Historische Beschreibung der Einsiedelei von Optina

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:
Bote 1990, 1

"Eine Wüste, aber nicht das Weltall, mußte Johannes bereitmachen, daß er fähig wurde den Weg des Herrn zur Erlösung des Weltalls zu bahnen." (Metropolit Filaret von Moskau in "Predigten und Reden")

Ruhmvoll und majestätisch ist die heilige Erde Rußlands! Viele teure und dem Herzen nahe heilige Orte, Kirchen, Kapellen und Klöster gibt es dort, gegründet von den gottesfürchtigen Eiferern, welche durch ihr flammendes Gebet, wie die Sonne durch ihre leuchtenden Strahlen, die russische Erde erwärmten.
Einer dieser gnadenreichen Horte der hohen geistlichen Kultur, die vom Licht des Evangeliums Christi erhellt wurden, ist die "Vvedenskaja Optina Pustyn'" (das dem Einzug der Gottesgebärerin in den Tempel geweihte Optina-Kloster), welche einen wichtigen Platz in der Geschichte der geistigen Erleuchtung des russischen Volkes einnimmt. Das Schicksal dieses Klosters ist vielgestaltig und vielbedeutend für den Liebhaber der einheimischen Altertümer, lehrreich und erbaulich für den frommen Eiferer.
Die Optina Pustyn' (= Einsiedelei) liegt im Gouvernement Kaluga, zwei Werst von der ruhmreichen Stadt Kozel'sk entfernt. Beim Abstieg des Weges in das wiesenreiche Tal liegt das gottbefohlende Kloster mit der ganzen Schönheit seiner prächtigen Kirchen und Türme vor dem Blick des Wanderers: auf drei Seiten wird es von dichtem Wald umgeben; im Westen fließt die muntere Œis-dra direkt an der Klostermauer vorbei; an ihrem linken Ufer erstreckt sich wie ein grüner Teppich eine Hochwasserwiese, die von dem sich dahin-schlängelnden Flüßchen Kljutoma (einer der Zu-flüsse des linken Œisdra-Ufers) benetzt wird.
Das Kloster nahm einen großen Platz ein, umgeben von einer Steinmauer, an deren vier Ecken Metallengel mit Posaunen aufgestellt waren; diese Engel drehten sich bei Wind und brachten einen besonderen Quietschton hervor, der die Aufmerksamkeit der Pilger auf sich zog. Innerhalb der Klosterumfriedung gab es drei große Kirchen. Die Haupt-kirche war der Ikone der Gottesmutter von Kazan' geweiht. Neben dem Altar dieser Kirche wurden in der Folge die Starzen von Optina begraben: Ljev, Makarij, Amvrosij, Anatolij, und später Iosif und Varsonofij. Auf jedem Grab wurde ein Grabmal errichtet, in dem nicht verlöschende Öllämpchen brannten. Hier wurden fast den ganzen Tag hindurch Panichiden von den sich abwechselnden Priestermönchen zelebriert. Nicht weit von dort, zwischen den Kirchen und den Obstbäumen wurden auch die übrigen Mitglieder der Mönchsbruderschaft begraben. Im Osten des Klosters befand sich in einer Entfernung von ca. 300 m das Skit im Namen des Hl. Johannes, des Vorläufers und Täufers des Herrn.
Die Stadt Kozel'sk im Gouvernement Kaluga (bis zum 13. Jh. Kozilesk oder Kozlesk genannt) erhielt ihre Benennung von ihrer Lage zwischen dichten Wäldern; sie war eine der bedeutendsten Städte der Besitzungen der Vjatiç und stellte einen der Landbesitze der Fürsten von Çernigov dar.
Schon im Jahre 1146, noch vor Moskau, findet sie in den Chroniken Erwähnung. Gerade diese Stadt Kozel'sk machte sich in der Zeit der über Rußland hereinbrechenden allgemeinen Katastrophe unsterblich durch ihre heroische Verteidigung gegen die eine halbe Million zählende Horde des Batia, welche im Jahre 1238 in Rußland einfiel, wofür sie auch von ihm als die "böse Stadt" bezeichnet wurde.
Was den Namen des Klosters Optina betrifft, gibt es zwei Meinungen. Die erste: gemäß einer örtlichen Überlieferung befestigte der Moskauer Großfürst Ioann Daniloviç Kalita in alten Zeiten durch Sperren aus Baumstämmen das ganze Land von der Oka bis zum Don und über den Don zur Wolga, um auf irgendeine Weise die verheerenden Einfälle der Tataren in das Moskauer Großfürstentum aufzuhalten. Diese Bannwälder dienten zuweilen auch den "inneren Feinden" des alten Rußlands, den Räubern, als Unterschlupf. Zeitweise waren die Räuberbanden so zahlreich, daß sie die Bewohner nicht weniger schreckten als die Tataren oder die Litauer. In den undurchdringlichen dichten Wäldern der Kozel'sker Baumsperren lebten zwei Räuber - Kudejar und Opta. Viele Jahre hielten sie die umgebenden Bewohner durch ihre Raubzüge in Schrekken, aber durch das Einwirken der Gnade Gottes geschah etwas Ungewöhnliches in der Seele des grausamen Anführers der Bande - und die Räuber trennten sich voneinander. Kudejar begab sich in das Gouvernement Penza und setzte sein räuberisches Handwerk noch lange fort, Opta jedoch brachte würdige Früchte der Buße und nahm das Mönchstum an; aus dem Anführer einer Mör-derbande machte ihn Gott, der Herr, zu einem Führer und Lehrer von Seelen, die nach dem ewigen Heil streben. Nach dem Namen ihres Begründers wurde die Einsiedelei in der Folge Optina benannt.
Es gibt jedoch noch eine zweite Meinung, derzufolge das Kloster die Bezeichnung "Optin" (was hier "allgemein" bedeutet) von der gleichzeitigen Anwesenheit von Schemamönchen und Schemanonnen in der Einsiedelei erhielt, da in den alten Seelenmessenregistern der Optina Pustyn' ihre Namen verzeichnet sind. Solch ein Zusammenwohnen gab es in einigen alten Klöstern Rußlands; und diese Klöster nannte man "Optinskye" (Gemeinschaftliche). So lag 70 Werst von der Kozel'skaja Vvedenskaja Optina Pustyn' ein weiteres, ebenso altes, zur Eparchie von Orjel gehörendes Kloster der Stadt Bolochov - das "Optin Troizkij Monastyr" (Allgemeines Dreifaltigkeitskloster).
Insofern das Kloster von altersher weder Län-dereien noch nutzbaren Grundbesitz hatte, kann man annehmen, daß es weder von Fürsten noch von Bojaren gegründet worden war, sondern durch die Tränen, das Fasten, das Wachen und der im Schweiße des Angesichts geleisteten Arbeit unbekannter Asketen.
Über den Zeitpunkt der Gründung des Klosters ist jedoch nichts bekannt. Die ersten historischen Zeugnisse über die Optina Pustyn' stammen erst vom Ende des 16. Jahrhunderts. So spendete der Zar Michail Feodoroviç der Optina Pustyn' für Weih-rauch und Kerzen, "einen Mühlenplatz am Fluß unweit von Kosel'sk". Vom 17. Jh. an sind die Listen der Äbte der Optina Pustyn' erhalten. Viele von ihnen trugen den Titel eines Igumen (Abtes), was bereits eine gewisse Bekanntheit des Klosters bezeugt.
Nach der Verwüstung durch die Litauer im Jahre 1625, als Sergij Igumen war, begann das Kloster sich allmählich wieder zu erholen. Im Jahre 1630 gab es dort eine hölzerne Kirche, sechs Zellen und 12 Brüder unter Leitung des Priestermönches Feodor. Im Jahre 1689 wurde mit den Mitteln der Brüder Íepelev (örtlicher Bojaren) die Kirche des Einzugs der Allerheiligsten Gottesmutter in den Tempel erbaut.
Im Jahre 1724 (in der Zeit der Klosterverfolgungen) wurde das verarmte Kloster durch eine Ver-ordnung des Synods und gemäß der Verfügung Peters des Großen als ein "wenigbrüdriges Kloster" aufgehoben, und die Mönche wurden in das Bjelevskij Verklärungskloster übersiedelt. Aber bereits im Jahr 1726 wurde das Kloster durch Vermittlung der "Stolnik" (Tischaufseher, Truchseß) Andrej Íelepov und Arlatov wieder hergestellt und die 10 Mönche, welche die Bruderschaft des Klosters darstellten, machten sich daran, es wieder instandzusetzen.
In den folgenden Jahrzehnten gedieh das Kloster kaum, denn es ist bekannt, daß im Jahre 1770 nur noch drei Mönche im Kloster lebten, von denen einer blind war. Einen Vorsteher/Erbauer gab es im allgemeinen gar nicht. Erst im Jahre 1795, als der Moskauer Metropolit Platon ihm seine Aufmerksamkeit zuwandte, begann die vollständige Restauration des Klosters.
