Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1993, 3

Hast du keine Barmherzigkeit und kein Mitleid mit dem Menschen? - Bedenke nur, wofür er geschaffen ist und wie tief und worauf er gefallen ist: auf den Tod, auf Verwesung, auf das Grab, auf Würmer, auf Gestank, auf die Hölle! Und wie groß ist die Wunde an seiner Seele! Ja, jeder ist tödlich verwundet, jeder Mensch. Wem haben die Sünden keine tödliche Wunde zugefügt, und zwar nicht eine, sondern hunderte, und wir sterben auch vor dem Tode viele Male! Siehe nur die menschliche Seele an! Wie sieht sie aus? Wie die Himmelskönigin in Lumpen; wie eine unsterbliche Schönheit, die mit schwarzem Kot übermalt ist; wie eine Hure, die für die ewige Jungfräulichkeit geschaffen war. Und das menschliche Herz? - Es ist das offene Auge Gottes; siehe, es ist erblindet und sieht weder sich selbst noch dich und umso weniger den Himmel, Gott, die Engel! Und das menschliche Gewissen? - Ja, das ist irgendein gefallener Engel, der sich im schwarzen Netz einer dunklen Philosophie des Bösen verfangen und verwickelt und sich im grausamen Labyrinth der listigen Dialektik der Sünde verirrt und verloren hat. Und das Gras, die Pflanzen, die Blumen, die Tiere und Vögel? - Ja, all das sind Verwundete über Verwundete, Kranke über Kranke, Todgeweihte über Todgeweihte! Läßt dies alles nicht all deine Gefühle und all deine Gedanken in die endlose göttliche Barmherzigkeit und das endlose göttliche Mitleid gegenüber den Menschen und allen übrigen Geschöpfen zusammenfließen?
Das Erbarmen fächert sich auf in verschiedene Arten von Barmherzigkeit und Mitleid, so wie sich die Seele auffächert in verschiedene Arten von Gedanken und Gefühlen. Barmherzigkeit bedeutet: die Hungernden nähren, die Dürstenden tränken, die Nackten bekleiden, die Kranken besuchen, die Gefangenen aufsuchen, sich um die reisenden Wanderer sorgen. Doch jemand wird sagen: ich bin ein Armer, ich bin erbärmlich, ich habe keinen Reichtum! Ja, aber - du hast eine Seele und in ihr alle Reichtümer der göttlichen Barmherzigkeit. Betet zu Gott für die Hungernden, für die Dürstenden, für die Nackten, für die Kranken, für die Gefangenen, denn auch das ist Barmherzigkeit. Faste für die anderen - auch das ist Barmherzigkeit. Weine für die, die keine Buße tun. Auch das ich Barmherzigkeit. Leide für die Rettung deiner Nächsten! - Auch das ist Barmherzigkeit. Antworte auf Beleidigung nicht mit Beleidigung! Antworte auf Böses nicht mit Bösem! Überwinde das Böse durch das Gute! Segne diejenigen, die dich verfluchen! Bete zu Gott für jene, die dich verfolgen! Tue Gutes denen, die dich hassen! Führe andere nicht in Versuchung! All das ist Barmherzigkeit, lauter Barmherzigkeit. Und um all dies zu tun, braucht der Mensch lediglich eine Seele und einen Körper und nichts anderes, keinerlei Reichtümer dieser Welt. Das ist das, was der Allbarmherzige in Seinem Evangelium anordnet: “Gebt Barmherzigkeit von dem, was in euch ist” (Lk 11,41). Was bedeutet das? Folgendes: Du gibst den Menschen ihre gottähnliche Seele und all ihre göttlichen Reichtümer: Göttliche barmherzige Gedanken, göttliche barmherzige Gefühle und Neigungen. Vertiefe dich in deine Seele und unter dem Wust der Sünden und dem Rost der Leidenschaften wirst du diese göttlichen Reichtümer