Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1991, 6

 

Einleitung zur Bergpredigt (4, 23- 25)

Und Jesus zog durch das ganze Galiläische Land, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Reiche und heilte alle Krankheit und alle Gebrechen im Volk.

In dieser Welt ist der Heiland wie in einem Krankenhaus; unter den Menschen lebt Er wie unter Kranken, denn alle sind krank, alle ohne Ausnahme, wenn nicht von anderen, so sicher von einer allgemein menschlichen Krankheit: der Sünde.
Schon der Beginn Seines göttlichen Wirkens zeugt davon. Der heilige Evangelist schreibt nieder: Und Jesus zog durch das ganze Galiläische Land, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Reiche und heilte alle Krankheit und alle Gebrechen im Volk - der Heiland durchläuft und durchwandert das Land der Sünde und des Todes und lehrt dabei, predigt, heilt. Er lehrt vom Gesetz des Moses, verkündigt das Evangelium, heilt von allen Krankheiten. Und zwar lehrt er in den jüdischen Versammlungen, den Synagogen, “um zu zeigen, daß Er kein Gegner des Gesetzes ist”. Die Versammlungsorte waren Gebetshäuser, in denen man das Gesetz las und erleuterte, sich mit Gebeten an Gott wandte, während die Juden nur einen Tempel hatten: in Jerusalem, wo die Bundeslade war. Der Heiland lehrt in den Synagogen, um möglichst viele Menschen anzuziehen, sagt Zigaben und damit man nicht sage, daß Er um Sich nur einfache Fischer versammelte und belehrte, aber keinen Mut habe, dies unter den gelehrten Kennern des Gesetzes in den Synagogen zu tun.
In Galiläa, wo das Dunkel der Sünde und der Schatten des Todes herrschen, predigt der Heiland das Evangelium des Reiches. Welches Reiches? - “Des Reiches Gottes” (Mk. 1, 14). Und weiter ? Des Himmelreiches, von dem Er kürzlich sagte, daß es nahe sei (Mt. 4, 17), und jetzt ist es schon da “das Evangelium des Reiches Gottes”, - das heißt? Hier ist Gott Selbst der König, und alle Seine Vollkommenheiten: Ewige Wahrheit, Ewige Gerechtigkeit, Ewige Liebe, Ewige Güte, Ewige Weisheit, Ewiges Leben. All das herrscht im Evanglium Christi . Es ist auch das Evangelium des Himmelreiches, denn in ihm ist der ganze Himmel anwesend, und die Himmel über den Himmeln, mit all ihren ewigen Werten und paradiesischen Freuden.
Es wurde gesagt, daß der Herr Christus das Evangelium predigte und nicht irgendeine Lehre oder irgendeine Wissenschaft, oder irgendein Gesetz, oder irgendeine Vision. Was bedeutet “Evangelium”? Evangelium ist ein griechisches Wort euaggelion, und bedeutet: Frohbotschaft, gute, frohe Nachricht. Was stellt die gute Botschaft dar? - Der Gottmensch Selbst, der Herr Christus und alles, was Er als Gott der Welt bringt und gibt. Man kann mutig sagen: der Herr Christus ist das Evangelium, und das Evangelium ist der Herr Christus. Der Beweis? - Der Heiland identifiziert Sich Selbst mit Seinem Evangelium (Mk. 10, 29). Analysiert man diese Wahrheit, so lautet sie: die Frohbotschaft ist die Wahrheit, die der Herr Christus der Welt gebracht hat; die Frohbotschaft ist die Liebe, die Er der Welt gezeigt