Bischof Ignatij Brancaninov

Verblendung (Prelest')



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:
Bote 1991, 2

Das erste Gebot, das vom Erlöser der Welt der ganzen Menschheit ohne Ausnahme gegeben wurde, ist das Gebot über die Reue: “Damals begann Jesus seine Verkündigung und sprach: Bekehret euch, denn nahe ist das Himmelreich”.
Der Heiland sagte mehrmals: “Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!” Das bedeutet: Der Herr erbarmte sich über die gefallene und zugrunde gehende Menschheit und gab allen die Reue als einzigstes Mittel zur Erlösung, weil alle vom Fall und vom Verderb erfaßt sind. “Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken”.
Die Ablehnung der Reue ist eine entsetzliche Grausamkeit sich selbst gegenüber. Nachlässigkeit in bezug auf die Reue ist eine schreckliche Kälte, eine Lieblosigkeit sich selbst gegenüber. Wer hart gegen sich selbst ist, ist auch unweigerlich seinem Nächsten gegenüber hart. Derjenige der sich seiner selbst erbarmt, indem er die Reue akzeptiert, zeigt dadurch auch seinem Nächsten gegenüber Barmherzigkeit. Geistliche Empfindungen sind einem Herzen, das nur fleischliche und seelische Gefühle kennt, völlig fremd. Solch ein Herz ahnt nicht einmal etwas von der Existenz geistlicher Gefühle.
Allen ist wohl bekannt, in welche seelische Armut die jüdischen Schriftgelehrten und Pharisäer s durch ihre falsche innere Verfassung gerieten: sie wurden nicht nur Gott fremd, sondern sogar zu seinen leidenschaftlichen Feinden, zu Gottesmördern. Ein ähnliches Elend ziehen die Gebetskämpfer herbei, die sich von der Reue abgewandt haben; indem sie sich anstrengen, in ihrem Herzen Liebe zu Gott zu erwecken, indem sie versuchen, Seligkeit und Freude zu empfinden, verursachen sie nur ihren Fall, werden Gott fremd, treten in Gemeinschaft mit dem Satan und werden von Haß gegen den Heiligen Geist angesteckt. Diese Art von “Prelest’” ist schrecklich, sie ist genauso verderblich für die Seele wie die ersterwähnte, nur weniger offensichtlich; sie endet nur selten in Irrsinn und in Selbstmord, aber sie verdirbt entschieden den Verstand und das Herz. Gemäß dem durch sie hervorgerufenen Geisteszustand bezeichneten die Väter sie als “Einbildung” (Überheblichkeit). Ein mit dieser Art von “Prelest’” Behafteter bildet sich etwas auf sich ein, er meint, daß er viele Tugenden und Vorzüge habe, - auch daß er reich an Gaben des Heiligen Geistes sei. Die “Einbildung” besteht aus falschen Begriffen und Empfindungen: wegen dieser Eigenschaften, gehört sie gänzlich zum Gebiet des Vaters und Repräsentanten der Lüge, des Teufels. Der Betende, der sich bemüht, in seinem Herzen die Gefühle des neuen Menschen zu erwecken und der dazu keinerlei Befähigung hat, ersetzt sie durch die gefälschten Empfindungen seiner eigenen Dichtung, zu welchen sich bald darauf noch die Wirkung der gefallenen Geister gesellt. Indem er die unrichtigen Empfindungen seiner eigenen und dämonischer Herkunft für echte und durch die Gnade geschenkte hält, macht er sich eine diesen Empfindungen entsprechende Vorstellung zu eigen. Diese Empfindungen, die sich ständig dem Herzen mitteilen und sich noch in ihm verstärken, nähren und vermehren die irrigen Begriffe: es ist ganz natürlich, daß aus solch einer verkehrten geistigen Übung Selbsttäuschung und dämonische Verblendung (Prelest’), d.h. “Einbildung” (Überheblichkeit) erwachsen.
Den auf sich selbst Eingebildeten entlarvt der Herr folgendermaßen: “Du sagst ja: Ich bin reich und lebe in Fülle und brauche nichts - und du weißt nicht, daß du elend, bemitleidenswert und arm, blind und nackt bist”. Der Herr ermahnt auch den in die Irre Gegangenen zur Reue. Es gibt keine Erlösung ohne Reue, und die Reue empfangen nur diejenigen von Gott, die all ihr Vermögen verkaufen, um sie zu erwerben, d.h. die sich von allem lossagen, was sie sich fälschlicherweise an “Einbildung” angeeignet haben.
