priestermönch Leonid ein, ins Kloster überzusiedeln. Dieser hatte durch Befolgung der Lehre von Sche-ma-Archimandrit Paisij Veliçkovskij, großen Fortschritt im geistlichen Leben erlangt. Und wenn die Eparchie-Obrigkeit das Wesen des Starzentums auch nicht verstand und Starez Leonid verfolgte, so begriff doch Vater Moisej, der auf demselben geistigen Niveau wie Starez Leonid (Lev) stand, sehr wohl die große Bedeutung des Starzentums, und zwischen ihm und dem Starzen gab es niemals die geringsten Reibereien. Auf diese Weise blühte das Starzentum in Optina, dessen Bestehen es gänzlich Vater Moisej verdankte.
Die Starzenschaft wurde in Optina im Verlauf einiger Jahrzehnte stets vom Lehrer an den besten seiner Schüler weitergegeben. Die ununterbrochene Kette des Starzentums zeugt von der Höhe des geistlichen Lebens des gesamten Klosters, welches im Verlauf von Jahrzehnten viele echte Mönche und Männer des Geistes hervorbrachte, von denen die würdigsten die Starzen wurden.

Bote 1990, 6

Viele gottweise Starzen trugen zur Errichtung des Klosters von Optina bei. Durch viele Mühen und Anstrengungen wurde das Starzentum, die Grundlage des Mönchslebens, dort begründet.
Der erste Starez ewigen Andenkens von Optina - der Priestermönch Leonid (im großen Schema Ljev) wurde 1768 in der Stadt Karaçevo, des Gouvernements von Orjel geboren. Bei der hl. Taufe erhielt er den Namen Ljev. In der Welt arbeitete er als Angestellter, wobei er oft weite Reisen unternehmen mußte und so fast ganz Rußland kennenlernte. Er kam mit Menschen fast aller Gesellschaftsschichten in Berührung, und dadurch gewann er schon als Laie eine große Menschenkenntnis und Erfahrung.
Im Jahre 1797 entsagte er der Welt und trat zuerst in die Optina Pustyn' unter dem Abt Avraamij ein. Nachdem er zwei Jahre dort zugebracht hatte, siedelte er in die Einsiedelei von Belye Berega (Eparchie von Orjel) über, wo zu jener Zeit Priestermönch Vasilij (Ki‚kin), der sich einige Zeit auf dem Athos in Askese geübt hatte, Abt und Geistlicher Vater war. Während seines Aufenthaltes in diesem Kloster verbrachte der junge Novize seine Tage in unablässigen Mühen, wobei er ein Vorbild aufrichtigen Gehorsams war. 1801 wurde er als Mönch mit dem Namen Leonid eingekleidet, und im selben Jahr, am 22. Dezember wurde er zum Mönchsdiakon und am 24. Dezember zum Priestermönch geweiht. Solch eine Abfolge der Weihen zeugt von der Strenge seines monastischen Lebens.
Als Vater Vasilij die Vorsteherschaft im Jahre 1804 aufgab, wurde durch allgemeinen Beschluß der Bruderschaft Vater Leonid von dem Hochgeweihten Dosifej, dem Bischof von Orjel und Sevsk, als Abt der Belye Berega Pustyn' (Weiße-Ufer-Einsiedelei) erwählt.
Bis zum Antritt dieses Amtes lebte Vater Leonid zeitweilig im Kloster von Çolnsk, wo er den aus der Moldau kommenden Schemamönch Feodor, einen Schüler des großen Starzen Paisij Veliçkovskij, kennenlernte und sein ergebener Anhänger wurde.
Starez Feodor lehrte Vater Leonid das höchste Tun der Mönche, die "Wissenschaft aller Wissenschaften und Kunst aller Künste", wie der Geisteskampf des unablässigen Gebetes auch genannt wird, durch welchen das Herz von allen Leidenschaften geläutert wird. Die reinste Liebe vereinigte Lehrer und Schüler durch unauflösliche Bande.
Nachdem Vater Leonid zum Abt des Belye Berega Klosters ernannt wurde, war er gezwungen, seinen Starez zu verlassen. Aber die Asketen waren nicht lange getrennt. Um günstigere Bedingungen für das Gebetsleben zu erreichen, siedelte Vater Feodor 1805 in das Belye Berega Kloster über, wo er liebevoll von seinem Schüler, dem Abt des Klosters Vater Leonid, aufgenommen wurde. In der Folge begaben sich beide Asketen zusammen auf vielerlei Wanderschaften, etwa 15 bis 20 Jahre lang. Unter der Führung von Vater Feodor erlangte Vater Leonid hohe geistige Gaben.
In Belye Berega wurde Vater Feodor 1807 von einer längeren Krankheit heimgesucht, worauf man ihm ein einsames Kellion im Waldesdickicht zwei Werst vom Kloster entfernt baute, in dem er sich zusammen mit dem S'chemapriestermönch Kleopa niederließ. Zu diesen großen Geisteskämpfern gesellte sich bald auch Vater Leonid selber, der im Jahre 1808 das Vorsteheramt niedergelegt hatte. Hier in der Stille der Einöde wurde er in der Zelle in das große Schema eingekleidet, wobei er wieder den Namen Ljev erhielt.
1809 lenkte Vater Feodor seine Schritte zum Novojeserskij Kloster, er blieb jedoch nicht dort, sondern dem Willen des Petersburger Metropoliten Amvrosij folgend zog er in die Paleostrovskij Einsiedelei, wo er drei kummervolle Jahre durchmachte. 1812 siedelte er in das Skit des Valaam Klosters über. Vater Leonid und Vater Kleopa, die bei ihrem geistlichen Vater und Freund leben wollten, begaben sich ebenfalls in das Skit von Valaam.
Etwa 6 Jahre lang weilten die drei tapferen Geistesgefährten im Skit von Valaam, wie in einer sicheren Zufluchtsstätte der Errettung, und hier zog Vater Feodor durch seine geistige Weisheit und seine Demut fast die ganze Bruderschaft an sich. Aber gerade wegen seiner Weisheit, Achtung und Ehre erwachte in einigen Leuten der Neid gegen ihn. Als 1817 eines der Glieder dieser heiligen Bruderschaft, nämlich der S'chemapriestermönch Kleopa, starb, sah sich der gejagte Starez in körperlichem Siechtum und in der Wehmut der Seele gezwungen, Zuflucht im Alexander-Svirskij Kloster zu suchen. "Sich selbst für die Spreu der Welt, unwürdig einer friedlichen Wohnstätte auf Erden haltend, siedelte er in dieses Kloster über und beendete den mühevollen Lauf des irdischen Lebens am Vorabend des Lichten Freitags des Jahres 1822".
Schon mit dem Silberhaar geistiger Weisheit geschmückt und von Schülern umgeben, die seinen Rat und seine Unterweisung suchten, lebte Vater Leonid nach dem Hinscheiden des Starez noch 7 Jahre im Alexander-Svirskij Kloster.
Verschiedene Klöster begannen nun, um ihn zu werben. In die Optina Pustyn' wurde er von dem hochgeweihten Filaret, dem Hierarchen von Kaluga, vom Igumen Daniil von Optina und vom Gründer des Skits Vater Moisej gerufen. Aber auch als er schon Abschied vom Alexander-Svirskij Kloster genommen hatte, entschloß sich Vater Leonid nicht sogleich dazu, sich in der Optina Pustyn' niederzulassen. Als ob er sich vergewissern wollte, ob die Übersiedelung in dieses Kloster auch Gottes Wille sei, ließ er sich vorerst in der Plo‚çanskaja Pustyn' nieder, wohin ihn der Wunsch zog, mit dem dortigen Priestermönch Vater Makarij (Ivanov), seinem zukünftigen Helfer während seines Wirken als Starez im Optina Skit und seinem späteren Stellvertreter, zusammenzuleben. Man kann sagen, daß er sich dort seinen Nachfolger heranbildete. Nachdem Vater Leonid ein halbes Jahr in der Plo‚çanskaja Pustyn' gelebt hatte, siedelte er 1829 mit seinen fünf Schülern endgültig in die Optina Pustyn' über.
Der Abt von Optina, Vater Moisej, und sein Bruder, der Skit-Vorsteher Vater Antonij wollten schon lange das Starzentum in der Optina Pustyn' einführen, aber selber konnten sie diesen Plan nicht in die Tat umsetzen, da sie zu sehr mit den mühevollen und komplizierten Aufgaben der Erbauung und Verwaltung des Klosters beschäftigt waren. Als nun Vater Leonid nach Optina kam, übergab ihm Abt Moisej, der über seine große Erfahrung im geistigen Leben wohl Bescheid wußte, die Führung der ganzen Bruderschaft der Pustyn' und aller jener, die sich im Kloster ansiedelten. Sie teilten ihm ein Kellion zu, das eigens für ihn im Bienengarten des Klosters erbaut worden war, während seine Schüler im Skit untergebracht wurden.
Von dieser Zeit an wandelte sich die innere Struktur des monastischen Lebens im Optina Kloster gänzlich. Vater Leonid erläuterte den Klosterbrüdern den großen Nutzen der Offenlegung der Gedanken, und in kurzer Zeit konnte sich jeder aus eigener Erfahrung davon überzeugen, daß das offene Bekenntnis die Sünde an der Wurzel abschneidet und die Befolgung der weisen Ratschläge des Starzen das geistige Wachstum fördert.
Durch seinen guten Einfluß auf die Bruderschaft des Klosters, dessen Starez und geistlicher Vater er war, trug Vater Leonid viel zum Aufschwung und zum Wohl der Optina Pustyn' und zur geistigen Vervollkommnung der Brüder bei.
Ohne Rat und Segen des Starzen wurde nichts Wichtiges im Kloster unternommen. Täglich, besonders in den Abendstunden, strömten die Brüder mit ihren seelischen Nöten in seine Zelle; jeder wollte vor dem Starez das bereuen, worin er im Lauf des Tages gesündigt hatte, ihn um seinen Rat und Trost in seinen Kümmernissen bitten, sowie um Hilfe und Stärkung im inneren Kampf mit den Leidenschaften und dem unsichtbaren Feind unseres Heiles. Der Starez empfing sie alle mit väterlicher Liebe und allen schenkte er aus eigener Erfahrung Worte der Erbauung und Tröstung.
Die geschickte Behandlung der kranken Seelen, die Weisheit des Starzen, die durch die Liebe und Achtung des Abtes und der Brüder bezeugt wurde, machten Vater Leonid auch bald außerhalb des Klosters bekannt: eine auf dem Berg erbaute Stadt kann nicht verborgen bleiben. Wie Gold, das im Schmelzofen eines 30-jährigen asketischen Lebens geprüft und gereinigt wurde, wurde der Starez schließlich durch die Vorsehung Gottes zu dem großen Opfer des Dienstes an der Menschheit berufen.
Um der geistigen Beratung willen kamen aus Städten und Dörfern Leute verschiedenen Standes zu den Türen seiner Zelle: Adlige, Kaufleute, Kleinbürger und einfaches Volk. Alle empfing der Starez mit väterlicher Zuneigung und Liebe, und keiner von den zu ihm Kommenden ging ohne geistige Tröstung weg. Mit jedem Jahr vergrößerte sich der Zustrom der Menschen nach Optina ganz erheblich, wodurch das Kloster sichtbar gedieh, und zwar sowohl dank der Erhöhung der Einkünfte, als auch durch die Vermehrung der Anzahl der Brüder, die von verschiedenen Orten herbeiströmten.
Im Jahre 1834 siedelte der Priestermönch Vater Makarij (Ivanov) von der Plo‚çanskaja Einsiedelei nach Optina über; später wurde er Skit-Vorsteher und Starez. Von Anfang an half er Vater Leonid bei seinem umfangreichen Briefwechsel und stand auch dem Starez bei der geistlichen Betreuung der Brüder und Besucher bei. Aber dennoch floh Vater Makarij, der demütig war und sich selber für gar nichts hielt, menschlichen Ruhm und strebte danach, als besondere Ehre und Auszeichnung "zu den Füßen" des Starzen zu liegen. Solch eine demütige Haltung zeigte seinerseits in seiner Beziehung zu Vater Makarij auch Vater Leonid, den bereits sein eigener Starez, der Schemamönch Feodor, scherzhaft den "demütigen Löwen" genannt hatte.
Vater Leonid liebte Vater Makarij tief mit väterlicher Liebe und schätzte ihn herzlich als seinen Freund und Vertrauten, und wenn er es für nützlich hielt, brachte er diese Gefühle in solchem Maße zum Ausdruck, daß alle erstaunt waren, die es hörten. Einige Leute fragten den Starez einmal in Bezug auf Vater Moisej, Vater Antonij und Vater Makarij. Der Starez antwortete kurz und bündig: "Vater Moisej und Vater Antonij sind große Menschen, aber Makarij ist ein Heiliger".
In den letzten fünf Jahren seines Lebens gab er größtenteils denjenigen, die seine Führung begehrten, den Segen, sich an Vater Makarij zu wenden und ihm all die Gedanken aufzudecken, die sie auch ihm selber, Vater Leonid, gesagt hätten. Es war rührend, die Einmütigkeit und gegenseitige Liebe der zwei Starzen zu sehen, die sich oft gemeinsam an die Lösung der anstehenden Fragen machten. Es war eine von Gnade gesättigte Atmosphäre, die Wunder wirkte. Beide Starzen erzogen den großen Starez Amvrosij, den berühmten Seher und Wundertäter.
Der Zustrom des Volkes zu Vater Leonid wurde ab 1835 besonders stark, denn am 2. Februar 1836 wurde der Starez vom Skit ins Kloster gebracht, um von nun an dort zu wohnen.
Der geistige Einfluß von Vater Leonid dehnte sich außer auf die Optina Pustyn' noch auf zwei weitere Klöster der Eparchie Kaluga aus: auf die Tichon Einsiedelei und das Malojaroslavezk Kloster. Schließlich machten sich auch aus einigen Frauenklöstern anderer Eparchien zahlreiche Nonnen die geistige Führung Vater Leonids zunutze; sie kamen vor allem aus dem Dreifaltigkeitskloster von Sevsk, der Borisovskaja Tichvinskaja Pustyn' und dem Belevskij Kreuzerhöhungskloster. In jedem dieser Klöster hatte Vater Leonid einige ergebene Schülerinnen, die mehr als andere im geistlichen Leben voranschritten und die zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tode für viele Schwestern zu Wegweiserinnen und "Starizy" (Starizinnen) wurden.
Alle Lehren Vater Leonids waren von tiefer geistlicher Weisheit durchdrungen. Aber seine Weisheit verbarg er durch die äußerste Einfachkeit seiner Worte und die Natürlichkeit seines Umgangs mit den Leuten; darüberhinaus pflegte er, seine Unterweisungen durch seine Spaßhaftigkeit zu würzen. Auf diese Weise vermochte er auch bei Ansammlung vieler Menschen die geheimen seelischen Wunden der einzelnen Leidenden zu heilen.
In der Rede und im Gespräch des Starez lag ein besonderer Scharfsinn, der nur ihm alleine eigen war. Indem er die geistige Kraft der Worte der Schrift und der patristischen Lehren mit den kurzen, aber vielsagenden, volkstümlichen russischen Redensarten verband, verlieh er seinen Worten eine besondere Kraft, so daß sie direkt ins Herz fielen und in jedem die richtige Wirkung hervorriefen.
Vater Leonid machte sich niemals im voraus Sorgen darüber, was er wem sagen sollte, sondern er sprach und handelte ohne Vorbereitung, einfach nach seinem geistlichen Empfinden oder nach der göttlichen Eingebung.
