Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1988, 6

Rückkehr aus Ägypten

(2, 19-23) Der erste Verfolger des Herrn Christus, König Herodes, starb im März oder April 750 nach der Gründung Roms. Er starb an furchtbaren Krankhei-ten: er verfiel von Wunden und Würmern. Der En-gel des Herrn befiehlt im Schlaf dem gerechten Jo-seph das Kind und Seine Mutter zu nehmen und ins Land Israel zu gehen. Der Engel "sagt nicht: fliehe, sondern: gehe, denn es gab schon keine Angst mehr".
2,21-22 Herodes' Nachfolger waren seine drei Söhne Archälaos, Antipa und Philipp. Gemäß dem Testament des Herodes, das von Augustus bestä-tigt wurde, erhielt Archälaos zur Verwaltung Idu-mäa, Judäa und Samaria; Antipa erhielt Galiläa und Peräa; Philipp - Batanäa, Trachonitis, Auranitis, Pa-nis und Ituräa. Archälaos hatte den Titel eines Eth-narchen (Volksführers), Antipa und Philipp den Ti-tel von Tetrarchen (Herrscher über ein Viertel des Landes). Archälaos erbte von seinem Vater große Härte gegen Christus. Deshalb siedelte sich die Heilige Familie nicht in Judäa , sondern in Galiläa an. Und das tat sie auf unmittelbare Anweisung Gottes, die Joseph im Schlaf erhielt.
2, 23 In Galiläa siedelte sich die Heilige Familie in Nazareth an. Damit erfüllte sich die Prophezeiung, nach der der Messias Nazarener genannt wird. Ausdrücklich gibt es eine solche Prophezeiung im Alten Testament nicht. Der Hl. Chrysostomos und der selige Theophylakt nehmen an, daß die Juden das Buch verloren haben, in dem sich diese Prophezeiung befand. Aber durch die An-siedlung der Hl. Familie in Nazareth erfüllen sich dem Geiste nach alle alttestamentlichen Prophezeiungen, die über Christus als Leidendulder sprechen, als Erniedrigten, Verleumdeten und Verach-teten Diener Gottes, als ungeachteten und von Gott verlassenen (vgl. Jes. 49, 7; 53, 1-12, Ps. 21). Denn Nazareth ist nicht nur ein unbedeutendes Städtchen, und das in Galiläa, sondern es hat auch einen schlechten Ruf. Man braucht sich nur an den empörten Protest des Nathanael erinnern: "Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen?" (Jo. 1, 46). Und noch die Bemerkung der gelehrten Pharisäer an Nikodemus gerichtet: "Forsche und siehe, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht" (Jo. 7, 52).
Gemäß der prophetischen Vorhersage, sagt der Hl. Chrysostomos, nennen auch die Apostel häufig Christus einen Nazarener. Hat das nicht die Prophetie über Nazareth dunkel gemacht? Nein, im Gegenteil, vielmehr gab gerade das den Anstoß und den Antrieb zur sorgfältigen Erforschung dessen, was über Ihn verheißen wurde. Das veranlaß-te ja auch Nathanael bezüglich des Herrn zu fra-gen: "Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen?" (Jo. 1, 46). Es war dies nämlich ein ganz unansehnlicher Ort; oder vielmehr nicht bloß der Ort allein war unbedeutend, sondern das ganze Land Galiläa. Darum sagten auch die Pharisäer: "Forsche und siehe, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht" (Jo. 7, 52). Trotzdem schämte sich der göttliche Heiland nicht nach dieser Gegend genannt zu werden; Er zeigt dadurch, daß Er von menschlichen Rücksichten unabhängig ist; ja auch Seine Apostel beruft Er aus Galiläa. Er will dadurch auf je-de Weise den Vorwänden derer begegnen, die sich lieber ihrer Trägheit hingeben möchten, will zeigen, daß wir keiner äußerlichen Hilfe bedürfen, wenn wir nur die Tugend üben. Aus diesem Grun-de wollte Er nicht einmal ein eigenes Haus haben, denn, Er sagt: "Der Menschensohn hat nichts, wohin Er Sein Haupt neige" (Lk. 9, 58). Deshalb flieht Er auch vor den Nachstellungen des Hero-des, wird bei Seiner Geburt in eine Krippe gelegt, wohnt in einer Herberge und wählt Sich eine arme Mutter aus, nur um uns zu lehren, daß wir nichts von all dem für entehrend halten sollen, um den menschlichen Stolz in seinem Ursprung zu zertreten und uns nur zur Übung der Tugend anzuhalten.

