Hl. Johannes Maximovic, Erzbischof von Shanghai und San Francisci

Das Gebet Jesu im Garten Gethsemane

Predigt aus dem Jahr 1938

 

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 1

Predigt von Erzbischof Ioann Maximovi¡c aus dem Jahre 1938, Übersetzung aus “Pravoslavnaja Rus’” 1993, Nr. 6

Nach dem letzten Abendmahl mit Seinen Jüngern und den Belehrungen, die Er ihnen erteilt hatte, ging Jesus mit ihnen zum Ölberg (Mt. 26,30; Mk. 14,26; Lk. 22,39). Auf dem Weg setzte Er das Gespräch fort. Danach wandte Er sich an den Himmlischen Vater im Gebet für Seine Jünger und für die, welche durch ihr Wort gläubig werden (Jh. 17). Sie überschritten den Bach Kedron und betraten den Garten Gethsemane, wo Jesus Sich auch früher oft mit Seinen Jüngern versammelt hatte (Mt. 26,36; Mk. 14,32; Jh. 18,1-2). Hier ließ Er sie allein; nur Petrus, Johannes und Jakobus nahm Er mit Sich und befahl den anderen zu bleiben, solange Er beten werde. Mit Petrus, Johannes und Jakobus ging Er ein wenig weiter. Er wollte möglichst allein sein, und da Er wußte, was nun zu geschehen hatte, begann Er zu bangen, zu zittern und zu klagen. Er sagte zu den dreien, die mit Ihm waren: “Meine Seele ist betrübt bis in den Tod, bleibet hier und wachet mit mir”. Er ging beiseite, fiel mit Seinem Antlitz zur Erde und betete.
Zweimal unterbrach der Herr Sein Gebet. Er trat zu Petrus und den Zebedäus Söhnen. Aber ach! Sie waren hier, aber sie wachten nicht. Der Schlaf hatte sie übermannt. Umsonst hatte der Göttliche Meister sie gebeten, zu wachen und zu beten, um nicht in Versuchung zu fallen. “Der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber ist schwach” (Mt. 26,41; Mk. 14,38). Die Jünger fielen von neuem in Schlaf, sobald der Herr Sich von ihnen entfernte, um Sein Gebet fortzusetzen, das Er erst beendete, als die Stunde der Überlieferung des Menschensohnes in die Hände der Sünder gekommen war. Das Gebet Jesu war so tief, so angestrengt, daß Tropfen Seines Schweißes wie Blut zur Erde fielen (Lk. 22,44).
Was war es, worum Jesus so stark, so eindringlich betete? Was erflehte Er vom Himmlischen Vater, dreimal mit dem Antlitz zur Erde fallend? “Mein Vater! Alles ist Dir möglich; oh, wenn Du die Gnade hättest und diesen Kelch an mir vorübergehen ließest; wenn es möglich ist, lasse diesen Kelch an mir vorübergehen; nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht wie ich will, sondern wie Du willst. Nicht mein Wille geschehe, sondern Dein Wille. Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, so daß ich ihn trinken muß, so geschehe Dein Wille.”
