Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1991, 3

 

Als Er aber gehört hatte, daß Johannes überliefert worden war, entwich Er nach Galiläa.
Und als Jesus hörte, daß Johannes überliefert war, ging Er nach Galiläa. Dies geschah später, nicht sofort nach den Versuchungen. Als der Hl. Täufer in das Gefängnis geworfen wurde, befand Sich der Heiland in Judäa. Sofort, als Er dies erfuhr, entfernte Sich der Retter nach Galiläa. Warum? Um uns, antwortet der Hl. Chrysostomos, zu belehren, daß wir uns nicht selbst in Versuchungen stürzen sollen, sondern uns vor ihnen zurückziehen und uns entfernen. Nicht jener ist schuld, der sich nicht in Gefahr begibt, sondern jener, der in Gefahren keinen Mut hat.
Und Er verließ Nazareth und kam und wohnte in Kapernaum, das am Meer gelegen ist, in dem Gebiet von Zabulon und Nephtalim; auf daß erfüllt werde, was durch den Propheten Jesajas gesagt ist, welcher spricht: “Land Zabulon und Land Nephtalim, gegen das Meer hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen: das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Lande und Schatten des Todes saßen, Licht ist ihnen aufgegangen”.
In Galiläa siedelt Sich der Heiland in Kapernaum an, einer kleinen, aber sehr wichtigen lebendigen Stadt am nordwestlichen Ufer des Sees Genezareth, welcher auch als Meer von Tiberias oder Galiläisches Meer bezeichnet wird. Hier und in der Umgebung verbrachte der Heiland eine beachtliche Zeit Seines öffentlichen Wirkens, weshalb Kapernaum auch mitunter als Seine Stadt bezeichnet wird (Mt. 9,1).
Indem Er Sich in Kapernaum ansiedelt, erfüllt der Heiland auch die Prophezeiung des Propheten Jesajas (Jes. 9,1-2): “Land Zabulon und Land Nephtalim, gegen das Meer hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen: das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Lande und Schatten des Todes saßen, Licht ist ihnen aufgegangen”. Galiläa wird als heidnisch bezeichnet, weil unter den Juden aus dem Stamm Zabulon und Nephtalim auch viele Heiden lebten. Die Heiden kennen den wahren und wahrhaftigen Gott nicht, Der das einzige unauslöschliche Licht für den menschlichen Gedanken, das menschliche Herz, das menschliche Leben ist. Die Heiden “sitzen in der Finsternis”, die Sünden hatten sie von allen Seiten mit ihrer Finsternis umgeben und mit ihrer schweren Kraft an die Erde gefesselt, und so sehen sie weder den Weg des Lebens, noch haben sie Kraft, sich auf ihn zu begeben. Ohnmächtig und hilflos, suchen sie auch keinen Ausweg aus der Finsternis der Sünde, sondern sitzen gleichgültig in ihr. Dies ist ein Zeichen äußerster geistiger Erschöpfung. Doch dies ist nur das erste Übel; das zweite ist noch größer und schlimmer: diejenigen, sie “sitzen im Lande und Schatten des Todes “Finsternis hat sie umgeben, der Tod hat sie von allen Seiten eingeschlossen. Nicht nur die Heiden, sondern alle Nachfahren Adams und Evas. Die Prophezeiung des Jesajas bezieht sich in jedem vollen Sinn auf alle Menschen. Der Tod ist durch die menschlichen Sünden in solchem Maße gewachsen, daß er alles Unsterbliche und Ewige vollkommen von den menschlichen Augen abschirmt: Gott, den Himmel, die Unsterblichkeit, die Ewigkeit. Wie ein furchtbares Ungeheuer hat sich der Tod zwischen Erde und Himmel ausgebreitet und hält in seinem finsteren Schatten alle Menschen. Und siehe, vom Tod zermalmt, ausweglos, verzweifelt “sitzen sie im Schatten des Todes “, und denken nicht daran, mit ihm zu kämpfen, denn sie haben weder Willen noch Kraft. Alles Menschliche ist vor der schrecklichen Kraft des Todes und der scheußlichen Finsternis der Sünde zugrunde gegangen. Und allmählich aber ständig ersticken in der offenen Finsternis der Sünde alle menschlichen Seelen, alle menschlichen Herzen, alle menschlichen Leiber, und hauchen im furchtbaren Schatten des Todes ihr Leben aus.
