Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1994, 1

 

Wo Sünde ist, da gibt es keinen Frieden, denn die Sünde ist ihrer Natur nach Krieg mit Gott oder Krieg mit den Menschen und der übrigen Schöpfung Gottes. Nur der Sündlose, d. h. der Allheilige ist der einzige Besitzer, der einzige Träger, der einzige Spender wahren Friedens, und Er gibt ihn den Menschen entsprechend ihrer Heiligkeit. Und zwar gibt Er ihn durch den Heiligen Geist, in dessen Reich es keinen sündigen Unfrieden und aufrührerische Gesetzlosigkeit gibt. Daher steht geschrieben: “Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist” (Röm. 14, 17). Das ist jener “Frieden von oben”, um den wir mehrmals täglich in der Friedensektenie und der inständigen Ektenie bitten. Er lebr im Himmelreich zwien der göttlichen Gerechtigkeit und der göttlichen Freude, weshalb in ihm soviel göttliche Seligkeit ist. Das Reich Gottes bedeutet Frieden in Gerechtigkeit und Freude; das Reich des Teufels aber bedeutet Unfrieden in Ungerechtigkeit und Trauer. Der Friede Chrisi ist der Friede des Heiligen Geistes, immer gleichen Wesens mit der Gnade denn Friede und Gnade sind untrennbar in Gefühl und Bewußtsein der Kirche (vgl. 1 Kor. 1, 3; 2 Kor. 1, 2; Gal. 1, 3; Eph. 1, 2; Phil. 1, 2; Kol. 1, 2; 1 Thess. 1, 1; 2 Thess. 1, 2; 1 Tim. 1, 2; 2 Tim. 1, 2; Tit. 1, 4; Philemon 3; 1 Petr. 1, 2; 2 Jo. 3; Offb. 1, 4). Dies ist der Grund dafür, daß der Frieden ein Geschenk der Hl. Geistes ist: Er entspringt und wächst und entwickelt sich und wird vollkommen nur in engster Gemeinschaft und im Zusammenleben mit allen übrigen Tugenden des Evangeliums, mit allen übrigen Gaben des Hl. Geistes (vgl. Gal. 5, 22; 2 Tim. 2, 22; Jud. 2; 2 Jo. 3).

