Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1993, 6

Daher sieht derjenige, der sich selbst sieht, in sich auch das, was er wünscht; und so wird der, der reinen Herzens ist, selig, denn indem er seine eigene Reinheit schaut, sieht er in diesem Bild das Urbild. Denn wie jene, die die Sonne in einem Spiegel sehen, obwohl sie ihren Blick nicht auf den Himmel lenken, dennoch die Sonne im Spiegel nicht weniger klar sehen, als jene, die den Sonnenball selbst anschauen, so werdet auch ihr, sagt der Herr, wenn ihr auch keine Kraft habt, um das Licht selbst anzuschauen, in euch das finden, was ihr sucht, wenn ihr euch jener Gnade des Bildes zuwendet, welche euch am Anfang gegeben wurde. Denn die Reinheit, Furchtlosigkeit, Entfremdung von jeglichem Bösen, das ist die Gottheit. Wenn dies also in dir ist, so ist ohne Zweifel Gott in dir; wenn dein Denken von jeglichem Bösen frei ist, frei von Leidenschaft und weit von jeglicher Befleckung, so bist du selig gemäß deiner Weitsicht. Denn indem du dich gereinigt hast, hast du das geschaut, was für jene, die sich nicht gereinigt haben, nicht sichtbar ist; und indem du den materiellen Nebel von deinen seelischen Augen entfernst, siehst du einen seligen Anblick am reinen Himmel des Herzens. Was genau? Reinheit, Heiligkeit, Einfachheit und alle ähnlichen lichttragenden Reflektionen der Göttlichen Natur, in denen Gott sichtbar ist.
Wie der Mensch sich selbst und sein Herz reinigen kann, sagt der hl. Gregor von Nyssa, das kann man beinahe aus jeder Belehrung des Evangeliums erfahren. In den Geboten, welche bei der Bergpredigt auf die Seligpreisungen folgen, befindet sich die deutliche Lehre über die Reinigung des Herzens. Hier schreibt der Herr nacheinander die Gesetze gegen jegliche Art von Lastern vor. Und überhaupt, in jedem Gebot wirst du ein Wort finden, welches wie ein scharfer Pflug, aus der Tiefe des Herzens die Wurzeln des Bösen ausreißen und das Wachsen der Dornen verhindern wird1.
Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Wie dumm sind jene, sagt der selige Augustinus, die Gott mit den äußeren physischen Augen suchen, während Er mit dem Herzen geschaut wird! Wie an anderer Stelle gesagt ist: “In der Einfachheit des Herzens sucht Ihn!” (Weisheit Salomos 1,1). Denn ein einfaches Herz ist auch ein reines Herz. Und wie dieses Licht geschaut werden kann, nur mit den Augen, welche rein sind, so kann man auch Gott nicht schauen, solange nicht das rein ist, mit dem man Ihn schauen kann2. Denen, die reinen Herzens sind, ist die Kraft gegeben, Gott zu schauen, wie jenen, die ein reines Auge haben zum Schauen der ewigen Dinge3.
Der wunderbarste Gottesschauer unter den heiligen Vätern, der hl. Simeon der Neue Theologe, behauptet entschieden: “Sagt nicht, daß Gott für die Menschen unsichtbar sei! Sagt nicht, daß die Menschen das Göttliche nicht schauen, oder daß dies in unserer Zeit nicht möglich sei! Niemals war dies unmöglich, sondern sogar sehr möglich für jene, die es wünschen, insbesondere für jene, die ein Leben in der Reinigung von den Leidenschaften durchlaufen und dadurch die Augen geistig gereinigt haben4. “Ein reines Herz schafft nicht eine oder zwei oder zehn Tugenden, sondern alle gemeinsam, indem sie ineinanderfließen, sozusagen in eine Tugendhaftigkeit, welche in der letzten Stufe der Vollkommenheit erreicht wird”5.
Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.