Und dieses Kloster, welches der Eremit Opta gegründet hatte, welches der unvergeßliche Platon wieder zur Blüte gebracht hatte und dem der gottliebende Filaret seine Fürsorge zukommen ließ, wurde im vergangenen Jahrhundert ebenso seiner äußeren Schönheit als auch seiner inneren Wohlbeschaffenheit wegen zurecht die "Lavra der Eparchie (Diözese) von Kaluga" genannt.
Wiedergeburt des geistigen Lebens

Am Anfang des 19. Jh. trat allmählich eine geistige Wiederbelebung ein. Viele Klöster, die zuvor in Verfall geraten waren, wie z.B. das berühmte Kloster von Valaam und die Kievo-Peçerskaja Lavra (Kiever Höhlenkloster) begannen langsam zu erstarken, aber ganz besonderen Ruhm unter den Klöstern erlangte in jener Zeit die Vvedenskaja Optina Pustyn', die zum Mittelpunkt des russischen kirchlichen Lebens wurde.
Noch in der Mitte des 18. Jh. gaben zwei mäch-tige Persönlichkeiten den Anstoß zum Wiederauf-leben des "innerlich-geistlichen Tuns": der eine - Archimandrit Paisij Veliçkovskij erneuerte über die Grenzen Rußlands hinaus die Lehren über das geistliche Gebet; der andere - der hochwürdige Gavriil, Metropolit von Sankt-Petersburg, schaffte die "Pflanzschulen", von wo aus diese Lehre sich ausbreiten konnte. Die von Paisij Veliçkovskij über-setzte und von Metropolit Gavriil herausgegebene "Tugendliebe" (Philokalia, Dobrotoljubi) diente als Grundlage dieser Bewegung. Es war die Rückkehr zu den lebendigen Quellen der patristischen Theologie. Die slawisch-russische Ausgabe der Tugend-liebe war ein wichtiges Ereignis, nicht nur für die Geschichte des russischen Mönchstums, sondern für die Geschichte der russischen Kultur insgesamt.
Der S'chima-Archimandrit Paisij, der im weltlichen Stand den Namen Pjotr Ivanoviç Veliçkovskij trug, wurde 1722 geboren; seit seinen Kinderjahren träumte er vom Mönchsleben, besuchte viele Klöster und da er in keinem von ihnen ein strenges monastisches Leben vorfand, begab er sich zuerst auf den Athos und dann in die Moldau, wo er sich vor allem als Erbauer von Klöstern hervortat. In ihnen erweckt er die besten Vermächtnisse des byzantinischen Mönchstums zu neuem Leben. Das Njametzkij-Kloster wird unter dem Starez Paisij zu einem großen Literaturzentrum, zu einem Herd der theologisch-asketischen Erleuchtung. Teilweise alleine, teilweise zusammen mit seinen Schülern übersetzt er die asketischen Werke von 24 Vätern, welche die erste Ausgabe der Tugendliebe darstellen. Außer der Tugendliebe übersetzte er aus dem Griechischen die Werke des großen Lehrers des inneren Lebens Isaak des Syrers, weiterhin die Werke von Maximus dem Bekenner, das Leben des Gregorios Sinaitis und die Predigten von Gregor Palamas, er verbesserte die alten slawischen Übersetzungen der Schriften von Makarios dem Großen, Johannes Klimakos, Barsonophios, Thalasios und Simeon dem Neuen Theologen. Selber schrieb er auch "Sechs Kapitel über das innerlich-geistliche Gebet". Durch sein Wirken erwies Paisij Veliçkovskij dem orthodoxen Mönchstum einen großen Dienst. Er belebte das russische Mönchstum, erweckte in ihm den Geist des alten Asketentums, erstens durch seine Übersetzungen der patristischen Literatur, und zweitens durch die Ausbildung einer ganzen Reihe von Schülern. Der Ruhm vom Wirken von Paisij Veliçkovskij als Starez, seiner Mühen um die Übersetzung der Werke der Heiligen Väter breitete sich über ganz Rußland aus. Er war nicht nur in monastischen Kreisen bekannt, sondern auch unter dem russischen Volk, und viele der besten russischen Mönche kamen zu ihm, um seine Schüler zu werden. Diese Mönche, die die Probezeit im Mönchsleben unter der Führung des Starzen Paisij durchmachten, kehrten bereichert durch die Erfahrung des geistigen Lebens später wieder in ihre Heimat nach Rußland zurück. Nach Rußland zurückgekehrt, wurden die Schüler des Starzen Paisij zu Übermittlern der Grundlagen des alten Asketentums, welches den Schwerpunkt des Mönchslebens auf die Seele legte und nicht nur auf zeitweilige Askeseleistungen.
Die Sphäre der Durchdringung und Ausbreitung dieser Lehre läßt sich in drei Kreise einteilen: den nördlichen, den mittleren und den südlichen.
Im nördlichen Kreis lassen sich folgende Zentren nennen: Solovki, Valaam und die Alexander-Nevskij-Lavra, die im eigentlichen Sinne der Mittelpunkt von allem war. Im Kloster von Solovki wur-de die Tradition des Paisij von dem Hiero-S'chima-mönch Feofan eingeführt. Auf der Insel Valaam und im Alexander-Svirskij-Kloster wirkten die Schü-ler des Starzen Paisij - der S'chimamönch Feodor und der Hiero-S'chimamönch Kleopa, die unter der Führung des großen Starzen "die Kunst aller Kün-ste", das "innerlich-geistliche Tun", d.h. das ununterbrochene Geist-Herzensgebet erlernt hatten. Über sie gelangte diese Lehre durch Starez Leonid in die Optina Pustyn'.
Die eigentliche Seele des nördlichen Kreises jedoch lag in Petersburg. Von dort aus erfolgte die Ernennung der Äbte und Klostererneuerer. So wurde z.B. von Sarov der Igumen Nazarij nach Valaam abgerufen und von anderen Orten auch noch andere Äbte. In den Händen von Metropolit Gavriil liefen alle Fäden zusammen und er war es, der den nötigen Anstoß und die notwendige Richtung gab. Bei ihm in der Lavra findet sich anfänglich auch Filaret ein, der in der Folge die Brüder Putilov führte. Einer dieser Brüder, der S'chima-Archimandrit Moisej wurde dann der große Abt-Vorsteher von Optina. Derselbe Filaret führte in Moskau auch die Brü-der Kirejevskij - die Mitarbeiter des Starzen Makarij von Optina bei der Herausgabe der patristischen Literatur.
Der Mittelkreis: seine Hauptstützpunkte waren - Moskau, die Eparchien (Diözesen) von Vladimir und Kaluga, das Kloster von Brjansk in der Eparchie von Orjel und die Wälder von Roslavl'. Als die hervorragendste Persönlichkeit erscheint hier Va-ter Kleopa, der Abt der Vvedenskaja Pustyn' der Eparchie von Vladimir. Schüler von Vater Kleopa waren der Archimandrit Feofan, sein Freund Archimandrit Ignatij, der mit ihm den Grundstein für das Sanaxar-Kloster legte. Archimandrit Ignatij baute nach Vater Kleopa die Vvedenskaja Pustyn' auf, später auch die Pe‚no‚skaja Pustyn', und im Jahr 1788 machte er sich an die Restauration des Tichvin Klosters in der Eparchie von Novgorod. Er ent-schlief im Jahre 1796 im Simonov-Kloster, das er ebenfalls zu neuem Leben gebracht hatte. Ein weiterer Schüler von Starez Kleopa war Makarij von Pe‚no‚, der Stellvertreter von Archimandrit Ignatij nach dessen Versetzung nach Tichvin. Sein Kloster war sozusagen eine "Pflanzstätte", aus der 24 Äbte für verschiedene Klöster hervorgingen; außer-dem wurde von dort auch Avraamij ausgesandt, der die Optina Pustyn' wieder aufbaute.
Ein anderer wichtiger Ort, von wo aus sich die Bewegung des Paisij Veliçkovskij entwickelte, war Moskau, und hier vor allem das Simonov- und das Novospasskij Kloster. Im ersteren wirkten zwei Schüler des Paisij, die Mönche Pavel und Arsenij. Abt war, wie schon erwähnt, Archimandrit Ignatij. Im Novospasskij Kloster lebten die Priestermönche Filaret und Alexander - Schüler des Paisij-Schülers Afanasij (Sacharov), der über sieben Jahre lang bei seinem Lehrer Paisij verbracht hatte und von ihm die Mönchsweihe bekommen hatte. Im Jahre 1777 kehrte Vater Afanasij nach Rußland zurück und ließ sich in der Flori‚çevaja-Pustyn' nieder. Von dort aus fuhr er nach Moskau, wo er auch mit den Priestermönchen Filaret und Alexander verkehrte.
