Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1994, 2

 

In der dinglichen Welt ist der Friede zweifellos die erste kosmische Realität: alle und alles befindet sich in einer unendlichen Harmonie und alles übergreifenden Einheit. Durch den Eintritt der Sünde in die Welt ist diese Harmonie und diese Alleinheit verletzt. Von diesem Moment an hat sich gleichsam alles von seinen Fundamenten losgerissen, ist in Chaos geworfen, in Unordnung, in Unfrieden. Offensichtlich ist die Sünde die Quelle des Unfriedens und der Unordnung, die Quelle des Friedens und der Ordnung dagegen - die Logoshaftigkeit, die Heiligkeit. Die logoshafte Alleinheit der Geschöpfe und Wesen ist der Unterpfand von Frieden, Ordnung, Harmonie; die sündhafte Zersplitterung der Wesen und Geschöpfe ist der Grund des Unfriedens, der Unordnung, der Disharmonie. - Im Reich des Lebens und der Existenz ist Gott der wichtigste und erste Friedensstifter; der Teufel - der wichtigste und erste Kriegsstifter, denn er ist der wichtigste Hervorbringer der Sünde. Die Sünde trennt zunächst von Gott, welcher die Achse jeglichen Wesens und jeglichen Geschöpfes ist; und danach setzt der Absturz ins Chaos, in die Unordnung, den Unfrieden ein. “Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, daß in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten?” (Jak. 4,1). Jede, auch die allergeringste Sünde ist Hefeteig für Unfriede und Unordnung, in erster Linie Unfriede und Unordnung gegenüber Gott und vor Gott, und darauf gegenüber den Menschen und vor den Menschen. Die Sünde ist der erste und einzige Störenfried der kosmischen und menschlichen Alleinheit. Daher ist die gesamte Schöpfung zersplittert, uneins, und so auch die Natur des Menschengeschlechtes: hier kämpft durch die Sünde alles gegen alles, alle gegen alle, jeder gegen jeden. Der fleischgewordene Gott-Logos ist das einzige Heilmittel gegen diesen allgemeinen Krieg der Sünde, und daher heilt Er auch Allein diese verhängnisvolle Zersplitterung und Uneinigkeit der Schöpfung und der menschlichen Natur. Der Einziggeborene Sohn Gottes heilt die von der Sünde erkrankte Natur durch Söhne Gottes der Gnade nach (vgl. Röm. 8,18-22), und trägt in sie jenen vor-sündigen Frieden, welcher Seligkeit in der All-Einheit und Alleinheit in der Seligkeit bedeutet. Als Haupt des dinglichen Kosmos und des geheiligten Kosmos, der Kirche, ergießt der fleischgewordene Gott Logos seinen göttlichen Frieden über das ganze Wesen der Kirche, heiligt die Glieder der Kirche, und über sie auch die gesamte Schöpfung (vgl. Kol. 1,16-22). Das ist der “Friede Gottes” - “in einem Leib” (vgl. Kol. 3,15), in einem Organismus: dem gottmenschlichen. Das ist jener alleinigende Friede, für den die Orthodoxe Kirche Tag und Nacht flehend den wunderbaren und allbarmherzigen Weltenschöpfer bittet: “für den Frieden der ganzen Welt”, “der Welt Frieden zu schenken”, “Frieden dem Weltall zu schenken”, “Frieden und große Gnade zu schenken” und ...
Selig sind die Friedensstifter. Hier verurteilt, sagt der Heilige Chrysostomos, der Heiland nicht nur Zwistigkeiten und Haß, sondern fordert auch etwas darüber Hinausgehendes: daß wir zwischen Zerstrittenen Frieden stiften. Und wiederum führt Er einen geistlichen Lohn an. Welchen? Denn sie werden Söhne Gottes heißen, denn auch das Werk des Eingeborenen Sohnes bestand darin, das Getrennte zu einen, und das Zerstrittene auszusöhnen1. Unter Friedensstiftern, sagt der Selige Theopylakt, sind nicht nur jene zu verstehen, die selbst mit allen in Frieden leben, sondern auch diejenigen, die Zerstittene miteinander aussöhnen. Friedensstifter sind auch jene, die durch ihre Belehrungen Feinde Gottes zur Wahrheit führen. Das sind Gottessöhne, denn auch der Einziggeborene Sohn Gottes söhnte uns mit Gott aus2.
