Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 5

Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum nun, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Die Erscheinung Christi in der Welt ist selbst bereits eine Art Gericht über die Welt. Denn Er verkörpert und zeigt in Sich alles göttliche Gute. Von Seinem Licht erleuchtet, welches alles Dunkel dieser Welt durchdringt, auch das dichteste und entfernteste, kann das Menschengeschlecht sein Böses nicht verbergen, sondern alles ist vor Ihm bloß und offengelegt. Allein Seine lichte Anwesenheit in der Welt zeigt, wie schrecklich und verurteilungswürdig das menschliche Böse ist. Welcher Mensch, der von Kopf bis Fuß von dem Licht erleuchtet ist, wagt es, Ihm zu sagen: ich verdiene keine Verurteilung! Vor dem allreinen und sündlosen Herrn Christus muß sich jeder sündig und schuldig fühlen außer versteinerten Pharisäern und verteufelten Gewissen.
Der Gedanke des hl. Vorläufers: der Gottmensch ist die Axt, und jeder Mensch der Baum, an dessen Wurzel bereits die Axt liegt. Mit diesem lichten Gedanken sagte der Vorläufer jenes Wort des Herrn voraus: "Wenn Ich nicht gekommen wäre und zu ihnen gesprochen hätte, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde" (Jo. 15, 22). Erleuchtet vom Licht Christi, sieht jeder Mensch von der Wurzel bis zur Spitze den Baum seiner Existenz: sieht sich selbst ganz, alles in sich, all seine Unfruchtbarkeit. Denn die wahre Frucht des Menschen ist es, sich und all das seine unsterblich und ewig zu machen. Und der Mensch bringt ewige Früchte nur dann hervor, wenn er sich mit dem Ewigen, dem Gottmenschlichen vereint. Der Mensch kann keine gute Frucht hervorbringen, wenn der Allgute in ihm nicht die grundlegende schöpferische Kraft ist. Nach dem vollkommen wahren Wort des vollkommen Wahren: "Könnt ihr nichts ohne Mich tun" (Jo. 15 ,5) nicht wirklich gutes, wirklich dauerndes, wirklich unsterbliches, wirklich ewiges. Nur wenn sich der vergängliche Mensch mit Hilfe des Glaubens und der übrigen göttlichen Tugenden, mit dem unvergänglichen Gottmensch vereint, macht er sich fähig, unvergängliche, ewige Früchte hervorzubringen: das zu tun, was göttlich, unsterblich, ewig ist. Und göttlich ist, unsterblich ist und ewig ist nur das, was von dem Göttlichen, von dem Unsterblichen, von dem Ewigen ist. All das ist in vollkommener Fülle nur in der Person des Gottmenschen Jesus Christus vereint. Vereint sich die menschliche Natur mit Ihm, so wird sie von allem befruchtet, was göttlich, unsterblich und ewig ist. Im wahren Sinne des Wortes ist nur Gott gut (Mt. 19, 17), und nur das, was von Gott ist, ist wahrhaft gut, unveränderlich gut, gut in allen Welten und in allen Zeiten. Jetzt wird dies auch nicht von der Axt des völlig gerechten Gerichtes Gottes abgehauen und ins Feuer geworfen. Vereint sich der Mensch nicht mit dem Gottmenschen, so bleibt er unfruchtbar, tut nicht unsterbliches und ewiges Gutes, sondern stellt sich mit dem Bösen und der Sünde gleich, welche ihn weit von Gott entfernt, dorthin in das ewige Reich des Bösen und der Sünde: die Hölle.
Warum ist der Mensch in der Welt? - Um des göttlichen Guten willen, um durch es zu leben. Wenn der Mensch davon lebt, wird er ein Mensch Gottes; und das bedeutet: unsterblich und ewig. Ohne dies besitzt der Mensch vom Standpunkt des Gottmenschen in dieser Welt keinen Wert. Deshalb senkt der Herr die Axt Seines Gerichtes auf einen solchen Menschen und wirft ihn ins Feuer, das Feuer, in welchem das Böse immer brennt, doch nicht verbrennt, denn es ist selbst aus Bösem gemacht. In Gott leben, in Gott wirken, in Gott denken, in Gott fühlen, das ist der einzig wahre Sinn menschlichen Daseins in dieser Welt. Denn nur das macht ihn göttlich unsterblich, göttlich ewig, göttlich selig. Ohne dies kann kein Sinn des Menschen würdig gefunden werden. Um alles anderen willen wird der Mensch abgehauen, aus dieser Welt entfernt und ins Feuer geworfen, ins Reich der gottlosen, bösen Realitäten: in die Hölle, wo weder Gott, noch irgendetwas Göttliches ist.