Ein weiterer wichtiger Ort, wo die von Starez Paisij ausgehenden spirituellen Fäden zusammenliefen, war das Brjansk-Svensk Kloster. Dort wirkte der S'chimamönch Afanasij, einer von den Senatssekretären (derselbe der dem Metropoliten Gavriil die "Tugendliebe" gebracht hatte). S'chimamönch Afanasij führte die Brüder Putilov (einer davon Moisej, Abt von Optina), und der Priestermönch Afa-nasij (Sacharov) führte während seines Aufenthal-tes im Plo‚çanskij Kloster den zukünftigen Starzen von Optina Makarij. Von dem erstgenannten Vater Afanasij des Svenskij-Klosters erlernte auch der Abt des Klosters das "innerlich-geistliche Tun": der berühmte Filaret, der spätere Rektor der Moskauer Geistlichen Akademie, Bischof von Kaluga und Metropolit von Kiew, der Beschützer des Mönchs-tums und des Starzentums, welcher im Jahre 1822 das Skit von Optina gegründet hatte. Er überredete die in den Roslavl'schen Wäldern lebenden Einsiedler, ein Skit bei der Optina Pustyn' zu gründen. Auf diese Weise gelangten Vater Moisej mit seinem Bruder Antonij und die Einsiedler Ilarion und Savvatij nach Optina. Optina war wie ein Kelch, in welchem der ganze kostbare spirituelle Wein zusammenfloß.
Im dritten, südlichen Zentrum sind von den unmittelbaren Schülern des Starzen Paisij bekannt: der Mönch Gerasim, der von Starez Paisij die Mön-chsweihe empfangen hatte, der Priester-S'chima-mönch Liverij und noch andere. Ein Schüler von Vater Liverij und gleichzeitig auch von Archimandrit Feodosij, der aus der Moldau in die Sofroniev-Pustyn' gekommen war, war der bekannte Geisteskämpfer der Glinsk-Pustyn' Filaret. Von ihm ging die Glinsker Linie des Starzentums aus.
Es handelt sich hier nur um ein Schema: Nor-den, Mitte und Süden. Das wichtigste Gebiet jedoch, von wo aus sich die Bewegung des Paisij ausbreitete, war der Norden: die Alexander-Nevs-kij-Lavra in Petersburg, wo der große Metropolit Gavriil wirkte, der seinen spirituellen Garten so gut anlegte, bepflanzte, stärkte und pflegte, daß er glän-zende Früchte hervorbrachte.
Metropolit Gavriil wurde am 18. Mai 1730 in Mos-kau geboren. Er studierte an der slawisch-grie-chisch-lateinischen Akademie von Moskau, die er 1750 absolvierte. Bald trat er als Korrektor in das Büro der Moskauer Synodaldruckerei ein. 1759 wurde er Mönch und wurde zum Lehrer im Priesterseminar der Lavra ernannt. Danach durchlief er folgende Ämter: Rektor dieses Seminars, Vorste-her der Lavra und Rektor der slawisch-griechisch-lateinischen Akadamie. 1763 wurde er auf den Bischofsstuhl von Tver' berufen. Am 1. Januar 1775 wurde seiner Fürsorge auch die Eparchie von Novgorod unterstellt. 1783 wurde ihm der Titel eines Metropoliten verliehen. Am 19. Dezember 1800 wurde er aus Krankheitsgründen in den Ruhestand versetzt. Er starb am 26. Januar 1801 in Novgorod.
Die Persönlichkeit des Metropoliten Gavriil trug den Umständen entsprechend einen zwiefachen Charakter. Für die Außenstehenden war er ein prunkvoller Würdenträger der Zeit Katharinas der Großen. Aber in seinem Zellenleben verhielt sich dieser zeitgenössische Magnat und gelehrte Mönch wie ein demütiger Asket. Er verfolgte streng seine Linie: den Aufbau, die Wiederherstellung und Erneuerung des kirchlichen Lebens. Abgesehen von seiner äußeren Tätigkeit glänzte Metropolit Gavriil auch noch als Prediger und geistlicher Schriftstel-ler. In seinen Predigten wirkte er besonders auf die Vernunft der Zuhörer ein. Er war ein fruchtbarer Schriftsteller, und seinen Werken kommt eine gros-se Bedeutung zu. Das Hauptbetätigungsfeld von Metropolit Gavriil jedoch war das Mönchstum, für dessen Wiederherstellung er alle seine Kräfte einsetzte. Er war die Zentralgestalt in dieser Zeit der Restauration. Die große Blüte des Mönchtums ist weitgehend ihm zu verdanken. Sein Assistent, Archimandrit Feofan bemerkte treffsicher über ihn: "Das Mönchstum kennt er, obwohl er alles nur in den Schulen gelernt hat, besser als wir". Der hoch-geweihte Gavriil war ein Mann der Tugenden und Weisheit, ein Theologe und Philosoph, aber mehr als all dies war er wohlgefällig vor Gott, dem Herrn. Er war ein heiliger Glaubenskämpfer und Asket. Archimandrit Feofan hatte enge Beziehungen zu all den vielzähligen Asketen seiner Epoche, daher schätzte der Metropolit Gavriil, der eher ein Gelehr-ter war und wenig Gelegenheit zum Reisen und zum Umgang mit verschiedenartigen Leuten hatte, sehr die Dienste seines Assistenten in dieser Hinsicht und machte sich seine Beziehungen zu der Welt der echten Einsiedler zunutze. Bei der Wie-deraufrichtung der Klöster erwies Vater Feofan dem russischen Mönchtum unschätzbare Dienste, indem er für die einzelnen Orte die entsprechenden, erfahrenen Äbte, welche ihm selber bekannt waren, auswählte. Auf diese Weise wurden alle geheimen Knechte Gottes, die sich in tiefen Kräh-winkeln verbargen, hervorgeholt und auf den Schef-fel gestellt, "damit sie allen im Hause leuchten" mögen.
Zuerst wurde auf den Rat von Archimandrit Feofan der nicht studierrte Vater Ignatij zum Archimandrit des Tichviner Klosters ernannt, und von da an begann man, auch solche Mönchein den Rang von Archimandriten zu erheben, die keine formale Hochschulbildung besaßen.
Eine andere hervorragende Persönlichkeit, die von Archimandrit Feofan ins Licht gerückt wurde, war Igumen Nazarij - der große Asket von Sarov. Metropolit Gavriil übertrug ihm die Wiederherstellung des Valaam-Klosters. Vater Nazarij hielt die Regel strengstens ein. Die geistliche Lektüre war die Nahrung seiner Seele. Sein Denken war so sehr vom Göttlichen durchdrungen, daß er für die weltlichen Dinge überhaupt keine Worte fand. Wenn er jedoch über Gott sprach, dann vergaßen seine Zuhörer die Zeit. Auf Wunsch von Metropolit Ga-vriil führte Vater Nazarij in Valaam die gemein-schaftliche Regel des Sarov-Klosters ein; er setzte drei monastische Lebensweisen fest: die koinobitische, die skitische und die eremitische. Valaam begann in der ganzen orthodoxen Welt bekannt zu werden, sogar die dorthin kommenden Athos-Mön-che waren so angetan von ihm, daß sie sagten, der inneren Ordnung nach stände es sogar höher als die Athos-Klöster.
In der Gegend von Tambov und Niœgorod erstanden unter Führung von Vater Nazarij auch viele Frauenklöster. Vor Vater Nazarij, der die Ga-be der Voraussicht besaß, lagen die Gedanken und Sünden der Menschen offen da. Der Starez, der selber das innerlich-geistlich Gebet pflegte, schrieb über dieses: "Laßt uns mit dem Geist und auch mit dem Verstand beten. Erhebt euch doch zu den Worten des Apostels Paulus: 'Ich will lieber wenige Worte mit meinem Verstand reden, als zahllose Worte mit der Zunge' (1. Kor. 14,19). Es ist unvorstellbar, wie glücklich wir sind, daß wir würdig sind, diese wenigen Worte auszusprechen! Welch eine Freude! Herr Jesus Christus, erbarme dich über mich Sünder! Stellt euch doch vor: Der Herr, den ich rufe, ist der Schöpfer, der Erschaffer von allem, vor Dem alle himmlischen Kräfte erzittern! Verstand und Herz in eines fassen, die Augen schließen, die geistigen Augen zum Herrn er-heben! O süßester und liebster Herr Jesus Christus, Sohn Gottes!"
Der Abt der Vvedenskaja-Pustyn', Vater Kleopa, empfing seine monastische Ausbildung auf dem Athos und übte sich im inneren Gebet und im "geistlichen Tun" zusammen mit dem großen Starzen Paisij Veliçkovskij. Vater Kleopa lehrte: "Man darf nicht alle auf gleiche Weise führen, manche kann die grobe Speise auch zur Erschöpfung brin-gen. Die einen kamen aus der Armut, von einem mühseligen Leben zur Ruhe, andere wieder vom Reichtum, von feiner Erziehung: ihnen wird es schon hoch angerechnet, daß sie den Reichtum hinter sich ließen. Essen und Trinken stellt uns doch nicht vor Gott".
