Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1993, 1

 

Die Erde ohne Sünde, Tod und Teufel, - das ist das Paradies, das ist die Seligkeit. Und eine solche Erde, ist sie nicht auch das menschliche Herz? Wenn der Mensch die Erde seines Herzens von allem Sündigen, Tödlichen und Teuflischen reinigt, siehe, da ist der Mensch bereits in die Seligkeit eingetreten, und hat die unsterbliche Erde geerbt. Und das menschliche Gewissen? Ist nicht auch dieses eine ganze Erde voll von Klüften und Bergen, von Ebenen und Tiefen? Ungereinigt stellt es die schlimmste Verfluchung dar. Und die Seele? Oh, das ist etwas unvergleichbar Höheres als die Erde; und das Universum selbst ist ihr gegenüber nur eine kleine Welt, denn sie ist die große Welt in dieser kleinen Welt und um diese kleine Welt.1 Und darin, welche Unendlichkeiten, welche Grenzenlosigkeiten, welche Tiefen und welche Höhen! Und was alles strömt aus ihr hervor, und zwar strömt es ständig: Gedanken, Wünsche und Werke. Und durch sie und mit ihnen: zahllose Sünden, zahllose Tode. Und in ihnen - die furchtbare Verfluchung. Und wenn in den gott-menschlichen Tugenden unsere Seele von allem Sündigen, Tödlichen und Teuflischen gereinigt wird, dann ist es eine Seligkeit, eine unaussprechbare Seligkeit, über ihren Welten zu herrschen. Daher sagte auch der göttliche Heiland, daß die menschliche Seele mehr wert ist, als das gesamte sichtbare Universum, und daß der Mensch mit nichts seine Seele erkaufen kann, wenn er sie verspielt und erreichen kann, wenn er sie verdirbt.
Nach dem dem hl. Gregor von Nyssa, stellen die Seligpreisungen des Heilands eine Leiter dar: von einer Stufe gehen sie auf die andere. Aber in dieser dritten Seligpreisung gibt es auf den ersten Blick etwas Ungewöhnliches. Wenn man die Folgerichtigkeit der Stufen betrachtet, kann jemand sagen, daß es unmöglich ist, nach dem Himmelreich die Erde zu erben. Im Gegenteil, wenn wir uns an die natürliche Abfolge der Dinge halten, dann wäre es folgerichtiger, zuerst die Erde zu erwähnen, und dann den Himmel, denn von der Erde steigt man zum Himmel empor. Aber wenn wir uns mit dem Geist auf die Höhe des Himmelsgewölbes erheben, dann werden wir dort die himmlische Erde finden, welche zum Erbe für jene bereitet ist, die in den Tugenden leben. So wird uns deutlich, daß es nichts Falsches in dieser Abfolge der Seligpreisungen gibt, in welcher zuerst der Himmel und dann die Erde erwähnt werden . Und daß der himmlische Teil als Erde bezeichnet wird, soll nicht verwundern, denn Gott-Logos läßt sich zu unserer Tiefe herab und wird zum Diener; aber Er hat sich überhaupt zu uns herabgelassen, weil wir nicht fähig waren, uns zu ihm zu erheben. Daher teilt er uns die göttlichen Mysterien auch mit Hilfe der uns bekannten Ausdrücke und Worte mit, welche gewöhnlich im menschlichen Leben gebraucht werden. Denn es wäre auch unmöglich, dem Menschen himmlische Güter unter ihren wahren Bezeichnungen zu eröffnen, da sie ja die menschlichen Gefühle und den menschlichen Verstand übersteigen2. Die Erde, von der in der dritten Seligpreisung gesprochen wird, ist jene Erde, welche der sanftmütige und gutmütige David im Auge hatte, als er, vom Heiligen Geiste geführt, sie schon besaß, und sprach: “Ich glaube, daß ich das Gute auf der Erde der Lebendigen sehen werde” (Ps 26,13). Denn der Prophet bezeichnete nicht als Erde der Lebenden die Erde, die alles Tödliche hervorbringt, und zu sich zurückführt und alles, was sie geboren hat, zerstört. Im Gegenteil, er kannte die Erde der Lebenden, auf welcher der Tod nicht geschritten ist, auf welcher der Weg der Sünder nicht vorgezeichnet ist, welche auf sich nicht die Spuren der Laster genommen hat, welche der Sämann des Unkrauts nicht mit dem Pflug des Bösen gepflügt hat, welcher nicht Unkraut und Dornen hervorbringt, auf welcher das Wasser der Ruhe und die Orte des Lichtes sind, und alles übrige, wovon uns in der von Gott beseelten Lehre der Heiligen Schrift auf rätselhafte Weise gesprochen wird3. Die Sanftmütigen werden ohne Zweifel jene Erde erben, fruchtbar mit wunderbaren Früchten und geschmückt vom Baum des Lebens, und überschwemmt von den Flüssen der geistlichen Gaben, auf welcher der wahre Weinstock wächst, deren Winzer der Vater unseres Herrn Jesus Christus selbst ist (Jh 15,1) 4.
