Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1990, 3

Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: laß es jetzt so sein; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Gott-Logos wurde Mensch, um als Mensch die gesamte göttliche Wahrheit zu erfüllen und so die Existenz des Menschen in der irdischen Welt zu rechtfertigen. Zu dieser göttlichen Wahrheit, die erfüllt werden mußte, gehört auch die Taufe des Gottmenschen. Diesen Grund führt er auch gegenüber dem Vorläufer an: laß es jetzt so sein; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen - pasan dikaiosunhn. Nach der göttlichen Heilsordnung sollte die Taufe des Messias von Johannes die alttestamentliche Wahrheit abschließen und besiegeln, den Himmel aber öffnen und die himmlische Wahrheit auf die Erde bringen, indem sie dem Menschengeschlecht die Wahrheit der Wahrheiten eröffnete: die dreieinige Gottheit. Christus ist die Erfüllung des alttestamentlichen Gesetzes; in Ihm ist alles alttestamentliche Gute, die gesamte alttestamentliche Wahrheit verwirklicht. So hat die menschliche Natur durch Ihn und mit Seiner Hilfe das gesamte alttestamentliche Gesetz Gottes erfüllt. Daher führt er ein neues Gesetz ein, ein Neues Testament, einen neuen Bund Gottes mit dem Menschen: den des Evangeliums. Dies ist ein Bund und ein Testament der Liebe zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Menschen und allen ewigen göttlichen Vollkommenheiten: der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Guten, der Weisheit, Güte, Ewigkeit. Mit all dem tritt das Menschengeschlecht durch den fleischgewordenen und menschgewordenen Gott-Logos in einen Bund, der sich in ein Testament verwandelt: das Neue Testament.
Also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Der Sinn dieser Worte, sagt der Heilige Chrysostomos ist dieser: die Taufe ist das letzte der Werke des Gesetzes; wir haben alles erfüllt, was vom Gesetz vorgeschrieben war, kein Gebot haben wir übertreten; und da uns nur noch die Taufe bleibt, müssen wir auch sie vollziehen, und so erfüllen wir alle Gerechtigkeit. Unter Gerechtigkeit versteht Christus hier die Erfüllung aller Gebote. Daraus ist zu ersehen, warum Er zur Taufe hinzutrat. Ich bin gekommen, sagt Er, um den Fluch abzuwerfen, der wegen der Übertretung des Gesetzes auf euch liegt; deshalb muß Ich zuerst Selbst das ganze Gesetz erfüllen und euch von der Verurteilung befreien und auf diese Weise das Gesetz außer Kraft setzen. Ich muß also das ganze Gesetz erfüllen, denn Ich muß den Fluch abwerfen, der gegen euch im Gesetz geschrieben steht. Deshalb habe Ich auch den Leib angenommen und bin in die Welt gekommen.
Die Worte des Herrn an Johannes: laß es jetzt so sein , bedeuten nach der Auslegung des seligen Theophylakt: laß es jetzt geschehen; es wird die Zeit kommen, da wir den rechten Ruhm erhalten, wenn wir ihn auch jetzt nicht offenbaren. Unter der Gerechtigkeit versteht der Herr das Gesetz. Die menschliche Natur, sagt er, ist verflucht, denn sie konnte das Gesetz nicht erfüllen. Deshalb habe Ich auch die anderen Vorschriften des Gesetzes erfüllt. Ich muß nur noch getauft werden. Wenn Ich das erfülle, werde Ich die Natur von dem Fluch befreien.
Die Antwort des Vorläufers erklärt Zigaben folgendermaßen: laß jetzt sowohl Meine Sündlosigkeit, als auch Meine Gottheit beiseite. Jetzt ist dafür keine Zeit, sondern du mußt mich aus Gründen der Heilsordnung taufen. Denn wie Ich um der Menschen willen Mensch wurde, um als Mensch den Teufel zu vernichten, der sie vernichtete, ebenso nehme Ich auch so wie sie selbst die Taufe an, um im Wasser den Schmutz derer zu begraben, die aus Wasser und Geist neu geboren werden sollen. Also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen., d. h. alle Gebote, durch die Taufe, da der alte Adam ein einziges Gebot nicht erfüllte, erfülle Ich also, der neue Adam, an seiner Stelle alle Gebote und ergänze seinen Mangel. Und auch die Taufe des Johannes war eine Gebot Gottes. Denn Johannes selbst sagt: Der mich gesandt hat, damit ich mit Wasser taufe, Der sagte mir... (Jo. 1, 33).

Dann läßt er es Ihm zu. Und als Jesus getauft war, stieg Er alsbald aus dem Wasser heraus und siehe, die Himmel wurden ihm aufgetan und er sah den Geist Gottes wie eine Taube niederfahren und auf ihn kommen.