Der ehrwürdige Seraphim von Sarov (1759-1833) war der leuchtendste und zeitnaheste Vertreter der wiedererstandenen spirituellen Schule des "innerlich-geistlichen Tuns". Der heilige Seraphim stellt die lebendige Verkörperung jener Vollkommenheit dar, zu der ein auf Erden Geborener aufsteigen kann.
Die Quelle des lebendigen Wassers, die sich von alters her in der Tiefe des Mönchtums erhielt, aber nun schon fast ganz ausgetrocknet war, mischt sich im Hl. Seraphim mit den Frühlingswas-sern der von Paisij Veliçkovskij wiederbelebten Lehre der heiligen Väter über das innere Tun und wird in seiner Person zu einem solch mächtigen und starken Strom, der bis in unsere Tage durch seine Größe und seine Macht die geistige Welt in Erstaunen setzt.
In der Erfahrung des Hl. Seraphim erneuert sich die althergebrachte Tradition der Suche nach dem Geist. Das uralte Ziel unseres und des christlichen Lebens besteht in dem "Erwerb des Heiligen Geistes Gottes". Alles andere soll nur als Mittel da-zu dienen. Unter dem Öl, das den törichten Jungfrauen des Evangeliums-Gleichnisses ausgegangen war, versteht der Hl. Seraphim nicht die guten Werke, sondern eben die Gnade des Heiligen Geis-tes. Indem sie tugendsame Werke verrichteten, meinten diese Jungfrauen aus ihrer geistlichen Unwissenheit heraus, daß darin das christliche Leben beschlossen liege, aber darum, ob sie die Gnade Gottes erlangt hatten, ob sie ihrer würdig waren, kümmerten sie sich nicht. Der Geist wird geschenkt, aber man muß auch nach ihm verlangen.
Die Vvedenskaja Optina Pustyn' wurde zum bes-ten Vertreter der geistlichen Wiedergeburt in Ruß-land. Sie war eine wundervolle geistliche Oasis, wo sich die Charismen der ersten Jahrhunderte des Mönchtums wiederholten. Und diese Gnadengaben erfuhren ihren besten Ausdruck in einer besonderen Art der geistlichen Dienstleistung - dem Starzentum.
Das Starzentum, das an und für sich eine Fortsetzung des Prophetentums darstellt, taucht unter diesem Namen und in dieser Form erst im 4. Jh., zusammen mit dem Entstehen des Mönchstums auf, zu dem es den Anstoß gab.
Der prophetische Dienst ist ein außerordentli-ches Charisma, eine Gabe des Heiligen Geistes. Der Prophet verfügt über eine besondere geistliche Schau - die Unterscheidungsgabe. Für ihn verschieben sich sozusagen die Grenzen von Raum und Zeit, mit seinem geistigen Blick schaut er nicht nur jetzt stattfindende Ereignisse, sondern auch die zukünftigen, er erkennt ihren geistlichen Sinn und kann die menschliche Seele sowie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft sehen.
Das gnadenvolle Starzentum ist eine der höchs-ten Erscheinungen im geistlichen Leben der Kir-che, es ist ihre Blüte, die Krone der spirituellen Leistungen, die Frucht des Hesychasmus und der Gottesschau. Der Einfluß des Starzentums ging weit über die Grenzen der Klostermauern hinaus. Die Starzen gaben nicht nur den Mönchen, sondern auch den Laien geistige Nahrung. Da sie die Unterscheidungsgabe besaßen, "erbauten, ermahnten und trösteten" (1. Kor. 14,3) sie alle, sie heilten die seelischen und körperlichen Leiden, warnten vor Gefahren, zeigten den richtigen Lebensweg auf, und offenbarten den Willen Gottes. Das Starzentum ist ein Charisma, welches der Apostel Paulus "die Gabe der Unterscheidung" nennt. Es findet seinen Ausdruck in der geistlichen Führung auf dem Weg zur Erlösung und fordert von dem Träger dieser Gabe eine liebevolle Für-sorge für die ihm anvertrauten Seelen.
Vom Anfang seiner Entstehung an machte sich das Mönchtum die Erlangung der Leidenschaftslosigkeit zum Ziel. Auf diesem Weg zur Leidenschafts-losigkeit bedarf es eines Führers, eines Lehrers oder Starzen, der selbst diese Schule durchlaufen und bereits den Zustand der Leidenschaftslosigkeit erlangt hat. "Wer für würdig erfunden wurde, in dieser Verfassung, d.h. der Leidenschaftslosigkeit, zu sein, der ist schon hier, obwohl noch mit dem vergänglichen Fleisch umhüllt, zu einem Tempel des Lebendigen Gottes geworden, Welcher ihn in all seinen Worten, Taten und Gedanken führt; dank der inneren Erleuchtung erkennt er den Willen des Herrn, als ob er einer Stimme lauschen würde" (Bischof Feofan Vy‚enskij).
Das wahre Starzentum ist eine besondere Gnadengabe, ein Charisma, die unmittelbare Führung durch den Heiligen Geist, eine spezielle Form der Heiligkeit.
So wird der gnadenreiche Starez, der in eigener Erfahrung die Schule der Enthaltsamkeit und des Geist-Herzensgebetes durchgemacht hat, der also vollkommen in den Gesetzen des spirituell-psychischen Lebens gefestigt ist und selber Leidenschaftslosigkeit erlangt hat, von nun an fähig, den am Anfang stehenden Mönch in seinem "unsichtbaren Kampf" auf dem Weg zur Leidenschafts-losigkeit zu führen.
Das Wesen der Ordnung des Starzentums liegt darin, daß aus den in einem Skit oder in einer Klos-tergemeinschaft lebenden Brüdern ein im geistlich-asketischen Leben erfahrener und als gottesfürch-tig bekannter Mönch als Führer, als geistlicher Va-ter, als Starez ausgewählt wird. Voll guten Willens begeben sich die Schüler jederzeit zu dem erwähl-ten Starzen, eröffnen ihre ganze Seele vor ihm, decken ihre Gedanken, Schritte und Wünsche vor ihm auf, bitten ihn um Rat und gehen mit seinem Segen entschlossen ans Werk. Die geistlichen Kin-der sagen sich von ihrem eigenen Willen, ihren Gedanken und Vorstellungen los, und all dies tun sie ohne Widerrede, indem sie sich ihm ohne Zweifel unterordnen" (E. Poseljanin, Briefe über das Mönchtum, S. 8).
Die Besonderheit der Einrichtung des Starzen-tums liegt im Vergleich mit anderen Arten der mo-nastischen Lebensweise in der strengen und voll-ständigen Einhaltung des Gehorsamsgelübdes dem geistlichen Führer, dem Starzen gegenüber. "Laß dein eigenes Wollen und Ermessen fahren, um nach dem Göttlichen Wollen und Ermessen zu handeln - das ist die geistliche Bedeutung der Star-zen-Ordnung". Der Starez wird dem Schüler Verstand, Gewissen und Herz.
"Die ganze Kraft der Starzen-Führung liegt in dem Bund zwischen Starez und Schüler, gemäß dem der geistliche Vater, der Starez, vor dem An-gesicht Gottes die Aufgabe der Führung der Seele zur Erlösung auf sich nimmt, und der Schüler sich furchtlos und ganz mit Leib und Seele dem Lehrer hingibt" (A. Solovjev, Das Starzentum nach der Lehre der heiligen Väter und Asketen, S. 53).
Kein anderes Kloster wurde so berühmt durch seine Starzen wie die Optina Pustyn'. Tatsächlich zeichneten sich die Starzen von Optina durch die höchste aller Gaben, durch die Gabe der Unter-scheidungskraft aus. Wie es in den apostolischen Zeiten die Propheten taten, so trösteten auch jetzt die Starzen die Leidenden und verkündeten die Zukunft nach dem Willen Gottes.
Das Starzentum in der Optina Pustyn' läßt sich auf den S'chima-Archimandrit Paisij Veliçkovskij zurückführen. Er stellte das Starzentum auf eine so solide Basis, wie es sie in keinem anderen Klos-ter im 18. Jh., weder in Rußland noch auf dem Athos, gab. In der ersten Hälfte des 18. Jh. war das Starzentum in den russischen Klöstern ganz in Vergessenheit geraten.
Die Zelle von S'chima-Archimandrit Paisij blieb offen bis 9 Uhr abends, jeder hatte freien Zugang zu ihm. "Die einen kamen wegen körperlicher Be-dürfnisse, die anderen seelischer Nöte wegen." Außer dem unmittelbaren Anhören der Gedanken der Brüder, berichtete ihm sogar noch jeder ältere Mönch, dem ein Novize anvertraut war, über einen geistlichen Sohn, "wenn er selbst mit ihm nicht zurecht kam". Starez Paisij gab ihm dann seine Rat-schläge. Auf diese Weise hatte Paisij Veliçkovskij die Möglichkeit, die gesamte Bruderschaft der ihm unterstellten Klöster zu führen.