Der Hl. Chrysostomos sagt: der Vorläufer sagte nicht: die Axt sei an die Zweige gelegt oder an die Früchte, sondern: an die Wurzel, um den Pharisäern und Sadduzäern zu zeigen, daß sie, falls sie in ihrer Vermessenheit verharren, unheilbare Übel erdulden und keine Hoffnung auf Heilung mehr haben werden. Und das deshalb, weil Der, Der da gekommen ist, nicht etwa ein Diener ist wie die vor Ihm Gesandten, sondern der Beherrscher des Weltalls, in Dessen Händen eine schwere und gewaltige Strafe liegt. Obwohl er sie auf diese Weise in Furcht versetzt, läßt er sie doch nicht in Verzweiflung sinken! Wie er oben nicht sagte, Gott habe bereits erweckt, sondern: Er kann dem Abraham Kinder erwecken, um ihnen gleichzeitig Furcht und Trost einzuflößen, so sagt er auch hier nicht: die Axt hat die Wurzel erfasst, sondern: die Axt ist an die Wurzel gesetzt, sie liegt daran. Hiermit zeigt er, daß es keinen Aufschub mehr gibt. Wenn ihr euch bekehrt und bessert, dann wird die Axt von der Wurzel verschwinden und euch nichts tun. Wenn ihr aber in eueren Lastern verharret, dann wird sie den Baum mit der Wurzel ausreißen. Die Axt wird weder von der Wurzel genommen, noch haut sie, obwohl daran gesetzt, zu: ersteres nicht, damit ihr nicht in euere frühere Trägheit zurückfallt, letzteres nicht, um euch erkennen zu lassen, daß ihr euch auch in kurzer Zeit bessern und retten könnt, wenn ihr Buße tut. Der Vorläufer fügt hinzu: ein jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird ausgehauen und ins Feuer geworfen. Mit dem Worte jeder scheidet er abermals den Vorrang des Adels der Geburt aus. "Wenn du auch, will er sagen, ein Nachkomme Abrahams bist, und wenn du tausend Patriarchen als deine Vorfahren aufzählen könntest, so würdest du, falls du ohne Frucht bleibst, die Strafe nur noch verdoppeln". Diese Worte des Hl. Johannes des Täufers flößen Furcht ein, aber auch großen Trost, denn der Ausdruck, der keine gute Frucht bringt, zeigt, daß ein Baum, der Frucht bringt, keiner Strafe anheimfällt.
Der selige Theophilakt sagt: der Vorläufer bezeichnet als Axt das Gericht Christi, als Bäume aber jeden von uns. So wird der Ungläubige allein wegen seines Unglaubens aus der Wurzel abgehauen und in die Hölle geworfen. Jeder Baum,der keine gute Frucht bringt, wird abgeschlagen, selbst wenn er von Abraham abstammte. Er sagte nicht: der keine gute Frucht gebracht hat, sondern: nicht bringt; denn man muß immer Früchte der Tugend hervorbringen. Hast du gestern Almosen gegeben, heute aber geraubt, so bist du Gott nicht lieb. Ein solcher Baum wird abgehauen und ins Feuer geworfen, nämlich ins Höllenfeuer.
Der heilige Vorläufer sah und sagte die Art des Wirkens Christi in der Welt voraus: Er läßt zu, wartet lange auf die Umkehr des Menschen, seine Buße und darauf, daß er gute Frucht bringt; tut er dies er aber lange Zeit nicht, so senkt der Herr Seine Axt auf den unfruchtbaren Baum des menschlichen Erdenlebens und führt einen solchen Menschen durch den Tod zu Sich zum Gericht (siehe Mk. 11, 12-14; Lk. 13, 6-9; Jo. 15, 5-6; Mt. 7, 19). Nach Sigaben bedeutet die Axt den Tod, die Bäume aber die Menschen; ihre Wurzel aber das Leben. Das Feuer bedeutet die Hölle.