Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1993, 2

 

Was für eine Nahrung ist das, derer sich Jesus nicht schämt? Nach dem Gespräch mit der Samariterin sagte er zu den Jüngern: “Meine Nahrung ist es, daß ich den Willen meines Vaters tue” (Jh 4,34). Und offensichtlich ist es der Wille des Vaters “welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zum Bewußtsein der Wahrheit gelangen” (1 Tim 2,4). Wenn er also unsere Rettung wünscht und unser Leben seine Nahrung wird, dann erkennen wir daraus, wofür wir eine solche Neigung der Seele brauchen. Wofür also? Dafür: daß wir nach unserer Rettung hungern und dürsten nach Gottes Willen, der unsere Rettung will1
Gebührt es etwa der Seligkeit, fragt derselbe Denker, nur nach der Gerechtigkeit zu streben? Und wenn jemand nach Keuschheit strebt oder nach Weisheit oder nach irgendeiner anderen Tugend – gibt der Heiland etwa auch einem solchen die Seligkeit? Aber vielleicht hat das Wort des Heilands über die Seligkeit der nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden diese Bedeutung: Die Gerechtigkeit ist eine der Tugenden; und die Heilige Schrift hat die Gewohnheit, indem sie einen Teil nennt, das Ganze darunter zu verstehen. So hat Gott viele Namen; und wenn einer benutzt wird, so bedeutet das nicht, daß ihm die anderen nicht zustehen. So ist es auch hier, wo das Wort Gerechtigkeit jegliche Art von Tugend bedeutet. Daher sind selig zu preisen auch jene, die nach Keuschheit und Weisheit oder jeglicher anderer Tugend hungern und dürsten. Denn es ist unmöglich, irgendeine Tugend für sich selbst, von den anderen getrennt, als vollkommene Tugend anzusehen. Der Begriff der Gerechtigkeit schließt alles Schlechte aus und umfängt alles Gute; das Gute aber ist all das, was als Tugend empfunden wird. Daher bedeutet die Gerechtigkeit in der vierten Seligpreisung jegliche Tugend2
Der Heiland sagte: Denn sie werden gesättigt werden. Der Fortschritt in welcher Tugend auch immer, ist niemals begleitet von einer vergänglichen unsteten Freude, sondern von einer unvergänglichen und stetigen Freude, welche sich im Laufe des ganzen Lebens fortsetzt. Woher das? Daher, daß jegliche Tugend immer in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann, und zwar im Laufe des ganzen Lebens gibt es keine Zeit, wo der Mensch von seinen guten Werken übersättigt werden könnte. Und die Keuschheit, die Reinheit und jedes Gute führen immer zur Ausführung, während der Mensch die Tugend im Sinn hat und das Ausführen ist von Freude begleitet. Wenn die Tugend in jemandem fest Fuß faßt, dann wird sie nicht in Zeit bemessen, noch in Sättigung begrenzt, sondern ihm, der in ihr lebt, bringt sie immer ein reines, lebendiges starkes Gefühl ihrer eigenen Güter. Daher verspricht Gott Logos denen, die nach diesem Gefühl hungern, die Stillung des Hungers, eine solche Stillung, die durch die Sättigung den Wunsch weiter entbrennen läßt und nicht löscht. Denn wer eine Tugend wünschte, der tut Gutes in seiner Ordnung, da er in sich das sieht, was er wünschte. Daher ist selig derjenige, der nach Keuschheit hungerte, denn er wird erfüllt werden von Reinheit, und die Sättigung an ihr ruft nicht Abscheu, sondern die Verstärkung des Wunsches hervor; sowohl die Sättigung als auch der Wunsch wachsen gemeinsam in gleichem Maße. Denn das Streben nach der Tugend begleitet das Erreichen des Erstrebten; und das Erreichte Gut trägt in die Seele eine Freude, die kein Ende nimmt3. Wenn wir auch eine gewisse mutige Behauptung ansprechen sollen, sagt der hl. Gregor von Nyssa, so scheint es mir, daß unter dem Namen der Tugend und der Gerechtigkeit unser Herr sich dem Wunsch der Hörer selbst anbietet, “der uns zur Weisheit gemacht worden ist von Gott, zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung” (1 Kor 1,30), und ebenso auch das “Brot welches vom Himmel herabsteigt” (Jh 6,50), “das Wasser des Lebens” (Jh 4,10), der Durst über den sich David in einem Psalm ausdrückt, indem er Gott diese selige Leiden der Seele eröffnet, wenn er