hat; die Frohbotschaft ist Seine Gerechtigkeit, Seine Güte, Seine Weisheit, Seine Barmherzigkeit, Seine Schönheit; die Frohbotschaft ist Seine Geburt, Seine Taufe, Seine Verklärung, Sein Tod, Seine Auferstehung, Seine Himmelfahrt; die Frohbotschaft ist jedes Seiner Worte, jeder Seiner Gedanken, jedes Seiner Gebete, jeder Seiner Atemzüge; die Frohbotschaft ist alles, was Sein ist: vom Geringsten bis zum Größten, vom Unsichtbarsten bis zum Offenkundigsten. Durch alle diese guten Botschaften besiegte Er, der Allbarmherzige, die Sünde, den Tod und den Teufel, und gab uns das ewige Leben und die ewige Seligkeit. Dadurch wurde Er als Erster und blieb für immer - die Einzige Frohbotschaft für alle menschlichen Wesen in dieser bitteren und traurigen Welt, bitter und traurig von der Sünde, dem Tod und dem Teufel. Deswegen wird Seine Frohbotschaft, Sein Evangelium auch als Evangelium Christi bezeichnet (Röm. 1, 16; 15, 19. 29; 1 Kor. 9, 12. 18; 2 Kor. 2, 12; 9, 13; 10, 14; Gal. 1, 7; Phil. 1, 27; 1 Thes. 3, 2; 2 Thes. 1, 8; 2 Tim. 1, 8), als Evangelium Gottes (Röm. 1, 1,; 15, 16; 2 Kor. 11, 7; 1 Thes. 2, 2. 8. 9; 1 Petr. 4, 17), als Evangelium des Sohnes Gottes (Röm 1, 9), als Evangelium der Rettung (Ephes. 1, 13); und weiter - als ewiges Evanglium (Offenb. 14, 6).
Was bedeutet diese Frohbotschaft, dieses Evangelium tatsächlich? Eben das: es heilt alle Krankheit und alle Gebrechen im Volk. Seine Predigt über das Reich Gottes verkündet der Herr Jesus mit göttlichen Werken; Seine Worte bekräftigt Er durch Wunder. Indem Er alle Krankheit und alle Gebrechen im Volk heilt, bestätigt Er die Anfangsworte Seiner Predigt und zeigt, daß das Himmelreich nicht nur nahegekommen ist, sondern daß es hier auf der Erde unter den Menschen ist. Es gibt keine Krankheit der menschlichen Seele oder des Leibes, welche der Göttliche Artzt nicht heilt. Seine Göttliche Kraft verdrängt und verjagt aus dem Menschen jede Krankheit und jede Schwäche und mit ihnen und durch sie auch all das, was die Hölle des mesnchlichen Lebens auf der Erde ausmacht: die Sünden, den Tod, die Teufel. Indem Er die Folgen der Sünde: Krankheiten und Schwächen verdrängt, verjagt der göttliche Frohbotschafter mittelbar auch ihre Ursachen selbst: die Sünden. Sünden und Krankheiten sind Zwillinge, die zusammen entstehen, zusammen aber auch verschwinden. Die Sünde, die durch Krankheiten reift, gebiert den Tod. Wer über die Krankheiten Gewalt hat, zeigt dadurch, daß er auch über die Sünden Macht hat. Die Sünden sind Krankheiten der Seele, und die Krankheiten des Körpers sind nur sichtbare Erscheinungsformen der allgemeinen Sündhaftigkeit der menschlichen Natur. Der göttliche Artzt, der Herr Christus, heilt allmächtig die Menschen sowohl von unsichtbaren Krankheiten der Seele: den Sünden, als auch von den sichtbaren Krankheiten des Körpers.
Und die Kunde von Ihm erscholl durch ganz Syrienland. Und sie brachten zu Ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Plagen behaftet, die Besessenen, Mondsüchtigen und die Gichtbrüchigen. Und Er machte sie gesund.