Der Herr Jesus Christus war Gott und Mensch zugleich. Das göttliche und das menschliche Wesen vereinigten sich in Seiner Person, ohne miteinander verquickt zu sein und ohne Änderung der beiden Wesensarten. “Jede Wesensart für sich und doch untrennbar in Seiner Person”, wie es das Dogma des Konzils von Chalkedon ausdrückt. Da zwei Wesensarten in Ihm lebten, besaß Er auch zwei Willensrichtungen. Als Gott war Jesus Christus wesensgleich mit Gott dem Vater und hatte mit Ihm und dem heiligen Geist den gleichen Willen. Jedoch als vollkommener Mensch, der aus Geist und Fleisch bestand, hatte der Herr auch menschliche Empfindungen und menschlichen Willen. Sein menschlicher Wille unterwarf sich vollkommen dem Willen Gottes. Der Herr hatte Seinen menschlichen Willen dem Willen Gottes ergeben. Er wollte nichts anderes als den Willen des Himmlischen Vaters erfüllen (Jh. 5,30). Seine “geistige Speise war, den Willen dessen zu erfüllen, der ihn gesandt hatte und sein Werk zu vollbringen” (Jh. 4,34). Zu vollbringen aber war eine Tat, wie es keine gleiche gab, die selbst die gefühllose, seelenlose Natur erschüttern sollte. Es sollte der Mensch von seiner Sünde und vom Tod erlöst werden, die Einigkeit des Menschen mit Gott sollte wiedererlangt werden. Der sündenlose Erlöser sollte alle Sünden des menschlichen Geschlechts auf Sich nehmen, Er sollte, ohne daß Er Selbst sündig war, die Last der Sünde aller Menschen in Sich fühlen und eine solche Reue darüber empfinden, wie es nur absolute Heiligkeit zu fühlen vermag, die selbst die kleinste Abweichung von den Geboten Gottes und Seinem Willen spürt. Es sollte Derjenige, in dessen Person Gott und Mensch nebeneinander lebten, mit Seinem heiligen, sündenlosen Menschenwesen das ganze Entsetzen der Lösung des Menschen von seinem Schöpfer, der Trennung der sündigen Menschheit von dem Quell der Heiligkeit und des Lichtes, der Trennung von Gott, erleben. Die ganze Tiefe des Falls der Menschheit sollte in diesem Augenblick offensichtlich werden, denn der Mensch, der sich im Paradies Gott nicht fügen wollte und dem Teufel, dem Gott-Verleumder, gehorchte, wird jetzt gegen seinen Göttlichen Erlöser aufstehen, wird Ihn verleumden und verkünden, Er sei es nicht wert, auf der Erde zu leben, wird Ihn ans Kreuz nageln und zwischen Himmel und Erde aufhängen, wodurch er Ihn dem von Gott gegebenen Gesetz unterordnen wird (5. Buch Mose - Deuteronomium 21, 22-23). Der sündenlose Gerechte, der von der sündigen Welt, für die und durch die Er litt, abgelehnt wurde, sollte der Menschheit diese Bluttat vergeben und Er sollte von dem Himmlischen Vater erflehen, daß auch die Göttliche Gerechtigkeit der vom Teufel geblendeten Menschheit diese Ablehnung ihres Schöpfers und Erlösers vergebe. Ein so heiliges Flehen konnte nicht ungehört bleiben, eine solche Kraft der Liebe mußte den Quell der Liebe – Gott – mit denen verbinden, die wenigstens jetzt diese Liebe fühlen und verstehen würden, wie sehr die Wege der Menscheit bisher von den Wegen Gottes abwichen und die nun den festen Entschluß fassen würden, über den menschgewordenen Schöpfer zu Gott dem Vater zurückzukehren.
Und nun war die Stunde gekommen, da sich dies alles erfüllen sollte. Der ans Kreuz genagelte Menschensohn wird durch Seine Selbstaufopferung alle an Sich ziehen. Der Kraft Seiner Liebe werden die sündigen Herzen der Menschen nicht widerstehen können. Die Liebe des Menschensohnes wird die Versteinerung der Menschenherzen sprengen. Sie werden ihre Unreinheit und ihre Finsternis, ihre Nichtigkeit erkennen, und nur die hartnäckigen Gotteshasser werden nicht gewillt sein, sich vom Licht und der Gnade der Göttlichen Hoheit erleuchten zu lassen. Diejenigen aber, die den Rufenden nicht verschmähen, werden, von den Strahlen der Liebe des Menschensohnes getroffen und erwärmt, ihr Entferntsein von der Liebe des Schöpfers empfinden und nach der Vereinigung mit Ihm dürsten. Und das größte Sakrament wird sich unbemerkt vollziehen – die Menschheit wird sich ihrem Schöpfer zuwenden, der mit Freude diejenigen aufnehmen wird, welche von dem Teufel, dem Verleumder, zurückkehren zu ihrem Ursprung. Die trennende Mauer der Feindschaft ist gefallen. “Huld und Treue begegnen einander, Wahrheit und Heil treffen sich”, Gerechtigkeit beugte sich vom Himmel hernieder, denn vom Kreuz auf der Erde erstrahlte die fleischgewordene Wahrheit. Die Stunde ist gekommen, in der dies alles geschehen sollte.