Das ist die vollkommene himmlische Wahrheit: die Taufe und in ihr und durch sie die ganze Heilige Dreieinigkeit: Jesus - der Sohn Gottes, der Heilige Geist und Gott-Vater. Das Mysterium der Taufe liegt im Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit. Die Heilige Dreieinigkeit ist es, die tauft und durch die der Mensch, die menschliche Natur getauft wird. Deshalb werden auch wir "im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes" getauft. Im Mysterium der Taufe liegt auch das Mysterium des Himmels; die Taufe hat den Schlüssel, mit dem der Himmel geöffnet wird. Denn nur über der getauften Seele wird der Himmel geöffnet und in sie steigt die gesamte himmlische Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit und Ewigkeit herab, und mit ihnen die Dreieinige Gottheit selbst. Auf Jesus als Menschen steigt der Heilige Geist herab, obwohl Er nach der Gottheit immer mit Ihm wesenseins ist. Und zwar steigt Er in einer sichtbaren Form herab, obwohl Er als Geist ein unsichtbares Wesen ist, um dem Menschen als psycho-physischem Wesen den deutlichsten Beweis der Heiligen Dreieinigkeit zu gewähren.
Siehe, rät der Hl. Johannes Chrysostomos, welche Wunder geschehen! Da wird nicht das Paradies geöffnet, sondern der Himmel selbst! Weshalb wurden die Himmel geöffnet? Weil du wissen sollst, daß das gleiche auch bei deiner Taufe geschieht: da ruft dich Gott in die himmlische Heimat und überzeugt dich davon, daß du nichts Gemeinsames mehr mit der Erde hast. Du siehst das nicht, aber trotzdem, zweifle nicht daran. Den Sinnen zugängliche Erscheinungen wunderbarer und geistlicher Dinge und alle ähnlichen Zeichen geschehen nur am Anfang, und zwar für grobe Menschen und solche, die kein Verständnis für körperlose Wesen aufbringen und die nur das Sichtbare verwundert, und die deshalb den Sinnen zugängliche Erscheinungen brauchen. Aber auch das geschieht mit einem Ziel: daß mit Glauben angenommen wird, was einst am Beginn durch Wunder bestätigt wurde, wenn diese Wunder dann auch nicht mehr geschahen. So war auch beim Apostelkonzil das Getöse vom Himmel und das Wehen eines starken Windes, und es erschienen Feuerzungen, - nicht wegen der Apostel selbst, sondern um der Juden willen, die sich damals bei ihnen befanden. Indessen nehmen auch wir das an, was einstmals durch Wunder bestätigt wurde, wenn auch diese sichtbaren Wunder nicht mehr geschehen. So erschien auch bei der Taufe Christi die Taube dafür, um den Anwesenden und Johannes den Täufer wie mit dem Finger auf den Gottessohn zu zeigen; und weiterhin dafür, daß auch du weißt, daß auch bei deiner Taufe der Heilige Geist auf dich herabkommt. Doch wir brauchen schon keine sichtbaren Zeichen mehr, denn uns genügt statt der Zeichen unser Glaube; die Zeichen werden nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen gegeben. Und weshalb erschien der Heilige Geist als Taube? Weil die Taube ein sanftes und reines Geschöpf ist. Und weil der Heilige Geist der Geist der Sanftmut ist; deshalb erschien Er in dieser Gestalt.
Der Geist kommt auf Jesus herab, sagt der selige Theophylakt, um zu bezeugen, daß Derjenige, Der getauft wird, größer ist, als der, der tauft. Denn die Juden verehrten Johannes mehr als Christus. Alle sahen, daß der Geist auf Jesus herabkam, damit sie nicht dächten, daß die Stimme: dies ist Mein geliebter Sohn - um des Johannes willen war, sondern damit alle angesichts des Geistes glaubten, daß sich diese Stimme auf Jesus bezieht. Der Geist erschien als Taube wegen der Güte und Sanftmut der Taube und deshalb, weil die Taube der reinste Vogel ist, sich nicht im Schmutz aufhält, - so auch der Heilige Geist.
Und siehe, eine Stimme kommt aus den Himmeln, welche spricht: dieser ist Mein geliebter Sohn, an Welchem Ich Wohlgefallen gefunden habe.

Bei der Taufe Christi wird das gesamte Mysterium des Christentums offenbart: die Heilige Dreieinigkeit. Darin ist Anfang und Ende des Christentums beschlossen, und alles, was zwischen diesem Anfang und diesem Ende liegt. Damals geschah die vollständige und vollkommene Gotteserscheinung (Theophanie): Gott der Vater erschien als Stimme vom Himmel, der Heilige Geist als Taube, Gott der Sohn als Gottmensch Jesus. Dies wird im Tropar der Theophanie in erleuchteter Weise ausgedrückt. Nicht nur alle Mysterien des Christentums, sondern auch alle Seine unsterblichen Kräfte sind in der Heiligen Dreieinigkeit. Nach den Worten der Heiligen Väter geschieht im Christentum alles vom Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Darin liegt auch das Geheimnisvolle, das Heilige, und die Kraft des ersten christlichen Mysteriums: der Taufe. Darin liegt auch das Geheimnisvolle, das Heilige, und die Kraft auch aller übrigen heiligen christlichen Mysterien.