Aus den Wäldern von Roslavl' übersiedelten die Nachfolger von Paisij nach Optina mit dem S'chi-ma-Priestermönch Lev an der Spitze. Starez Lev, von mächtiger und gebieterischer Natur, eröffnet die Reihe der Starzen. Sein Schüler und Mitarbei-ter Vater Makarij führte eine Gruppe von Gelehrten und Literaten, von Mönchen und Laien, welche die Übersetzungen des Starzen Paisij aus dem Griechischen der Schriften der großen Asketen des Altertums - wie z.B. Isaak des Syrers, Makarios des Großen und Johannes Klimakos - überarbeiteten und in eine literarische Sprache brachten.
Unter dem Starzen Vater Amvrosij - einem Schü-ler von Vater Lev und Vater Makarij, erlangte Optina seine größte Blüte. Der Ruhm des Starzen ergießt sich über ganz Rußland.
Die darauffolgenden Starzen waren: Vater Ana-tolij (Zercalov); Iosif, ein Schüler von Starez Amvrosij; Starez Varsonofij, der in der Welt Generalstabsoberst war und an Gnadenfülle seinen Lehrern gleichkam. Die letzten Starzen waren Feodo-sij, der Weise; Anatolij (Potapov), der Tröster; Nektarij und Nikon führten dieselbe Tradition fort.
Von dem Augenblick an, als sich in Rußland die Lehre der alten ägyptischen Wüstenväter vom "innerlich-geistlichen Tun" verbreitete, wurde also die Optina Pustyn' zum Mittelpunkt dieser Bewegung und des mit ihm verbundenen Starzentums. Die Optina Pustyn' gab der ganzen christlichen Welt eine Pleiade von gottweisen Starzen, die fast ein ganzes Jahrhundert hindurch aber und aber Tausende von Menschen geistig nährten und ihnen Stärkung und Erbauung zuteil werden ließen.

 

Bote 1990, 2

Im nördlichen Kreis lassen sich folgende Zentren registrieren: Solovki, Valaam und die Alexander-Nevskij-Lavra, die im eigentlichen Sinne der Mittelpunkt von allen war. Im Kloster von Solovki wurde die Tradition des Paisij von dem Hiero-Schemamönch Feofan eingeführt. Auf der Insel Valaam und im Alexander-Svirskij-Kloster wirkten die Schüler des Starez Paisij - der Schemamönch Feodor und der Hiero-Schemamönch Kleopa, die unter der Führung des großen Starez "die Kunst aller Künste", das "innerlich-geistliche Tun", d.h. das ununterbrochene Geist-Herzensgebet erlernt hatten. Über sie gelangte diese Lehre durch Starez Leonid in die Optina Pustyn'.
Die eigentliche Seele des nördlichen Kreises jedoch lag in Petersburg. Von dort aus erfolgte die Ernennung der Äbte und Klostererneuerer. So wurde z.B. von Sarov der Igumen Nazarij nach Valaam abgerufen und von anderen Orten auch noch andere Äbte. In den Händen von Metropolit Gavriil liefen alle Fäden zusammen und er war es der den nötigen Anstoß und die notwendige Richtung gab. Bei ihm in der Lavra findet sich anfänglich auch Filaret ein, der in der Folge die Brüder Putilov führte. Einer dieser Brüder, der Schema-Archiman-drit Moisej wurde dann der große Abt-Vorsteher von Optina. Derselbe Filaret führte in Moskau auch das Brüderpaar Kirejevskij - die Mitarbeiter des Sta-rez Makarij von Optina bei der Herausgabe der patristischen Literatur.
Der Mittelkreis: seine Hauptstützpunkte waren - Moskau, die Eparchien (Diözesen) von Vladimir und Kaluga, das Kloster von Bransk in der Eparchie von Orjel und die Wälder von Roslavl. Als die hervorragendste Persönlichkeit erscheint hier Vater Kleopa, der Abt der Vvedenskaja Pustyn' der Eparchie von Vladimir. Schüler von Vater Kleopa waren der Archimandrit Feofan, sein Freund Archimandrit Ignatij, der mit ihm den Grundstein für das Sanaxar-Kloster legte. Archimandrit Ignatij baute nach Vater Kleopa die Vvedenskaja Pustyn' auf, später auch die Pe‚no‚skaja Pustyn', und im Jahr 1788 machte er sich an die Restauration des Tichvin Klosters in der Eparchie von Novgorod. Er entschlief im Jahre 1796 im Simonov-Kloster, das er ebenfalls zu neuem Leben gebracht hatte. Ein weiterer Schüler von Starez Kleopa war Makarij von Pe‚no‚, der Stellvertreter von Archimandrit Ignatij nach dessen Versetzung nach Tichvin. Sein Kloster war sozusagen eine "Pflanzstätte", aus der 24 Äbte für verschiedene Klöster hervorgingen; außerdem wurde von dort auch Avraamij, der Wiederhersteller der Optina Pustyn' ausgesandt.
Ein anderer wichtiger Ort, von wo aus sich die Paisische Bewegung entwickelte, war Moskau, vor allem das Simonov und das Novospasskij Kloster. Im ersteren wirkten zwei Schüler des Paisij, die Mönche Pavel und Arsenij. Abt war, wie schon erwähnt, Archimandrit Ignatij. Im Novospasskij Kloster lebten die Hieromönche (Priestermönche) Filaret und Alexander - Schüler des Paisij-Schülers Afanasij (Sacharov), der über sieben Jahre lang bei seinem Lehrer Paisij verbracht hatte und von ihm die Mönchsweihe bekommen hatte. Im Jahre 1777 kehrte Vater Afanasij nach Rußland zurück und ließ sich in der Flori‚çevaja-Pustyn' nieder. Von dort aus fuhr er nach Moskau, wo er auch mit den Hieromönchen Filaret und Alexander verkehrte.
Ein weiterer wichtiger Ort, wo die von Starez Paisij ausgehenden spirituellen Fäden zusammenliefen, war das Brjansk-Svensk Kloster. Dort wirkte der Schemamönch Afanasij, einer von den Senatssekretären (derselbe der dem Metropoliten Gavriil die "Tugendliebe" gebracht hatte). Schemamönch Afanasij führte die Brüder Putilov (einer davon Moisej, Abt von Optina), und der Hieromonachos Afanasij (Sacharov) führte während seines Aufenthaltes im Plo‚çanskij Kloster den zukünftigen Starez von Optina Makarij. Von dem erstgenannten Vater Afanasij des Svenskij-Klosters erlernte auch der Abt des Klosters das "innerlich-geistliche Tun": der berühmte Filaret, der spätere Rektor der Moskauer Geistlichen Akademie, Bischof von Kaluga und Metropolit von Kiew, der Beschützer des Mönchstums und des Starzentums, welcher im Jahre 1822 das Skit von Optina gegründet hatte. Er überredete die in den Roslavlschen Wäldern lebenden Einsiedler, ein Skit bei der Optina Pustyn' zu gründen. Auf diese Weise gelangten Vater Moisej mit seinem Bruder Antonij und die Einsiedler Ilarion und Savvatij nach Optina. Optina war wie ein Kelch, in welchem der ganze kostbare spirituelle Wein zusammenfloß.
Im dritten südlichen Zentrum sind von den direkten Schülern des Starzen Paisij bekannt: der Mönch Gerasim, der von Starez Paisij die Mönchsweihe empfangen hatte, der Hiero-Schemamönch Liverij und noch andere. Ein Schüler von Vater Liverij und gleichzeitig auch von Archimandrit Feodosij, der aus der Moldau in die Sofroniev-Pustyn' gekommen war, war der bekannte Geisteskämpfer der Glinsk- Pustyn' Filaret. Von ihm ging die Glinsker Linie des Starzentums aus.
Es handelt sich hier nur um ein Schema: Norden, Mitte und Süden. Das hauptsächlichste Gebiet jedoch, von wo aus sich die Paisische Bewegung ausbreitete, war der Norden: die Alexander-Nevskij-Lavra in Petersburg, wo der große Metropolit Gavriil wirkte, der seinen spirituellen Garten so gut anlegte, bepflanzte, stärkte und pflegte, daß er glänzende Früchte hervorbrachte.