Sein Wort zwang auch den Ungläubigen, sich zu unterwerfen und zu glauben. Es belebte den Hoffnungslosen und machte ihn geistig fruchtbringend; es war demütig und schloß keine hochtrabende, sondern eine kurze, aber tatkräftige, aus eigener Erfahrung gewonnene Lehre in sich. "Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zueinander habt" (Joh. 13,35). Und das war sein liebevolles Wort zu den ihm nahestehenden Schülern.
Tatsächlich war das innere Leben des Starzen ein verborgenes: die Umstände unserer Zeit, das Gerede der Menschen... zwangen ihn zu jener Torheit um Christi willen, die höher als alle menschliche Vernunft ist. Auf diesem Weg erreichte er alles: er hielt den Ruhm fern von sich, der selbst für die größten Asketen gefährlich ist, er prüfte die zu ihm Kommenden und wies müßige Neugier ab und gab den wirklich Notleidenden schnelle Hilfe.
Obwohl Vater Leonid selber einfacher Herkunft war und keine äußere Bildung genossen hatte, wußte er doch Leute hohen Standes zu schätzen und zu ehren und auch den äußeren Gaben bei richtigem und demütigem Streben nach dem geistlichen Leben die notwendige Achtung entgegenzubringen.
Die zu ihm kommenden Kranken, die an verschiedenen, nicht immer verständlichen Gebrechen litten, salbte er mit dem Öl aus der "Lampada", die immerdar vor der Ikone der Mutter Gottes von Vladimir - dem einzigen Schmuck in der Zelle des Starzen - brannte.
Diese Ikone hatte der große Starez Paisij dem Schemamönch Vater Feodor bei dessen Auszug aus der Moldau nach Rußland mit auf den Weg gegeben, und dieser wiederum hatte bei seinem Heimgang zum Herrn mit dieser Ikone Vater Leonid, als seinen Leidensgefährten und Erben seiner geistigen Güter gesegnet.
Außer der Kraft des Namens Christi und der Salbung bedarf es auch noch der Gnade, die in den Jüngern unseres Herrn Jesu Christi gegenwärtig ist. Als Charisma wird sie ihnen aus Berufung geschenkt, oder auch für ihren Glauben, für ihre Kämpfe und Leiden, für ihr Ausharren, und vornehmlich für ihre Demut, durch welche sie die göttlichen Gaben nicht sich selber zuschreiben, sondern für das Göttliche Gott die Ehre schenken. Das ist ein Geheimnis! Aber die Wirkungen dieser Gaben waren selten sichtbar. Für diese einfache christliche Aktivität erlitt der Starez großen Tadel von denjenigen, die Anstoß an ihm nahmen.
Man brachte auch viele Besessene zum Vater Leonid. Es gab auch nicht wenige solcher, die gar nicht wußten, daß sie von Dämonen besessen waren und erst in der Gegenwart des Starez zu toben begannen.
Den Sieg über die bösen Geister errang Vater Leonid natürlich erst nachdem er seine eigenen Leidenschaften besiegt hatte. Keiner sah ihn jemals gereizt oder durch leidenschaftlichen Zorn aufgebracht. Selbst in den schwersten Tagen seines Lebens hörte keiner einen Ton der Ungeduld oder des Murrens von ihm, niemand sah ihn jemals niedergeschlagen. Ruhe, auf dem Evangelium gründende kindliche Einfalt und christliche Freude verließen niemals den kinderliebenden Starez.
Einer der Schüler des Starez, der ihn einmal in einer besonders fröhlichen und offenherzigen Stimmung antraf, fragte ihn: "Batjuschka (Väterchen), wie haben Sie denn diese geistlichen Gaben erworben, die wir bei ihnen wahrnehmen?" Der Starez antwortete: "Lebe einfacher, Gott wird dich auch nicht verlassen und Dir Sein Erbarmen zeigen".
Alle, die Vertrauen zu Vater Leonid hatten, bezeugen einstimmig, daß sie in seiner Gegenwart inneren Frieden, innere Ruhe und Freude empfanden, und jene Gedanken, die zuvor furchtbar, unüberwindbar und dauernd belästigend waren, verflogen vor ihm, als ob sie nie gewesen wären.
Der Starez vollbrachte ständig das Jesusgebet, und wenn er sich auch äußerlich mit den Leuten unterhielt, so war er doch innerlich stets bei Gott. Auf die Frage, wem das geistliche Gebet geschenkt würde, antwortete er seinem engsten Schüler folgendermaßen: "Wen der Herr mit schweren Versuchungen heimsucht, mit Trübsal, dem Verlust der geliebtesten Person, der betet unwillkürlich aus seinem ganzen Herzen, seinem ganzem Gemüte und seinem ganzen Geiste. Die Quelle des Gebetes ist folglich allen zu eigen, aber sie öffnet sich ihnen entweder schrittweise durch die Versenkung in sich selbst nach der Lehre der Väter oder in einem Augenblick durch den göttlichen Bohrer".
Der Starez, der im ständigen Gebet verharrte, befolgte auch die Zellenregel, die um zwei Uhr nachts mit dem Kanon an den Tagesheiligen und die erste Stunde begann. Die dritte und die sechste Stunde las er gesondert zur Zeit der frühen Liturgie; die Veçernja mit drei Kanones und dem Akathist zur selben Zeit wie im Kloster. Nach dem Abendessen im Kloster versammelten sich die Schüler Vater Leonids bei ihm, um die Abendgebete zu hören, zwei Abschnitte aus den Apostelbriefen und einen aus dem Evangelium. Die zu dieser Regel versammelten Brüder stellten sozusagen eine einzige Familie dar.
Die Zeit der Gebetsregel war die einzige freie Zeit für Vater Leonid, die übrige, mit Ausnahme einer kurzen Ruhepause, war er stets für den Dienst am Nächsten da, weil er ja die schwere Last des Starzentums trug.
Vater Leonid wirkte als Starez in der Optina Pustyn' vom Jahre 1829 bis zu seinem Tod 1841, das heißt im ganzen 12 Jahre lang. Diese Zeitspanne durchlebte der Starez als eine fast ununterbrochene Periode der Verfolgung.
Es fanden sich unzufriedene Leute, die sein großes Werk nicht ruhig sehen konnten, sie schrieben falsche Berichte und Beschuldigungen, auf die mehr als einmal das Verbot folgte, Leute zu empfangen und von einem Ort zum anderen zu wandern. Den Verfolgungen und dem Ungemach gegenüber verhielt sich der Starez völlig gleichmütig, und mit dem Gesang "Würdig ist es..." trug er die Ikone der Mutter Gottes an einen anderen Ort. Nachdem er die Ikone aufgestellt und gebetet hatte, setzte er sich hin, fing an Gürtel zu flechten und empfing wieder die Brüder, als ob nichts geschehen wäre. Und die Schüler brachten ihm seine Bücher und die Gegenstände aus seiner Zelle nach - so einfach ließ sich Vater Leonid an dem neuen Wohnort nieder. Überhaupt ertrug der Starez ruhig alle ihm angetane Beleidigung und kümmerte sich nicht um sein eigenes Los, er sorgte sich nur um seine geistlichen Kinder.
Da er immer nur den Ruhm Gottes und den Nutzen des Nächsten im Auge hatte und indem er die Errettung aller dem Himmlischen Vater anvertraute, war ihm alle menschliche Furcht fremd.
Einmal sah der Abt Moisej, der einen Rundgang durch das Kloster machte, eine riesige Volksmenge vor der Zelle des Starez, während doch erst vor kurzem ein Befehl von Kaluga ausgegangen war, niemand zu ihm vorzulassen. Der Igumen trat in seine Zelle ein und sagte: "Vater Leonid, wie kommt es denn, daß Sie Leute empfangen, wo Ihnen Vladyka dies doch verboten hat". Statt einer Antwort entließ der Starez jene, mit denen er sich im Augenblick beschäftigte, und befahl seinem Zellendiener, den Krüppel, der gerade vor den Türen seiner Zelle lag, zu ihm zu bringen. Sie brachten ihn und legten ihn vor den Starez, während der Abt die Szene mit Befremden verfolgte. "Schauen Sie - so begann Vater Leonid seine Rede - diesen Menschen an. Sehen Sie, wie die Glieder seines Körpers siech sind. Gott bestrafte ihn für nicht bereute Sünden. Er verbrach dies und jenes, und für all das leidet er jetzt, er ist lebendig in der Hölle. Aber man kann ihm helfen. Der Herr führte ihn zu mir, damit er aufrichtige Buße tue, damit ich ihn seiner Sünden überführe und ihn unterweise. Soll ich ihn denn nicht empfangen? Nun, was sagen Sie dazu?" Als er den Starez so reden hörte und den vor ihm liegenden hilflos Leidenden sah, erbebte der Abt. "Aber der Hochgeweihte - so sprach er - droht, Sie unter Klosterhaft zu stellen". "Was tut's? Und wenn Sie mich nach Sibirien schicken, wenn Sie mir einen Scheiterhaufen errichten, und mich aufs Feuer stellen, so werde ich dennoch Leonid sein. Ich rufe niemanden zu mir, aber diejenigen, die zu mir kommen, kann ich nicht verjagen. Besonders im einfachen Volk gehen viele an ihrer Unvernunft zugrunde und benötigen dringend geistliche Hilfe. Wie kann ich ihre zu Himmel schreiende Not übersehen?" Der Abt konnte nichts dagegen einwenden und überließ es dem Starzen, so zu handeln, wie Gott Selbst es ihm anzeigt.
Fünf Jahre lebte Vater Leonid noch nach seiner Übersiedlung ins Kloster und er gab weiterhin den Brüdern und Besuchern geistliche Unterweisung, wobei er sich an die Worte des Erlösers hielt: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht fortweisen" (Joh. 6,37). Ungeachtet seiner schwachen Gesundheit wies er bis zu seinem gesegneten Ende keinen ab und zeigte unermüdlichen Eifer im Dienst Gottes im Antlitz der leidenden Menschheit.
Nicht ohne Leiden näherte sich der Starez dem Ende seines mühevollen Lebens, dessen Nähe er vorausahnte oder das ihn der Herr vorauswissen ließ. Im Juni 1841 besuchte er das Tichon Kloster, wo mit seinem Segen der Bau eines Speisesaales begonnen wurde. "Ich werde wohl euer neues Refektorium nicht mehr sehen - sagte Vater Leonid - ich werde kaum noch bis zum Winter leben und hierher werde ich nicht mehr kommen". In der Optina Pustyn' ankommend sagte er zu vielen: "Den Winter werde ich nicht mehr erleben", und er gab einigen die endgültige Lösung ihrer Zweifel.
Von den ersten Tagen des Septembers 1841 an wurde die Gesundheit Vater Leonids schwächer und er lag fünf Wochen lang krank darnieder. Am 15. September erhielt er die Ölweihe, wobei viele Brüder, die ihn sehr liebten, anwesend waren. Von diesem Tag an begann sich der Starez besonders auf sein Ende vorzubereiten. Er nahm Abschied von den zu ihm kommenden Brüdern und segnete sie, dem einen gab er ein Buch, dem anderen ein Heiligenbild und keinen ließ er ohne Tröstung ausgehen. Am 28. September wünschte er, nachdem er die Heiligen Gaben genossen hatte, daß der Kanon für das Scheiden der Seele vom Leib gesungen würde. Die ihn umgebenden Brüder waren tief bekümmert und über ihre bevorstehende Verwaisung nachdenkend, flehten sie ihn weinend an, sie nicht zu verlassen. Als er dies hörte und sah, war er gerührt im Geiste und sagte unter Tränen: "Kinder! Ich übergebe euch dem Herrn. Er hilft euch, den irdischen Lauf zu vollenden. Lauft nur zu Ihm. Er bewahrt euch vor allen Versuchungen. Und davon laßt euch nicht verwirren, daß der Kanon gesungen wurde, man wird ihn vielleicht noch sechs- oder siebenmal singen". Tatsächlich wurde vom 28. September bis zum Hinscheiden des Starzen am 11. Oktober noch achtmal der Kanon gesungen. Speise nahm er in dieser Zeit überhaupt keine zu sich außer einer kleinen Menge Wasser. Allein das himmlische Brot stärkte ihn - der allerreinste Leib und das Blut unseres Herrn Jesu Christi, denn in diesen letzten zwei Wochen konnte er zwölfmal der Heiligen Mysterien teilhaftig werden.
Es kam Samstag, der 11. Oktober. Morgens um acht Uhr kommunizierte Vater Leonid. Gegen 10 Uhr begann er sich mit den Worten "Ehre sei Gott" zu bekreuzigen. Nachdem er dies viele Male wiederholt hatte, verfiel er in Schweigen; dann sagte er zu den um ihn Stehenden: "Jetzt kommt das Erbarmen Gottes über mich". Eine Stunde später wurde er noch mehr im Geist erhoben und sein Herz jubelte; obwohl er schwere körperliche Leiden ertragen mußte, konnte er in der Hoffnung auf den zukünftigen Lohn die ihm zuteil werdende geistliche Freude nicht verbergen, und sein Antlitz begann immer mehr zu leuchten. Man läutete zum Abendgottesdienst. Der Starez segnete seine Schüler, den kleinen Abendgottesdienst zu lesen, aber er konnte sie nicht bis zu Ende hören. Als er befahl, díe Lesung abzubrechen, sagte sein Schüler, der Novize Iakov (in der Folge der Priestermönch Ioakim) gerührt: "Den Rest, Batjuschka (Väterchen), werden Sie wohl dort, in der Versammlung der Heiligen Väter, beten?" Es stand nämlich das Gedenken der Hl. Väter des Siebten Ökumenischen Konzils bevor, und am Vorabend dieses Tages gefiel es dem Herrn, die Seele Seines treuen Dieners zu sich zu rufen. Der sterbende Starez rief einige Male: "Ehre sei Gott, Ehre sei Gott, Ehre sei Gott, Ehre Dir, o Herr!"
Auf die vor ihm stehenden Schüler blickend bekreuzigte er sich, segnete alle und schaute auf die Ikone der Mutter Gottes, als ob er ihren Beistand erflehte, und indem er die Augen schloß, gab er um halb acht Uhr abends still seinen Geist auf, um von der irdischen Trübsal und Krankheit in die ewige Ruhe einzugehen.
Sein Körper lag drei Tage lang in der Kathedralkirche, ohne daß Leichengeruch von ihm ausging; diese ganze Zeit über war die Kirche von morgens bis abends voller Menschen, die herbeieilten, um demjenigen den letzten Kuß zu geben, der zu Lebzeiten ihr geistlicher Vater und uneigennütziger Arzt gewesen war. Beerdigt wurde er von Vater Moisej am 13. Oktober in Anwesenheit aller vorhandenen Priestermönche und Mönchsdiakone im Kloster, in der Nähe der Kirche des Einzuges der Mutter Gottes in den Tempel, gegenüber dem Seitenaltar des Hl. Nikolaus des Wundertäters.
Vater Leonid war für viele ein lebendiges Buch. Er lehrte durch Tat und Wort, wie man die Lehren des Evangeliums verstehen und in die Tat umsetzen solle und wie man sie auf unsere Schwächen anwenden kann.
Der bis in die Tiefen vom Licht der Lehre Christi des Erlösers erleuchtete, selige Starez war sozusagen ein Leuchtfeuer des Glaubens, das allen leuchtet, die im Hause dieser Welt sind (Mt. 5,15).

