Bischof Ignatij Brancaninov

Über das Jesusgebet



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1991, 5

Besonders gut ist der Rat zur Erlernung des Jesusgebetes, der von dem heiligen Mönch Dorotheus, einem russischen Asketen und geistlichen Schriftsteller gegeben wurde: “Wer mit den Lippen betet, aber die Seele vernachlässigt, und sein Herz nicht bewahrt, der betet in die Luft, aber nicht zu Gott, und umsonst müht er sich ab: denn Gott achtet auf den Geist und auf die Hingabe, aber nicht auf den Wortschwall. Man muß mit vollem Eifer beten: aus ganzer Seele, ganzem Gemüte und ganzem Herzen, aus allen seinen Kräften und mit Gottesfurcht. Das geistige Gebet läßt weder abschweifende, noch böse Gedanken in das innere Kämmerchen hinein. Möchtest du die Kunst des geistigen und Herzensgebetes erlernen? Ich bringe sie dir bei: höre fleißig und aufmerksam zu, lausche auf meine Worte. Zu Anfang mußt du das Jesusgebet laut, d.h. mit den Lippen, der Zunge und der Stimme ausführen, gerade für dich selber hörbar. Wenn die Lippen, die Zunge und die Sprachorgane durch das gesprochene Gebet gesättigt sind, dann hört das hörbare Beten auf und wird zu einem bloßen Flüstern. Danach muß man in der Belehrung fortfahren, sich ihr zuneigen und fleißig in ihr beharren. Dann beginnt das geistige und das Herzensgebet durch das Wirken der göttlichen Gnade, es wirkt selbständig ununterbrochen weiter und stellt sich zu jeder Zeit, bei jeder Sache und an jedem Ort ein”.
Der selige Staretz, der Priestermönch Seraphim von Sarow, weist die Anfänger an, nach einem zuvor in der Sarow-Einsiedelei existierenden allgemeinen Gebrauch, unaufhörlich zu beten: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder. “Beim Gebet - so lehrt der Staretz - achte auf dich, d.h. sammle deinen Geist und vereinige ihn mit der Seele. Führe dieses Gebet anfangs einen, zwei oder mehrere Tage lang allein mit dem Verstand aus, deutlich und klar, und werde dir jedes Wortes extra bewußt. Wenn der Herr dein Herz erwärmt durch die Wärme seiner Gnade und dich in dem einen Geist vereint, dann fließt dieses Gebet unaufhörlich in dir, und wird immer bei dir sein, wird dich erquicken und dich nähren. Schweige, unaufhörlich schweige; denke immer an die Gegenwart Gottes und Seinen Namen. Wenn du zu Tisch sitzt, dann schaue nicht auf andere, wieviel jemand ißt, sondern achte auf dich selbst, und nähre deine Seele durch das Gebet”.
“Jeder, sagt er, der das spirituelle Leben erlernen will, muß mit dem aktiven Leben beginnen und dann zum kontemplativen Leben übergehen: denn ohne aktives Leben ist es unmöglich, zum kontemplativen Leben zu gelangen, ohne vorherige Läuterung von den Leidenschaften und ohne vollständige Meisterung des aktiven Lebens”.
“Die Gnadengaben, so bekräftigt Seraphim, erhalten nur diejenigen, die das innere Tun beherrschen und über ihre Seelen wachen. Jene, die in Wahrheit beschlossen haben, Gott zu dienen, müssen sich in der Erinnerung an Gott und im ständigen Jesusgebet üben, indem sie innerlich sprechen: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder. Durch solch eine Übung und indem man sich vor der Zerstreuung hütet und Gewissensfrieden beachtet, kann man sich Gott nähern und sich mit ihm vereinigen. Anders als durch das ständige Gebet können wir nach den Worten des heiligen Isaaks des Syrers Gott nicht näher kommen.
