Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1993, 5

Wenn alle Gebote des Evangeliums im Herzen zu leben beginnen, und von oben bis unten durch das Herz gehen, und vom Anfang bis zum Ende, dann reinigt sich das Herz und wird erfüllt von ewiger göttlicher Liebe, dann wird auch das Gewissen gereinigt und auf immer von Gott erfüllt (vgl. 1. Tim. 1,5). Fragt man, wo denn der ganze Mensch sei, so ist die Antwort nach dem Evangelium eine: der ganze Mensch ist im Herzen. Hier ist auch sein ganzes Gewissen, hier sind auch all seine Welten. Am schwersten ist es, das Gewissen vom Bösen zu befreien, diesen gefallenen Engel im Menschen, der ganz aus dem feinsten Gewebe besteht. Das Gewissen wird nur gereinigt - “auf neue und lebendige Art”. Und das wäre? - Durch das Blut Jesu Christi (vgl. Hebr. 9,22). Wenn der Mensch sein Gewissen mit dem lebenspendenden Blut des Gottmenschen Christus kommunizieren läßt, glänzt sein Gewissen mit engelgleicher Reinheit auf, und wird ihm zum unfehlbaren Führer, der ihn mit Sicherheit auf den göttlichen Wegen der Unsterblichkeit und Ewigkeit führt. Und all diese Wege enden im Himmelreich, in welchem das Paradies mit all seinen Seligkeiten ist.
Nur wenn der Mensch unaufhörlich mit Hilfe der heiligen Tugenden des Evangeliums lebt, nur wenn er in seinem gesamten Wesen unaufhörlich die göttliche Heiligkeit erlebt, reinigt er sich von jeglicher Unreinheit des Leibes und der Seele (vgl. 2.Kor. 7,1). So siedelt sich im Menschen jene heilige göttliche Kraft an, die jegliche Sünde und jegliches Übel weit von ihm entfernt hält, ihm die Reinheit des Herzens sichert, und in dieser - unendliche Seligkeit. Durch die heiligen Tugenden des Evangeliums siedelt sich im Menschen allmählich der Heilige Geist Selbst an, der dem menschlichen Herzen auch alle Kräfte verleiht, deren er zur Rettung von Sünde, Tod und Teufel bedarf, und die für das unsterbliche Leben in dieser und in der ewigen Welt nötig sind (vgl. Apg. 15,8-9; 2. Petr. 1,3). Aus dem Evangelium ist deutlich: es gibt keine Reinigung ohne Heiligung, keine Reinheit ohne Heiligkeit. Und umgekehrt: es gibt keine Heiligkeit ohne Reinheit. Denn die Reinheit von den Sünden erreicht man einzig und allein durch ein heiliges Leben in den göttlichen Tugenden. Im großen und qualvollen Kampf um die Reinigung und Heiligung des Herzens nehmen gemeinsam alle Tugenden des Evangeliums teil, angeführt von Glauben und Gebet. Denn “jegliches Geschöpf Gottes”, und an erster Stelle das gottähnliche menschliche Herz, “wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet” (1. Tim. 4,5). Alles jedoch, was sein Herz besudelt, - und das sind die Sünden, Laster, Leidenschaften, und ihre Schöpfer - die unreinen Geister, - wird aus dem Herzen “nur durch Gebet und Fasten” vertrieben (Mt. 17,21). Ja, nur durch Gebet und Fasten! Das ist das allwahre Wort des sündlosen Heilands. Und durch den Glauben siedelt sich Christus im menschlichen Herzen an - das ist ebenfalls ein allwahres Wort des sündlosen Heilands (Eph. 3,17). Und daß der Herr Christus auf immer im menschlichen Herzen bleibt, das erreicht der Mensch, indem er die Gebote des Herrn vollbringt, indem er wandelt wie Er wandelte, lebt wie Er lebte (vgl. Jo. 14,21-23; 1.Jo. 1,7; 2,6; 1.Petr. 1,15). Zweifellos liegt die Seligkeit derjenigen, die reinen Herzens sind, hierin: sie bewahren den Herrn mit seraphimischem Eifer und cherubischer Klarheit in ihrem Herzen, aber auch ihr Herz im Herrn (vgl. Gal. 2,20;Phil. 4,7).