Hier ist die Fülle der neutestamentlichen Seligpreisungen und darin die Fülle der neutestamentlichen Tugenden. Denn dieses ist ein Geschenk des fleischgewordenen Sohnes Gottes, des Herrn Jesus Christus. Die Menschen können zu Gottessöhnen werden, weil der Sohn Gottes zum Menschensohn wurde, und als Mensch gibt Er den Menschen göttliche Kraft, mit deren Hilfe sie Gottes Söhne werden. Das Friedensstiften ist eine göttliche Tugend, welche im vollkommensten und erhabensten Sinn dem Gottmenschen Christus eigen ist, den Menschen aber nur so weit eigen sein kann, so weit sie in Ihm leben, in Ihm und Seinem Willen. In dieser heiligen Tugend ist alles vom Gottmenschen: ihre Kraft und ihre Seligkeit. Und der Mensch? – Der Mensch stellt seine Seele für diese Tugend zur Verfügung.
Hier ist die Rede nicht von gewöhnlichem Frieden, sondern von einem Frieden, in welchem die göttliche Seligkeit beschlossen ist. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß hier die Rede von einem Frieden ist, welcher an erster Stelle ein inneres Erlebnis der Seele ist, ein Erlebnis, welches in einen ununterbrochenen Zustand der Seele übergeht. Diese Stimmung ergreift und umfaßt die gesamte innere Welt des Menschen: alle Gedanken, alle Gefühle, alle Wünsche. Nur, dieser Friede ist die Folge eines langen und totalen, aber unsichtbaren Krieges der Seele. Der Kriegsschauplatz ist das Herz des Menschen und den Krieg führen Gut und Böse, Tugenden und Laster, Gott und der Teufel. Und im Menschen gibt es dies alles: sowohl das Gute als auch das Böse, sowohl die Tugenden als auch die Laster, sowohl Gott als auch den Teufel. Zwischen diesen Gegensätzlichkeiten ist der Krieg vollkommen natürlich, denn zwischen ihnen gibt es nichts wirklich Gemeinsames. Und wenn sie im Herzen des Menschen aufeinandertreffen, so bekämpfen sie sich bis zur Vernichtung.
Das Böse wächst und macht sich bemerkbar durch verschiedene und zahllose Sünden. Aber jede Sünde für sich und alle Sünden gemeinsam kämpfen gegen alles was göttlich, unsterblich und ewig ist im Menschen. Kämpft nicht etwa jegliche Sünde durch ihr Böses gegen das Gewissen, gegen jegliches göttliche Gute in ihr, welches sie eben gottähnlich macht, unsterblich und Gott zustrebend? Beginnt nicht jegliche Lüge in dem Moment, in dem sie in die menschliche Seele eindringt, um mit der Wahrheit in ihr zu kämpfen, mit jener göttlichen Wahrheitsliebe in ihr, welche die ganze Seele in die höhere Welt zieht, wo die Ewige Wahrheit regiert und waltet? Erklärt nicht jegliches Böse in dem Moment, in dem es sich durch die Sünde in die menschliche Seele einschleicht, allem Guten im Menschen den Krieg, weil alles Gute im Menschen selbst durch seine Natur den Menschen mit dem Ewigen und Vollkommenen Guten – Gott – verbindet und zusammenschweißt? Kämpft die Sünde etwa nicht durch ihre Finsternis gegen den menschlichen Verstand, den Verstand, welcher nach den unendlichen und heiligen Anblicken der göttlichen Wahrheiten lechzt? Kämpft etwa das Böse, wenn es sich mit Hilfe irgendeiner Sünde im menschlichen Körper einnistet, nicht unbarmherzig mit dem Körper, weil dieser der Tempel der gottähnlichen, unsterblichen Seele ist, dieser wunderbaren Himmelskönigin in unserem verlorenen irdischen Paradies? Es gibt kein Böses, es gibt keine Sünde, es gibt kein Laster in dieser menschlichen Welt, welche nicht einen unerbittlichen Krieg gegen jegliches menschliche Gute führte, gegen das Höchste wie das Geringste, das Sichtbare und Unsichtbare, denn das Böse ist dadurch böse und die Sünde ist dadurch Sünde, und das Laster dadurch Laster, daß sie unversöhnlich das Gute hassen, und wünschen, daß es aufhört zu existieren, wie im Menschen so auch in allen Welten um und über dem Menschen.