Menschen, die von Selbstüberhebung verblendet sind, trifft man sehr häufig. Jeder, der nicht ein zerknirschtes Gemüt besitzt, der sich irgendwelche Tugenden oder Verdienste zuschreibt, jeder, der sich nicht unverwandt an die Lehre der Orthodoxen Kirche hält und über irgendein Dogma oder irgendeine Überlieferung eigenmächtig, nach seiner eigenen Anschauung oder nach der Lehre der Andersgläubigen urteilt, befindet sich in “Prelest’”. An dem Grad der Abweichung und der Hartnäckigkeit der Abweichung ist der Grad von “Prelest’” erkennbar.
“Was hast du denn”, so fragt der Apostel, “das du nicht von Gott empfangen hättest?” Von Gott haben wir das Sein, das zukünftige Sein und alle natürlichen Eigenschaften, alle geistigen wie auch körperlichen Fähigkeiten. Wir sind Schuldner Gottes! Unsere Schuld ist unbezahlbar! Aus einer solchen Selbsteinschätzung heraus bildet sich von allein eine geistige Haltung, die der “Selbstüberhebung” entgegengesetzt ist, ein Zustand, welchen der Herr als “Armut im Geiste” bezeichnete, welchen Er uns zu pflegen auftrug und welchen Er seligpries. Es ist ein großes Unglück, sich aufgrund irgendwelcher abstrakter Überlegungen von der dogmatischen und moralischen Lehre der Kirche, von der Lehre des Heiligen Geistes abzuwenden! Das ist eine Hybris, die sich gegen die göttliche Vernunft erheben will. Man muß solch eine üble Vernunft im Gehorsam zu Christus entmachten und fesseln.
Eitelkeit und Sinnelust werden durch den Hochmut, diesen untrennbaren Begleiter der “Einbildung”, geweckt. Ein schrecklicher Hochmut, ähnlich dem Stolz der Dämonen, ist die beherrschende Eigenschaft derjenigen, die unter irgendeiner Form von “Prelest’” stehen. Die von der ersten Art von “Prelest’” Angesteckten führt der Stolz zum Zustand des offensichtlichen Wahnsinns. Bei den Verblendeten der zweiten Art, bei denen auch eine Art von geistiger Schädigung vorliegt, die in den heiligen Schriften als “Verwesung des Verstandes” bezeichnet wird und weniger auffällig ist, kleidet sich die Verblendung (Prelest’) in das Gewand der Demut, der Frömmigkeit, der Weisheit - sie ist nur an ihren bitteren Früchten erkenntlich.
Die von der “Einbildung” hinsichtlich ihrer eigenen Verdienste, besonders aber hinsichtlich ihrer eigenen Heiligkeit Angesteckten, sind zu allen Intrigen, zu jeder Heuchelei, jeder Bosheit, jedem Betrug und jeder Niedertracht fähig. Mit unversöhnlicher Feindschaft rasen sie gegen die Diener der Wahrheit, mit wütendem Haß stürzen sie sich auf sie, wenn diese in den Verblendeten einen solchen Zustand nicht erkennen, der ihnen zugeschrieben wird und der mit Blindheit geschlagenen Welt durch die “Einbildung” dargestellt wird. Der fleischliche Mensch kann sich geistige Zustände überhaupt nicht, auf keinerlei Weise, vorstellen; er hat auch keinerlei Begriff von dem Zustand des begnadeten Weinens: die Kenntnis dieser Gemütsverfassungen erwirbt man einzig und allein durch die Erfahrung.
Das allgemeine Kennzeichen geistiger Zustände ist eine tiefe Demut und bescheidene Weisheit, vereint mit der Bevorzugung des Nächsten sich selbst gegenüber, mit Wohlwollen und vom Evangelium gelenkter Liebe allen Mitmenschen gegenüber, bei gleichzeitigem Streben nach Verborgenheit und nach Zurückgezogenheit von der Welt.
Die von der “Einbildung” Besessenen sind größtenteils der Sinnenlust ausgeliefert und zwar ungeachtet dessen, daß sie sich selbst erhabene geistige Zustände zuschreiben, die bei einem richtigen asketischen Bemühen unerhört wären; einige von ihnen enthalten sich jedoch der groben Versklavung durch die Sinnlichkeit: sie enthalten sich ihrer allein deswegen, weil in ihnen die Sünde aller Sünden, nämlich der Hochmut, vorherrscht.
Aus dieser Art von “Prelest’” entstanden verderbliche Häresien und Schismen, Gottlosigkeit und Gotteslästerung. Die unglückseligste sichtbare Folge davon ist das “Böse”, d.h. die unrechtmäßige, für sich selber und für den Nächsten schädliche Aktivität. Ungeachtet seiner Offensichtlichkeit und weiten Verbreitung ist es nur wenig wahrnehm- und erfaßbar. Bei den von der “Einbildung” angesteckten Gebetseiferern kommt es gelegentlich zu sichtbaren Unglücksfällen, jedoch nur selten, weil die “Einbildung” den Geist zwar in eine schreckliche Verwirrung führt, ihn jedoch nicht zur Raserei bringt, wie dies die entstellte Phantasie tut.
