Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 1

3,1-31. In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von Judäa und spricht: 2. Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe. 3. Denn dieser ist der, von welchem durch den Propheten Jesajas gesprochen ist, welcher spricht: "Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seinen Pfad".

Buße ist die Verwandlung der Seele von oben bis unten: alle Sünden werden aus der Seele herasugedrängt, alle Gedanken werden rein und hei-lig, alle Gefühle gut und edel. Unter dem Einfluß der heiligen Kräfte Gottes wird im Menschen das Herz und der Geist und die Seele erneuert. Und das erneuerte Herz strahlt lichte und heilige Gefühle aus. Der erneuerte Geist strahlt lichte und heilige Gedanken aus. Solche Gefühle und solche Gedanken ziehen in die Seele alles himmlische, göttliche, unsterbliche, ewige. Was sage ich? Sie siedeln sogar den Herrn Christus Selbst in der Seele des Menschen an. Und ein wahrer Büßer kann zusammen mit dem Apostel Paulus sagen: "Wir ha-ben Christi Sinn" (1 Kor. 2, 16). Hat der Mensch Christi Sinn, dann denkt er mit Christus, fühlt mit Christus, lebt mit Christus (vgl. Gal. 2, 20). Er denkt mit Christus über die Welt, über das Leben, über den Himmel, über die Erde, über alles Sichtbare und Unsichtbare. Jeder Gedanke dieses Menschen ist ein Christus Gedanke und jedes Gefühl ist ein Christus Gefühl. Ein solcher Mensch überprüft jeden seiner Gedanken und jedes seiner Gefühle durch Christus.
Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe, d.h. der Messias naht, der Erlöser, der Gottmensch und mit Ihm und nach Ihm das ganze Himmelreich, denn wo der Herr Christus ist, der König des Himmels, da ist auch das Himmelreich mit all seinen Werten und Freuden. Die Sünden verwandeln die irdische Welt in eine Wüste, in die Hölle; die Buße verwandelt sie in den Himmel, in das Paradies. Den Menschen ist gewaltige Macht gegeben, aber auch Verantwortung, sie können diese Welt in ein Reich der Sünder verwandeln - die Hölle, und in ein Reich des Guten - das Paradies. Sie können mit Gott und mit dem Teufel leben. Das Leben mit dem Teufel, d.h. mit der Sünde, verwandelte das Paradies in die Hölle; das Leben aber mit Gott, d.h. mit dem Guten, verwandelt diese Welt in das paradies, in das Himmelreich. Sowie in unserer irdischen Welt der Teufel durch die Sünde herrscht, so herscht in ihr Gott durch das Gute. Jede menschliche Seele ist sowohl Wüste als auch Hölle, solange der Herr Christus nicht in ihr einzug hält. Und Er zieht in sie durch die Tugwenden des Evangeliums ein: Buße, Gebet, Fasten, Liebe, Milde, De-mut, Geduld. Sowie Er einzieht, wunderbar und wundertätig, verwandelt Er sofort die Wüste in eine Pflanzstätte himmlischer Wünsche, unsterblicher Gedanke und ewiger Gefühle; in einem Wort: Er verwandelt die Hölle in das Paradies.
Johannes der Täufer, sagt der Hl. Chrysostomos verkündet lauthals dem jüdischen Volk, das, was dieses weder von den Propheten noch von irgend jemandem gehört hatte: den Himmel und das Himmelreich, und er spricht von nichts Irdischem mehr. Unter dem Himmelreich aber versteht er das erste und zweite Kommen Christi. In Ergänzung zum Hl. Chrysostomos sagt der selige Theophylakt: unter dem Himmelreich versteht der Täu-fer das erste und zweite Kommen Christi und ein tugendhaftes Leben. Denn wenn wir während unserer Wnderschaft auf der Erde gleichsam im Him-mel leben, weit von den Leidenschaften, dann ha-ben wir das Himmelreich. Als Himmelreich, sagt Zigaben, bezeichnet der Täufer Christus, als König des Himmels nach der Gottheit. Als Himmelreich bezeichnet er auch das engelgleiche Leben - thn politeian twn aggelwn - , welches Christus bald durch die Gebote des Evangeliums einführen soll-te. Als Himmelreich wird auch der Genuß der himmlischen Güter bezeichnet. Das Himmelreich bezeichnet auch viele andere wichtige Dinge, was aus den folgenden Ausführungen deutlich wer-den wird.

