Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 4

Bringet nun der Buße würdige Frucht.
Die Buße erschüttert den ganzen Menschen, sein ganzes Wesen. Sie pflügt und gräbt das gan-ze Feld der menschlichen Seele um. Doch dies ist nur die erste Hälfte der Buße. Die zweite liegt da-rin, würdige Frucht der Buße zu bringen. Frucht der Buße zu bringen setzt lange und angespannte Arbeit voraus: Aussaat, Pflege und Ernte. Früchte der Buße sind die göttlichen Tugenden: Sanftmut, Demut, Gebet, Fasten, Liebe, Mildtätigkeit, Geduld. Sie werden aus der Buße herausgeboren, wie aus einer Wurzel. Wenn die Buße in die menschliche Seele Eingang findet und ihre Wurzeln in all ihre Schichten einläßt, wird die Seele fruchtbar; die Unfruchtbare wird fruchtbar und gebiert würdige Früchte der Buße: die göttlichen Tugenden. Auf dieser Welt stellt die menschliche Seele den geeignetsten Boden für den himmlischen Samen der göttlichen Tugenden dar. Und die Buße - das beste Klima. Sie alle werden in der Seele durch Buße em-pfangen. Durch die Buße sprießen sie auf, wachsen und reifen sie. Daher ist die ununterbrochene bußfertige Haltung in der menschlichen Seele die wichtigste Voraussetzung dafür, daß diese würdige Früchte der Buße gebiert: die göttlichen Tugenden.
Aus all diesen Gründen bedeutet die Buße eine völlige Umkehr des menschlichen Wesens und Lebens: eine Umkehr der Gedanken, Gefühle, Wünsche, Neigungen; Umkehr des ganzen Le-bens und Wirkens. Ein bußfertiger Mensch bringt in sich würdige Gedanken, Gefühle, Wünsche, Neigungen, Taten hervor; würdig wessen? Gottes, vor Dem er ja Buße tut. Vor der Buße lebt der Mensch für sich und die Sünde. Denn im Stolzen und selbstherrlichen Dasein des Menschen für sich und von sich selbst ist sowohl Sünde als auch Wahnsinn. Ja, Sünde und Wahnsinn, denn in dieser irdischen Welt lebt nicht ein Grashalm, nicht ein Vogel für sich und von sich, sondern sie brauchen Sonne und Himmel, Luft und Erde und das ganze Weltall und alle seine Kräfte! Und wie sollte der Mensch all das nicht brauchen? All das und noch etwas unvergleichlich höheres als dies, nämlich Gott!
Ohne Zweifel lebt der Mensch vor der Buße, wenn er sich selbst lebt, tatsächlich der Sünde und nach der Sünde. Und das bedeutet, er lebt dem Teufel und im Teufel, denn in jeder Sünde ist irgendwo der Teufel. Das grundlegende Gesetz des teuflischen Seins und Lebens liegt darin, daß man Gott nicht in sich haben will und nichts göttliches, sondern stolz und eigenwillig für sich, in sich, von sich leben will. Tut der Mensch Buße, so beginnt er in Gott zu leben, in Gott zu denken, in Gott zu fühlen, in Gott zu handeln. Und das bedeutet, daß der Mensch beginnt in den göttlichen Tugenden zu leben. Sie werden zum Gesetz seines Lebens und Wirkens, zum Gesetz seines Denkens und Seins. Durch sie fließen alle göttlichen lebenspendenden und schöpferischen Kräfte in die büßende Seele und verwandeln alles in ihr in Unsterbliches und Ewiges. So ist die Buße in der Tat die Auferstehung der Seele zum ewigen und unsterblichen Leben. Denn sie verwandelt auch die Gefühle des Menschen in göttliche Gefühle, die Gedanken in göttlichen Gedanken, die Neigungen in göttliche Neigungen. In einem Wort: die Buße verwandelt den Menschen in eine Werkstatt unsterblicher Gedanken, unsterblicher Gefühle, unsterblicher Taten. Denn jeder Gedanke des Menschen, der in Gott endet, wird unsterblich und ewig; ebenso jedes Gefühl, jede Tat und jede Neigung.
