Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1992, 3

 

“Selig sind die Weinenden, denn sie werden getröstet werden”.
Das ist die zweite himmlische Wahrheit und in ihr die zweite himmlische Seligkeit, welche die Menschen Christi auf der Erde erleben. Das Weinen die Seligkeit? Das ist ein Paradox, oder? Ja ein Paradox. Aber ein Paradox, welches die Menschen erfahren, und seine Realität kann nicht angezweifelt werden. Dieses Paradox stellt das zweite geistliche Wunder dar, welches unser Herr Jesus Christus in den Seelen seiner Nachfolger vollbringt. Und es ist, von außen betrachtet, sowohl logisch als auch natürlich in seiner unverbindlichen Logik und unbezweifelbaren Natürlichkeit.
Selig sind diejenigen, die weinen - aber nicht alle. Denn es gibt verschiedene Arten des Weinens, doch sie können alle auf zwei Arten gebracht werden: eines ist das Weinen nach dem Evangelium, rettungbringend, das andere das vergebliche Weinen, tödlich. Jedes Weinen, das von etwas aus dem Evangelium hervorgerufen wird, führt zu Gott und dem Göttlichen, ist rettungbringend, ist dem Evangelium gemäß, ist selig; doch jedes Weinen, das von etwas nicht Evangelischem hervorgerufen wird, entfernt von Gott und dem Göttlichen, ist vergeblich, tödlich, bitter. Selig ist alles und jedes Weinen, das, auf welche Weise auch immer, den Menschen in geistliche Verbindung mit dem einzig Seligen bringt: dem Herrn Christus; und bitter ist jedes Weinen, welches auf welche Weise auch immer, den Menschen von dem einzig Seligen entfernt, denn es stellt eine ganze Verfluchung für die menschliche Natur dar. “Es weint die ohnmächtige Boshaftigkeit”, sagt der große gottgefällige Heilige unseres Jahrhunderts, der hl. Johannes von Kronstadt; es weint der erniedrigte Stolz; es weint die unzufriedene Geschöpflichkeit; es weint die verletzte Eigenliebe, und - gibt es etwa wenige eitle Tränen? Aber, das sind sündige Tränen, nutzlose Tränen, Tränen, die äußerst tödlich sind für jene, die sie vergießen, denn sie bringen den Tod der Seele hervor (“Mein Leben in Christus”, auf russ. Moskau, 1894).
Selig sind diejenigen, die wegen ihrer Sünden weinen, denn ihre reuige Stimmung führt zu Jenem, Der allein die Macht und die Kraft und die Liebe besitzt, den Reuigen zu vergeben. Selig ist jene “Trauer um Gottes willen”, welche zur Buße führt, und in der Buße zur Rettung; “Doch die Trauer dieser Welt führt zum Tod” (2. Kor 7,9). Wenn sich Demut durch die Seele ergießt, dann wird der Mensch ganz geistlich sehend und erkennt all seine Sünden. Dann beugt sich sein ganzes Wesen in Trauer und weint auf, und er vergießt Tränen über sich selbst vor dem gütigen Tröster in zu Gott strebender Erregung. Und Er, der Allbarmherzige und Allerbarmende, ergießt gütig Seinen göttlichen Trost über die reumütige, weinende Seele und mit Ihm und durch Ihn auch unendliche Seligkeit.