Kapitel 3

Der Hl. Johannes der Täufer und seine Predigt
(3,1-12) An der Grenze zwischen dem Alten und Neuen Testament, zwischen der alten und der neuen Welt, steht die ungewöhnliche Persönlichkeit des Wüstenbewohners und Lehrers, des Hl. Johannes des Täufers. Er führt den alttestamentlichen Menschen, die alttestamentliche Menschheit dem Gottmenschen zu. Durch ihn beichtet die alttestamentliche Welt dem Messias und Heiland: sagt Ihm of-fen und ehrlich alle ihre Schmerzen und Wunden, alle ihre Krankheiten und Schwächen, all ihre Tode und Sünden. Zur alttestamentlichen Welt gewandt sieht der Heilige Vorläufer die riesige Wüste, die die Sünde, den Tod und die Hölle verwüstet; zum Gottmenschen Jesus gewandt, bittet er Ihn um die Rettung von Sünde, Tod und Hölle. Diese Welt aber, das einstige Paradies, verwandelte die Menschheit durch ihre Sünden in eine Wüste. In ihr hungert und durstet das Menschengeschlecht nach allem Unsterblichen und Ewigen, hungert und dürstet nach Gott und Seinen ewigen Wahr-heiten. Das hat niemand von den Propheten, niemand von den Weisen, niemand von den trauernden Sorgenträgern des Menschengeschlechts so stark und ergreifend gefühlt wie der Hl. Vorläufer. Was braucht der Mensch und die Menschheit in der Wüste der Sünde? Was? Nur eines: den Retter aus Tod und Sünde. Und der Weg zu Ihm? - Die Buße. Daher sammelte der Heilige Täufer all seine Gedanken, all seine Gefühle, seine gesamte Predigt in eine Übung: die Buße! Und er wurde ein nie dagewesener Prediger der Buße.
3,1-2. Kind - und Wüsten bewohner! Beinahe von der Wiege an (vgl. Lk. 1,80), - das ist der Heilige Johannes der Vorläufer. Und das hat die Welt weder vor ihm noch nach ihm gesehen. Er lebt die ganze Zeit in der Wüste, hungert, durstet, geht unbekleidet in der Wüste, und dadurch symbolisiert er den totenhaften geistlichen Hunger und Durst und Nacktheit des alttestamentlichen Menschen und Menschengeschlechts. Er verwandelt die Wüste in eine Schule der Buße. In dieser Schule wird nur ein Fach gelehrt, nur eine Wahrheit gepredigt: die Buße. Und dieses Fach ist die Mutter aller wahren Wissenschaften; und diese Wahrheit ist die Mutter aller wahren Wahrheiten. Daher ist der Hl. Johannes nicht nur der Prediger dieser Wahrheit und der Lehrer dieser Wissenschaft, sondern der Täufer, der in diese Wissenschaft und in diese Wahrheit tauft. Seine wichtigste Aufgabe und Tä-tigkeit ist: Täufer zu sein und die Menschen mit der Taufe der Buße zu taufen. Denn die Buße ist wahre Buße nur durch die Taufe, und die Taufe ist wahre Taufe nur durch die Buße. Eines geht aus dem anderen hervor; eines besteht und lebt durch das andere (vgl. Mt. 3,6. 11; Apg. 19,4;2,38; Mk. 1,4; Lk. 3,3; Apg. 13,24).
Berufen von Gott, unterbrach der Hl. Johannes sein einsames Schweigen in der Wüste, kam aus dem Inneren der Wüste in die Nähe des Jordan, um seine heilige Arbeit zu verrichten: die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden zu predigen (vgl. Lk. 3, 2-3). Seine Predigt war ernst wie die Wüste und kurz wie das Schweigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe! Auf die alttestamentliche Welt blickend von Adam bis zu seinen Zeitgenossen, sah der Hl. Täufer nur Sünde über Sünde, Tod über Tod, Böses über Böses, Laster über Laster. Was konnte und mußte er von seinen Zeitgenossen fordern außer der Buße? Vor wem? - Vor dem Gottmenschen Jesus, Der hier unter ihnen ist und sich jedem nähert. Und was kann und darf Ihm der Mensch sagen, jeder Mensch für sich und alle Menschen zusammen? Was anderes als: ich bereue alle Sünden; ich bereue alle Gedanken, - denn welcher meiner Gedanken ist keine Sünde vor Dir? Ich bereue alle Gefühle, - denn welches meiner Gefühle ist keine Sünde vor Dir? Ich bereue alle Worte, - denn welches meiner Worte ist nicht Sünde vor Dir? Ich bereue alle Taten,- denn wel-che meiner Taten ist nicht Sünde vor Dir? Ich bereue alle Sünden, - alle Laster, alle Untaten aller Menschen aller Zeiten, denn nach Blut und Leib, nach Natur und Geist bin ich ihr Bruder und freiwilliger Gefährte. Vor Dir, dem Allsehenden und Allgü-tigen, fließen alle meine Gefühle in ein Gefühl - ein übergreifendes Gefühl zusammen; und all mein Bewußtsein häuft sich zu einem Bewußtsein - einem übergreifenden Bewußtsein zusammen. Und dieses übergreifende Gefühl und übergreifende Bewußtsein ist: ich tue Buße für alle und für alles!