Die Welt ahnte noch nichts von der Größe des kommenden Tages. Der Menschensohn sah jedoch bereits alles, was zu geschehen hatte. Er gab Sich als freiwilliges Opfer zur Rettung des Menschengeschlechts. Und jetzt war Er gekommen, um allein das letzte Mal zu Seinem Himmlischen Vater zu beten. Hier wird Er das Opfer bringen, das das Menschengeschlecht retten wird – Er wird Sich freiwillig den Qualen, der Macht der Finsternis hingeben.
Aber dieses Opfer wird nicht heilbringend sein, wenn Er nur den eigenen Schmerz erleiden wird – Er mußte die durch den Sündenfall entstandenen Wunden, an denen die Menschheit leidet, in Sich Selbst spüren. Das Herz des Gottmenschen füllt sich mit unsäglichem Leiden. Alle Sünden der Menschen, angefangen mit der Übertretung Adams, bis zu denen, die begangen werden, wenn schon die letzte Posaune ertönt, alle großen und kleinen Sünden aller Menschen erstanden vor Seinem inneren Blick. Sie waren Ihm als Gott immer offenbar – “alles Geschehen ist Ihm bekannt”, jetzt aber erleidet auch Sein menschliches Wesen ihre ganze Schwere und Abscheulichkeit. Die heilige, sündenlose Seele füllt sich mit Entsetzen, Er leidet so stark, wie die Sünder selbst nicht leiden, die mit ihrem verhärteten Herzen nicht fühlen, wie die Sünde den Menschen verdirbt und ihn von seinem Schöpfer entfernt. Und Seine Qualen sind umso größer, da Er die Härte und Grausamkeit der Herzen sieht, “daß die Menschen ihre Augen geblendet haben, so daß sie nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören wollen und sich nicht bekehren, auf daß Er sie heile”. Er sieht, daß die ganze Welt sich auch jetzt von dem zu ihr gekommenen Gott in Menschengestalt abwendet. Es kommt die Stunde, und sie ist schon gekommen (Jh. 16,32), da selbst die fortlaufen werden, welche soeben versicherten, sie würden ihr Leben für Ihn hingeben. Allein, verlassen wird der Gottmensch am Kreuze hängen, verspottet von den Schmährufen des Volkes, das sich versammelte, um dieses Schauspiel zu sehen. Nur einige sind Ihm treu geblieben, aber auch diese verstärken nur das Leid des liebenden Herzens. Der Sohn sieht mit Schmerz das stumme, hilflose Mitleiden der Jungfrau. Keine Hilfe – von nirgendwo her!
Zwar ist Er auch in diesem Augenblick nicht allein, der Vater ist immer mit Ihm (Jh. 8,29; 10,30). Um aber die ganze Schwere der Folgen von Menschen begangener Sünden zu fühlen, wird der Sohn Gottes freiwillig Seine menschliche Natur das ganze Entsetzen der Trennung von Gott erleben lassen. Und dieser furchtbare Augenblick wird für Sein heiliges, sündenloses Wesen nicht überstehbar sein. Mit lauter Stimme wird Er den Ruf ausstoßen: “Mein Gott! Mein Gott! Warum hast Du mich verlassen?” Diesen Augenblick voraussehend, ist die heilige Seele erfüllt von Entsetzen und Widerstreben.