Der selige Augustinus meint, daß die Erde, von welcher in der dritten Seligpreisung die Rede ist, jene Erde ist, von welcher im Psalm gesagt ist: “Herr, du bist meine Zuflucht, mein Teil auf der Erde der Lebenden” (Ps 142,5). Denn dies bedeutet eine gewisse Festigkeit und Beständigkeit des ewigen Erbes, wo die Seele mit Hilfe ihrer guten Einstellung ruht, sozusagen in ihrem angestammten Orte, wie der Körper in der Erde ruht und von welchem die Seele sich ernährt mit ihrer Nahrung, wie der Körper von der Erde: Das ist das Leben selbst und die Ruhe der Heiligen. Dabei sind die Sanftmütigen jene, die das Böse ertragen und sich dem Bösen nicht widersetzen, sondern das Böse durch das Gute besiegen (Röm 12,21). So sollen jene, welche nicht sanftmütig sind, sich streiten und um die irdischen und zeitweiligen Dinge kämpfen; aber “Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben”, von welcher sie nicht verjagt werden können5
Bei der Erklärung der dritten Seligpreisung sagt der selige Theophylakt: Einige verstehen unter der Erde die geistige Erde, d.h. den Himmel. Aber man muß auch diese Erde verstehen. Da man die Sanftmütigen gewöhnlich als verachtet und bedeutungslos ansieht, sagt der Heiland eben, daß sie alles haben. Und die Sanftmütigen, das sind nicht jene, die sich nicht erzürnen (denn das sind solche, die des Verstandes ledig sind), sondern diejenigen, die Zorn besitzen, aber sich zurückhalten, und sich nur dann erzürnen wenn es notwendig ist6 .

Selig sind die, die nach Wahrheit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
Wiederum ist die Seligkeit in Qualen und zwar in furchtbaren Qualen, so wie sie von Hunger und Durst entstehen. Wieder geschieht mit den Menschen etwas Geheimnisvolles, etwas Göttliches, etwas Himmlisches. Hier führt der allbarmherzige Wundertäter durch des Menschen Seele sein viertes geistliches und seliges Wunder und setzt es zum Herrscher über all seinen Welten ein. Die Seligkeit, die dieses geistliche Wunder über das gesamte menschliche Wesen ergießt, bezeugt den Menschen in überzeugendster Weise, daß seine Seele die ewige Wahrheit besucht hat und in ihr Wohnung genommen hat.
Ein Hungriger kann sich nicht selbst ernähren, ein Durstiger sich nicht selbst tränken, denn sowohl der Hunger als auch der Durst sind etwas, das nur von etwas Äußerem besänftigt oder gelöscht werden kann. Welcher hungrige Mensch haut seinen Arm ab und ißt ihn, um damit seinen Hunger zu stillen? Und welcher durstige Mensch schlitzt seine Venen auf, um sein Blut zu trinken und damit seinen Durst zu löschen? Um seinen Hunger zu stillen und den Durst seines Körpers zu löschen, muß der Mensch Nahrung und Trank aus der ihn umgebenden Welt nehmen. Was für den Körper gilt, gilt auch für die Seele. Wenn sie hungrig und durstig ist, so kann sie sich nicht selbst ernähren und tränken, sondern sie muß von außen aufnehmen, und in der äußeren Welt sich Nahrung und Trank suchen.