Metropolit Gavriil wurde am 18. Mai 1730 in Moskau geboren. Er studierte an der slawisch-griechisch-lateinischen Akademie von Moskau, die er 1750 beendete. Bald trat er als Korrektor in den Kontor der Moskauer Synodaldruckerei ein. 1759 wurde er Mönch und wurde zum Lehrer im Priesterseminar der Lavra ernannt. Danach durchlief er folgende Ämter: Rektor dieses Seminars, Statthalter der Lavra und Rektor der slawisch-griechisch-lateinischen Akademie. 1763 wurde er auf den Bischofsstuhl von Tver' ernannt. Am 1. Januar 1775 wurde seiner Fürsorge auch die Eparchie von Novgorod untergeordnet. 1783 wurde ihm der Titel eines Metropoliten verliehen. Am 19. Dezember 1800 wurde er aus Krankheitsgründen in den Ruhestand versetzt. Er starb am 26. Januar 1801 in Novgorod.
Die Persönlichkeit von Metropolit Gavriil trug den Umständen entsprechend einen zwiefachen Charakter. Für die Außenstehenden war er ein prunkvoller Würdenträger der Zeit Katharinas der Großen. Aber in seinem Zellenleben benahm sich dieser zeitgenössische Magnat und gelehrte Mönch als ein demütiger Asket. Er verfolgte streng seine Linie: den Aufbau, die Wiederherstellung und Erneuerung des kirchlichen Lebens. Abgesehen von seiner äußeren Tätigkeit glänzte Metropolit Gavriil auch noch als Prediger und geistlicher Schriftsteller. In seinen Predigten wirkte er besonders auf die Vernunft der Zuhörer ein. Er war ein fruchtbarer Schriftsteller, und seinen Werken kommt eine große Bedeutung zu. Das Hauptbetätigungsfeld von Metropolit Gavriil jedoch war das Mönchstum, für dessen Wiederherstellung er alle seine Kräfte einsetzte. Er war die Zentralgestalt in dieser Zeit der Restauration. Die große Blüte des Monastizismus ist weitgehend ihm zu verdanken. Sein Assistent, Archimandrit Feofan bemerkte treffsicher über ihn: "Das Mönchstum kennt er, obwohl er alles nur in den Schulen gelernt hat, besser als wir". Der hochgeweihte Gavriil war ein Mann der Tugenden und Weisheit, ein Theosoph und Philosoph, aber mehr als all dies war er wohlgefällig vor Gott, dem Herrn. Er war ein heiliger Glaubenskämpfer und Asket. Archimandrit Feofan hatte enge Beziehungen zu all den vielzähligen Asketen seiner Epoche, daher schätzte der Metropolit Gavriil, der eher ein Gelehrter war und wenig Gelegenheit zum Reisen und zum Umgang mit verschiedenartigen Leuten hatte, sehr die Dienste seines Assistenten in dieser Hinsicht und machte sich seine Beziehungen zu der Welt der echten Einsiedler zunutze. Bei der Wiederaufrichtung der Klöster erwies Vater Feofan dem russischen Mönchstum unschätzbare Dienste, indem er für die einzelnen Orte die entsprechenden, erfahrenen Äbte, welche ihm selber bekannt waren, auswählte. Auf diese Weise wurden alle geheimen Knechte Gottes, die sich in tiefen Krähenwinkeln verbargen, hervorgeholt und auf den Scheffel gestellt, "damit sie allen im Hause leuchten" mögen.
Zuerst wurde auf den Rat von Archimandrit Feofan der ungelehrte Vater Ignatij zum Archimandrit des Tichviner Klosters ernannt, und von da an begann man, auch ungelehrte Mönche zu Archimandriten zu befördern.
Eine andere hervorragende Persönlichkeit, die von Archimandrit Feofan ins Licht gerückt wurde, war Igumen Nazarij - der große Asket von Sarov. Metropolit Gavriil übertrug ihm die Wiederherstellung des Valaam-Klosters. Vater Nazarij hielt die Regel strengstens ein. Die geistliche Lektüre war die Nahrung seiner Seele. Sein Denken war so sehr vom Göttlichen durchdrungen, daß er für die Weltlichen überhaupt keine Worte fand, wie er über sie reden sollte. Wenn er jedoch über Gott sprach, dann vergaßen seine Zuhörer die Zeit. Auf Wunsch von Metropolit Gavriil führte Vater Nazarij in Valaam die gemeinschaftliche Regel des Sarov Klosters ein; er setzte drei monastische Lebensweisen fest: die koinobitische, die skitische und die eremitische. Valaam begann in der ganzen orthodoxen Welt bekannt zu werden, sogar die dorthin kommenden Athos-Mönche waren so angetan von ihm, daß sie sagten, der inneren Ordnung nach stände es sogar höher als die Athos Klöster.
In der Gegend von Tambov und Niœegorod erstanden unter Führung von Vater Nazarij auch viele Frauenklöster. Vor Vater Nazarij, der die Gabe der Hellsichtigkeit besaß, lagen die Gedanken und Sünden der Menschen offen da. Der Starez, der selber ein Täter des innerlich-geistlichen Gebet war, schrieb über es: "Laßt uns mit dem Geist und auch mit dem Verstand beten. Erhebt euch doch zu den Worten des Apostel Paulus: 'Ich will lieber ein paar Worte mit meinem Verständnis reden, als zahllose Worte mit der Zunge' (1. Kor. 14,19). Es ist unvorstellbar, wie glücklich wir sind, daß wir würdig sind, diese paar Worte auszusprechen! Welch eine Freude! Herr Jesus Christus, erbarme dich über mich Sünder! Stellt euch doch vor: Der Herr, den ich rufe, ist der Schöpfer, der Erschaffer von allem, vor Dem alle himmlischen Kräfte erzittern! Verstand und Herz in eines fassen, die Augen schließen, die geistigen Augen zum Herrn erheben! O süßester und liebster Herr Jesus Christus, Sohn Gottes!"
Der Abt der Vvedenskaja-Pustyn', Vater Kleopa empfing seine monastische Ausbildung auf dem Athos und übte sich im inneren Gebet und im "geistlichen Tun" zusammen mit dem großen Starzen Paisij Veliçkovskij. Vater Kleopa lehrte: "Man darf nicht alle auf gleiche Weise führen, manche kann die grobe Speise auch zur Erschöpfung bringen. Die einen kamen aus der Armut, von einem mühseligen Leben zur Ruhe, andere wieder vom Reichtum, von feiner Erziehung: ihnen wird es schon hoch angerechnet, daß sie den Reichtum hinter sich ließen. Essen und Trinken stellt uns doch nicht vor Gott".
Der ehrwürdige Seraphim von Sarov (1759-1833) war der leuchtendste und zeitnaheste Vertreter der wiedererstandenen spirituellen Schule des "innerlich-geistlichen Tuns". Der heilige Seraphim stellt die lebendige Verkörperung jener Vollkommenheit dar, zu der ein auf Erden Geborener aufsteigen kann.
Die Quelle des lebendigen Wassers, die sich seit den alten Zeiten in der Tiefe des Mönchstums erhielt, aber nun schon fast ganz ausgetrocknet war, mischt sich im heiligen Seraphim mit den Frühlingswassern der von Paisij Veliçkovskij wiederbelebten Lehre der heiligen Väter über das innere Tun und wird in seiner Person zu einem solch mächtigen und starken Strom, der bis in unsere Tage durch seine Größe und seine Macht die geistige Welt in Erstaunen setzt.
In der Erfahrung des hl. Seraphim erneuert sich die althergebrachte Tradition der Suche nach dem Geist. Das uralte Ziel unseres und des christlichen Lebens besteht in dem "Erwerb des Heiligen Geistes Gottes". Alles andere soll nur als Mittel dazu dienen. Unter dem Öl, das den törichten Jungfrauen des Evangeliums-Gleichnisses ausgegangen war, versteht der hl. Seraphim nicht die guten Taten, sondern eben die Gnade des Heiligen Geis-tes. Indem sie tugendsame Werke verrichteten, meinten diese Jungfrauen aus ihrer spirituellen Unwissenheit heraus, daß darin das christliche Leben beschlossen liege, aber darum, ob sie die Gnade Gottes erlangt hatten, ob sie ihrer würdig waren, kümmerten sie sich nicht. Der Geist wird geschenkt, aber man muß auch nach ihm verlangen.
Die Vvedenskaja Optina Pustyn' wurde zum besten Vertreter der geistigen Wiedergeburt in Rußland. Sie war eine wundervolle geistige Oase, wo die Charismata der ersten Jahrhunderte des Mönchstums sich wiederholten. Und diese Gnadengaben erfuhren ihren besten Ausdruck in einer besonderen Art der geistigen Dienstleistung - dem Starzentum.
Das Starzentum, das an und für sich eine Fortsetzung des Prophetentums darstellt, taucht unter diesem Namen und in dieser Form erst im 4. Jh., zusammen mit dem Entstehen des Mönchstums, zu dem es den Anstoß gab, auf.
Der prophetische Dienst ist ein außerordentliches Charisma, eine Gabe des Heiligen Geistes. Der Prophet verfügt über eine besondere spirituelle Schau - die Hellsichtigkeit. Für ihn verschieben sich sozusagen die Grenzen von Raum und Zeit, mit seinem geistigen Blick schaut er nicht nur jetzt stattfindende Ereignisse, sondern auch die zukünftigen, er erkennt ihren geistigen Sinn und kann die menschliche Seele sowie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft sehen.