Die Wahrheit, die unser Herr Jesus Christus durch Sein erstes öffentliches Werk, die Taufe, der Welt eröffnete ist die Heilige Dreieinigkeit. Von hier beginnt Seine gottmenschliche Tätigkeit und Sein öffentliches heilbringendes Wirken. Dies ist nicht nur der Beginn und die Quelle sondern vollkommener Beginn und vollkommenen Quelle alles Neutestamentlichen. Jesus Christus ist der Sohn Gottes, die zweite Person der Heiligen Dreieinigkeit, - von hier und hiermit beginnt das Christentum. Darin ist das gesamte Geheimnis der Persönlichkeit Christi beschlossen. Erst seit Seiner Taufe wissen wir wer und was Er ist. Er ist: Gott-Logos, Der Fleisch annahm, Mensch wurde, um die menschliche Natur und den Menschen mit all dem zu erfüllen, was göttlich ist: der göttlichen Wahrheit, der göttlichen Gerechtigkeit, der göttlichen Liebe, dem göttlichen Licht, dem göttlichen Leben; in einem Wort: mit Gott, der Heiligen Dreieinigkeit. Daher ist es die Berufung des Menschen, sich zu vergöttlichen, sich zu verdreieinigen. Dazu dient das erste Sakrament: die Taufe und alle heiligen Sakramente nachher. Und weiter: alle heiligen Gebote des Evangeliums, und alles was das Neue Testament von Anfang bis Ende ausmacht. Der neutestamentliche Mensch ist daher neutestamentlich, daß er ganz durch die Heilige Dreienigkeit lebt: vom Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Auf einen solchen Menschen beziehen sich auch jene wunderbaren Worte eines erhabenen Kirchenliedes: "Durch den Heiligen Geist wird jede Seele belebt und durch die Reinheit erhoben, wird sie in heilig-geheimnisvoller Weise durchleuchtet von der dreifaltigen Einheit.
Als Christus die Taufe des Johannes annahm, sagt der Heilige Chrysostomos, eröffnete Er die Tore auch für die Taufe der neutestamentlichen Kirche. Nur unsere Taufe besitzt die Gnade des Hl. Geistes, die Taufe des Johannes besaß diese Gabe nicht. Daher geschah nicht ähnliches bei der Taufe der übrigen Menschen, sondern es geschah nur mit Dem, Der diese Gabe den anderen geben sollte. Da öffneten sich auch die Himmel, und der Heilige Geist kam herab. So führt uns Christus von der alten Lebensweise zur neuen, indem Er die Himmelstore öffnet und von dort den Heiligen Geist sendet, Der uns zur himmlischen Heimat ruft. Und nicht nur ruft, sondern auch mit der höchsten Würde bekleidet, Er macht uns nicht zu Engeln und Erzengeln, sondern zu geliebten Söhnen Gottes.
Durch Seinen Ungehorsam, sagt Zigaben, verschloß uns Adam einst das Paradies. Der Gehorsam des neuen Adam aber öffnete uns die Himmel und schenkte uns damit größere Güter, als wir verloren hatten. Die Himmel werden also geöffnet und zeigen, daß aus ihnen sowohl die Taube als auch die Stimme hergeht. Die Stimme kam vom Himmel, damit die Anwesenden erkannten, Wer da getauft wird; die Taube aber, um zu zeigen, daß sich die Stimme auf Ihn bezieht und nicht auf Johannes. Also: der Vater zeugt von oben für den Sohn, und der Heilige Geist kommt auf Ihn herab, gleichsam mit dem Finger zeigend, daß Er Derjenige ist, Den der Vater bezeugt.
Die Taufe Christi ist ein Ereignis außergewöhnlicher kosmischer Wichtigkeit und Bedeutung: die Dreieinige Gottheit eröffnet und vermittelt uns das Geheimnis des Gottmenschen Jesus. Bedeutsam sind die Worte des Vaters vom Himmel: dieser ist Mein geliebter Sohn, an Welchem Ich Wohlgefallen gefunden habe. Sie bedeuten: mit Seinem ganzen Wesen ist unser Herr Jesus Christus die vollkommenen Verkörperung und Verwirklichung des Willens Gottes und daher auch der Liebe Gottes. Sowohl vor der Fleischwerdung als auch nach ihr ist Er ganz in allem und mit allem "zum Wohlgefallen" Seines himmlischen Vaters. Deshalb auch ruht auf Ihm die außergewöhnliche und ewige Liebe des göttlichen Vaters. Niemand hat das Recht, auf diese Liebe eifersüchtig zu sein. Gibt es etwa in allen menschlichen Welten ein Wesen, das größere Liebe als unser Herr Jesus Christus verdiente? Die Stimme des Vaters vom Himmel bezeugt, daß es ein solches Wesen nicht nur in allen menschlichen sondern ebenso in allen göttlichen Welten nicht gibt. Gott der Vater teilte uns in Christus und durch Christus "das Geheimnis Seines Willens" mit (Eph. 1, 9). Und das Geheimnis Seines Willens liegt hierin: durch Christus die Menschen von der Sünde, vom Tod und vom Teufel zu retten, und in Christus alles zusammen zu bringen, was in den Himmeln und auf der Erde ist (Eph. 1, 10)