Hunger und Durst der Seele können normal und unnormal sein. Abnormal ist der Hunger, und abnormal der Durst, wenn die Seele nach Sünde, Lust und Leidenschaft hungert und dürstet. Durch diesen Hunger und durch diesen Durst hungert und dürstet und sucht seine Nahrung und seinen Trank alles was im Menschen sündig und sterblich ist. Doch Sünde und Tod sind die einzige Abnormalität im menschlichen Wesen. Und da sie abnormal sind, kann dieser Hunger niemals gestillt werden und dieser Durst niemals gelöscht werden. Denn je mehr sich die Seele von Sünden und Leidenschaften nährt, desto hungriger wird sie; und je mehr sie sich von Gelüsten tränkt, umso durstiger wird sie. Das ist wie ein Mensch, der die Luft kaut, um seinen Hunger zu stillen oder der Salzwasser trinkt, um zu seinen Durst zu löschen. Das beste Beispiel dafür ist der verlorene Sohn: Er kann auf keine Weise seinen abnormalen Hunger stillen und seinen abnormalen Durst löschen, obwohl er sie ständig durch die Leidenschaften und Gelüste nährt und tränkt (Lk 15,16). Also stellen dieser Hunger und dieser Durst die Verfluchung des Menschen dar.
Normal ist der Hunger und normal der Durst, wenn die Seele nach der ewigen Wahrheit, der ewigen Liebe, der ewigen Güte, der ewigen Weisheit, der ewigen Freude, dem ewigen Leben, der ewigen Seligkeit hungert und dürstet; in einem Wort: nach der ewigen Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit Gottes. Und normal ist der Hunger und normal ist der Durst, da das gottebenbildliche Wesen der menschlichen Seele durch sie seine Nahrung und seinen Trank sucht. Da sie gottebenbildlich ist, ist sie auch stets gott-zustrebend, d.h. immer hungernd und durstend nach allem Unsterblichen, allem Himmlischen, allem Ewigen, allem Göttlichen; sie empfindet immer Hunger und Durst nach dem lebendigen und wahrhaftigen Gott. Daher kann der normale Hunger und der normale Durst der Seele nicht nur gesättigt und gelöscht werden, sondern er kann einzig durch Gott gelöscht und gesättigt werden. Daher stellen sie auf all ihren Stufen die Seligkeit für den Menschen dar.
Als einem gottähnlich gebildeten Wesen ist dem Menschen der Hunger und der Durst nach der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit eingeboren, nach der göttlichen Liebe und Güte, nach göttlicher Barmherzigkeit und Leben. Und wenn der Mensch diese in sich stärkt, dann gibt es in seinen Knochen keinen Frieden, sondern Tag und Nacht sucht er das, womit er seinen Hunger sättigen und seinen Durst stillen kann. Und niemand unter den Menschen kann ihm das geben, denn es gibt niemanden, der dies hat. Aber in unserer menschlichen Welt gibt es dennoch ein Wesen, welches das hat und gibt. Dieses einzige und alleinige Wesen ist der Gottmensch Christus. Durch sein gesamtes Leben und Wirken zeigt er offensichtlich und beweist unwiderlegbar, daß in ihm alle göttlichen Vollkommenheiten verwirklicht und gegeben sind, und zwar auf eine menschliche Art und Weise verwirklicht und gegeben uns den Menschen. Der menschliche Hunger und der menschliche Durst auf jegliche göttliche Vollkommenheit ist tatsächlich ein Hunger und Durst auf Ihn, den Gottmenschen Christus. Und wenn in der vierten Seligpreisung erklärt wird, daß selig sind die Hungernden und Dürstenden nach der Gerechtigkeit, dann versteht Er unter der Gerechtigkeit sich selbst, als die Verkörperung aller göttlichen und menschlichen Vollkommenheiten. Daß dies so ist, bezeugt uns der gott-tragende Apostel, der den Herrn Jesus Christus als Gerechtigkeit Gottes bezeichnet (Röm 1,17; 3, 21-22; 5,17; 1. Kor 1,30).
Die nach der Gerechtigkeit Hungernden werden einzig und allein dann gesättigt werden, wenn sie sich von Christus nähren lassen, denn Er ist “das Brot des Lebens, welches vom Himmel kam” (Jh 6,51.35), um den Hunger des menschlichen Wesens nach Himmlischem und Unsterblichem zu stillen (vgl. Jh 6,50). Wer nach Gerechtigkeit dürstet, wird seinen Durst nur dann löschen können, wenn er vom Wasser des Lebens trinkt, welches nur Christus hat und gibt (vgl. Jh 4,12). Christus stellt dar und ist in sich die einzige wahre Nahrung und der einzige wahre Trank für jedes menschliche Geschöpf; wer auch immer diese Nahrung ißt, wird niemals hungrig werden und wer auch immer diesen Trank trinkt, wird niemals dürsten (vgl Jh 6,55.35). Das aber bedeutet: Für die Seligkeit der nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden gibt es kein Ende, denn in ihnen ist der Quell aller Seligkeiten: der Herr Jesus Christus. Denn sich mit Christus zu ernähren, durch Ihn, und in ihm und um seinetwillen zu leben, ist die Spitze der Seligkeiten für das menschliche Wesen in allen Welten.