Die Nachricht über Christus, den Heiler und Wundertäter verbreitete sich aus Galiläa über das ganze Syrien. Und von hier bringt man zu Ihm alle Kranken, die an den verschiedensten Krankheiten leiden, und Er heilt sie alle, alle ohne Unterschied. Das zeigt, daß Seine Menschenliebe keine Grenzen kennt. Indem Er die Menschen von physischen Krankheiten ohne Unterschied heilt, zeigt der Göttliche Arzt, daß Er bereit ist und dazu Kraft und Macht besitzt, auch alle geistlichen Krankheiten ohne Unterschied zu heilen. Er heilt zunächst die physischen Krankheiten, damit die Menschen nicht an der Heilung der geistlichen Krankheiten zweifeln. Indem Er jede physische Krankheit heilt, bereitet Er die Menschen auf die Heilung von jeglicher geistlicher Krankheit vor. Denn Er ist gekommen, um den ganzen Menschen zu heilen und zu retten, nicht nur den Leib oder nur die Seele, sondern sowohl das eine als auch das andere. Indem Er jegliche körperliche Krankheit heilt, zeigt Er, daß Er der Arzt des menschlichen Körpers ist, und durch Seine Bergpredigt zeigt Er, daß Er der Arzt auch der menschlichen Seele ist.
Jedesmal, sagt der hl. Chrysostomos, wenn etwas Besonderes und Ungewöhnliches geschieht, oder wenn eine neue Art von Lebensweise eingeführt wird, gewährt Gott gewöhnlich Zeichen, tut Wunder, gleichsam wie ein Unterpfand Seiner Macht für jene, welche Seine Gesetze annehmen sollen. So schafft Er in der Absicht, den Menschen zu schaffen, zunächst die Welt und danach erst gibt Er ihm im Paradies das Gesetz zu verstehen. So auch jetzt, in der Absicht, den Menschen erhabenere Lebensregeln zu geben und ihnen das vorzutragen, was sie niemals gehört haben, untermauert Er Seine Worte durch Wunder. Da das Reich, das Er ihnen verkündet, nicht sichtbar ist, macht Er ihnen mit Hilfe sichtbarer Zeichen auch das Unsichtbare sichtbar. Der Evangelist ist kurz, Er spricht nicht von jeder Heilung einzeln, sondern erwähnt in einigen Worten eine Vielzahl von Zeichen: Man brachte zu Ihm, sagt er, alle Kranken.... Doch es fragt sich: Warum forderte Christus nicht von einem einzigen Geheilten den Glauben? Warum sagte Er ihnen nicht das, was Er später sagte: Glaubt ihr, daß Ich das tun kann? (Mt 9,29). Weil Er damals noch keine Beweise Seiner Macht geliefert hatte. Im übrigen beweist ihren nicht geringen Glauben auch die Tatsache, daß sie zu Ihm kamen und die Kranken brachten. Hätten sie nicht großen Glauben an Ihn, so wären sie nicht von weither zu Ihm gekommen. Laßt auch uns Christus nachfolgen. Wir haben viele geistliche Krankheiten und diese Krankheiten wünscht Er vollkommen zu heilen. Eben deshalb heilt Er die körperlichen Krankheiten, damit Er auch die geistlichen heilen kann (Sermo 14, 3, C 220, S. 144-5).

Mt 4,25: “Es folgte ihm viel Volk aus Galiläa und dem Gebiet der Zehnstädte, aus Jerusalem, Judäa und Ostjordanien.”
Der göttliche Wundertäter versammelt um sich Menschen verschiedenartigster Gefühle, verschiedenartigster Ansichten, verschiedenartigster Ausrichtung. Alle sie vereint Er durch Seine Güte und Barmherzigkeit. Zu Ihm und vor Ihm werden sie einig in ihren Gefühlen, in ihren Ansichten, in ihrem Verständnis. Ein Durst quält ihre Seelen, ein Hunger ihre Herzen: Sowohl denen aus Galiläa, als auch denen aus Jerusalem, denen aus Judäa und denen von jenseits des Jordan und denen von Dekapolis (Zehnstädte, auf griech. Dekapolis, befanden sich jenseits des Jordans, nordöstlich von Palästina. Größtenteils waren sie von Griechen und Syrern besiedelt. Diese Städte stellten eine Union dar, befanden sich unter der unmittelbaren Verwaltung der Römer und genossen besondere Privilegien). Um diesen Durst zu löschen, diesen Hunger zu lindern, legte der göttliche Frohebotschafter ihnen seine Lehre in der Bergpredigt vor.
