Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1991, 4

 

Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.
Im Land der Sünde und des Todes beginnt unser Herr Jesus Christus Seine Predigt. Womit? Mit der Buße. Denn die Buße ist die Auferstehung der Seele, der Sieg über die Sünde welche die Seele im Grab der Lüge, der Unwahrheit, der Verirrung, der Gesetzlosigkeit, des Stolzes, des Unglaubens, des Neides, der Begierde, des Wuchers, des Hasses hält. Durch die Buße ersteht die Seele zum Licht der Wahrheit auf, der Gerechtigkeit, der Demut, des Glaubens, der Barmherzigkeit, der Keuschheit, der Sanftmut, der Liebe. Der Heiland beginnt Seine Predigt mit dem, womit der Heilige Vorläufer abschloß: tut Buße denn das Himmelreich ist nahe! Tatsächlich verwirklicht und gibt der Herr das, wozu der Heilige Täufer geführt und gelenkt hatte: das Himmelreich. Vor uns ist die gleiche heilige Frohbotschaft: das alte Testament prophezeite sie, und der Heilige Vorläufer ist ihr Engel, welcher verkündet, daß sie schon hier ist: das Lamm Gottes - der Herr Christus!
Es genügt nicht, nur Buße zu tun, sondern das wichtigste ist hier: vor wem und warum man bereuen muß. Aus der Predigt des Vorläufers wird deutlich, daß man vor dem Angesicht des Himmelreiches und des Himmelreiches willen Buße tun muß. Doch was ist das Himmelreich? - Das ist der Gottmensch Christus und Sein gesamtes Evangelium, mit all seinen ewigen himmlischen Frohbotschaften, Werten und Realitäten. Um Seinetwillen muß man bereuen und davor muß man Buße tun.
Womit beginnt das Evangelium? - Mit der Buße. Warum? Weil der Blick von Christus zurück auf alle Menschen aller Zeiten und Sünde über Sünde, Laster über Laster, Tod über Tod aufdeckt. Das ist die ganze Geschichte der Menschheit. Es ist nichts anderes, als ein unübersehbares Reich des Bösen, des Todes und des Schreckens. Das ist die Vision, die der Heilige Vorläufer und der Herr Selbst Jesus Christus von dieser Welt hat. Das Evangelium des Heilands könnte auch mit nichts anderem beginnen, als mit der Buße. Alles, was dem Herrn Jesus vorausgeht, alles Böse, alle Sünden und jeglicher Tod, - ist das alles nicht etwas, um wessentwillen man Buße und Reue tun muß? Und sich vorbereiten auf das neue Leben in einer neuen Wirklichkeit, auf das Himmelreich, welches sich mit allen seinen ewigen Reichtümern uns annähert in der Person des Gottmenschen Christus, und schon hier vor uns ist und unter uns. Sobald sich der Mensch, jeglicher Mensch vor Christus führt und ehrlich und mutig sich ganz vor Ihn stellt, und von Seinem göttlichen Licht erleuchtet sich selbst vollkommen von oben bis unten anschaut, und sein ganzes Leben bis zu diesem Moment, - was bleibt ihm? Nichts anderes als entschlossen Buße zu tun für alles und alle und mit der ganzen Seele den sanftmütigen und gütigen Herrn Jesus zu umarmen. Nach dem Beispiel des Heiligen Apostels: Ich erachte alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und für Unrat erachte, auf daß ich Christus gewinne und in Ihm erfunden werde (Phil. 3, 8-9).
Die Buße ist das Tor des Evangeliums Christi. Nur hierdurch kann man in das Reich Christi eingehen. Die Demut findet sie immer, der Stolz aber geht absichtlich vorbei. Geheiligt ist die Wahrheit: Gott widersetzt Sich den Stolzen, den Demütigen aber schenkt Er Gnade (1 Pet. 5, 5; Jak. 4, 6). Nur ein hartnäckig stolzer Mensch bereut nicht, doch dafür weiß er auch nicht, was für eine Freude es ist und Kraft und Macht - sich mit Christus zu treffen, vor Ihm zu bereuen, und Ihn, den Allbarmherzigen und Gütigsten, als ewigen Gott und Herrn zu haben. Wer nicht Buße tut, verharrt durch seine Schuld immer im traurigen und finsteren Reich der Sünde und des Todes. Das ist das unglücklichste menschliche Wesen, das die Erde kennt, gefesselt durch dreierlei Fesseln: die Fesseln des Stolzes, des Todes und des Teufels. All diese Fesseln sprengt wie ein Spinngewebe nur die Demut des Evangeliums.