Der Anfänger erlernt das Jesusgebet besonders bequem bei den langen Klostergottesdiensten. Wenn er ihnen schon beiwohnt, warum sollte er seine Gedanken fruchtlos und für seine Seele schadenbringend überall herumwandern lassen? Aber es ist unmöglich, dies zu vermeiden, wenn der Geist nicht an irgend etwas gebunden wird. Befasse dich mit dem Jesusgebet; es bewahrt den Verstand vor dem Umherwandern. Du wirst viel konzentrierter und tiefer werden; du wirst viel besser auf die Lesung achten und nach und nach das geistige Gebet erlernen. Demjenigen, der ein aufmerksames Leben führen will, trägt Seraphim auf, nicht auf fremde Gerüchte zu achten, durch die der Kopf sich mit müßigen und eitlen Überlegungen und Erinnerungen füllt; er trägt uns auf, die Aufmerksamkeit nicht auf fremde Dinge zu lenken, nicht zu grübeln, nicht über sie zu richten oder zu reden: er trägt uns auf, Gespräche zu vermeiden, sich wie ein Pilger zu geben, die einem begegnenden Väter und Brüder durch eine schweigende Verbeugung zu ehren, ohne sie dabei aufmerksam anzuschauen”.
Die Aufmerksamkeit wird bald zeigen, daß man bei der Verwendung dieser Methode, besonders zu Anfang, die Worte mit äußerster Langsamkeit aussprechen muß, damit der Geist in die Worte wie in Formen eindringen kann”, was bei hastigen Lesen nicht zu erreichen ist. Die Methode des Hl. Johannes Klimakos ist äußerst bequem, sowohl bei der Übung des Jesusgebetes, als auch beim Lesen der Gebete in der Zelle, sogar beim Studium der Heiligen Schrift und der Kirchenväter; woran man sich gewöhnen muß, als ob man nach Silben liest, mit solcher Langsamkeit.
Der Allerheiligste Kallistos, der Patriarch von Konstantinopel, urteilt so über das Gebet: “Unaufhörliches Gebet besteht im unaufhörlichen Anrufen des Namen Gottes. Ob man sich unterhält, ob man sitzt, geht, etwas tut, ißt oder sich mit irgend etwas anderem beschäftigt, man muß zu jeder Zeit und an jedem Ort den Namen Gottes anrufen, gemäß dem Vermächtnis der Schrift: ‘Betet ohne Unterlaß’ (Thess. 5,17).”
Das andächtige mündliche Gebet kommt zugleich aus dem Geist und aus dem Herzen. “Kleide dich zuerst in Blätter, und dann, wenn es Gott gebietet, wirst du auch Früchte bringen”, sagten die Väter. Erwerbe zuerst das andächtige Gebet: dem durch das aufmerksame Gebet zuvor Geläuterten und Vorbereiteten, dem Geformten, dem durch die Gebote des Evangeliums Gefestigten und in ihnen Fundierten, schenkt Gott, der Allbarmherzige Gott, zur rechten Zeit das begnadete Gebet.
Der Lehrer des Gebetes ist Gott, und das wahrhafte Gebet ist eine Gabe Gottes. Demjenigen, der unablässig mit zerknirschtem Gemüt, mit Gottesfurcht und Andacht betet, schenkt Gott selber allmählichen Fortschritt im Gebet. Aus dem aufmerksamen und demütigen Gebet entspringen die geistige Kraft und die spirituelle Wärme, welche das Herz erquicken. Das sich belebende Herz zieht den Geist an sich, wird zum Tempel des gesegneten Gebetes und zum Schatzhaus der durch es, seiner Beschaffenheit gemäß, erreichbaren geistigen Gaben. Bemühe dich, so sagen die großen Gottesstreiter und Lehrer des Gebetes durch den inneren Schmerz Gebetswärme zu erlangen, und Gott schenkt sie dir für immer. Bruder! Wenn du in deinem Herzen nicht Tag und Nacht mit Schmerz Gott suchen wirst: dann kannst du nicht fortschreiten.
“Die geistige Wachsamkeit oder Nüchternheit ist eine spirituelle Kunst, die den Menschen völlig mit Gottes Hilfe von den sündigen Taten und leidenschaftlichen Gedanken und Worten rettet, wenn sie lange genug und inbrünstig geübt wird. Sie ist die innere Hesychia; sie ist die Bewahrung des Gemütes; sie ist die Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber; fremd jedes Gedankens, immer ununterbrochen und unaufhörlich Christus Jesus, den Sohn Gottes und Herrgott anrufend, durch Ihn strahlend, mit Ihm kühn gegen die Feinde rüstend, Ihn bekennend”, so definiert der Hl. Hesychios von Jerusalem die geistige Wachsamkeit.