Selig sind die, die sowohl für ihre eigenen als auch für fremde Sünden weinen. Doch diejenigen, die weder für die eigenen, noch für fremde Sünden weinen, sind sie etwa Menschen? Auf sie beziehen sich jene bitteren Worte aus dem Munde des Allgütigen: “Wehe euch, die ihr jetzt lacht!” (Lk. 6,25). Denn ihr lacht auf dem Grab. Die Erde ist ein riesiger Friedhof. Auf ihr ist nicht nur Grab über Grab, sondern auch Grab auf Grab und wer weiß, wie weit das in die Tiefe geht, in die schwarze Tiefe? Ist etwa Gelächter angebracht, wenn jeden Moment Hunderte und Hunderte von menschlichen Wesen auf diesem unserem Planeten sterben? Und der Mensch, jeder Mensch, hat zahllose Gründe, nicht nur zu weinen, sondern aus voller Stimme zu schreien über das Menschengeschlecht und über sich selbst als Mensch wegen der furchtbaren und unzähligen Sünden der Menschheit, welche unsere irdische Welt verwüsten. Denkt nur daran, wieviele Verbrechen jede Minute auf der Welt geschehen! Und wieviel Beleidigungen, wieviel Schamlosigkeiten, wieviel Uneinigkeiten, wieviel Neid, wieviel Bosheit, wieviel Versuchungen, wieviel böser Gedanken, wieviel böse Gefühle, wieviel abschätziger Worte, wieviel eigenwillige Wünsche - ertränken unsere irdische Welt in einer Minute, umso mehr in einer Stunde oder in einem Tag oder in einem Jahr - oder in Tausenden und Tausenden von Jahren! Jetzt gibt es um die 3 Milliarden Menschen auf der Erde. Wenn nur je ein böser Gedanke aus jedem menschlichen Herzen hervorkommt, so bedeutet das 3 Milliarden böser Gedanken an einem Tag! Und wieviele Tage braucht ein Mensch, nur um sie zu zählen und nebeneinander aufzureihen? Wenn ein Mensch Tausende und aber Tausende von Augen hätte und alle über die menschlichen Sünden weinen würden, so wäre doch dies unendlich wenig, als daß der Mensch sich und seine Mitbrüder, die Menschen, beweinen könnte: alle Menschen aller Farben, aller Rassen, aller Kulturen, aller Glaubensgemeinschaften. Ja, hier ist die Gabe der Tränen vonnöten, diese heilige Gabe der Tränen, die der Herr Seinen Auserwählten schenkt: den Heiligen und Gerechten. Und er gibt sie, damit die Heiligen in Mitgefühl und Barmherzigkeit für jene vielzähligen Menschen weinen, die niemals über sich weinen, Reue tun für diejenigen, die nicht bereuen, beten für diejenigen, die nicht beten, lieben für diejenigen, die nicht lieben. Selig sind diejenigen, die für mehr Güte in den Menschen und unter den Menschen weinen, denn davon gibt es wenige; diejenigen, die um mehr Liebe weinen, denn jener sind wenige. Die um mehr Gerechtigkeit weinen, denn ihrer gibt es wenig. Selig sind diejenigen, die um mehr Wahrheit weinen, um mehr Gebet, um mehr Fasten, um mehr Freude, um mehr Barmherzigkeit in und unter den Menschen. Selig sind diejenigen, die um mehr Licht weinen, um mehr Unsterblichkeit, um mehr Ewigkeit, um mehr Engel, um mehr Gott und alles Göttliche in den Menschen und unter den Menschen. Selig sind sie, denn während sie weinen, ergießt der gütige Tröster, der Heilige Geist, der Geist der Wahrheit, der Geist der Gerechtigkeit, der Geist der Liebe, der Freude, der Geist der Unsterblichkeit, der Geist der Ewigkeit, der Geist des Lichtes unsichtbar Licht und Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe und Unsterblichkeit und Ewigkeit über ihren weichen und verweinten Seelen aus.
Selig ist der Mensch, der während des Gebetes an die Allerheiligste Gottesmutter vor freudiger Rührung darüber weint, daß es sie gibt - die wunderbare Fürsprecherin für das gesamte Menschengeschlecht und allbarmherzige Helferin in jeglicher Not und Übel. Selig ist der Mensch, der vor freudiger Rührung weint, daß es einen solchen wunderbaren menschenliebenden, so allbarmherzigen Heiland, wie unseren Herrn Jesus Christus gibt. Selig ist der Mensch, der vor Freude darüber weint, daß er um sich tausende und tausende heiliger Zeugen der Frohbotschaft Christi hat, die ihn alle lehren und ihm helfen in seinem Schreiten, in seiner Nachfolge nach dem Herrn Jesus Christus. Selig ist der Mensch, der vor Freude darüber weint, daß es viele Menschen gibt, die nach den Geboten des Evangeliums leben, und daß es viele geheime Dinge des Evangeliums gibt, viele Taten des Evangeliums, Stimmungen des Evangeliums. Selig ist der Mensch, der vor Dankbarkeit im Gebet weint, darüber, daß der wunderbare Gottmensch die Kirche aus Engeln und Menschen geschaffen hat und sie vermischt hat, damit sie zusammen wie Brüder und Mitbrüder leben. Selig ist der Mensch, der vor Rührung vor der Demut, der Barmherzigkeit, der Menschenliebe, dem Leiden, der Geduld des sanftmütigen Herrn Jesus Christus weint. Selig ist der Mensch, der im Gebet weint, weil er von den Leiden eines Märtyrers oder der Askese eines Heiligen gerührt ist. Überhaupt selig der Mensch, jeder Mensch, der vor welcher heiligen biblischen oder göttlichen Sache auch immer weint.