In der vierten Seligpreisung gibt es auch vieles von der ersten und zweiten und der dritten Seligpreisung, denn auch die Armen am Geiste und die Traurigen nach dem Evangelium und die Sanftmütigen hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. In der Tat, all das ist eine und die gleiche gottgerichtete Stimmung, die sich durch alle vier heilige Tugenden ergießt. Selig ist derjenige, der empfindet, daß es so wenige göttliche Gerechtigkeit in ihm selbst und in den ihn umgebenden Menschen gibt, daß er wünscht und daraufhin arbeitet, daß er die gesamte Gerechtigkeit Gottes in sich und der ihn umgebenden Welt verwirklicht. So wie die Erde nach himmlischem Regen dürstet, so dürstet auch die gottähnliche Seele des Menschen nach der göttlichen Gerechtigkeit. Wenn der Mensch nur einmal ernsthaft in seine Seele schaut, muß er folgendes bemerken: Zahllos und unendlich sind die Welten der gottähnlichen Seele, und alle hungern und dürsten nach Gott, nach der göttlichen Gerechtigkeit. Nur bemerken wir dies selten, denn die Sünden haben unser gottähnliches Gefühl für die Gerechtigkeit gelähmt und betäubt. Wenn sich dieses Gefühl durch Willensanstrengung erschüttert, aufwacht und zum Leben kommt, dann ergießen sich starker Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit Gottes aus allen Gefühlen unseres gott-zustrebenden menschlichen Wesens. Und sie kann sättigen und in Seligkeit umwandeln nur die “Gerechtigkeit Gottes”: Christus. Denn seitdem Er in unserer menschlichen Welt ist, wurde Er sowohl zum Wesen, als auch zum Maß und zur Kontrolle jeglicher höheren vollkommenen göttlichen Gerechtigkeit. Was ist Gerechtigkeit? Christus und sein Evangelium, d.h. all jenes, was Er ist und alles, was Er empfindet, denkt und tut. Und die Ungerechtigkeit? - Alles, was nicht Er ist, und was nicht von Ihm ist.
Da der Gottmensch die Verkörperung der absoluten göttlichen Gerechtigkeit ist, ist er auch das Maß und die Kontrolle jeglicher Gerechtigkeit und jeden Rechtes auf der Erde. Ja, jeglicher Gerechtigkeit und jeglichen Rechtes. Denn nur in der Gerechtigkeit liegt das menschliche Recht. Die Menschen haben alles getan, um das Recht außerhalb der Gerechtigkeit zu finden. Und sie wollen nicht erkennen, daß das Recht nur in der Gerechtigkeit beschlossen ist, das vollkommene Recht in der vollkommenen Wahrheit und Gerechtigkeit - im Gottmenschen Christus. Woher entstanden Zwistigkeiten und Kriege zwischen den Menschen? Daher, daß sie das Recht außerhalb der Wahrheit und vorbei an der Gerechtigkeit suchen. Und noch: daß sie die Wahrheit und das Recht dort suchen, wo es sie nicht gibt: in den Menschen und in den Dingen. Und sie wollen nicht wissen, daß das menschliche Recht nicht das sein kann, was nicht von der Wahrheit und der Gerechtigkeit stammt. Die Logik der Menschen ist derart verdorben, das Gewissen so verbogen, daß viele ehrlich meinen, daß sie durch Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit gelangen können, durch Zwang zum Recht, durch Böses zum Guten. Solche Menschen halten nach dem tiefen Gedanken des gottweisen Apostels “die Wahrheit in der Ungerechtigkeit” (Röm 1,18), d.h. sie meinen, daß die Wahrheit und die Gerechtigkeit in dieser Welt mit Hilfe von Lüge und Ungerechtigkeit verwirklicht werden. Doch dies ist nicht das größte Übel; hier ist noch ein größeres: Einige Menschen sind derart entstellt, derart vom Normalen zum Abnormalen gewandt, daß sie sogar das Abnormale für das Normale erklären, die Ungerechtigkeit für Gerechtigkeit, die Lüge für Wahrheit, die Gewalt für Recht, die Sünde für Tugend, das Böse für das Gute. Und dabei kämpfen sie verbissen um die Verwirklichung dieser Maximen in unserer irdischen Welt.
