Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evangelium nach Matthäus



 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1992, 6

 

In der Tat, unser Herr Jesus Christus ist ein lebendiges, laufendes Evangelium der Sanftmut, bis die Sanftmut als göttliche und menschliche Tugend zu ihrer ewigen Frohbotschaft und seligen Ewigkeit gelangt. Deshalb stellt alles, was Ihm gehört, auch das Gesetz der Sanftmut dar. Mit allen Menschen, von den heftigsten Feinden bis zu seinen liebsten Schülern, verfährt Er nach den Gesetzen gottmenschlicher Sanftmut. Erinnern wir uns nur an sein Verhalten gegenüber dem unglücklichen Judas von Ischariot. Was hat Er nur nicht getan, um diesen von seiner gottestötenden und seelentötenden Absicht abzubringen! Obwohl Er von Anfang an wußte, daß dieser Ihn verraten würde, gab der Herr ihm dennoch alle göttlichen Gaben, genauso wie den anderen Aposteln: auch er hat Kranke geheilt, Aussätzige gereinigt, hat Teufel ausgetrieben und Tote auferweckt. Und außerdem hat er zusammen mit den übrigen Aposteln stets den Herrn begleitet, war bei all Seinen Werken zugegen, bei den Wundern, den Predigten. Und selbst bei dem heiligen Abendmahl war er zugegen! Oh, das ist noch wenig! Selbst ihm wusch der sanftmütige Herr auch noch die Füße! Gibt es etwa größere Sanftmut als diese? Ja, hier sehen wir beispiellose Sanftmut und abermals Sanftmut! Mit Recht, mit vollem Recht, nennen die beiden heiligen Johannesse: der Vorläufer und der Evangelist, den allsanftmütigen Herrn Jesus das Lamm Gottes.
Doch mehr noch: Wer von den Menschen würde nicht vor Zorn über das gesamte Menschengeschlecht wegen seiner furchtbaren Gesetzlosigkeiten und Sünden und Laster brüllen? Doch siehe, Er kommt als Lamm - unter Wölfe, die von Sünden und Bösem verwildert sind. Und was tut Er nicht alles und dabei immer sanft und demütig, um uns von allen Sünden und allem Bösen zu erlösen! Ja, ja, nach allem - ist Er nicht nur der Gott der Liebe, sondern auch der Gott der Sanftmut. Und Er, der Sanftmütige, ist Er nicht unter den Menschen wie unter Tieren und auf der Erde wie in einem Käfig? Ist nicht jede menschliche Leidenschaft schlimmer als jegliches Tier, denn immer lehnen sie sich gegen Ihn, den Leidenschaftslosen auf. Ist nicht jede unserer Sünden schlimmer als ein Tier, das sich blutrünstig aufbäumt gegen Ihn - den Sündlosen? Und unser Haß und unsere Bosheit und unser Tod sind sie nicht wilde Tiere, die sich ständig gegen Ihn auflehnen - den All-Liebenden, den All-Guten, den Unsterblichen? Die menschliche Natur kann nicht friedlich das Böse in sich ertragen: Sie verwildert entweder davon oder sie verliert den Verstand. Ist etwa das Böse nicht eine Verwilderung der Seele? Denn es fällt an, es frißt, es zerstört wie ein Tier. Und das Böse, die Erinnerung an das Böse, die Schadenfreude, der Neid, der Haß, der Zorn, sind das alles nicht etwa wilde Tiere in unserer Seele, welche zunächst uns zerreißen und dann die Menschen um uns? Zorn, ist der Zorn nicht das Irrenhaus der Seele? Und die Raserei, die Wollust, die Geldgier, die Machtgier, die Ruhmsucht, das Streben nach Sinnengelüsten - ist das nicht ein ganzer Haufen von Irrenhäusern in unserer menschlichen Seele? Und unter uns, die wir verroht und verwildert sind, von verschiedenen Sünden und Leidenschaften erscheint Er, das Lamm Gottes, stets sanftmütig und immer demütig.