Im Zusammenhang mit dieser Seligpreisung sagt der sel. Augustin: Gottessöhne sind Friedenstifter in sich, da sie alle Leidenschaften ihrer Seele in Ordnung gebracht haben und sie dem Verstand, d.h. dem Verständnis und Geist, untergeordnet haben und dadurch vollkommen die körperlichen Wünsche unterjocht haben: Sie sind zu dem Reich Gottes geworden, in welchem alle Dinge so geordnet sind, daß das wichtigste und oberste Element im Menschen ohne Widerstand über die anderen herrscht, die uns mit den Tieren gemeinsam sind; und daß dieses höchste Element im Menschen selbst, d.h. der Geist und Verstand etwas noch Höherem untergeordnet sind: der Wahrheit selbst, dem eingeborenen Sohne Gottes. Denn der Mensch ist nicht imstande, über das zu herrschen, was niedriger ist, solange er sich selbst nicht etwas Höherem unterordnet. Und dies ist der Frieden, der den Menschen guten Willens auf der Erde gegeben wurde (Lk 2,14); das ist das vollständige und vollkommene Leben. Aus einem solchen Reich, in welchem vollkommener Friede und Ordnung errichtet sind, wird der Fürst dieser Welt vertrieben, der dort herrscht, wo Verderbtheit und Unordnung sind3.
Der gottweise Gedanke des hl. Gregor von Nyssa eröffnet uns neue Tiefen in der göttlichen Tugend des Friedenschaffens. Die Seligpreisungen, sagt der Heilige, welche dieser vorangehen, sind so geschaffen, daß jede von ihnen geheiligt und heilig ist, aber diese ist im wahren Sinne ein Heiligtum und das Allerheiligste. Denn wenn es das höchste Gut ist, Gott zu schauen, dann ist es zweifellos ein noch höheres Gut, Sohn Gottes zu werden4. Gott, welcher derart mächtig und erhaben ist, daß Er nicht geschaut werden kann, noch gehört, oder durch unser Denken verstanden werden kann, nimmt an Sohnesstatt den Menschen an; dieses Geringste unter den Wesen, diese Asche, dieses Heu, diese Nichtigkeit. Kann man etwa Dankbarkeit finden, die dieser Barmherzigkeit angemessen wäre? Der Mensch überschreitet die Grenzen seiner Natur, wird von einem Sterblichen zum Unsterblichen, vom Vergänglichen zum Unvergänglichen, vom Eintägigen zum Ewigen, in einem Wort vom Menschen zu Gott. Denn jener, der gewürdigt wurde, Gottes Sohn zu werden, wird in sich zweifellos die Würde des Vaters haben, da er Erbe aller väterlichen Güter wurde5.
So ist die Belohnung beschaffen, und welcher Weg führt dahin? – Sei ein Friedensstifter. Es scheint, daß auch die Tat, für welche eine solche Belohnung versprochen wird, ein neues Geschenk darstellt. Welche unter den Süßigkeiten dieser Welt ist süßer für die Menschen als ein friedliches Leben? Jegliche Annehmlichkeit des Lebens braucht, damit sie angenehm ist, Frieden6.
Selig sind die Friedensstifter. In zwei Worten wird die Medizin gegen viele Krankheiten vorgeschlagen. Was ist Frieden? Frieden ist die durch Liebe erfüllte Neigung zu dem Stammesgenossen. Und was steht der Liebe entgegen? Haß, Zorn, Gereiztheit, Neid, nachtragende Erinnerung an Böses, Scheinheiligkeit, alle Unbillen des Krieges. Gegen wie viele und was für Krankheiten sorgt dieses Heilmittel vor? Denn der Friede steht allem Aufgeführten entgegen und zerstört durch seine Anwesenheit das Böse. So wie durch die Rückkehr der Gesundheit die Krankheit zerstört wird und durch das Aufleuchten des Lichtes die Dunkelheit verjagt, so verschwinden mit dem Erscheinen des Friedens alle Leidenschaften, die von dem Entgegengesetzten hervorgerufen wurden7.