Inneres Gebet wird ein Gebet genannt, das von der göttlichen Gnade bewogen wird, und körperliches Gebet - ein Gebet, das vom Menschen mit eigener Anstrengung, ohne die deutliche Einwirkung der Gnade vollzogen wird.
Der Hl. Nilos trägt uns auf, “gedanklich zu schweigen, und sich nicht nur das Nachsinnen über irgend etwas Sündiges und Eitles, sondern auch über das anscheinend Nützliche und über das Geistige zu untersagen. Statt jeglichen Nachdenkens, befielt er uns, ständig in die Tiefen des Herzens zu blicken und zu sprechen: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder. Man kann entweder stehend oder sitzend oder liegend beten, die Gesünderen und Kräftigeren beten stehend und sitzend, die Schwachen können auch im Liegen beten, weil bei diesem Gebet nicht die Mühe des Körpers, sondern die Mühe des Geistes vorherrscht. Der Hl. Nilos rät, den Geist ins Herz einzuschließen und nach Möglichkeit die Atmung einzuhalten, um nicht so oft zu atmen. Das bedeutet: man muß still atmen. Im allgemeinen sollen alle Bewegungen des Blutes Seele und Körper in einer ruhigen Lage der Stille, der Ehrfurcht und der Gottesfurcht bewahren. Ohne dies kann sich keine geistige Wirkung in uns einstellen. Sie erscheint dann, wenn alle Erregungen und Wallungen des Blutes verstummen. Die Erfahrung lehrt schnell, daß die Einhaltung der Atmung, d.h. die nicht so häufige und sanfte Atemführung sehr nützlich ist zur Erlangung des Zustandes der Stille und der Bewahrung des Gemütes vor allem Herumwandern. Aus der Erfahrung wissen wir, daß für die Schwachen diese Aktivität sehr schwer und unbequem ist. Wenn jemand die Gnade erwirbt, dann betet er ohne Mühe und mit Liebe, da er von der Gnade getröstet wird. Wenn die Wirkung des Gebetes eintritt, dann zieht sie den Geist zu sich, jubelt und befreit von allem Herumflattern.
Geduld und Abwarten in allen Dingen ist die Mutter der seelischen und körperlichen “Schwächen”. Unter dem Wort “Schwächen” versteht man hier vornehmlich die Zerknirschung des Geistes, das Weinen des Gemütes, innere Betrübnis und Kummer wegen der Empfindung der eigenen Sündhaftigkeit, der Wahrnehmung des ewigen Todes, dem Gefühl der Versklavung durch die gefallenen Geister. Die Qual des Geistes teilt sich dem Herzen und dem Körper mit. In den körperlich Schwachen ersetzen die Gemütszerknirschung und das Weinen völlig die Körpermühe. Nicht nur die Verrichtung des geistigen Gebetes, sondern auch die aufmerksame Lektüre tiefer patristischer Literatur über das Gebet ruft Kopfschmerzen hervor. Die innere Zerknirschung durch die zum Bewußtsein gekommene Sündhaftigkeit, Gefangenschaft und Sterblichkeit ist so stark, daß sie sogar zu physischen Krankheiten und Qualen führt.
Der Gabe des andächtigen Gebetes gehen gewöhnlicherweise besondere Leiden und seelische Erschütterungen voraus, die unsere Seele in das tiefe Bewußtsein der eigenen Armseligkeit und Nichtigkeit stürzen. Das innerliche Beten vereint mit der “Schwäche” des Herzens führt zur Läuterung und diese wiederum zu der wahren Schweigsamkeit des Herzens. Durch dieses Schweigen erlangt man Demut, und diese macht den Menschen zu einer Wohnstätte Gottes. Wenn Gott einzieht, dann werden die Dämonen und die Leidenschaften verjagt, und der Mensch wird zum Tempel Gottes, voller Heiligkeit, Erleuchtung, Lauterkeit und Gnade. Selig derjenige, der den Herrn im inneren Schatzkämmerchens des Herzens wie in einem Spiegel sieht und mit Weinen sein Flehen vor Seiner Gnade ausschüttet. Der ehrwürdige Johannes von Karthago sagt: Viel Zeit und Gebetsmühen sind erforderlich, um in einer nicht erregbaren Gemütsverfassung einen gewissen, neuen Himmel des Herzens zu finden, wo Christus lebt, wie der Apostel sagt: “Oder könnt ihr euch nicht das Zeugnis geben, daß Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, könnt ihr nicht bestehen (2 Kor 13,5).