Auf einer Insel von Valaam lebte in einer einsamen Einsiedlerhütte der Schemamönch Porphyrios; er führte ein Leben des Gebetes, welcher Art jedoch sein geistiger Kampf war, ist nicht genau bekannt. Daß er unrichtig war, kann man an der Lieblingslektüre des Schemamönchs erraten: er liebte nämlich das Buch des westeuropäischen Schriftstellers Thomas a Cempis von der Nachahmung Jesu Christi über alles und orientierte sich an ihm. Dieses Buch wurde aus der Stimmung der “Einbildung” heraus geschrieben. Porphyrios besuchte einmal abends im Spätherbst die Starzen des Skits, das in der Nähe seiner Einsiedelei lag. Als er sich von den Starzen verabschiedete, warnten sie ihn und sagten: “Laß dir nicht einfallen, übers Eis zu gehen; es hat sich gerade erst gebildet und ist noch sehr dünn”. Die Einsiedelei des Porphyrios war von dem Skit durch den tiefen Meerbusen des Ladogasees getrennt, den man umgehen mußte. Der Schemamönch antwortete mit leiser Stimme und scheinbarer Bescheidenheit: “Ich bin schon leicht geworden”, und entfernte sich. Nach kurzer Zeit hörte man einen verzweifelten Schrei. Die Starzen des Skits gerieten in Unruhe und rannten hinaus. Es war schon dunkel und sie fanden nicht gleich den Ort, an dem sich das Unglück ereignet hatte; nur mit Mühe gelangten sie zu dem Ertrunkenen: sie zogen seinen Körper heraus, aber die Seele hatte ihn schon verlassen.
In den Schriften der Väter ist ein riesiger geistlicher, christlicher und kirchlicher Schatz enthalten, nämlich die dogmatische und moralische Überlieferung der heiligen Kirche. Das Buch “Von der Nachahmung” jedoch führte den zuvor erwähnten Mann zur Selbsttäuschung, und gerade das ist “Prelest’”. Es besteht nämlich aus lauter unwahren Begriffen, die aus den falschen, durch das Buch vermittelten Empfindungen geboren wurden. In dem Buch wohnt und aus dem Buch atmet die Salbung des bösen Geistes, der den Lesern schmeichelt, sie mit dem Gift der Lüge, das durch die verfeinerten Zusätze von Überheblichkeit, Eitelkeit und Sinnenlust noch versüßt wurde, trunken macht. Das Buch führt seine Leser direkt zur Gemeinschaft mit Gott, ohne vorherige Reinigung durch die Reue: deshalb erweckt es auch ein besonderes Mitgefühl in leidenschaftlichen Menschen, die den Weg der Reue nicht kennen, die nicht geschützt sind vor Selbstbetrug und “Prelest’” und die noch nicht durch die Lehre der heiligen Väter der Orthodoxen Kirche in dem rechtmäßigen Lebenswandel unterwiesen wurden. Das Buch ruft eine starke Wirkung auf das Blut und die Nerven hervor, es regt sie an - und daher gefällt es besonders den von der Sinnlichkeit Geknechteten: durch das Buch kann man Glück genießen, ohne sich zuvor von den groben, durch Gefühlsüberschwang hervorgerufenen Genüssen losgesagt zu haben. Überheblichkeit, verfeinerte Sinnenlust und Eitelkeit werden in dem Buch als eine Wirkung der göttlichen Gnade dargestellt. Indem sich fleischliche Menschen ihrer eigenen Wollust in deren subtiler Wirkungsweise bedienen, geraten sie in Begeisterung aus Lust und Trunkenheit, welche ohne Mühe, ohne Selbstverleugnung, ohne Reue, ohne Kreuzigung des Fleisches mit seinen Lüsten und Leidenschaften, einfach durch den schmeichlerischen Zustand des Entzückens zu erreichen sind. Geführt von ihrer Blindheit und ihrem Stolz, schreiten sie freudig vom Lager der viehähnlichen Liebe zum Lustbett einer noch sträflicheren Liebe, die in den Liebeshäusern der verworfenen Geister herrscht.
All die einzelnen Formen der Selbstverblendung und der Verführung durch die Dämonen gründen auf den zwei oben genannten Hauptarten und gehen entweder aus der unrichtigen Tätigkeit des Verstandes oder des Herzens hervor. Besonders umfassend ist die Wirkung der “Einbildung”.