Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1994, 4

 

Selig, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten. Von wo und durch wen werden sie verfolgt? Die nächste Sinnbedeutung dieses Wortes weist auf das Gebiet der Märtyrer hin, es versteht sich darunter die Großtat des Glaubens. Wahrhaftig ist es eine Seligkeit, um des Herrn willen verfolgt zu werden. Warum? Weil die Verfolgung durch das Böse bewirkt, daß die Verfolgten im Guten verweilen. Die Entfernung vom Bösen dient als Anlaß für das Aneignen des Guten. Das Gute aber und das, was jenseits jedes Guten steht, ist der Herr selbst, dem der Verfolgte zueilt. Daher ist wahrhaft selig derjenige, der die Verfolgung seitens der Feinde zum eigenen Guten nützt. Die Verfolgung, die die Peiniger gegen die Gläubigen aufnehmen, bewirkt, da sie in sich viel Schmerzhaftes für die Gefühle trägt, daß körperliche Menschen die Hoffnung abwerfen, die ihnen das Erreichen des Himmelreiches durch Leiden verspricht. Der Herr aber, der die Schwäche der menschlichen Natur sieht, erklärt im voraus in erster Linie den Schwachen, welches Ende die asketischen Werke haben, damit sie durch die Hoffnung auf das Reich ohne Qualen das zeitliche Gefühl des Schmerzes überwinden. Daher freut sich der große Stephan, während er von allen Seiten mit Steinen beworfen wird, empfängt die Wolken von Steinen, die auf seinen Körper fliegen wie angenehmen Tau und belohnt die Mörder mit Segnungen, indem er dafür betet, daß ihnen dies nicht zur Sünde angerechnet werde. Denn er hat die Versprechung gehört und das Versprochene geschaut. Nachdem er gehört hatte, daß die um des Herren willen Verfolgten im Himmelreich sein werden, schaute er dies, als er selbst verfolgt wurde. Als er zum Martyrium eilte, öffnete sich ihm der Himmel und er schaute das, was versprochen war: Den Ruhm Gottes und Jenes, von dem er mit seinen Werken Zeugnis ablegte. Wer ist also seliger als der um des Herren willen Verfolgte, wenn ihm der Herr selbst miteifert1?
Welche Belohnung, welchen Siegeskranz erhalten die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten? Was man auch immer darunter sich ausdenken mag, all das ist nichts anderes, als der Herr selbst. Denn Er ist selbst sowohl der Anführer der Asketen, als auch der Kranz der Sieger. Er verteilt die Belohnungen; Er ist auch selbst die Belohnung. Er ist der gute Anteil; Er gibt auch den guten Anteil. Er bereichert; Er ist auch der Reichtum. Er zeigt dir die Schatzkammer; und Er selbst wird für dich zur Schatzkammer. Er ruft in dir den Wunsch nach wunderbaren Edelsteinen hervor; Er bietet sich dir Selbst an, der du alles um seinetwillen verläßt. Die um des Herrn willen Verfolgten müssen sich freuen, denn sie werden von der Erde vertrieben und dem himmlischen Gut zugetrieben, nach der Verheißung des Herrn: Selig, die vertrieben sind, um Seinetwillen, denn ihrer ist das Himmelreich, nach der Gnade unseres Herrn Jesus Christus 2.

Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und euch fälschlich alles Böse nachsagt um meinetwillen: freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel! So haben sie auch schon die Propheten verfolgt, die vor euch waren.