 

Bote 1991, 2

Der große Starez Priestermönch Makarij

Aber dank seiner großen Demut konnte Starez Makarij seine Hellsichtigkeit so gut verbergen, daß man sie ganz leicht übersehen konnte; nur diejenigen, die in enger Beziehung zu ihm standen, konnten keinen Zweifel daran haben, da sie aus eigener Erfahrung um sie wußten.
Da er ein Täter des geistigen Gebetes war, war sein Gemüt stets mit Gott vereint; infolgedessen leuchtete sein Gesicht aus innerer Freude und Liebe zum Nächsten. Sein Gedächtnis war erstaunlich und offensichtlich von der Vorsehung begabt, um ihm im Dienst am Nächsten beizustehen. Im übrigen herrschte in ihm eine seltene Verbindung kindlicher Einfalt, Ruhe und Demut, was ihn zugänglich für alle und für jeden machte.
Der Starez stand jeden Tag beim Läuten der Klosterglocke zur Morgengebetsregel auf, d.h. um zwei Uhr nachts. Dann ging er in den Korridor hinaus und weckte seine Zellendiener. Die morgendliche Gebetsregel Vater Makarijs bestand aus den Morgengebeten, 12 Psalmen, der ersten Stunde, dem täglichen Gottesmutterkanon gemäß dem Ton der Woche und dem Akathistos an die Mutter Gottes, wobei er die Oden selber sang. Danach gingen die Zellendiener hinaus, der Starez blieb alleine und versenkte sich weiterhin in Gott. Um sechs Uhr rief er die Zellendiener zur Lesung der Stunden und der Typica. Danach trank er ein oder zwei Tassen Tee und nahm sich dann die Korrespondenz vor. Von dann ab stand seine Zelle für alle, die zu ihm kamen, offen. Das häufige Quietschen der Tür vom Korridor zum Vorzimmer machte den Starez auf die Hereinkommenden aufmerksam.
Um 11 Uhr nach der späten Liturgie begab sich der Starez zusammen mit anderen in den Speisesaal. Nach dem Essen zog er sich für eine halbe oder eine Stunde in seine Zelle zurück, wobei er die Werke der Kirchenväter las - und das war die einzige freie Zeit zum Ausruhen im Verlauf des ganzen Tages. Aber kaum hörte er wieder das Knarren der Vorzimmertür, ging er schon hinaus oder fragte: “Wer ist dort?” Und wieder begann der Empfang der Besucher. Nach ein oder zwei Stunden ging er ins Gästehaus, wo ihn schon viele Dutzende, und an großen Festtagen oder während der Fastenzeiten gar Hunderte von Besuchern erwarteten.
Manchmal schien es, als wäre der Starez von der Last seines Opferdienstes innerlich erschöpft, aber dies schien eigentlich nur so. Denn wenn man aufmerksam seine täglichen Strapazen betrachtete und seine von Natur aus schwache Gesundheit, sein Leiden und seine Lebensjahre in Erwägung zog, war es unmöglich zu übersehen, daß nur die Kraft Gottes, die in den Schwachen wirkt, ihn zum Ertragen solch vielfältiger Mühsal stärken konnte.
Aus dem Gästehaus zurückkehrend, hörte der Starez anstatt einer Ruhepause eine kurze Gebetsfolge, die aus der 9. Stunde, einem Kathisma mit Gebeten und dem Kanon an den Schutzengel bestand. Bis zum Abendessen und zuweilen auch während des Abendessens empfing er die Klosterbrüder, die sich zum täglichen Bekenntnis ihrer Gedanken bei ihm einfanden. Nach Beendigung des Empfangs aß er ein wenig und hörte dann die Abendgebetsregel, zu der außer den Zellendienern noch ein oder zwei seiner engsten Schüler kamen. Diese bestand aus dem kleinen Spätabendgottesdienst (Apodypnon), den Gebeten vor dem Schlafengehen, zwei Abschnitten aus dem Apostel und einem Abschnitt aus dem Evangelium. Danach begaben sich die Schüler mit dem Segen des Starzen in ihre Zellen, während dieser nun alleine blieb.
Es war schon spät abends. Auf dem Tisch lag ein Stoß Briefe, der Antwort erforderte. Der Körper schmerzte vor Erschöpfung und das Herz vom Eindruck des zum Vorschein kommenden menschlichen Leidens. Das Licht in den Zellen des Skits war schon lange erloschen, nur das Fenster seiner Zelle war noch hell - er schrieb immer noch. Und nun erlosch auch dieses Licht - der Starez erhob sich zum Gebet. Ganz zu schweigen von dem Nutzen, den andere hier erhielten - wer könnte die Mühen und Schmerzen aufzählen, welche der selige Starez im Streben nach spirituellem Fortschritt selber auf sich nahm? Wer kann zählen, wie vielen Kummers und Seufzens es dazu bedurfte, wie vieler Zweifel und bitterer Tränen, mit demutsvollem Flehen und Niederfallen vor Gott?
Die Gebete des Starzen waren wie die Gebete aller russischen Gerechten von der Liebe zur Wahrheit durchdrungen. Wie alle russischen Asketen betete er für die Verwirklichung der Göttlichen Wahrheit auf Erden, für den Sieg des Guten und die Züchtigung des Bösen. Die russischen Asketen und mit ihnen Starez Makarij litten lebhaft unter der Unvollkommenheit des Menschen, dem Sieg des Lasters und beteten glühend um das Einsichtigwerden und die Besserung der Menschen, um den Schutz der Schwachen und die Zügelung der Starken. Je lebendiger sie das Böse empfanden, desto flammender beteten sie für den Sieg des Guten. Niemals versiegte das Gebet in dem Starez, ob er nun von Menschen umgeben war, im Speisesaal, bei der Unterhaltung oder in der Stille der Nacht war.
Vater Makarij gebührt der unschätzbare Verdienst und die Leistung bei der Herausgabe der patristischen Literatur. Gerade durch diese publizistische Tätigkeit lenkte die Optina Pustyn’ die Aufmerksamkeit der Vertreter der russischen gebildeten Schicht auf sich. Indem sie mit Starez Makarij Umgang pflegten, gewahrten sie die ganze Größe seiner inneren Weisheit und fühlten deutlich den Nutzen und die Erbauung durch seine Gespräche und seine Briefe; in der Folge wurde es ihnen unerläßlich, sowohl in ihren persönlichen als auch in ihren gesellschaftlichen Problemen seinen Rat einzuholen.
Es folgte eine fruchtbare Zeitspanne, denn bei Vater Makarij fanden sich gelehrte Helfer, Mitarbeiter und Förderer ein, obwohl er selber überhaupt nicht an die Herausgabe dieser spirituellen Reichtümer zu denken gewagt hatte.
Die tüchtigsten Helfer in materieller Beziehung und in Hinsicht auf den schnellen Durchlauf der zum Druck bereiten Bücher durch die Zensur und andere Barrieren waren Ivan Vasiljeviç Kirejevskij, der berühmte russische Philosoph und Slavophile und seine Gattin Natalija Petrovna. Durch ihren eigenen Eifer gewannen sie noch viele andere für die Teilnahme an dieser schwierigen, aber heiligen Sache. Jede mögliche Unterstützung wurde ihm von seiten des Moskauer Metropoliten Filaret zuteil.
Starez Makarij bezeichnete die Veröffentlichung der spirituellen Bücher als eine “göttliche Aufgabe”. Er verstand, welchen Wert die neu herausgegeben Bücher darstellen, und sein ständiger Wunsch war, daß sie so schnell wie möglich an die Orte gelangten, wo sie benötigt werden und nützlich sein könnten. Gemäß der Vorsehung Gottes wurden 1845 in der Optina Pustyn’ die Schätze der schriftlichen Arbeiten des seligen Starzen Paisij gesammelt. Es waren Manuskripte, die entweder dem Starzen Paisij selber gehört hatten oder die von seinen Schülern von seinen Konzepten abgeschrieben worden waren. Die Arbeit Vater Makarijs bestand in der Druckvorbereitung der kirschenslawischen Übersetzungen und der Übersetzung einiger Texte in die russische Sprache. Seine Tätigkeit in dieser Hinsicht war außergewöhnlich, oft opferte er sogar seine kurze Ruhepause dafür. So wurde dank den unermüdlichen Anstrengungen von Vater Makarij in der Optina Pustyn’ das Werk des moldauischen Starze und Schema-Archimandriten Paisij Veliçkovskij fortgeführt. Durch seine asketisch-literarischen Veröffentlichungen (über 125) übte es einen wohltätigen Einfluß auf die Entfaltung des geistlichen Lebens im Rußland des 19. Jahrhundert aus.
Durch den vermehrten Zustrom von Menschen und das Anwachsen der Zahl der Briefe dehnte sich das geistliche Wirken Vater Makarijs mit jedem Jahr aus. Für den Starzen wurde der Verlust der Einsamkeit recht fühlbar. Von Zeit zu Zeit zog er sich in das für ihn von I.V.Kirejevskij im Dorf Dobino erbaute Häuschen zurück. Mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit verbrachte er einige Tage dort im Gebet. Als wahrer Asket empfand der Starez stets die Notwendigkeit des Gebetes, denn nur im Gebet empfing er die für seinen hohen Starzen-Dienst notwendige geistliche und körperliche Kraft und nur der Notwendigkeit gehorchend, lebte er in der Welt.
Der Starez bemühte sich mit voller Selbstverleugnung um das Wohl des Nächsten, wobei er weder seine eigenen Kräfte noch seine Gesundheit schonte. Endlose Krankheiten verursachten ihm viel Leiden und setzten ihm bis zur Erschöpfung zu. Im November 1853 legte Vater Makarij das Amt des Skit-Vorstehers nieder, um mehr Muße für geistliche Beschäftigungen zu haben. Aber seine Gesundheit wurde sichtbar schwächer und seine Kräfte schwanden dahin.
10 Tage vor seinem Ende erfuhr der Starez plötzlich eine scharfe Verschlimmerung seiner Krankheit. Nach dem Sakrament der Ölweihe fühlte er sich sichtbar an Leib und Geist gestärkt, traf die notwendigen Anordnungen für den Fall seines Ablebens, schenkte allen Verzeihung, wobei er diese auch demütig für sich selber erbat, und segnete alle zu ihm Kommenden. Die vertrauten Schüler eilten herbei, um die scheinbare Rüstigkeit des Kranken auszunützen, und baten um die Lösung ihrer Probleme, die für sie “Lebensfragen” waren: z.B. an wen sie sich mit seinem Segen nach seinem Ende wenden sollen, wie in diesem oder jenem Wechselfall des monastischen Weges zu verfahren sei. Und der Starez, der wußte, daß seine Tage vor dem Herrn gezählt waren, beantwortete alle Fragen klar und ruhig. Auf die Frage der Schüler: “Wie sollen wir denn ohne Sie auskommen, Batjuschka?” verwies der Starez auf die Antwort des Skit-Abba Isaak im alphabethischen Paterikon auf genau dieselbe Frage: “Ihr saht, wie ich mich vor euch verhalten habe; wenn ihr dies nachahmen möchtet, dann haltet die Gebote Gottes, und Gott wird Seine Gnade herabsenden. Wir trauerten auch, als unsere Väter uns verließen und zu Gott gingen, aber auf die Gebote des Herrn und die Vermächtnisse der Starzen blickend, lebten wir so, als ob sie noch bei uns wären. Tut auch ihr so, und ihr werdet gerettet werden”.
Während seiner Krankheit empfing der Starez öfters die Heiligen Mysterien Christi. Ungeachtet seiner Leiden behielt er als geistiger Streiter bis zu seinem Ende fest seine monastische Waffe, nämlich das Gebet, in der Hand. Ausrufe wie “Mutter Gottes! Mein Heiland!” begleiteten fast jeden seiner Schmerzensseufzer. Und am 7. September 1860, dem Tag der Feier der Geburt der Allerreinsten Gottesgebärerin, an der er mit einem tief-inneren Glauben hing, welcher sich in der ständigen Anrufung ihres allheiligen Namens äußerte, empfing er um 6 Uhr morgens zum letzten Mal die Heiligen Geheimnisse. Nach der Lesung von 9 Oden des Kanons für die Trennung der Seele vom Leib, fast genau eine Stunde später, legte der Starez seine gerechte Seele in die Hände Gottes. Vater Makarij entschlief 1860 im Alter von 72 Jahren; begraben wurde er am Seitenaltar des Hl. Nikolaus in der Kathedralkirche, an der rechten Seite des Grabgewölbes, wo auch der Körper des Hieroschimonachos Ljev, des geistigen Freundes und Mitstreiters des Starzen ruhte.
Als wahrer Knecht Seines Herrn vergrub Vater Makarij die ihm anvertrauten Pfunde nicht, sondern diente mit großem Eifer bis zu seinem Ende dem geistlichen Wohl aller derer, die es suchten. Das Wort seiner Lippen war nicht formvollendet, aber wirkungsvoll, es war ein einfaches und demütiges Wort, wie die Aussagen des Evangeliums, ein mit Macht geladenes Wort, wie es den wahren Nachfolgern Christi zum allgemeinen Vorteil gegeben wird.
Starez Makarij war ein großer Lehrer der Demut. In seinen geistlichen Lehren, die hauptsächlich in den Sammelwerken seiner Briefe abgedruckt wurden, kann jeder Christ selbst Erbauung, Trost und Führung finden. Vater Makarij sagte von sich aus nichts Neues, sondern bei allen Aussagen gründete er sich auf die Lehren der Heiligen Väter.