 

Bote 1991, 6

“Das geistig-innere Tun ist die höchste Schule der Theologie”, sagt der ehrwürdige Nilos Sinaitis.
Der selige Nikephoros, der große Lehrmeister der Hesychasten, lehrt: “Und so setze dich, sammle deinen Geist, führe ihn in den Atmungsweg, durch welchen der Atem ins Herz eingeht; setze die Atmung in die (allerruhigste) Bewegung, und nötige deinen Geist mit der eingeatmeten Luft in das Herz einzudringen. Wenn er dort eindringt, dann wird das Darauffolgende für dich voller Jubel und Freude sein. Du sollst auch wissen, daß dein Geist, der sich dort befindet, nicht schweigen und in Müßiggang verharren darf, sondern im ständigen Beten und der Erbauung (von der er niemals abweichen darf) des Gebetes “Herr Jesus Chris-tus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner” verharren muß. Dieses Gebet, das den Geist unter Kontrolle hält, macht ihn unzugänglich und unberührbar für die Anfechtungen des Feindes und führt zum täglichen Fortschritt in göttlicher Liebe und göttlichem Wünschen. Wenn du trotz vieler Mühe nicht in das Land des Herzens eindringen kannst, wie wir es dir rieten, dann tue, was ich dir sage, und du wirst das Gesuchte mit Gottes Hilfe finden.
Du weißt, daß sich die Denkkraft (Logos-Kraft) jedes Menschen in seiner Brust befindet. In der Brust ist es, wo wir, auch bei geschlossenen Lippen, sprechen, uns beraten, beten und psalmodieren. Diese “Logos-Kraft” kannst du, indem du jeden Gedanken von ihr abziehst (und das kannst du tun, falls du willst), benützen, um zu sprechen: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner. Und nötige dich dazu, so innerhalb der Brust statt jedes anderen Gedankens zu seufzen. Wenn du einige Zeit so verfährst, dann tut sich dir, ohne jeden Zweifel, auch der Zugang zum Herzen auf, wie wir dies beschrieben, da wir dies aus Erfahrung wissen. Dann gesellt sich auch mit viel-ersehnter und erquickender Hinwendung der ganze Reigen der Tugenden zu dir: Liebe, Freude, Friede etc; und durch diese werden all deine Bitten an Christus Jesus, unseren Herrn erfüllt”.
Zu der vom seligen Nikephoros dargelegten Methode, fügen der Hl. Kallistos und der Hl. Ignatius Xanphopulos hinzu, daß man bei ihrer Anwendung die Lippen geschlossen halten soll. Sie sagen, daß der Anfänger, was das hesychastische Leben betrifft, sich nach der Methode des seligen Nikephoros mit dem Jesusgebet beschäftigen muß, wobei er es ständig leise mit Hilfe des Nasen-atems (der ebenso sanft wieder ausgeströmt wird) in sein Herz einführen soll, wobei die Lippen geschlossen gehalten werden. Im Voranschreiten des Gebetes wirken die göttliche Kraft und Gnade; sie alleine vollbringen alles. Hilfsmittel sind eben nur Hilfsmittel, deren unsere Schwachheit bedarf. Xanphopulli sagt, daß die Übung des geistigen und des Herzensgebetes im Geiste geläutert wird durch die Überschattung und Hilfe der göttlichen Gnade und durch die konzentrierte, innige, lautere, abschweifungsfreie und vertrauensvolle Anrufung unseres Herrn Jesus Christus, und nicht einfach durch den oben dargelegten natürlichen Kunstgriff der Nasenatmung, oder durch das bloße schweigende Dasitzen beim Gebet in Dunkelheit - möge dem nicht so sein! Das wurde von den Göttlichen Vätern nur dazu erfunden, um eine gewisse Stütze zur Sammlung der Gedanken, zu ihrer Rückkehr zu sich selber und zur Aufmerksamkeit zu verleihen.