finden, diese unsichtbaren inneren Schätze, mit denen Gott den Menschen schuf und ihn zu einem außergewöhnlichen Wesen in allen Welten machte. Daran denkt eben der barmherzige Heiland, wenn Er die frohe Botschaft verkündet: “Siehe, das Reich Gottes ist in euch” (Lk 17,21). Zu diesem Reich gehört auch die göttliche Barmherzigkeit der menschlichen Seele. Zweifellos verbirgt sich in der gottähnlichen menschlichen Seele ein tiefer Quell göttlicher Barmherzigkeit, welcher in viele Täler aufgefächert ist. Die Gründe dieser Täler führen zunächst zum Himmel, zu Gott. Läßt sich der Mensch in den Grund seines Wesens herab und findet er den Quell der göttlichen Barmherzigkeit in sich, so fühlt er sofort, daß er eins ist mit allen Menschen aller Zeiten und mit seinem ganzen Wesen Barmherzigkeit und immer Barmherzigkeit ausströmt für alle Menschen, diese unsere traurigen und unglücklichen Brüder und Mitbrüder, traurig und unglücklich vor Sünde und Tod. In dieser Welt ist jeder Mensch ohne Ausnahme göttlich reich, denn jeder hat das Reich Gottes in sich, in der gottähnlichen Seele. Er besitzt Splitter auch der göttlichen Wahrheit, der göttlichen Gerechtigkeit und der göttlichen Liebe, der göttlichen Güte und der göttlichen Weisheit und der göttlichen Barmherzigkeit und der göttlichen Heiligkeit und der göttlichen Unsterblichkeit und des göttlichen Lebens. Und all das kann er in dem Himmelsgewölbe seiner persönlichen auf dem Evangelium begründeten Askeseübungen und Gefühle zur Vollkommenheit entwickeln. So kann er auch seine Barmherzigkeit entwickeln und barmherzig werden, mitfühlend für alle Wesen und Geschöpfe. Wenn irgend etwas Menschliches zum Himmel strebt, vor das Antlitz Gottes selbst, dann ist es dies - die menschliche Barmherzigkeit und das Erbarmen für die Menschen (vgl. Apg 10,4).
Unser allbarmherziger Herr gründete Sein ge-samtes Verhältnis zum Menschengeschlecht auf der Barmherzigkeit: “In seiner Barmherzigkeit rettete Er uns durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung kraft des Heiligen Geistes” (Tit 3,5; vgl. Lk 1,78; 1. Petr 1,3). Mit anderen Worten: Sowohl die Menschwerdung des Logos Gottes als auch die gesamte gottmenschliche Heilsordnung der Rettung des Menschengeschlechtes ist eine Sache der Güte und Menschenliebe Gottes, denn die Menschen von Sünde und Tod aus Barmherzigkeit anstelle aus Verdienst zu retten, ist eben ausschließlich wahrhaftige Menschenliebe (vgl. Tit 3,4). Da dem so ist, verlangt der allbarmherzige Retter mit Recht von den Menschen, daß die Barmherzigkeit das oberste Gesetz in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen sei. Dies muß allem übergeordnet werden, denn es stellt das Wesen des gottmenschlichen Evangeliums der Rettung dar: “Barmherzigkeit will ich, aber keine Opfer” (Mt 9,13; Hosea 6,6; vgl. Mt 12,1-8). Barmherzigkeit will ich gegenüber den Sündern, denn sie sind Sünder - geistlich Kranke, welche weise und zärtlich geheilt werden müssen von Sünde und Tod. Daher verlangt der menschenliebende Heiland Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen, denn - welcher Mensch ist nicht sündhaft, nicht sterblich? Auf dieser Grundlage weist der Herr auch die Opfer zurück. Denn für Ihn ist das liebste Opfer - die menschliche Barmherzigkeit gegenüber den Menschen.