Die selige Sanftmut kann der Mensch nur erreichen, wenn er alles tut, damit der sanftmütige Herr Jesus seine Seele beherrsche. Und vor allem, wenn er seine Seele mit Demut erfüllt. Wenn die Seele von Demut erfüllt wird, dann erscheint auch die Sanftmut, ihre geistliche Schwester. Sie beide schaffen im Menschen das Gefühl und das Bewußtsein: daß an allen Sünden und all seinen Schwächen er selbst schuld ist, und nur er und kein anderer. Daher, wer zürnt, der zürnt gegen sich selbst, und gegenüber anderen ist er mit Sanftmut erfüllt. Wenn jemand sündig ist, so bedeckt er seine Sünden mit Sanftmut. Auf alles schaut er mit barmherziger Sanfmut, denn sie ist eine der wichtigsten anhaltenden Stimmungen seiner Seele geworden. Das erste ist die Grundstimmung - die Demut, das zweite - die barmherzige Trauer, und das dritte - die mildtätige Sanftmut. Für den neuen Menschen, der nach Christus geschaffen ist, ist die Sanftmut so wichtig, daß sie das Hauptmerkmal seines Rufes ausmacht, dessen eines Christen (vgl. Eph 4,1.2; Kol 3,12; 1 Tim 6,11). Er lebt nicht nur, sondern verbessert die anderen im “Geiste der Sanftmut” (Gal 6,1). Der Diener des Herrn “muß sanftmütig gegenüber allen sein, die die Unwahrheit nicht ertragen können und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen, ob ihnen etwa Gott Sinnesänderung verleihe zur Erkenntnis der Wahrheit” (2 Tim 2,24-25). Der Christ ist dazu berufen, jegliche “Sanftmut gegenüber den Menschen zu erweisen” (Tit 3,2). Unser Herr Jesus Christus ist so bekannt durch seine Sanftmut, daß der hl. Apostel die Christen bittet, die evangelischen Taten zu vollbringen “um der Sanftmut willen und der Freundlichkeit Christi” (2 Kor 10,1). Und diese Sanftmut ist eben die große Tat des Christen und die Gabe des Heiligen Geistes, welche dem Christen für seine Askese gegeben wird, und sie gehört zu jenen “geistlichen Arten”, welche der menschliche Geist nur gebiert, wenn er vom Heiligen Geist erfüllt ist (vgl. Gal 5,23). Die Sanftmut ist das Himmelsgewölbe der Seele, in welchem am besten die Wahrheit Gottes und all dessen, was Gottes ist, blüht, aufwächst, sich entwickelt und reift (vgl. Jak 1,20-21). Die Sanftmut heilt das Böse nicht mit dem Bösen, sondern besiegt das Böse durch das Gute (Röm 12,21), sie nimmt nicht Rache für sich (Röm 12,19); auf Haß antwortet sie mit Liebe, auf Böses mit Gutem, auf Verletzung mit Verzeihung. Die Sanftmut ist diejenige, die sich dem Bösen nicht mit Bösem widersetzt, sondern, wenn sie auf eine Wange geschlagen wird, die andere Wange hinhält, und wenn man ihr das Kleid nehmen will, sie das Hemd noch dazu gibt (vgl. Mt 5,39-41).
Die Seele, die in demütiger und barmherziger Sanftmut lebt, erhält ein anderes Gefühl der Welt und der Menschen in der Welt und verkehrt anders mit ihnen. Dies ist ein neues Gefühl der Welt: das Gefühl, daß Christus all jenes besiegt hat, was schlecht ist in der Welt und in den Menschen; und dies wäre: die Sünde, der Tod und der Teufel. Aber dies ist die erste Hälfte dieses neuen Gefühls, während die zweite folgendes ist: das Licht der Auferstehung ergießt sich auf alle Menschen und die ganze Welt, und sie erscheinen in völlig neuer Gestalt: in der ursprünglichen, von Gott geschaffenen Reinheit und Schönheit; und die sanftmütige Seele wird vollkommen von unaussprechlicher Freude erfüllt. Selbstverständlich gibt es im Herzen des Sanftmütigen immer Zorn auf die Sünde und das Böse, aber nicht auf die Sünder. Er liebt die Sünder, aber verurteilt ihre Sünden. Den Gipfel des Zorns nach dem Evangelium zeigt die Sanftmut gegenüber jenen, die sich bewußt und absichtlich mit ihren Sünden gleichsetzen. Dann vertreibt auch der Gott der Sanftmut mit der Peitsche die Händler aus dem Tempel. Und wenn sie zürnt, dann hat die Sanftmut nach dem Evangelium ihr gottmenschliches Maß. Es ist jenes Wort des eifrigsten Christusträgers: “Zürnt und sündigt nicht! Die Sonne mag über eurem Zorn nicht untergehen!” (Eph 4,26).