Wer wird die Last des menschlichen Lebens erleichtern und das Joch der menschlichen Existenz gutmachen? Er, nur Er: der gütige Herr Jesus. Denn Er ist in unsere irdische Marterstätte gekommen, um alle Qualen des menschlichen Geistes auf sich zu nehmen und sie in Seligkeiten zu verwandeln. Ist der Hunger und Durst nach der Wahrheit nicht etwa eine Qual des Geistes? Und Er aber ist die Wahrheit. Siehe das ist die Seligkeit! Unsere ganze Qual um die Wahrheit verwandelt Er in eine Seligkeit von der Wahrheit, denn Er gibt sie uns ganz. Ist nicht etwa der Hunger und der Durst nach der Unsterblichkeit eine Qual für den menschlichen Geist? Und Er nimmt diese unsere Qual auf sich und verwandelt sie in eine Seligkeit, indem Er uns das ewige Leben gibt. Ist nicht etwa der Hunger und der Durst nach Liebe, nach Gerechtigkeit, nach Güte, nach Weisheit, nach allem Göttlichen, Himmlischen und Ewigen eine Qual für den Geist? Doch siehe, all diese unsere Qualen verwandelt Er, der Allbarmherzige, in unsere Seligkeiten, denn Er gibt uns all dies im Überfluß. All diese geistliche Speise, die Er allein hat und gibt, das ist eben das Leben des Brotes, von dem niemand jemals wieder Hunger verspüren wird, und das Wasser des Lebens, von dem niemand wieder dürsten wird. Daher ist Er der einzige, der diese Seligpreisung über den Hunger und den Durst nach der Gerechtigkeit aussprechen konnte, und sie mit den Worten beenden konnte: Denn sie werden gesättigt werden.
Erst der Allwahre sagte, daß der Heilige Geist die Welt um der Wahrheit willen anklagen wird (Jh 16,8.10). Warum? - Weil Christus - “die Gerechtigkeit Gottes” - hier war in dieser Welt und die Welt Ihn nicht annhemen wollte. Da sie Ihn ablehnen, empfinden die Menschen stets Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit; und in diesem Hunger nagen sie an sich und fressen sich selbst und einander. Und das alles, weil die menschliche Natur sich nicht selbst nähren kann, indem sie sich selbst frißt. Welche Art von Wesen in der Natur kann sich dadurch ernähren, daß sie sich selbst ißt? Wenn das so bei den niederen Wesen ist, die weniger kompliziert und weniger wertvoll sind als der Mensch, wie soll es dann nicht für den Menschen gelten? Das ist die grundlegende Realität des Lebens in dieser Welt und daher auch das grundlegende Gesetz des Lebens, welches nur die Atheisten nicht sehen und nicht erkennen wollen. Daher sind sie immer sowohl hungrig als auch durstig, immer sowohl wütend als auch erbärmlich. Deshalb klagt sie der Heilige Geist auch an. Deshalb werden sie am Tag des letzten Gerichtes auch von “dem Universum der Welt nach der Gerechtigkeit durch den Menschen gerichtet werden” - Christus Jesus (Apg 17,31).
Alle die Sklaverei gegenüber der Sünde ist Sklaverei gegen die Ungerechtigkeit (Röm 6, 13.20). Die Menschen, die nicht Sklaven der Sünden und Laster sind, als ob sie Tugenden seien, suchen nicht Christus, noch wollen sie Ihn. Ihnen gestattet die Sünde nicht, läßt die Ungerechtigkeit nicht zu, welche ihren Geist in der Sklaverei festhält, daß sie sich der Gerechtigkeit zuwenden. Die Gerechtigkeit aber ist eben dadurch Gerechtigkeit, daß sie nicht mit Gewalt angewandt wird. Die Menschen der Ungerechtigkeit oder der geringen Gerechtigkeit “suchen die eigene Gerechtigkeit geltend zu machen und unterwerfen sich nicht der Gerechtigkeit Gottes” (Röm 10,3). Das Reich des menschlichen Geistes, welcher in Sklaverei gegenüber der Sünde und den Lastern steht, ist voll von Ungerechtigkeit, Unfrieden, Streit, Traurigkeit und in vielerlei Hinsicht ähnelt es einer kleinen Hölle. So ist der Geist jedes Menschen, der von sich selbst leben will und durch sich selbst und von der materiellen Welt, die ihn umgibt, nicht aber von Gott und durch Gott. Der menschliche Geist wird erst dann mit Gerechtigkeit erfüllt, mit Frieden und Freude, erst dann wird er zum kleinen Paradies auf Erden, wenn er mit Hilfe der Tugenden des Evangeliums sich mit dem Heiligen Geist vereint. Das bedeuten die gottgegebenen Worte des hl. Apostels: “Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist” (Röm 14,17). Ja, im Heiligen Geist, denn nur in ihm ist jedwedige Seligkeit des menschlichen Geistes beschlossen.