Wer die aufgeführten Leidenschaften aus dem menschlichen Leben mit der Wurzel herauszieht, verbindet durch Mitgefühl und Frieden die Menschen und führt sie zu freundschaftlicher Eintracht: Vollbringt der nicht wirklich ein Werk göttlicher Macht, indem er im Menschengeschlecht all das Böse vernichtet und an seiner Stelle die Gemeinschaft des Guten einführt? Daher bezeichnet der Herr auch den Friedensstifter als Gottessohn; denn indem er dies dem menschlichen Leben schenkt, wird er ein Nachahmer des wahren Gottes. Daher sind die Friedensstifter selig, denn sie werden Gottes Söhne heißen. Wer aber genau? Die Nachahmer der Menschenliebe Gottes; diejenigen, die in ihrem Leben das zeigen, was der göttlichen Wirksamkeit eigen ist. Der mildtätige Schenker alles Guten und Herr vernichtet vollkommen und führt in Nichts über all das, was dem Guten nicht anverwandt ist und ihm fremd ist, und verlangt vom Menschen eine ebensolche Tätigkeit: den Haß zu vertreiben, den Krieg zu beenden, den Neid zu zerstören, Schlachten zu verhindern, Scheinheiligkeit auszurotten, im Herzen das Gedenken an Böses auszulöschen und anstelle von all diesem das einzuführen, was ihm entgegensteht. So wie mit dem Entschwinden der Dunkelheit das Licht eintritt, so erscheinen anstelle des Obengenannten die Früchte des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Güte, Langmut und alle übrigen Güter, welche der Apostel aufzählt (Gal 5,22-23). Wie soll daher der Spender göttlicher Güter nicht selig sein, der sich durch seine Gaben Gott ähnlich macht und welcher seine Wohltätigkeit der göttlichen Großzügigkeit angleicht? Doch vielleicht hat diese Seligpreisung nicht nur jene im Sinn, die anderen Gutes tun, sondern bezeichnet im wahren Sinne als Friedensstifter denjenigen, der den Aufruhr des Leibes und Geistes und den Bruderzwist der Natur in sich selbst zu Frieden und Eintracht führt, wenn das Gesetz des Körpers aufhört, welches dem Gesetz des Geistes entgegensteht (Röm 7,23), und wenn er sich dem besseren Reich unterordnet und dadurch zum Diener der göttlichen Gebote wird. Es ist besser, sich an den Gedanken der Heiligen Schrift zu halten, welcher da lautet: Das Leben der Erfolgreichen ist nicht in der Zwiespältigkeit, sondern darin, wenn in uns die “Trennwand” (Eph 2,14) der Laster niedergerissen wird, durch die Vereinigung mit dem Besseren “beide” zu einem zusammengefügt werden. Da wir also glauben, daß die Gottheit einfach, nicht zusammengesetzt und nicht beschreibbar ist, daher kehrt auch die menschliche Natur, wenn sie durch eine solche Befriedung der Zwiespältigkeit entfremdet wird, eben zum Guten zurück, wird einfach, unbeschreibbar und im wahren Sinne des Wortes, eine, und in ihr ist das Sichtbare mit dem Verborgenen und das Verborgene mit dem Sichtbaren ein und das gleiche. Dann wird wahrhaftig die Seligpreisung bekräftigt und solche Menschen werden im wahren Sinne Gottes Söhne genannt, denn sie sind selig geworden entsprechend der Verheißung unseres Herrn Jesus Christus8.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer wird das Himmelreich sein.
Das ist also die Tugend und in ihr die göttliche Seligkeit, für alle Qualen und Nöte, für alle Gewitter und Blitze, für alles Leiden und Unglück, für alle Ungerechtigkeit und allen Tod, durch welche der Nachfolger Christi in dieser Welt hindurchgeht. Denn was ist Gerechtigkeit? Gerechtigkeit ist die Seele aller Tugenden des Evangeliums; in ihr sind sie zu einer organischen Einheit vereint, zu einer unteilbaren und unzertrennbaren Einheit. Alle Seligkeiten der Tugenden des Evangeliums sind Seligkeiten in der Gerechtigkeit und um der Gerechtigkeit willen. Die erste Tugend des Evangeliums ist die Armut am Geiste, die Demut, die voll göttlicher Gerechtigkeit ist und daher bedeutet: Selig sind die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten– Selig sind die, die verfolgt werden um der Demut willen. Eine andere Tugend des Evangeliums ist die reumütige Haltung, die ebenso voll göttlicher Gerechtigkeit ist, und daher bedeutet: Selig die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten – Selig sind die, die ihrer reumütigen Haltung wegen verfolgt werden. Die dritte Tugend des Evangeliums ist die Sanftmut, übervoll göttlicher Gerechtigkeit und daher bedeutet: Selig die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; auch das: Selig sind, die um der Sanftmut willen verfolgt werden. Die vierte Tugend des Evangeliums ist Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, die fünfte die Barmherzigkeit, die sechste die Reinheit des Herzens, die siebente das Friedensstiften – sie alle sind voll und übervoll von göttlicher Gerechtigkeit, und daher bedeutet Selig die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden in jedem Fall auch noch dieses: Selig sind die, die um des Hungers und Durstes nach Gerechtigkeit willen verfolgt werden; selig sind die, die um der Barmherzigkeit willen verfolgt werden; selig sind, die um der Reinheit des Herzens willen verfolgt werden; selig sind, die um des Friedensstiftens willen verfolgt werden.