spricht: “Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott; wann werde ich kommen und das Angesicht Gottes schauen?” (Ps 41,3). Nach meiner Meinung ist also die wahre Tugend das Gute ohne irgendwelches Böses, das Gute, welches in sich alles allerbeste enthält: Gott Logos selbst – diese “Tugend, welche die Himmel bedeckte” (Habakuk 3,3) und mit völligem Recht wurden diejenigen als Selige bezeichnet, die nach dieser Gerechtigkeit Gottes hungerten; denn wahrlich, “jener, der den Herrn schmeckte” (Ps 33,9), d.h. jener, der in sich Gott aufgenommen hat, wird erfüllt von jenem wonach er hungerte und dürstete, nach dem Versprechen des Heilands: “Ich und der Vater werden kommen, und in ihm werden Wir Wohnung nehmen” (Jh 14,23), offensichtlich da der Heilige Geist bereits Wohnung genommen hat. So war, scheint mir auch der große Paulus, der jene unaussprechlichen Paradiesfrüchte kostete, davon erfüllt, was er kostete, – stets hungerte er. Denn er erklärt, daß er davon erfüllt war, was er wünschte, indem er sagt: “In mir lebt Christus” (Gal 2,20), und wie jener, der Hunger empfindet – strebt er stets nach dem, was vor ihm liegt (Phil 3,13), indem er sagt: “Nicht als ob ich bereits erreicht hätte, oder bereits vollkommen wäre, sondern ich strecke mich aus, um zu erreichen” (Phil 3,12)4.
In der vierten Seligpreisung, sagt der Selige Augustin, spricht der Heiland über diejenigen, die das wahre unvergängliche Gute lieben.Sie werden von der Nahrung gesättigt werden, von der der Herr selbst sagt: “Meine Speise ist es, daß ich den Willen meines Vaters tue, welches die Gerechtigkeit ist”; und mit dem Wasser, von dem wieder derselbe Herr sagt, daß es jedem, der davon trinkt zum Quell des Wassers wird, das in das ewige Leben fließt (Jh 4,34. 14)5.

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Hier ist eine Seligpreisung, in der alles zunächst vom Menschen und erst dann von Gott abhängt; in welcher der Mensch gegenüber Gott zum Schuldner wird; in welcher der Mensch nach der Einstellung mit Gott gleichgesellt wird. Woher das? – Daher, daß keine Tugend so notwendig für den Menschen ist, wie die göttliche Barmherzigkeit. Im ganzen Leben, in allen Momenten des Daseins, ist etwa den Menschen etwas notwendiger als die Barmherzigkeit Gottes? Ja, das ganze Leben des Menschen in seiner ganzen körperlichen und geistlichen Verschiedenheit und Komplizität hängt von der sichtbaren und unsichtbaren Barmherzigkeit Gottes ab. Zum Sehen braucht das Auge des Menschen die Sonne. Scheint die Sonne etwa nicht nach der Barmherzigkeit Gottes? Zum Hören braucht das menschliche Ohr die Luft. Ist die Luft etwa nicht ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes? Wer von den Menschen würde die Luft schaffen, wenn es sie nicht gäbe? Was für das Auge und das Ohr des Menschen gilt, das gilt auch für seinen gesamten Körper und für alle Funktionen des Körpers. Und für die Seele? – Für sie gilt die gleiche Grundlage, nur weit höher und weit schärfer. Wie denkt der Gedanke und wie fühlt das Gefühl? Nur durch das Geschenk Gottes und durch die Barmherzigkeit Gottes, denn Gott schenkte der gottähnlichen Seele des Menschen die Fähigkeit zu denken und zu fühlen. Wäre es nicht so, welcher Mensch wäre imstande, die Seele zu schaffen, welche denkt und fühlt, wenn nicht ein Mensch imstande ist, auch nur ein Blatt des Veilchens oder ein Steinchen zu machen. Und das menschliche Gewissen? Ist nicht auch dies ein Geschenk, das den Menschen durch die äußerste Barmherzigkeit Gottes gegeben wurde? In einem Wort: der ganze Mensch steht und besteht durch die Barmherzigkeit Gottes. Das empfindet jeder Mensch, der sich auch nur im geringsten ernsthaft in das rätselhafte Geheimnis des menschlichen Lebens auf der Erde vertieft. Daher wird in der fünften Seligpreisung vom Menschen auch verlangt, daß er sein Verhältnis gegenüber den Menschen nach dem Gesetz der göttlichen Barmherzigkeit definiert. Der Mensch besteht und lebt nach der Barmherzigkeit Gottes und von der Barmherzigkeit Gottes.