Das gnadenvolle Starzentum ist eine der höchsten Erscheinungen im geistigen Leben der Kirche, es ist ihre Blüte, die Krone der spirituellen Leistungen, die Frucht des Hesychasmus und der Gottesschau. Der Einfluß des Starzentums ging weit über die Grenzen der Klostermauern hinaus. Die Starzen gaben nicht nur den Mönchen, sondern auch den Laien geistige Nahrung. Da sie die Gabe der Hellsichtigkeit besaßen, "erbauten, ermahnten und trösteten" (1. Kor. 14,3) sie alle, sie heilten die seelischen und körperlichen Leiden, warnten vor Gefahren, zeigten den richtigen Lebensweg auf, und offenbarten den Willen Gottes. Das Starzentum ist ein Charisma, welches der Apostel Paulus "die Gabe der Unterscheidung" nennt. Es findet seinen Ausdruck in der geistlichen Führung auf dem Weg zur Erlösung und fordert von dem Träger dieser Gabe eine liebevolle Fürsorge für die ihm anvertrauten Seelen.
Vom Anfang seiner Entstehung an machte sich das Mönchstum die Erlangung der Leidenschaftslosigkeit zum Ziel. Auf diesem Weg zur Leidenschaftslosigkeit bedarf es eines Führers, eines Lehrers oder Starzen, der selbst diese Schule durchgemacht und schon den Zustand der Leidenschaftslosigkeit erlangt hat. "Wer für würdig erfunden wurde, in dieser Verfassung, d.h. der Leidenschaftslosigkeit, zu sein, der ist schon hier, obwohl noch mit dem vergänglichen Fleisch umhüllt, zu einem Tempel des Lebendigen Gottes geworden, Welcher ihn in all seinen Worten, Taten und Gedanken führt; dank der inneren Erleuchtung erkennt er den Willen des Herrn, als ob er einer Stimme lauschen würde" (Bischof Feofan Vy‚enskij).
Das wahre Starzentum ist eine besondere Gnadengabe, ein Charisma, die unmittelbare Führung durch den Heiligen Geist, eine spezielle Form der Heiligkeit.
So wird der gnadenreiche Starez, der in eigener Erfahrung die Schule der Enthaltsamkeit und des Geist-Herzensgebetes durchgemacht hat, der also vollkommen in den Gesetzen des spirituell-psychischen Lebens gefestigt ist und selber Leidenschaftslosigkeit erlangt hat, von nun an fähig, den am Anfang stehenden Mönch in seinem "unsichtbaren Kampf" auf dem Weg zur Leidenschaftslosigkeit zu führen.
Das Wesen der Ordnung des Starzentums liegt darin, daß aus den in einer Skit oder in einer Klostergemeinschaft lebenden Brüder ein im geistig-asketischen Leben erfahrener und als gottesfürchtig bekannter Mönch als Führer, als geistlicher Vater, als Starez ausgewählt wird. Voll guten Willens begeben sich die Schüler jederzeit zu dem erwählten Starez, öffnen ihre ganze Seele vor ihm, decken ihre Gedanken, Schritte und Wünsche vor ihm auf, bitten ihn um Rat und gehen mit seinem Segen entschlossen ans Werk. Die geistlichen Kinder sagen sich von ihrem eigenen Willen, ihren Gedanken und Vorstellungen los, und all dies tun sie ohne Widerrede, indem sie sich ihm ohne Überlegung unterordnen" (E. Poseljanin, Briefe über das Mönchstum, S. 8).
Die Besonderheit der Einrichtung des Starzentums liegt im Vergleich mit anderen Arten der monastischen Lebensweise in der strengen und vollständigen Einhaltung des Gehorsamsgelübdes dem geistlichen Führer, dem Starez gegenüber. "Laß dein eigenes Wollen und Ermessen fahren, um nach dem Göttlichen Wollen und Ermessen zu handeln - das ist die geistige Bedeutung der Starzen-Ordnung". Der Starez wird für den Schüler sein Verstand, sein Gewissen und sein Herz.
"Die ganze Kraft der Starzen-Führung liegt in dem Bund zwischen Starez und Schüler, gemäß dem der geistliche Vater, der Starez, vor dem Angesicht Gottes die Aufgabe der Führung der Seele zur Erlösung auf sich nimmt, und der Schüler sich furchtlos und ganz mit Leib und Seele dem Lehrer hingibt" (A. Solovjev, Das Starzentum nach der Lehre der heiligen Väter und Asketen, S. 53).
Kein anderes Kloster wurde so berühmt durch seine Starzen wie die Optina Pustyn'. Tatsächlich zeichneten sich die Starzen von Optina durch die höchste aller Gaben, durch die Gabe der Unterscheidungskraft aus. Wie es in den apostolischen Zeiten die Propheten taten, so trösteten auch jetzt die Starzen die Leidenden und verkündeten die Zukunft nach dem Willen Gottes.
Das Starzentum in der Optina Pustyn' läßt sich auf den Schema-Archimandrit Paisij Veliçkovskij zurückführen. Er stellte das Starzentum auf solch eine solide Basis, wie es sie in keinem anderen Kloster im 18. Jh., weder in Rußland noch auf dem Athos, besaß. In der ersten Hälfte des 18. Jh. war das Starzentum in den russischen Klöstern ganz in Vergessenheit geraten. Die Zelle von Schema-Ar-chimandrit Paisij blieb offen bis 9 Uhr abends, jeder hatte freien Zugang zu ihm. "Die einen kamen we-gen körperlicher Bedürfnisse, die anderen seelischer Nöte wegen." Außer dem unmittelbaren Anhören der Gedanken der Brüder, berichtete ihm so-gar noch jeder ältere Mönch, dem ein Novize anvertraut war, über einen geistlichen Sohn, "wenn er selbst mit ihm nicht zurecht kam". Starez Paisij gab ihm dann seine Ratschläge. Auf diese Weise hatte Paisij Veliçkovskij die Möglichkeit, die gesamte Bruderschaft der ihm unterstellten Klöster zu führen.
Aus den Wäldern von Roslavl übersiedelten die Nachfolger von Paisij nach Optina mit dem Sche-ma-Hieromönch Ljev an der Spitze. Starez Ljev, von mächtiger und gebieterischer Natur, eröffnet die Reihe der Starzen. Sein Schüler und Mitarbeiter Vater Makarij führte eine Gruppe von Gelehrten und Literaten, von Mönchen und Laien, welche die Übersetzungen Starez Paisijs aus dem Griechischen der Schriften der großen Asketen des Altertums - wie z.B. Isaak der Syrer, Makarios der Große und Johannes Klimakos - überarbeiten und in eine literarische Sprache brachten.
Unter dem Starez Vater Amvrosij - einem Schüler von Vater Ljev und Vater Makarij, erlangte Optina seine größte Blüte. Der Ruhm des Starez erschallt überall in Rußland.
Die darauffolgenden Starzen waren: Vater Anatolij (Zercalov); Iosif, ein Schüler von Starez Amvrosij; Starez Varsonofij, der in der Welt Generalstabsoberst war und an Gnadenfülle seinen Lehrern gleichkam. Die letzten Starzen waren Feodosij, der Weise; Anatolij (Potapov), der Tröster; Nektarij und Nikon führten dieselbe Tradition fort.
Vom Augenblick der Ausbreitung in Rußland der Lehre vom "innerlich-geistlichen Tuns" der alten ägyptischen Wüstenväter an, wird also die Optina Pustyn' zum Mittelpunkt dieser Bewegung und des mit ihm verbundenen Starzentums. Die Optina Pus-tyn' schenkte der ganzen christlichen Welt ein Gestirn von gottweisen Starzen, die fast ein ganzes Jahrhundert hindurch aber und aber Tausende von Menschen geistig nährten und ihnen Stärkung und Erbauung zuteil werden ließen.

 

Bote 1990, 3

In der Geschichte der russischen Hierarchie wird ein für das Kloster in ewiger Erinnerung stehendes Ereignis so beschrieben: "Im Jahre 1796 besuchte der Moskauer Metropolit Platon diese Pustyn' und fand den Ort höchst geeignet für eine Klostergemeinschaft. Daher beschloß er, dieselbe nach dem Muster des Pe‚no‚-Klosters einzurichten. Um dieses Vorhaben so schnell wie möglich zur Ausführung zu bringen, bat er den Abt und Erbauer von Pe‚no‚, Vater Makarij, ihm einen geeigneten Mann zur Verfügung zu stellen, als welcher der Priestermönch Avraamij ernannt wurde."