Von der Buße nimmt der neue Mensch seinen Anfang, der neutestamentliche Mensch. Denn die Buße verändert im Menschen sowohl die Seele als auch das Herz, Gedanken und Gefühle, sodaß der Mensch sowohl sich selbst als die ihn umgebende Welt nach Art des Evangeliums erlebt, und sich und die Welt mit den Augen Christi betrachtet. Das ist ein völlig neues Leben: vollkommen auf das Göttliche, Unsterbliche, Ewige ausgerichtet. Seine Wege sind: die Wahrheit des Evangeliums, die Gerechtigkeit des Evangeliums, die Liebe des Evangeliums, die Güte des Evangeliums, die Barmherzigkeit des Evangeliums, die Demut des Evangeliums. Und all diese Wege führen zum und ins Himmelreich.
Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Von diesem Moment an, sagt der selige Theophilakt, als Johannes ins Gefängnis geworfen war, begann Jesus zu predigen, denn Er wartete darauf, daß Johanes zunächst sein Zeugnis über Ihn ablege und Ihm den Weg bereite, auf dem Er gehen sollte. Dem Vater gleich, hatte der Herr auch Selbst in der Person des Johannes Seinen Propheten, sowie Sein Vater und Gott Propheten vor Johannes hatte. Genauer gesagt, waren auch diese Propheten sowohl des Vaters als auch des Sohnes - Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.Christus und ein tugendhaftes Leben - das ist das Himmelreich. Denn wenn jemand auf der Erde wie ein Engel lebt ist es dann nicht himmlisch? In jedem von uns ist das Himmelreich, wenn wir engelgleich leben.
Die Wahl der ersten Schüler (4, 18-22)
“Als er am galiläischen See hinwandelte, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas, das Netz in den See auswerfen; sie waren nämlich Fischer. Und er sagte zu ihnen: Kommet her, folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen. Da verließen sie alsbald die Netze und folgten ihm nach.”
Seine ersten Nachfolger fand unser Herr Jesus Christus unter Menschen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen. Aus Galiläa erwartete man nichts Gutes, am wenigsten Propheten; doch siehe, Galiläa stellt die ersten Apostel. Das ist nicht nur etwas Gutes, sondern das höchste Gut. Denn die Apostel stellen den Gipfel alles Guten dar, den Gipfel der Weisheit, der Macht, zu der die menschliche Natur gelangen kann, wenn sie vom Gottmenschen geführt wird. Die Menschen aus dem Lande des Todes wurden die ersten wahrhaft Unsterblichen im Menschengeschlecht. Die galiläischen Fischer, einfache Leute, wurden die ersten wahren Weisen in der Welt des Menschen. Demütig und ohnmächtig, wurden sie durch den Gottmenschen mächtig und allmächtig.