Alle diese Tränen sind in der Tat gesegnete Tränen, selige Tränen, Tränen der Freude. All sie durchläuft, durchdringt und überdeckt jene heilige, jene göttliche Freude, über die uns der christustragende Apostel befiehlt, daß wir sie immer haben sollen: Freut euch immer im Herrn, und wiederum sage ich: freut euch! (Phil 4,4). Warum? Weil der Herr auferstanden ist - und den Tod besiegt hat, auferstanden ist - und die Sünde verziehen, auferstanden ist - und den Teufel besiegt hat, auferstanden ist - und uns das ewige Leben geschenkt hat, auferstanden ist - und uns die Krönung von allem geschickt hat: den Heiligen Geist, den gütigen Tröster. Und mit Ihm hat er in unsere Seelen ausgegossen: die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, ewige Liebe, ewige Barmherzigkeit, ewigen Trost. Das tröstet uns alle in unserem Weinen, in unserem Kummer, in unserem Leiden für Christus; das verwandelt auch unsere Tränen in freudebringende Tränen und unser Weinen in Seligkeit. Sollen wir uns etwa nicht freuen, immer freuen; sollen wir etwa nicht weinen, vor Freude weinen - darüber, daß ein so wunderbares, so bezauberndes, so liebes, so allbarmherziges, so zartes, so allmächtiges Geschöpf, wie unser Herr Jesus Christus, in unsere traurige, unsere sündige, unsere grausame irdische Welt kam? Ja, nicht nur kam, sondern auch hier blieb, mit uns, unter uns, indem Er uns stets alles gibt, was Ihm gehört: alles Göttliche, alles Unsterbliche, alles Selige. Müssen wir um all dessetwillen nicht immer selig sein in allen Tränen, in allem Kummer, in allem Leiden für Ihn - selig?
Die Bergpredigt, sagt der Hl. Chrysostomos, legt der Herr Christus nicht in Form von Belehrungen oder Anordnungen dar, sondern in Form der Seligpreisungen, wodurch Er Seine Predigt für alle anziehend macht. Er sagte nicht: Dieser oder jener ist selig, sondern - alle, die so verfahren, sind selig und sei es ein Knecht, ein Armer, ein Bettler, ein Erbärmlicher, ein Ungebildeter, nichts von alledem hindert daran, selig zu sein, wenn man die entsprechende Tugend besitzt. Indem Er von dem ausgeht, von dem man in erster Linie anfangen mußte, geht der Heiland zum nächsten Gebot über, welches sich, wie es scheint, in Übereinstimmung mit den Gedankengängen der ganzen Welt befindet. Denn während sich alle jene für selig halten, die sich freuen, aber für unglücklich jene, die trauern, die wehklagen und weinen, währenddessen, nennt Er jene anderen selig, indem Er sagt, selig sind die da weinen, obwohl diese von allen für unglücklich gehalten werden. Aber Christus wirkte dafür Wunder, damit die Menschen, auch wenn Er solche Regeln vorschreibt, mehr Zutrauen zu Ihm haben. Und hier versteht Er nicht nur jene, die weinen, sondern jene, die ihre Sünden beweinen, denn es gibt ein anderes Weinen, das überhaupt nicht zulässig ist - das Weinen um weltliche Dinge. Darauf verweist auch der Apostel Paulus, wenn er sagt: “Denn die Betrübnis, wie sie Gott will, wirkt eine Buße zum Heil, die man nicht bereuen muß, die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod” (2 Kor 7,10). Menschen mit einer solchen Trauer nennt Christus hier eben Selige; und zwar nicht nur Menschen, die trauern, sondern Menschen, die sehr trauern. Daher sagte Er auch nicht: Selig sind die Trauendern, sondern: Selig sind die Weinenden. Wahrhaftig, auch dieses Gebot lehrt uns jegliche Frömmigkeit. In der Tat, wenn der Mensch, der den Tod von Kindern, Frau oder eines Verwandten beweint, in der Zeit seiner Trauer sich nicht der Liebe gegenüber dem Reichtum