Nach der Meinung des hl. Gregor von Nyssa gibt es viele Dinge, die die menschliche Natur wünscht; deshalb ist große Umsicht notwendig, damit wir das Nährende von dem Giftigen unterscheiden können, und das, was unsere Seele als Speise zu sich nimmt, in uns nicht an Stelle des Lebens Tod und Verwüstung hervorruft. Unser Herr Christus, der teilnahm an allem, was uns gehört, außer der Sünde (Hebr 4,15; 2,14-18), und Teilhaber unserer Schwächen wurde, erklärte den Hunger nicht zur Sünde, sondern er ließ diesen natürlichen Wunsch nach Nahrung zu und erlebte durch eigene Erfahrung diese Schwäche. Denn nachdem er 40 Tage ohne Nahrung verbrachte, “fühlte er schließlich Hunger” (Mt 4,2). Der Versucher, der sah, daß sich in Ihm Schwäche bemerkbar machte, der Hunger, riet Ihm, diesen mit Steinen zu sättigen, d.h. den natürlichen Wunsch nach Nahrung in einen unnatürlichen zu verwandeln. Der Schöpfer ernährt die Menschen durch Brot von verschiedenen Samen. Diese Weisheit des Schöpfers verurteilt der Versucher als etwas Ungebührliches, denn wenn die Steine sich als günstiger für die Nahrung erweisen, so bedeutet das, daß Gottes Weisheit einen Fehler in der Vorsehung für das menschliche Leben zuließ. “Sage, daß diese Steine zu Brot werden”, - das sagt der Versucher bis heute denjenigen, die sich durch ihre eigenen Wünsche in Versuchung führen. Denn wenn der Wunsch aus dem Rahmen des unbedingt Notwendigen heraustritt, was ist das dann, wenn nicht der Ratschlag des Teufels, der die Nahrung von Samen verbietet und den Wunsch nach Unnatürlichem hervorruft? Brote aus Steinen essen die Geldgierigen, die reiche und luxuriöse Tische aus der Ungerechtigkeit zurichten. Denn hier tritt alles aus dem Rahmen dessen hervor, was für das Leben unabdingbar ist. Was gibt es Gemeinsames zwischen dem natürlichen Streben nach Nahrung und den silbernen Tellern, die man nicht ißt? Und wer anstelle von Brot dem Mund Gold zuführt, wird er etwa diese Not befriedigen? Also, wenn jemand anstelle dessen, was als Nahrung dient, etwas sucht, was zur Nahrung nicht benutzt wird, so sorgt er sich einfach um Gestein, denn das abverlangt die Natur, er aber ist mit anderem beschäftigt. Die Natur verlangt Nahrung, aber die Zubereitung wertvollen Geschirrs, reicher geschmückter Tische und Stühle und alles übrigen, all das ist die Sorge um Steine. Aber der Heiland, welcher die Versuchung besiegt, verjagt aus der Natur den Hunger nicht als das Übel des Bösen, sondern er entfernt nur die unnötige Sorge, welche nach dem Ratschlag des Verführers zur Notwendigkeit hinzugefügt wird, und überläßt der Natur, sich um das zu bemühen, was ihren natürlichen Rahmen nicht sprengt. Da also Christus “hungrig wurde”, ist auch der Hunger des Lobes würdig, der in uns als Nachahmung zu Ihm entsteht. Erkennen wir jedoch, wonach den Herrn “hungerte”, so werden wir natürlich die Kraft der vierten Seligpreisung verstehen, von der hier die Rede ist.z
Was für eine Nahrung ist das, derer sich Jesus nicht schämt? Nach dem Gespräch mit der Samariterin sagte er zu den Jüngern: “Meine Nahrung ist es, daß ich den Willen meines Vaters tue” (Jh 4,34). Und offensichtlich ist es der Wille des Vaters “welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zum Bewußtsein der Wahrheit gelangen” (1 Tim 2,4). Wenn er also unsere Rettung wünscht und unser Leben seine Nahrung wird, dann erkennen wir daraus, wofür wir eine solche Neigung der Seele brauchen. Wofür also? Dafür: daß wir nach unserer Rettung hungern und dürsten nach Gottes Willen, der unsere Rettung will. (Fuß: Sermo 4, S. 406-410).
