Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 3

Justin

Mt. 3, 7
Áls er aber viele der Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch gewiesen dem kommenden Zorn zu entfliehen?

Der ungewöhnliche Wüstenbewohner und Prediger der Buße zieht die hochmütigen Pharisäer und ungläubigen Sadduzäer an. Und sie sehen in ihm etwas unüberwindliches, göttliches, etwas zum Himmel strebendes, was sie anzieht und in himmlische Welten führt. Erstarrt in kleinlichen Überlieferungen, verloren in den Labyrinthen selbstgemachter Kombinationen, fühlten die Pharisäer doch eine himmlische Wahrheit in der Predigt des Johannes und eine göttliche Wahrheit in seinem Leben. Und sie gingen zu ihm, damit er sie tauft. Das gleiche gilt auch für die Sadduzäer. In ihre verschlossene und einsame Welt flog das donnernde Wort und der himmlische Gedanke des heiligen Wüstenbewohners vom Jordan, und sie wurden aus dem Schlaf ihrer stolzen Herrschaft gerissen und machten sich auf den Weg zu dem Wüstenbewohner um sich taufen zu lassen.
Die Erscheinung des Heiligen Vorläufers bedeutet eine ganze Revolution für seine Volksgenossen. Der Beweis dafür sind die Pharisäer und Sadduzäer. Als er auch sie aufrüttelte und aus ihren egoistischen Festungen herausführte, vollbrachte er wirklich eine ungewöhnliche Revolution in der damaligen Welt. Gelehrt und geschickt, herr-schten die Pharisäer und Sadduzäer geistlich über das jüdische Volk und waren die Träger seiner his-torischen Werte und Hoffnungen. Sie stellten die zwei zahlenstärksten und einflußreichsten Gruppen, die auch als politische Parteien auftraten.
Das hebräische Wort Pharisäer bedeutet "abgesondert". DiePharisäer waren vom einfachen Volk durch die Wissenschaft und das Leben abgesondert. Ihre Herkunft ist in der nachbabylonischen Zeit nachzusetzen; besondere Bedeutung erlangten sie erst nach der Zeit der Makkabäer. Sie verehrten besonders das geschriebene Mosaische Gesetz, erkannten aber auch viele Überlieferungen an, die ihrer Meinung nach mündlich von Mo-ses und anderen alttestamentlichen Propheten herstammten. Die Heilige Schrift und diese Überlieferungen stellten die Norm des Glaubens und Lebens dar. Sie stützten sich besonders auf die Überlieferung und arbeiteten ein ganzes System von Anweisungen und Vorschriften für ihr äußeres Leben aus. Sogar das geschriebene Gesetz veränderten sie und passten es den kleinen und kleinlichen Vorschriften ihrer Überlieferungen an. In der Folge schrieben sie dem äußeren Verhalten eine riesige Bedeutung zu; gute Taten vollbrachten sie aus egoistischen und liebedienerischen Gründen, damit die Menschen sie sähen; aus den gleichen Gründen übten sie sich in Fasten, Gebet und Almosen. In sozialer Hinsicht stellten sie eine besondere Partei dar: sie waren Nationalisten und Chauvinisten, erbitterte Feinde der Fremdherrschaft, der Römer, welche die Härodianer unterstützten. Sie hatten einen enormen Einfluß beim Volk; sie waren sehr ehrsüchtig und herrschsüchtig. Zur Zeit Christi gab es ihrer um 6.000. Es versteht sich, daß unter ihnen auch lichte Ausnahmen waren, wie Nekodemus, Saulus und Gamalael.
"Sadduzäer" bedeutet in der hebräischen Sprache "rechtschaffen". Dies war eine andere, sehr mächtige Partei, den Pharisäern entgegengesetzt. Sie führen ihren Ursprung auf den gelehrten Rabbiner Saddok zurück, der 260 Jahre vor Christus lebte.Sie verwarfen die Überlieferungen der Pharisäer völlig und hielten sich streng an das geschriebene Mosaische Gesetz. Sie waren entschiedene Gegner der formalistischen, überlieferungsgläubigen Frömmigkeit der Pharisäer. Sie mühten sich darum, das Joch des Gesetzes so leicht und angenehm zu machen. Sie negierten die persönliche Unsterblichkeit der Seele, die Auferstehung der Toten, Engel und die Vorsehung Gottes. Als sture und einseitige Rationalisten sahen sie den menschlichen Willen als einzige Ursache von Gut und Böse an. Als politische Partei vertraten sie Kompromißlösungen im Verhältnis zur Besatzungsmacht, daher wurden sie als Freunde der Römer angesehen.
Warum bezeichnet der heilige und gerechte Täufer die Pharisäer und Sadduzäer, die um der Taufe willen zu ihm kamen, als Otternbrut? Weil er ihren Unglauben an den Herrn Christus, ihr verbrecherisches Verhalten Ihm gegenüber voraussah. Und der Heilige Täufer schätzte jeden Menschen einzeln und jede Gruppe von Menschen zusammen nach ihrem Verhältnis zum Heiland Christus. Als sie zu dem Täufer kamen, folgten sie zweifellos jenem göttlichen Antrieb ihrer Seele, welcher in ihnen noch nicht ganz erloschen war; doch der heilige Prophet sah durch Gottes Offenbarung voraus, wie sie sich gegenüber dem fleischgewordenen Gott verhalten würden, und deswegen bezeichnete er sie als Otternbrut. Eine solche Bezeichnung wurde später durch das Verhalten von Pharisäern und Sadduzäern gegenüber dem Lebensweg des Täufers gerechtfertigt. Aus diesem Lebensweg zogen sie nicht die für sie einzig rettungbringende Lehre: an Christus den Retter zu glauben und so die Rettung für sich und das ewige Leben zu erlangen. Als sie der Herr Christus frag-te, woher die Taufe des Johannes sei - vom Him-mel oder von den Menschen, antworteten sie "wir wissen es nicht", denn sie wurden von nichtigen und egoistischen Gründen gelenkt: wenn wir sa-gen "vom Himmel", wird er uns sagen: "warum habt ihr da nicht geglaubt", wenn wir aber sagen "von den Menschen", so fürchten wir das Volk, denn alle hielten Johannes für einen Propheten (Mt. 21, 25-27).
Da sie nicht an die grundlegende Frohbotschaft der Vorläufers glaubten, an den Sohn Gottes, den Retter der Welt von den Sünden, Tod und Teufel, nennt der Vorläufer die Pharisäer und Sadduzäer Otternbrut und droht ihnen womit? Mit dem kommenden Zorn, dem Zorn des sanften Heilands, Der als Gott der Liebe in die Welt kommt und allen und jedem die Rettung von Sünde, Tod und Teufel darbietet. Wer den Gott der Liebe und seine Rettung nicht annimmt, zieht Gottes Zorn auf sich, Der mit Recht auf jegliche Gottlosigkeit und menschliche Falschheit ausgegossen wird (vgl. Röm. 1, 18). Durch die Flucht vor dem Zorn, der über die menschlichen Sünden kommt, zeigen und zeu-gen die Pharisäer und Sadduzäer, daß die menschliche Natur, bewußt oder unbewußt, fühlt und merkt, daß die Sünde Strafe erfahren muß, wenn der Mensch sich nicht befreit, nicht gerettet wird.