und dem Körper hingibt, noch der Ruhmsucht, sich nicht über Beleidigungen erzürnt, nicht neidisch ist, oder sich irgendeiner anderen Leidenschaft hingibt, sondern vollkommen von der Trauer erfaßt ist, werden dann nicht diejenigen, die, wie es sich gehört, ihre Sünden beweinen, ihre Leidenschaftslosigkeit gegenüber all diesem viel mehr zeigen? Denn sie werden getröstet werden, sagt der Heiland. Sag mir, wo sie getröstet werden? Sowohl hier, als auch dort. Da dieses Gebot zu schwer und quälend ist, verspricht Er das, was es am meisten erleichtern kann. Wenn du also Trost haben willst - so weine! Und meine nicht, daß diese Worte einen übertragenen Sinn haben. Wirklich, wenn Gott tröstet, wenn den Menschen auch tausend Unglücke träfen, so wird er doch alle meistern, denn Gott belohnt die Mühe immer in Fülle. Das tat Er auch hier, als Er sagte, daß die Weinenden selig sind, - nicht daß das Weinen dessen würdig wäre, sondern nach Seiner Menschenliebe (d.h. die Belohnung ist nicht gemäß der Wichtigkeit der Angelegenheit versprochen, sondern gemäß Seiner Liebe zu den Menschen). Diejenigen, die weinen, beweinen ihre Sünden und für sie wäre es tatsächlich genug, daß sie Verzeihung und Rechtfertigung erlangten. Aber da der Herr Christus sehr menschenliebend ist, beschränkt Er Seinen Lohn nicht auf die Verzeihung der Strafe und das Erlassen der Sünden, sondern macht solche Menschen noch zu Seligen und gibt ihnen großen Trost. Und Er befieht uns nicht nur für unsere Sünden zu weinen, sondern auch für die Sünden anderer. So handelten die Heiligen, wie Moses, Paulus, David; sie alle beweinten häufig fremde Sünden. Sermo 15,2-3, c. 225 - 6; S. 151-2.
In erster Linie, sagt der Hl. Gregor von Nyssa, kann man das Weinen für die Sünden und Verfehlungen als selig anerkennen. Denn wahrhaftig, ist dieser Zustand der Seele nicht der Seligkeit unwürdig, wenn sie, im Bösen versunken, dennoch ihr lasterhaftes Leben beweint. ( hl. Gregor von Nyssa, Sermo 3, S. 388.)
Aber jenes Wort des Heilands über die Seligkeit der Weinenden hat einen tieferen Sinn. Denn wiese es nur auf die Reue für die Sünden hin, so wäre es folgerichtiger, jene als selig zu bezeichnen, die weinten, nicht aber jene, die immer weinen. Bedienen wir uns eines Vergleichs: Wir bezeichnen als glücklich jene Kranken, die von ihrer Krankheit geheilt sind, nicht aber jene, die dauernd geheilt werden, denn das zeigt, daß sie von einer unheilbaren Krankheit befallen sind. Aber es besteht auch ein anderer Grund, aus dem heraus man nicht meinen sollte, daß dieses Wort des Heilands sich nur auf jene bezieht, die ihre Sünden beweinen. Denn es gibt viele Menschen, die ein untadeliges Leben verbracht haben und nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift selbst sich durch alle guten Werke ausgezeichnet haben. Gibt es etwa bei Johannes dem Vorläufer die Liebe zum Besitz? Gibt es etwa beim Propheten Elias den Götzendienst? Welche kleine oder große Sünde ist aus ihrem Leben der Geschichte bekannt? Was nun? Setzt das Wort des Heilands etwa voraus, daß jene außerhalb der Seligkeit sind, die des reumütigen Weinens nicht bedurften? Wäre es nicht böse, anzunehmen, daß solche Menschen der göttlichen Seligkeit verlustig wären, weil sie nicht sündigten und ihre Sünden durch Weinen heilten? Oder in diesem Fall, wäre es nicht besser, zu sündigen, als sündlos zu beten, wenn nur den Reumütigen die Gnade des Trösters anheimgegeben ist? Denn es ist gesagt: Selig sind die Weinenden, denn sie werden getröstet werden. (ibid. S.390-1.)