“Niemand hat Gott je gesehen” (Jo. 1,18), - das ist eine Wahrheit, die vor Christus gilt. Aber seit Christus gilt diese Wahrheit: “der Eingeborene Sohn, Der in des Vaters Schoß ist, Der hat uns Gott verkündigt” (Jo. 1,18). Denn im Eingeborenen Sohn Gottes, im Gottmenschen Christus : “wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig” - katoikei pan plªrwma tªV QeøthtoV swmatikŽV” (Kol. 2,9; vgl. 1,19; Eph. 1,23), d.h. Gott wohnt im Körper, wie ein wahrer Mensch. Und wer den Gottmenschen Christus schaut, der schaut tatsächlich Gott. Deshalb sagte Er auch von Sich: “Wer Mich sieht, - der sieht den Vater” (Jo. 14,9). Nur wird das Schauen verstanden, das der menschlichen Natur möglich ist. Der Mensch als begrenztes und relatives Wesen, ist nicht imstande das Wesen Gottes selbst zu schauen, oder es ganz zu erkennen. In dieser Hinsicht gilt die Wahrheit, die der Hl. Apostel Paulus ausdrückte: “Gott wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann; Ihn hat kein Mensch gesehen, noch kann er Ihn sehen”(1.Tim. 6,16). Die menschliche Natur ist nicht imstande, das unmittelbare Schauen des Göttlichen Wesens zu ertragen. Das ist eine Wahrheit, die Gott schon im Alten Testament den Menschen eröffnete: “Der Mensch kann Mich nicht sehen und am Leben bleiben” (2. Mos. 33,20).
Die Menschen können Gott bis zu einem gewissen Grade schauen, und zwar in Bildern, die der menschlichen Natur zugänglich sind. Auch im Gottmenschen Christus Selbst ist Gott durch den Körper verdeckt wie hinter einem Vorhang (vgl. Hebr. 10,20). Und wenn das ewige Licht der Gottheit heller durch Seinen Leib scheint, da fallen Seine Heiligen Jünger mit dem Angesicht zur Erde, da sie diesen Glanz nicht ertragen können. So geschah es bei der Verklärung des Herrn. Und wenn der Herr Jesus zuläßt, daß das ewige Licht Seiner Gottheit etwas stärker leuchtet, da fällt auch der furchtlose Saulus davor auf die Erde und - erblindet! (Apg. 9,3-9). Als der Gottesschauer Moses Gott schaut, sieht er Ihn in einem Bild, das der menschlichen Natur zugänglich ist. Das gilt auch für den Patriarchen Jakob, als er sagt: Gott schaute ich von Angesicht zu Angesicht (1. Mos. 32,30). Das gilt auch für die Gottesschau der Hl. Propheten Jesajas (Jes. 6,1-13), und für jegliche Gottesschau seitens vieler gottgefälliger Menschen: sie sehen nicht Sein Wesen, sondern werden zu Sehern und Teilhabern Seiner ewigen Kraft und Energie, die Seiner Natur eigen sind. Aber bei all dem ist folgendes von Bedeutung: das Schauen Gottes wird nur den Menschen geschenkt, die reinen Herzens sind, Menschen, die mit Hilfe der göttlichen Tugenden ihr Herz geheiligt haben und ständig Gott erleben und Seine Wahrheit, Seine Gerechtigkeit, Seine Liebe und die übrigen göttlichen Tugenden erleben. Wahrhaftig ist das Wort des Verkünders: “Wenn wir Liebe untereinander haben, wohnt Gott in uns” (1. Jo. 4,12). Was für die göttliche Liebe gilt, das gilt auch für die Wahrheit, für die Güte, und für alles Göttliche im Menschen. Denn Gott wohnt im Menschen durch die Tugenden des Evangeliums, indem Er ihn mit unaussprechlicher Seligkeit erfüllt, die in diesem Leben beginnt, um sich im jenseitigen fortzusetzen.
Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Hier bezeichnet der Heiland diejenigen als rein, sagt der Hl. Chrysostomos, die die ganze Tugend erlangt haben - kaqolikªn aretªn-, und nichts Böses in sich empfinden, oder diejenigen, die ihr Leben in Keuschheit verbringen -™n swfros¨nh - , denn um Gott zu schauen, brauchen wir nichts so sehr wie diese Tugend. Daher sagte auch der Apostel Paulus: “Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird” (Hebr. 12,14). Hier wird von einem solchen Sehen gesprochen, welches dem Menschen möglich ist. Da viele barmherzig sind, nicht stehlen, nicht geldgierig sind, aber Unzucht treiben und sich der Unsittlichkeit hingeben, zeigt der Heiland, daß dieses Erstere nicht ausreicht, noch dieses Gebot hinzu .
Über diese Seligpreisung sagt der Selige Theophylakt: Viele stehlen nicht, und sind zunächst mildtätig, aber sie treiben Unzucht und erweisen sich somit in anderer Hinsicht als unrein. Christus befiehlt also, daß man neben anderen Tugenden auch die Reinheit pflegt, oder die Keuschheit nicht nur im Körper, sondern ebenso im Herzen, denn ohne Heiligkeit und Reinheit wird niemand den Herrn schauen. So wie sich im Spiegel, nur wenn er rein ist, Gesichter wiederspiegeln, so ist auch die Meditation Gottes und das Verständnis der Heiligen Schrift nur einer reinen Seele zugänglich. Denn ohne Heiligkeit, das heißt Keuschheit, wird niemand den Herrn schauen. Denn wie der Spiegel, nur wenn er rein ist, die Gesichter wiederspiegelt, so empfängt auch eine reine Seele das Schauen Gottes. Reinen Herzens sind, sagt Zigaben, die Keuschen - swfroneV.
Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Dieses Versprechen ist derart, sagt der Hl. Gregor von Nyssa, daß es jede Grenze der Seligkeit übersteigt. Denn wer wird nach einem solchen Gut noch etwas anderes wünschen, da er alles in dem besitzt, was er schaute? Gewöhnlich bedeutet das Wort “sehen” in der Hl. Schrift das gleiche wie “besitzen” (Ps. 127,6; 26,10). Wer also Gott sieht, der hat bereits im Schauen selbst alles, was alle Güter ausmacht: unendliches Leben, ewige Unverweslichkeit, unsterbliche Seligkeit, endloses Reich, unaufhörliche Freude, wahres Licht, geistliche und süße Speise, unüberwindlichen Ruhm, ununterbrochenen Frohsinn und jegliches Gut .