Daher ist es nur natürlich, daß er selbst gegenüber den Menschen göttlich barmherzig sein muß. Darin liegt eine ungewöhnliche Seligkeit, denn die göttliche Barmherzigkeit eint den Menschen geistlich mit Gott, dem Quell jener Barmherzigkeit und jener Seligkeit.
Wenn sich die Seele des Menschen auf den Weg der Seligkeit in Christus begibt, empfindet sie auf jedem Schritt und in jedem Moment, wie sich unaufhörlich die unermessliche Güte Gottes auf sie ergießt. Wenn er die erste göttliche Tugend erlebt und in ihr die erste göttliche Seligkeit, dann fühlt der Mensch mit seinem ganzen Wesen und erkennt, was die Milde Gottes bedeutet, was es bedeutet, wenn Gott sich der menschlichen Seele erbarmt. Ist es nicht eine unendliche Milde Gottes, wenn wir durch Demut, durch Armut im Geiste das Himmelreich erlangen? Ist es nicht eine unendliche Milde Gottes, wenn wir über uns und die Welt um uns weinen und deshalb mit dem Heiligen Geist, dem Tröster erfüllt werden? Ist es nicht eine unendliche Milde Gottes, wenn wir für die Sanftmut das ganze Erdreich erben? Ist es nicht eine unendliche Milde Gottes, wen wir durch den Hunger nach Gott und den Durst nach der Wahrheit in uns die ganze Gerechtigkeit Gottes einwohnen lassen, Jesus Christus selbst?
Was ist die Krone der Milde Gottes? Die Menschwerdung Gottes, und alles, was der fleischgewordene Gott, unser Herr Jesus Christus, für das Menschengeschlecht getan hat und unablässig tut. All das stellt eine einzige, unwiederholbare, unendliche und wahrhaft göttliche Barmherzigkeit gegenüber den Menschen und unserer irdischen Welt dar. Nehmen wir an: der Mensch nimmt den Leib eine Lammes an, oder eines Tigers, oder einer Hyäne, oder einer Schlange, mit dem Ziel, die Tierwelt von Tod und Bösen zu befreien. Was würde diese Fleischwerdung in Vergleich zu der Menschwerdung Gottes bedeuten? Etwas unendlich Kleines, und gemäß den Folgen überhaupt nichts. Denn der ohnmächtige Mensch, selbst Sklave des Bösen und des Todes, wäre nicht im Stande, die Tierwelt davon zu retten. Dabei ist der Mensch schuld an jeglichem Tod und an jeglichem Übel in der Tierwelt. Und der Herr Jesus Christus? Sündlos, nimmt Er alle Sünden der Welt, und alle Qualen von den Sünden auf Sich, ist das nicht eine außergewöhnliche und vollkommene Barmherzigkeit Gottes? Unsterblich, erträgt Er den Tod um der sterblichen Menschen willen, – ist das nicht eine einzigartige und nie gesehene Milde Gottes? Und weiter: den von der Sünde verwilderten und von Sinnen gekommenen Menschen schenkt der Fleischgewordene Gott ewige Wahrheit, ewige Gerechtigkeit, ewige Weisheit, ewiges Leben und alle unzähligen göttlichen Vollkommenheiten und unendlichen Seligkeiten. Ist das nicht Barmherzigkeit, die ihresgleichen in allen Welten nicht besitzt?
