Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1988, 4

2, 14-15. Der Gehorsam des gerechten Joseph ist beispiellos; er ist ganz vom Glauben an Gott geprägt, von der Liebe zu Gott, von der Hoffnung auf Gott. Er nimmt das Kind und Seine Mutter und begibt sich heimlich nach Ägypten. So erfüllt der heilige Gehorsam die Prophezeiung des Propheten Hosea (11,1), welche sich im engeren Sinn auf den Auszug der Juden aus Ägypten bezieht, im weiteren aber und vollständigeren auf den Aufenthalt Christi in Ägypten. Denn Christus ist der wahre, ewige Sohn Gottes, das jüdische Volk aber, im vielen ein ungehorsamer und unfolgsamer Sohn.
Zur Zeit Christi war Ägypten eine römische Provinz wie auch Judäa, nur daß es nicht unter der Herrschaft des Herodes stand. Es gab hier viele Juden, es gab einen Tempel und Synagogen. Hier war die Heilige Familie außer Gefahr, die Ihr von Herodes drohte.
Der Herr flieht nach Ägypten, sagt der selige Theophylakt, um auch dieses zu heiligen, denn es gab zwei Gegenden, die jeglichem Übel ergeben waren: Babylon und Ägypten. Die Verehrung Babylons nahm der Herr über die Weisen an, Ägypten aber heiligte Er durch Seine eigene Anwesenheit31. Da Babylon und Ägypten mehr als alle übrigen Teile der Erde vom Feuer der Gottlosigkeit verwüstet waren, sagt der Hl. Chrysostomos, zeigt der Herr von Anfang an, daß Er die Bewohner beider bessern wird, schickt die Weisen aus Babylon und geht Selbst mit Seiner Mutter nach Ägypten. In Ägypten angelangt heiligte Christus durch Seine Anwesenheit dieses ganze Gebiet32.

Der Kindermord des Herodes

2, 16 Die Machtgier gleicht einem blutrünstigen Dämon. Sie blendet durch Haß und Neid in Menschen alle Augen der Seele, und der Mensch begeht verschiedenartige Untaten wie etwas Natürliches und Normales. Er sieht selbst in den offensichtlichen Wundern Gottes für sich weder einen Hinweis, noch eine Erinnerung, noch einen Ratschlag oder eine Drohung. So ist Herodes: aus Machtgier von Haß und Neid gegen den neugeborenen Messias geblendet, will er nicht aus so vielen göttlichen Zeichen und Wundern lernen und im Messias Gott und den Herrn anerkennen, dem er nichts anhaben kann, sondern er tötet in Bethlehem und Umgebung alle Kinder unter zwei Jahren. Mit dem einzigen Ziel: unter diesen Kindern auch den Herrn Jesus zu ermorden. Besessen von Machtgier, fühlte Herodes nicht, daß er den Unsterblichen nicht töten kann selbst wenn er alle Todesarten aller Welten auf Ihn losließe.
In dieser Welt, in diesem Reich des Todes lauert der Tod dem Herrn Christus durch verschiedene Herodes von Seiner Krippe an auf. Wie das Böse nicht das Gute duldet, so duldet der Tod nicht den Unsterblichen. Es ist offensichtlich: der Teufel duldet Gott nicht. Daher dulden auch Menschen, die die Sünde lieben, Gott und den Herrn Jesus nicht. Alles was in ihnen teuflisch ist, kämpft ständig mit dem Gottmenschen. Ihr intimer Wunsch: daß Gott nicht in der Welt sei. Daran arbeiten sie mit ihrem ganzen Wesen. Herodes ist das Beispiel eines verbissenen Atheisten. Um den Jesus-Knaben zu töten, opfert er abertausende unschuldiger Kinder. Wenn jemand behauptet: die Kinder sind um Christi willen getötet, so höre er zur Antwort: nicht um Christi willen, sondern um der Machtgier und Grausamkeit des Herodes willen; Gott ließ die Untat des Herodes zu, aber leitete ihn nicht dazu an. Hätte er es gewollt, so hätte sich Herodes dieser Untat enthalten können, denn er erhielt sowohl von den Weisen als auch von dem Stern und dem Propheten deutliche Beweise dafür, daß das Neugeborene von Gott gesandt und von Gott behütet ist und die Menschen Ihm nichts anhaben können. Der Hl. Chrysostomos sagt: nicht Christus war der Grund für den Tod der Kinder, sondern des Herodes Grausamkeit. Warum erzürnte sich Herodes, als er erkannte, daß die Weisen ihn betrogen hatten? Wußte er etwa nicht, daß die Geburt göttlich war? Rief er denn nicht die Hohenpriester zusammen? Versammelte er nicht die Schriftgelehrten? Wiesen die Hohenpriester und die Schriftgelehrten nicht auf den Propheten hin, der dies seit langem voraussagte? Hörte er nicht, daß auch der Stern den Weisen diente? Schämte er sich denn nicht vor dem Eifer der Heiden? Wunderte er sich nicht ob ihres Mutes? Erschrak er nicht vor der prophetischen Wahrheit? Warum dachte er nach all dem nicht darüber nach, daß es hier nicht um den Betrug der Weisen ging, sondern um die Macht Gottes, die alles in der richtigen Weise einrichtet?33
Über die Ermordung der unschuldigen Kinder sagt der selige Theophilakt: seinen Zorn auf die Weisen aus dem Morgenlande wendet Herodes gegen diejenigen, die ihm nichts getan hätten. Doch sagst du vielleicht: was ist das? Haben die Kinder Unrecht gelitten nur dafür, daß des Herodes Bosheit offenbar werde. Hör also: weshalb wurde der Kindermord zugelassen? Damit die Bosheit des Herodes offenbar werde; die Kinder sind nicht verloren, sondern wurden der Märtyrerkronen gewürdigt. Denn jeder, der hier auf Erden irgendein Unrecht erleidet, leidet entweder um der Vergebung der Sünden willen, oder um der Vermehrung der Kronen, Belohnungen34. Beleidigungen, ungerechte Leiden, wer sie uns auch immer zufügen mag, sagt der Hl. Chrysostomos, rechnet uns Gott entweder zur Vergebung der Sünden, oder zum Erhalt von Belohnungen an. Durch unsere Leiden gleiche wir entweder unsere Sünden aus, oder, wenn wir keine Sünden haben, erhalten wir ihrentwegen die wertvollsten Kronen35.