Aber wie können wir verstehen, was die Werke der heiligen Väter wirklich darstellen? In den Werken der heiligen Väter ist außer dem kanonischen und dem literarischen Reichtum die gnadenreiche, jahrhundertealte psychologische Erfahrung der orthodoxen Gottesstreiter dargelegt. Im Verlauf von Jahrhunderten erforschten die östlichen Asketen mit Hilfe der Gnade des Heiligen Geistes vollkommen die menschliche Seele, die Gesetze ihres Lebens und den Pfad zu ihrem spirituellen Aufstieg. In diesen Werken ist der richtige und einzigste Weg zur höchsten Vollkommenheit der Heiligkeit und Gottesschau für alle Zeiten und für alle Völker ausgearbeitet. In ihnen herrscht eine wunderbare Einheit der Gesinnung und alles fließt organisch eins aus dem anderen. In der Gnade des Heiligen Geistes sprachen die Kirchenväter nichts als die Wahrheit; daher muß ihre Autorität absolut für uns sein.
Vor einem oberflächlichen Verstehen der Wahrheit rettet den Menschen keinerlei Stellung: mag er der gelehrteste Theologe, Rektor einer Geistlichen Akademie oder ein hoher kirchlicher Würdenträger oder ein Asket im Kloster sein. All dies kommt davon, daß “die Bauleute den Stein verwerfen, der als Eckstein liegen muß”. Der Eckstein aber ist Christus und Seine Gebote! Die Vernachlässigung der Gebote Gottes führt zur Leidenschaftlichkeit. Jede Leidenschaft aber vernebelt wie Rauch den geistlichen Blick, der dann die Wahrheit nicht mehr zu erreichen vermag. Das krasseste Beispiel hiervon gibt uns das Evangelium in der Gestalt von Judas dem Verräter: sogar die außergewöhnliche Nähe zum Erlöser und seine apostolische Berufung retteten ihn nicht vor dem Untergang.
Das Lesen der Heiligen Schrift und der patristischen Werke nannte Vater Makarij geistliche Speise. “Das Lesen der kirchenväterlichen Bücher, - so schrieb er in seinen Briefen, - ist äußerst nötig und nützlich zum Erkennen des göttlichen Willens, denn die Väter erfüllten das Wort Gottes, das uns in der Schrift überliefert wurde und setzten es ins tätige Leben um, wobei sie durch ihre Lehren ein Beispiel setzten”. “Wenn ihr nur das Wort Gottes lest, ohne euch mit den Vätern zu beschäftigen, so wißt ihr nichts von der richtigen Lebensweise und dem inneren Kampf; ihr meint, ihr könntet es erfüllen und ihr demütigt euch nicht. Lest ihr jedoch die Väter, so strebt ihr danach, das darin Vorgeschriebene zu erfüllen, aber weil ihr ihre Größe nicht erreichen könnt, erkennt ihr eure Hilflosigkeit und werdet demütig - dann werdet ihr des Erbarmens Gottes würdig, das sich besonders auf die Demütigen ergießt.”
“Indem wir das Wort Gottes und die Beispiele aus dem Leben der Väter studieren, welche die Leidenschaften besiegt und die Liebe Gottes erlangt haben, fassen wir Glauben zu ihm und nötigen uns, zuerst die körperliche Arbeit zu leisten und durch die Tat dem Nächsten Liebe zu erweisen. Wenn wir dies richtig und demütig ausführen, dann gehen wir zur Schau über, wir erhalten seelischen Trost, und die Göttliche Liebe manifestiert sich uns klar und deutlich.”
“Jene Leute, die die kirchliche Ordnung einführten und den Sinn der Heiligen Schriften definierten, waren gottbegeisterte Hirten und Kirchenlehrer, der Heilige Geist selber waltete bei diesem Werk in ihnen, aber ihr könnt das von euch nicht behaupten; obwohl ihr einen natürlichen und einen durch die Wissenschaften erleuchteten Verstand habt, so besitzt ihr doch die Gnade nicht. Wisset denn, daß die Weisheit dieser Welt eine ‘Torheit vor Gott’ (1. Kor. 1,20) ist. Daher rate ich euch, daß ihr, wenn ihr erlöst werden wollt, euch in allem der Kirche unterordnet.” Nach den Worten Vater Makarijs können auch die “gescheitesten weltlichen Leute die Schriften ohne Führung der Kirche nicht verstehen”, weil ihre richtige Bedeutung nur von dem Verstand erfaßt wird, der durch eine lebenslange Askese gereinigt und von Gott erleuchtet worden ist.
In den Briefen an die Mönche schreibt der Starez: “Die junge Generation ernährt sich nicht mit der Milch der Lehren unserer heiligen Orthodoxen Kirche, sondern sie läßt sich von irgendeinem ausländischen, trüben, giftigen Geist mitreißen. Wir müssen die europäischen Gebräuche abwerfen, das heilige Rußland lieben und wegen unserer vergangenen Begeisterung für diese Reue üben, fest im orthodoxen Glauben sein, zu Gott beten und Buße tun für das Vergangene. Das wohltätige Europa lehrte uns die äußerlichen Künste und Wissenschaften, aber die innere Güte nimmt es weg und den orthodoxen Glauben bringt es ins Wanken.”
Mit tiefem Schmerz bemerkt Vater Makarij, daß die Christen seiner Zeit nicht die Werke der Heiligen Väter studieren. Daher kommt ihre unklare Vorstellung von dem Ziel des christlichen Lebens und ihr falsches Verständnis des geistigen Tuns und folglich das Erkalten im spirituellen Leben und das Sinken des moralischen Niveaus. Zu allererst bedarf es der richtigen Vorstellung vom Ziel und der Richtungsgebung des geistlichen Lebens des Christen. Aber im spirituellen Leben des Menschen - so lehrt der Starez gleich dem Apostel Paulus - ist in der Regel etwas Gegensätzliches am Werk, das gegen seine guten Absichten kämpft. Der Christ muß während seines ganzen irdischen Daseins nach dem geistlichen Leben streben, dieser Kunst der Künste, und dabei den Grundstein durch die eifrige Befolgung der göttlichen Gebote legen.
Der geistige Pfad - das ist der Weg zu Gott durch moralische Vervollkommnung, das ist der Pfad der Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit bei der Ausführung der Gebote Gottes und dem Kampf mit den Leidenschaften; es ist der Pfad der Reue, der Demut und der Selbstvorwürfe. Der Christ, der aufmerksam auf alle seine Schritte, Worte und Gedanken achtet, gelangt zur Einsicht seiner tiefen Hilflosigkeit und der Unerläßlichkeit der göttlichen Hilfe zur Erlangung des Heils, er lernt Demut und Reue.
Die Lehre des Evangeliums befolgen, sich der Wahrheit nähern kann man in allen Lebenslagen: ob man nun in der Welt lebt oder sich von der Welt lossagt - im Mönchsstand. Aber die Anweisungen des Evangeliums erfüllen und Reue üben ist leichter im Kloster als wenn man in der Welt lebt. Das Wesen des monastischen Lebens liegt im Kampf mit den Leidenschaften. Das Ziel des Mönchtums ist die Gottgefälligkeit, die Angleichung an Gott durch die Erfüllung der Gebote Christi: “Seid daher vollkommen, wie euer Himmlischer Vater vollkommen ist” (Mt. 5,48). Beim Eintritt ins Kloster ist die Abgeschiedenheit eine der wichtigsten Bedingungen, dank derer man die geistige Vollkommenheit erlangen kann. Der Pfad zur Vervollkommnung - so sagt Vater Makarij - “ist ein Pfad des Tragens des Kreuzes”, welches aus dem auf dem Boden unseres Herzens wachsenden Holz gemacht ist. Der monastische Pfad ist ein Weg ständiger Reue und Gehorsamsübung. Die Enthüllung der Gedanken bringt dem im Mönchsstand Lebenden Gewissensruhe, Demut und viele andere Tugenden.
Einen anderen Pfad, der zum inneren Mönchstum führt, sieht Vater Makarij im Ertragen von Trübsal ohne Murren.
Das ganze Leben des Christen und um so mehr das des Mönches muß der Reue geweiht sein. Die Reue auf die Zukunft zu verschieben ist sehr gefährlich. Sogar die Gerechten können die Sünden nicht vermeiden, auch sie fallen wegen ihrer Schwäche... Wer daher die Verbindung mit Gott wiederherstellen möchte, sich Christus nähern möchte, der muß mit Reue und mit Demut beginnen. Nur die aufrichtige und demütige Reue kann den Menschen zu einem Tempel Gottes, zu einem Gefäß Christi des Herrn machen.
Nach den Worten Vater Makarijs kann der Demütige nicht in “Prelest” (Verblendung) verfallen, weil die Demut, die ohnehin schon den niedrigsten Platze einnimmt, niemals fallen kann. Sanftmut und Demut sind uns außerordentlich notwendig: Wie das Licht alles Sichtbare erleuchtet, so zeigt uns die Demut alle unsere Mängel, sie erleuchtet unseren Geist und unser Verständnis. Es ist unerläßlich, Demut im Herzen zu bewahren. “Wenn ihr das Demutspfand in euren Herzen habt und eure Dürftigkeit einseht, dann werdet ihr die Hilfe Gottes in euren Werken erlangen. Im dem Maße wie wir Demut erwerben, gewinnen wir die Ewigkeit.
Ein wirksamer Glauben ist ein Geschenk Gottes. Nach der Lehre des Starzen von Optina wurde diese Gabe dem Menschen mit der Herabkunft Christi des Heilandes geschenkt. “Wenn du auch die Gebetsregel ausführen magst - so lehrt er eine Nonne - aber dich nicht zur Geduld, Demut und Liebe, Gehorsamspflicht und anderen Tugenden nötigst, dann bringt dir die Mönchsregel alleine keinen Nutzen. Dazu ist ja die Regel da, daß wir, indem wir uns mit ihr abgeben, weniger Zeit vergeuden und weniger Neigung zur Sünde haben und beten, daß wir unser Leben nach den Geboten Gottes ausrichten, denn ohne Liebe und Demut wird keines unserer Werke und Opfer von Gott angenommen. Allein durch die Erfüllung der Klosterregel ist es unmöglich, sich vor den Leidenschaften zu hüten, man muß gleichzeitig auch auf das innere Tun achten.
Derjenige, welcher im Gebet vor Gott stehen möchte, muß sich zum Kampf bereiten, weil der Feind unserer Erlösung auf jede Weise versucht den Betenden abzulenken, indem er ihm schlechte Gedanken einflößt, indem er Zorn erweckt gegen diejenigen, die ihn beim Beten stören, indem er die Seele bei auftretenden Schwierigkeiten in Verwirrung und Ungeduld stürzt, oder indem er ihn in Aufregung versetzt.” “Strebt beim Gebet nicht nach erhabenen Zuständen, sondern indem ihr in allem eure Hilflosigkeit einseht, werft euch immerdar nieder vor Gott und ruft Ihn mit Demut und Einfalt an, wie Kinder ihren Vater, indem ihr bedenkt, daß vor Gott ein reuiger Sünder besser ist als ein stolzer Gerechter. Beten muß man auch dann, wenn man im Herzen dem Gebet gegenüber Erkalten fühlt.
Die heiligen Väter schreiben, daß derjenige, der das wahrhafte Gebet erlangt, nicht in Trübsal verfallen wird, wenn auch die ganze Welt gegen ihn aufsteht. Wenn wir uns vom Zorn besiegen lassen, dann sind wir noch weit vom Gebet entfernt; es ist gut, sich davor zu hüten, das Erhabene zu suchen, um nicht in “Prelest” zu fallen. Denn “am Anfang steht das Golgatha des Opfers und dann erst kommt die Herrlichkeit der Auferstehung: die Tröstung im Gebet und hohe Gnadengaben”.
Als Frucht des wahren Gebetes manifestiert sich Demut und Liebe zum Nächsten. Aber die Gabe der Liebe zu Gott - so sagt Vater Makarij - kann man nicht auf einfachem Weg erwerben. Jene, die vorgeben, sie hätten Gottesliebe erlangt, täuschen sich. Die wahre Liebe zu Gott wird einem erst dann zuteil, wenn man alle Gebote Gottes einhält. Wie es denn heißt: “Welcher mich liebt, der hält meine Gebote” (Joh. 14,15).
Der Herr sorgt sich um Seine Geschöpfe und verfügt gemäß Seiner weisen Vorsehung und Vorschau, wen Er bestraft und wen Er belohnt. Seine Wege sind uns unerforschlich. Er sendet uns Trübsal aus Liebe oder als Bestrafung für unsere Sünden oder als Warnung vor der Sünde. Der Herr sagte uns voraus, “daß ihr in der Welt Angst haben werdet” (Joh. 16,33) und die heiligen Apostel lehrten, “daß man durch viele Trübsale ins Reich Gottes eingehen muß” (Apg. 14,22), und wiederum: “Wen der Herr liebhat, den züchtigt Er; Er geißelt aber jeden Sohn, den Er annimmt” (Hebr. 12,6). Man muß tapfer die Trübsal ertragen und glauben, daß sie uns durch den Willen Gottes zu unserem Nutzen wegen unserer vielen Sünden gesandt wurde.
Die Erfüllung des Willens Gottes, Friede und Gleichmut bei allen Lebensstürmen und Gefahren führen dazu, daß der Mensch schon hier auf der Erde Frieden genießt und das Reich Gottes in sich findet, von dem der Erlöser Selber sagte: “Denn siehe das Reich Gottes ist in euch” (Lk.17,21).