Wenn der Mensch sich ernsthaft und von allen Seiten erforscht und eine genaue Diagnose über sich anstellt, so braucht er nichts so sehr wie die Milde Gottes. Denn zweifellos zeigt die Diagnose eines jeden Menschen Folgendes: Sünde, Sünde, Sünde, und in den Sünden – Krankheit, Krankheit, Krankheit und in den Krankheiten – Tod, Tod, Tod. Daher schreit der geistlich wache Mensch mit jedem Gefühl, jedem Gedanken, jeder Bewegung der Seele zu Gott: Milde, Milde, Milde! Wer sich nicht in einem solchen Verhältnis zu Gott befindet ist nicht milde gegenüber der Menschen. Und ein solcher Mensch ist ein geistlich Gelähmter, leidet an geistlicher Besessenheit. Das Gefühl der Sündhaftigkeit entwickelt sich mit der Reue; die Reue schreit nach ber Barmherzigkeit Gottes, nach der Vergebung der Sünden. Nur die Büßenden erhalten außergewöhnliche Barmherzigkeit von Gott, welche aus ihnen auf die sie umgebenden Menschen erstrahlt. Denn die Milde Gottes, wenn sie in das menschliche Herz eingeht, verwandelt sich mit Hilfe der übrigen göttlichen Tugenden in Barmherzigkeit, und ein barmherziger Mensch ist immer milde gegenüber den Menschen, so wie Gott ihm gegenüber milde ist. Ein Gefühl ist unveränderlich in der Seele eines barmherzigen Mensches, nämlich das Gefühl, daß er stets der Milde Gottes bedarf, weshalb er auch immer milde gegenüber der Menschen ist. Je rechtschaffener ein Mensch ist, umso mehr empfindet er seine Sündhaftigkeit; die heiligsten Menschen empfinden ihre Sündhaftigkeit im Laufe ihres gesamten Lebens am deutlichsten. Nehmen wir hierfür ein Beispiel. Das Antlitz des Hl. Sisoes leuchtete vor seinem Tod mit großer Helligkeit auf. Es waren die Hll. Propheten und Apostel zu ihm gekommen. Und als er noch mehr aufleuchtete, sagte er zu seinen Schülern: “Nun sind die Engel gekommen, um meine Seele zu nehmen.” Schließlich leuchtete sein Gesicht so wie die Sonne, und alle wurden von Furcht erfüllt, und der heilige Asket sprach: “Sieh, da kommt der Herr, schaut alle!” Danach trat Stille ein. Der heilige Greis sprach etwas mit dem Herrn. Als die Schüler ihn fragten, wovon er gesprochen hatte, antwortete er ihnen: ich bat den Herrn, mir die Tage meines Lebens noch etwas zu verlängern, damit ich Buße tun kann. – Ein stark entwickeltes Gefühl der persönlichen Sündhaftigkeit ist der ständige Begleiter des Christen auf dem gesamten Weg seiner geistlichen Verkommnung. Mit welchem Gefühl oder welchem Gedanken auch immer er in seiner Seele eintreten mag, auf allen Wegen seiner Seele begegnet der Mensch Sünden, Leidenschaften, Lastern. Und wenn er sich der Gefahr bewußt ist, welche ihm von ihnen droht, so schreit er ständig nach der Milde Gottes. Das ist jene “große Barmherzigkeit”, welche einzig der fleischgewordene Gott dem Menschengeschlecht schenkt, der allbarmherzig die Heilsökonomie der Welt von der Sünde, dem Tod und Teufel vollbracht hat. Nach dieser “großen Barmherzigkeit” schreit die Seele des orthodoxen Christen durch zahlreiche kirchliche Verse und Gebete.
Die fünfte Seligkeit, könnte man sagen, ist eine natürliche Seligkeit des Menschen, denn sie ist bedingt durch die menschliche Barmherzigkeit. Das heißt, die Barmherzigkeit ist etwas natürliches für den Menschen, stellt einen Bestandteil des menschlichen Wesens dar. Mit anderen Worten: der Mensch ist im Grunde als ein barmherziges Wesen geschaffen. Darauf verweist auch die Gottebenbildlichkeit der menschlichen Natur. Gott ergoß über das gesamte Wesen des Menschen die göttliche Barmherzigkeit und machte sie zur Grundlage alles Menschlichen. Doch das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit über den Menschen. Die andere ist diese: Gott machte die göttliche Barmherzigkeit auch zur Grundlage alles Göttlichen im Menschen, all dessen wodurch der Mensch zu Gott wächst, gottähnlich wird. Wäre dem nicht so, wäre die göttliche Barmherzigkeit nicht zum Bestandteil der Grundlage des menschlichen Wesens geworden, würde dann etwa unser Herr Jesus Christus von den Menschen fordern, daß sie barmherzig sein sollten, so wie ihr himmlischer Vater – Gott – barmherzig ist (Lk. 6, 36)? Durch seine Barmherzigkeit erinnert der Mensch am meisten an Gott, ähnelt Gott am meisten. Und wenn er sie zu ihrem höchsten Maß entwickelt, wird er ein “Gott der Gnade nach”, wie die Hll. Väter sagen. Durch die göttliche Barmherzigkeit wird der Mensch zu einer ganzen kleinen Gottheit. Ein solcher Mensch ist ein wandelndes Evangelium Gottes, eine wandelnde Predigt von Gott.
