Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1988, 3

Mit der Verneigung der Weisen vor Christus wächst auch ihr Glaube. Gott führt sie allmählich von der geringeren Offenbarung zur größeren, von der kleineren Macht zur größeren. Da sie sich mit ganzer Seele vor dem Neugeborenen als Gott verneigten, führt sie der Herr nicht mehr durch einen sichtbaren strahlenden Stern, sondern teilt ihnen über den unsichtbaren Engel Seinen Willen mit, und zwar im Schlaf. So sehr wuchs ihr Glaube und entwickelte sich ihr Gehorsam. Und als Menschen göttlichen Glaubens und engelgleichen Gehorsams fragten sie nicht einmal, warum sie nicht zu Herodes zurückkehren sollen, sondern "sie zogen auf einem anderen Wege in ihr Land".
Und hieraus ist zu sehen, sagt der Hl. Chrysostomos, wie groß ihr Glaube war, - wie sie sich nicht verführen ließen, sondern gehorsam und vernünftig waren! Sie murren nicht, denken nicht nach und sagen: wenn dieses Kind wirklich groß wäre und irgendwelche Macht hätte, warum ist müssen wir dann fliehen und uns heimlich entfernen, und weshalb schickt uns der Engel aus der Stadt wie Sklaven und Flüchtlinge, während wir doch offen und mutig vor eine solche Menge Volkes und vor den ungebildeten König treten? Nichts dergleichen sagten oder dachten sie, und das ist gerade auch der deutlichste Beweis des Glaubens: keine Gründe zu suchen für das, was uns aufgetragen wird, sondern sich den Befehlen einfach unterwerfen22.
In diesem Zusammenhang sagt der selige Theophilakt : achte auf die Reihenfolge! Gott führte zunächst die Sternendeuter zum Glauben; danach, als sie nach Jerusalem kamen, belehrte er sie durch den Propheten, daß Christus in Bethlehem geboren wird, und schließlich durch den Engel. Und sie fügten sich unter die Prophezeiung, d.h. das göttliche Wort. Nachdem sie also die Offenbarung von Gott erhalten hatten, fürchteten sie sich nicht vor Herodes und seiner Verfolgung, sondern faßten Mut, stützten sich auf die Macht des Geborenen und wurden so zu wahrhaften Zeugen23. Zigaben sagt: bevor sie den Knaben gesehen haben, führt sie der Stern; aber nachdem sie Ihn sahen, spricht der Engel zu Ihnen, wie zu Geheiligten - wV agiasqeisan24.
Wahrlich außerordentlich ungewöhnlich und groß ist die Tat der Weisen. Gott trug sie ihnen als Heiden auf sicher wegen ihres riesigen Hungers und Durstes nach Gott und Seiner Wahrheit. Daher waren sie auch die ersten, die mit Christi göttlicher Wahrheit genährt und gesättigt wurden und erfuhren als erste diese wunderbare Seligkeit. Der Hl. Chrysostomos hat zweifellos recht, wenn er sie als "Erstlinge der Kirche25 bezeichnet. Denn sie kosteten als erste, wie gütig und wunderbar der menschgewordene Gott und Herr ist: Jesus Christus. Und sie fühlten auch zweifellos und erkannten welch ewige Güter Gottes im gottmenschlichen Leib Christi, der Kirche, verborgen sind.
Flucht nach Ägypten

2, 13-15. Als unser Herr und Gott Jesus Christus Mensch wurde, ging Er völlig in unsere menschliche Welt ein, die ganz im Bösen liegt (vgl. 1 Jo. 5, 19). Über das menschgewordene göttliche Gute fiel sofort das satanische Böse her, in der Person des Königs Herodes. Der allmächtige Retter duldet unser irdisches Böses und zeigt damit, daß Er unsere menschliche Natur angenommen hat mit allen Bedingungen und Umständen in denen sie sich bewegt, existiert und lebt. Wenn auch allmächtig und allwissend, so flieht der Herr Jesus doch von dem wahnwitzig bösen Herodes, ohne seine wundertätige Kraft zu benutzen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: damit niemand daran zweifelt, daß Er wirklich Fleisch angenommen hat und wahrhaft Mensch geworden ist. Zweitens: um uns von Anfang an zu zeigen, daß das göttliche Gute in dieser bösen Welt verfolgt werden muß.