Schon früher, als die Hellenen zu Jesus gekommen waren, um Ihn zu sehen, erlaubte Er Seiner Menschennatur, das Herannahen dieser furchbaren Stunde zu fühlen. Als diese “Schafe vom anderen Gehege” zu Ihm kamen, sah der Gott-Mensch, daß die Stunde naht, da alle zu Ihm kommen werden, wenn Er am Kreuze hängt. Die Menschennatur erzitterte, Seine Seele war erschüttert. Aber Jesus wußte, daß ohne Sein Leiden die Rettung der Menschheit unmöglich ist, daß ohne Qualen Sein irdisches Wirken ebenso wenig Spuren hinterlassen wird, wie ein Samenkorn, das lange Zeit auf der Erdoberfläche gelegen hat, bis die Sonne es austrocknete. Darum bat Er damals gleich den Vater, Er möge nicht zulassen, daß menschliche Schwäche Seine Gedanken und Wünsche lenke: “Meine Seele ist jetzt erschüttert. Aber was soll ich sagen? Vater, erlöse mich von dieser Stunde? Dieser Stunde wegen bin ich aber gekommen” (Jh.. 12,27-28). Und als sei Er ermuntert durch die Erinnerung daran, wofür Er zur Erde gekommen ist, betet Christus darum, daß der Wille Gottes sich erfülle, daß das Menschengeschlecht gerettet werde: “Vater, verherrliche Deinen Namen” – verherrliche ihn auf der Erde unter dem Menschengeschlecht, zeige Dich nicht nur als der Schöpfer, sondern auch als der Erretter! (Basilius der Große “Gegen Eunomios”, Buch 4). “Ich habe verherrlicht und werde wieder verherrlichen”, kam die Antwort in der Stimme vom Himmel, die verkündete, daß die Zeit der Erfüllung des seit Beginn der Zeiten und Generationen verhüllten Gottesgeheimnisses nun kommt. (Kol. 1,26; Eph. 1,9; 3,9).
Und jetzt war die Stunde da. Wenn schon früher die menschliche Natur des Heilands beim Gedanken an das, was kommen sollte, erzitterte – was erlebte Er dann jetzt, als Er, in Erwartung seiner Feinde und des Verräters zum letzten Mal allein gelassen, zu Gott betete? Der Herr wußte, daß jedes Seiner Gebete erhört werden würde (Jh. 11,42). Er wußte, daß wenn Er den Vater bitten würde, Ihn von den Qualen und vom Tod zu bewahren, mehr als zwölf Legionen Engel kommen würden (Mt. 26,53), um Ihn zu schützen. Ist Er aber dazu gekommen? Dazu, um im letzten Augenblick die Erfüllung dessen zu verweigern, was Er in der Heiligen Schrift angekündigt hat?
Jedoch der Geist ist willig, das Fleisch aber ist schwach. Der Geist Jesu ist auch jetzt glühend (Röm. 12,11), auch jetzt wünscht Er nur eines: daß der Wille Gottes erfüllt werde. Aber das menschliche Wesen widersetzt sich naturgemäß den Qualen und dem Tod (“Genaue Auslegung des Orthodoxen Glaubens”, Buch 3, Kapitel 18, 20, 23, 24; Hl. Theophylakt; “Leiter” des Hl. Johannes, Wort 6 “Über den Gedanken an den Tod”). Freiwillig hat der Sohn Gottes diese ohnmächtige Natur angenommen. Er willigt Selbst in Seinen Tod ein, um die Welt zu retten. Und Er gewinnt den Kampf gegen das nahende Gefühl der Todesangst und des Grauens vor Qualen (“Leiter”; Sel. Augustinus “Genaue Auslegung des Orthodoxen Glaubens”, Buch 3,24). Jetzt werden diese Qualen besonders entsetzlich sein, weniger wegen der Schmerzen an sich, als deshalb, weil die Seele des Gottmenschen bis in die Tiefe erschüttert ist.
Unsagbar leidet Er unter der Schwere der auf Sich genommenen Menschensünde. Sie erdrückt Ihn, macht die kommenden Qualen untragbar.