In dieser Finsternis der Sünde und des Todes kann sich kein menschliches Licht behaupten. Sowie es angezündet wird, löscht es die Sünde durch den Tod. Außerdem ist in der endlosen irdischen Finsternis der Sünde und des Todes jedes menschliche Licht nicht nur klein, sondern endlos klein, klein wie ein winziges Kerzlein, das sofort ausgeht, wenn der Tod es anhaucht. Hier kann nur das Licht helfen, welches Sünde und Tod nicht auslöschen können. Und noch etwas: das Licht, das die Finsternis der Sünde vertreiben und den Tod vernichten kann. Und ein solches Licht ist, war und bleibt in unserer irdischen Finsternis nur Er: unser Herr Jesus Christus. Er ist das einzige “Licht des Lebens” in der menschlichen Welt von Sünde und Tod; Er ist das einzige “wahre Licht” in allen Welten, welches keine Finsternis umfangen kann (Joh. 1, 9. 5; 8, 12). Der Beweis? Sein Sieg über Sünde und Tod. Als einziger Sieger über Sünde und Tod in unserer menschlichen Welt hat Er nicht nur die Finsternis der Sünde vertrieben und den Drachen des Todes zermalmt, sondern Er hat auch den Menschen das ewige und unsterbliche Leben geschenkt. Daher ist Er in unserer irdischen Welt allein “das große Licht”, welches allen Menschen leuchtet, allen Gefangenen von Sünde und Tod, das ihnen den Weg in das ewige und unsterbliche Leben erleuchtet und ihnen Kraft verleiht, um auf diesem Weg auszuhalten. Der heilige Johannes Chrysostomos erläutert die Prophezeiung des Propheten Jesajas: als Finsternis bezeichnet der Prophet nicht die sichtbare Finsternis, sondern Verirrung und Gottlosigkeit. Daß dies so ist, kann man auch daran sehen, daß er wenn er vom Licht spricht dieses nicht einfach als Licht bezeichnet, sondern als großes Licht; wenn er dagegen von Finsternis spricht, nennt er sie Schatten des Todes . Wenn er darauf zu zeigen wünscht, daß die Bewohner dieses Landes dieses Licht nicht selbst gefunden haben, sondern Gott es ihnen Selbst zeigte, sagt der Evangelist: “Licht ist ihnen aufgegangen”, d. h. das Licht ist selbst aufgeleuchtet und hat sie erleuchtet, nicht aber sind sie ihm entgegen gegangen. In der Tat, das Menschengeschlecht befand sich vor der Ankunft Christi in äußerst erbärmlichem Zustand; die Menschen gingen schon nicht mehr in der Finsternis, sondern sie saßen in der Finsternis. Das aber bedeutet, daß sie nicht einmal mehr hofften, sich dieser Finsternis zu entledigen. Ja, sie wußten nicht einmal, wohin man gehen muß und, umgeben von Finsternis, saßen sie, denn sie waren nicht einmal mehr im Stande zu stehen. Christus, das große Licht, sagt Zigaben, führte die Menschen aus der Verirrung, indem Er sie mit Seinem Licht erleuchtete. Der Evangelist erklärt, was die Finsternis ist, indem er sie als Gegend, Land des Todes bezeichnet - ceran qanatou - und Schatten des Todes. Denn wie das Grab der Ort, der Raum, die Gegend und der Schatten des körperlichen Todes ist (Gegend nämlich als Ort, Schatten als Finsternis, denn die Finsternis ist Schatten) so war auch jene Verirrung die Gegend und der Schatten des geistlichen Todes; die Gegend nämlich weil sie wie das Grab jene festhielt, die darein verfallen waren, d. h. diejenigen, die für das Gefühl der Wahrheit tod waren - nenekrwmenouz eiz aisqhsin alhqeiaz - ; der Schatten wiederum, weil er sie mit Finsternis bedeckte.
Das große Licht ist das Evangelium, sagt der selige Theophilakt im Kommentar zu diesen Worten. Das alttestamentliche Gesetz war auch ein Licht, aber ein kleines. Der Schatten des Todes ist die Sünde; sie ist sowohl das Ebenbild als auch das Abbild des Todes, denn wie der Tod den Körper erfaßt, so erfaßt die Sünde die Seele. Das Licht ist uns aufgeleuchtet, denn wir haben es nicht gesucht, sondern es ist uns selbst erschienen indem es uns gleichsam verfolgte.