Kann dieser innere, geistliche, unsichtbare Krieg in der menschlichen Seele mit einem vollkommenen Sieg des Guten über das Böse und der Herrschaft eines dauernden seligen Friedens enden, welcher zum Bestandteil der Seele würde und sie in allen ihren Welten begleitete? Ja, das ist möglich! Und zwar nur durch Christus, unseren Gott. Zeuge dessen ist die gesamte Erfahrung des Menschengeschlechtes. Denn nur Christus, welcher die Verkörperung des Vollkommenen Göttlichen Guten in der menschlichen Welt ist, hat die Kraft, um jegliches Böse vollkommen zu besiegen, insbesondere auch alles Böse zusammen in unserer Welt. Dies tut Er mit Hilfe der göttlichen Tugenden und der göttlichen Kräfte, die in ihnen sind. Denn Seine göttlichen Tugenden sind zu gleicher Zeit auch göttliche Kräfte. Darin besteht der ganze Unterschied zwischen Christi Tugenden und allen übrigen Tugenden, von denen alle übrigen Religionen, Philosophien, Ethiken und Kulturen sprechen. Da Er ewig lebt, da Er durch Seine Auferstehung den Tod besiegte, besiegt der Gottmensch in den Seelen Seiner Nachfolger durch die Tugenden des Evangeliums, durch Seine göttlichen Kräfte jegliche Sünde und jegliches Böse. Durch jede Tugend ergießt sich in die Seele göttliche Kraft; und durch alle Tugenden ergießen sich in die Seele des Menschen Christi alle göttlichen Kräfte, die für den Sieg über alle Arten von Sünde und Böses notwendig sind. Entleert der Haß die menschliche Seele, so muß man dagegen die Liebe des Evangeliums ins Feld führen, und sie wird durch ihre allbesiegende Kraft den Haß verjagen, und der Seele wird sich ein göttlicher seliger Frieden bemächtigen. Peinigt dich Zorn, so führe in deine Seele die Sanftmut des Evangeliums, und sie wird durch ihre göttliche Kraft dessen gesamte dämonische Kraft überwinden. Würgt dich der Stolz, so stelle vor ihn die Demut des Evangeliums und durch seine göttliche Kraft wird sie aus dir das teuflische Böse vertreiben. Zerreißt dich die Fleischeslust, so führe gegen sie das Fasten und Beten ins Feld, und sie wird aus dir fliehen wie ein verstörter Schatten. So führe gegen jede Sünde, Laster und Leidenschaft die entsprechende Tugend des Evangeliums an, und sie werden sie durch ihre göttliche Kraft überwinden und vernichten. Und in deiner Seele wird der Friede Christi zu herrschen beginnen, jener ungewöhnliche und einzigartige Frieden, von dem der Heiland Seinen heiligen Schülern beim Letzten Abendmahl sagt: “Friede lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch” (Jh 14,27).