3, 3 Die Persönlichkeit des Heiligen Täufers ist in der gottmenschlichen Heilsordnung von solcher Bedeutung, daß ihn als Vorläufer des Erlösers der gottschaunde Prophet Jesajas voraussagte. Die Aufgabe des Vorläufers ist es den Erlöser voranzugehen und die Menschen dazu aufzurufen, sich auf den Empfang des Erlösers vorzubereiten. Der Vorläufer ist die Stimme, die in erschütternder Wei-se die gesamte Tragik der alten Welt ausdrückt,die ganze Verzweiflung der alttestamentlichen Men-schheit, die in der endlosen Wüste des Todes und der Sünde verloren und verrannt war. Über diese Wüste erschalt die unüberhörbare Stimme: bereitet den Weg des Herrn, machet gerade Seinen Pfad! - doch wo ist der Weg des Herrn, wo sind Sei-ne Pfade? In eueren Seelen. Denn jede Seele hat den Weg des Herrn und die Pfade des Herrn in sich. Der Weg des Herrn in der Seele ist die Gott-ähnlichkeit der Seele selbst, und die Pfade des Herrn: die göttlichen Tugenden. Doch wenn man nicht nach Gott und in Gott lebt, nicht in der Gott-ähnlichkeit der Seele lebt, so ist der Weg des Herrn verwildert und verlassen, von Lastern aufgewühlt, von Leidenschaften zerfurcht, von Gesetzlosigkeiten verdorben. Und die Pfade des Herrn? Sie sind verworren durch ein sündiges Leben, überwachsen vom Dornengestrüpp sündiger Genüsse und überwuchert von verführerischen Leidenschaften. Weder der Weg des Herrn noch die Pfade des Herrn sind zu erkennen. Was soll man dann tun? Durch Buße die Dornen der Genüsse und das Gestrüpp der Leidenschaften ausreißen; durch Demut den Stolz aus der Seele herausdrängen, durch Gebet und Fasten die Fleischeslust, durch Liebe den Haß, durch Milde den Zorn, durch Eifer die Faulheit, durch Gottesliebe die Liebe zur Sünde, durch Nächstenliebe die Bosheit. So wird auch der Weg des Herrn vorbereitet sein und die Pfade des Herrn geebnet. Und auf ihnen wird mit Freud der Allgute und Allbarmherzige Herr in die Seelen der demütigen und arbeitsamen Büßer einziehen. Des Menschen Sache ist es, seine Seele für den Herrn zu bereiten. Bereitet er sie nicht, so ist dies ein Zeichen dafür, daß er die Ankunft des Herrn nicht wünscht. Zu einem solchen Menschen kommt der Herr auch nicht, denn Er zwingt Sich niemanden mit Gewalt auf.
Zu den zitierten Worten des Propheten Gottes Jesajas sagt der Selige Theophylakt: Als Weg wird das Evangelium bezeichnet, als Pfade die Bestimmungen des Gesetzes, denn sie sind veraltet und alt. Deshalb sagt der Täufer: seid bereit zum Leben nach dem Evangelium und macht die Gebote des Gesetzes gerade, d.h. geistlich, denn das Wort "gerade" bedeutet Geist. Wenn du siehst, daß ein Jude die Bestimmung des Gesetzes körperlich auffaßt, dann sag, daß er die Pfade nicht gerade macht, d.h. das Gesetz nicht geistlich auffaßt.
Nach dem Kommentar des Zigaben, bezeichnet der Prophet als Weg des Herrn und Seine Pfade die Seelen, durch die die Predigt des Evangeliums kommen sollte. Er rät, die Seelen zu bereiten, d.h. durchdie Buße zu reinigen: daß das Dornengestrüpp der Leidenschaften ausgerissen wird, die Steine der Sünde fortgeworfen, und sie so gerade und eben werden zur Aufnahme des Evangeliums.