Obwohl der Hl. Johannes der Vorläufer die Pharisäer und Sadduzäer anklagt, zwingt er sie doch nicht zu verzweifeln. Er rät ihnen, die Furcht vor dem Gericht Gottes, dieses winzige Gefühl der Buße, zum Beginn eines neuen Lebens zu verwandeln, indem es wachsen und gedeihen wird und Früchte hervorbringen wird, die des Himmels und Gottes würdig sind. Denn die Buße ist für die Seele das gleiche, wie der Frühling für die gefrorene Erde: sie weckt im Menschen alle Kräfte, bringt sie in Bewegung, befruchtet sie und sie empfangen die Tugenden des Evangeliums. Wenn die von Sünden gefangene und erkrankte Seele selbst zu versteinerter Gefühllosigkeit gelangt ist und nichts göttliches fühlt und sieht, so wird sie von der Buße dennoch belebt, aufgeweckt und erhält von ihr das Gefühl der Gottesfurcht. Und nach dieser auch alle übrigen göttlichen Tugenden. Wenn diese Tugenden anhaltend und eifrig gepflegt werden, so bringen sie zu ihrer Zeit würdige Früchte der Buße hervor.
Die Buße hat zweifache Wirkung. Sie bedeutet: das Böse abwerfen und das Gute aufnehmen; die Sünden verachten und die Tugenden lieben; dem Leben in der Sünde ein Ende setzen und ein Le-ben in den Tugenden beginnen; den Teufel verlassen und sich Gott zuwenden. Ich bezeichne als Buße, schreibt der Hl. Chrysostomos, nicht nur die Aufgabe der früheren schlechten Taten, sondern auch das Tun großer guter Taten. Der Vorläufer sagt: Bringet nun der Buße würdige Frucht! - Wie sollen wir sie hervorbringen? Indem wir unserer bisherigen Lebensform entgegengesetzt vorgehen. Zum Beispiel, du hast Fremdes genommen? Von nun an gib auch das Eigene. Du hast lange in Unzucht gelebt? Jetzt enthalte dich auch deiner Frau an bestimmten Tagen; gewöhne dich an Enthaltsamkeit. Du hast diejenigen, die dir über den Weg kamen beleidigt und sogar geschlagen? Von jetzt an segne diejenigen, die dich beleidigen, und tue denen Gutes, die dich schlagen. Um geheilt zu werden, reicht es nicht, nur den Pfeil herauszuziehen, sondern man muß die Wunde noch mit Arznei behandeln. Du hast dich früher deinen Gelüsten und der Trunksucht hingegeben? Nun faste und trinke Wasser; mühe dich, das Böse zu vernichten, das in dir aus der bisherigen Lebensweise erwachsen ist. Hast du früher mit wollüstigen Augen fremde Schönheit betrachtet? Von nun an schaue um der größeren Sicherheit willen überhaupt keine Frau an. Es steht geschrieben: weiche vom Bösen und tue Gutes (Ps. 33, 15); und: bewahre deine Zunge vom Bösen und deine Lippen vor trügerischen Worten (Ps. 33, 14). Ich aber fordere, daß du das sprichst, was gut ist . Der Vorläufer beschränkte sich nicht darauf, die Pharisäer und Sadduzäer bloßzustellen, sondern er riet ihnen: Bringet nun der Buße würdige Frucht. Denn es reicht nicht, sich von der Gottlosigkeit zu entfernen, sondern man muß große Tugend zeigen. Tut nicht das, was mir zuwider ist und für euch gewöhnlich, wendet euch nicht den früheren Lastern zu, nachdem ihr euch für nur kurze Zeit eingeschränkt habt. Wir sind schon nicht mehr in der Lage in der sich die früheren Propheten befanden. Die jetztigen Umstände unterscheiden sich von den früheren und sie sind wichtiger, denn jetzt kommt der Richter und der Herr des Königreiches Selbst, um uns zu einer erhabeneren Philosophie zu führen, um uns in den Himmel einzuladen und in die dortigen Wohnungen hineinzuziehen. Deshalb spreche ich zu euch auch über die Hölle, denn jetzt sind sowohl die Belohnungen als auch die Strafen ewig.