Der Friede Christi ist ein außerordentlicher Friede, denn er siedelt sich in der Seele an, wenn aus ihr die Sünden verschwunden sind. Aber die Sünden kann nur Der Eine Sündlose in der Seele besiegen und aus ihr vertreiben. Du glaubst nicht? Dann führe in die Seele Platon, Napoleon, Kant, Goethe, Buddha, Mohammed und all die übrigen Weisen dieser Welt ein, und alle werden sie hilflos und ohnmächtig sein vor der furchterregenden Kraft der Sünde, des Bösen und des Todes. Warum? Weil sie auch selbst Sklaven der Sünde, des Bösen und des Todes sind. Der Gottmensch aber vertreibt durch Seine göttliche Kraft mit Hilfe der Tugenden aus der menschlichen Seele alle Sünden, alles Böse, alle Tode. Und so beginnt in der Seele ein ungewöhnlicher Friede, ein Friede, dessengleichen die Welt wirklich nicht kennt, den die Menschheit nicht gibt, noch geben kann. In jeder Tugend Christi gibt es unvergleichlich mehr göttliche Kraft des Guten als in der entgegengesetzten Sünde dämonische Kraft des Bösen. So gibt es in der LIebe des Evangeliums so viel göttliche Kraft, daß sie imstande ist, jeglichen dämonischen Haß leicht, wie einen Schatten zu besiegen. Dasselbe triftt ebenso für die Demut des Evangeliums gegenüber dem Stolz zu, für die Sanftmut des Evangeliums gegenüber dem Zorn, für das Mitleid des Evangeliums gegenüber der Gefühllosigkeit und überhaupt für alle Tugenden des Evangeliums gegenüber den antipoden Lastern. Alle sind sie unbesiegbare Siegerinnen, welche keine Niederlage kennen, nur wenn sich ihnen der Mensch mit seinem ganzen Herzen hingbit, seiner ganzen Seele, seiner ganzen Kraft, seinem ganzen Wesen.
Die Sünden sind mittelbar oder unmittelbar die wichtigsten Keimträger und Verursacher jeglichen seelischen Unfriedens, aller Stürme und Verzweiflungen. Wenn die Seele von der Liebe zur Sünde erkrankt, so befindet sie sich in ständigem Krieg gegen Gott. Ob er will oder nicht, der Mensch kämpft durch die Sünde immer gegen Gott und alles Göttliche. Das ist der unvernünftigste Krieg unter dem Himmel, denn der Ohnmächtige kämpft mit dem Allmächtigen. Daher entstehen in diesem Kampf so viele Qualen, so viele Leiden, so viele Schrecknisse, so viele Tode für den Menschen. Aber all dies nimmt ein Ende, und der Frieden mit Gott setzt ein, wenn Christus mit Hilfe der göttlichen Tugenden die Sünden aus der menschlichen Seele entfernt. Das ist eine Wahrheit, die durch die Erfahrung aller Heiligen und vieler Millionen wahrer Christen bezeugt ist. Eine erstklassige Tatsache des Evangeliums lautet: “Den Frieden mit Gott haben wir durch unsern Herrn Jesus Christus” (Röm 5,1). “Er ist unser Friede”, unser Friede mit Gott, bestätigt der Hl. Apostel für den Herrn Jesus Christus (Eph 2,14), denn durch Sein gottmenschliches Werk unserer Rettung entfernte Er und entfernt ständig zwischen uns und Gott all das, was in uns gegen Gott hadert, und das sind die Sünden (Eph 2,15-19). Die Wahrheit ist offensichtlich: “Das alles aber kommt von Gott, der uns durch Christus mit Sich versöhnt hat” (2. Kor 5,18). Daher heißt das Evangelium Christi auch “Evangelium des Friedens” (Eph 6,15). Wenn der Mensch nach diesem Evangelium des Friedens lebt, erfüllt er seine Seele mit gottmenschlichem Frieden, und er erlebt unaussprechliche Seligkeit, welche der menschlichen Natur nur das Leben in Christus verleiht, nicht aber in irgendjemand anderem noch in irgendetwas anderem (vgl. Jh 16,33). Und dies ist jener besondere, jener außergewöhnliche “Frieden Gottes, der jeden Verstand übersteigt” und unsere Herzen bewahrt und unsere Gedanken im Herrn Jesus (Phil 4,7).