 

Bote 1991, 4

Der große Starez Amvrosij Grenkov, 1812-1891

Der erste und hervorragendste unter den Schülern von Hieroschimonachos Makarij war der Hieroschemamönch Amvrosij (Grenkov). Unter der erfahrenen Leitung des großen Starez bildeten sich bei Vater Amvrosij unmerklich jene Erhabenheit des Geistes und jene Kraft der Liebe, deren er bedurfte, als er beim Tod von Hieroschimonachos Makarij das hohe und mühevolle Amt der Starezschaft auf sich nahm.
Am 23. November 1812 wurde im Dorf Bol‚aja Lipoviza des Gouvernements von Tambov und des gleichnamigen Kreises in der Familie des Küsters Michail Fedoroviç und seiner Frau Marfa Nikolaevna Grenkov ein Sohn geboren. Der Neugeborene wurde in der heiligen Taufe Alexander genannt zu Ehren des rechtgläubigen Großfürsten Alexander Nevskij, dessen Gedächtnis am Tag der Geburt des Kindes gefeiert wurde.
In seiner Kindheit war Alexander ein äußerst lebhafter, fröhlicher und aufgeweckter Knabe. Nach dem Gebrauch jener Zeit lernte er anhand der kirchenslawischen Fibel, des Horologions und des Psalters lesen. An allen kirchlichen Feiertagen sang und las er zusammen mit seinem Vater im Chor. Niemals sah oder hörte er irgend etwas Schlechtes, da er in einem streng kirchlichen und religiösen Milieu erzogen wurde.
Als der Knabe 12 Jahre alt war, brachten ihn die Eltern in die erste Klasse der Tambover Geistlichen Lehranstalt. Nach Beendigung dieser Schule trat er 1830 in das Tambover Geistliche Seminar ein. Wie in der Lehranstalt so war Alexander Grenkov auch im Seminar dank seiner reichen Begabung ein sehr guter Schüler. “Grenkov büffelt nicht viel, - so bezeugte einer seiner Kameraden vom Seminar - er kommt einfach in die Klasse und gibt Antworten wie sie im Buch stehen - besser als alle anderen”. Da er von Natur aus einen fröhlichen und lebhaften Charakter besaß, war er immer die Seele der Schar junger Leute um ihn. Die Lieblingsfächer Alexanders im Seminar waren das Studium der heiligen Schriften, Theologie, Geschichte und Literatur. Daher kam ihm der Gedanke ans Kloster überhaupt nicht in den Sinn, obwohl ihm manche Leute dieses vorausgesagt hatten. Ein Jahr vor dem Abschluß des Seminars erkrankte er schwer. Eine Hoffnung auf Wiederherstellung der Gesundheit gab es fast nicht, und er gelobte, daß er im Falle der Genesung ins Kloster gehen würde.
Ein ganzes Jahr Seminarleben, das er im Kreis der fröhlichen Gesellschaft junger Studienkameraden verbrachte, konnte seinen Eifer für das Kloster nicht ungeschwächt lassen, so daß er sich nach dem Abschluß des Seminarkurses nicht sofort entschließen konnte, ins Kloster einzutreten. Eineinhalb Jahre gab Alexander Privatstunden in einem gutsherrlichen Haus. Im Jahre 1838 wurde eine Lehrerstelle an der Geistlichen Lehranstalt der Stadt Lipezk frei, die er annahm.
Aber jedesmal, wenn er an sein Gelöbnis, ins Kloster zu gehen, dachte, empfand er Gewissensbisse. Der Starez selber sagte über diese Periode seines Lebens: “Nach meiner Genesung druckste ich ganze vier Jahre lang herum, ich konnte mich nicht entschließen, so plötzlich mit der Welt abzubrechen und besuchte weiterhin meine Bekannten und wollte auch meine Redseligkeit nicht aufgeben... Da kommst du nach Hause - aber innerlich bist du unruhig, und du denkst: nun habe ich für immer Schluß gemacht, ich werde nicht mehr plaudern. Und siehe da, wieder wirst du eingeladen und wieder fängst du an zu schwatzen. Und so quälte ich mich ganze 4 Jahre lang.” Zur seelischen Erleichterung begab er sich nachts in die Einsamkeit, um zu beten, aber das rief nur den Spott der Kameraden hervor. Damals ging er zum Beten auf den Dachboden und dann in den Wald außerhalb der Stadt. So näherte sich seine Lösung von der Welt.
Im Sommer 1839 fuhr Alexander Michailoviç zusammen mit seinem Freund P.C. Pokrovskij anläßlich einer Pilgerfahrt in die Troize-Sergievaja-Lavra (Dreifaltigkeitskloster des Hl. Sergius) auch nach Trojerukovo zu dem berühmten Klausner Vater Ilarion. Der heilige Gottesstreiter empfing die jungen Männer mit väterlicher Zuneigung, aber Alexander Michailoviç gab er den ganz klaren Befehl: “Geh nach Optina, dort wirst du gebraucht”. Am Grab des ehrwürdigen Sergij, an dem er glühend um den Segen des Heiligen für sein neues Leben flehte, empfand er bei seinem Entschluß, der Welt zu entsagen, den Vorgeschmack irgendeines ungeheuren, alles ergreifenden Glückes. Aber nach seiner Rückkehr nach Lipezk war Alexander Michailoviç nach seinen eigenen Worten, weiterhin unschlüssig. Es geschah jedoch, daß nach einer Einladung, bei der er wieder einmal die Gäste zum Lachen gebracht hatte, das Gott gegebene Gelübde lebhaft vor sein inneres Auge trat, ihm das Glühen des Geistes, das er in der Troizkaja Lavra empfunden hatte, wieder in den Sinn kam, sowie seine früheren langen Gebete, Seufzer und Tränen und der ihm durch Vater Ilarion übermittelte Göttliche Auftrag; gleichzeitig damit empfand er tief die Unbeständigkeit und Wankelmütigkeit seiner Absichten. Am nächsten Morgen war der Entschluß diesmal fest gereift. Da er jedoch fürchtete, daß die Überredungskünste der Verwandten und Bekannten ihn ins Wanken bringen könnten, beschloß er ohne Wissen von irgend jemand nach Optina zu fliehen und nicht einmal die ekklesiastische Obrigkeit der Eparchie davon in Kenntnis zu setzen. Erst als er bereits in Optina war, informierte er den Erzbischof von Tambov über seine Absicht.
Als Alexander Michailoviç am 8. Oktober 1839 nach Optina kam, war noch die eigentliche “Blüte” des Mönchstums am Leben: solche geistige Größen wie Igumen Moisej und die Starzen Ljev (Leonid) und Makarij. Vorsteher des Skits war der ihnen an geistiger Höhe gleichkommende Hieroschimamonachos Antonij, ein Bruder von Vater Moisej, ein großer Asket und Seher. Im allgemeinen war das ganze Mönchstum unter der Führung der Starzen von geistigen Tugenden geprägt: Einfalt (Arglosigkeit), Sanftmut und Demut waren die hervorragenden Züge des Mönchstums von Optina. Die jüngeren Brüder bemühten sich auf jede Weise, demütig zu sein, nicht nur den Älteren, sondern auch ihresgleichen gegenüber; sie fürchteten sogar, irgend jemand durch einen Blick zu kränken und beim geringsten Anlaß baten sie sich sofort gegenseitig um Verzeihen. In ein monastisches Milieu von solch erhabenem geistigen Standard gelangte der neu angekommene junge Grenkov.
Alexander Michailoviç besaß sehr gute Charakterzüge wie z.B. außerordentliche Lebhaftigkeit, gute Auffassungsgabe, Scharfsinnigkeit, Gemeinschaftlichkeit und er hatte die Fähigkeit, alles im Flug aufzunehmen. Er besaß eine starke, schöpferische und reiche Natur. All diese Eigenschaften, die sein Wesen ausmachten, verschwanden in der Folge nicht etwa, sondern im Maße seines spirituellen Wachstums verklärten und vergeistigten sie sich und wurden von Göttlicher Gnade durchdrungen, was ihm die Fähigkeit gab, gleich dem Apostel “allen alles” zu sein, um viele zu retten.
Der geistliche Führer der Optina Bruderschaft, Starez Ljev, nahm Alexander Michailoviç mit Liebe auf und erlaubte ihm, sich vorläufig im Gästegebäude des Klosters niederzulassen. Im Gästehaus wohnend suchte er täglich den Starez auf, hörte seinen Unterweisungen zu und in seiner freien Zeit übersetzte er nach Weisung des Starez das Manuskript “Errettung der Sünder” aus dem Neugriechischen.
Ein halbes Jahr ging der Briefwechsel mit der Eparchie-Behörde wegen seines Verschwindens. Erst am 2. April 1840 erfolge der Erlaß des geistlichen Konsistoriums von Kaluga über die Einreihung Alexander Michailoviç Grenkovs in die Bruderschaft, worauf er bald in das Mönchshabit eingekleidet wurde.
Im Kloster war er einige Zeit Zellendiener von Starez Ljev und sein Vorleser (d.h. er las zur festgesetzten Zeit die Gebetsregel für den Starez, da dieser sich aus körperlicher Schwäche nicht in die Kirche begeben konnte). Seine Beziehung zum Starez war die alleraufrichtigste. Daher behandelte auch der Starez seinerseits den Novizen Alexander mit besonders zärtlicher, väterlicher Liebe und nannte ihn Sascha.
Im November 1840 siedelte Alexander Grenkov vom Kloster ins Skit über, wo er nun unter der direkten Führung von Starez Makarij stand. Aber auch von dort aus ging der neu eingeführte Novize weiterhin um der geistigen Unterweisung willenzu Starez Ljev ins Kloster.
Im Skit war er ein ganzes Jahr lang Küchengehilfe. Sein Dienst erforderte, daß er oft zu Starez Makarij ging, sei es nun um den Segen fürs Essen einzuholen, sei es um zum “Trapeza” (Refektorium) zu läuten oder sei es aus anderen Gründen. Dabei hatte er die Möglichkeit, dem Starez von seinem seelischen Zustand zu berichten und von ihm weise Ratschläge zu empfangen, wie man sich im Fall von Versuchungen verhalten soll. Es ging darum, daß nicht die Versuchung den Menschen besiege, sondern daß der Mensch die Versuchung besiege.
Am Ende seines mühereichen und gottgefälligen Lebens übergab Starez Ljev seinen geliebten jungen Novizen Alexander, in dem er den zukünftigen Nachfolger für die Starezschaft sah, der besonderen Fürsorge seines Mitarbeiters Starez Vater Makarijs und sagte: “Dieser Mensch hängt sich sehr an uns Starzen. Ich bin jetzt schon recht schwach geworden. So übergebe ich ihn dir von einem Schoß zum anderen - handhabe ihn, so wie du meinst”. Es scheint, daß diese Rockschöße der großen Starzen für den ihnen nahestehenden Schüler ein Abbild des von Elias über Elisej ausgebreiteten Schutzmantels waren.
Nach dem Tode von Starez Ljev wurde Bruder Alexander Zellendiener von Starez Makarij. Diesen Gehorsamsdienst führte er vier Jahre lang aus, vom Herbst 1841 bis zum 2. Januar 1846.
Am 29. November des Jahres 1842 wurde er in die Mantia eingekleidet (er erhielt die Mönchsweihe) mit dem Namen Amvrosij, nach dem hl. Ambrosius, dem Bischof von Mailand, dessen Gedächtnis am 7. Dezember begangen wird. Dann folgte die Weihe zum Hierodiakonos, in welcher Würde Amvrosij stets mit großer Ehrfurcht zelebrierte. Nachdem er fast drei Jahre lang Hierodiakon gewesen war, wurde Vater Amvrosij Ende 1845 zur Weihe als Hieromonachos vorgeschlagen. Zu diesem Zweck mußte Vater Amvrosij nach Kaluga fahren. Es herrschte klirrende Kälte und der vom Fasten ausgemergelte Vater Amvrosij zog sich eine starke Erkältung zu, die sogar die inneren Organe ergriff. Seit dieser Zeit wurde er nie mehr richtig gesund.
Am Anfang, als Vater Amvrosij sich noch einigermaßen aufrecht erhielt, kam einmal der hochgeweihte Nikolaj von Kaluga nach Optina. Er sagte zu ihm: “Du sollst Vater Makarij bei der geistlichen Führung helfen, denn er ist nun schon alt geworden. Das ist ja auch eine Wissenschaft, nur keine Seminarweisheit, sondern eine monastische.” Vater Amvrosij war damals erst 34 Jahre alt. Er hatte viel mit den Besuchern zu tun, deren Fragen er dem Starez übergeben mußte sowie die Antworten des Starez an die Besucher. So ging es bis zum Jahre 1846 weiter, als Vater Amvrosij nach einem erneuten Ausbruch seiner Krankheit genötigt war, aus Gesundheitsgründen in den Ruhestand zu treten, da er als unfähig für den Klosterdienst erklärt wurde und fortan vom Kloster unterhalten wurde. Von jener Zeit an konnte er die Liturgie nicht mehr zelebrieren; er konnte sich kaum bewegen und litt an so schlimmen Schweißausbrüchen, daß er sich mehrere Male im Verlauf von 24 Stunden umziehen mußte. Er konnte überhaupt keine Kälte und Zugluft ertragen und nahm nur flüssige Nahrung, die mit dem Reibeisen klein gerieben war, zu sich. Er aß nur sehr wenig.
Ungeachtet dessen klagte er nicht über seine Leiden, sondern betrachtete sie sogar als unerläßlich für seinen geistigen Fortschritt. Voll davon überzeugt und auch aus eigener Erfahrung wissend, daß “wenn auch unserer äußerer Mensch zerstört wird, so wird doch unser innerer von Tag zu Tag erneuert” (2.Kor.4,16), wünschte er sich niemals völlige Genesung. Den anderen pflegte er daher zu sagen: “Ein Mönch soll sich nicht ernsthaft behandeln lassen, sondern sich nur ein wenig kurieren”, um nicht im Bett liegen zu müssen und anderen nicht zur Last zu fallen. So kurierte er sich ständig selber. Da er aus der Lehre der asketischen Väter wußte, daß körperliche Krankheit mehr wert und wirkungsvoller als Fasten, Mühen und andere körperliche Anstrengungen ist, hatte er die Gewohnheit, sich selbst zur Erinnerung und seinen siechen Schülern zur Erbauung und Tröstung zu sagen: “Gott fordert von dem Kranken keine körperlichen Leistungen, sondern nur Ausharren in Geduld und Danksagung”.
Sein Gehorsam dem Starez, Batjuschka Makarij gegenüber war stets widerspruchslos und sogar in den kleinsten Dingen legte er Rechenschaft ab. Nun wurde ihm die Übersetzungsarbeit übertragen und die Druckvorbereitung der Werke der Heiligen Väter. Von ihm wurde die “Leiter” des hl. Johannes, des Abtes von Sinai, in ein leichtes, allgemein verständliches Kirchenslawisch übersetzt.
Diese Periode im Leben von Vater Amvrosij erwies sich als die günstigste für die Ausübung der “Kunst aller Künste”, nämlich des geistigen Gebetes. Einst fragte Starez Makarij seinen geliebten Schüler Vater Amvrosij: “Rate mal, wer sein Heil ohne Leid und Trübsal errang?” Starez Amvrosij selber schrieb diese Errettung seinem geistlichen Führer, Starez Makarij zu. Aber in der Lebensbeschreibung des letzteren heißt es, daß “die Ausübung des geistigen Gebetes, gemessen am Stand seines damaligen spirituellen Wachstums, vorzeitig war und ihm fast geschädigt hätte”. Die Hauptursache dafür war, daß Vater Makarij keinen ständigen Führer in diesem erhabenen geistlichen Tun um sich hatte. Vater Amvrosij besaß jedoch einen äußerst erfahrenen geistlichen Lehrer in der Person von Vater Makarij, der die Höhen des spirituellen Lebens bereits erklommen hatte. Daher konnte er das geistige Gebet tatsächlich “ohne Leid” erlernen, d.h. indem er die Fallstricke des Feindes umging, die den Betenden in Verblendung stürzen, und “ohne Trübsal”, die sich als Folge unserer falschen, aber scheinbar guten Wünsche einzustellen pflegt. Äußeres Leid, wie z.B. Krankheit, wird von den Geisteskämpfern für nützlich und dem Seelenheil zuträglich erachtet. So verlief das ganze monastische Leben Vater Amvrosijs von Anfang an unter der Betreuung weiser Starzen ebenmäßig und ohne besonderes Straucheln, mit der steten Ausrichtung auf immer größere geistige Vervollkommnung.
Und daß die Worte Vater Makarijs sich auf Vater Amvroisij bezogen, kann man auch noch daraus sehen, daß Vater Amvrosij in den letzten Lebensjahren seines Starez bereits eine hohe Vollkommenheit im geistigen Leben erlangt hatte. Denn so wie seinerzeit Starez Ljev Vater Makarij als heilig bezeichnet hatte, so war auch nun die Beziehung von Starez Makarij zu Vater Amvrosij. Das hinderte den Starez jedoch nicht daran, seinem Schüler aus Gründen der Eigenliebe Schläge zu versetzen, wodurch er ihn zu einem strengen Asketen der Armut, Demut, Geduld und anderer monastischer Qualitäten heranzog. Als einst jemand für Vater Amvrosij eintrat und sagte: “Batjuschka, er ist doch ein kranker Mann”, da antwortete der Starez: “Weißt du es denn etwa besser als ich - sind doch Tadel und Rüge für den Mönch Bürstchen, mit denen der Sündenstaub von seiner Seele abgerieben wird; ohne diese verrostet der Mönch.”
Noch zu Lebzeiten von Starez Makarij gingen einige der Brüder zur Enthüllung der Gedanken mit seinem Segen zu Vater Amvrosij. So zog sich Starez Makarij allmählich einen würdigen Nachfolger heran. Und wenn er dann im Vorbeigehen seinen ergebenen Schüler und geistlichen Sohn von einer Menschenmenge umgeben sah und hörte, wie er sich mit den Besuchern zu ihrem seelischen Wohl unterhielt, dann meinte er scherzhaft: “Schaut, schaut doch! Amvrosij nimmt mir ja das Brot weg!” Zuweilen sagte er auch im Gespräch mit Nahestehenden: “Vater Amvrosij wird euch nicht verlassen”.
Zu dieser Zeit waren der geistlichen Fürsorge Vater Amvrosijs bereits die Nonnen der Borisovska-Tichvin Pustyn’ des Gouvernements von Kursk, die sich um der geistlichen Führung willen an die Starzen von Optina wandten, anvertraut. Als sie dann in Optina ankamen, hielt er es für seine Pflicht, sie sofort im Gästehaus aufzusuchen. Mit dem Segen von Vater Makarij unterhielt er sich auch mit weltlichen Besuchern.
Nach dem Entschlafen von Starez Makarij am 7. September 1860 fügten sich die Umstände allmählich so, daß Vater Amvrosij dessen Platz einnahm, obwohl er nicht direkt dazu ernannt worden war. Denn in den zwölf Jahren seiner Starezschaft in Abhängigkeit von Starez Makarij war er schon so gut für diesen Dienst vorbereitet worden, daß er nun ganz und gar seinen Vorgänger ersetzen konnte.
Nach dem Tod von Archimandrit Moisej wurde als Abt Vater Isaak erwählt, der bis zu seinem Ende zu Vater Amvrosij in der Beziehung wie zu seinem eigenen Starez stand. Auf diese Weise gab es in der Optina Pustyn’ keinerlei Reibereien zwischen den führenden Personen.
Der Starez zog in ein anderes Gebäude um, das sich in der Nähe der Skitumzäunung, an der rechten Seite des Glockenturms befand. An der westlichen Seite dieses Hauses wurde ein Anbau, die sogenannte “Chibarka” (Hütte) für den Empfang der Frauen errichtet. Hier stand er ganze 30 Jahre lang auf dem Göttlichen Wachposten, wobei er sich sich dem Dienst am Nächsten hingab.
Der Starez war schon insgeheim ins Schema eingekleidet worden, wahrscheinlich damals, als infolge seiner schweren Erkrankung sein Leben in Gefahr schwebte. Zwei Zellendiener wohnten bei ihm, Vater Michail und Vater Iosif, der zukünftige Starez. Sein Hauptschriftführer war Vater Kliment (Söderholm), der zur Orthodoxie übergetretene Sohn eines protestantischen Pastors, ein gelehrter Mann und Magister der griechischen Literatur.
Das tägliche Leben Starez Amvrosijs begann mit der Zellengebetsregel. Zum Hören der morgendlichen Gebetsregel stand er anfangs um 4 Uhr auf; dann läutete er mit dem Glöckchen, worauf die Zellendiener bei ihm eintraten. Sie lasen die Morgengebete, 12 ausgewählte Psalmen und die erste Stunde. Danach verblieb er alleine im geistigen Gebet. Nach einer kurzen Pause wurden ihm dann die dritte und sechste Stunde sowie die Typica vorgelesen, und je nach dem Kalendertag ein Kanon mit Akathist an den Heiland oder die Gottesmutter, welche er im Stehen hörte.
Vater Amvrosij liebte nicht, wenn man ihm beim Beten zuschaute. Der die Regel vorlesende Zellendiener mußte im Nebenzimmer stehen. Als einmal der Bittkanon an die Gottesgebärerin gelesen wurde, beschloß einer der Hieromönche des Skits zu dieser Zeit zu Batjuschka zu gehen. Die Augen Vater Amvrosijs waren zum Himmel erhoben, sein Antlitz strahlte vor Freude und es wurde von einem derartigen Leuchten erhellt, daß der Priestermönch es nicht aushalten konnte.
Solche Fälle, wenn das von himmlischer Güte erfüllte Antlitz des Starez sich verklärte und von gnadenvollem Licht erleuchtet wurde, ereigneten sich fast immer während oder nach der morgendlichen Gebetsregel in den Morgenstunden.
Nach den Gebeten und dem Morgentee begann der Arbeitstag, nur mit einer kleinen Unterbrechung zur Mittagszeit. Während des Essens stellten die Zellendiener Fragen im Auftrag der Besucher. Manchmal befahl der Starez auch, um seinen benommenen Kopf etwas zu erleichtern, daß ihm ein oder zwei Fabeln von Kprylov vorgelesen werden. Nach einer kleinen Ruhepause begann wieder die anstrengende Arbeit - und so ging es fort bis zum späten Abend. Ungeachtet der äußersten Kraftlosigkeit und dem Krankheitszustand des Starez endete der Tag stets mit der Abendgebetsregel, die aus der kleinen Poveçerie, dem Kanon an den Schutzengel und den Abendgebeten bestand. Die Zellendiener, die den ganzen Tag über die Besucher beim Starez anmelden, hereinführen und wieder hinausbegleiten mußten, konnten sich nun kaum mehr auf den Beinen halten. Der Starez selber lag zuweilen bewußtlos da. Nach der Gebetsregel bat der Starez um Verzeihung für in Tat, Wort und Gedanken begangene Sünden. Die Zellendiener empfingen seinen Segen und gingen hinaus.
Nach zwei Jahren wurde der Starez von einer neuen Krankheit ereilt. Seine ohnehin schon schwache Gesundheit brach nun völlig zusammen. Von dieser Zeit an konnte er sich nicht mehr in die Kirche begeben und mußte in der Zelle kommunizieren. Und solche Verschlimmerungen gab es nicht nur einmal.
Man kann sich nur schwer vorstellen, wie er bei völliger Erschöpfung der Kräfte und an ein derartiges Leidenskreuz genagelt täglich die vielen Leute empfangen und auf die Dutzende von Briefen antworten konnte. Auf ihn trafen die Worte zu: “denn Meine Kraft erreicht ihre Vollendung in Schwachheit” (2. Kor. 12,9). Wäre er kein erwähltes Gefäß Gottes gewesen, durch das der Herr Selber redete und handelte, so wäre solch eine Opferleistung, solch eine gigantische Arbeit durch keinerlei menschliche Kräfte zu erbringen gewesen. Die lebenschaffende Göttliche Gnade war gegenwärtig und wirkte deutlich in ihm.
“Wer seine Gefühle vollkommen mit Gott vereinigt hat - so sagt Johannes Klimakos - lernt im Verborgenen von Ihm Seine Worte”. Diese lebendige Gemeinschaft mit Gott ist auch die prophetische Gabe und jene ungewöhnliche Hellsichtigkeit, über die Vater Amvrosij verfügte. Das bezeugten Tausende seiner geistlichen Kinder.