Und denket nicht, bei euch selbst zu sagen: wir haben Abraham zum Vater; denn Ich sage euch, daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.
Die Hoffnung auf den Stammbaum rettet den Menschen nicht. Mehr noch, sie tötet die Seele im Menschen, wenn dieser von hier eine Quelle des Stolzes entspringen läßt und damit seine Sünden rechtfertigt. Die Pharisäer und Sadduzäer mißbrauchten ihre physische Herkunft von Abraham: mit ihr verteidigten sie ihre Abtrünnigkeit von Gott und ihre geistliche Knechtschaft. "Wir sind Abrahams Same, sprachen sie zu Christus, und sind nie jemandes Knechte gewesen; wie sagst Du: ihr sollt frei werden?" (Jo. 8, 33). Sie verstanden eines nicht: wahre Knechtschaft ist nur die Knechtschaft der Sünde; die Freiheit von der Sünde ist die einzige wahre Freiheit. Christus ist der einzige wahre Befreier des Menschen, denn Er befreit die Menschen von der Sünde. Die Pharisäer und Sadduzäer rühmten sich nur oberflächlich und nominell mit Abraham. Sie waren Abrahams Nachkommen dem Leibe nach, aber nicht dem Geiste nach, nicht auch nach Abrahams Gottgefälligkeit. Deshalb klagt sie der Hl. Vorläufer auch an. Abraham war und blieb ein großer und heiliger "Freund Gottes". Und so wie Gott den toten Schoß Sarahs gebären ließ, so kann Er auch "dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken ", wenn seine Nachfahren dem Leibe nach für unseren Retter Jesus Christus und Seine wunderbaren Taten schon gefühlloser sind als Steine. "Denkt nicht, sagt der Hl. Vorläufer, daß der Patriarch Abraham ohne Kinder bleibt, wenn ihr vergeht. Nein, nein! Gott kann ihm auch aus Steinen Kinder erwecken und sein Geschlecht weiterführen, wie es am Anfang auch geschah, denn es ist dasselbe, wenn aus Steinen Menschen entstehen und ein Kind aus einer unfruchtbaren Mutter geboren wird".
Unter Steinen, sagt der Hl. Theophylakt, sind die Heiden zu verstehen, von denen viele Glauben gefaßt haben. Außerdem, sagt Johannes auch buchstäblich, daß Gott dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken kann. Denn wenn der Schoß Sarahs wegen ihrer Unfruchtbarkeit auch steinern war, so hat er doch geboren. Doch wann erweckte Gott dem Abraham Kinder aus Stein? In dem Moment, als man ihn kreuzigte und viele, die gesehen hatten daß die Steine zerbarsten, anfingen zu glauben.
Hinsichtlich dieser Worte des Vorläufers, sagt Zigaben: Gott kann dem Abraham aus Steinen Kin-der erwecken, denn er hat ihm auch den Isaak aus dem toten und steinharten Schoß der Sarah erweckt - ek thV ayucou kai lijwdouV mhtraV thV SarraV. Rühmt euch nicht eurer Herkunft von Abraham, denn dies ist nicht euer Verdienst, sondern ein Geschenk Gottes. Denn Gott, Der allmächtig ist, kann dem Abraham nicht nur aus Menschen, sondern auch aus gewöhnlichen Steinen Kinder erwecken. Wirkliche Kinder Abrahams sind diejenigen, die seinen Tugenden nacheifern. Und sie werden mit ihm des Himmelreiches gewürdigt wer-den, mögen sie nun den Juden oder den Heiden entstammen. Denn die Verwandtschaft nach der Tugend steht höher, als die Verwandtschaft nach dem Blut, so wie die Seele wertvoller ist als der Körper.