Wenn der Mensch durch das Evangelium des eingeborenen Sohnes Gotttes lebt, das Evangelium des Friedens, so wird er selbst zum Sohn Gottes der Gnade nach. Und wenn er dies wird, so ist er bereits ein Friedensstifter, denn er wird mit all seinem Wesen sich bemühen, zwischen sich und den Menschen den Frieden Christi zu errichten. Auf welche Weise? Auf die Weise, daß er nicht zuläßt, daß die Sünden Mittler zwischen ihm und den übrigen Menschen werden, und daß er die Menschen nicht nach ihren Sünden schätzt, sondern nach ihren guten Eigenheiten. Er appelliert immer an das Gute in jedem Menschen und baut darauf seine Beziehungen zu den Menschen auf. Dabei ist für ihn die höchste Regel jenes heilige Wort des Evangeliums: “Soweit es möglich ist und es auf euch ankommt, haltet mit allen Menschen Frieden” (Röm 12,18; vgl. 2. Thess 3,16). Einen solchen Frieden kann man nur durch ein heiliges Leben erreichen (vgl. Hebr 12,14). Das ist “der Frieden in Christus Jesus” (1 Petr 5,14), der Frieden zunächst mit Gott und danach auch mit den Menschen, mit Hilfe eines heiligen Lebens in den Tugenden des Evangeliums.
Da sie den Frieden Christi in sich haben, strahlen die Friedensstifter diesen Frieden aus, und predigen im Evangelium Frieden (vgl. Eph 2,17), und zeigen durch ihr gesamtes Leben, daß Christus der Gott des Friedens ist (Phil 4,9; Röm 5,33; 16,20; 1. Thes 5,22; Hebr 13,20), “der Herr des Friedens” (2. Thes 3,16). Indem sie in der menschlichen Welt durch den Gottessohn, den Herrn Jesus Christus leben, diesen einzigen allvollkommenen Friedensstifter, beruhigen die Friedensstifter durch ihr Auftreten allein stürmische und besänftigen unfriedliche Seelen. Allein dadurch, daß sie leben, schaffen sie Frieden. Sie kämpfen ständig mit den menschlichen Sünden, aber mit Mitteln des Evangeliums. Für sie ist es offensichtlich: die Sünden schaffen in der menschlichen Seele Unfrieden, Krieg und Chaos, die Tugenden aber Frieden, Güte und Seligkeit. Das Leben im Sohne Gottes mit Hilfe der heiligen Tugenden schafft eine unaussprechliche, göttliche Seligkeit für die menschliche Natur. Diese Seligkeit ist das ewige Los der Söhne Gottes nach der Gnade: der Friedensstifter. Deshalb ist auch gesagt: Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.
Die Tugend des Friedensstiftens, die siebente an der Reihe, beginnt in der ersten Tugend des Evangeliums, der Demut, wächst durch die zweite, veräs-telt sich durch die dritte, wird aufgeblättert durch die vierte, blüht durch die fünfte, reift durch die sechste, und erreicht so ihre Individualität und Selbständigkeit. In allen vorangegangenen Tugenden führt der Mensch ununterbrochen Krieg mit den Sünden und den Leidenschaften mit Hilfe göttlicher Kräfte. Jede Tugend des Evangeliums ist wie ein unzerbrechliches göttliches Schwert, welches die Sünden und Leidenschaften unbarmherzig ausrottet. Dieser ständige Kampf mit sich selbst ist eben die Berufung des Evangeliums für den Christenmenschen in dieser Welt. Davon sprechen deutlich jene ungewöhnlichen Worte des Heilandes: “Glaubt nicht, Ich sei gekommen, Frieden in die Welt zu bringen, nicht Frieden wollte Ich bringen, vielmehr das Schwert” (Mt 10,34). In unsere irdische Welt kam der Herr Christus herab als göttliches Feuer, welches alle Sünden verbrennt, alle Laster, alle Tode und alle Welten über dem Menschengeschlecht erleuchtet. Wenn der Herr mit Hilfe der Tugenden des Evangeliums in die menschliche Seele eintritt, so entflammt sie sofort mit göttlichem Feuer: es brennt in ihm, und sie verbrennt nicht, die gottebenbildliche, sondern es verbrennen alle ihre Leidenschaften, all ihre Sünden, alle ihre Tode. Davon verkündet beredt der Herr, wenn Er sagt: “Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte Ich, daß es lodere empor” (Lk 12,49).