Petrus und Andreas erkannten Christus vor ihrer Berufung. Hier rief sie der Heiland zum zweiten Mal zum apostolischen Dienst. Ihre erste Berufung beschreibt der Evangelist Johannes (Jh 1, 36-42). Er sagt, daß sie von Christus durch den Vorläufer Johannes wußten. Angeregt durch die Worte des Vorläufers über Jesus, besuchte Andreas den Herrn Jesus und erlangte von diesem Besuch die Überzeugung, daß Jesus der Messias sei. Und davon berichtete er seinem Bruder Petrus. All das geschah, bevor der Vorläufer ins Gefängnis geworfen wurde. Der Evangelist Matthäus jedoch spricht hier von ihnen zu dem Zeitpunkt, nachdem der Vorläufer im Gefängnis war. Beim hl. Johannes ruft Andreas den Petrus, hier aber ruft sie beide Christus. Außerdem sagt der hl. Johannes, daß Christus, als Andreas Petrus zu Ihm führte, diesem sagte: “Du bist Simon, der Sohn Jonas; du wirst Kephas heißen, was bedeutet Petrus” (Jh 1,42). Der hl. Matthäus aber behauptet, daß er bereits diesen Namen trug, denn er sagt, er sah Simon, welcher Petrus genannt wird. Andreas und Petrus waren Schüler des Johannes, sagt der hl. Theophylakt. Während Johannes noch in Freiheit war, kamen sie zu Christus und als sie sahen, daß Johannes eingesperrt war, kehrten sie zu ihrer Fischertätigkeit zurück. Darauf berief sie eben der Heiland22. In jedem Fall war das Wissen dieser zwei Brüder über Christus zu gering, als daß sie deswegen alles hätten liegen lassen können und Ihm nachfolgen. Und nur das rätselhafte Versprechen Jesu, daß Er sie zu Menschenfischern machen würde, was konnte das für die einfachen galiläischen Fischer bedeuten? Konnten sie etwa in diesem Moment erahnen, welche göttlichen und wundertätigen Kräfte hinter diesem Versprechen stehen? Und Jesus hatte ja eben erst seine Predigt begonnen und hatte noch nicht ein einziges Wunder vollbracht! Und dennoch verließen sie auf den Ruf Christi sofort ihre Netze und folgten ihm nach.
Wahrhaftig hier ist die Rede von einer großen Tat dieser beiden ersten Schüler. Wodurch kann man sie am besten erklären? Es scheint mir folgendermaßen: In der Persönlichkeit unseres Herrn Jesus Christus mußte etwas ungeheuer Anziehendes sein, etwas, was jede menschliche Seele erweichte, sie mit einer gewissen Güte erfüllte, einer Stille, einer Süßigkeit, einer Freude. Erweicht durch diese unwiderstehlichen Wunderkräfte, die aus seinem wunderbaren, göttlichen, herrlichen Antlitz sich ergossen, welche die menschliche Seele nur fühlen konnte, mit ihrem ganzen Wesen fühlen konnte, und so zu sich mit ihrem ganzen Wesen sprechen konnte: Ja, das ist das Wichtigste, das Beste, das einzig Große, das Heiligste, das Ideale, was ich immer gesucht habe und nun hier habe ich es gefunden! Hier ist sie ganz - meine süße Unsterblichkeit, meine ganze süße Ewigkeit, meine ganze unbegrenzte Freude; hier ist mein ganzes Paradies, meine ganze Wonne, mein ganzer Himmel, mein ganzes Universum! Muß ich nicht um Seinetwillen alles verlassen, nicht nur die Netze? Und sie verließen sofort die Netze und folgten ihm nach.

4, 21-22
“Und als er von da weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, mit ihrem Vater Zebedäus im Schiff ihre Netze ausbessern; und er rief sie zu sich. Da verließen sie alsbald das Schiff und ihren Vater und folgten ihm nach.”

Hier liegt eine noch größere Tat als die Tat der beiden ersten heiligen Schüler vor. Diese zwei Brüder, Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, verlassen nicht nur ihre Netze und das Boot, sondern auch ihren Vater. Auf ein Wort Jesu und ohne jegliches Versprechen Seinerseits - verließen sie sofort das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach. Wodurch kann man eine solche Tat dieser heiligen Brüder erklären? Wahrlich, in der Persönlichkeit des Heilands mußte etwas Unendliches und Unüberwindliches verborgen sein, etwas, was alles Gute, Erhabene, Göttliche in der Seele der einfachen galiläischen Fischer anzog. Sicherlich loderte in ihren Seelen die ideale Erwartung des Messias, und alleine durch Sein Erscheinen zog Jesus zweifellos alle gottsuchenden Seelen an. Es besteht kein Zweifel, daß aus Ihm die göttliche Wahrheit strahlte - wer von denen würde Ihm nicht folgen, der die Wahrheit suchte? Aus Ihm strahlte die göttliche Liebe; wer von denen, die nach der Liebe dürsteten, wäre Ihm nicht gefolgt? Aus Ihm strahlte die göttliche Güte, die göttliche Wahrheit, die göttliche Weisheit, die göttliche Schönheit, göttliche Heiligkeit, göttliche Wahrhaftigkeit; wer von denen, die danach dürsteten, wäre Ihm nicht gefolgt. In einem Wort, aus Ihm strahlte, wenn auch vom Körper verborgen, Gott mit allen Seinen Vollkommenheiten.