Von der Barmherzigkeit des Menschen hängt nicht nur sein eigenes Leben in dieser Welt ab, sondern ebenso sein ewiges Leben, sowohl in dieser als auch in der kommenden Welt. Das verkündet das Gleichnis des Heilands über den barmherzigen Samariter, denn Er antwortet auf die Frage des Menschen: “Was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?” (Lk 10,25-37). Was? - Sei barmherzig! Das ist die Antwort auf die Fage nach dem ewigen Leben. Barmherzigkeit ist eine göttliche Kraft, die im Menschen alles besiegt, was sündhaft und sterblich ist; und sie macht den Menschen unsterblich, da sie ihn mit dem ewigen Leben erfüllt. Ein barmherziger Mensch lebt tatsächlich schon in dieser Welt davon, was unsterblich, göttlich und ewig ist. Und das ist die göttliche Barmherzigkeit. Ein Mensch göttlicher Barmherzigkeit betrachtet alle Menschen mit dem Auge Gottes und mißt alle Menschen mit Gottes Maß. Für ihn ist jeder Mensch sein Nächster, denn das Gefühl der Barmherzigkeit macht ihm jeden Menschen zum Nächsten, und er bedeckt jegliche Sünde durch seine Liebe, Gebet und Demut. Das ist auch kein Wunder, denn wenn der Mensch sich durch Barmherzigkeit Gott annähert, dann wird ihm jeder Mensch nahe: In Gott ist niemand weit. Aus Gott geschaut, sind alle Menschen unsere Nächsten, sie sind alle gottähnlich, wenn auch mehr oder weniger verzerrt. Das Gefühl der Barmherzigkeit ist an sich göttlich und daher unendlich und allumfassend. Als solchem ist ihm alles nahe und am nächsten, denn zunächst verringert es die Entfernung zwischen dem Menschen und Gott und daraufhin - zwischen den Menschen und den übrigen Menschen. Ein Mensch göttlicher Barmherzigkeit empfindet lebhaft, wie die Menschen, alle Menschen, Barmherzigkeit benötigen für jeden Hauch ihres Lebens auf der Erde und um so mehr für ihr Leben im Himmel. Ein Mensch, der mit göttlicher Barmherzigkeit lebt, ist ein glücklicher, unsterblicher noch in dieser Welt und er braucht keinen Tod zu fürchten, weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt. Er besiegt jeglichen Tod durch die Kraft der göttlichen Barmherzigkeit und fragt ihn siegreich, tapfer: Tod, wo ist dein Sieg?
Die Barmherzigkeit des Menschen Christi hat kein Ende und keine Grenzen. Er darf sich niemals sagen: Ich bin genügend barmherzig! Wenn er dies sagt, so ist das der Tod seiner Seele. Wenn er aufhört, barmherzig zu sein, so ist er bereits gestorben, vor dem Tod ist er gestorben. Denn er hat sich von Gott getrennt, welcher der einzige Quell der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens ist. Die Barmherzigkeit macht den Menschen zu einem göttlich Erhabenen und göttlich Unsterblichen. Nichts führt den Menschen zu solcher Ähnlichkeit mit Gott wie die Barmherzigkeit; sie macht ihn gerade zum “Gott der Gnade nach”. Ja, nach der Gnade, denn nur der Dreifaltige Gott ist der Gott der Natur nach. Die göttliche Barmherzigkeit ergießt über das gesamte Wesen des Menschen eine gewisse göttliche Kraft, welche die geistlichen Kräfte vergöttlicht und er fühlt sich unsterblich, unendlich, ewig. Diese göttliche allschöpfende Kraft führt den Menschen aus einer Barmherzigkeit in die nächste, aus der geringeren in die höhere, indem er ihn allmählich Gott annähert, welcher die Verkörperung der vollkommenen Barmherzigkeit ist und daher das ewige Ideal jeglicher menschlicher Barmherzigkeit und jeglichen Mitgefühls. Über all dies spricht beredt die höchste Frohbotschaft des Heilands über die Barmherzigkeit: “Seid barmherzig, wie euer Vater, Gott, barmherzig ist” (Lk 6,36). Nicht eine einzige Tugend hat der Heiland höher gestellt als diese. Und was noch mehr ist, Er erklärte, daß beim letzten Gericht die Barmherzigkeit Sein Maß sein wird, mit dem Er alle Menschen messen wird und jedem sein ewiges Schicksal bestimmen wird (vgl. Mt 25,31-46; vgl. Jk 2,13).
