Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1991, 5

 

“Und als er von da weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, mit ihrem Vater Zebedäus im Schiff ihre Netze ausbessern; und er rief sie zu sich. Da verließen sie alsbald das Schiff und ihren Vater und folgten ihm nach.”

Hier liegt eine noch größere Tat als die Tat der beiden ersten heiligen Schüler vor. Diese zwei Brüder, Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, verlassen nicht nur ihre Netze und das Boot, sondern auch ihren Vater. Auf ein Wort Jesu und ohne jegliches Versprechen Seinerseits - verließen sie sofort das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach. Wodurch kann man eine solche Tat dieser heiligen Brüder erklären? Wahrlich, in der Persönlichkeit des Heilands mußte etwas Unendliches und Unüberwindliches verborgen sein, etwas, was alles Gute, Erhabene, Göttliche in der Seele der einfachen galiläischen Fischer anzog. Sicherlich loderte in ihren Seelen die ideale Erwartung des Messias, und alleine durch Sein Erscheinen zog Jesus zweifellos alle gottsuchenden Seelen an. Es besteht kein Zweifel, daß aus Ihm die göttliche Wahrheit strahlte - wer von denen würde Ihm nicht folgen, der die Wahrheit suchte? Aus Ihm strahlte die göttliche Liebe; wer von denen, die nach der Liebe dürsteten, wäre Ihm nicht gefolgt? Aus Ihm strahlte die göttliche Güte, die göttliche Wahrheit, die göttliche Weisheit, die göttliche Schönheit, göttliche Heiligkeit, göttliche Wahrhaftigkeit; wer von denen, die danach dürsteten, wäre Ihm nicht gefolgt? In einem Wort, aus Ihm strahlte, wenn auch vom Körper verborgen, Gott mit allen Seinen Vollkommenheiten.
Daher konnten die reinen Augen der Seele Jesus zuerst erahnen, und darauf auch Gott erkennen. Eben das geschah wahrscheinlich mit den ersten Schülern, und daher verließen sie mit solcher Selbstaufopferung alles und folgten Ihm nach.
Auch abgesehen davon war die Tat der ersten Schüler Christi außergewöhnlich groß. Sie folgten Jesus, der noch kein einziges Wunder vollbracht hatte und wegen seiner Predigt, die sich noch in ihrem Anfangsstadium befand, noch nicht berühmt war (Mt 4,17). Allen nach ihnen war es leichter, Christus zu folgen, und um Seinetwillen alles zu verlassen, denn je weiter sich die Menschen in der Zeit von Christus befinden, umso mehr Gründe haben sie, an Ihn zu glauben, und sich Seinetwillen zu opfern. Es gibt immer mehr Zeugen Seiner göttlichen und heilbringenden Kraft und Macht. So haben wir Menschen des 20. Jh. zwischen uns und dem Verweilen des Heilands auf Erden einen zeitlichen Abstand von beinahe 2000 Jahren. Und in diesem Abstand wie viele Tausende, wie viele Millionen Zeugen und Zeugnisse von Christus als wahrem Gott und Heiland der Menschen der Welt! Wie viele Apostel, Märtyrer, Asketen, Bekenner und Uneigennütze und übrige Heilige und Gerechte! Und daneben wie viele zahllose Wunder des Evangeliums, unzählbare Werke des Evangaliums, zahllose Erfahrungen des Evangeliums, Gedanken, Gefühle, Worte! Gibt es etwa heute einen Menschen, der neben so vielen offensichtlichen Zeugnissen und unwiderlegbaren Gründen neue Zeugnisse und neue Gründe für seinen Glauben an Christus als den einzigen wahren Gott und Heiland des Menschen und der Welt suchen würde? Da wir so viele und solche Zeugnisse, so viele und solche Gründe haben und dennoch nicht unserem Herrn Christus folgen und nicht nach Seinem Evangelium leben, ist unsere Verantwortung unendlich groß, aber unendlich ist auch das Verdienst und unfaßbar die Größe der ersten Schüler Christi gerade darin, daß sie diese Zeugnisse, all diese Gründe nicht vor sich hatten, und dennoch alles hinter sich ließen und ohne Zweifel Christus folgten.
Für solchen beispiellosen Mut im Glauben belohnt der Herr Jesus Christus die heiligen Brüder Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus mit einer ungewöhnlichen Belohnung: Er gibt ihnen den Namen: Boanerges (BoanhrgeV), was bedeutet, Söhne des Donners (Mk 3,17). Und wahrhaftig sie bewahrheiteten diesen Namen mit ihrem Leben und ihrem apostolischen Dienst. Ihr ganzes Leben war ein ununterbrochenes Donnern himmlischer Botschaften Christi in dieser Welt. Besonders gilt das für den hl. Johannes, den Evangelisten und Theologen “den Schüler, den Jesus liebte”. Den einzigsten, den Jesus so liebte, daß dies in den heiligen Büchern geschrieben steht. Aus niemandes Mund spricht so stark, so kräftig, so einflußreich das Donnern der himmlischen Geheimnisse Gottes hervor, wie aus dem heiligen Mund, “des Schülers, den Jesus liebte”. Jedes seiner Worte ist Donner, jeder Gedanke Donner, jede Tat Donner, jedes Gefühl Donner. Donner auf Donner, das ist sein Evangelium, dieses angenehmste Donnern, das unaufhörlich den schwarzen Himmel der Erde durchbricht.