2,13. Der gerechte Joseph ist bereits ein völlig gehorsamer Diener des heiligen Geheimnisses des menschgewordenen Gottes. Für alle wichtigeren Angelegenheiten er-hält er Hinweise über den Engel. Ihm ist das allerheiligste Geheimnis des göttlichen Kindes Jesus vollkommen deutlich: Jesus ist nicht sein Sohn, sondern der Sohn der Heiligen Jungfrau; die Heilige Jungfrau ist nicht seine Frau, sondern die Mut-ter Jesu; und er ist Deren eifriger Diener, Bewahrer und Beschützer. Als solcher empfängt er auch im Schlaf die Anweisung, mit dem Kind und Seiner Mutter vor Herodes nach Ägypten zu fliehen.
Der Engel erscheint, sagt der Hl. Chrysostomos und sagt nicht zu Maria, sondern zu Joseph: "Ste-he auf, nimm das Kind und Seine Mutter. Hier sagt er schon nicht mehr: deine Frau, sondern - Seine Mutter. Nachdem die Geburt geschehen war, war der Zweifel vergangen und der Mann war überzeugt, so daß der Engel bereits offen mit ihm sprechen konnte, ohne das Kind oder die Frau sein zu nennen, sondern: nimm, sagt er,das Kind und Seine Mutter und fliehe nach Ägypten, und er weist auf den Grund der Flucht hin: denn Herodes trachtet nach der Seele des Kindes26.
Aus diesen Ereignissen, sagt der selige Theophilakt, ist ersichtlich, warum Gott zuließ, daß die Jungfrau verlobt wurde. Denn hier ist offensichtlich, daß die Verlobung mit dem Ziel erfolgte, daß Joseph sich um Sie kümmert und sorgt. Der Engel sagte nicht: "nimm deine Frau", sondern "Seine Mutter". Denn als der Zweifel schwand und sich der Gerechte durch die Wunder bei der Geburt überzeugte, daß alles vom Hl. Geist war, bezeichnete er Sie schon nicht 27.

Die Anweisung des Engels führte den gerechten Joseph nicht in Versuchung, und er sagte nicht: Was soll das heißen? Früher sagtest du, daß Er Sein Volk retten wird, und jetzt rettet Er nicht einmal Sich Selbst, sondern wir müssen in ein fernes Land fliehen? Das widerspricht dem, was versprochen wurde. Aber er sagt nichts dergleichen, sondern war als Verlobter bereit alles mit Freude zu erdulden, sich unterzuordnen und Gehorsam zu zeigen28. Der Herr flieht, damit wir glauben, daß Er wirklich Mensch ist. Denn wenn Er Sich in des Herodes Händen befunden hätte und nicht ermordet würde, dann könnte es so aussehen, als ob Er nur scheinbar Fleisch angenommen hätte29. Wäre der Christusknabe in die Gewalt des Herodes gekommen, sagt der Hl. Chrysostomos, und wäre dem Tod entkommen, dann wäre Zweifel daran entstanden, daß Er einen menschlichen Körper angenommen hatte, und der Glaube an die Größe der Heilsökonomie wäre in Frage gestellt worden. Wenn einige nach diesem und vielen anderen menschlichen Werken es wagten, die Annahme des Körpers als Märchen zu bezeichnen, in welche tiefe Gottlosigkeit wären sie dann verfallen, wenn Er überall so gehandelt hätte, wie es Gott und Seiner Macht geziemt?30

 

22 Hl. Chrysostomos, ibid., S. 82-83
23 Theophilakt, caput 2, vers. 12
24 Zigaben , c. 2, v. 12; col. 148 B
25 Hl. Chrysostomos, ibid. Sermo 7, 4, c. 77; S. 76
26 Sermo 8, 2, c.85; S. 84-85
27 Theophilakt, ad loc
28 Hl. Chrysostomos, ibid, S. 85
29 Theophilakt, ibid., ad loc.
30 Sermo 8, 1, c.83, S. 83