Akzente einer Pilgerfahrt (Hl. Land)



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1992, 6

Wenn man sich nach Jerusalem begibt, muß man zuerst entscheiden, ob man diese Fahrt als Tourist oder als Pilger unternimmt, denn mit den Augen eines Reisenden betrachtet sieht alles ganz anders aus, als mit denen eines Pilgers. Für uns Pilger war diese Frage vorab entschieden, und deshalb spürten wir schon am ersten Tag den krassen Gegensatz zwischen dem uns umgebenden pulsierenden Lebensrhythmus, dem bunten Kaleidoskop des Alltags – und der uns erfüllenden gesättigten Atmosphäre beschaulicher Spiritualität. Dieses Gefühl der Trennung von der brodelnden Äußerlichkeit war während der ganzen Pilgerreise vorherrschend – still und berauschend. Seltsame Entfremdung! “Jerusalem! Jerusalem! Du tötest die Propheten und steinigst die, die zu dir gesandt sind...” (Mt 23,37). Diese steinernen Gassen, durch die man geht, sind schweigende Zeugen der größten und zugleich der schändlichsten Ereignisse der Geschichte. Jerusalem – die Heilige Stadt.
Für die Christen ist der Ort mit der größten Anziehungskraft – die Grabeskirche. Wir haben sie bei der Ankunft sofort besucht. Das Grab Christi ist der Ort der Auferstehung. Aber das Schiff der Auferstehungskirche innerhalb der Grabeskirche verläuft in der Gegenrichtung, führt von der Grabkapelle weg. Der Zugang aber liegt am Eingang zum Grab selbst. Hier muß man vorbei. Unter demselben Dach vereint sind auch Golgotha, der Salbungsstein, wo der vom Kreuz heruntergenommene Leib des Herrn mit Myron gesalbt wurde, und tief unten die Zisterne, wo zu Zeiten der Hll. Kaiser Helena und Konstantin das weggeworfene Kreuz des Herrn aufgefunden wurde. Unter einer hohen Kuppel inmitten einer Rotunde – die Grabkapelle. Zunächst betritt man einen winzigen Vorraum: die “Kapelle des Engels”, deren Mitte eine kleine Säule bildet – in einer Art marmornen Kelch gefaßt ist hier das Fragment des Steins, der den Grabeingang verschloß: “ein Engel des Herrn stieg vom Himmel herab, trat herzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf... und sprach...” (Mt 28,2-5). Hier muß man warten, solange die anderen in Dreiergruppen ins Grab selbst eintreten. Völlige Stille. Man läßt die Welt vollends hinter sich. Der Atem stockt. Danach folgt alles wie im Traum. “Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr such Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn Er ist auferweckt worden, wie Er gesagt hat. Kommt und seht den Ort, wo Er gelegen hat” (Mt. 28,5-6). Klein, sehr niedrig und eng ist der Eingang zum eigentlichen Grab Christi. Nur tief gebeugt kommt man durch ihn in die Grabhöhle. Rechts ist die Marmorplatte, wie ein Bettlager. Sie deckt das in den Fels gehauene Troggrab ab. Wir knien nieder, küssen den Ort, wo Sein Leib ruhte...
Rückwärts und gebeugt bewegt man sich wieder in die “Engelskapelle”, und dann plötzlich draußen vor der Grabkapelle sieht man dann umgebende Kirche neu, ihren stimmungsvoll-unauffälligen steinernen Prunk. Hier feiern im Tagesverlauf nach streng festgelegter Ordnung die Griechisch-Orthodoxen, die römischen Katholiken, Armenier, Kopten, Syrer und Abessinier je ihre Gottesdienste minutengenau. Im Kirchenraum wimmelt es bei unserem ersten Besuch von Menschen. Aber es gibt auch ganz stille Zeiten. Es genügt nicht, nur einmal hierherzukommen. Immer wieder zieht es einen hierher. Und darüberhinaus gibt es hier noch so vieles anzusehen: die Kapelle der Auffindung des lebensspendenen Kreuzes, die Geißelungssäule Christi, die Adamskapelle, die Grabstätten des Hl. Nikodemus und des Hl. Joseph von Arimathäa. All das gilt es, sich einzuprägen, für immer im Herzen zu behalten.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen zusammen in unserem tränengerührten Gebet am Grab des Herrn. Die Freude der Auferstehung liegt noch weit vor uns. Der Kreuzweg steht bevor. Ja, die Steine sprechen in Jerusalem, vermitteln das Gefühl selbst Teilnehmer der Tragödie zu sein, die die all diese Jahrhunderte nicht aufhört, die Welt im Innersten zu erschüttern. Zur linken ist die Residenz von Pilatus – das Praetorium – rechts: die Pferdeställe. Hier ist der äußere Hof das “Lithostroton” Gedenkort der Verspottung und Dornenkrönung. Das ist die Szene des unbegreiflichen Schauspiels, in dem der Sündenlose, der wahrhaft Freie und befreiende Gottessohn, sich erniedrigen und lästern, als König verhöhnen ließ. Und hier wurde das Urteil über Ihn gesprochen. Hier – Ihm das Kreuz auferlegt. Wir knien auch in der Kerkerzelle, wo Seine Füße durch zwei in den Felsstein geschlagene Löcher gesteckt und gefesselt wurden. Hier verbrachte Er die Stunden vor dem endgültigen Urteil der weltlichen Obrigkeit. Und schließlich gehen wir die Schmerzensstraße entlang, die nach Golgotha führt, zur jetzigen Grabeskirche. Wie zu Christi Zeiten ist auch jetzt die Gasse mit lärmendem Menschengewoge erfüllt. Sehen wir nicht, wie Christus schwankt unter der Last des Kreuzes, umringt von höhnenden Begleitern? So gehen wir geneigten Hauptes und werden uns dessen inne, wie sehr wir geneigt sind uns selbst immer nur als Opfer zu erleben und uns damit selbst an die Stelle jenes Reichen zu setzen, der in Christi Gleichnis den armen Lazarus mißachtete, und so dessen verlustig gehen, wirklich der Leiden Christi teilhaftig zuwerden. Was heißt es denn: das Kreuz auf sich nehmen? Sind wir willens, uns dem Willen Gottes und allen Entbehrungen mit Freude und in Demut und ohne Rebellion gegen Gott zu unterwerfen? Werden wir diese Kunst lernen, in Geduld zu wachsen, um die Standhaftigkeit im Glauben und der Treue zu erwerben?