Kap. 5, 6 und 7
Die Bergpredigt - Die Frohe Botschaft über das neue Leben

Jegliche Tugend des Evangeliums ist im Gottmenschen eine lebendige und unsterbliche Kraft. Sie alle haben in Ihm ihre Unsterblichkeit und ihr ewiges Leben. Er ist ihre vollkommene und unsterbliche Verkörperung. Wenn es Liebe ist - in wem ist sie so vollkommen, so unsterblich, so wirksam, so lebenspendend, so wundertätig wie in Ihm? Wenn es Güte ist - das gleiche; wenn es Wahrheit ist - das gleiche. So alle nacheinander. Sie stellen Sein Wesen dar, deshalb erscheinen sie ununterbrochen durch alles, was Sein ist: durch Seine Gedanken, Seine Gefühle, durch Seine Werke, Seine Wunder und durch Seine Worte. Die Wunder, die Er vor der Bergpredigt wirkt, sind nur Vorläufer der göttlichen Tugenden, von denen Er in der Bergpredigt spricht. Vorläufer, welche den Weg für die heiligen Tugenden im Herzen der Menschen vorbereiten sollen und die Pfade in die menschliche Seele ebnen sollen. Die heiligen Tugenden sind göttlich vollkommene und göttlich allmächtige Arzneien, welche von allen geistlichen Krankheiten und Schwächen heilen. Doch der Göttliche Arzt drängt sie niemandem auf, sondern bietet sie jedem an. Wer sie in sein Herz und seine Seele aufnimmt, nimmt unsterbliche göttliche Kräfte auf, welche ihn nicht nur von allen Krankheiten und Schwächen heilen, sondern ihn auch in ein unsterbliches und ewiges Wesen verwandeln. Und so ermöglichen sie es ihm, den einzig Unsterblichen und einzig Ewigen aufzunehmen: den Herrn Christus. Und das ist das einzige, was der Mensch braucht, immer braucht, sowohl in dieser als auch in jener Welt, sowohl in diesem wie auch in jenem Leben. Und noch etwas: Das ist dasjenige, was im Menschen weder die Sünde verderben, noch der Tod zerstören, noch der Teufel stehlen kann.
Darin liegt die wichtigste Frohbotschaft der Bergpredigt. Mit Hilfe der göttlichen Tugenden sich von Gott erfüllen zu lassen und vom Herrn Christus, durch Ihn und um Seinetwillen zu leben, sowohl in dieser als auch in jener Welt, und auf diese Weise die göttliche Vollkommenheit zu erlangen, das ist das einzige wahre Ziel der Entstehung des Menschen und der menschlichen Existenz. Das ist die Frohbotschaft vom neuen Leben, vom neuen Menschen, von neuen Werten. In der Tat ist die Bergpredigt die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit. Und der schicksalhafteste Umbruch in allen menschlichen Welten: in der Welt der Ideen, und in der Welt der Gefühle und in der Welt der Tätigkeit. Durch sie ist die Veränderung aller Werte vollzogen worden. Doch das ist nicht alles. Durch sie sind der Menschheit nicht nur neue, unsterbliche Werte gegeben, sondern auch neue unfehlbare Maße für alles und alle in allen Welten. Darin liegt die ungewöhnliche, unwiederholbare und wahrhaftig göttliche Neuigkeit der neutestamentlichen Frohen Botschaft. Alles andere ist im Vergleich dazu nur eine traurige und tragische bittere Botschaft.