Christus weiß, daß im Augenblick, da die Qualen ihren Höhepunkt erreicht haben werden, Er vollkommen einsam sein wird. Nicht nur wird unter den Menschen niemand sein, der Ihm diese Qualen erleichtern kann: “Ich wartete auf Mitleidende und sie waren nicht da, auf Tröstende und fand sie nicht, ich schaute und fand keinen Helfer... “ (Ps. 68,21; Jes. 63,5), sondern um Ihn das volle Maß der Schwere der Sünden fühlen zu lassen, wird Er auch die Schwere der Lösung vom Himmlischen Vater zu erdulden haben. Und in diesem Augenblick könnte Sein menschlicher Wille den Wunsch haben, den Qualen zu entgehen. Möchte nur dies nicht geschehen! Möchte Sein menschlicher Wille nicht für einen Augenblick dem Willen Gottes entgegenstehen. Darum eben bittet der Gottmensch Seinen Himmlischen Vater. Wenn es möglich wäre, daß die Menschheit ihre Einigung mit Gott wiedererlangte, ohne das neue furchtbare Verbrechen gegen den Sohn Gottes (Hl. Basilius der Große “Gegen Eunomios” Buch 4), so möchte Ihm diese Stunde erlassen werden. Wenn aber die Menschheit nur auf diese Weise zu ihrem Schöpfer zurückkehren kann, so soll das Wohlwollen Gottes durch diese Seine Tat erfleht werden. Gottes Wille geschehe, und möchte die menschliche Natur Jesu selbst in den furchtbarsten Augenblicken nichts anderes wünschen als nur eines, daß der Wille Gottes geschehe, daß Gottes Erlösungswerk erfüllt werde. Um dies eben betete Christus im Gethsemane Garten: “... mit lautem Stöhnen und unter Tränen hat Er in den Tagen seines Menschseins zum Allmächtigen gefleht, der ihn vom Tode erretten konnte” (Hebr. 5,7).
Er flehte zu dem, der Ihn vom Tode retten konnte, aber Er bat nicht, Ihn vom Tode zu bewahren. Etwa so sprach der Herr Jesus Christus zu Seinem Göttlichen Vater: “Mein Vater, Du Vater dessen, den Du gesandt hast, das israelische Volk und die verstreuten Kinder Gottes, das Heidenvolk, zu sammeln, um aus zweien einen neuen Menschen zu schaffen und durch das Kreuz beide mit Dir zu versöhnen. Alles ist Dir möglich, alles, was Deiner grenzenlosen Vollkommenheit entspricht. Du weißt, daß es der menschlichen Natur eigen ist, sich vor Schmerzen zu hüten, daß der Mensch immer nur gute Tage erleben möchte... Der aber, der Dich von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allem Verstand liebt, wünscht nur das, was Deinem heilbringenden und vollkommenen Willen genehm ist. Ich bin zur Erde gekommen, um Deinen weisen Willen zu erfüllen und habe hierfür Fleisch und Blut des Menschen und seine Natur auf mich genommen, mit allen ihren Mängeln außer der Sündhaftigkeit. So würde auch ich wünschen, den Qualen zu entgehen, aber nur unter einer Bedingung: daß dies Dein heiliger Wille sei. Wenn es möglich ist, daß das Werk der Rettung der Menschheit ohne das neue furchtbare Verbrechen der Menschen geschehen kann, und daß ich diese seelischen Qualen nicht erdulden muß, zu denen in einigen Stunden furchtbare Schmerzen meines Menschenleibes hinzukommen werden; wenn das möglich ist, erlasse mir die jetzt schon quälenden und die noch kommenden Prüfungen und Versuchungen. Erlasse mir die Notwendigkeit, die Folgen der Übertretung Adams auszuhalten. Aber dieses Flehen zu Dir wird mir von der Ohnmacht meiner menschlichen Natur diktiert; es soll aber so geschehen, wie es Dir genehm ist. Laß nicht den Willen der schwachen menschlichen Natur geschehen, sondern unseren gemeinsamen ewigen Ratschluß, mein Vater! Wenn es nach dem allweisen Plan nötig ist, daß ich dieses Opfer bringe, so weigere ich mich nicht. Ich bitte nur um eines: daß Dein Wille geschehe. Dein Wille geschehe immer und in allem. So wie im Himmel ich, Dein einziggeborener Sohn, und Du den gleichen Willen haben, so laß auch meinen menschlichen Willen hier auf Erden, nicht einen Augenblick das wünschen, was gegen unseren gemeinsamen Willen wäre. Gib, daß sich das erfülle, was wir vor Erschaffung der Welt beschlossen haben – laß die Erlösung des Menschengeschlechts geschehen. Füge es, daß die Menschensöhne von der Knechtschaft des Satans losgekauft werden, laß es um einen hohen Preis geschehen: durch Leiden und Selbstaufopferung des Gottmenschen. Die ganze Last der Menschensünden, die ich auf mich nehme, und alle hinzukommenden seelischen und körperlichen Schmerzen sollen meinen menschlichen Willen nicht wankend machen, wenn ich möchte, daß Dein heiliger Wille geschehe. Ich möchte, daß ich mit Freuden Deinen Willen erfülle. Dein Wille geschehe.”