Von der Ermordung der Kinder von Bethlehem wußte Gott nicht nur zuvor, sondern Er sagte sie sogar durch Seinen Propheten voraus. Und zwar deshalb, weil die unschuldigen Kinder von Bethlehem die ersten Märtyrer für Christus wurden. Und als solche erhileten sie als erste von Gott heilige und ewige himmlische Belohnungen.
Diese Prophezeiung (im 18. Vers) ist dem Buch des Propheten Jeremias (31, 15) entnommen. Rama ist eine kleine Stadt im Stamm Benjamins. Hier versammelte Nebuchadnezars Heerführer Nebusaradan die gefangenen Juden, um sie nach Babylon zu führen (Jerem. 40, 1). Dieses traurige Ereignis beschreibt Prophet Jeremias als Grund des untröstlichen Weinen Rachels, der Mutter Benjamins über das schwere Schicksal ihrer Nachkommer. Der Evangelist zeigt, daß dieses Ereignis auch ein prophetisches Urbild des Leidens der unschuldigen Kinder von Bethlehem war. Rama wird mit Bethlehem verglichen, da Rachel in der Nähe von Bethlehem beerdigt war.
Nachdem der Evangelist, sagtder Hl. Chrysostomos, den grausamen, ungerechten, gewaltsamen und gesetzlosen Mord an den Kindern beschrieben und die Seele des Hörers mit Schrecken erfüllt hat, tröstet er ihn jetzt auch, indem er sagt, daß dies nicht geschah, weil Gott dies nicht hätte verhindern können oder es nicht vorausgesehen hätte, sondern daß Er dies voraussah und durch Seinen Propheten voraussagte. Wir dürfen also nicht unsicher oder kleinmütug werden, wenn wir über Gottes unaussprechliche Voraussehung nachdenken, welche sowohl in Gottes Handeln, als auch in Gottes Zulassung offenbar wird. Ohne Gottes Wissen geschiht nichts. Gott weiß alles, wenn Er auch nicht alles tut36.
Was ist Rachel und Bethlehem gemein? Was verbindet Rama mit Rachel? Rachel war die Mutter Benjamins; sie wurde nach dem Tod in der Nähe von Rama beerdigt (Gen. 35, 19). Da also sowohl ihr Grab in der Nähe von Rama war, als auch Rama in zum Erbteil Benjamins, ihres Sohnes, gehörte, bezeichnet der Evangelist die ermordeten Kinder sowohl nach dem Stammvater, als auch nach dem Ort der Beerdigung mit vollem Recht als Kinder Rachels37 .

31 Theophylakt, ad loc.
32 sermo 8,2 u.4, c. 84 u. 87; S. 84 u. 86
33 sermo 9, 1, c. 176-7; S. 90-91
34 Theophylakt, caput 2, vers. 16
35 sermo 9, 2, c. 177, S. 91
36 sermo 9, 3, c. 179, S 93
37 ibid.