 

Bote 1991, 5

Führen wir die Worte einer der geistlichen Töchter des Starez an: “Wie leicht ist einem zu Mute, wenn man in dieser engen und schwülen ‘Hütte’ sitzt und wie hell scheint einem alles in ihrem geheimnisvollen Halbdunkel. Wie viele Leute waren schon hier! Sie kamen hierher und vergossen Tränen des Kummers und sie gingen hinaus mit Tränen der Freude; die Verzweifelten gingen getröstet und aufgemuntert hinweg, die Ungläubigen und Zweifelnden als wahre Kinder der Kirche. Hier lebte Batjuschka - die Quelle so vieler Wohltaten und Tröstungen. Weder der Rang eines Menschen, noch sein Vermögen besaßen in seinen Augen irgendwelche Bedeutung. Ihm ging es nur um die menschliche Seele, die ihm so teuer war, daß er, indem er sich selbst vergaß, mit allen Kräften versuchte, sie zu erretten und sie auf den Pfad der Wahrheit zu bringen”.
Von morgens bis abends empfing der von Krankheit niedergedrückte Starez die Besucher. Sie kamen zu ihm mit den allerbrennendsten Fragen, die er sich selbst zu eigen machte und durch welche er in der Minute des Gespräches lebte. Er erfaßte immer sogleich das Wesen einer Sache, legte sie dann mit ungewöhnlicher Weisheit dar und gab darauf seine Antwort. Für ihn gab es keine Geheimnisse, er sah alles. Ein unbekannter Mensch konnte zu ihm kommen und schweigen, aber er kannte sein Leben, seine Umstände und wußte, warum er hierher gekommen war. Seine Worte wurden mit Vertrauen angenommen, weil sie Worte der Macht waren, die sich auf seine Nähe zu Gott gründete und die ihm Allweisheit verlieh. Um nur ein wenig die ungeheuere Leistung Vater Amvrosijs zu verstehen, muß man sich einmal vorstellen, wie mühevoll es ist, jeden Tag mehr als 12 Stunden zu reden.
Der Starez liebte es auch, mit weltlichen frommen Menschen, besonders mit gebildeten Leuten zu reden, von denen nicht wenige zu ihm kamen. Als Folge der allgemeinen Liebe und Hochachtung, die er genoß, kamen auch Katholiken und Personen anderer nicht-orthodoxer Bekenntnisse nach Optina, die mit seinem Segen ebendort zur Orthodoxie übertraten.
Aus Liebe zu Gott hatte Vater Amvrosij die Welt hinter sich gelassen und sich auf den Weg der sittlichen Vervollkommnung begeben. Aber da die Liebe zu Gott im Christentum untrennbar mit dem Opfer der Liebe zum Nächsten verbunden ist, war auch das Werk seiner Vervollkommnung und persönlichen Errettung niemals von dem Opferdienst an den Menschen abgesondert.
Die geistliche Armut oder die Demut bildete die Grundlage des gesamten asketischen Lebens von Starez Amvrosij. Die Demut veranlaßte den Starez, soweit wie möglich seine Mühen und Opfer vor den Neugierigen zu verbergen, entweder durch Selbstanklage, oder durch scherzhafte Aussprüche, oder zuweilen auch durch ein nicht ganz angemessenes Verhalten, oder einfach durch Schweigen und Zurückhaltung, so daß sogar die ihm am nächsten Stehenden ihn zweitweise für den gewöhnlichsten Menschen hielten. Ob es nun Tag oder Nacht war, die Zellendiener gingen nur zu ihm hinein, wenn er ihnen läutete, und nicht anders als mit einem Gebet; daher konnten sie niemals irgendwelche auffallende Besonderheiten bei ihm feststellen.
Selbst in Demut lebend, ohne welche die Errettung der Seele unmöglich ist, wünschte der Starez auch in denjenigen, die Rat bei ihm suchten, diese unerläßliche Tugend zu sehen; zu den Demütigen war er außerordentlich wohlwollend, wie er umgekehrt die Stolzen nicht ausstehen konnte.
Als man ihn fragte: “Darf man Vollkommenheit im geistigen Leben begehren?”, antwortete der Starez: “Man soll nicht nur wünschen, sondern man muß sogar danach streben, sich in der Demut zu vervollkommnen, d.h. darin, daß man sich innerlich für schlechter und niedriger als alle Menschen und alle Geschöpfe hält”. Sobald sich der Mensch gedemütigt hat - pflegte der Starez zu sagen - stellt ihn augenblicklich die Demut an die Schwelle des Himmelreiches, das nicht in Worten, sondern in der Kraft liegt: man soll weniger diskutieren, mehr schweigen, niemand verurteilen und allen Achtung schenken”. Wenn der Mensch sich zur Demut nötigt - so lehrte er einen Mönch - dann tröstet der Herr ihn innerlich, und eben das ist die Gnade, die Gott den Demütigen schenkt”.
“Habt Gottesfurcht, bewahrt eurer Gewissen in all euren Angelegenheiten und bei all euren Schritten und vor allem demütigt euch. Dann werdet ihr zweifellos das große Erbarmen Gottes erlangen”.
In seiner tiefen Demut vergoß Starez Amvrosij trotz seines fröhlichen Charakters und seiner Zurückhaltung nicht selten und gegen seinen Willen Tränen. Er weinte inmitten der Gebetsgottesdienste, die aus irgendeinem Anlaß in seiner Zelle abgehalten wurden, insbesondere, wenn auf Wunsch der Besucher in seiner Zelle ein Moleben mit Akathist vor der von ihm besonders verehrten Ikone “Würdig ist es” der Himmelskönigin zelebriert wurde. Während der Lesung des Akathists stand er neben der Tür, nicht weit von der heiligen Ikone entfernt und gerührt blickte er auf das gnadenvolle Antlitz der Allbesungenen Gottesmutter. Allen und jedem war sichtbar, wie die Tränen über seine ausgemergelten Wangen strömten. Er war stets bekümmert um einige seiner geistlichen Kinder, die an irgendwelchen seelischen Gebrechen litten, und manchmal bemitleidete er sie bis zum Tränenvergießen. Dann wieder weinte er über sich selber, über bestimmte Personen oder er trauerte und litt seelisch um sein ihm so teures Vaterland und um die gottesfürchtigen russischen Zaren. Zur rechten Zeit zeigten sich bei dem Starez auch Tränen spiritueller Freude, besonders wenn er dem harmonischen Notengesang gewisser kirchlicher Hymnen zuhörte.
Der Starez, der aus Erfahrung den Wert des Erbarmens und des Mitleids mit dem Nächsten kannte, ermunterte auch seine geistlichen Kinder zu dieser Tugend und versicherte ihnen, daß sie für das Erbarmen, das sie dem Nächsten erweisen auch von dem barmherzigen Gott Erbarmen erlangen würden...
Seine Ratschläge und Lehren, mit Hilfe derer er die vertrauensvoll zu ihm kommenden Seelen kurierte, gab er entweder privat im Einzelgespräch oder allgemein allen, die gerade bei ihm waren, und zwar in einer ganz einfachen, unzusammenhängenden und nicht selten auch spaßhaften Weise. Im übrigen kann man sagen, daß der scherzhafte Ton der erbaulichen Rede des Starez ein Zug seines Charakters war, was oft ein Lächeln auf den Lippen von oberflächlichen Zuhörern hervorrief. Aber wenn man ernsthafter in seine Lehren eindrang, dann sah man einen tiefen Sinn darin. “Wie soll man leben?” - erklang von allen Seiten eine allgemeine und äußerst wichtige Frage. Und seiner Gewohnheit gemäß antwortete der Starez: “Man muß ohne Heuchelei und beispielhaft leben; dann liegt unsere Sache richtig, sonst kommt sie falsch heraus”. Oder so: “Man kann auch in der Welt leben, nur nicht im Volksgewühl, sondern in der Stille”. Auch diese Aussprüche des Starez zielten auf den Erwerb der Demut ab.
Außer den mündlichen, von Starez Amvrosij persönlich erteilten Ratschlägen, gab er auch denjenigen, die keine Möglichkeit hatten, zu ihm zu kommen, viele Ratschläge schriftlich. Durch diese Belehrungen regte er den Willen des Menschen zum Guten an. “Mit Gewalt wird keiner zum Heil geführt... den Willen des Menschen nötigt nicht einmal der Herr, obwohl er ihn auf vielerlei Weise zur Einsicht zu bringen sucht”. “Das ganze Leben des Christen, und um so mehr das des Mönches, muß in Reue verbracht werden, denn wenn diese fehlt, dann versiegt auch das geistige Leben des Menschen. “Tut Buße” - das ist der Anfang und das Ende des Evangeliums. Die demütige Reue löscht alle Sünden aus und zieht das Erbarmen Gottes auf den reuigen Sünder herab.
Einen großen Raum nimmt in den Briefen des Starez die Erörterung über das Gebet ein. “Es gibt keinen größeren Trost für den Christen, als die Nähe des Himmlischen Vaters zu spüren und sich im Gebet mit ihm zu unterhalten. Das Gebet besitzt eine große Kraft: es flößt uns neues geistiges Leben ein, es tröstet uns im Kummer und ist unsere Stärke und Stütze in Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Gott hört jeden Seufzer unserer Seele. Er ist allmächtig und voller Liebe - welcher Friede und welche Stille ziehen dann in die Seele ein, und aus ihrer Tiefe möchte man sprechen: “Möge Dein Wille in allem geschehen, o Herr”. Das Jesusgebet stellt Starez Amvrosij auf den ersten Platz. Er schreibt, daß wir ständig im Jesusgebet verharren müssen, ohne den Ort oder die Zeit zu begrenzen. Beim Gebet soll man sich bemühen, alle fremden Gedanken abzuweisen, und ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, muß man das Gebet fortführen.
Das in der Demut des Herzens gesprochene Gebet befähigt nach Ansicht von Starez Amvrosij den Menschen, alle vom Teufel herangetragenen Versuchungen zu erkennen und es hilft dem Betenden, den Sieg über sie davonzutragen. Als Anleitung zu einem verständigen Gebrauch des Jesusgebetes verteilte der Starez Broschüren mit dem Titel “Kommentar zum Jesusgebet”.
Wichtig ist auch, daß sich einige Optina-Mönche mit dem Segen des Starez und unter seiner unmittelbaren Überwachung und Führung an die Übersetzung der kirchenväterlichen Werke aus dem Griechischen und Lateinischen ins Russische und an die Zusammenstellung von geistlichen Büchern machten.
Das Erbarmen Gottes ergießt sich über alle, die das Heil suchen, aber besonders ergießt es sich auf jene Erwählten Gottes, die sich vom weltlichen Leben losgesagt haben, die Tag und Nacht unter vielem asketischen Mühen und Tränen versuchen, sich von jedem Makel und allen fleischlichen Begierden zu reinigen. Der Starez führt aus, daß das Wesen des monastischen Lebens im Töten der Leidenschaften und der Erlangung der Leidenschaftslosigkeit liegt. Die monastische Daseinsweise wird als eine engelgleiche bezeichnet. “Das Mönchstum ist ein Geheimnis”. “Das Mönchstum kann man auch als ein Sakrament verstehen, das alle früheren Sünden zudeckt, ähnlich der Taufe”. “Das Schema ist eine zweite Taufe, durch welche die Sünden geläutert und vergeben werden”.
Der monastische Pfad ist die Loslösung von allem Irdischen und das Aufsichnehmen des Joches Christi. Diejenigen, die den Pfad des Mönchstums betreten und gänzlich Christus nachfolgen wollen, müssen vor allen Dingen nach den Geboten des Evangeliums leben. An anderer Stelle schreibt der Starez: “Die Weisen und geistig Erfahrenen sagten, daß die Unterscheidung das höchste ist, während das einsichtsvolle Schweigen das beste von allem und die Demut das Dauerhafteste von allem ist. Der Gehorsam stellt nach den Worten des Johannes Klimakos ebenfalls eine große Tugend dar, ohne die keiner von den in Leidenschaften Verstrickten den Herrn schauen kann”. Daher kann man sagen, daß der allgemeine Gehalt der “Briefe an die im Mönchsstand Lebenden” Nichtmurren, Demut, Selbstvorwürfe, Erdulden von aufkommenden Kümmernissen und Ergebung in den Göttlichen Willen ist.
In den Briefen an weltliche Leute löste der Starez auch gewisse Zweifel hinsichtlich des Orthodoxen Glaubens und der Katholischen Kirche, wobei er Häretiker und Sektierer bloßstellte; er deutete manche wichtige Träume und zeigte auf, wie zu handeln ist. Der Starez schreibt, daß man der Erziehung der Kinder in der Furcht Gottes besondere Aufmerksamkeit schenken müsse. Womit du auch die Kinder ohne Einflößung von Gottesfurcht beschäftigen magst, es wird doch nicht die gewünschten Früchte im Hinblick auf eine gute Moral und ein wohlgeordnetes Leben bringen.
Starez Amvrosij verfügte über eine allumfassende Erfahrung, einen weiten Überblick und er konnte in jeder beliebigen Frage Rat erteilen, nicht nur in bezug auf das geistliche, sondern auch auf das praktische Leben. Vielen weltlichen Leuten gab er auch in ihren Haushaltsangelegenheiten bemerkenswerte praktische Ratschläge. Und die Fälle von Hellsichtigkeit waren zahlreich und oftmals ganz erstaunlich.
Nicht wenige wandten sich an Starez Amvrosij mit der Bitte um seine heiligen Gebete für die Genesung von schweren Krankheiten, und dies taten sie größtenteils in äußerster Not, wenn die ärztliche Kunst versagt hatte. In solchen Fällen riet der Starez meistens, das Sakrament der Letzten Ölung zu spenden, durch welches die Kranken ziemlich häufig gesund wurden. Bei allen gewöhnlichen Krankheiten bestimmte der Starez, ein Moleben vor den örtlichen wundertätigen Ikonen zu zelebrieren, oder er sandte die Kranken in die 18 Werst von Kaluga entfernte Tichon Pustyn’, damit sie dort zu dem gottgefälligen Tichon von Kaluga beteten und in seinem heilkräftigen Brunnen badeten. Die Fälle von Genesung durch die heiligen Gebete dieses Gottesgerechten waren zahlreich.
Übrigens handelte Starez Amvrosij nicht immer so auf Umwegen. Durch die ihm von Gott verliehene Gnade heilte er auch direkt, und solcher Beispiele gab es viele...
Durch viele asketische Übungen reinigte der Starez seine Seele und machte sie zu einem auserwählten Gefäß des Heiligen Geistes, der reich durch ihn wirkte. Die Spiritualität Vater Amvrosijs war so ungeheuer, daß sogar die Intellektuellen des 19. Jahrhunderts auf sie aufmerksam wurden, sie schätzten und von ihr angezogen wurden, obwohl sie in dieser Epoche oft nur wenig Glauben besaßen, von Zweifeln gequält wurden und zuweilen der Kirche und allem Kirchlichen auch ganz feindlich gegenüber standen.
Dem Starez gelang es, einige strenggläubige, wohlhabende Personen zum Bau von Frauenklöstern geneigt zu machen und er selber half auch dabei mit, soviel er nur konnte. Durch seine Fürsorge wurde in der Stadt Kromach des Gouvernments von Orjel ein Frauenkloster gebaut. Besonders viel Sorgfalt verwandte er auf die gute Einrichtung des Gusevskij Frauenklosters im Gouvernement von Saratov. Mit seinem Segen wurden von den Wohltätern die Kosel‚anskaja Ob‚çina (Schwesterngemeinschaft) im Gouvernement von Poltava und die Pjatnizkaja Ob‚çina in Voroneœ eingerichtet. Dem Starez oblag es nicht nur, die Pläne durchzusehen, Ratschläge und den Segen zu dem Werk zu geben, sondern sowohl Förderer als auch Insassen vor verschiedenen Gemeinheiten und Verhinderungen seitens einiger bösgesinnter Weltlinge zu schützen. Aus diesem Anlaß trat er zuweilen sogar in Briefwechsel mit den Hierarchen der Eparchie und den Mitgliedern des Heiligen Synods.
Das letzte Frauenkloster, um das sich Starez Amvrosij besonders bemühte, war die Schwesternschaft von Kazan in Schamordino. Im Jahre 1871 wurde das Gehöft Schamordino, das eine Fläche von 200 Desjäßtinen umfaßte, von einer geistlichen Tochter des Starez, der Witwe und Großgrundbesitzerin Kljuçareva (Nonne Amvrosija) erworben.
Das Kloster von Schamordino befriedigte vor allem jenen brennenden Durst nach Erbarmen den Leidenden gegenüber, von dem Vater Amvrosij stets erfüllt war. Hierher sandte er viele Hilflose. Der Starez nahm den allerlebhaftesten Anteil am Bau des neuen Klosters. Noch vor seiner offiziellen Eröffnung wurde ein Gebäude nach dem anderen gebaut, aber Anwärterinnen für die Gemeinschaft gab es so viele, daß die Unterkünfte nicht genügten. Meistens nahm der Starez in die sich im Aufbau befindende Gemeinschaft Witwen und Waisen, die sich in äußerster Armut befanden, auf, aber auch all diejenigen, die an irgendeiner Krankheit litten und die im Leben weder Trost noch Hort finden konnten. Es kamen jedoch auch Angehörige höherer Töchterschulen, die beim Starez den Sinn und Zweck des Lebens suchten und fanden. Aber mehr als alle anderen bewarben sich einfache Bauernmädchen um Aufnahme. Sie alle bildeten eine eng zusammengehörige Familie, die von Liebe zu ihrem Starez vereint wurde, der sie gesammelt hatte und der sie so heiß und väterlich liebte.
Wer nach Schamordino kam, der war zuerst von dem ungewöhnlichen Aufbau des Klosters beindruckt. Hier gab es weder Vorgesetzte noch Untergebene - alles hing von Batjuschka ab. Man fragte: “Warum ist hier alles so gelöst und frei, und alle sind bereit, seinen Willen auszuführen”. Und von verschiedenen Personen erhielt man ein und dieselbe Antwort: “Nur das gelingt, wozu Batjuschka seinen Segen gibt”.
Da wird beispielsweise ein schmutziges, halbnacktes, von Lumpen bedecktes und vor Schmutz mit Ausschlag behaftetes Kind angebracht. “Bringt sie nach Schamordino” - ordnet der Starez an - dort ist ein Hort für die ärmsten Mädelchen. Hier in Schamordino wurde nicht gefragt, ob der Mensch fähig ist, Nutzen zu schaffen und dem Kloster einen Gewinn zu bringen. Hier wurde nur gesehen, daß die Menschenseele leidet, daß sie keinen Platz hat, um ihren Kopf hinzulegen - und alle wurden aufgenommen, alle wurden versorgt.
Jedesmal, wenn der Starez das Waisenasyl im Kloster besuchte, sangen die Kinder Verse zu seinen Ehren: “Teurer Vater, heiliger Vater! Wir wissen nicht, wie wir dir danken sollen. Du hast uns Unterkunft gewährt, du hast uns gekleidet. Du hast uns aus der Armut errettet.. Sonst würden wir jetzt vielleicht alle mit einem Beutel über der Schulter durch die Welt irren, nirgends hätten wir ein Dach über dem Kopf, und wir müßten mit unserem Schicksal hadern. Und hier beten wir nur zum Schöpfer und rühmen Ihn deinetwegen. Wir bitten den Himmlischen Vater, daß er uns Waisen nicht verläßt”, oder sie sangen den Tropar an die Ikone von Kazan, welcher das Kloster geweiht ist. Ernst und nachdenklich hörte Vater Amvrosij dieses kindliche Flehen, und oftmals rannen dicke Tränen über seine eingefallenen Wangen hinunter. Die Zahl der Schwestern des unter der Obhut des Starez stehenden Klosters überstieg schließlich 500.
Schon Anfang 1891 wußte der Starez, daß er bald sterben würde... Dies vorausfühlend, hatte er es besonders eilig, das Kloster zu bauen. Unterdessen wollte der unzufriedene Bischof selber Schamordino einen Besuch abstatten und den Starez in seiner Kutsche wegfahren. Da fragten ihn die Schwestern: “Batjuschka! Wie sollen wir Vladyka empfangen?” Der Starez antwortete: “Nicht wir werden ihm, sondern er wird uns entgegenkommen”. “Was sollen wir für Vladyka singen?” Der Starez antwortete: “Wir werden ihm Halleluja singen”. Und tatsächlich traf der Bischof den Starez bereits im Sarg liegend an und schritt unter Halleluja-Singen in die Kirche.
Entsprechend der Vorsehung sollte der Starez die letzten Tage seines Lebens im Schamordino-Kloster verbringen. In der letzten Zeit war er sehr schwach geworden, doch keiner wollte glauben, daß er sterben könnte, so sehr war er allen notwendig. “Batjuschka ist kraftlos, Batjuschka ist krank geworden”, hörte man aus allen Ecken des Klosters.
Der Starez hatte starke Ohrenschmerzen und seine Stimme war angegriffen. “Das ist die letzte Prüfung” - sagte er. Die Krankheit schritt ständig fort; zu den Ohrenschmerzen kamen noch Schmerzen im Kopf und im ganzen Körper hinzu, aber der Starez antwortete immer noch brieflich auf Fragen und empfing ein paar Besucher. Bald wurde allen klar, daß der Starez sterben wird.
Als Vater Iosif merkte, daß es mit dem Starez zu Ende geht, eilte er ins Skit, um von dort die für seine Beerdigung aufbewahrten Dinge zu holen: die halbseidene alte Mantia, in die er einst bei der Mönchsweihe eingekleidet worden war, das härene Hemd und auch das Hemd aus Sackleinwand von Starez Makarij, dem gegenüber Vater Amvrosij, wie schon früher erwähnt, sein ganzes Leben lang tiefe Ergebenheit und Hochachtung empfunden hatte. In diesem Hemd befand sich die eigenhändig geschriebene Anweisung von Starez Amvrosij: Unbedingt nach meinem Tod mir überziehen!
Kaum hatte man die Sterbensgebete zu Ende gelesen, begann bereits das Leben des Starez zu verlöschen. Sein Gesicht wurde totenbleich und der Atem wurde immer kürzer. Schließlich holte er kräftig Luft. Nach zwei Minuten wiederholte sich dies. Dann erhob er die rechte Hand, formte sie zum Kreuzzeichen, führte sie zur Stirn, zur Brust, zur rechten Schulter und als er sie zur linken Schulter führen wollte, stieß er kräftig an, und weil ihm dies offensichtlich eine schreckliche Anstrengung gekostet hatte, stockte der Atem. Dann atmete er noch zum dritten und letzten Mal. Es war genau um halb zwölf Uhr, am 10. Oktobers 1891.
Lange noch blieben die das Lager des entschlafenen Starez Umgebenden stehen, da sie fürchteten, die feierliche Minute des Scheidens einer gerechten Seele vom Körper zu verletzen. Alle waren wie gefesselt, sie trauten ihren eigenen Augen nicht und verstanden nicht, ob dies ein Traum oder Wirklichkeit war. Aber seine heilige Seele flog schon in eine andere Welt, um vor dem Thron des Allerhöchsten im Glanz jener Liebe, von der er zu Lebzeiten erfüllt war, zu erscheinen. Hell und friedvoll war das Antlitz des entschlafenen Starez. Ein überirdisches Lächeln erleuchtete es.
Von dem Körper des Verstorbenen strömte bald ein starker Leichengeruch aus. Übrigens hatte er schon vor langer Zeit diesen Umstand seinem Zellendiener Vater Iosif gegenüber erwähnt. Auf die Frage des letzteren, warum dies so sein würde, antwortete der demütige Starez: “Das passiert mir deshalb, weil ich im Leben zuviel unverdiente Ehre empfangen habe”. Aber wunderbar war, daß je länger der Körper des Entschlafenen in der Kirche ruhte, der Leichengeruch immer weniger bemerkbar wurde. Wegen der großen Volksmenge, die im Verlauf von mehreren Tagen und Nächten fast nicht vom Sarg weichen wollte, herrschte in der Kirche eine unerträgliche Hitze, die eigentlich den schnellen und starken Zerfall des Körpers begünstigen sollte, aber es kam umgekehrt. Am Beerdigungstag des Starez ging von seinem Körper schon ein angenehmer Duft wie von frischem Honig aus.
Ganz Rußland trauerte über den Tod des Starez, aber für Optina und Schamordino und für all seine geistlichen Kinder war er unsterblich.
Am Tag der Beerdigung strömten bis zu 8000 Menschen in Schamordino zusammen. Nach der Liturgie vollzog Bischof Vitalij in Konzelebration mit 30 Geistlichen den Ritus der Beerdigung. Sieben Stunden dauerte die Überführung des Körpers des entschlafenen Starez. Während dieser ganzen Zeit erloschen die Kerzen am Sarg nicht ein einziges Mal, nicht einmal das übliche Knistern war hörbar, das sonst auftritt, wenn Wassertröpfchen auf den Docht brennender Kerzen fallen. Zu seinen Lebzeiten war Starez Amvrosij eine geistige Leuchte, der in allen beliebigen Lebensbedingungen mit dem Licht seiner Tugenden die durch ein sündiges Leben sich verzehrende Menschheit hell erleuchtete. Und jetzt, da er nicht mehr war, bezeugte der Herr durch das Brennen der Kerzen bei dem häßlichen Regenwetter noch einmal allen die Heiligkeit seines Lebens.
Am Abend des 14. Oktobers wurde der Sarg mit dem Körper des entschlafenen Starez in das Optina Kloster getragen, am 15. Oktober nach der Liturgie und Panichida hoben die Priester den Sarg auf ihre Hände, und unter dem Vorantragen von heiligen Ikonen und Fahnen begab sich der Trauerzug zu der für ihn bereiteten Grabstätte. Begraben wurde Starez Amvrosij neben seinen Vorgängern den Starzen Leonid und Makarij.
Starez Amvrosij lebt ewiglich, als einer, der große Kraft der Fürsprache vor dem Herrn besitzt. Niemals wird im Volksbewußtsein die Erinnerung an diesen großen Beter des russischen Landes erlöschen.
———————-
Das Wirken dieser drei Starzen gleicht drei aufsteigenden Stufen, über welche sie Optina aus dem Zustand fast völliger Unbekanntheit zum Rang eines gefeierten Klosters emporführten.