Der wunderbare “Herr des Friedens”, der in der von Sünde und Leidenschaften gereinigten Seele mit Hilfe der göttlichen Tugenden anwesend ist, erfüllt die Seele mit unaussprechlicher Seligkeit, welche nie endet, weder in dieser noch in jener Welt. Dieser Seligkeit gegenüber steht Qual und Unfriede und Verzweiflung von der Anwesenheit der Sünden in der Seele. Jede Sünde ist eine Peinigerin der Seele und eine Kriegsspenderin in der Seele. Unter dem Einfluß der Sünden wechseln in der Seele des sündenliebenden Menschen ununterbrochen schwere und quälende Stimmungen ab: Zorn, Bosheit, Unfriede, Verzweiflung, Haß, Leid, Fleischeslust, Gier, Schadenfreude, Stolz. All das kämpft unbarmherzig gegen die Seele, gegen alles angeborene oder durch Tugend erworbene gottähnliche Gute. Und wenn der Mensch nicht mit den Sünden in sich kämpft, so wird er zum blutigen Schlachtfeld, auf dem stets schöne Gefühle, reine Gedanken, gute Absichten den Lüsten des Fleisches und den Leidenschaften geopfert werden, und durch die erbärmliche Seele donnert Chaos, Schmerz und Tod. Und das heißt: Unfriede, Unfriede, Unfriede. Ein solcher Mensch strahlt sein Dunkel aus, denn auch das Dunkel hat seine eigenen Strahlen, mit deren Hilfe es sich auf die umgebenden Seelen ergießt. Ein solcher Mensch ruft sehr häufig, ob er es will oder nicht, durch sein Auftreten allein, bei anderen Menschen schwere, quälende, sündige Neigungen hervor. Sein Böses kämpft immer gegen jegliches Gute in den Menschen: Seine Sünden und seine Leidenschaften und seine Lüste rufen immer Krieg gegen alles Ehrbare, Heilige, Göttliche, Unsterbliche, alles, was Christus angehört in den Menschen hervor, ob er das will oder nicht. Direkt oder indirekt sind die Sünden, Lüste und Leidenschaften immer Ursache allen Unfriedens und aller Kriege zwischen den Menschen. Ganz von der göttlichen Wahrheit ist dieses Wort des hl. Apostels: “Woher kommt Zank und woher Streit bei euch? Woher denn anders als von euren Lüsten, die in euren Gliedern streiten?” (Jak 4,1). Und durch die Lüste zieht unsichtbar jener wichtigste Schöpfer der Sünde, des Krieges und des Todes in die Menschen ein. Und mit ihm und nach ihm – auch die ganze Hölle, mit all ihrem Schrecken, all ihren Verzweiflungen, all ihrem Leid, all ihren Drangsalen. All das zu tragen und zu ertragen, das ist nicht nur schwer, sondern das ist ein ganzer Fluch für die menschliche Natur. In einem solchen Fall ist es auch erbärmlich und eine Qual und furchtbar und grausam und ein Fluch – ein Mensch zu sein. Wenn wir die sündigen Menschen mit den seligen Friedensstiftern vergleichen wollten, könnte man sagen: Unglücklich sind sie, armselig sind sie, verflucht sind die Kriegsstifter, denn sie werden Söhne des Teufels heißen! Ja, Söhne des Teufels! Denn der heilige Mund des Lieblingsschülers des Herrn sprach durch den Heiligen Geist diese Wahrheit aus: “Wer die Sünde begeht, stammt vom Teufel, denn der Teufel sündigt von Anfang an... Die Kinder Gottes und des Teufels sind daran zu erkennen” (1 Joh 3,8 und10). Und Kinder des Teufels sind “Söhne des Teufels” (Mt 13,38; vgl. Apg 13,10).