Einem reinen Herzen wird es geschenkt, Gott zu schauen. Das heißt, daß auch die Reinheit des Herzens nicht unmöglich ist, mit der man selig wird. Aber, wie kann man damit das in Einklang bringen, was der große Johannes sagt: “Gott hat niemand jemals gesehen”(Jo.1,18), und das, was Paulus in hohem Geiste spricht: “Ihn hat niemand von den Menschen gesehen, noch kann er Ihn sehen” (1.Tim. 6,16)? Es ist wichtig, sagt der große Philosoph, dies zu sagen: Die Natur Gottes an sich, nach ihrem Wesen, steht über jeglichem Denken wie etwas, das gedanklichen Kombinationen unzugänglich und mit ihnen unvereinbar ist; auch hat man in den Menschen noch keinerlei Kraft zum Erreichen des Unerreichbaren gefunden, noch hat man irgendein Mittel zum Verständnis des Unverständlichen erdacht.Daher bezeichnet der große Apostel die Wege des Herrn als unerfindlich (Röm. 11,33), womit er besagt, daß selbst menschliche Gedanken nicht den Weg betreten können, der zur Erkenntnis des Wesens Gottes führt. Doch, wenn auch Der, Der über jeder Natur steht, der Natur nach derart beschaffen ist, und außerdem unsichtbar und unbeschreiblich, so ist Er doch in anderer Hinsicht sichtbar und erkennbar. Dafür gibt es viele Mittel. An erster Stelle, nach der im All sichtbaren Weisheit, kann man in gewissem Maße Denjenigen schauen, Der alles durch Weisheit schuf. Betrachten wir die Schönheit der Schöpfung, so erhalten wir dadurch eine Vorstellung nicht vom Wesen, sondern von der Weisheit Dessen, Der alles weise schuf. Bedenken wir die Ursache unseres Lebens, nämlich daß Gott nicht aufgrund irgendwelcher Unumgänglichkeit, sondern durch guten freien Willen die Schöpfung des Menschen vornahm, so sagen wir wiederum, daß wir auch auf diese Weise Gott schauten, da wir Seine Güte, nicht aber Sein Wesen, erkannten. So bezeichnen wir auch alles andere, was uns zum Verständnis des Besseren und Erhabeneren führt, als Gotteserkenntnis, denn jeglicher erhabene Gedanke stellt Gott unserem Schauen vor. Denn sowohl die Macht, als auch die Reinheit, die Unveränderlichkeit, und alles, was dem ähnelt, schafft in unserer Seele eine Vorstellung von einem göttlichen und erhabenen Begriff. Aus dem Gesagten ist deutlich zu erkennen, daß der Herr in Seinem Versprechen wahrhaftig ist, wenn Er sagt, daß die, die reinen Herzens sind, Gott schauen werden; auch lügt Paulus nicht, wenn er betont, daß niemand Gott gesehen hat, oder Ihn sehen kann. Denn Der nach der Natur Unsichtbare wird in Seiner Wirksamkeit (in den Energien) sichtbar, in dem, was um Ihn ist .
Unser Herr Jesus Christus nennt nicht denjenigen selig, der etwas über Gott weiß, sondern denjenigen, der Gott in sich trägt.: Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Dem gereinigten Auge der Seele erscheint Gott nicht wie irgendein Schauspiel - das erklärt uns der Logos Selbst, wenn Er sagt: “Das Reich Gottes ist in euch” (Lk. 17,12). Diese Worte nämlich besagen, daß derjenige, der sein Herz von allem Stoffhaften und von jeglicher leidenschaftlichen Neigung reinigt, in seiner eigenen Schönheit das Antlitz Gottes schaut. Denn in dir liegt dein Maß des Erreichens Gottes, Der dich so geschaffen hat, daß Er sogleich in der Natur ein solches Gut verwirklichte. Denn in deiner Zusammensetzung spiegelte Er die Ähnlichkeit der Güter Seiner Eigenen Natur wider, als habe Er sie in einer Art Wachs eingeritzt. Doch das Laster hat, da es die gottähnlichen Züge verwischte, das Gut nutzlos gemacht, das von widerlichen Schmutzschichten zugeschüttet ist. Wenn du also die Unreinheit, die sich auf dein Herz gelegt hat, durch ein eifriges Leben abwäscht, dann glänzt in dir wieder die gottähnliche Schönheit auf. So wie ein Nagel, wenn der Rost abgekratzt wird, obwohl er ganz schwarz war, jetzt der Sonne Strahlen wiedergibt und glänzt; so beginnt auch der innere Mensch, den der Herr als das Herz bezeichnet, wenn er sich von dem Rost der Unreinheit befreit, der auf seinem Antlitz durch die Liebe zum Bösen erschien, seinem Urbild wieder zu ähneln und wird gut; denn das, was dem Guten ähnelt, ist zweifellos gut.