Der ehrwürdige Arsenij nahm stetig zu im geistlichen Leben: besonders lobt er den Hl. Isaak den Syrer und empfiehlt ihn zur Nachahmung als ein sehr geeignetes, weises und fruchtbringendes Vorbild. Der ehrwürdige Arsenij der Große beobachtete ständiges Schweigen, er vermied im allgemeinen alle Beziehungen, die seine Andacht stören konnten, denn das Ziel seines Lebens und all seiner Aktivitäten war die Bewahrung der inneren Aufmerksamkeit.
Sehr nützlich zum Erlernen des Jesusgebetes ist es, wenn man es mit ganzen und halben Verbeugungen verbindet, die man ohne Hast und mit Reuegefühl ausführen soll. In der Kirche und überhaupt bei der Beschäftigung mit dem Jesusgebet ist es gut, die Augen geschlossen zu halten und die linke Hand an die Brust, ein wenig über die linke Brustwarze zu legen: diese Methode hilft zur Wahrnehmung der Kraft des “Logos”, die sich in der Brust befindet. Die Kranken und die Alten jedoch müssen sich vor überflüssiger körperlicher Gebetsanstrengung hüten, damit sie nicht ihre Kräfte erschöpft und sie daran hindert, sich der innerlichen Gebetsübung hinzugeben. Das Wesen des Gebetes ist im Herrn und Seinem Namen.
Die Schriften der Väter kann man mit einer Apotheke vergleichen, in der sich eine Menge Arzneimittel befinden; aber der Kranke, der mit der Heilkunst nicht vertraut ist und nicht von einem Arzt geführt wird, tut sich sehr schwer bei der Auswahl des für seine Krankheit angebrachten Heilmittels. Wenn der Kranke jedoch aus Selbstvertrauen und Leichtfertigkeit heraus und ohne sich genügend erkundigt zu haben, in Ermangelung eines Arztes, sich übereilt selber für die Auswahl und die Einnahme eines Heilmittels entscheidet, dann kann diese Wahl ein Mißerfolg sein. Die an und für sich heilsame Medizin kann sich nicht nur als nutzlos, sondern sogar als schädlich erweisen. In eine Lage, die ähnlich der Lage eines solchen Kranken ist, sind wir gestellt aus Mangel an geistlichen Führern, die sich in den Schriften der Heiligen Väter über die geheime Wirkung des Herzensgebetes und seiner weiteren Resultate auskennen.
Der Hl. Gregor Sinaitis sagt: “denn jeder, der sich nach bloßem Hören oder Lesen in eine überflüssige Gebetsaskese stürzt, verdirbt, weil er keinen Führer erworben hat.” Die heiligen Väter erinnern daran, daß viele, die sich beim Beten in fälschlicher Weise gewisser Hilfsmittel bedienten, für die sie noch nicht reif und unfähig waren, in Selbstverblendung und Geistesverwirrung verfielen.
Die Ausübung von Tugenden muß immer dem Zustand des Tuenden angemessen sein; andernfalls verderben sie den Täter, und werden selber zunichte, d.h. ihre Unternehmung ist fruchtlos und führt zum Schaden und Verderb der Seele, entgegen ihrer Bestimmung; denn nicht nur die Sünde gereicht uns zum Verderb, sondern sogar auch das Gute, wenn wir es ohne Zeit und ohne Maß tun.
Im Fall besonderer körperlicher Anstrengung beim Herzensgebet, beginnt im Herzen die Hitze zu wirken. Diese Hitze ist die direkte Auswirkung solch einer Übung, denn jedes Glied des menschlichen Körpers, das der Reibung unterworfen wird, erhitzt sich: das passiert auch beim Herzen wegen seiner ständigen, fortgesetzten Anspannung. Die Wärme, die aus der verstärkten, materiellen Askese resultiert, ist auch körperlich. Es handelt sich um eine Wärme des Fleisches, des Blutes, die zum Bereich der gefallenen Materie gehört. Viel gefährlicher, viel näher an “Prelest” ist es, wenn der Asket die Blutwärme im Herzen oder in der Brust spürt, sie für gnadengeschenkt hält, sich etwas auf sie, und folglich auch auf sich selber einbildet.