Wenn der Mensch die göttliche Barmherzigkeit verliert, bleibt er dann noch ein Mensch? Wenn er diese verliert, so verliert er auch jenen inneren, jenen gottebenbildlichen, jenen ewigen Menschen in sich. Und es bleibt nur eine Hülle, und zwar eine von Würmern zerfressene und stinkende Hülle. Was ist der Mensch? – Die fleischgewordene Barmherzigkeit Gottes. Was ist der Unmensch? – Die fleischgewordene Grobheit und Unbarmherzigkeit. Der Mensch degeneriert allmählich zu einem Unmenschen, wenn er sich nicht in der Barmherzigkeit übt. Ein solcher ist jeder Egoist, jeder Eigensinnige. Seine ganze Seele ist aus Grobheit geflochten, aus Selbstsucht und den übrigen Sünden. Und das Reich der Selbstsucht mit ihren widerlichen Mitarbeitern – den Sünden, ist das etwa nicht die Hölle, die in dieser Welt beginnt, um in jener Welt niemals aufzuhören? Und das Leben in jener Hölle ist eben eine Verfluchung, eine ewige Verfluchung für das menschliche Wesen. Daher könnte man mit Recht sagen: verflucht sind die Unbarmherzigen, denn sie werden kein Erbarmen finden!
Da sie von Gott ist, zu Gott zieht und mit Gott vereint, ist die Barmherzigkeit eine Seligkeit für die Menschennatur. Und noch: sie vereint den Menschen mit dem, was in allen Menschen göttlich ist; so weckt sie die Menschen und treibt sie voran zu allem, was göttlich ist und erhält so auch sich selbst mit deren Hilfe in allem was göttlich ist. Auf diese Weise stellt der Barmherzige allmählich in den ihn umgebenden Menschen die paradiesische Haltung wieder her, das Paradies mit all seinen Seligkeiten. Das Paradies ist eben etwas, was hier auf der Erde beginnt durch die göttlichen Tugenden. An erster Stelle: durch die göttliche Barmherzigkeit. Jede göttliche Tugend schafft in der menschlichen Seele ein kleines Paradies und in ihm die Seligkeit. Und alle zusammen stellen sie das ewige göttliche Paradies her und in ihm die ewige Seligkeit, welche weder in dieser noch in jener Welt irgendwann aufhört. Daher hat der Mund des Gesegneten auch gesprochen: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Unser Herr Jesus Christus besteht ganz aus Milde und Mitleid. Mit Seinem ganzen Wesen ruft Er dazu auf, macht dazu geneigt und fähig. Als sagte Er: erbarme dich über dich selbst und über diese Mitbrüder um dich, denn sowohl dich als auch sie drückt die Sünde, verwüstet der Tod. Geistlich Blinde sehen das nicht. Diejenigen, die erst gerade anfangen zu sehen, erkennen das ein wenig. Die am besten sehen aber – und das sind die Heiligen – sehen nur das. Daher sind sie unendlich mitleidig und erbarmungsvoll. Alles Menschliche reizt sie zu dem Schrei und zum Ausruf: Herr, erbarme Dich! Deshalb ist dieser Schrei auch der häufigste in den heiligen orthodoxen Gottesdiensten. Schaut der Mensch ernsthaft und betrachtend in sich, so verwandelt er sich ganz in einen Gebetsseufzer, der kein Ende hat, einen Seufzer, durch den ständig strömt: Herr, erbarme Dich!