Erzbischof Paul

Feierliche Verherrlichung der Starzen von Optina

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1990, 4

90 Meilen südlich von Montreal liegt in einer waldigen bergigen Gegend, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten der Verklärungs-Skit. Die Nordrussische Architektur der Skit-Kirche schmilzt harmonisch mit der sie umgebenden Natur zusammen, die so sehr an den Norden Rußlands erinnert. Es scheint, daß man eine vertraute Landschaft der Leinwand Levitans vor sich hat. Derselbe zart-blaue Himmel, dieselben schlanken Birken und mächtigen Tannen. Und daneben die Wiese und der bescheidene Friedhof. All dies kommt einem so bekannt und so wehmütig heimatlich vor.
Hier fand am 8. Mai 1990 die Eröffnung des Bischofskonzils der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland statt. Nach der Göttlichen Liturgie zelebrierte der hochgeweihte Erzbischof Antonij v. Los Angeles ein besonderes Moleben vor dem alten Heiligtum der Russen - der wundertätigen Gottesmutter- Ikone von Kursk - und flehte um die Herabsendung der gnädigen Hilfe des Hl. Geistes für die Arbeit des Konzils. Es hatten sich 13 Hierarchen aus Amerika, Kanada, Europa, Australien und Rußland versammelt. Im Verlaufe von 5 Tagen fanden morgens und nachmittags, und manchmal auch abends Sitzungen statt. Täglich feierte man die Göttliche Liturgie, die reihum von den am Konzil teilnehmenden Hierarchen zelebriert wurde. Auf diesem Konzil sollte neben der Bearbeitung aller notwendigen kirchlichen Angelegenheiten ein großes Ereignis stattfinden - nämlich die Verherrlichung der ehrwürdigen Starzen von Optina, die zum Ruhme der Russischen Orthodoxen Kirche und ihrer Frömmigkeit gereichen. Zur Vigil am Samstag, dem 13. Mai, begaben sich alle Konzilsteilnehmer nach Montréal und zelebrierten in voller Zahl zum letzten Mal eine Panichida für die Starzen in der Nikolaus-Kathedralkirche. Es war ein wahrhaft großartiger Anblick: die hochgeweihten Bischöfe in "Mantya" und mit dem "Klobuk" auf dem Haupt schritten mit dem Ersthierarchen, Metropolit Vitalij, an der Spitze in die Mitte der riesigen Kirche, die durch die vielen brennenden Kerzen von einem flackernden Licht erfüllt war. Ehrfürchtig lauschten die Gläubigen den ewig weisen Worten der Panichida, die uns mit dem Tod aussöhnen.
Dann begann unter Teilnahme zahlreicher Gläubiger feierlich die Nachtwache. Sie dauerte fünf Stunden, aber keinem kam sie lange vor. Der Gottesdienst ergriff die Seele, der wunderbare Gesang bewegte und besänftigte die Gemüter. Man empfand sozusagen die wirkliche Gegenwart der Starzen, wie einst dort in Optina. Man fühlte, daß hier ein großes kirchliches Geheimnis vollzogen wurde, daß uns weder Zeit noch Raum mehr von ihnen trennen. Mit dem Herannahen des Höhepunktes der Feier, nämlich des "Veliçanie" (Lobgesang) an die Starzen wuchs diese Empfindung immer mehr. "Wir rühmen und preisen euch" - sang der Chor der Geistlichen. Dann kam der allerfeierlichste Augenblick. Der Metropolit steigt von seinem Sitz zum Analogion herab, auf dem die mit einem Schleier verdeckte Ikone liegt. Zu ihren beiden Seiten stehen zwei Protodiakone. Der Metropolit verbeugt vor ihr. Dann erheben die Protodiakone die Ikone auf Schulterhöhe, und der Metropolit nimmt den Schleier von ihr ab. Nun erscheint die Ikone vor dem ganzen Volk. Mit dem Schleier wurde auch unsere Sündhaftigkeit abgenommen, die uns von den Starzen fern hält. Der Himmel stand uns in diesem Augenblick, als die Ikone dem Blick aller zugänglich wurde, offen. Der himmlische Reigen der göttlichen Starzen von Optina! Sie strahlen Liebe und Güte, Mitgefühl und Wärme aus, durch welche sie zu ihren Lebzeiten Hunderttausende zu sich zogen. Jetzt sind sie uns wieder nahe und zugänglich. Und man braucht nun nicht mehr in das ferne Optina zu reisen, um ihren Segen zu erhalten. Nun sind sie überall und allerorten mit uns! So ergoß sich das Erbarmen Gottes in dieser Verherrlichung auf die Russische Kirche und schenkte uns allen innerliche Bereicherung.
Besonders erfreulich war die Anwesenheit der wundertätigen Ikone der Mutter Gottes "Von-der-Wurzel" von Kursk bei der Kanonisationsfeier - das Fest stand unter dem Schutz der Allerreinsten Selber. Mit Ehrfurcht näherte sich das orthodoxe Volk der Wundertätigen Ikone, dem Kästchen mit den Reliquien der göttlichen Starzen Amvrosij und Nektarij und der Ikone aller neu-verherrlichten Starzen. Der Metropolit salbte alle Anwesenden mit Öl aus der Lampe von den Reliquien des hl. Amvrosij von Optina.
Als sich die Teilnehmer nach der Vigil zum Abendessen in dem Gemeindesaal der Kirche versammelten, sagte ein Anwesender im Überschwang der Freude: "Das ist ja heute ein zweites Ostern für uns!", und alle fühlten, daß es tatsächlich so war.
Am folgenden Tag wurde in der Kathedralkirche die Göttliche Liturgie von dem Ersthierarchen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, Metropolit Vitalij, unter Konzelebration aller hochgeweihten Mitglieder des Bischofskonzils und 40 weiterer Geistlicher gefeiert. Zahlreiche Gläubige, nicht nur aus den Gemeinden Kanadas, sondern auch aus den USA, waren zu diesem Fest zusammengekommen.
Allen war es licht und freudig zumute. Diese glückliche Empfindung hielt während des ganzen Gottesdienstes an, der entsprechend der Bedeutung des Tages majestätisch, feierlich und prächtig war. Die Gläubigen empfingen die hl. Kommunion aus drei Kelchen. Am Ende der Liturgie hielt der Metropolit eine Predigt über den Geist des Gehorsams, der die ehrwürdigen Starzen von Optina auszeichnete, und über seine Bedeutung für das geistliche Leben. Der Gottesdienst endete mit einer feierlichen Prozession um das Straßenviertel, in dem sich die Kathedralkirche befindet. Die Fahnen, die Ikonen, der Chorgesang des Osterkanons und die Anrufung der Starzen von Optina, die große Anzahl der Gläubigen und Geistlichen mit dem Ersthierarchen an der Spitze und den anderen Hierarchen in ihren weißen, österlichen Ornaten - all dies schuf eine freudige und lichte Stimmung. Wahrhaft würdigte uns der Herr, Sein Osterfest noch einmal zu erleben!
Die Feierlichkeit endete mit einem Festbankett, während dessen die Lebensbeschreibung des größten der Starzen von Optina, des ehrwürdigen Amvrosij, vorgelesen wurde. So also erfolgte die Verherrlichung der Schar der Starzen von Optina durch die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland am Sonntag, dem 13. Mai 1990, an dem man des Gesprächs Christi mit der Samariterin am Jakobsbrunnen gedenkt. An diesem erhabenen Tag gewährte der Herr uns allen, aus der Quelle des Lebendigen Wassers zu schöpfen und zur Rettung unserer Seelen aus ihr zu trinken.

Erzbischof Paul