Man muß sich bemühen, daß das Gebet in der Spitze des Herzens wirkt, wo nach der Lehre der Väter die “Wortkraft” ruht, und wo aus diesem Grund die Anbetung Gottes erfolgen muß. Wenn die Göttliche Gnade die Gebetsübung überschattet und den Geist mit dem Herzen zu vereinigen beginnt, dann schwindet die materielle, vom Blut hervorgerufene Wärme völlig. Die heilige Handlung des Gebetes wandelt sich dann vollkommen: sie wird sozusagen natürlich, völlig frei und leicht. Dann erscheint im Herzen eine andere Wärme, eine feine, nicht-materielle, spirituelle, die keinerlei Erhitzung hervorruft - im Gegenteil, eine abkühlende, erleuchtende, erfrischende; sie wirkt wie eine vollständige, geistige, lindernde Salbung und reißt zur unaussprechlichen Liebe zu Gott und den Menschen fort: so berichtet der ehrwürdige Maxim Kapsokalibia aus seiner eigenen seligen Erfahrung über diese Wärme.
Das menschliche Herz hat das Aussehen eines länglichen Sackes, der nach oben weiter und nach unten schmäler wird. Er wird durch das obere Ende, das sich gegenüber der linken Brustwarze befindet, befestigt, aber sein unterer Teil, der sich am Ende der Rippen befindet, ist frei; wenn er ins Schwingen gerät, dann nennt man diese Schwingung Herzklopfen. Viele, die keine Ahnung von der Physiologie ihres Herzens haben, vermuten ihr Herz dort, wo sie sein Schlagen fühlen. Indem sie sich eigenmächtig an die Übung des Herzensgebetes machen, merken sie auf die Atmung und führen sie in das Herz, gerade zu diesem Teil des Herzens, den sie in fleischliche Erhitzung versetzen, wobei sich der Herzschlag sehr verstärkt; so erzeugen sie einen unrichtigen Zustand und “Prelest” in sich.
Der Schemamönch Vasilij, der sich auf den Hl. Theophylakt und andere Väter bezieht, bekräftigt, daß die drei Kräfte der Seele, nämlich die Denkkraft, die Ereiferung und die Wunschkraft, so verteilt sind: in der Brust und im oberen Teil des Herzens ist die Denkkraft oder der Geist des Menschen gegenwärtig, im mittleren Teil die Kraft des Eifers und im unteren Teil die Wunschkraft oder das natürliche Verlangen. Derjenige, der sich bemüht, den unteren Teil des Herzens in Bewegung und Erhitzung zu versetzen, bringt die Kraft der Begierde in Bewegung, die wegen ihrer Nähe zu den Geschlechtsteilen und wegen ihrer Natur gemäß, diese Teile in Bewegung versetzt. Der törichten Verwendung eines körperlichen Hilfsmittels folgt eine starke Anfachung der fleischlichen Begierde. Welch ein seltsames Phänomen! Dem Anschein nach beschäftigt sich der Asket mit Gebet, und gerade diese Beschäftigung erzeugt Lust, die durch es abgetötet werden soll. Und die Unwissenheit, die ein natürliches Mittel mißbraucht hat, schreibt dem Jesusgebet das zu, was sie eigentlich dem Mißbrauch zuschreiben sollte. Das Herzensgebet geht aus der Vereinigung des Verstandes mit dem Geist hervor, die durch den Sündenfall getrennt wurden und durch die Gnade der Erlösung wieder vereint werden. Im Geist des Menschen sind die Empfindungen des Gewissens, der Geduld, der Sanftmut, der Liebe zu Gott und zum Nächsten, und andere ähnliche Eigenschaften konzentriert: es ist notwendig, daß sich beim Gebet die Handlung dieser Eigenschaften mit dem Wirken des Verstandes verbindet. Darauf muß die ganze Aufmerksamkeit des Betenden gerichtet sein. Die Vereinigung erfolgt durch den Fingerzeig Gottes, dem einzig Mächtigen, die Wunde des Falles zu heilen; der Betende zeigt die Aufrichtigkeit seines Entschlusses zur Erlangung der Heilung durch das ständige Verweilen im Gebet, durch die Einschließung des Verstandes in die Worte des Gebetes, durch die äußere und innere Tätigkeit gemäß den Geboten des Evangeliums, die den Geist zur Vereinigung mit dem betenden Verstande fähig macht. Dabei hilft es ein wenig, wenn man den Verstand (Gemüt) künstlicherweise auf die Logoskraft und auf den oberen Teil des Herzens richtet.