Die Erkenntnis, daß nur durch viele Arbeit an sich selbst die Reinigung von den Leidenschaften zu erlangen ist, festigt sich in uns durch das Miterleben einer Weihe von zwei Nonnen im russischen Ölberg-Kloster. Schon der erste Eindruck vom Eleon-Kloster ist: dies ist ein gesegneter Ort Gottes. Stille und Ruhe herrschen hier. Prachtvoll und großartig wirkt die innere Ausstattung der an sich keineswegs großen Kirche, deren Ikonostase und Ornamentik auf den Stil der Imperialzeit hinweisen. Aber auf dem Steinfußboden ist Märtyrerblut aus der Zeit der Persereinfälle. Und immer wenn wir aufgewühlt von den Erlebnissen in der Altstadt hierherkommen, gleiten wir so leicht in die Gebetsatmosphäre, die von der Geisteskraft der russischen Seele durchdrungen ist. Engelhaft klingen mir die Stimmen der Nonnen, laden zum gemeinsamen Gebet ein... Stimmt es, daß manche zur Kirche gehen, nur um dort die Gesänge zu genießen? Die Frage, ob der orthodoxe Gottesdienst nicht doch von der ästhetischen Seite her überwältigt, kommt nicht von ungefähr – all die bunten Prozessionen und Priestergewänder, schöne Musik, der wohlriechende Nebel des Weihrauchs!... Aber die von uns erlebten dreitägigen Festlichkeiten Ende August, die ausschließlich im Zeichen des Entschlafens der Allerheiligsten Gottesmutter stehen und aus deren Anlaß viele Griechen nach Jerusalem kommen, eröffnen uns eine ganz andere Perspektive. Die Form der Liturgie spielt zwar eine wichtige Rolle und zeigt dabei in den verschiedenen orthodoxen Orts- und Landeskirchen gewisse Differenzen in Art und Aufbau, auch was die Fülle betrifft, aber all das beeinträchtigt ihren Sinn und Inhalt in keiner Weise, lenkt nicht auf das Äußere ab und hindert keinesfalls das wahre Gebet. Nach dem Übertragen des “Grablinnens” (einer Gottesmutterikone) in die Grabeskirche Mariens am Fuße des Gartens Gethsemane, erlebten wir das besonders klar in der Kirche “Kleingaliläas” oben auf dem Ölberg, als wir die griechische Liturgie mitfeierten, sowie dasselbe am darauffolgenden Abend, als der Akathistos zum Entschlafen der Gottesmutter in Ihrer Grabeskirche tief unter der Erde gesungen wurde, am Vorabend der eigentlichen Beisetzungsfeiserlichkeiten. Dem Ohr, das die Mehrstimmigkeit verwestlichter Melodiearten gewöhnt ist, kommt die melismatische Form des Singens bei den Griechen fremd vor, aber als sich mitten in der Liturgie in “Kleingaliläa” ein kleiner Chor von Nonnen aus dem russischen Kloster anschließt, da erweist es sich, daß für alle, gleich welcher Nationalität, die Liturgie nur eines ist: Einmütigkeit der Herzen in freudiger Dankbarkeit, Darbringung an Gott.