Zweifellos ist es eine außergewöhnliche Seligkeit für den Menschen ein Sohn Gottes zu sein. Doch wie wird man Sohn Gottes ? – Indem man von Gott geboren wird. Nur Christus ist Gottes Sohn der Natur nach, doch die Menschen können Gottes Söhne der Gnade nach werden. Und sie werden dies, indem sie von Gott durch die heiligen Tugenden geboren werden (Jo. 1, 12-13). Wenn die Menschen die heiligen Tugenden des Evangeliums erfüllen, werden sie Gottes Söhne der Gnade nach (Mt. 5, 45-48). Auf diesem Weg führt sie der gute Tröster (Röm. 8, 14), Der ihre Herzen durch Sich erfüllt: mit heiligen Gedanken, heiligen Gefühlen, heiligen Stimmungen (vgl. Gal. 4, 6-7). Für all das erwidern sie Gott durch grenzenlosen, uneingeschränkten, unwankelhaften Glauben (vgl. Gal. 3, 26), indem sie mit Hilfe der heiligen Tugenden des Evangeliums in der Reinheit des Evangeliums leben (vgl. 2 Kor. 6, 17).
Die reinen Herzens sind schauen Gott. Das ist eine große Seligkeit. Die Seligkeit der Friedenstiftens ist größer und inniger, denn hier wird der Mensch von Gott geboren, wird zum Gottessohn: seine Gedanken werden von Gott geboren, seine Gefühle, seine Wünsche und Werke. Und alles, was in ihm ist, ist unsterblich, ist ewig, ist selig, denn es ist vom lebendigen und wahren Gott. Indem die Menschen von Gott geboren werden, und Gottessöhne werden, werden sie in der Tat zu Brüdern des einzig geborenen Sohnes Gottes, unseres Herrn Jesus Christus, welcher diese Frohbotschaft aussprach: “Wer den Willen Meines Vaters vollbringt, Der im Himmel ist, Der ist Mein Bruder, und Meine Schwester, und Meine Mutter” (Mt. 12, 49). Der Wille des himmlischen Vaters ist in Christus und Seinem Evangelium (vgl. Eph. 1, 7-10). Wer das Evangelium Christi erfüllt, wird geistlich von Ihm geboren, wird Sein Bruder der Gnade nach. Friedensstifter sind sowohl Söhne Gottes als auch Brüder Christi, weshalb ihrer Seligkeit kein Ende ist.
In der dinglichen Welt ist der Friede zweifellos die erste kosmische Realität: alles und alles sind in unendlicher Harmonie und Einigkeit. Durch den Eintritt der Sünde in die Welt wurde diese Harmonie und diese Alleinigkeit gestört. Von dem Moment an wurde alles gleichsam von seiner Grundlage versetzt, und rückte ins Chaos, in die Unordnung, in den Unfrieden. Offensichtlich ist die Sünde die Quelle des Unfriedens und der Unordnung, die Quelle des Friedens und der Ordnung dagegen die Logoshaftigkeit, die Heiligkeit. Die logoshafte Einigkeit der Wesen und Geschöpfe ist eben der Unterpfand der Friedens, der Ordnung, der Harmonie; die sündige Zerbrochenheit der Wesen und Geschöpfe ist die Ursache des Unfriedens, der Unordnung, der Disharmonie. – Im Reich des Lebens und Daseins ist Gott der wichtigste und erste Friedensstifter; der Teufel ist der wichtigste und erste Kriegsstifter, denn er ist der wichtigste Sündenstifter. Die Sünde führt in erster Linie von Gott weg, Der die Achse jeglichen Wesens und jeglichen Geschöpfes ist; und dann beginnt der Absurz ins Chaos, in die Unordnund, in den Unfrieden. “Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, daß in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten?” (Jak. 4, 1). Jede, selbst die allerkleinste Sünde, ist Hefeteig für den Unfrieden und die Unordnung, zunächst Unfrieden und Unirdnung gegenüber Gott und vor Gott, und sodann gegenüber den Menschen und vor den Menschen. Die Sünde ist der erste und einzige Störer der kosmischen und menschlichen Alleinheit. Daher ist die gesamte Schöpfung zersplittert, uneins, und so auch die menschliche Natur: hier kämpfen durch die Sünde alles gegen alles, jeder gegen alle und alle gegen jeden. Der fleischgewordenene Gott Logos ist das einzige Heilimittel gegen diesen allgemeinen Krieg in der Sünde, und daher heilt Er auch als Einziger diese verhängnissvolle Zersplitterung und Uneinigkeit der Schöpfung und der menschlichen Natur. Der Einziggeborene Sohn Gottes heilt die von Sünde erkrankte Natur durch die Gottessöhne der Gnade nach (vgl. Rö. 8, 18-22), und trägt in sie jenen vorsündigen und präsündigen göttlichen Frieden, der Seligkeit in der Alleinheit und Alleinheit in der Seligkeit bedeutet. Als Haupt des dinglichen Kosmos, und des geheiligten Kosmos, der Kirche, ergießt der fleischgewordene Gott Logos Seinen göttlichen Frieden über das ganze Wesen der Kirche, indem er die Glieder der Kirche heiligt, und durch sie auch die ganze Schöpfung (vgl. Kol. 1, 16-22). Das ist der “Friede Gottes” – “in einem Leibe” (vgl. Kol. 3, 15), in einem Organismus: dem gottmenschlichen. Dies ist jener allvereinende Friede, für den die Orthodoxe Kirche Tag und Nacht seufzend zu dem wunderbaren und allerbarmenden Weltenschöpfer betet: “um den Frieden der ganzen Welt”, “Frieden der Welt zu geben”, “dem Weltall den Frieden zu geben”, “Frieden und großes Erbarmen zu schenken”...
Selig sind die Friedenstifter. Hier verurteilt der Heiland, sagt der Hl. Chrysostomos, nicht nur Bruderzwist und Haß, sondern fordert auch darüber hinaus: daß wir die zerstrittenen versöhnen. Und wieder führt Er eine geisltiche Belohnung an. Was für eine? Denn sie werden Söhne Gottes heißen, denn es war auch das Werk des einzig geborenen Sohnes, das Getrennte zu vereinen und das Zerstrittene zu versöhnen1. Unter Friedensstifter, sagt der selige Theophilakt, sind nicht nur jene zu verstehen, die selbst mit allen in Frieden leben, sondern auch jene, die die Zertrittenen versöhnen. Friedensstifter sind auch jene, die durch ihre Belehrung die Feinde Gottes zur Wahrheit bekehren. Solche sind Gottessöhne, denn uns versöhnte auch der Einziggeborene Sohn Gottes mit Gott2