“Um den Kelch der Leiden, der die Menschheit rettete, betete der Herr, daß Er ihn willig trinke...” (aus dem Sonntagskanon des 5. Tones, Ode 8). Er zeigte damit zwei Willensrichtungen der zwei Wesenheiten in Ihm. Er bat Gott den Vater, daß Sein Menschenwille nicht wanke in Seiner Ergebenheit in den Willen Gottes (“Genaue Auslegung des Orthodoxen Glaubens”, Buch 3,24). Vom Himmel erschien ein Engel und stärkte (Lk. 22,43) Seine menschliche Natur. Jesus aber, der dem Opfertod entgegenging, betete noch inniger, und Schweißtropfen wie Blut fielen von Ihm zur Erde. Für Seine Demut, für die stetige Ergebenheit in den Willen des Vaters, wurde der Menschensohn erhört.
Gestärkt und ermuntert stand Jesus vom Gebet auf (“Genaue Auslegung des Orthodoxen Glaubens”, Buch 3,24). Er wußte, daß Seine menschliche Natur nicht mehr wanken wird, daß die Last der Sünden von den Menschen bald von Ihm genommen wird und daß Er durch Seinen Gehorsam – dem Willen des Vaters gegenüber – Ihm die verirrte Menschheit zuführen wird. Er trat zu den Jüngern und sagte: “Ihr schlaft und ruht noch immer. Seht, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn überliefert wird in die Hände der Sünder. Steht auf, laßt uns gehen. Mein Verräter naht. Betet, um nicht in Versuchung zu fallen.”
Der Herr trat zu den Gekommenen und gab Sich so freiwillig in ihre Hände. Als Petrus, der seinen Meister schützen wollte, dem Knecht des Hohepriesters mit dem Schwert das Ohr abhieb, heilte Jesus den Knecht und erinnerte Petrus daran, daß Er Sich freiwillig ergebe. Er sagte zu ihm: “Stecke das Schwert ein. Sollte ich etwa den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gab? Oder glaubst du, ich könnte nicht gleich meinen Vater bitten und er würde mir mehr als zwölf Legionen Engel schicken? Wie aber würde dann die Schrift erfüllt, daß es so geschehen muß?” Christus trank freiwillig den Kelch der seelischen und körperlichen Qualen bis zur Neige und verherrlichte so Gottes Namen auf der Erde. Er vollbrachte eine Tat, die ihrer Größe nach nicht geringer war als selbst die Erschaffung der Welt. Er richtete die gefallene Natur des Menschen auf, versöhnte die Gottheit mit dem Menschengeschlecht und machte die Menschen zu Teilhabenden an dem Göttlichen Wesen (2. Petr. 1,4).
Christus erfüllte den Auftrag des Vaters, wurde auch als Mensch so verherrlicht, wie Er als Gott vor Erschaffung der Welt verherrlicht war (Jh. 17,5), setzte Sich zur Rechten Gottes des Vaters und wartet, bis Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt werden (Hebr. 10,13).
Er wurde für alle, die Ihm gehorsam sind, Urheber des ewigen Heils (Hebr. 5,9) und auch nach Seinem Aufstieg zum Himmel bleiben zwei Wesen in Ihm: “Jede Wesensart für sich und doch untrennbar in Ihm” (Dogma des Konzils von Chalkedon), “... zweierlei wollen nach den zwei Wesen, die Du in Dir trägst in Ewigkeit...” (Sonntagskanon des 5. Tones, 8. Ode). Doch der verklärte Leib kann jetzt nicht mehr leiden und nach etwas bedürftig sein, und deshalb kann Sein menschlicher Wille auch in nichts mehr vom Willen Gottes abweichen. Mit diesem Leib auch wird Christus am letzten Tag erscheinen, um zu richten über die Lebenden und die Toten, wonach Er als Herrscher nicht nur in Seiner Göttlichkeit, sondern auch als Herrscher der Menschen mit Seinem ganzen ewigen Königreich Gott Vater untertan sein wird, “auf daß Gott alles in allem sei” (1. Kor. 15,28).z