Am Tage des Entschlafens sind wir in der Kirche der Hl. Maria Magdalena, die mit dem Gethsemane-Nonnenkloster zur Russischen Kirchlichen Mission gehört. (Diese Kirche wurde im Beisein der russischen Großfürstin Elizabeth Feodorovna geweiht, der künftigen Neumärtyrerin, deren Gebeine nun in dieser Kirche ruhen). Das Erlebnis der bischöflichen Liturgie mit dem Ritus der Panhagia im Gedenken an die heiligen Augenblicke des Entschlafens der Gottesgebärerin, erweitert sich noch, als wir die Ikone der Gottesmutter im Hof der Kirche verehren, die über dem Stein aufgehängt wird, wo die Allerheiligste ihren Gürtel dem Apostel Thomas übergab. Voller Ehrfurcht gehen wir hernach weiter durch den Hof in Gethsemane und kommen zur Höhle, wo Christus mit Seinen Jüngern war zum letzten Mal, bevor er gefesselt durch das Kidrontal zum Synhedrion hinübergeführt wurde. Und dann sehen wir auch mit eigenen Augen die von den Archäologen freigelegten Stufen des Weges, über die Er wenige Tage zuvor aus Bethanien den Ölberg herabkam, um auf der gegenüberliegenden Seite geradewegs nach Jerusalem zum Goldenen Tor einzuziehen – in den Tempel.
Ja, man verliert die Vorstellung von Zeit in diesem von Ereignissen durchwirkten Raum. Zwei Jahrtausende zurück folgen wir den Spuren des Herrn in Judäa und auch Galiläa. Die unbeschreibliche Regung bei der Verehrung der Stätte der Himmelfahrt – vierzig Tage nach der Auferstehung – am Ölberg weitet sich noch auf dem Berge Tabor, wo der Herr – vierzig Tage vor Seiner Kreuzigung – Seine Herrlichkeit in der Verklärung des Leibes offenbarte. Hinzu kommt, einerseits, über dem Galiläischen Meer – der Berg der Seligpreisungen, und andererseits der Berg der Versuchung über der Stadt Jericho, dieser archäologisch ältesten und zugleich geographisch tiefstgelegenen Stadt der Erde, nahe des Toten Meeres...
Unvergeßlich rührend ist der Besuch in Lidda beim hl. Großmärtyrer und Siegesträger Georg, wo wir vor seinen Gebeinen und Fesseln niederfallen. Einen Teil dieser Ketten verehren wir auch im Kloster, das auf dem ehemaligen Landgut seiner Mutter steht.
Unzählig sind die Orte im Heiligen Land, die als Stationen des Lebens Christi, Seiner Propheten und Märtyrer verbunden sind. Abrahams Eiche bei Hebron – immer sind Kirchen oder Klöster dort errichtet, wo Gebeine und Reliquien aufbewahrt werden, oder ganze unverweste Leiber von Heiligen. So verehren wir auch den Leib des hl. Johannes aus Rumänien (gest. 1960) im Wüstenkloster des Hl. Georg Hosebit. Alles kann man unmöglich auch nur erwähnen.
Nur Bethlehem darf nicht unerwähnt bleiben, wo wir in der Grotte unter der Geburtskirche den Weihnachtstropar singen und niederknien vor der in Fels gehauenen Krippe. Nach ältester Überlieferung: hier wurde das Wort Gottes als Mensch geboren. Und immer wieder die Frage: sind wir denn eines solchen Glückes würdig, uns diesen heiligen Stätten zu nähern, sie zu verehren? Glauben denn nicht viele von uns, daß die hier ausströmende Kraft ganz einfach, ohne unsere innere Anstrengung, die gewünschte Heilswirksamkeit haben kann?
Vielleicht fällt es uns in der Göttlichen Liturgie am Grabe Christi leichter uns selbst eine entschiedene Antwort darauf zu finden und uns zu entschließen, der rechten Herzenshaltung zu folgen. Diese Liturgie ist immer der Höhepunkt einer Pilgerfahrt. Allein die Tatsache, daß sie in der Grabeskirche Christi gefeiert wird, setzt sie auf eine unerreichbare Höhe. Hier ist alles, was die Kircheneinrichtung betrifft, anders, ganz anders, und zugleich grundlegend für alle anderen Orte Gottesdienstes und Altäre. Das Grab selbst dient als Prothesis Jeder von uns, auch die Frauen, hat die einzigartige Möglichkeit mit seiner Prosphora vor der Grabplatte mit den daraufstehenden Diskos und Kelch zu knien und die Namen unserer Nahen und Fernen zu gedenken, zu beten, während ein Priestermönch die Proskomidie vollzieht, die Brotteilchen zu ihrem Gedenken herausnimmt und auf den Diskos legt – zu dem “Lamm Gottes” hinzu, das uns später zur Heiligen Kommunion gereicht werden wird.
Dieser Vorbereitung und der ihr eigenen Feierlichkeit nach ist diese Liturgie allenfalls noch mit einem Ostergottesdienst zu vergleichen. Hier erfüllt sich denn auch die Seele mit der Auferstehungsfreude, ist dann das Grab Christi tatsächlich der Ort Seiner Auferstehung – der Ort, wo unsere Erlösung beginnt. Ehrfurcht, volle Konzentration, Begeisterung beim Empfang der gnadenvollen Kräfte der Kommunion ergießen sich auf uns, in uns hinein bei diesen seligen Augenblicken, die ein ganzes Leben wert sind und für die Ewigkeit in unsere Seelen eingeprägt bleiben werden...

Pilgerin S. M.