Damals befand sich die Optina Pustyn' in größter Verwahrlosung. In der Hauptkirche waren die Glasscheiben zerschlagen und wegen des Krächzens der Krähen war es unmöglich, in der Kirche zu zelebrieren. An Brüdern gab es nur drei und unter ihnen keinen einzigen Priestermönch, und zum Bewohnen geeignete Zellen nur eine. Vater Avraamij schrieb in der Folge, daß es in der Einsiedelei "kein Handtuch gab, womit sich der Zelebrant hätte die Hände abtrocknen können, und für Kummer und Armut gab es nirgends Abhilfe: ich weinte und betete, ich betete und weinte." Nachdem er zwei Monate in Optina verbracht hatte und keine Möglichkeit sah, die Dinge zu bessern, begab sich Vater Avraamij wieder in sein Heimatkloster Pe‚no‚, um seinen geistlichen Vater und Abt Makarij zu bitten, diese unerträgliche Last von ihm zu nehmen und ihn wieder ins Kloster aufzunehmen. Vater Makarij empfing ihn mit herzlicher Liebe, hörte ihm teilnahmsvoll zu, tröstete und ermutigte ihn. Dann besuchte er zusammen mit Vater Avraamij einige bekannte Wohltäter, die das Kloster mit allem Notwendigen versorgten. Nach dieser erfolgreichen Sammlung zelebrierte Vater Makarij zusammen mit Vater Avraamij einen Bittgottesdienst im Pe‚no‚er Kloster. Als alle im Refektorium versammelt waren, wandte er sich ganz unerwartet an seine Bruderschaft: "Väter und Brüder! Wer von euch mit Vater Avraamij zum Aufbau des ihm anvertrauten Klosters gehen will, den hindere ich nicht daran, sondern gebe ihm sogar voll Liebe meinen Segen zu diesem guten Werk!" Und einige Mönche folgten bereitwillig Vater Avraamij. So wuchs die Bruderschaft von Optina plötzlich auf 12 Brüder an. Diesmal begab sich Vater Avraamij freudig und munter nach Optina. Zusammen mit den Neuankömmlingen machte er sich an den Wiederaufbau des Klosters, und der Herr krönte sein Werk mit Erfolg. Viel erduldeten die Mönche an Entbehrungen, Ungemach, Mangel und Beleidigungen, aber demütig ertrugen sie alles und mühten sich unermüdlich ab. Vater Avraamij wurde wahrhaft zum Wiederhersteller und wohltätigen Aufbauer des Klosters. Nachdem er die innere Ordnung der monastischen Gemeinschaft wiederhergestellt hatte, ging Vater Avraamij an die Verbesserung der äußeren Gestaltung des Klosters. Dank der tatkräftigen Anteilnahme von Metropolit Platon gelang es Vater Avraamij, den Wohlstand des Klosters zu bessern. Vom Jahre 1797 an erhielt Optina zusammen mit anderen außeretatmäßigen Klöstern von der Staatskasse "eine milde Gabe auf ewige Zeiten von 300 Rubel im Jahr"; außerdem bekam das Kloster das Recht auf Fischfang und eine eigene Wassermühle.
Dank der Vermehrung der Geldmittel wurde es auch möglich, die Anzahl der Brüder zu vermehren, und im Jahre 1802 waren in der Bruderschaft schon 26 Personen eingetragen. In diesem Jahr wurde gegenüber der von ihnen wiederhergestellten Kathedralkirche der Bau eines neuen Glockenturms mit einer Höhe von 30 Saœen begonnen. Von zwei Seiten wurden Steinflügel für die Zellen der Brüder angebaut. Unter dem Glockenturm verlief der Haupteingang zu der Königspforte. Der Glockenturm und der linke Flügel wurden 1804 fertiggestellt, während der rechte Flügel schon 1800 gebaut wurde.
Im Jahre 1805 schritt man zur Errichtung der Kirche der Mutter Gottes im Namen der Ikone von Kazan, und im Jahre 1809 wurde die Krankenhaus-kirche mit sechs Zellen gebaut. Beide Bauten wurden 1811 vollendet. So bekam das unter Vater Avraamij begonnene Bauwerk nun auch ein angenehmes und einfaches Äußeres. Die Mitte des Klosterplatzes nimmt die herrliche Kirche des Einzuges der Mutter Gottes in den Tempel ein mit Nebenschiffen, die dem Heiligen Nikolaus und dem ehrwürdigen Paphnutij von Borovsk geweiht sind. Die quadratische Kirche, die über dem Dach des Speisesaals und der Nebenschiffe aufsteigt, wird von der Nord- und Südseite her durch Fenster erhellt. Sie trägt ein Zeltdach mit steilen Abfällen an den vier Seiten. Andere Kirchengebäude innerhalb des Klosters sind in Kreuzform um die Hauptkirche herum angeordnet. Im Osten befindet sich eine Kirche zu Ehren der Ikone von Vladimir der Mutter Gottes, die ehemalige Krankenhauskirche. In ihr wurde Tag und Nacht für die verstorbenen Brüder und die Wohltäter des Klosters der Psalter gelesen. Im Westen befindet sich der Glockenturm, von dem aus sich ein herrlicher Blick auf die Stadt Kozelsk, auf die umliegenden Felder, Haine und Dörfer eröffnet. Im Norden befindet sich eine Kirche im Namen der heiligen Maria von Ägypten und der gerechten Anna, mit Nebenaltären im Namen des heiligen, gottesfürchtigen Fürsten Alexander Nevskij und des heiligen Ambrosius von Mailand. Im Süden ist die Kirche zu Ehren der Ikone von Kazan der Mutter Gottes mit Nebenaltären zu Ehren der Kreuzerhöhung und im Namen der heiligen Großmärtyrer Georgios Nikephoros und Theodoros Stratilates. Dort befand sich auch die örtliche verehrte Ikone von Kazan der Mutter Gottes. Aber das eigentliche Aussehen, welches das Kloster, abgesehen von den Ergänzungen durch Vater Moisej und Vater Isaak, trägt, verdankt es Vater Avraamij. Alle hölzernen Konstruktionen wurden ausgebessert und entlang der Mauern des Klosters wurde ein Obstgarten angelegt.
Dadurch daß es Vater Avraamij gelang, im Kloster weitgehend die innere Ordnung herzustellen, gewann er ihm die Achtung und den Respekt der ganzen umgebenden Bevölkerung. Am 14. Januar 1817 entschlief Igumen Avraamij, versehen mit den Heiligen Geheimnissen Christi, und wurde in der Vorhalle der Vvedenskij Kathedralkirche begraben.
Den Platz von Igumen Avraamij nahm nun sein Assistent, der Priestermönch Markell ein. Nach Markell wurde Igumen Daniil, einer der Verwalter des erzbischöflichen Palais von Kaluga, Abt in Optina. In dieser Zeit wurde die Diözese von Kaluga von dem Hochgeweihten Bischof Filaret verwaltet.
Als ein Liebhaber des monastischen Lebens, der sich um die Anhebung des inneren Lebens der Klöster seiner Diözese sorgte, wandte Bischof Filaret der Optina Pustyn' besondere Aufmerksamkeit zu. Er fand die Lage der Optina Pustyn' sehr geeignet für ein zurückgezogenes Mönchsleben. Die Bruderschaft des Klosters machte einen günstigen Eindruck auf ihn: der ungeheuchelte Glaube und die Ergebung in den Willen Gottes der Bewohner des Klosters blieb nicht verborgen vor dem beobachtenden Blick des Hierarchen. Er liebte Optina und begann, sich ernsthaft für die Bedürfnisse des Klosters zu interessieren. Im Herzen des Hierarchen reifte der fromme Gedanke - nach dem Beispiel der alten heiligen Väter in der Nähe der Optina Pustyn' einen Skit zu gründen, um den daran Interessierten die Mittel zu einem Leben der Schweigsamkeit zu verschaffen und das von ihm so geliebte Kloster in geistiger Hinsicht zu stärken.
In dieser Zeit wirkten in den Roslavl'schen Wäldern des Smolensker Gouvernements bedeutende Starzen: die Priestermönche Afanasij und Dosifej (der letztere gebürtig aus Karaçevo), die Mönche: Vater Moisej mit seinem Bruder Antonij (aus der Moskauer Kaufmannsfamilie der Putilov), Vater Savvatij und Ivan Feodorov Drankin, ein Bürger von Karaçevo. Sie alle waren entweder direkte Schüler oder Schüler von Schülern des großen Wiederherstellers des russischen Mönchstums, des Schema-Archimandriten Paisij Veliçkovskij. Diese Asketen beabsichtigte der hochgeweihte Filaret zum Aufbau des Skits und zur ständigen Übersiedelung dorthin zu rufen. Der hochgeweihte Filaret und der Abt des Klosters Daniil konnten Vater Moisej von dem Vorzug des Lebens in der Nähe eines Klosters überzeugen. Denn der monastisch gesinnte Hierarch wußte von ihrem strengen asketischen Leben, das nicht auf äußeren großen Leistungen, sondern auf dem wahrhaften, inneren "geistlichen Tun" beruhte.