Denn die Tugenden des Evangeliums fließen eine in die andere über und verbinden sich zu einer Alltugend oder alles beherrschenden Tugend: der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist dadurch Gerechtigkeit, daß sie ganz von Gott ist und ganz in Gott. Daher steht sie über jeglicher Tugend für sich genommen und über allen Tugenden zusammen genommen. Und selbst die Bezeichnung “Alltugend” umfaßt sie nicht vollständig, bringt sie nicht ganz zum Ausdruck, denn sie ist unvergleichbar weiter, tiefer und endloser als diese. Überhaupt ist sie um so viel größer, erhabener, vollkommener als alles Menschliche, um wieviel erhabener und vollkommener als jeglicher Mensch der Gottmensch Christus ist. Denn der Gottmensch Christus ist wahrlich das einzige Geschöpf in unserer irdischen Welt, in welchem die Gerechtigkeit Gottes vollkommen verkörpert ist. Ja, erst in Ihm erhielt die Gerechtigkeit Gottes ihr menschliches Gesicht, ihren menschlichen Leib. Vor Ihm wußten die Menschen tatsächlich nicht, was Gerechtigkeit ist, wahre, richtige, vollkommene Gerechtigkeit. Erst durch Ihn haben wir Einblick erhalten und eine solche Gerechtigkeit in Ihm erfahren. Selbst der kritischste Gedanke des Menschen kann in Ihm kein Stückchen Ungerechtigkeit finden. Er selbst und alles, was zu Ihm gehört, stellt dar und ist vollkommene Gerechtigkeit Gottes, fleischgeworden im menschlichen Wesen. Diese Gerechtigkeit zeigt Er durch sich und zeigt Er durch Sein Evangelium. Da Er die Verkörperung und Menschwerdung der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes ist, ist Er in unserem menschlichen Leben auch das einzige sichere, unfehlbare Maß der Gerechtigkeit, jeglicher Gerechtigkeit überhaupt. Durch Seine vollkommene und beispiellose Gerechtigkeit zeigt Er aufs Offensichtlichste und beweist in überzeugendster Weise, daß der einzige Besitzer und Träger der vollkommenen Gerechtigkeit nur der vollkommene Gerechte ist: Er – der Gottmensch Christus. Daher ist auch das einzige wahre Maß der Wahrheit und Gerechtigkeit: Er, nur Er. Für jedes Auge, welches sehen will, für jeden Gedanken, der verstehen will, ist diese apostolische, diese auf der Erfahrung der Menschheit begründete Wahrheit klar: Christus ist die Wahrheit Gottes, die Gerechtigkeit von Gott; und nur in Ihm und durch Ihn werden wir Menschen zur Gerechtigkeit Gottes und dadurch zu Gerechten (vgl. 1 Kor 1,30; 2 Kor 5,21). Daher bedeutet Selig um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden im bestimmtesten und weitesten Sinn: Selig sind die, die um Christus willen verfolgt werden. Ihre Seligkeit liegt in der Erfahrung der Gerechtigkeit = Christus als Wesen und Ziel ihres Lebens. Und hierin liegt nicht nur Seligkeit, sondern sogar die Seligkeit der Seligkeiten: das Himmelreich selbst. Denn wo der König des Himmels ist, der Herr Christus, da ist auch das gesamte Himmelreich mit allen seinen Vollkommenheiten und Seligkeiten. Daher sagte der Allwahrhaftige auch: Denn ihrer ist das Himmelreich. Nur das Gefühl der Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist nichts anderes als die Erfahrung von etwas Himmlischem; und das Gefühl Christi in der Seele ist die Erfahrung des gesamten Himmelreiches mit all seinen ewigen Seligkeiten.