 

Bote 1991, 6

Schiarchimandrit Isaakij (Antimonov) 1810-1894

Die wahren Glaubensstreiter Christi, die in der Optina Pustyn’ wirkten, zogen den besonderen Segen Gottes auf diese Stätte herab. Diesen Hauch eines anderen, besseren, ewigen Lebens fühlte jeder, der vielleicht auch nur einmal in Optina weilte. Für viele diente das Leben der Optina-Starzen als Leitstern zu einer höheren Welt inmitten des gefährlichen und stürmischen Lebensmeeres. Und viele gingen erneuert und wiedergeboren von dort weg und voller Kraft, um den schweren, engen Pfad zum ewigen Leben zu beschreiten.

Schiarchimandrit Isaakij (Antimonov) 1810-1894

Schiarchimandrit Isaakij, mit weltlichem Namen Ivan Ivanoviç Antimonov, kam in die Optina Einsiedelei, als diese von noch von Igumen Moisej verwaltet wurde. Auf Rat von Vater Makarij und mit dem Einverständnis des Igumen trat er zuerst ins Skit ein.
Bemerkenswert war, daß er schon bei der Einkleidung als Rjassophor-Mönch 1851 immer strenger gegen sich selbst und eifriger bei der Erfüllung der ihm aufgetragenen monastischen Pflichten wurde. Am 5. Oktober 1854 wurde er mit dem Namen Isaakij in die Mantia eingekleidet. Dann wurde er am 19. Juli 1855 zuerst zum Mönchsdiakon, und am 8. Juli 1858 zum Mönchspriester geweiht.
Als Vater Makarij einmal Metropolit Filaret aufsuchte, brachte er ihm seinen Wunsch zum Ausdruck, daß die Abtwürde in der Optina Pustyn’ nach dem Ableben von Archimandrit Moisej dem Skit-Priestermönch Isaakij übertragen werden möge, wobei er die großen Qualitäten seiner Persönlichkeit pries. Vladyka billigte vollkommen die Ansicht von Vater Makarij, und nun war die Ernennung Vater Isaakijs zum Abt schon eine beschlossene Sache. Als ein diesbezügliches Gerücht dem demütigen Vater Isaakij zu Ohren kam, begab er sich augenblicklich zum Starez, bat ihn um seinen Rat in dieser Angelegenheit und versuchte, die bevorstehende Ernennung abzuschlagen.
Am 7. September 1860 entschlief Vater Makarij nach einem langen, mühevollen und askesereichen Leben in Gott und hinterließ Vater Isaakij der Fürsorge seines unvergeßlichen Schülers und Nachfolgers, des großen Starez Hieroschimonachos Amvrosij.
Nach 2 Jahren entschlief 1862 auch Archimandrit Moisej, und Vater Isaakij mußte ihn nun bei der Verwaltung des Klosters ersetzen. Schwer fiel es dem demütigen Asketen, dem Liebhaber des Schweigens, der einen großen Teil seiner Zeit mit dem Lesen der Werke der heiligen Väter verbrachte, in die er sich zu vertiefen und in der Einsamkeit nachzudenken pflegte, die Last der Verwaltung des Klosters auf sich zu nehmen, welche mit ständigen Sorgen und dem Gerede der Leute verbunden war.
Am 8. September 1864 wurde er durch eine Verfügung des heiligen Synod von Erzbischof Grigorij zum Rang eines Igumen erhoben.
Vor allem beschäftigte sich Igumen Isaakij mit der Vollendung der unter Vater Moisej nicht fertiggebauten Kirche im Namen “Aller Heiligen” auf dem neuen Friedhof. Dann baute er gegen Ende der Sechziger Jahre in der Kirche der Gottesmutter von Kazan eine neue Ikonostase ein, und in der Kirche des Einzugs der Mutter Gottes in den Tempel baute er die alte um; weiterhin wandelte er die Steinfußböden in Holzfußböden um. Im Jahre 1874 nahm Igumen Isaakij, um den Wunsch des 1873 verschiedenen Skit-Vorstehers Vaters Ilarion zu erfüllen, den Bau eines neuen Krankenhauses in Angriff; so errichtete er mit den teilweise von Vater Ilarion selber, teilweise von seinen Verehrern gespendeten Geldern außerhalb der Klostermauern ein großes Gebäude für ein Krankenhaus mit einer dem hl. Hilarion des Großen geweihten Kirche.
Vater Isaak vollendete auch den Bau einer Wasserleitung und erstellte die Gebäude für ein neues Gästehaus, ein Backhaus, eine Küche für den Abt, eine für die Bruderschaft und eine Wäscherei. Umgebaut wurden die Bäckerei, der Block für die Unterkunft der Brüder gegenüber der Kirche der Gottesmutter von Kazan, der in die Behausung des Vorstehers umgewandelt wurde, der Viehstall und die alten Gästehäuser an beiden Seiten des Eingangstores. Unter seiner Verwaltung wurde im Skit mit eigenen Mitteln ein Seitenflügel gebaut, der in Erinnerung an den entschlafenen Starez Makarij den Namen des ehrwürdigen Makarij von Ägypten trägt; in der Folge wurde durch die tatkräftige Mithilfe des Mönches Irinarch Subbotin der Optina Pustyn’ im Kloster ein großer Glockenturm von 750 Pud (1 Pud = 16,38 kg) erworben.
Igumen Isaakij sorgte auch dafür, das Kloster durch den Erwerb eines Waldes für Bau- und Brennholz, den es unbedingt brauchte, sicherzustellen. Zu diesem Zweck kaufte er ein Waldterrain. Zur Ehre von Igumen Isaakij gereicht auch, daß er den Schatzmeister Vater Flavian bei dessen Anstrengungen unterstützte, im Kloster Gemüse- und Obstgärten anzulegen.
Das Kloster hatte einen großen Bedarf an Wachskerzen für kirchliche Zwecke. Daher kam ihm der Gedanke, im Kloster eine eigene Kerzengießerei einzurichten, wo gemäß den kirchlichen Vorschriften Kerzen aus reinem Wachs hergestellt werden könnten. Die Werkstatt wurde 1865 in Betrieb genommen.
Die geistlichen Kräfte waren in erster Linie im Skit konzentriert. Hier bildete Vater Amvrosij, der große Gottgefällige, das Haupt der geistlichen Kämpfer. Daher ist es nicht verwunderlich, daß Vater Isaak, der den Starez schon im Skit kennengelernt und auf seine inständige Bitte hin die Last der Abtwürde auf sich genommen hatte, ihm gleich von Anfang seines neuen Amtes an große Hochachtung, kindliche Liebe, Hingabe und Gehorsam entgegenbrachte. Auf diese Weise versuchte Vater Isaakij im Verlauf seiner langen, fast 32-jährigen Verwaltung des Klosters all die guten Überlieferungen der Optina-Starzen aufrechtzuerhalten, und gleichzeitig sorgte er sich um den geistigen Fortschritt der ihm anvertrauten Bruderschaft.
Im Jahre 1885 wurde Vater Isaakij zum Rang eines Archimandriten erhoben, jedoch ohne seine vorherige Zustimmung.
... Aber von jener Zeit an ließ seine Gesundheit allmählich nach, und daher begehrte er, im Geheimen in seiner Zelle ins große Schema eingekleidet zu werden, was dann auch vom Geistlichen Vater der Bruderschaft, dem Skit-Vorsteher Vater Anatolij, vollzogen wurde. Am 22. August 1894 entschlief er friedlich, im hohen Alter von 85 Jahren im Herrn.

Hieroschimonachos Ilarion (Ponomarev) 1805-1873
Hieromonachos Vater Ilarion, mit weltlichem Namen Rodion Nikitiç Ponomarev, wurde in der Osternacht von 8. auf 9. April 1805 geboren. Seine Kindheit und frühe Jugend verbrachte er im Kreis Novochopersk des Gouvernements von Voroneœ.
Am 13. März 1839 wurde er in die Zahl der Bruderschaft des Optina Skit aufgenommen. Starez Makarij wählte sich Rodion Nikitiç als Zellendiener aus und in diesem Gehorsamsdienst blieb er 20 Jahre lang in der Nähe des Starez, d.h. bis zum Tag von dessen seligem Ende, das am 7. September 1860 erfolgte. Starez Makarij, der auf dem Sterbebett in den letzten Tagen seines Lebens Vater Ilarion - zusammen mit seinem anderen Schüler, Vater Amvrosij - die Fortführung des Starezamtes nach seinem Ende übergab, vertraute viele seiner geistlichen Kinder dessen spiritueller Führung an. Vater Ilarion, der diesen Gehorsamdienst von seinem Starez übertragen bekommen hatte, trug ihn bis zum letzten Tag seines Lebens.
Außerdem wurde Starez Ilarion am 8. April 1863 zum Skit-Vorsteher und allgemeinen geistlichen Vater des Klosters ernannt. Hinsichtlich seines Dienstes am Skit und am Kloster hielt Vater Ilarion mit der größten Genauigkeit in allem - wie im Haushalt, so auch in der Lenkung des geistlichen Lebens - und soweit es ihm die Umstände erlaubten, an der Ordnung fest, die von seinem Vorgänger und Starez, Vater Makarij, eingeführt worden war.
Bis zur letzten Minute ließ der Starez - wie im Verlauf seines ganzen monastischen Lebens - auch nicht einmal von der Ausführung aller im Skit vorgeschriebenen Zellengebete ab, und wenn er zur Teilnahme an den Hl. Mysterien schritt, führt er stets die volle Gebetsregel für die Kommunizierenden aus.
Nachdem er am 18. September 1873 zum letzten Mal die Morgengebetsregel gehört hatte, empfing er in der ersten Morgenstunde die Hl. Mysterien. Um 6 Uhr erfolgte dann das stille, gnadenerfüllte, friedreiche Ende. Bei vollem Bewußtsein und voller Besinnung übergab er seinen Geist dem Herrn.

 

 

Fortsetzung aus Bote 1992, 2


Starez und Skit-Vorsteher Hieroschimonachos
Anatolij (Serzalov) von Optina

Als der große Starez Makarij bereits am Abend seines Lebens angelangt war, führte der Herr auf die Gebete des hl. Johannes des Täufers, des Schutzherrn des Skits, denjenigen herbei, den er dazu bestimmt hatte, zuerst Gehilfe und dann Nachfolger des großen Starez Amvrosij zu werden.
Starez Hieroschimonachos Anatolij wurde am 6. März 1824 im Dorf Boboli des Gouvernments von Kaluga in einer Diakonsfamilie geboren und bei der heiligen Taufe Alexej, zu Ehren des heiligen Alexej des Gottesmannes, genannt.
Die ehrwürdigen Eltern hegten den heiligen Wunsch, ihr Sohn möge einmal Mönch werden und sie erzogen ihn mit bewußter Strenge. Zur rechten Zeit wurde Alexej in die geistliche Lehranstalt von Borovsk gebracht und nach Beendigung des dortigen Kurses kam er in das Seminar nach Kaluga. Im Alter von 14 Jahren erkrankte er schwer, so daß er ein Schuljahr verlor. Durch gute Gesundheit zeichnete er sich nie besonders aus. Die Neigung zum Mönchstum zeigte sich schon früh in ihm, und beinahe wäre er zu den Einsiedlern in den Roslavlschen Wäldern gegangen.
Als der Seminarkurs abgeschlossen war, wurden dem zukünftigen Asketen einige Priesterstellen angeboten, er lehnte diese Angebote jedoch ab. Er trat in den Staatsdienst (Kameralhof), lebte jedoch zu Hause. Mit seiner Mutter, die stets gerne die heiligen Stätten besuchte und mit seiner Schwester Anna begab er sich nun auf Pilgerfahrt zum ehrwürdigen Sergij. Sie besuchten auch Chotkov, wo es ihnen sehr gut gefiel, und der junge Mann überredete seine Schwester, in dieses Kloster einzutreten.
Aber bald erkrankte Alexej und der Doktor stellte Schwindsucht fest. Damals gelobte der Kranke, daß er im Falle der Genesung ins Kloster eintreten würde. Die Eltern segneten ihn mit Freude zu diesem Unternehmen.
In Optina wurde er liebevoll von Archimandrit Moisej aufgenommen. Am 17. November 1862 wurde er mit dem Namen Anatolij zum Mönch geschoren, zu Ehren des hl. Anatolij, des Patriarchen von Konstantinopel, dessen Gedenken am 3. Juli gefeiert wird.
Als die Mutter kam, um sich nach dem jungen Novizen zu erkundigen, empfing sie Starez Makarij mit den Worten: “Gesegnet bist du, edle Frau, welchen guten Pfad hast du deinem Sohn gewiesen!” Der Starez begann nun den Mönch Anatolij im Jesusgebet zu unterweisen und ihn mit Liebe zu führen.
Anfangs arbeitete er in der Küche, wo er nur wenig Schlaf bekam und dazu noch auf dem Brennholz schlafen mußte. In seiner Freizeit ging er tief in den Wald, wo er in der Einsamkeit betete.
Wenn der Starez keine Zeit hatte, segnete er Anatolij sich an Vater Amvrosij zu wenden, und fügte als Erklärung hinzu: “Er ist sehr flink”. Unter der weisen Betreuung der Starzen Makarij und Amvrosij schritt er auf dem Weg des wachsamen und unermüdlichen geistlichen Tuns, indem er sich an der Lektüre des Wortes Gottes und der asketischen Schriften erbaute, so schnell in seiner geistlichen Entwicklung fort, so daß man schon damals seine zukünftige sittliche Größe sehen konnte.
Als Hieroschimonachos Makarij starb, kamen sich die Väter Anatolij und Amvrosij besonders nahe durch den Verlust des von ihnen beiden geliebten Starzen und geistlichen Führers. Starez Amvrosij, der sah, daß Vater Anatolij schon das Maß eines hohen geistigen Niveaus erlangt hatte und allmählich reif wurde, andere zu unterweisen, führte ihn nach und nach in seine Starzen-Tätigkeit ein und machte ihn sozusagen zu seinem Mitarbeiter, ähnlich wie er seinerzeit von Vater Makarij eingeführt worden war.
1870 wurde Vater Anatolij zum Priestermönch geweiht. Im folgenden Jahr wurde er auf Order des Synods vom 3. August 1871 zum Abt des Spasso-Orlovskij Klosters im Gouvernement von Vjatka mit der gleichzeitigen Beförderung zum Archimandriten ernannt, aber wegen der Last der Starzenschaft und der Gehorsamspflicht Vater Amvrosij gegenüber verzichtete er auf diese geistliche Karriere.
Starez Amvrosij, der das geistliche Wachstum Vaters Anatolijs sah, erbat ihn sich zuerst als Gehilfen, und dann als Leiter des Skits. Diese Ernennung folgte bald auf die Weihe zum Priestermönch; und schließlich wurde Vater Anatolij auf Vorschlag Vater Amvrosijs am 13. Februar 1874 zum Skit-Vorsteher ernannt.
Es war gerade die Zeit der Gründung des Schamordino Klosters. Vater Amvrosij, der infolge seiner Krankheit an sein Bett und seine Zelle gefesselt war, benötigte nun besonders die Assistenz von Vater Anatolij, der ihm ein äußerst treuer und ergebener Mitarbeiter bei diesem Werk wurde. Seine Arbeit umfaßte alle Aspekte des Klosterlebens und seiner Bewohnerinnen.
Als in Schamordino eine Kirche gebaut wurde, unterwies Vater Anatolij selber die Schwestern hinsichtlich der gottesdienstlichen Regeln und des Typikons. Als die Kirche schon eingeweiht worden war, lebte und zelebrierte er zwei Wochen lang dort, wobei er die Schwestern in der Gottesdienstordnung und im Singen unterwies. Täglich war er bei allen Gottesdiensten anwesend und lehrte die Schwestern die “Fünfhundert Gebete” (über diese “Fünfhundert Gebete” gibt es eine besondere von Optina herausgegebene Schrift) zu sprechen und vom rechten Chor aus verfolgte er ihre Ausführung.
Batjuschka hatte eine außergewöhnlich gutmütige Natur und war sehr barmherzig. Einundzwanzig Jahre lang diente der Starez seinen geistlichen Kindern, den Insassen des Klosters. Als ein treuer Gefährte in der Askese des großen Starzen und Gründers des Klosters war er ganz der heiligen Sache der Führung der Seelen zur Erlösung ergeben, und richtete alle seine Kräfte auf dieses Werk.
Mit dem Segen von Vater Amvrosij suchten die Nonnen einer mehrerer Diözesen (Kaluga, Moskau, Smolensk, Tula, Orjel, Kursk und eventuell noch anderen) geistliche Führung bei Vater Anatolij.
Vater Anatolij, der selber ein flammender Beter und ein Ausüber des Jesusgebetes war, ermunterte stets die Schwestern dazu, unaufhörlich dieses Gebet zu sagen, wobei er sie darauf hinwies, wie unerläßlich es ist, die Reinheit des Herzens zu bewahren.
Weder Demut noch Geduld kann man ohne Gebetshinwendung zu Gott erlangen. Das Jesusgebet betrachtete er als das Hauptmittel zur Errettung.
An den Tagen der Kommunion - so lehrte Batjuschka Vater Anatolij - ist es besonders nützlich und wichtig, dieses Gebet zu sprechen, und während der Liturgie, wenn man kommunizieren will, soll man auf sich selbst achten, mit niemandem reden und die Gedanken nicht herumschweifen lassen. “Am besten ist es - so schrieb er - in das weiche junge Herz den süßesten Namen einzuritzen, das lichtvolle Gebet: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder. Hier wird der Gipfel aller Freuden, unendliche Seligkeit sein! Dann, d.h. wenn Jesus ins Herz einzieht, begehrst du weder Rom noch Jerusalem. Denn der König mit Seiner Allbesungenen Mutter und allen Engeln und Heiligen wird Selber zu dir kommen und in dir wohnen. Ich und der Vater kommen zu ihm und nehmen Wohnung bei ihm”.
Vater Amvrosij bezeichnete Vater Anatolij als einen großen Starzen und Praktiker des Jesusgebetes: “Ihm ist solche Gebetstiefe und solche Gnade geschenkt - sagte er - wie sie nur einem unter Tausend gegeben wird”, nämlich das geistige Herzensgebet. Am Ende seiner Tage besaß Vater Anatolij dieselben Gaben der geistlichen Erfahrung, des Einblickes in die Geheimnisse der menschlichen Seele und des Wissens um die Zukunft, an denen seine Lehrer, die großen Starzen Makarij und Amvrosij so reich waren.
Nach dem Tode von Vater Amvrosij ließen die Kräfte Vater Anatolijs rasch nach. Er wurde nachdenklich und traurig; schwer empfand er seine geistliche Verwaisung und näherte sich selber bald dem Abend seiner Tage.
Vater Anatolij ertrug seine Krankheit demütig. Am 15. Dezember 1893 empfing er im Geheimen das große Schema, worum nur sein geistlicher Vater Gerontij und einige ihm nahestehenden Personen wußten. Dreieinhalb Monate später, am 25. Januar 1894 während der Kanon für das Scheiden der Seele gelesen wurde, entschlief Vater Anatolij friedlich im 71. Jahre seines Lebens. Er fand seine letzte Ruhestätte nicht weit von den Gräbern seiner großen Lehrmeister.
“Gewähre uns, wahrhaft mit Dir zu kommunizieren am sich niemals neigenden Tage Deines Königreiches!”, schrieb Starez Anatolij. “Warum kennt dieser Tag keinen Abend? Deshalb, weil seine Sonne kein Geschöpf, sondern Jesus Christus Selbst ist. Einmal geht diese Sonne auf und sie geht in unendlichen Zeitaltern nicht unter, verdunkelt nicht, noch wird sie von Wolken überschattet, noch sind ihre Strahlen versengend! Dort scheint unvergängliches Licht! Unerreichbare Schönheit! Ewiger Jubel!”z