Die Barmherzigkeit gegenüber anderen ist zu gleicher Zeit auch Barmherzigkeit gegenüber sich selbst. Aber das ist keine Nachsicht gegenüber sich selbst, noch eine Salbung seiner selbst, noch ein Schonen seiner selbst vor den asketischen Übungen des Evangeliums. Noch ist dies Egoismus oder Selbstbezogenheit, in welcher Form auch immer. Die Barmherzigkeit gegenüber sich selbst ist lediglich zugelassen, wenn sie dem Evangelium entspricht. Und was ist Barmherzigkeit gegenüber sich selbst gemäß dem Evangelium? Das ist der Versuch der Rettung der eigenen Seele von Sünde, Tod und Teufel. Indem sich der Mensch darum bemüht, erweist er sich als barmherzig gegenüber allem, was in ihm göttlich, gottähnlich und ewig ist. Jegliche Sünde ist eine ganze Wunde auf der Seele und jegliche Leidenschaft eine ganze Krankheit der Seele. Indem er sich von den Sünden und Leidenschaften befreit, erweist sich der Mensch als mildtätig gegenüber sich selbst, denn er heilt seine gottähnliche Schönheit - seine Seele - von allem, was sie befleckt, verfinstert, verunstaltet, dem Tod entgegenführt und tötet. Die Fleischeslust ist eine Mörderin der Seele. Ebenso der Stolz, der Zorn, die Boshaftigkeit, der Neid und Materialismus und alle übrigen Sünden. Wer diese aus sich verdrängt und mit Hilfe der Tugenden des Evangeliums verjagt, hat bereits aus seiner Seele auch viele Mörder und viele Tode verjagt. Und so hat er gegenüber sich selbst jene Barmherzigkeit erwiesen, die einzig vom Evangelium Christi für den Menschen zugelassen und vorgeschrieben ist. Durch die Barmherzigkeit gegenüber anderen tut der Mensch Gutes an anderen gemäß dem Evangelium. Aber gleichzeitig rettet er auch sich selbst von dem furchtbaren geistlichen Tier: von der Gefühllosigkeit und dem mangelnden Mitgefühl, denn er vereint seine Seele mit dem allfühlenden und allmitfühlenden Heiland, welcher die Rettung demjenigen schenkt, der sich müht und in den heilbringenden Tugenden des Evangeliums kämpft.
Der heilige Gedanke des heiligen Gregor von Nyssa über die fünfte Seligpreisung ist sehr tief und gottweise. In der fünften Seligpreisung - sagt der heilige Denker - macht der Heiland in gewisser Weise jenen zum Gott, der diese Worte hört und versteht. Denn er sagt: “Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.” Aus vielen Stellen der Heiligen Schrift ist bekannt, daß heilige Menschen Gott als barmherzig bezeichnen. Daher, wenn Gott, dem die Bezeichnung des Barmherzigen zusteht, ruft dann nicht der Logos auch dich auf, Gott zu werden, da du mit der Eigenart der Gottheit geschmückt bist? Denn wenn in der gotteingegebenen Heiligen Schrift Gott barmherzig genannt wird, die Gottheit aber wahrhaftig selig ist, dann folgt daraus logischerweise, daß der Mensch, wenn er barmherzig wird, der göttlichen Seligkeit gewürdigt wird, da er das erreicht hat, womit die Gottheit bezeichnet wird. “Barmherzig ist der Herr und gerecht, und unser Gott ist gnädig” (Ps 114,4). Ist es denn etwa keine Seligkeit für den Menschen, so genannt werden und das zu werden, womit Gott für seine Werke bezeichnet wird? 1
Was ist Barmherzigkeit und worin liegt ihre Wirksamkeit? Warum ist jener selig, der das zurücknimmt, was er gibt, denn es ist gesagt: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Im eigentlichsten Sinn ruft dieser Ausspruch den Menschen zu gegenseitiger Liebe und Mitgefühl auf. Barmherzigkeit ist ein freiwilliges Trauern, hervorgerufen durch fremde Not. Oder deutlicher: Barmherzigkeit ist durch Liebe erfüllte Neigung zu denen, die mit Qualen gewisse Schwierigkeiten ertragen. Denn so wie Strenge und Unmenschlichkeit aus Haß entstehen, so entsteht Barmherzigkeit auf eine gewisse Weise aus Liebe, und hat sie selbst als ihre Quelle. Eine besondere Eigenschaft der Barmherzigkeit ist aber diese: Eine Verstärkung der von Liebe erfüllten Neigung, welche vereint ist mit dem Gefühl der Trauer. Feinde und Freunde bemühen sich in gleicher Weise, an etwas Gutem teilzuhaben; aber an etwas Traurigem teilzuhaben, ist lediglich denen eigen, die von Liebe erfüllt sind und von allen Banden in diesem Leben hält man die Liebe für das kräftigste; und die Barmherzigkeit ist die Vergrößerung der Liebe.