Daher konnten die reinen Augen der Seele Jesus zuerst erahnen, und darauf auch Gott erkennen. Eben das geschah wahrscheinlich mit den ersten Schülern, und daher verließen sie mit solcher Selbstaufopferung alles und folgten Ihm nach.
Auch abgesehen davon war die Tat der ersten Schüler Christi außergewöhnlich groß. Sie folgten Jesus, der noch kein einziges Wunder vollbracht hatte und wegen seiner Predigt, die sich noch in ihrem Anfangsstadium befand, noch nicht berühmt war (Mt 4,17). Allen nach ihnen war es leichter, Christus zu folgen, und um Seinetwillen alles zu verlassen, denn je weiter sich die Menschen in der Zeit von Christus befinden, umso mehr Gründe haben sie, an Ihn zu glauben, und sich Seinetwillen zu opfern. Es gibt immer mehr Zeugen Seiner göttlichen und heilbringenden Kraft und Macht. So haben wir Menschen des 20. Jh. zwischen uns und dem Verweilen des Heilands auf Erden einen zeitlichen Abstand von beinahe 2000 Jahren. Und in diesem Abstand wie viele Tausende, wie viele Millionen Zeugen und Zeugnisse von Christus als wahrem Gott und Heiland der Menschen der Welt! Wie viele Apostel, Märtyrer, Asketen, Bekenner und Uneigennütze und übrige Heilige und Gerechte! Und daneben wie viele zahllose Wunder des Evangeliums, unzählbare Werke des Evangaliums, zahllose Erfahrungen des Evangeliums, Gedanken, Gefühle, Worte! Gibt es etwa heute einen Menschen, der neben so vielen offensichtlichen Zeugnissen und unwiderlegbaren Gründen neue Zeugnisse und neue Gründe für seinen Glauben an Christus als den einzigen wahren Gott und Heiland des Menschen und der Welt suchen würde? Da wir so viele und solche Zeugnisse, so viele und solche Gründe haben und dennoch nicht unserem Herrn Christus folgen und nicht nach Seinem Evangelium leben, ist unsere Verantwortung unendlich groß, aber unendlich ist auch das Verdienst und unfaßbar die Größe der ersten Schüler Christi gerade darin, daß sie diese Zeugnisse, all diese Gründe nicht vor sich hatten, und dennoch alles hinter sich ließen und ohne Zweifel Christus folgten.
Für solchen beispiellosen Mut im Glauben belohnt der Herr Jesus Christus die heiligen Brüder Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus mit einer ungewöhnlichen Belohnung: Er gibt ihnen den Namen: Boanerges (BoanhrgeV), was bedeutet, Söhne des Donners (Mk 3,17). Und wahrhaftig sie bewahrheiteten diesen Namen mit ihrem Leben und ihrem apostolischen Dienst. Ihr ganzes Leben war ein ununterbrochenes Donnern himmlischer Botschaften Christi in dieser Welt. Besonders gilt das für den hl. Johannes, den Evangelisten und Theologen “den Schüler, den Jesus liebte”. Den einzigsten, den Jesus so liebte, daß dies in den heiligen Büchern geschrieben steht. Aus niemandes Mund spricht so stark, so kräftig, so einflußreich das Donnern der himmlischen Geheimnisse Gottes hervor, wie aus dem heiligen Mund, “des Schülers, den Jesus liebte”. Jedes seiner Worte ist Donner, jeder Gedanke Donner, jede Tat Donner, jedes Gefühl Donner. Donner auf Donner, das ist sein Evangelium, dieses angenehmste Donnern, das unaufhörlich den schwarzen Himmel der Erde durchbricht.