Der Hl. Gregor sagt, indem er seinen Gedanken fortführt: Es scheint mir, daß das Wort des Heilands nicht den Kummer als selig bezeichnet, sondern das Bewußtsein des Guten, um dessentwillen der Mensch trauert, da es im Leben nicht besteht. (ibid. S. 393.
Dieses Gut aber, das Gute war dem Menschen durch seine gottähnliche Seele gegeben. Wir Menschen waren Teilhaber jenes göttlichen Guten. Und das, was wir jetzt wie in einem Rätsel über dieses Gute uns vorstellen, all das hatte der Mensch: Unverweslichkeit und Seligkeit, Selbstbeherrschung und Selbständigkeit, das Leben ohne Trauer und Sorgen, die Beschäftigung mit dem Göttlichen. Die Bibel bezeugt das, indem sie sagt, daß der Mensch, der nach dem Antlitz Gottes geschaffen wurde, im Paradies lebte, und sich der Früchte der dortigen Bäume erfreute; die Früchte aber dieser Bäume sind Leben, Wissen und ähnliche Dinge. Da wir das einstmals alles besaßen, wie sollen wir dann heute angesichts unserer Armut nicht aufschreien, wenn wir sie mit der damaligen Seligkeit vergleichen? Alles Erhabene wurde erniedrigt; das was nach dem Antlitz des Himmlischen geschaffen wurde, wurde verirdischt; das zum Herrschen Bestimmte wurde Sklave; das zur Unsterblichkeit Geschaffene wurde vom Tod verwest; das was im Paradies Genuß erfuhr, siedelte in das Land der Krankheit und Schmerzen über; das was in Leidenschaftslosigkeit gepflegt wurde, wurde ersetzt durch ein leidenschaftliches und kurzzeitiges Leben; das was selbständig und frei war, befindet sich jetzt unter der Herrschaft so großer und zahlreicher Übel, daß es unmöglich ist, unsere Verfolger zu zählen. Denn jede Leidenschaft in uns wird zu unserem Beherrscher in dem Moment, in dem sie überhandnimmt, und benutzt unsere Gedanken als ihre Diener. So etwa die Erregung, Zorn, Angst, Furcht, Dreistigkeit, der Zustand der Traurigkeit oder Zufriedenheit, Haß, Streit, Unmenschlichkeit, Hartherzigkeit, Neid, Liebedienerei, nachtragendes Gedächtnis des Bösen, Gefühllosigkeit und alle Leidenschaften, die gegen uns wirken, bilden die Liste unserer Verfolger und Beherrscher, die unsere Seele wie einen Sklaven ihrer Macht unterwerfen. Wenn jemand gar auch noch die Übel aufzählen wollte, die unseren Körper heimsuchen, die eng mit unserer Natur verbunden sind, und untrennbar mit ihr zusammenhängen - ich denke an verschiedene und verschiedenartige Krankheiten, an denen die Menschheit ursprünglich nicht litt, - dann werden wir unvergleichlich mehr Tränen vergießen, wenn wir sehen, welche Übel den Platz unserer einstmaligen Güter eingenommen haben. Daher scheint es, lehrt Derjenige, der das Weinen selig macht, unsere Seele, daß sie ihren Blick auf das wahre Gute wendet, und nicht in die jetzige Versuchung dieses Lebens herabblickt. Denn der Mensch, der all das eifrig betrachtet, kann unmöglich ohne Tränen leben. ( ibid. S. 395-7.)
Warum sind diejenigen selig, die jetzt weinen? Weil sie in alle Ewigkeit getröstet werden. Und der Trost wird für sie in der Gemeinschaft mit dem Tröster bestehen, denn die Gabe des Trostes ist die eigene Wirksamkeit des Heiligen Geistes. ( ibid. S. 400.)
Auf geheimnisvolle Weise nimmt der gütige Tröster an all unseren Gott zugewandten Gebeten teil, an all unseren Christus zustrebenden Seufzern, an all unseren zum Himmel gewandten Bitten (vgl. Röm 8,26), und ergießt durch unser ganzes Wesen eine unaussprechliche milde Liebe und Seligkeit, welche alleTode in allen Welten besiegt (vgl. Röm 5,5; Off 21,4).