Das ist das Geheimnis aller Seligpreisungen und Tugenden: Er selbst, der Gottmensch Christus; durch Ihn ist jede Seligkeit wirkliche Seligkeit, jede Tugend Tugend. Und mehr noch: Durch Ihn wird jede Tugend zur gleichen Zeit auch eine Seligkeit. Warum? Weil Er die Verkörperung aller göttlichen Tugenden und aller göttlichen Seligkeiten ist, “denn in ihm wohnt alle Fülle der Gottheit in persönlicher Einwohnung” – pan to plhrwma thV QeothtoV swmatikvV –(Kol. 2,9; vgl. Eph. 1,23). In Ihm haben sich auch alle Seligkeiten zu einer Seligkeit vereinigt: zu der Allseligkeit; und alle Tugenden haben sich zu einer Tugend der Alltugend vereint. Ohne Zweifel ist der Gottmensch die Alltugend und daher auch die alles übersteigende Seligkeit. Aus dem gleichen Grund ist Er auch die alles übersteigende Wahrheit und die Allgerechtigkeit, die alles übersteigende Liebe und Allweisheit, die Allherrlichkeit und alles übersteigende Güte, die Allbarmherzigkeit und das Allwissen, in einem Wort: In Ihm sind alle göttlichen und alle menschlichen Vollkommenheiten, denn Er ist vollkommener Gott und vollkommener Mensch, und daher vollkommener Gottmensch. Wer auch nach Ihm fragt: Was ist Wahrheit, was ist Gerechtigkeit, was ist Liebe, was ist Leben, was ist Unsterblichkeit, was ist Gott, was ist die Welt? – hat nicht wirklich gefühlt und wirklich das Problem der Wahrheit gestellt oder das Problem der Gerechtigkeit oder das Problem der Liebe, weder das Problem des Lebens, noch das Problem der Unsterblichkeit, noch das Problem Gottes oder das Problem des Menschen oder das Problem der Welt. Hätte er nämlich wirklich irgendeines dieser Probleme ergründet, sei es mit ganzer Seele oder ganzem Herzen, sei es mit seinem ganzen Wesen seine Lösung gesucht, so hätte er auf Ihn stoßen müssen, den wunderbaren Gottmenschen, und in Ihm hätte er die gewünschte Antwort finden müssen. Auf alle schicksalhaften Fragen des menschlichen Geistes gibt nur der Gottmensch menschlich reale und göttlich vollkommene Antworten, die für alle Welten, in denen menschliche Wesen leben, gültig sind. Denn Er kam eben deshalb unter die Menschen, eben deshalb erklärte Er diese Frohbotschaft: “Bittet, so wird euch gegeben werden, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan werden. Denn jeder, der bittet, empfängt, wer sucht, der findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan werden” (Mt. 7,7-8).
Und die neunte Seligpreisung sagt uns klar und zeigt uns offensichtlich, daß der Gottmensch sowohl Schöpfer als auch Ziel und Sinn aller Seligpreisungen in allen Welten ist. Er ist jene Gerechtigkeit, um deretwillen die Gerechtigkeitsliebenden verfolgt werden; Er ist die Demut in den Demütigen, die Sanftmut in den Sanftmütigen, die Barmherzigkeit in den Barmherzigen, die Reinheit in denen, die reinen Herzens sind, der Frieden in den Friedensstiftern, die Güte in den Gütigen – in einem Wort: Er ist die Seele jeglicher Tugend und damit auch jeglicher Seligkeit. Und alles Böse, was über irgendeine Tugend gesagt wird, bezieht sich auf Ihn, geschieht um Seinetwillen. Werden die Träger seiner Tugenden verflucht und beleidigt und verspottet, so wird Er verflucht, beleidigt und verspottet (vgl. Röm. 15,3). Werden sie verfolgt, so wird Er Selbst verfolgt. “Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?” Denn indem du meine Nachfolger verfolgst, verfolgst du mich. Erschüttert und verängstigt fragt der Christenverfolger mit zittender Stimme: “Wer bist du, Herr?” Und erhält die Antwort: “Ich bin Jesus, den du verfolgst” (Apg. 9,4-5; 22,7-8; 26,14-15).
Aus übergroßer Liebe verkörpert sich der Herr Jesus in Seine Nachfolger, lebt in ihnen und alles, was sie ertragen um Seinetwillen, nimmt Er auf sich: Jeden Schlag, der auf sie fällt, fällt zunächst auf Ihn; jede Beleidigung, die ihnen zugedacht ist, fällt als erstes auf Ihn; so auch jede Ungerechtigkeit und jeder Fluch, und jedes böse Wort. An all ihren Gefühlen, Gedanken, Erlebnissen nimmt Er auf geheimnisvolle, göttliche Weise teil. Oft macht Er all das Ihre zum Seinen, damit sie überall in sich, in ihrem ganzen Wesen Ihn fühlen. Und neben Paulus kann jeder von ihnen für sich sagen: “Nicht mehr ich lebe, sondern in mir lebt Christus”. (Gal. 2,20). Indem Er in seinen Nachfolgern lebt, verwandelt der wunderbare Herr all ihre Leiden, alle Erschwernisse, alle Qualen, alle Tode um Seinetwillen unmerklich in Seligkeit, der kein Ende sein wird, weder in dieser noch in jener Welt. Daher sind sie auch fröhlich, daher selig, wenn sie verspottet werden, wenn sie verschmäht werden, wenn sie verflucht werden, verhöhnt werden, geschlagen und erschlagen werden um des Herrn Jesus willen. Höher als alles, was geschätzt wird, schätzen sie “die Schande Christi”, und gehen durch diese Welt mit Freude, “indem sie Seine Schande tragen” (Hebr. 11,26; 13,13), und stets “den Blick auf Jesus gerichtet, den Urheber und Vollender des Glaubens, der das Kreuz statt der ihm zu Gebote stehenden Freude auf sich nahm, ohne die Schmach zu achten und nun zur Rechten des Thrones Gottes sitzt” (Hebr. 12,2). Was mit dem Herrn Jesus geschah, geschieht auch mit Seinen Nachfolgern. In jedem von ihnen wiederholt sich sein Leben in größerem oder geringerem Maße. Dies ist eine Regel des Evangeliums, die für die Christen aller Zeiten verbindlich ist: “Werden doch alle, die in Christus Jesus nach dem Willen Gottes leben wollen, Verfolgungen zu bestehen haben” (2.Tim. 3,12). Daher empfiehlt der Christusträger mit Begeisterung den Christen: “Segnet die, die euch verfolgen; segnet und verflucht nicht!” (Röm. 12,14). Und der allbarmherzige Heiland selbst rät: “Betet zu Gott für die, die euch verfolgen” (Mt. 5,44).