 

Starez Schi-Archimandrit Varsonofij (1845-1913) von Optina

Gleichzeitig mit Vater Iosif und Vater Anatolij und vor allem nach ihrem Hinscheiden wirkte in der Optina Pustyn’ der Skit-Vorsteher Igumen Varsonofij (der spätere Schema-Archimandrit) als Starez.
Starez Varsonofij, der in der Welt Pavel Ivanoviç Plichankov hieß und aus einem Adelsgeschlecht stammte, wurde am 5. Juli 1845 geboren. Nach dem Abschluß seiner Ausbildung im Kadettenkorps von Polozk trat er in den Militärdienst ein und diente sich empor bis zum Rang eines Oberst der Kosakentruppen von Orenburg in der Funktion des Kommandeurs einer mobilisierten Einheit und des rangältesten Adjutanten des Kazaner Militärkreises. Aber die geistige Gesinnung, die ihm von seinen ehrwürdigen Eltern schon in der Kindheit eingepflanzt worden war, gewann die Überhand über andere Interessen, und er beschloß, sich Gott zu weihen.
Später erzählte Vater Varsonofij über sich selber: “Täglich ging ich zur Liturgie. So hatte es mich meine Stiefmutter gelehrt, und wie ich ihr nun dafür dankbar bin! Es war zu Hause im Dorf, als ich erst fünf Jahre alt war, da weckte sie mich jeden Morgen um 6 Uhr. Ich hatte keine Lust aufzustehen, aber sie zog mir einfach die Decke weg und zwang mich, aufzustehen, und ich mußte, wie immer das Wetter auch war, eineinhalb Werst zur Kirche gehen. Dank sei ihr für diese Erziehung! Sie war von trefflicher Beharrlichkeit und zog in mir Liebe zur Kirche heran, so wie sie auch selbst stets innig betete”.
Da erkrankte er einmal schwer an Lungenentzündung und befahl seinem Offiziersburschen laut das Evangelium zu lesen; dabei vergaß er sich... und währenddessen wurde ihm eine wunderbare Schau zuteil: er sah die Himmel geöffnet und erbebte ganz vor ungeheurer Ehrfurcht und dem gewaltigen Licht. Sein ganzes Leben zog in einem Moment an ihm vorüber. Er wurde tief durchdrungen vom Bewußtsein der Reue über sein Leben und hörte eine Stimme von oben, die ihm befahl, in die Optina Pustyn’ zu gehen. In seiner Seele vollzog sich eine Wandlung, die geistige Schau öffnete sich ihm und er verstand die ganze Tiefe der Worte des Evangeliums. Nach einem Ausspruch von Starez Vater Nektarij “wurde in einer Nacht durch den Willen Gottes aus einem glänzenden Krieger ein großer Starez”. In der Welt trug er den Namen Pavel, und das an ihm geschehene Wunder erinnert an die wunderbare Berufung seines himmlischen Beschützers, des Apostel Paulus. Pavel Ivanoviç selber, der am Tag der Auffindung der Reliquien des ehrwürdigen Sergij von Radoneœ geboren wurde, betrachtete diesen als seinen Beschützer.
Zur Überraschung aller erholte sich der kranke Oberst recht schnell, wurde wieder gesund und fuhr nach Optina. Als Starez wirkte dort zu jener Zeit Vater Amvrosij, der ihm befahl, alle seine Angelegenheiten innerhalb von drei Monaten zu regeln mit dem Zusatz, wenn er nicht innerhalb dieser Frist komme, ihm dies zu seinem Untergang gereichen würde. Und schon tauchten verschiedene Hindernisse auf. Oberst Plichankov begab sich nach Petersburg, um seinen Abschied einzureichen, aber man bot ihm eine noch glänzendere Stellung an und hielt sein Abschiedsgesuch zurück. Seine Genossen lachten über ihn, die Zahlung der ihm zustehenden Gelder wurde einbehalten, er konnte nicht alles bezahlen, was nötig war und versuchte, Geld zu leihen, aber fand niemand. Aber Starez Varnava vom Gethsemane-Skit half ihm aus der Verlegenheit: er sagte ihm, wo er Geld bekommen könne. Nun beeilte er sich, den göttlichen Befehl auszuführen. Gewisse Personen, die gegen sein Ausscheiden waren, fanden sogar eine Braut für ihn... Einzig seine Stiefmutter war erfreut über seinen Entschluß und segnete ihn zum Mönchspfad. Mit der Hilfe Gottes überwand er alle Hindernisse und traf in Optina am letzten Tag seiner dreimonatigen Frist ein. Starez Amvrosij lag schon im Sarg und er konnte sich gerade noch vor seinem Sarg verneigen.
Im Dezember 1891 wurde Pavel Ivanoviç in die Bruderschaft des dem Vorläufer geweihten Skits aufgenommen. Der Nachfolger Starez Amvrosijs, Vater Anatolij trug ihm als Gehorsam auf, Zellendiener beim Priestermönch Nektarij zu werden. Bei Vater Nektarij durchlief Varsonofij im Verlauf von 10 Jahren alle Stufen des Mönchstums, bis zum Hieromonachos. Außerdem studierte er unter ihm theoretisch und praktisch die Heiligen Väter. Drei Jahre lang begab er sich jeden Abend zu langen Gesprächen zu Starez Anatolij und später zu Vater Iosif.
Im Jahre 1903, als er schon im Rang eines Hieromonachos war, wurde er zum Assistenten des Starzen und geistlichen Vater für das Vater Amvrosij unterstehende Frauenkloster und die Pilger ernannt. Im Japankrieg im Jahre 1904 wurde er in den fernen Osten abkommandiert, um das Lazarett des Hl. Serafim von Sarov zu betreuen, aber nach seiner Rückkehr versah er erneut die Funktion des Geistlichen Vaters.
Im Jahre 1906 berief ihn der hochgeweihte Antonij, der Metropolit von St. Petersburg für eine höhere Funktion, aber aus Demut und Liebe zu einem zurückgezogenen Leben lehnte Vater Varsonofij den Vorschlag des Hierarchen ab und blieb in Optina, wo er 1907 zum Skit-Vorsteher ernannt wurde unter gleichzeitiger Beförderung zum Igumen und Auszeichnung mit einer “Paliza”5 . Ihm wurde die geistliche Betreuung der Bruderschaft und aller Besucher übertragen, mit denen er dann in ununterbrochener geistiger Beziehung stand; dies führte zu einem umfangreichen täglichen Briefwechsel, der nicht weniger als bis zu 4000 Briefe jährlich umfaßte.
Ein strenges Leben, eine große theologische Bildung und eine seltene Besonnenheit zogen ihm sehr bald die Aufmerksamkeit vieler zu. Mit dem Hinscheiden von Erzpriester Johannes von Kronstadt und Starez Varnava vermehrte sich der Zustrom der Pilger nach Optina merklich. Unter ihnen gab es auch viele Personen aus höheren Gesellschaftsschichten und auch Hochschulstudenten beiderlei Geschlechts. Beunruhigt durch verschiedene Gefühle und von Zweifeln verwirrt suchten sie Hilfe und Führung bei Starez Varsonofij, denn bei ihm fanden sie durch die Einwirkung der göttlichen Gnade die entsprechende Heilung.
Batjuschka Varsonofij besaß ein Wesen, das dem der großen Optina Starzen Ljev und Anatolij ein wenig ähnlich war. Seine unbestechliche Gerechtigkeit, Einfachkeit und Geradheit waren allen Hochmütigen, Eigenmächtigen und uneinsichtigen Sündern unerträglich. Er konnte sich niemals verstellen und durchaus keine Doppelherzigkeit ausstehen.
Vater Varsonofij besaß die Gabe der Hellsichtigkeit nicht weniger als die anderen Starzen. Bei ihm kam diese Gabe besonders klar zum Ausdruck. Er hatte Einblick in die Seele des Menschen, was ihn dazu befähigte, die Gefallenen aufzurichten, sie von dem falschen auf den wahren Pfad zu lenken, seelische und körperliche Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben.
Der in die Halbmantia, das Epitrachilion und die Epimanikia gekleidete Starez hielt vor der Beichte Ansprachen. In ihnen deckte er die Seele der Anwesenden anhand verschiedener Vorfälle aus ihrem Leben auf und spielte auf vergessene oder zweifelhafte Sünden an. Dabei blickte er keine Person direkt an, um niemanden zu verwirren und keine klare Aussage zu treffen. So sagte eine junge Frau nach solch einem Gespräch: “Aber dieser Batjuschka hat ja mich beschrieben! Das war ja mein Geheimnis, woher konnte er es nur wissen?”
Nach dieser allgemeinen Beichte nahm der Starez dann noch jedem einzeln die Beichte ab. Ohne zu eilen, stellte er Fragen, hörte die Antworten und gab dann seine Anweisungen. Dabei hatte er zu den Höhergestellten genau dieselbe Haltung wie zu den Allerletzten. Indem er äußerst aufmerksam und mit Liebe mit den Menschen umging, kurierte er ihre Seelen, denn er kannte bis ins Genaueste die seelische Verfassung jedes einzelnen. Und keine Seele ging von ihm, die sich nicht vollkommen geöffnet hätte, die aus Vergeßlichkeit oder aus Scheu, es auszusprechen, irgend etwas unaufgedeckt gelassen hätte. “Wenn man sich an die Grundsätze der Ökumenischen Konzilien halten wollte - so sagte Vater Varsonofij - dann müßte man allen eine Epitimie auferlegen und viele Leute sogar zeitweise aus der Kirche ausschließen, aber wir sind hilflos, schwachen Geistes, und daher vertrauen wir auf das unendliche Erbarmen Gottes”.
Indem er die Kommunikanten segnete, riet er ihnen nach der Veçernja, bei der die Kanons gelesen werden, nichts mehr zu essen bis zum Empfang der hl. Geheimnisse. In Ausnahmefällen gestattete er, etwas Tee zu trinken. Manchmal befällt einen am Tag der Kommunion eine bedrückende Stimmung, aber man soll dem keine Achtung schenken und nicht verzweifeln, da der Teufel sich an diesem Tag besonders gegen den Menschen rüstet und ihn hypnotisiert. Hypnose ist eine böse, unchristliche Kraft. Durch diese Hypnose verwirrt der Teufel auch uns Priester, wenn wir die Liturgie vollziehen. Er riet davon ab, am Tag der hl. Kommunion einen Mittagschlaf zu halten.
Vater Varsonofij sagte: “Vor dem Ende der Liturgie soll man nicht aus der Kirche gehen, sonst gewinnt man nicht die Gnade Gottes. Es ist besser gegen Ende der Liturgie zu kommen und zu bleiben, als vorzeitig hinauszugehen”. “Da werden bei uns in der Kirche die Hexapsalmen gelesen, und die Leute gehen oft während dieser Zeit aus der Kirche hinaus. Sie verstehen und fühlen ja gar nicht, daß die Hexapsalmen eine geistige Symphonie darstellten, das Leben der Seele, welches die ganze Seele erfaßt und ihr höchste Labsal verschafft”.
Während der ganzen Zeit seines Daseins in Optina verließ der Starez niemals das Kloster und fuhr nur weg, wenn es die Gehorsamspflicht erforderte. Seine letzte Ausfahrt war im Jahre 1910 zum Bahnhof Astapovo, um den sterbenen Graf L. Tolstoj zu bekehren und ihn auf den Tod vorzubereiten, aber, wie jedermann weiß, ließen ihn die Begleiter des Grafen zum allgemeinen Leidwesen aller Orthodoxen und von Vater Varsonofij selber nicht hinein.
Am 5. April 1912 wurde Vater Varsonofij zum Archimandrit befördert und von Optina auf die Stelle des Vorstehers des Staro-Golutvino Klosters versetzt. Traurigkeit und Trübsal herrschte im Kloster, alle waren irgendwie ungewöhnlich in sich selbst zurückgezogen und liefen mit herabhängenden Köpfen herum, als ob Optina etwas ganz Wertvolles und Wesentliches verlieren würde. In Golutvino führte er einen ungeheuer großen Briefwechsel mit seinen geistlichen Kindern; vom Mittagessen bis zum späten Abend empfing er die Leute, die aus allen Ecken Rußlands angefahren kamen.
Und während so die orthodoxen Gläubigen von überall her zur Erleichterung ihrer psychischen und physischen Nöte zum Starez strömten, ereilte die Krankheit Batjuschka Varsonofij selber. Irgendwie schleppte er sich das ganze Jahr 1912 durch, aber vom Beginn 1913 an begann er rasch an Kraft zu verlieren... Genau 365 Tage waren seit seiner Abreise aus der Optina Pustyn’ vergangen, und damit sollte nach der verschlüsselten Weissagung der seligen Paraskeva von Sarov auch das Ende Batjuschkas zusammenfallen.
Batjuschka litt sehr und stöhnte sogar zuweilen. Außer den gottgefälligen Heiligen und der Mutter Gottes, die er besonders liebte, rief er auch die Starzen von Optina an, indem er betete: “Batjuschka Ljev, Batjuschka Makarij, Batjuschka Amvrosij, Batjuschka Ilarion, Batjuschka Anatolij, Batjuschka Iosif, steht mir durch eure heiligen Gebete bei!”
Am 1. April 1913 um 7 Uhr 7 Minuten morgens legte er seine reine Seele in die Hände des Herrn, den er so geliebt hatte und um dessetwillen er sich sein ganzes Leben lang bis zur letzten Minute gekreuzigt hatte. Sogleich wurde der Körper des Starzen gewaschen und in das große Schema eingekleidet, das er schon 1910 im Geheimen empfangen hatte und in dem er in den Sarg gelegt zu werden geboten hatte.
Zum großen Trost seiner geistlichen Kinder erlaubte der Heilige Synod, ihn in der Optina Pustyn’ beizusetzen, wohin dann sein Körper überführt wurde. Hier, in der Nähe der Grabmäler der großen Starzen von Optina und gegenüber dem Grab des Hieroschimonachos Pimen und neben dem großen Starez Anatolij, seinem geliebten geistlichen Vater und Führer, fand auch Starez Varsonofij seine letzte Ruhestätte. Der große Starez verlosch und legte sich zur Ruhe in seinem geliebten Optina. Das hölzerne Kreuz und das still auf ihm glimmende ewige Licht erinnern jeden an die letzte christliche Pflicht dem Entschlafenen gegenüber: nämlich sich ehrfürchtig zu bekreuzigen und zu Gott zu rufen, der Herr über die Lebenden und die Toten ist: “Laß ruhen, o Herr, die Seele des Entschlafenen! Ewiges Gedenken sei ihm!”

5 Ein viereckiges Tuch, Zubehör des bischöflichen Ornats