Gebührt es etwa der Seligkeit, fragt derselbe Denker, nur nach der Gerechtigkeit zu streben? Und wenn jemand nach Keuschheit strebt oder nach Weisheit oder nach irgendeiner anderen Tugend - gibt der Heiland etwa auch einem solchen die Seligkeit? Aber vielleicht hat das Wort des Heilands über die Seligkeit der nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden diese Bedeutung: Die Gerechtigkeit ist eine der Tugenden; und die Heilige Schrift hat die Gewohnheit, indem sie einen Teil nennt, das Ganze darunter zu verstehen. So hat Gott viele Namen; und wenn einer benutzt wird, so bedeutet das nicht, daß ihm die anderen nicht zustehen. So ist es auch hier, wo das Wort Gerechtigkeit jegliche Art von Tugend bedeutet. Daher sind selig zu preisen auch jene, die nach Keuschheit und Weisheit oder jeglicher anderer Tugend hungern und dürsten. Denn es ist unmöglich, irgendeine Tugend für sich selbst, von den anderen getrennt, als vollkommene Tugend anzusehen. Der Begriff der Gerechtigkeit schließt alles Schlechte aus und umfängt alles Gute; das Gute aber ist all das, was als Tugend empfunden wird. Daher bedeutet die Gerechtigkeit in der vierten Seligpreisung jegliche Tugend (Fuß ibidem S. 411-413).
Der Heiland sagte: Denn sie werden gesättigt werden. Der Fortschritt in welcher Tugend auch immer, ist niemals begleitet von einer vergänglichen unsteten Freude, sondern von einer unvergänglichen und stetigen Freude, welche sich im Laufe des ganzen Lebens fortsetzt. Woher das? Daher, daß jegliche Tugend immer in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann, und zwar im Laufe des ganzen Lebens gibt es keine Zeit, wo der Mensch von seinen guten Werken übersättigt werden könnte. Und die Keuschheit, die Reinheit und jedes Gute führen immer zur Ausführung, während der Mensch die Tugend im Sinn hat und das Ausführen ist von Freude begleitet. Wenn die Tugend in jemandem fest Fuß faßt, dann wird sie nicht in Zeit bemessen, noch in Sättigung begrenzt, sondern ihm, der in ihr lebt, bringt sie immer ein reines, lebendiges starkes Gefühl ihrer eigenen Güter. Daher verspricht Gott Logos denen, die nach diesem Gefühl hungern, die Stillung des Hungers, eine solche Stillung, die durch die Sättigung den Wunsch weiter entbrennen läßt und nicht löscht. Denn wer eine Tugend wünschte, der tut Gutes in seiner Ordnung, da er in sich das sieht, was er wünschte. Daher ist selig derjenige, der nach Keuschheit hungerte, denn er wird erfüllt werden von Reinheit, und die Sättigung an ihr ruft nicht Abscheu, sondern die Verstärkung des Wunsches hervor; sowohl die Sättigung als auch der Wunsch wachsen gemeinsam in gleichem Maße. Denn das Streben nach der Tugend begleitet das Erreichen des Erstrebten; und das Erreichte Gut trägt in die Seele eine Freude, die kein Ende nimmt (Fuß ibidem S. 414-416).