Wenn die Menschen die Nachfolger Christi verfluchen, schmähen, verleumden, verfolgen, schlagen und erschlagen, so tun sie dies alles “in Lüge”, indem sie Christus und Sein Evangelium lügnerisch auffassen, falsch darstellen, falsch auslegen. In all dem bewahrheitet sich immer jenes Wort des Heilands: “Sie haben mich grundlos gehaßt” (Jh. 15,25). Wenn sie fluchen, so fluchen sie “für nichts”; und wenn sie verfolgen, verfolgen sie “für nichts”; und wenn sie schlagen und erschlagen, schlagen und erschlagen sie “für nichts”. Wenn sie dies tun, beweisen die Menschen, inwieweit sie sich mit dem Bösen und der Logik des Bösen identifiziert haben, daß sie bewußt, logisch, rational “grundlos” all das hassen, was Christi ist, göttlich, unsterblich, ewig. Natürlich besteht gerade darin die Sinnlosigkeit, fehlende Logik und der Wahnsinn des Bösen und seiner Verfechter: “Grundlos” Gott zu hassen und alles, was Gottes ist.
Die ganze Kraft der neunten Seligpreisung und damit auch jener, die ihr vorangingen, liegt in den Worten “um meinetwillen” beschlossen. Denn Er, nur als Besieger des Todes, konnte, kann und wird mit unvergänglicher Seligkeit all jene erfüllen, die “um Seinetwillen” verflucht, verschmäht, verleumdet, verfolgt, geschlagen und erschlagen werden. Jegliche Tugend des Evangeliums, wenn sie zum Ende verfolgt wird, führt geradewegs zu Ihm, dem Gott und Herrn Jesus, offenbart Ihn als ihren Schöpfer, Vollbringer und Belohner. So quillt auch jede Seligkeit aus Ihm hervor und mündet in Ihm ein. Dies ist kein Wunder, denn das Christentum führt in all seiner Vielfältigkeit und Vielgestaltigkeit der Erfahrungen, Gedanken, Gefühle, Werke zu Christus, ja das Christentum ist Christus verlängert in alle Ewigkeit (vgl. Mt. 28,20). Und wenn der Mensch Christus nachfolgt, in Ihm lebt, für Ihn leidet, so geht er mit seinem ganzen Wesen in das Himmelreich ein, in seine Freuden und Annehmlichkeiten, in seine Vollkommenheiten und Seligkeiten, und wird durch Christus zum unsterblichen Nachfolger alles Göttlichen, Unsterblichen und Ewigen (vgl. Gal. 4,7, Röm. 8,17). Daher sprach der Allwahrhaftige auch: Freuet euch und frohlocket, denn groß ist euer Lohn im Himmel. Klein ist die Erde und was auf ihr ist, um würdig die Christus zustrebenden Leidendulder zu belohnen. Nur der Ewige und die Ewigkeit, nur der Unsterbliche und die Unsterblichkeit können das würdig belohnen, was der Mensch durch den Ewigen und um des Ewigen willen, durch den Unsterblichen und um des Unsterblichen willen, durch Gott und um Gottes willen vollbringt. Indem der Mensch das tut, was Christi ist, wächst er aus unserer Welt heraus, übersteigt sie und ergießt sich mit seiner Seele in den Himmel und die himmlischen Welten, auf der Erde lebt er durch den Himmel und nach den Gesetzen des HImmels: Die Grenzen zwischen Erde und Himmel verschwinden, unter dem heißen Hauch seines Glaubens, seines Gebetes und seiner Liebe schmelzen sie wie Schnee; all seine Gedanken, all seine Gefühle, all seine Neigungen bewegen sich frei im Himmel und auf der Erde (vgl. Kol. 3,1-13; Phil. 2,5; 4,7; 3,20). Alles was auf der Erde ist, betrachtet er vom Himmel, bewertet er durch den Himmel und mißt durch den Himmel. Wie ein himmlischer Mensch auf der Erde, fühlt er mit seinem ganzen Wesen, daß sein Leben und seine Belohnung im Himmel ist. Indem er vom Himmel auf all seine Leiden um Christi willen schaut, eilt er ihnen freudig und froh entgegen.