Die selige Demut und selige Sanftmut sind so groß und mächtig vor Gott, daß die eine über den Himmel herrscht und die andere über die Erde. Und die Erde der seligen Sanftmut - ist das nicht ein Teil des Himmels, ein Teil des Himmelreiches? Ohne Zweifel ist sie das. Denn die Sanftmut ist ganz vom Himmel, und alles, was sie in sich hat, ist himmlisch. Und wenn sie so riesig ist wie der Himmel, wie soll sie dann nicht die Erde umarmen und über alles auf ihr herrschen? Die ersten Boten der sanftmütigen Herrscher auf der Erde sind die Heiligen. Viele von ihnen haben mit der lammgleichen Sanftmut Wölfe zu Lämmern verändert, d.h. Menschen, die von Sünden und Leidenschaften verwildert waren, und wild wie Wölfe. Und wieviele sanftmütige Heilige Gottes gibt es, die durch ihre Sanftmut und Güte selbst wilde Tiere zur Demut brachten und sie zähmten, und diese leckten ihnen die Füße und oft dienten sie ihnen wie sanftmütige Ameisen! Die Sanftmut nach dem Evangelium ist eine Kraft, die so sehr göttlich und so gut ist, daß sie selbst Tiere mit einer außergewöhnlichen Liebe und außergewöhnlichen Barmherzigkeit erfüllt. Das ist auch kein Wunder, denn auch in ihnen gibt es jene wunderbaren Logoskräfte, durch welche alles wurde, was geworden ist (vgl. Jh 1,3) und ähnliches zieht ähnliches an. So ist auch die Erde durch diese Logoskraft ein Teil des Himmels. In der Tat, sie ist der wahre Himmel, nur wenn sie ohne Sünde ist. Die Sünde aber zieht sie in die Hölle, und so verweilt sie jetzt unter dem Himmel und über der Hölle; manchmal ist sie näher an dem Himmel, manchmal näher an der Hölle, denn die Menschen nähern sich durch ihre himmlischen Tugenden dem Himmel, aber durch ihre höllischen Sünden der Hölle. Gott-Logos kam auf sie, um sie dem Himmel zurückzubringen. Wodurch? Durch sich und seine göttlichen und himmlischen Tugenden. Sie sind eben auch die einzige allmächtige Kraft, die von der Erde alle Sünden und alle Tode verjagt, und ihr die ihr gehörige himmlische paradiesische Reinheit zurückgibt. Und in ihr - die Seligkeit.
Die Erde ist Paradies, solange sie dem Himmel dient, solange sie einen Bestandteil des Himmels ausmacht. Sowie sie sich vom Himmel abwendet, von seinen Lebensgesetzen, sagt sie sich von ihm los und irrt zwischen Himmel und Hölle; und von ihr macht sich dann jegliche Sünde los, jegliches Böse, jeglicher Teufel. Die Erde dem Himmel zurückzugeben, das Irdische mit dem Himmlischen zu verbinden, - das ist das Ziel des Kommens des Erlösers, vom Himmel auf die Erde. Oft wird in den kirchlichen Liedern gesagt, daß die Heiligen “die Erde zum Himmel machten”, und zwar durch ihre Tugenden. Denn jegliche himmlische Tugend, in welcher sich der Mensch übt, bringt ein Stück des Himmels in seine Seele; und wenn er sie alle übt - siehe da ist der ganze Himmel auf der Erde. So ist es auch mit den Heiligen. Durch ihre göttliche Kraft sind sie wahre geistliche Herrscher der Erde, obwohl die Erde unter der Sünde steht. Und sie werden zweifellos auch unsterbliche und selige Herrscher auf der “neuen Erde” sein, wenn die alte Erde durch das Feuer des letzten Gerichtes gereinigt wird, und auf ihr ewig die Gerechtigkeit Gottes leben wird (vgl. 2 Petr 3,12-13). Das wird sich gerade deswegen ereignen, weil sie durch ihr christusartiges Leben zu Teilhabern und Erben Christi wurden und auf ewig bleiben (vgl. Eph 3,6; Röm 8,17). All das strömt wie eine göttliche Wahrheit durch die Frohbotschaft des Heilands: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich erben. Und sie werden im wahren Sinne des Wortes die Erde erben, wenn nach dem letzten Gericht auf der neuen Erde das sanftmütige Lamm Gottes die Herrschaft antritt, denn durch ihre göttliche Sanftmut sind sie zu Miterben geworden, - und ihr Reich wird kein Ende haben.