Wenn wir auch eine gewisse mutige Behauptung ansprechen sollen, sagt der hl. Gregor von Nyssa, so scheint es mir, daß unter dem Namen der Tugend und der Gerechtigkeit unser Herr sich dem Wunsch der Hörer selbst anbietet, “der uns zur Weisheit gemacht worden ist von Gott, zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung” (1 Kor 1,30), und ebenso auch das “Brot welches vom Himmel herabsteigt” (Jh 6,50), “das Wasser des Lebens” (Jh 4,10), der Durst über den sich David in einem Psalm ausdrückt, indem er Gott diese selige Leiden der Seele eröffnet, wenn er spricht: “Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott; wann werde ich kommen und das Angesicht Gottes schauen?” (Ps 41,3). Nach meiner Meinung ist also die wahre Tugend das Gute ohne irgendwelches Böses, das Gute, welches in sich alles allerbeste enthält: Gott Logos selbst - diese “Tugend, welche die Himmel bedeckte” (Habakuk 3,3) und mit völligem Recht wurden diejenigen als Selige bezeichnet, die nach dieser Gerechtigkeit Gottes hungerten; denn wahrlich, “jener, der den Herrn schmeckte” (Ps 33,9), d.h. jener, der in sich Gott aufgenommen hat, wird erfüllt von jenem wonach er hungerte und dürstete, nach dem Versprechen des Heilands: “Ich und der Vater werden kommen, und in ihm werden wir Wohnung nehmen” (Jh 14,23), offensichtlich da der Heilige Geist bereits Wohnung genommen hat. So war, scheint mir auch der große Paulus, der jene unaussprechlichen Paradiesfrüchte kostete, davon erfüllt, was er kostete, - stets hungerte er. Denn er erklärt, daß er davon erfüllt war, was er wünschte, indem er sagt: “In mir lebt Christus” (Gal 2,20), und wie jener, der Hunger empfindet - strebt er stets nach dem, was vor ihm liegt (Phil 3,13), indem er sagt: “Nicht als ob ich bereits erreicht hätte, oder bereits vollkommen wäre, sondern ich strecke mich aus, um zu erreichen” (Phil 3,12) (Fuß ibidem S. 416-417).
In der vierten Seligpreisung, sagt der Selige Augustin, spricht der Heiland über diejenigen, die das wahre unvergängliche Gute lieben.Sie werden von der Nahrung gesättigt werden, von der der Herr selbst sagt: “Meine Speise ist es, daß ich den Willen meines Vaters tue, welches die Gerechtigkeit ist”; und mit dem Wasser, von dem wieder derselbe Herr sagt, daß es jedem, der davon trinkt zum Quell des Wassers wird, das in das ewige Leben fließt (Jh 4,34. 14) (Fuß ebenda (engl. Übersetzung) Book 1, Chapter 2,6, p. 4).

5.7 Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Hier ist eine Seligpreisung, in der alles zunächst vom Menschen und erst dann von Gott abhängt; in welcher der Mensch gegenüber Gott zum Schuldner wird; in welcher der Mensch nach der Einstellung mit Gott gleichgesellt wird. Woher das? - Daher, daß keine Tugend so notwendig für den Menschen ist, wie die göttliche Barmherzigkeit. Im ganzen Leben, in allen Momenten des Daseins, ist etwa den Menschen etwas notwendiger als die Barmherzigkeit Gottes? Ja, das ganze Leben des Menschen in seiner ganzen körperlichen und geistlichen Verschiedenheit und Komplizität hängt von der sichtbaren und unsichtbaren Barmherzigkeit Gottes ab. Zum Sehen braucht das Auge des Menschen die Sonne. Scheint die Sonne etwa nicht nach der Barmherzigkeit Gottes? Zum Hören braucht das menschliche Ohr die Luft. Ist die Luft etwa nicht ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes? Wer von den Menschen würde die Luft schaffen, wenn es sie nicht gäbe? Was für das Auge und das Ohr des Menschen gilt, das gilt auch für seinen gesamten Körper und für alle Funktionen des Körpers. Und für die Seele? - Für sie gilt die gleiche Grundlage, nur weit höher und weit schärfer. Wie denkt der Gedanke und wie fühlt das Gefühl? Nur durch das Geschenk Gottes und durch die Barmherzigkeit Gottes, denn Gott schenkte der gottähnlichen Seele des Menschen die Fähigkeit zu denken und zu fühlen. Wäre es nicht so, welcher Mensch wäre imstande, die Seele zu schaffen, welche denkt und fühlt, wenn nicht ein Mensch imstande ist, auch nur ein Blatt des Veilchens oder ein Steinchen zu machen. Und das menschliche Gewissen? Ist nicht auch dies ein Geschenk, das den Menschen durch die äußerste Barmherzigkeit Gottes gegeben wurde? In einem Wort: der ganze Mensch steht und besteht durch die Barmherzigkeit Gottes. Das empfindet jeder Mensch, der sich auch nur im geringsten ernsthaft in das rätselhafte Geheimnis des menschlichen Lebens auf der Erde vertieft. Daher wird in der fünften Seligpreisung vom Menschen auch verlangt, daß er sein Verhältnis gegenüber den Menschen nach dem Gesetz der göttlichen Barmherzigkeit definiert. Der Mensch besteht und lebt nach der Barmherzigkeit Gottes und von der Barmherzigkeit Gottes.